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JULIE KAGAWA

Plötzlich Prinz

DAS ERBE DER FEEN

Aus dem Amerikanischen von

Charlotte Lungstraß

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Die Originalausgabe erscheint unter dem Titel The Iron Fey – The Lost Prince bei Harlequin Teen, Ontario

Copyright © 2012 by Julie Kagawa

Copyright © 2014 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Redaktion: Petra Müller

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München

Herstellung: Claudia Mayer

Satz: Christine Roithner Verlagsservice, Breitenaich

ISBN: 978-3-641-62863-5

www.heyne-fliegt.de


V002

 

Für Guro Ron,

in Erinnerung an all die »Tapferkeitsmale«,

die ich mir in seinem Kurs

eingefangen habe.

 

 

Teil Eins

 

 

1 – Der Neue

Mein Name ist Ethan Chase.

Und ich glaube nicht, dass ich meinen achtzehnten Geburtstag erleben werde.

Das soll kein melodramatischer Spruch sein, es ist einfach eine Tatsache. Ich wünschte nur, ich hätte nicht so viele Leute in dieses Chaos mit reingezogen. Sie sollten nicht meinetwegen leiden müssen. Besonders nicht … sie. Gott, könnte ich in meinem Leben irgendetwas rückgängig machen, dann hätte ich ihr niemals meine Welt gezeigt, die verborgene Welt, die uns umgibt. Ich wusste, dass ich sie da hätte raushalten müssen. Sobald man sie sieht, lassen sie einen nicht mehr in Ruhe. Sie lassen einen niemals wieder gehen. Hätte ich damals Stärke bewiesen, wäre sie jetzt nicht hier und würde gemeinsam mit mir auf den Tod warten.

Das alles fing an, als ich auf eine neue Schule kam – wieder einmal.

Der Wecker klingelte um sechs Uhr früh, aber ich war bereits seit einer Stunde wach und bereitete mich auf den nächsten Tag in meinem verdrehten, völlig verkorksten Leben vor. Ich wünschte, ich wäre einer dieser Typen, die aufstehen, sich ein Shirt anziehen und damit fertig sind, aber traurigerweise verläuft in meinem Leben nichts derart normal. Heute zum Beispiel hatte ich getrocknetes Johanniskraut in die Seitentasche meines Rucksacks gestopft und neben Stiften und Block auch eine Dose Salz eingepackt. Außerdem hatte ich jeweils drei Nägel in die Sohlen der neuen Stiefel geschlagen, die Mom mir für dieses Schuljahr gekauft hatte. An der Halskette unter meinem T-Shirt hing ein Kreuz aus reinem Eisen, und in diesem Sommer hatte ich mir die Ohren durchstechen lassen, in denen nun Metall­stecker funkelten. Ursprünglich hatte ich auch einen Ring in der Lippe und einen Stab in der Augenbraue gehabt, aber als ich damit heimgekommen war, hatte Dad einen Tobsuchtsanfall bekommen. Am Ende durfte ich nur die Ohrstecker behalten.

Seufzend musterte ich mich im Spiegel, um sicherzu­gehen, dass ich möglichst unnahbar aussah. Manchmal erwischte ich Mom dabei, wie sie mich traurig ansah, als würde sie sich fragen, wo ihr lieber kleiner Junge hinverschwunden war. Früher hatte ich braune Locken gehabt, genau wie Dad, aber irgendwann hatte ich mir eine Schere geschnappt und strähnige, fransige Stacheln daraus gemacht. Früher hatte ich auch strahlend blaue Augen gehabt, wie meine Mom und – nach allem, was man so hört – meine Schwester. Doch im Laufe der Jahre waren sie immer dunkler geworden, heute war es eher ein rauchiges Blaugrau. Dad scherzt immer, das müsse davon kommen, dass ich ständig so finster dreinschaue. Früher habe ich auch nicht mit einem Messer unter der Matratze, Salz auf dem Fensterbrett und einem Hufeisen über der Tür geschlafen. War nicht »grüblerisch«, »feindselig« und »unmöglich«. Früher habe ich oft gelächelt und laut gelacht. Was heute nur noch äußerst selten vorkommt.

Ich weiß, dass Mom sich Sorgen macht. Dad behauptet, das sei normales Teenagergehabe, dass ich eine »Phase« durchmache und sich das irgendwann auswachsen werde. Sorry, Dad, aber mein Leben ist alles andere als normal. Und ich weiß nicht, wie ich anders damit klarkommen soll.

»Ethan?« Moms leise, zögerliche Stimme drang durch die Zimmertür. »Es ist schon nach sechs. Bist du wach?«

»Bin schon auf.« Ich griff nach dem Rucksack und schlang ihn mir über die Schulter. Mein weißes T-Shirt war auf links gedreht, sodass am Kragen das Etikett zu sehen war. Noch so eine kleine Marotte, an die meine Eltern sich inzwischen gewöhnt hatten. »Ich komme gleich.«

Nachdem ich meinen Schlüssel eingesteckt hatte, verließ ich das Zimmer. Eine vertraute Mischung aus Resignation und Anspannung breitete sich in mir aus. Also gut, bringen wir den Tag hinter uns.

Ich habe eine bizarre Familie.

Von außen betrachtet würde man niemals darauf kommen. Wir scheinen vollkommen normal zu sein: eine nette amerikanische Familie in einer netten Vorstadtsiedlung, wo die netten Straßen sauber und die Nachbarn alle – welche Überraschung – nett sind. Vor zehn Jahren haben wir noch im Sumpf gelebt und Schweine gezüchtet. Vor zehn Jahren waren wir noch arme Hinterwäldler, aber dafür glücklich. Das war vor dem Umzug in die Stadt, vor unserer Rückkehr in die Zivilisation. Mein Dad hat es anfangs gehasst, immerhin war er sein Leben lang Farmer gewesen. Für ihn war es schwierig, sich anzupassen, aber irgendwann hatte er es geschafft. Mom überzeugte ihn davon, dass wir unter Menschen sein müssten, genauer gesagt, dass ich unter Menschen sein müsste und diese dauerhafte Isolation nicht gut für mich sei. So hat sie es Dad verkauft, aber natürlich kannte ich ihre wahren Beweggründe. Sie hatte Angst. Angst vor ihnen, Angst davor, dass sie mich wieder stehlen, dass ich noch einmal von Feen entführt und ins Nimmernie verschleppt werden könnte.

Wie gesagt, meine Familie ist bizarr. Und das ist noch nicht einmal das Schlimmste.

Irgendwo dort draußen habe ich noch eine Schwester. Eine Halbschwester, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe, was allerdings nicht daran liegt, dass sie zu viel zu tun hätte, verheiratet wäre oder auf einem anderen Kontinent leben würde.

Nein, es liegt daran, dass sie eine Königin ist. Eine Feenkönigin, eine von ihnen, die nie wieder nach Hause zurückkehren kann.

Wenn das nicht schräg ist, was dann?

Natürlich kann ich das niemandem sagen. Normalen Menschen bleibt die Welt der Feen verborgen, die Magie macht es ihnen unmöglich, sie wahrzunehmen. Die meisten Menschen würden einen Kobold nicht einmal dann bemerken, wenn er ihnen die Nase abbeißt. Es gibt ein paar Sterbliche, die mit dem Blick gestraft sind, was bedeutet, dass sie all die Feen sehen können, die in dunklen Ecken und unter ihren Betten lauern. Diese Menschen wissen, dass jenes seltsame Gefühl, beobachtet zu werden, nicht ihrer Einbildung entspringt und die Geräusche aus Keller und Dachboden nicht daher kommen, dass das Haus sich setzt.

Bin ich nicht ein Glückspilz? Ich bin einer von ihnen.

Natürlich machen meine Eltern sich meinetwegen Sorgen, Mom ganz besonders. Die Leute halten mich ja jetzt schon für merkwürdig, gefährlich, vielleicht sogar verrückt. Wenn man überall Feen sieht, bleibt das nicht aus. Denn wenn die Feen wissen, dass man sie sehen kann, machen sie einem das Leben zur Hölle. Letztes Jahr war ich von der Schule geflogen, weil ich angeblich die Bibliothek in Brand gesteckt hatte. Was sollte ich sagen? Dass ich unschuldig war, weil ich lediglich versucht hatte, einem Haufen Dunkerwichtel zu entkommen, die mich bis dorthin verfolgt hatten? Und das war nicht das erste Mal gewesen, dass ich wegen der Feen in Schwierigkeiten geraten war. Ich war ein »Problemkind«, über das die Lehrer nur mit gesenkter Stimme sprachen, einer dieser stillen, gefährlichen Typen, von denen jeder erwartet, dass sie irgendwann wegen eines schrecklichen Verbrechens in den Abendnachrichten auftauchen. Manchmal machte mich das wütend. Mir war egal, was sie von mir dachten, aber für Mom war es schwierig. Also versuchte ich, mich anständig zu benehmen, so sinnlos das auch sein mochte.

Dieses Jahr kam ich auf eine neue Schule, in ein neues Umfeld, wo ich Gelegenheit zu einem »Neuanfang« hatte. Aber das würde nichts ändern. Solange ich die Feen sah, würden sie keine Ruhe geben. Ich konnte nichts anderes tun, als mich und meine Familie zu schützen und zu hoffen, dass ich niemanden mehr verletzte.

Als ich runterkam, erwartete mich Mom bereits am Küchentisch. Dad war nirgendwo zu sehen. Er machte die Nachtschicht bei UPS und schlief oft bis in den Nachmittag hinein. Normalerweise begegnete ich ihm nur beim Abendessen und an den Wochenenden. Was allerdings nicht hieß, dass er in seliger Unwissenheit lebte, was mich anging – sicherlich kannte Mom mich besser, aber Dad hatte keinerlei Probleme damit, Strafen zu verhängen, wenn er glaubte, ich sei nachlässig oder wenn Mom sich beschwerte. Vor zwei Jahren hatte ich einmal eine Vier in Bio bekommen, was dann auch meine letzte schlechte Note gewesen war.

»Der große Tag«, begrüßte mich Mom, als ich den Rucksack auf den Tresen warf und den Orangensaft aus dem Kühlschrank nahm. »Und du weißt ganz sicher, wie du zu der neuen Schule kommst?«

Ich nickte. »Ich hab’s in das Navi im Handy eingespeichert. Es ist nicht weit, wird schon klappen.«

Sie zögerte. Nein, sie fand es nicht gut, dass ich allein hinfahren wollte. Dabei hatte ich mir den Arsch aufgerissen, um mir ein eigenes Auto leisten zu können. Der verrostete, grau-grüne Pick-up, der neben Dads Laster in der Einfahrt stand, repräsentierte einen ganzen Sommer harter Arbeit: Burger wenden, Geschirr spülen, Böden voller verschütteter Getränke, Essensresten und Kotze schrubben. Wochenenden mit Überstunden, an denen ich anderen in meinem Alter dabei zusehen durfte, wie sie abhingen, mit ihren Freundinnen knutschten und mit Geld um sich warfen, als wüchse es auf Bäumen. Ich hatte mir diesen Wagen verdient, da würde ich bestimmt nicht mit dem verdammten Bus zur Schule fahren.

Aber da Mom mich mit diesem traurigen, fast ängstlichen Blick ansah, seufzte ich schwer und murmelte: »Soll ich dich anrufen, wenn ich angekommen bin?«

»Nein, Liebes.« Mom richtete sich auf und winkte ab. »Ist schon gut, das musst du nicht. Aber bitte … nimm dich in Acht.«

Ich hörte auch das, was sie unausgesprochen ließ: Nimm dich vor ihnen in Acht. Errege nicht ihre Aufmerksamkeit. Lass nicht zu, dass sie dich in Schwierigkeiten bringen. Versuch diesmal, auf dieser Schule zu bleiben.

»Mach ich.«

Sie stand noch eine Weile unschlüssig herum, dann drückte sie mir einen Kuss auf die Wange und schützte Aktivität vor, indem sie im Wohnzimmer verschwand. Ich trank meinen Saft aus, goss mir noch ein Glas ein und stellte den Karton in den Kühlschrank zurück.

Als ich die Tür zuwarf, löste sich einer der Magnete und landete klappernd auf dem Boden, sodass der Zettel, den er festgehalten hatte, herabsegelte. Samstag: Kali-Vorführung. Als ich ihn aufhob, spürte ich ein nervöses Kribbeln im Magen. Vor sieben Jahren hatte ich angefangen, die philippinische Kampfsportart Kali zu lernen, um mich besser vor dem schützen zu können, was dort draußen auf mich lauerte. ­Kali hatte mich fasziniert, weil man dabei nicht nur lernte, sich mit bloßen Händen zu verteidigen, sondern auch mit Stöcken, Messern und Schwertern. In einer Welt voller dolchbewehrter Kobolde und schwertschwingendem Feenadel wollte ich auf alles vorbereitet sein. An diesem Wochenende war unsere Gruppe für eine Vorführung bei einem Kampfsportturnier gebucht, und ich würde daran teilnehmen.

Zumindest, wenn ich es schaffte, mir bis dahin keinen Ärger einzuhandeln. Was bei mir schwieriger war, als es sich anhörte.

Mitten im Herbstsemester an einer neuen Schule anzufangen ist zum Kotzen.

Ich muss es wissen. Für mich ist das nichts Neues: die verwirrende Suche nach dem Schließfach, die neugierigen Blicke auf den Fluren, der Gang der Schande durch das Klassenzimmer, wenn man auf dem Weg zu seinem Tisch von über zwanzig Augenpaaren verfolgt wird.

Vielleicht sind ja wirklich aller guten Dinge drei, dachte ich missmutig und ließ mich auf meinen Stuhl fallen, der Gott sei Dank ganz hinten in einer Ecke stand. Zwei Dutzend Blicke bohrten sich in meinen Schädel, doch ich ignorierte sie. Vielleicht schaffe ich es diesmal ja durch ein Halbjahr, ohne rausgeworfen zu werden. Ein Jahr noch – gewährt mir noch ein Jahr, dann bin ich frei. Wenigstens zitierte mich die Lehrerin nicht vor die Klasse, um mich allen vorzustellen. Das wäre mehr als peinlich gewesen. Ich hatte noch nie begriffen, warum sie eine solche Demütigung für nötig hielten. Auch ohne am ersten Tag derart ins Rampenlicht gezerrt zu werden, war es schwer genug, sich einzufügen.

Na ja, einfügen würde ich mich ja sowieso nicht.

Während ich weiterhin die neugierigen Blicke spürte, die immer wieder in meine Ecke wanderten, konzentrierte ich mich darauf, bloß nicht hochzusehen und mit niemandem Augenkontakt aufzunehmen. Ich hörte das Getuschel, sank noch mehr in mich zusammen und starrte auf mein Englischbuch.

Plötzlich landete etwas auf meinem Tisch: ein zusammengefalteter Zettel, der offenbar aus einem Block herausgerissen worden war. Noch immer blickte ich nicht auf, ich wollte gar nicht wissen, wer das Ding geworfen hatte. Vorsichtig ließ ich das Papier unter die Tischplatte gleiten und entfaltete es in meinem Schoß.

Bist du der Typ, der seine alte Schule abgefackelt hat? Ziemlich krakelige Handschrift.

Seufzend zerknüllte ich den Zettel. Die Gerüchte waren also schon im Umlauf. Großartig! Anscheinend hatte ich es bis in die Lokalzeitung geschafft: Jugendlicher Delinquent flieht vom Schauplatz seines Verbrechens. Da allerdings niemand bezeugen konnte, dass ich die Bibliothek angezündet hatte, war ich nicht im Gefängnis gelandet. Wenn auch nur knapp.

Irgendwo rechts von mir kicherte und tuschelte es, dann landete ein weiterer Zettel auf meinem Arm. Diesmal hätte ich die nervige Nachricht fast ungelesen weggeworfen, aber dann siegte die Neugier, und ich riskierte einen Blick.

Hast du im Jugendknast echt einen abgestochen?

»Mr. Chase.«

Miss Singer kam mit verkniffenem Gesicht auf mich zu. Vielleicht sorgte aber auch nur der strenge, dunkle Dutt auf ihrem Kopf dafür, dass sich die Gesichtshaut spannte und die Augen hinter den Brillengläsern so schmal waren. Mit klirrenden Armreifen streckte sie die Hand aus und wackelte auffordernd mit den Fingern. Ihr Ton war unnachgiebig. »Her damit, Mr. Chase.«

Ohne sie anzusehen, hob ich die Hand mit dem Zettel. Ruckartig entriss sie ihn mir. Einen Moment später sagte sie leise: »Kommen Sie nach der Stunde zu mir.«

Verdammt. Knapp eine halbe Stunde hier, und schon hatte ich Ärger. Nicht gerade ein gutes Omen für den Rest des Schuljahres. Ich ließ die Schultern hängen und schottete mich gegen die bohrenden Blicke ab, während Miss Singer nach vorne ging und mit dem Unterricht fortfuhr.

Nach dem Ende der Stunde blieb ich auf meinem Platz und hörte zu, wie die anderen ihre Stühle rückten, sich Taschen umhängten und zur Tür drängten. Sie redeten und lachten und fanden sich zu ihren üblichen Cliquen zusammen. Während ein Schüler nach dem anderen verschwand, hob ich den Blick und ließ ihn über die wenigen wandern, die noch im Raum waren. Ein blonder Junge mit Brille an Miss Singers Pult quasselte ohne Punkt und Komma auf die Lehrerin ein, die leicht amüsiert zuhörte. Sein eifriger Hundeblick ließ zwei Rückschlüsse zu: Entweder war er schwer verliebt, oder er bewarb sich um den Platz des Klassenstrebers.

An der Tür standen ein paar Mädchen, die wie Tauben zusammengluckten und albern kicherten. Einige der Jungs starrten sie im Vorbeigehen an und hofften, einen Blick zu erhaschen, wurden jedoch enttäuscht. Ich schnaubte leise. Viel Glück! Mindestens drei dieser Schönheiten gehörten zum Typ schlanke, umwerfende Blondine, was einige noch durch extrem kurze Röcke betonten, die ihre langen, gebräunten Beine ins richtige Licht rückten. Ganz offensichtlich gehörten sie zur Cheerleader-Clique, was bedeutete, dass ein Typ wie ich – und jeder andere, der weder eine Sportskanone noch ein reicher Schnösel war – bei ihnen keine Chance hatte.

Eines der Mädchen drehte sich um und sah mich an.

Hastig wandte ich den Blick ab – hoffentlich hatte das keiner bemerkt. Ich wusste nur zu gut, dass Cheerleaderinnen normalerweise mit großen, übertrieben besitzergreifenden Footballspielern liiert waren, die erst zuschlugen und dann Fragen stellten. Und ich wollte nicht an meinem ersten Tag an einen Spind oder eine Toilettenwand gedrückt werden und eins auf die Fresse kriegen, nur weil ich es gewagt hatte, die Freundin des Quarterbacks anzusehen. Wieder hörte ich Getuschel und stellte mir vor, wie sie mit dem Finger auf mich zeigten. Dann drangen schockiertes Quietschen und Keuchen zu mir herüber.

»Sie macht es wirklich«, zischte jemand, kurz bevor leise Schritte zu hören waren. Eines der Mädchen hatte sich vom Rudel gelöst und kam zu mir rüber. Na großartig!

Geh weg, dachte ich und rückte weiter Richtung Wand. Hier gibt es nichts, was du wollen oder brauchen könntest. Ich bin bestimmt nicht hier, damit du beweisen kannst, dass du keine Angst hast vor dem neuen bösen Buben, und ich habe keine Lust auf einen Kampf mit deinem hirnverbrannten Freund. Lass mich in Ruhe.

»Hi.«

Ergeben drehte ich mich um und starrte in das Gesicht eines Mädchens.

Sie war kleiner als die anderen, eher der freche, niedliche Typ als eine elegante Schönheit. Ihre langen, glatten Haare waren rabenschwarz, und die Strähnen, die ihr Gesicht umrahmten, hatte sie leuchtend blau gefärbt. Die dunkle Jeans über ihren Turnschuhen schmiegte sich an die schlanken Beine, war aber nicht übertrieben eng. Warme, braune Augen blickten auf mich herab, während sie die Hände auf dem Rücken verschränkte und von einem Fuß auf den anderen trat, als würde es ihr schwerfallen, lange stillzustehen.

»Das mit dem Zettel tut mir leid«, fuhr sie fort, während ich mich stumm nach hinten lehnte und sie wachsam musterte. »Ich habe Regan gesagt, sie soll es lassen, Miss Singer hat Augen wie ein Falke. Wir wollten dich nicht in Schwierigkeiten bringen.« Als sie lächelte, erstrahlte der ganze Klassenraum. Das war gar nicht gut; ich wollte nicht, dass hier irgendetwas erstrahlte. Vor allem wollte ich nicht, dass mir irgendetwas an diesem Mädchen auffiel, besonders nicht die Tatsache, dass sie extrem attraktiv war. »Ich bin Kenzie. Also, eigentlich Mackenzie, aber alle nennen mich nur Kenzie. Wehe, du nennst mich Mac, dann haue ich dir eine rein.«

Ihre Freundinnen tuschelten miteinander, einige von ihnen gafften ganz offen, während andere nur verstohlen zu uns herübersahen. Plötzlich kam ich mir vor wie ein Tier im Zoo. Leise Verbitterung stieg in mir auf. Für sie war ich nur eine Kuriosität: der gefährliche Neue, den man anstarren und über den man tratschen konnte.

»Und du bist …?«, legte Kenzie vor.

Ich wandte demonstrativ den Blick ab. »Nicht interessiert.«

»Okay. Wow.« Sie klang überrascht, allerdings nicht wütend. Noch nicht. »Das … kam unerwartet.«

»Gewöhn dich dran.« Innerlich zuckte ich bei dem Ton in meiner Stimme zusammen. Ich führte mich auf wie ein Arsch, das war mir klar. Außerdem war mir klar, dass ich damit jede Chance auf Akzeptanz an dieser Schule zunichtemachte. Man redete nicht so mit einer niedlichen, beliebten Cheerleaderin, ohne damit zum absoluten Außenseiter zu werden. Sie würde zu ihren Freundinnen zurückgehen, sich mit ihnen das Maul zerreißen und Gerüchte in die Welt setzen, die mich für den Rest des Jahres zu einem Geächteten machten.

Gut, versuchte ich mir einzureden. Genau das will ich ja. So wird niemand verletzt. Sie sollen mich nur alle in Ruhe lassen.

Allerdings … machte das Mädchen keine Anstalten, wieder zu gehen. Aus dem Augenwinkel beobachtete ich, wie sie sich gegen einen Tisch lehnte, die Arme verschränkte und mich mit einem schiefen Grinsen musterte. »Kein Grund, gleich fies zu werden«, sagte sie vollkommen unbeeindruckt. »Ich bitte dich nicht um ein Date, Machoman, ich will nur deinen Namen wissen.«

Warum redete sie überhaupt noch mit mir? Hatte ich mich nicht klar ausgedrückt? Ich wollte mich nicht mit ihr unterhalten. Ich wollte keine Fragen beantworten. Je länger ich mit jemandem sprach, desto größer war das Risiko, dass sie etwas bemerkten, und dann würde der ganze Albtraum von vorne losgehen. »Ethan«, murmelte ich mit Blick auf die Wand und fügte gepresst hinzu: »Und jetzt verzieh dich.«

»Wow, ganz schön feindselig.« Offenbar hatten meine Worte nicht den gewünschten Effekt. Statt sich abgestoßen zu fühlen, schien sie das Ganze … spannend zu finden. Was zum Teufel war hier los? Ich widerstand dem Drang, sie direkt anzusehen, spürte aber, dass sie immer noch grinste. »Ich wollte nur nett sein, immerhin ist heute dein erster Tag hier. Bist du immer so, wenn du jemanden kennenlernst?«

»Miss St. James.« Die Stimme der Lehrerin hallte durch den Raum. Als Kenzie sich umdrehte, spähte ich kurz zu ihr hinüber. »Ich muss mit Mr. Chase sprechen«, fuhr Miss Singer fort und lächelte Kenzie freundlich an. »Bitte gehen Sie zu Ihrem nächsten Kurs.«

Kenzie nickte. »Natürlich, Miss Singer.« Sie schaute kurz über die Schulter und erwischte mich dabei, wie ich sie ansah. Bevor ich den Blick abwenden konnte, grinste sie mich an. »Wir sehen uns noch, Machoman.«

Ich beobachtete, wie sie zu ihren Freundinnen zurückschlenderte, die sie kichernd und tuschelnd umringten. Mit einigen aufdringlichen Blicken in meine Richtung traten sie auf den Flur hinaus und ließen mich mit der Lehrerin allein.

»Bitte kommen Sie zu mir nach vorne, Mr. Chase. Ich will nicht durch das halbe Klassenzimmer schreien.«

Widerwillig stand ich auf, ging zur ersten Reihe und fläzte mich dort auf einen Stuhl. Miss Singer warf mir über die Brille hinweg einen strengen Blick zu, bevor sie zu einem Vortrag über ihre Nulltoleranzpolitik in Bezug auf Störenfriede ansetzte, um mir anschließend zu versichern, dass sie vollstes Verständnis für meine Situation habe und dass ich doch etwas aus mir machen könne, wenn ich mich nur etwas anstrengte. Als ob das so einfach wäre.

Vielen Dank, aber die Mühe können Sie sich sparen. Das habe ich alles schon tausend Mal gehört: Wie schwierig es sein muss, an eine neue Schule zu kommen und ganz von vorne anzufangen. Wie problematisch die Situation zu ­Hause sein muss. Tun Sie doch nicht so, als wüssten Sie, was ich durchmache. Sie kennen mich nicht. Sie wissen nicht das Geringste über mein Leben. Das tut niemand.

Und wenn es nach mir ginge, würde sich daran auch nie etwas ändern.

Die nächsten beiden Stunden brachte ich ebenfalls hinter mich, indem ich alle um mich herum ignorierte. Als es zur Mittagspause klingelte, sah ich zu, wie die Schüler zur Cafe­teria schlenderten, dann drehte ich mich um und lief in die entgegengesetzte Richtung.

Meine Mitschüler gingen mir langsam auf die Nerven. Ich wollte raus, weg von den Menschenmassen und den neugierigen Blicken. Bloß nicht alleine an einem Tisch hocken und ständig fürchten, dass jemand zu mir kam und »reden« wollte. Keiner von ihnen würde das aus reiner Freundlichkeit tun, da war ich mir sicher. Inzwischen hatten dieses Mädchen und ihre Freundinnen die Geschichte von unserer Begegnung bestimmt in der gesamten Schule verbreitet, vielleicht noch etwas ausgeschmückt, etwa, wie ich sie wüst beschimpft und trotzdem angebaggert hätte. So oder so wollte ich mich nicht mit wütenden Jungs und empörten Fragen herumschlagen. Ich wollte einfach nur meine Ruhe haben.

Als ich auf der Suche nach einem stillen Eckchen, in dem ich ungestört essen konnte, in einen anderen Flur abbog, stieß ich auf genau das, was ich hatte vermeiden wollen.

Ein Junge drückte sich mit hängenden Schultern an die Schließfächer und sah sich mit gehetztem Blick um. Vor ihm hatten sich zwei größere Typen aufgebaut, beide breit wie Schränke. Drohend starrten sie auf ihn herab. Einen Moment lang dachte ich, der Junge hätte Schnurrhaare. Dann richtete sich sein flehender Blick auf mich, und unter dem strohblonden Pony funkelten mich orange leuchtende Augen an. Auf seinem Kopf wuchsen zwei pelzige Ohren.

Leise stieß ich einen Fluch aus, für den Mom mir den Kopf abgerissen hätte. Diese beiden Idioten hatten ja keine Ahnung, was sie da machten. Natürlich konnten sie nicht sehen, was der Junge in Wirklichkeit war. Der »Mensch«, den sie sich vorgeknöpft hatten, war einer von ihnen, ein Feenwesen, zumindest zum Teil. Der Begriff Halbblut schoss mir durch den Kopf, während ich krampfhaft die Tüte mit meinem Essen umklammerte. Warum? Warum wurde ich sie nie los? Warum verfolgten sie mich auf Schritt und Tritt?

»Lüg mich nicht an, du Freak«, sagte einer der Athleten gerade und rammte die Schulter des Jungen gegen den Spind. Er hatte kurze, rotblonde Haare und war ein wenig kleiner als sein stiernackiger Begleiter, wenn auch nicht viel. »Regan hat dich gestern an meinem Auto gesehen. Findest du es etwa witzig, dass ich fast von der Straße abgekommen wäre?« Wieder schubste er ihn, sodass die Schränke blechern schepperten. »Diese Schlange ist da bestimmt nicht von allein reingekrochen.«

»Ich war’s nicht!«, protestierte das Halbblut und wich hastig zurück. Als er den Mund aufmachte, blitzten seine spitzen Eckzähne auf, was die beiden Sportler natürlich nicht bemerkten. »Ich schwöre, Brian, ich war’s nicht.«

»Ach ja? Dann hat Regan also gelogen, wie?«, fragte Brian und wandte sich an seinen Freund. »Ich glaube, der Freak hat Regan gerade als Lügnerin bezeichnet, das hast du doch auch gehört, oder, Tony?« Tony ließ drohend die Knöchel knacken, während Brian sich wieder zu dem Halbblut umdrehte. »Das war nicht besonders schlau, du Loser. Warum gehen wir nicht mal auf die Toilette? Da kannst du deine Bekanntschaft mit der Schüssel auffrischen.«

Na großartig! Das hatte mir gerade noch gefehlt. Am besten wäre es, sich umzudrehen und zu gehen. Er ist eine halbe Fee, erinnerte mich der rationale Teil meines Gehirns. Wenn du dich da einmischst, lenkst du damit hundertprozentig ihre Aufmerksamkeit auf dich.

Das Halbblut sank mit trostloser, aber resignierter Miene in sich zusammen, als wäre es eine solche Behandlung bereits gewöhnt.

Ich seufzte schwer. Dann tat ich etwas sehr Dummes.

»Mann, bin ich froh, dass es hier genau solche gorilla­artigen Schwachköpfe gibt wie an meiner alten Schule«, sagte ich, ohne mich von der Stelle zu rühren. Verblüfft fuhren sie zu mir herum, und ich grinste breit. »Was ist los? Hat Daddy euch diesen Monat das Taschengeld gekürzt, sodass ihr es aus den Losern und Freaks rausprügeln müsst? Reicht es euch nicht, im Training andere zu verdreschen?«

»Wer zum Teufel bist du?« Brian, der kleinere von beiden, baute sich drohend vor mir auf. Immer noch grinsend hielt ich seinem Blick stand. »Ist das vielleicht dein Lover?«, fragte er mit erhobener Stimme weiter. »Hast wohl Todessehnsucht, Schwuchtel?«

Damit zogen wir natürlich die allgemeine Aufmerksamkeit auf uns. Schüler, die bisher weggesehen und so getan hatten, als würden sie die drei bei den Spinden nicht bemerken, scharten sich um uns, als könnten sie die Gewalt bereits riechen. Mit zunehmender Geschwindigkeit machte ein geflüstertes »Schlägerei« die Runde, bis ich das Gefühl hatte, die ganze Schule hätte sich versammelt, um das kleine Drama zu beobachten, das sich in diesem Flur entspann. Das Halbblut, auf dem die beiden rumgehackt hatten, warf mir einen entschuldigenden Blick zu und verzog sich. Unauffällig verschwand er in der Menge. Gern geschehen, dachte ich nur und widerstand dem Impuls, die Augen zu verdrehen. Tja, ich hatte mir den Mist selbst eingebrockt – also musste ich ihn auch selbst wieder auslöffeln.

»Das ist der Neue«, grunzte Brians Begleiter, stieß sich von den Spinden ab und trat hinter seinen Freund. »Der von der Southside.«

»Ach ja.« Brian blickte kurz über die Schulter, dann wieder zu mir. Verächtlich schürzte er die Lippen. »Du bist der Typ, der seinen Zellengenossen im Knast abgestochen hat«, verkündete er mit lauter Stimme, damit es auch alle mitbekamen. »Nachdem du deine Schule abgefackelt und einen Lehrer mit dem Messer bedroht hast.«

Erstaunt zog ich eine Augenbraue hoch. Ach, echt? Das ist mir neu.

Schockiertes Keuchen und leises Gemurmel ging wie ein Lauffeuer durch die Reihen der umstehenden Zuschauer. Morgen würde das die ganze Schule wissen. Ich fragte mich, wie viele erfundene Verbrechen ich dieser sowieso schon langen Liste dann noch hinzufügen konnte.

»Du hältst dich wohl für ’ne ganz harte Nummer, Schwuch­tel.« Angestachelt von seinem Publikum drängte sich Brian noch dichter an mich heran. Ein fieses Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. »Dann bist du eben ein Brandstifter und ein Krimineller, was soll’s? Glaubst du vielleicht, ich hätte deswegen Angst vor dir?«

Okay, zumindest eins noch.

Ich richtete mich auf und trat meinem Gegner dabei fast auf die Zehen. »Brandstifter?« Mein Grinsen stand seinem in nichts nach. »Und ich dachte schon, du wärst so dämlich, wie du aussiehst. Hast du dieses lange Wort heute im Unterricht gelernt?«

Mit wutentbrannter Miene holte er aus. Da wir so dicht voreinander standen, kam ein ziemlich heftiger rechter Haken auf mich zu. Ich duckte mich und schlug nach seinem Arm, sodass seine Faust gegen die Wand krachte. Lautes Geschrei und anfeuernde Rufe brachen los, als Brian wütend herumwirbelte und noch einmal zuschlug. Diesmal drehte ich mich weg und hielt die Fäuste dicht am Gesicht wie ein Boxer, um mich verteidigen zu können.

»Das reicht!«

Wie aus dem Nichts tauchten mehrere Lehrer auf und zogen uns auseinander. Fluchend versuchte Brian, sich an einem von ihnen vorbeizudrängeln, um wieder an mich her­anzukommen, doch ich ließ mich widerstandslos zur Seite ziehen. Ich wurde so fest am Kragen gepackt, als bestünde die Gefahr, dass ich mich losreißen und um mich schlagen würde.

»Ins Büro des Direktors, Kingston«, befahl der Lehrer, der Brian bereits den Flur entlangzerrte. »Bewegen Sie sich.« Mit einem finsteren Blick auf mich fuhr er fort: »Sie auch, Neuling. Und Sie sollten beten, dass bei Ihnen kein Messer ge­funden wird, sonst werden Sie schneller suspendiert, als Sie gucken können.«

Auf dem Weg zum Büro des Direktors entdeckte ich das Halbblut, das mich aus dem Schutz der Menge heraus beobachtete. Seine ernsten, grimmigen und immer noch ­orange leuchtenden Augen verfolgten mich, bis man mich um die nächste Ecke geschleift hatte.