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Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Oktober 2017
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ISBN Printausgabe 978-3-499-63299-0 (1. Auflage 2017)
ISBN E-Book 978-3-644-40207-2
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Schauen Sie nach! Urteilen Sie selbst!
Aber eher keine Beleidigung!
Apropos Lob. Das Lob steht der Beleidigung entgegen. Wer lobt, will den anderen erhöhen. Die Beleidigung will den anderen erniedrigen.
Im Schwäbischen wird die Beleidigung «Dackel» in der Steigerung (!) zum «Halbdackel».
Wenn ich «du Esel» sage, bist du immer noch ein Du. Ein Individuum.
Wer einen Staatsanwalt kennt und sich nun ermutigt fühlt, ihn als «durchgeknallt» zu bezeichnen, soll sich bitte nicht auf mich berufen.
«Beamtenbeleidigung» gibt es übrigens nicht. Man liest viel von Beleidigungsfällen mit Polizisten, weil diese erstens oft beleidigt werden und zweitens Beleidigungen häufiger anzeigen als Nichtpolizisten.
Ich wähle das Twitterbeispiel, weil sich Twitter gut für kurze, isolierte Äußerungen eignet.
Botschafter sind wie ungezogene Kinder. Man ruft sie herbei und scheißt sie zusammen.
Definition von Schmähkritik des Bundesverfassungsgerichts.
«Provozieren» heißt genau das: hervorrufen.
Für wechselseitig begangene Beleidigungen gibt es sogar einen eigenen Paragraphen (§ 199 StGB).
Wir bleiben vorerst weiter im Juristischen. Dass es erstens moralisch fragwürdig und zweitens sachlich falsch ist, Gruppen als Ganzes zu diffamieren, finde ich offensichtlich. Menschen unterscheiden sich. Gruppenmitglieder sind nie identisch.
Mal davon abgesehen, dass Ausländer nicht immer nach deutschem Recht klagen können.
Aussagen mit der Struktur «Alle X sind …» oder «Für alle X gilt …» bezeichnet man als Allaussage.
Eine Beleidigung auf kommunikativer Ebene! Juristisch gesehen sind Kollektivbeleidigungen der eben beschriebene Sonderfall.
Mit Negerkussresten im Mund.
«Diskriminieren» heißt ursprünglich genau das: unterscheiden, abgrenzen.
Sehen wir von der Merkwürdigkeit der Vergangenheitsform ab.
Blanco lebt bekanntlich noch und hat seine Hautfarbe in letzter Zeit nicht geändert.
Niggaz Wit Attitudes.
Bekannt als der selbsternannte «letzte tighte Nigga».
Auch Behindertenwitze kommen nur gut, wenn man selbst zum Beispiel im Rollstuhl sitzt (und offen ist für diese Art von Humor).
Das Wort «schwul» ist ein weiteres Beispiel für ein Wort, das von der betroffenen Gruppe positiv umgewertet wurde. Es wird von Beleidigern auf negative Weise benutzt – und von der Gruppe selbst und ihren Unterstützern auf positive Weise. In einer klassischen Folge der Simpsons (Staffel 4, Folge 11) redet Homer mit John (einem Klischee-Schwulen, der das Wort «schwul» selbstbewusst benutzt): «Ich finde es eine Frechheit, dass ihr dieses Wort benutzt. Das ist unser Wort, um uns über euch lustig zu machen! Das brauchen wir!»
Kleiner Scherz.
Doch nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich.
Politisch ist ja bekanntlich etwas, das zur Polis gehört, sprich: zum Stadtstaat. Oder allgemeiner: zur Gesellschaft.
Denn wie gesagt: Es geht bei Beleidigungen nicht in erster Linie um subjektive Gefühle. Der Gefühlswelt übergeordnet sind intersubjektive Fragen: Wie wollen wir miteinander umgehen? Wie miteinander leben?
Wir erinnern uns: Roberto Blanco fand es seiner eigenen Aussage nach okay oder egal, als «wunderbarer Neger» bezeichnet zu werden. Das hielt einen großen Rest der Gesellschaft allerdings nicht davon ab, es absolut nicht okay oder egal zu finden. Das ist das Stellvertreterprinzip.
Hinterrücks oder in Gedanken kannst du ja immer noch ein unsensibler Klotz sein.
Höflich und fair behandelt werden will jeder. Höflich und fair sein, das nicht.
Der Name ist Programm.
Wie bei einem Lichtschalter, der entweder an oder aus ist.
Oder denken wir an die Straßenverkehrsordnung. Wer würde
behaupten, dass die Straßenverkehrsordnung «freies Autofahren» behindert? Die meisten Menschen sagen wohl eher, dass die Straßenverkehrsordnung den Verkehr regelt. Sodass man achtsam miteinander umgeht.
Oder auf den Sack zu gehen.
Verzerrte PC-Kritik ist übrigens nicht immer harmlos. Ein großer Kritiker von politischer Korrektheit heißt: Anders Behring Breivik. In seinem «Manifest» wütete er nicht nur gegen Feminismus und Islam – sondern auch gegen politische Korrektheit. Bevor er ein Terrorist wurde, war Breivik ein Populist.
Die dunkle Seite.
Donald Trump selbst hat ja vor seiner Kandidatur mehr Erfahrung im Golfspielen gesammelt als im Politikmachen.
Laut einer PISA-Studie der OECD (2017) wird circa jeder sechste 15-jährige deutsche Schüler regelmäßig Opfer von Schul-Mobbing.
Oder, leider, je nach Arschlochigkeit des Umfelds: als Held.
Einen Versuch ist es aber vielleicht wert!
Natürlich ist es nicht schlecht, dass es sich zumindest um eine «potenzielle Tatsache» handelt. Seine Aussage – Hillary ist korrupt – könnte ja zutreffen. Es kommt auf den Korruptionsbegriff an, aber im Großen und Ganzen gab es einen üblen Beigeschmack, was Hillarys Geldgeschäfte anging. Insofern war es keine grundlose Beleidigung. So wird die Beleidigung effektiv: weil sie das öffentliche Bild von Hillary trifft. Eine absurde, offensichtlich falsche Beleidigung hätte nicht denselben Effekt gehabt. Hätte Trump Hillary eine «geisteskranke Prostituierte» genannt, wäre das eher auf ihn zurückgefallen. Denn diese Beschreibung ist zwar beleidigend, trifft aber weder Hillary persönlich noch das öffentliche Bild von ihr.
Übrigens ein waschechter Nazibegriff – und Unwort des Jahres 2016.
Natürlich gelten für beide Gruppen unter anderem die Gesetze ihres jeweiligen Staates. Niemand ist absolut unabhängig.
Oft heißt es dann, Äußerungen würden nicht «mit den Werten der Marke übereinstimmen».
Allerdings wird man kaum noch zu Partys eingeladen.
Das ist übrigens keine Eigenheit von Trump. Die Verkumpelung mit den Respektlosen und den Großmäulern ist ein internationaler Taschenspielertrick vieler Populisten.
Die Autorin und Journalistin Mely Kiyak sagte in ihrer Festrede zum Otto Brenner Preis 2016: «Woche für Woche hagelt es Empörung, Beschimpfung, Anzeigen, Drohungen. Selten handelt ein Brief davon, wovon ich schrieb, sondern meist davon, dass ich schrieb.» Undemokratischer geht es kaum.
Schön übrigens, dass Trump sich – wenn auch nur metaphorisch – zu den Profisportlern zählt. Als siebzigjähriger, birnenförmiger Mann.
Stand Juni 2017.
Vor allem von Katzenbildern. Und Pornographie.
So nennt man jene Menschen, die uns stets zu unserer vollsten Zufriedenheit informieren, bespaßen oder regieren – oder andernfalls fix eine Hassmail erhalten.
Na gut: Descartes sagte nicht «Schuhe», sondern «Substanzen».
Bisweilen schreibt die Presse in solchen Kontexten auch von «Kritikern». Das finde ich verharmlosend. Wir nennen Bücherverbrenner ja auch nicht «Literaturkritiker».
Einen Existenzbeweis, den man zwar intellektuell nicht nötig hat, der einem aber vom Gefühl her hilft, einen anderen Menschen zu begreifen. (Im Fall von YouTubern fängt man bitte in genau diesem Moment an zu kreischen.)
Da ist sie wieder, die bildliche Sprache!
Sigmar Gabriel nannte einige Randalierer begründeterweise «Pack» – weil sie sich tatsächlich asozial verhielten. Anschließend wurde wiederum er beschimpft.
Wie man im Internet sagt: «Danke, Merkel».
Auch «Subreddit» genannt.
Das ist auch der kardinale Unterschied zu Fällen von Künast bis Gabriel (abgesehen davon, dass deren Beleidiger oft einfallslos und dümmlich sind): Politiker laden niemanden ein, sie zu beleidigen. Warum auch?
Und, na ja, weil da jemand irgendwie lustig aussieht.
Das Ganze gibt es übrigens auch offline. Ein «Roast» ist auch als Hollywoodphänomen ein Bühnenspektakel, bei dem sich ein anwesender Prominenter als Zielscheibe bereitstellt. Und dann geht’s ab. Ein bekanntes Beispiel ist Charlie Sheen.
Ein «Roasting» ist quasi «Pseudo-Mobbing» zur Belustigung aller Beteiligten.
In zweiter Linie sicher auch an § 185 StGB (Beleidigungsparagraph).
Ja. Diese bösen, bösen Brüste.
Außer es handelt sich um weibliche Brüste. Da gibt es Nichts! Zu! Diskutieren!
Ich empfehle zum Beispiel die Kommentarspalten zu Migration, Feminismus, Populismus, Patriotismus, gleichgeschlechtlicher Ehe oder Terrorismus. In der Regel geht bei solchen Themen schneller die Party ab, als man moderieren kann.
Und gesperrte Facebook-Konten. Und Anzeigen wegen Beleidigung. Und und und.
Abschließend geklärt wurde die Frage an jenem Abend nicht, vgl. «Literaturstreit von Betrunkenen endet tödlich», http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2014-01/russland-streit-poesie-prosa.
Ein ähnlicher Fall fand 2013 statt. Wieder waren es zwei Russen, deren Streitgespräch beim Einkaufsbummel in Faustschlägen und Schüssen aus einer Luftpistole endete. Das Resultat: Schwere Körperverletzung. Das Gesprächsthema: Immanuel Kant, vgl. «Streit über Philosoph Kant eskaliert – ein Verletzter», http://www.sueddeutsche.de/panorama/russland-streit-ueber-philosoph-kant-eskaliert-ein-verletzter-1.1772303.
Gesoffen wird beiderorts.
Kommt natürlich alles auf Internetfreunde, Uni-Seminar oder Eltern an. Vielleicht verhält es sich genau umgekehrt. Es geht ja um soziale Räume, nicht um Inneneinrichtung.
Nicht: Wer am «stärksten» ist. Es geht auch Darwin um Anpassungsfähigkeit. Es kommt derjenige weit, der sich gut anpasst.
Deswegen sind Dialoge in Romanen auch immer spannender als echte Dialoge. Es geht um etwas Großes, der Leser soll im wahrsten Sinne «(an)gespannt» bleiben. Meist empfinden wir Leser Dialoge in Romanen deshalb als künstlich. Weil sie «Kunst» sind, also: bestenfalls kunstvoll gemacht. Die Figuren sind schlagfertiger und witziger als wir. Alles im Sinne des Spannungsaufbaus und damit wir uns nicht langweilen. Kunstloses Gequatsche hat man ja im echten Leben schon genug.
Meteorologen vielleicht.
Vermutlich eher: ein Totschläger. Nichts deutet auf Absicht hin.
Selbst in einer Diktatur gibt es Meinungsfreiheit. Aber nur für einen. Den Diktator.
Wenn ich dir ins Gesicht spucke, spucke ich dir ins Gesicht – nicht deinem Standpunkt.
X kann alles Mögliche sein, zum Beispiel «Toll, dass auch Homosexuelle heiraten dürfen» oder «Migration ist eine Bereicherung für jedes Land» oder «Christliche Werte sind das Fundament unserer Gesellschaft» oder «Du kleidest dich wie ein Obdachloser».
Also kein versehentlicher Ebenenwechsel, sondern ein absichtlicher Angriff.
Und anzugreifen!
Eine Beleidigung, auf die wir Deutschen natürlich besonders empfindlich reagieren (müssen). Das weiß auch Erdoğan, der gemeinsam mit seinen Vertretern im Frühjahr 2017 über Wochen kein Mikrophon besprechen konnte, ohne Merkel, Deutschland oder ganz Europa irgendwie mit den Nazis zu vergleichen. Vergleichsweise unverschämt von ihm.
Ich bitte darum, das Phallische an dieser Metapher zu ignorieren.
Ich kann das, was du sagst, auch abwerten, indem ich es eine «Verschwörungstheorie» nenne.
Auch wenn «rechts» nicht so toll klingt. Tja. Im Frühling 2017 hat ein Gericht entschieden, dass ein Professor, der dagegen geklagt hatte, sich durchaus als «rechtsradikal» bezeichnen lassen muss. Weil einige seiner Äußerungen sich so deuten lassen.
Ähnlich verhält es sich mit «Lüge» und «Lügner».
Nervt es schon, wie oft selbst ich das Wort «Hetze» hier verwende? Ja? Mich auch.
Stichwort «Sackdoof, feige und verklemmt» (Schmähkritik).
Das ist okay.
Das ist weniger okay.
Ganz und gar nicht okay.
Der Ausdruck ist natürlich eine Beleidigung. Und zwar eine Beleidigung auf der Metaebene der Rede, welche den Status der Rede als Lüge beschimpft: «Den Medienberichten darf man nicht trauen, sie lügen uns nämlich an. Sie verdrehen die Sachverhalte!» Und wer lügt, ist ein Lügner.
Gesellschaftliche Spannungen sind natürlich kein exklusiv deutsches Phänomen. Es gibt sie überall. Ungewöhnlich deutlich sehen wir sie zum Beispiel in den USA im Trump-Zeitalter. In der Türkei streiten sich währenddessen Erdoğan-Unterstützer und Erdoğan-Gegner. Letztere landen immer häufiger im Knast.
Ganz im Sinne des Eisberg-Prinzips: Der Großteil des Eisbergs liegt unterhalb der Wasseroberfläche. Was wir wahrnehmen, ist nur ein kleiner Ausschnitt.
Und damit meint «rechter Spinner!».
Eine gezielte Verächtlichmachung nennt man auch «Dämonisierung».
Bei diesem Mechanismus spricht man auch von othering. Andersmachung.
Eigentlich ja Plural: rote Linien.
Auch wenn man durch das Brechen von Tabus Aufmerksamkeit erhält und irgendwie im Gespräch bleibt – und sei es als Zielscheibe. Populisten gehen gerne so vor. Sie nutzen das kontrollierte Brechen von Tabus sogar als Kommunikationsstrategie. Das geht natürlich nur, wenn die Gegenseite sich leicht aus der Fassung bringen lässt. Strategische Provokationen sollte man als solche erkennen – und benennen. So entzaubert man sie.
Alle drei Behauptungen sind Quatsch.
Es gibt übrigens auch den kuriosen Fall, dass jemand fertiggemacht wird, weil sie oder er sich nach einem traumatischen Erlebnis nicht ausreichend als Opfer zu erkennen gibt. Ein berühmter Fall ist der von Natascha Kampusch. Viele Menschen in Presse und Öffentlichkeit hatten offenbar Probleme damit, dass sie nach ihrer Tortur noch selbstbewusst und intelligent auftreten konnte. Sie wurde vielfach beleidigt, weil sie nicht unseren Vorstellungen eines Opfers entsprach.
Hand aufs Herz: In der Regel ist es ein Er.
Überraschung!
Phase 1: Evaluation.
Phase 2: (Re-)Aktion.
Ein Dialog, der einigen Biographen zufolge so niemals stattgefunden hat. Halb so wild. Das Beispiel ist gut, egal ob ausgedacht, falsch zugeschrieben oder exakt so passiert.
Im Englischen spricht man auch von einem Konter als comeback.
Dritte, die einem besonders gut bei einer konstruktiven Problemlösung helfen können, sind bestenfalls «Leute vom Fach». Es gibt ausgebildete Mediatoren, die zwischen Streithähnen vermitteln. Paartherapeuten, die, nun ja, Paare therapieren. Streitschlichter aller Art. Das Gute: Diese Leute können helfen. (Kann allerdings etwas Geld kosten.)
Genauer gesagt parodiert dieser Account Allaussagen im Sinne von «Alle X sind Y» satirisch. Nur dass da nicht «Alle Asylbewerber sind kriminell» oder so steht, sondern menschenverachtende Haltungen zum Beispiel mit der noch absurderen Aussage «Alle Tätowierten sind kriminell» veralbert werden. Insofern ist «Tattoofrei» antirassistische Satire. Ernster Hintergrund, tolle Umsetzung.
An dieser Stelle möchte ich aus einem Lied von Kollegah zitieren:
«Ihr seid alle Muttersöhnchen, Kid – ich komm und mach deiner Mutter Söhnchen!»
Scherz. Überhaupt keinen Respekt. (Schlappschwanz.)
Oder wie Kant es etwas kategorischer sagte: «Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.»
Das ist politische Korrektheit nämlich nicht: überempfindlich auf das Verletztwerden warten. Respekt einfordern und selber respektvoll sein ist etwas anderes als Empörungsgeilheit.
Hoffen wir zumindest.
Nicht «Schreien, schreien, schreien!!!».
Dein Problem: Du traust ihm nicht. Tja.
Studie: «Taboo word fluency and knowledge of slurs and general pejoratives: deconstructing the poverty-of-vocabulary myth» von Kristin L. Jay und Timothy B. Jay (2015).http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S038800011400151X.
https://www.ruhrbarone.de/in-eigener-sache-drecksband-frei-wild-mahnt-ruhrbarone-ab-wir-lassen-das-gericht-entscheiden/125391.
LG Darmstadt, Urteil vom 2.2.1989, Az. 3 O 535/88.
http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-11/pegida-lutz-bachmann-volksverhetzung-geldstrafe-urteil.
Dieses Grundsatzurteil ist als «Lüth-Urteil» bekannt.
Siehe «Äußerung «Durchgeknallter Staatsanwalt» stellt nicht zwingend eine Beleidigung dar», Pressemitteilung des Bundesverfassungsgerichts Nr. 71/2009 vom 26. Juni 2009. http://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2009/bvg09-071.html und «Bezeichnung als «Dummschwätzer» nicht zwingend eine Beleidigung», Pressemitteilung Nr. 110/2008 vom 30. Dezember 2008. http://www.bundesverfassungsgericht.de/pressemitteilungen/bvg08-110.html.
«Organklage der NPD gegen den Bundespräsidenten zurückgewiesen», Pressemitteilung Nr. 51/2014 vom 10. Juni 2014. http://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2014/bvg14-051.html.
LG Düsseldorf, 19.04.2016 – 6 O 226/15.
http://justiz.hamburg.de/pressemitteilungen/8138326/pressemitteilung-2017-02-10-olg-01/.
Ebd.
S. Prof. Mark Zöller: «Beleidigung von Polizeibeamten durch Verwendung der Abkürzung A.C.A.B.» (2013), S. 102. http://www.zjs-online.com/dat/artikel/2013_1_671.pdf
Vgl. ebd., S. 106.
Siehe Amtsgericht Regensburg, Urteil vom 25.01.2012 – 30 CS 104 Js 9183/11.
«‹Kollektivbeleidigung› nur bei Bezug zu einer hinreichend überschaubaren und abgegrenzten Personengruppe», Pressemitteilung Nr. 23/2015 vom 28. April 2015. https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2015/bvg15-023.html.
http://www.deutschlandfunkkultur.de/man-vermeidet-potenzielle-verletzungen.954.de.html?dram:article_id=236564.
http://www.imdb.com/title/tt1853728/trivia?item=tr2021228.
Vgl. Randall Kennedy: Nigger: The Strange Career of a Troublesome Word (2003), S. 41.
http://www.jetzt.de/textmarker/ich-finde-es-total-scheisse-564840.
https://erenguevercin.wordpress.com/2013/01/20/die-sprachhygieniker-konnen-uns-schreiber-mal/.
http://www.esquire.com/entertainment/a46893/double-trouble-clint-and-scott-eastwood/.
John Cleese: «Political Correctness Can Lead to an Orwellian Nightmare», siehe ab 0:55, https://www.youtube.com/watch?v=QAK0KXEpF8U.
Eine Juraprofessorin beschrieb Ende 2014 ihre Erfahrungen mit einem problem. Diskussionsklima in dem Artikel «The Trouble with Teaching Rape Law», http://www.newyorker.com/news/news-desk/trouble-teaching-rape-law.
«Oettinger, einfach unverbesserlich» (30. Oktober 2016), http://www.sueddeutsche.de/politik/umstrittene-rede-von-eu-kommissar-oettinger-einfach-unverbesserlich-1.3228026.
Dass politische Korrektheit keine linkspolitische Eigenheit ist, zeigt sich allein daran, dass das rechtsnationale Lager seine eigene Variante politischer Korrektheit besitzt. Auch hier gibt es Grenzen des Sagbaren und Nichtsagbaren. Klar, «Neger» darf man da wahrscheinlich straflos sagen. Doch auch die Rechten sagen einiges lieber nicht – oder meinen es anders als gesagt. Nationalisten verschleiern sich als «Patrioten», Neonazis nennen sich lieber «identitär», völkischer Rassismus heißt neuerdings «Ethnopluralismus». Wenn sich jemand kritisch über Nation, Militär oder Polizei äußert, ist das Geschrei im rechten Lager groß. Dann gibt man sich schnell beleidigt. Weil gegen die eigene politische Korrektheit verstoßen wird.
Zugeben würde das allerdings niemand aus dem rechten Spektrum – politische Korrektheit muss Feindbild bleiben, Defizit der «Linksgrünversifften».
Eine rechte Politikerin sagte Anfang 2017 gar, die politische Korrektheit gehöre «auf den Müllhaufen der Geschichte». Ermuntert von der Forderung nach ungebundener Redefreiheit sagte der Moderator der NDR-Satiresendung «extra 3» daraufhin ironisch: «Jawoll, lasst uns alle unkorrekt sein. Da hat die Nazi-Schlampe doch recht.» Ganz in ihrem Sinne wurde da wirklich kein Blatt vor den Mund genommen. Bravo. Die Gemeinte nahm ihre eigene Forderung nach einer neuen Zensurlosigkeit offenbar doch nicht so ernst und leitete rechtliche Schritte gegen die Äußerung «Nazi-Schlampe» ein. Vergeblich. Das Gericht stellte sich, gerade vor dem Hintergrund ihrer ursprünglichen Forderung nach mehr Unkorrektheit, auf die Seite der Satiriker.
Tja. Sagbares erweitern, grenzenlose Meinungsfreiheit – gerne, aber nur dann, wenn es einem selbst und dem eigenen Lager auch genehm ist. So, so. Das nennt sich Doppelmoral … und gehört auf den Müllhaufen der Geschichte.
«‹Es war und ist nicht meine Absicht, irgendjemanden mit Bemerkungen zu verletzen. Ich bedauere diese Ausdrücke von damals ausdrücklich.›» https://www.tagesschau.de/ausland/eu-oettinger-103.html.
«Die Heimsuchung» (Britta Stuff). Der Spiegel 44/2016. https://magazin.spiegel.de/SP/2016/44/147594770/index.html.
Ausnahmsweise verweise ich auf Wikipedia, da der englischsprachige Artikel (Stand Mai 2017) eine solide Einführung ins Thema bietet: https://en.wikipedia.org/wiki/Embodied_cognition.
http://www.tagesspiegel.de/medien/hass-kommentare-auf-facebook-mann-wegen-beleidigung-von-sigmar-gabriel-verurteilt/13067930.html.
Zitat aus «Die Heimsuchung» (Britta Stuff). Der Spiegel 44/2016. https://magazin.spiegel.de/SP/2016/44/147594770/index.html.
https://www.reddit.com/r/RoastMe/.
https://www.facebook.com/communitystandards.
Jakob Augstein, Nikolaus Blome: Links oder rechts? Antworten auf die Fragen der Deutschen (2016), S. 11.
Arthur Schopenhauer: Die Kunst, Recht zu behalten. Letzter Kunstgriff. http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-kunst-recht-zu-behalten-4994/40.
Etwas ausführlicher gibt es die Geschichte z.B. hier: http://jezebel.com/model-responds-to-unwelcome-dick-pics-by-contacting-sen-1756022915. Noch kreativer war eine Künstlerin aus Los Angeles. Whitney Bell hat mit Hilfe der ihr zugesandten Schwanzbilder eine feministische Kunstausstellung veranstaltet – unter dem schönen Titel «I Didn’t Ask For This: A Lifetime of Dick Pics». Siehe: http://www.dazeddigital.com/artsandculture/gallery/21921/0/i-didn-t-ask-for-this-a-lifetime-of-dick-pics.
https://hatepoetry.com/.
«Lasst uns mutig sein!», Rede vor der Bundesversammlung. http://www.tagesspiegel.de/politik/rede-von-frank-walter-steinmeier-lasst-uns-mutig-sein/19381216.html.
«Die Stachelschweine» von Arthur Schopenhauer. http://gutenberg.spiegel.de/buch/arthur-schopenhauer-fabeln-und-parabeln-4997/1.
«Bekämpfung von Hasskriminalität und strafbaren Falschnachrichten – Bessere Rechtsdurchsetzung in sozialen Netzwerken», https://www.bmjv.de/SharedDocs/Artikel/DE/2017/03142017_GE_Rechtsdurchsetzung_Soziale_Netzwerke.html.
Richard Stephans, Claudia Umland: «Swearing as a Response to Pain – Effect of Daily Swearing Frequency» (2011), http://www.jpain.org/article/S1526-5900%2811%2900762-0/abstract.
http://www.imdb.com/title/tt0093058/trivia?item=tr0786522.
Der erste Mensch, der beleidigte, anstatt seinem Gegenüber wortlos den Schädel einzuschlagen, legte damit den Grundstein der Zivilisation.
– John Hughlings Jackson, britischer Neurologe
Wie ein Schlag ins Gesicht. So empfinden viele ihr Beleidigtwordensein. Dabei sind unsere Münder in der Regel noch schneller als unsere Hände. Zack, bumm. Du Arschloch. Spasti. Mittelfinger hoch!
Beleidigungen überrumpeln. Sie tun weh. Plötzlich sind sie da und dann auch ganz schnell vorbei. Manche Kränkung verfolgt dich noch Jahre später.
Davor ist immer etwas passiert. Ein Auslöser. Ein Grund. Manchmal weißt du gar nicht, wie es dazu kommen konnte. Oder was überhaupt passiert ist. Was hab ich da gerade gesagt?
Eine Situation lädt sich auf. Elektrisiert sich. Beleidigungen entstehen wie ein Gewitter. Das führt zu Blitz und Donner und Aussagen über deine Mutter.
Was sind Beleidigungen überhaupt? Warum wirken sie – und wie? Täglich machen sich Menschen absichtlich zur Sau. Keiner schafft es ohne Beleidigungen durch die Schulzeit. Ob wir wollen oder nicht: Beleidigungen sind irgendwie Alltag. In der Kunst. In den Medien. Im Internet. Battle-Rap wird immer populärer. Böhmermann und Erdoğan erkunden die Grenzen der Kunstfreiheit gemeinsam vor Gericht. In manchen Kreisen gelten alle Polizisten als Bastarde. Ein deutscher Minister nannte Roberto Blanco einen «wunderbaren Neger». Und was ist politische Korrektheit: Anstand und Respekt – oder Zensur unserer Meinungsfreiheit?
Beleidigungen sind überall. Wie geht man am besten mit ihnen um? Wie teilt man sie aus, wie steckt man sie ein?
Überhaupt. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!
Es ist eine ziemlich spannende Frage, was man sagen «darf» – und zu wem. Was man mit Worten machen kann. Was für eine Wirkung man in wenigen Sekunden erreicht, wenn man will.
Sagte ich mit Worten? Obacht! Wir sollten nicht vergessen, dass das Beleidigen eine Form des Kommunizierens ist, die oft genug wortlos stattfindet. Denn egal, was man tut oder lässt. Egal, was man ausspricht oder verschweigt: Man wirkt aufeinander. Bekanntermaßen kann man gar nicht nicht kommunizieren.
Doch was kann ich tun, um einen Menschen zu beleidigen? Jede Menge. Ich kann einen Koch beleidigen, indem ich kräftig nachsalze. Ich kann meine Freundin beleidigen, indem ich einer anderen Frau ein Kompliment mache. Ich kann Eltern beleidigen, indem ich ihnen gratuliere, dass ihr Sohn «tatsächlich noch das Abitur» geschafft hat. Wenn ich einer Frau die Tür aufhalte, kann ich sie beleidigen. Wenn ich ihr demonstrativ dieselbe Tür nicht aufhalte, ebenso. Ein Rapper der 187 Strassenbande, einer Rap-Crew aus Hamburg, bekam eine Strafanzeige, weil er zu einem Polizisten «Du bist ein Fuchs!» sagte.
Direkte Beleidigungen sind natürlich am offensichtlichsten. Also das Betiteln meines Gegenübers als «Hurensohn», «Spacko» oder «Wichser» oder als «Schlampe», «Tusse» oder «Fotze». Die Spannbreite reicht von «Neger» bis «Nazi».
Das Beleidigungsvokabular kennt viele, sehr viele Standardvokabeln. Sie sind das kleine Einmaleins der sprachlichen Verletzung.
Dabei ist der Griff zur beleidigenden Sprache keineswegs eine Kapitulation vor der Sprache allgemein.
Oder etwa doch? Ist Fluchen, Schimpfen und Beleidigen etwa ein Ausdruck sprachlicher Armut?
Im Gegenteil. Das haben zwei Kognitionsforscher unlängst herausgefunden. Probanden wurden gebeten, innerhalb einer Minute möglichst viele Tiernamen zu nennen. Anschließend wurden dieselben Menschen gebeten, möglichst viele Beleidigungen und Schimpfwörter aufzusagen. Ebenfalls in einer Minute. Das Resultat? Studienteilnehmer, welche die meisten Tiere aufzählen konnten, konnten auch die meisten Beleidigungen abfeuern.[1]
Sprecher, die besonders viele Kraftausdrücke kennen, haben also insgesamt ein eher weitreichendes Vokabular. Der Mythos, dass man schimpft, flucht und beleidigt, weil man mit Sprache nicht gut umgehen kann, stimmt also nicht.
Wer sich in den fiesen Bereichen der Sprache heimisch fühlt, ist auch insgesamt sprachlich ziemlich fit.
Aber was heißt das denn, beleidigen? Beim Kränken geht es ja um mehr als um irgendwelche Standardvokabeln. Auch jenseits vom Hurengesohne und Muttergeficke bietet unsere Sprache ein immenses Beleidigungspotenzial. Allerdings: Wo kommt das her? Wie lernen Kinder Beleidigungen?
Kinder lernen ständig und alles Mögliche. Insbesondere Kleinkinder. Doch im Alter von ungefähr einem Jahr passiert besonders viel. Kleinkinder entdecken ihre Umwelt und finden zu einer, ja, zu ihrer Sprache.
Kinder lernen, ihr Gegenüber zu erkennen. Als etwas Belebtes, das sich von anderen Dingen wie dem Fußboden und dem Kinderbettchen unterscheidet. Kinder erahnen nach und nach, dass Mama und Papa denkende und fühlende Wesen sind. Sie entwickeln eine Theory of Mind. So nennen Psychologen und Philosophen die Fähigkeit, sein Gegenüber als jemanden zu begreifen, der seinerseits ein geistiges Innenleben hat.
Diese Fähigkeiten entwickeln sich in den ersten Lebensjahren. Augenkontakt, auf Dinge zeigen, sprachliches Interagieren: Eine Theory of Mind ist die Voraussetzung. Das heißt natürlich nicht, dass Kinder eine Theorie im wissenschaftlichen Sinn formulieren. Gemeint ist die Fähigkeit, andere intuitiv als Träger geistiger Zustände zu verstehen. Die Erkenntnis: Es gibt noch andere Ichs außer mir. Ich und Du sind Wir.
Das ist der Grundstein des sozialen Miteinanders. Oder, wie in unserem Fall, der Grundstein des sozialen Gegeneinanders. Ohne Theory of Mind keine sinnvolle soziale Interaktion. Ohne sinnvolle soziale Interaktion keine Beleidigung.
Ich kann beleidigen, weil ich die Perspektive wechseln kann. Im Wissen, dass mein Gegenüber auch eine Psyche hat. Wahrnehmungen. Nicht zuletzt: Gefühle.
Unbelebte Dinge eignen sich nur bedingt zur sozialen Interaktion – und gar nicht zum Beleidigen. Ich kann beim Aufbauen meines IKEA-Schranks fluchen. Meinen IKEAkränken