Die bessere Hälfte

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, September 2018

Copyright © 2018 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Redaktion Susanne Herbert und Amanda Mock

Gestaltung der Seiten 75, 241 und 285 Dani Muno und Dirk von Manteuffel

Fotos im Innenteil Camillo Wiz Photography

Abbildung auf S. 97 © The History Collection/Alamy Stock Photo

Glück auf S.160 aus: Hermann Hesse, Sämtliche Werke in 20 Bänden.

Herausgegeben von Volker Michels. Band 10: Die Gedichte.

Copyright © Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002.

Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag, Berlin.

Radwechsel auf S.165 aus: Bertolt Brecht, Die Gedichte.

Copyright © Bertolt-Brecht-Erben / Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2000.

Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag, Berlin.

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages

Umschlaggestaltung FAVORITBUERO, München

Umschlagabbildung und Foto der Autoren Camillo Wiz

Schrift DejaVu Copyright © 2003 by Bitstream, Inc. All Rights Reserved.

Bitstream Vera is a trademark of Bitstream, Inc.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN Printausgabe 978-3-498-03043-8 (1. Auflage 2018)

ISBN E-Book 978-3-644-00237-1

www.rowohlt.de

 

 

Hinweis: Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.

ISBN 978-3-644-00237-1

Fußnoten

Baltes PB, Baltes MM. Gerontologie: Begriff, Herausforderung und Brennpunkte. In: Baltes PB, Mittelstraß J, Staudinger UM (Hrsg.). Alter und Altern: Ein interdisziplinarer Studientext zur Gerontologie. Verlag Walter de Gruyter, Berlin, 1994

Smith R. In search of «non disease». BMJ 2002; 324: 883–885

Baker GT, Sprott RL. Biomarkers of aging. Experimental Gerontology 1988; 23: (4–5): 223–239

Blackburn EH, Epel ES, Lin J. Human telomere biology: A contributory and interactive factor in aging, disease risks, and protection. Science 2015; 350 (6265): 1193–1198

Horvath S, Raj K. DNA methylation-based biomarkers and the epigenetic clock theory of ageing. Nat Rev Genet 2018; 19 (6): 371–384

Baltes PB, Staudinger UM, Lindenberger U. Lifespan psychology: theory and application to intellectual functioning. Annu Rev Psychol 1999; 50: 471–507

Vgl. Niedermüller H, Hofecker G. Lebensdauer: Genetische Determinierung und lebensverlängernde Strategien. In: Ganten D, Ruckpaul K (Hrsg.). Molekularmedizinische Grundlagen von altersspezifischen Erkrankungen. Springer, Heidelberg, 2004

BOLSA: U. Lehr, H. Thomae et al. (Laufzeit: 1965–1981), Längsschnittstudie

Vgl. Baltes PB, Smith J. New frontiers in the future of aging: From successful aging of the young old to the dilemmas of the fourth age. Gerontology 2003; 49: 123–135

BOLSA: U. Lehr, H. Thomae et al. (Laufzeit: 1965–1981), Längsschnittstudie

Jopp DS, Rott C, Boerne K, Boch K, Kruse A. Zweite Heidelberger Hundertjährigen-Studie: Herausforderungen und Stärken des Lebens mit 100 Jahren. Robert Bosch Stiftung, Stuttgart, 2013

Esch T. Die Neurobiologie des Glücks. Wie die Positive Psychologie die Medizin verändert. Thieme, Stuttgart, 2017

Vgl. Brandenburg U, Domschke JP. Altern ist keine Krankheit. In: Brandenburg U, Domschke JP (Hrsg.). Die Zukunft sieht alt aus. Gabler, Wiesbaden, 2007

Mitnitski A, Howlett SE, Rockwood K. Heterogeneity of Human Aging and Its Assessment. J Gerontol A Biol Sci Med Sci 2017; 72 (7): 877–884

Vgl. Kruse A. Das letzte Lebensjahr. Grundriss Gerontologie (Band 21). Kohlhammer, Stuttgart, 2007

Vgl. Höpflinger F, Stuckelberger A. Demographische Alterung und individuelles Altern. Ergebnisse aus dem Nationalen Forschungsprogramm «Alter». Seismo Verlag, Zürich, 1999

Vgl. Höpflinger F, Stuckelberger A. Demographische Alterung und individuelles Altern. Ergebnisse aus dem Nationalen Forschungsprogramm «Alter». Seismo Verlag, Zürich, 1999

Höpflinger F, Hummel C. Hugentobler V. Enkelkinder und ihre Grosseltern: Intergenerationelle Beziehungen im Wandel. Seismo Verlag, Zürich, 2006

Vgl. Höpflinger F, Stuckelberger A. Demographische Alterung und individuelles Altern. Ergebnisse aus dem Nationalen Forschungsprogramm «Alter». Seismo Verlag, Zürich, 1999

Wahl H-W. Die neue Psychologie des Alterns: Überraschende Erkenntnisse über unsere längste Lebensphase. Kösel, München, 2017

Aus: Kruse A. Resilienz bis ins hohe Alter. Springer, Heidelberg, 2015

Heckhausen J, Dixon RA, Baltes PB. Gains and losses in development throughout adulthood as perceived by different adult age groups. Dev Psychol 1989; 25: 109–121

Herschbach P. Das «Zufriedenheitsparadox» in der Lebensqualitätsforschung – wovon hängt unser Wohlbefinden ab? Psychotherapie Psychosomatik Medizinische Psychologie 2002; 52: 141–150

Esch T. Die Neurobiologie des Glücks. Wie die Positive Psychologie die Medizin verändert. Thieme, Stuttgart, 2017

Porger A. Facetten des hohen Erwachsenenalters. In: Vanderheiden E. (Hrsg.). Der Mensch lernt niemals aus! Konzepte und Anregungen für eine Bildungsarbeit im vierten Lebensalter. Katholische Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Mainz, 2005

Vgl. Staudinger UM, Freund A, Linden M, Maas I. Selbst, Persönlichkeit und Lebensgestaltung: Psychologische Widerstandsfähigkeit und Vulnerabilität. In: Mayer KU, Baltes PB (Hrsg.). Die Berliner Altersstudie. Akademie Verlag, Berlin, 1996

Greve W, Staudinger UM. Resilience in Later Adulthood and Old Age: Resources and Potentials for Successful Aging. In: Cicchetti D, Cohen DJ (Eds). Developmental Psychopathology: Volume Three: Risk, Disorder, and Adaptation. Wiley Online Library 2015 (https://doi.org/10.1002/9780470939406.ch21)

Vgl. u.a. Generali Deutschland (Hrsg.). Generali Altersstudie 2017. Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg, 2018

BOLSA: U. Lehr, H. Thomae et al. (Laufzeit: 1965–1981), Längsschnittstudie

BASE: P.B. Baltes, H. Helmchen, E. Steinhagen-Thiessen et al. (Start: 1990), Querschnitt- und Längsschnittstudie (BASE I + II)

Generali Altersstudien: M. Sommer et al., Institut für Demoskopie Allensbach, Generali Deutschland (2013 + 2017), Querschnittstudien

HD 100: C. Rott et al. (HD100-I: 2000–2001), Längsschnittstudie; D.S. Jopp et al. (HD100-II: 2011/2012), Querschnittstudie

NHS: W. Willett, F.E. Speizer et al., Harvard University/USA (Start Kohorte NHS I: 1976; Kohorte NHS II: 1989), Längsschnittstudie

MWS: Cancer Epidemiology Unit, University of Oxford/UK (Start: 1996), Längsschnittstudie

SOEP: J. Schupp et al., Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (Start: 1984), Längsschnittstudie

ESH/Experience(s) of Salience and Happiness: T. Esch et al., Universität Witten/Herdecke (Start: 2017), Querschnittstudie (läuft noch)

www.glueckundzufriedenheit.de

Kotre JN. Outliving the self. Johns Hopkins University Press, Baltimore, 1984

Höpflinger F. Generativität im höheren Lebensalter. Generationensoziologische Überlegungen zu einem alten Thema. Z Gerontologie Geriatrie 2002; 35: 328–334

Erikson EH. The Life Cycle Completed. W.W. Norton, New York, 1982

Vgl. Büsch V. Zitiert in: Niejahr E, Rudzio K. Der Fluch der frühen Rente: Und jetzt? DIE ZEIT (31): 30. Juli 2015

Vgl. Lehr U. Psychologie des Alterns. Quelle & Meyer, Wiebelsheim, 2006

Kruse A, Lehr U. Reife Leistung. Psychologische Aspekte des Alterns. In: Niederfranke A, Naegele G, Frahm E (Hrsg.). Funkkolleg Altern 1. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 1999

Herzlich willkommen zu unserem ersten gemeinsamen Buch «Die bessere Hälfte». Fast egal, wie alt Sie jetzt gerade sind, nach aktuellem Stand der Wissenschaft gilt: Das Beste kommt erst noch. Nicht ganz zum Schluss, aber all die Jahre davor! Die zweite Lebenshälfte ist für die meisten von uns die bessere.

Falls Sie weiterhin glauben wollen, dass Altern nur schrecklich ist, lesen Sie nicht weiter. Allerdings wird Sie die Angst vor dem Älterwerden Lebenszeit kosten. Es geht nicht nur um ein allgemeines Sich-Wohlfühlen – es geht knallhart um Ihre Lebenserwartung. Denn wenn man positive Erwartungen an die zweite Lebenshälfte hat, verlängert das tatsächlich die Spanne um bis zu sieben Jahre. Und noch eine wissenschaftliche Tatsache: Der effektivste Weg, nicht älter zu werden, ist, früh zu sterben. Das wünschen wir aber weder Ihnen noch uns. Worauf können wir uns denn mitten im Leben freuen? Eine fast vermessene Frage angesichts des allgegenwärtigen Jugendkultes.

Aber es ist schlichtweg Quatsch, dass es nach der Jugend nur noch bergab geht. Klar kann einem in der Mitte des Lebens schon mal die Puste ausgehen. Alles stresst gleichzeitig: Beruf, Kinder, Eltern und die ersten körperlichen Macken, die nicht mehr weggehen. Aber haben wir deshalb unseren Zenit schon überschritten?

Nein, sagen wir. Im Gegenteil. Die meisten sind mit 57 zufriedener als mit 17 oder mit 27. Lassen Sie sich überraschen, warum das so sein kann und was dabei hilft.

Aber Moment – wer sind «wir» eigentlich?

Tobias ist Arzt, Wissenschaftler und Visionär im Gesundheitswesen. Er hat an der Harvard Medical School geforscht, über die Neurobiologie des Glücks, und baut gerade an der Privatuniversität Witten/Herdecke eine Ambulanz für integrative Medizin auf – es geht um wirksame Naturheilverfahren, gründliche Anamnesegespräche, Akupunktur und Tai-Chi auf Krankenschein. Eckart hat ebenfalls Medizin studiert, dazu Wissenschaftsjournalismus, und widmet sich seit 20 Jahren der Vermittlung von gesunden Ideen auf den verschiedensten Kanälen von Bühne, Büchern und Fernsehbeiträgen.

Wir lernten uns vor zehn Jahren auf einer Tagung über «Medizin und Meditation» kennen und merkten schnell, dass wir gemeinsame Interessen hatten. Bald starteten wir ein Forschungsprojekt, mit dem wir herausfinden wollten, ob das Internet-Training «glück-kommt-selten-allein.de» auch bei gestressten Callcenter-Mitarbeitern wirkt. Die Ergebnisse wurden in einer internationalen Fachzeitschrift veröffentlicht und zeigten, wie die positive Psychologie im Arbeitsalltag helfen kann. Während der professionellen Zusammenarbeit wuchs unsere Freundschaft. Über Tobias’ Forschungsarbeiten zur Zufriedenheit im Alter und seine überraschende These, dass das Lebensglück zunimmt,

Und deshalb ist dieses Buch ein Gespräch zwischen Tobias, Eckart und Ihnen. Ab jetzt sind wir zu dritt: wir beide, Tobias Esch, Eckart von Hirschhausen, und Sie – als Lesende und Mitdenkende. Wir erzählen Neues aus der Wissenschaft, persönliche Anekdoten, wollen Ihnen unsere Vorbilder für ein gelingendes Reifen und Altern vorstellen und all das, was uns davon selber beschäftigt und betrifft. Wundern Sie sich deshalb nicht, wenn wir neben den Demütigungen beim Brillenkauf und anderen Freuden des Alterns auch Aspekte des Klimawandels und der Nachhaltigkeit ansprechen – es hängt alles miteinander zusammen.

Wir trafen uns bei unseren Müttern, machten Spaziergänge, waren zusammen auf der Kartbahn und meditierten am See, hatten nächtliche Sessions vor dem Computer und standen sehr früh wieder auf, um dieses Buch entstehen zu lassen – so lebendig und lebensnah wie möglich. Wir werfen gemeinsam 99 Jahre Lebenserfahrung in die Waagschale, davon kennen wir uns 20 Jahre, also jeder den anderen zehn Jahre, oder gefühlt ewig, wie das eben so ist, wenn man einen Seelenverwandten trifft. Entstanden ist ein Gespräch über Gott und die Welt, Wissen und Wollen, Mütter und Großmütter und wie man im Alter zufrieden werden kann.

Wir sind und bleiben Ärzte, mit unterschiedlichen Blickwinkeln, Erfahrungen und Expertisen. Wir haben diskutiert, voneinander gelernt, Thesen aufgestellt und wieder verworfen, wir haben uns gestritten und wieder versöhnt, ziemlich beste Freunde eben. Mal fragt der eine, mal der andere. Einig

Ausnahmen bestätigen die Regel, die zweite Lebenshälfte kann und wird nicht für alle die bessere sein. Vor dieser Realität verschließen wir nicht die Augen. Wir sprechen natürlich auch über die unschönen Dinge wie Schmerzen, Depression, Einsamkeit und Schicksalsschläge. Das Thema berührt ganz viele gesellschaftliche Dimensionen, von Pflege über Grundeinkommen und Altersarmut bis zu

Sie können mit diesen Ideen Ihr Leben verlängern und vertiefen. Müssen Sie aber nicht. Sie können sich jetzt erst einmal die Zeit mit uns vertreiben und unserem Gespräch folgen. Was Tobias sagt, ist kursiv. Eckart bleibt gerade. Sie dürfen sich so viele Gedanken dazu, darüber und um die Ecke machen, wie Sie lustig sind. Und vielleicht stellt sich bei Ihnen wie bei uns klammheimlich eine kleine Vorfreude ein auf das, was da noch kommen mag.

Und wenn Sie ab jetzt aus Überzeugung und Lust auf Ihre persönliche Entwicklung alles im Regal stehenlassen, auf dem fett «Anti-Aging» draufsteht, haben Sie bald viel Zeit und noch mehr Geld übrig, um Ihre «bessere Hälfte» voll auszuleben.

Willkommen zu unserem Buch mit Gleitsicht, Weitsicht und Augenzwinkern!

 

Ihr

1

Das Alter ist besser als sein Ruf. Was nicht so schwer ist bei dem Ruf. Halten Sie sich fest: Die allermeisten Menschen werden in der zweiten Hälfte des Lebens zufriedener! Deshalb nennen wir dieses Buch auch provokant «Die bessere Hälfte»!

2

Wer jammert, der ist nie allein. Ein Teil der Verzerrung: Von denen, die still zufrieden sind, bekommt man wenig mit. Aber es gibt sie, und es sind viele. Die Chancen, heute selbstbestimmt älter zu werden, sind so gut wie noch nie. Im Vergleich zu unseren Großeltern leben wir zehn Jahre länger, sind im Schnitt gebildeter, gesünder und körperlich fitter. Und auch reicher. An Geld und Möglichkeiten.

3

Die meisten Menschen sind mit 70 besser drauf als mit 17. Wenn Sie also wissen wollen, wie sich Altern anfühlt, beurteilen Sie es nicht von außen, sondern reden Sie mit den Leuten, die wissen, wie es ist, mit 70, 80 oder 90 zu leben. Altern ist kein Abgesang – Altern ist Leben für Fortgeschrittene.

4

Aus Langzeitstudien wissen wir heute viel über die Psychologie des Alters. Je älter wir werden, desto wahrscheinlicher sind körperliche Einschränkungen. Was aber ebenso stimmt: Je älter wir werden, desto unabhängiger wird unsere seelische Verfassung von der körperlichen. Es gibt auch einen gesunden Geist in einem nicht ganz so gesunden Körper. Viele unserer Vorurteile und Ängste sind schlichtweg unbegründet.

Klar gibt es auch viele Menschen, die leiden: Demenz, Krebs, Schmerzen, Depression und Einsamkeit sind die großen «Stimmungskiller» der zweiten Lebenshälfte. Und die Zeit direkt vor dem Tod ist für viele auch nicht schön. Das wissen wir. Die Medizin kann dabei eine neue Rolle spielen: nicht als «Reparaturbetrieb», sondern als Begleiter, Linderer und Ermöglicher.

6

Mächtiger als die Medizin ist der Alltag. Wir haben mehr Dinge selbst in der Hand, als wir glauben. Wir altern, wie wir gelebt haben. All das, was wir jeden Tag in unseren Köpfen und Herzen tun, bestimmt mit, wie freudig wir auf die bessere Hälfte zugehen. Lebensstil, Engagement und positive Erwartung verlängern nachweislich das Leben! Und das ist gut so, denn das Leben ist oft schön. Und lang. Länger und schöner, als wir denken.

7

Die Phase zwischen 60 und 85 ist länger als die Kindheit und Pubertät, länger als die Ausbildungszeit, länger, als die meisten Menschen am Stück in einem Job verbleiben – warum ist diese lange Lebensphase für viele ein «schwarzes Loch»? Die zweite Lebenshälfte ist kein Loch und auch nicht schwarz. Im Gegenteil: Diese Zeit kann extrem erfüllend sein, heiter und bunt!

Woher das Älterwerden seinen schlechten Ruf hat

 

Warum es sich lohnt, uns aus der Selbsthypnose zu befreien

 

Und: warum wir jünger werden, wenn wir uns mit alten Dingen umgeben

«Werd’ ich noch jung sein, wenn ich älter bin?»

Konstantin Wecker

Tobias, ich habe jetzt eine Brille, und ich muss mich wirklich daran gewöhnen.

Immerhin trägst du sie.

Muss ich, sonst kann ich das Kleingedruckte in deinen Studien nicht mehr lesen. Ich dachte immer, ich hätte Luchsaugen, und plötzlich hat der Typ im Brillenladen mir was von einer «Entspannungsbrille» erzählt. Es war schon ein bisschen lustig, wie er auf Teufel komm raus versuchte, das Wort «Gleitsichtbrille» zu vermeiden. Wahrscheinlich dachte er, Gleitsicht klingt nach Kapitulation vor dem Alter. Das war ein guter Verkäufer, der hätte wahrscheinlich auch Kühlschränke an Eskimos verkauft – schon vor der globalen Erwärmung. Aber meine Frage an dich, alte Brillenschlange: Ist die Brille mein Schuss vor den Bug, bedeutet sie, ab jetzt geht es bergab?

Erst mal: Willkommen im Club! Mit meinem Optiker habe ich genau die gegenteilige Erfahrung gemacht. Vor anderthalb Jahren wollte ich eine neue Brille, und dann sagte er zu mir:

Ab 40 bist du im freien Fall, hat er mir suggeriert, kannst nur noch mit Ersatzteilen und Hilfsmitteln den Status quo halten oder das endgültige Aus hinauszögern. Ein ganz schräges Bild vom Älterwerden. Was ist mit reifen, wachsen und munter durchs Leben gehen? Kein Wort davon, nur die Botschaft: Ab dem 40. Lebensjahr ist biologisch das Ende erreicht – das Haltbarkeitsdatum überschritten.

Dann folgen nur noch … Siechtum. Treppenlift. Wasserdichte Matratze. Was hast du dem Verkäufer gesagt?

Ich hab ihm freundlich nahegelegt, doch mal an seiner Wortwahl zu arbeiten, denn seine Kommunikation sei demotivierend. Ich erzählte ihm von meiner Zeit an der Harvard-Universität in den USA, wo meine Chefs und Kollegen noch mit 75 und 80 ins Büro gekommen sind, und das blitzgescheit, hellwach und vergnügt. Wenn ich denen erzählt hätte, mit 40 hätten sie ihren Zenit überschritten und jetzt komme nur noch das Verwalten der Mängel, dann hätten die mir einen Vogel gezeigt.

Was macht das mit einem persönlich, aber auch mit der Gesellschaft an sich, wenn wir eingebläut bekommen, dass man ab 40 nur noch auf die Rente hin lebt, alles für den

Das Bild, das dein Optiker vom Leben hat, ist tatsächlich sehr verbreitet. Da werden aber oft die Zeit kurz vor dem Tod und die lange Lebensphase davor in einen Topf geworfen. Denn am Ende stehen immer der körperliche Abbau und der Verlust von Fähigkeiten. Dieses Bild überlagert all die guten Jahre. Tatsächlich aber sind wir heute in der Lage, sehr viel länger und gesünder zu leben als jede Generation vor uns. Wir bleiben so lange jung wie nie zuvor, und dieser Trend ist ungebrochen. Bei den heute 90-Jährigen ist die geistige Leistungsfähigkeit höher als die der 90-Jährigen von vor 20 Jahren. Und natürlich sind die heute 90-Jährigen viel fitter als 90-Jährige, die wir selber noch in unserer Kindheit erlebt haben. Aber unsere Vorstellungen, wie ein alter Mensch so ist, werden halt schon sehr früh geprägt. Irrtum. Altern ist heute wirklich etwas ganz anderes. Auch das «Rentenalter». Der Gesundheitszustand eines heutigen 65-Jährigen entspricht in etwa dem eines 55-Jährigen von vor 20 Jahren! So betrachtet ist das Rentenalter nicht auf 63 gesunken, sondern auf biologische 55 Jahre! Das ist doch eine tolle Botschaft! Aber in Deutschland reden wir mit düsterer Miene vom «demographischen Wandel», vom «Methusalem-Komplott», von der «Überalterung der Gesellschaft». Aber die Tatsache, dass wir älter werden, ist doch nicht per se furchtbar. Was wäre denn die Alternative? Früher sterben? Das will ja auch keiner.

Warum reden so wenige öffentlich darüber, wie man

Ja, die scheint es zu geben. Eine Kollegin von mir, die Psychologin Ellen Langer in Boston, hat beispielsweise untersucht, wie unterschiedlich sich Menschen verhalten, je nachdem, in welcher Umgebung sie sind. Sie nannte das «Versuche gegen den Uhrzeigersinn». Dafür versetzte sie Männer im Alter von etwa 80 Jahren mit Hilfe von Möbeln, Tapeten und Musik in die Zeit ihrer Jugend zurück – in ein Ambiente Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre. Tatsächlich blühten viele der älteren Menschen auf, wurden aktiver und beweglicher. Und auch ihr Immunsystem, das Gehör und das Gedächtnis verbesserten sich. Die Männer liefen aufrechter und wurden auch von unabhängigen Beobachtern viel jünger eingeschätzt. Aber vor allen Dingen hatte das neue Lebensgefühl einen Einfluss auf das Befinden: Die Männer waren schlichtweg besser drauf.

Das hat man nicht im Langzeitversuch getestet. Das ist aber auch für unser Thema gar nicht entscheidend: Vielmehr zeigt uns der Versuch, dass wir durch äußere Faktoren das Gehirn dazu bringen können, Alterungsprozesse zu beeinflussen. Aber das Ziel ist natürlich nicht, nur noch in der Vergangenheit zu leben und uns unsere Jugend vorzugaukeln. Spannend ist aber, dass das prinzipiell ginge.

Muss ich jetzt mein Leben lang Neue Deutsche Welle auflegen? Ob es für mein Wohlbefinden dauerhaft gut wäre, «Da Da Da» zu hören, bezweifle ich. Aber es stimmt: Wenn ich an diese Musik, die Feten und die Tanzstile meiner Jugend denke, sind die Erinnerungen an damals sofort wieder da. – Sag mal, geht das auch in die andere Richtung? Bestimmt lassen sich manche Menschen älter machen, als sie sind – vielleicht, indem man ihnen Gleitsichtbrillen aufsetzt?

Es reicht schon, in eine Umgebung zu kommen, die keine Reize bietet, die fade und trist ist, so wie viele Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen. Da gehst du automatisch am Geländer.

… oder am Stock. Und du denkst: Ach, jetzt lohnt es sich auch nicht mehr, eine neue Langspielplatte zu kaufen. Oder einen Mobilfunkvertrag abzuschließen.

Das war ja mein Punkt bei dem Gespräch mit dem Gleitsichtbrillen-Verkäufer: Wie man auf sich und die zweite Lebenshälfte schaut, macht etwas mit einem. Wer hat bei einer negativen Sichtweise denn noch Lust, ein neues Projekt in

Ich habe auch was vor: Ich möchte mal all die Bücher über moderne Alternsforschung lesen, die ich mir zur Vorbereitung auf unser Projekt bestellt habe und die sich jetzt auf meinem Schreibtisch türmen. In letzter Zeit ist echt eine Menge geforscht worden auf diesem Gebiet. Aber erst einmal schreiben wir unser Buch fertig …

Die Chancen stehen gut, dass du noch zum Lesen kommst. Wir alle leben heute viel länger, statistisch zumindest: Vor kurzem sind die aktuellen Zahlen zur Lebenserwartung in Deutschland erschienen, und sie ist erneut angestiegen. Sie beträgt für neugeborene Jungen jetzt 78 Jahre und 4 Monate und für neugeborene Mädchen 83 Jahre und 2 Monate. Eine heute 50-jährige Frau wird statistisch über 80 Jahre alt! Da kommt also noch viel nach dem 40. Lebensjahr! Auch in Bezug auf die Aufgaben, die wir zu erfüllen haben. Es sind für viele von uns, gottlob, wertvolle und wichtige Jahre, die da vor uns liegen. Sicher – nicht für jeden. Altwerden kann aber ganz offensichtlich auch schön sein, etwas, auf das man sich freuen, das positive Dinge beinhalten kann – bei allem Leid und trotz aller Einschränkungen. Zumindest sagen das die Daten unserer Studien und die vielen Interviews, die wir dazu führen.

Und das sind dann wahrscheinlich eher nicht die zeternden Alten hinter den Gardinen oder auf der Straße mit erhobenem Gehstock, die die jüngeren Generationen verfluchen?

Was ist denn das für eine Kultur, die positiven Einfluss auf unsere Gedächtnisfähigkeit hat?

Becca Levy, die Autorin der Studie, betont das Gefühl, gebraucht zu werden, sowie Wertschätzung und Freundlichkeit, die älteren Menschen entgegengebracht werden. Erlebt man Menschen, die mit Stress und Belastungen erfolgreich umgehen, kann man auch selbst davon profitieren. Sie geben ein Beispiel dafür, dass Älterwerden fordernd sein kann, aber nicht zwingend überfordernd. Macht sich stattdessen die Angst vor dem Älterwerden breit, beschleunigt das die Alterung.

Ein weiteres großes Thema: der Respekt vor dem Alter. Eine abgedroschene Phrase, aber dahinter stehen harte Fakten.

Ja, respektiert zu werden vermindert ebenfalls Stress mit all seinen negativen Auswirkungen. Chronisch Gestresste sterben früher.

Das war natürlich ein Schlag ins Gesicht. Aber vielleicht auch seine Art, mir gegenüber Respekt auszudrücken. Ich möchte das mal so stehenlassen.

Dann will ich dir die Illusion nicht nehmen. Aber was ich bei meinem Brillenkauf erlebt habe, ist, wie man durch fehlenden Respekt auf seine Gebrechen reduziert wird. In solchen Momenten wird all das Wissen, das ältere Menschen mitbringen, gar nicht gesehen, geschweige denn wertgeschätzt. Der Mangel gerät in den Vordergrund, und die Chance der Verbundenheit und des Voneinander-Lernens ist vertan.

Und man verkauft weniger Brillen … Ein weiterer Grund für das schlechte Image hierzulande könnte sein, dass ältere Menschen die jüngeren an ihre eigene Vergänglichkeit erinnern – und das macht sie nicht beliebter. Gesellschaften mit einem höheren Anteil von alten Menschen haben häufiger auch ein schlechteres Bild vom Altern. Die Altersforscherin Anna Kornadt sagt: Wenn das Alter nicht mit Gebrechlichkeit gleichgesetzt wird, sondern positiv besetzt ist, bereitet man sich auch finanziell besser auf das

Und das heißt nicht, dass die Alten so sein müssen wie die Jungen …

Ich finde ja Leute tragisch, die meinen, sie müssten Jugendklamotten tragen, um zu überspielen, wie alt sie sind. Dabei sehen sie darin nicht etwa jugendlicher aus, im Gegenteil: Man sieht erst recht, dass das Basecap zu dem faltigen Gesicht nicht mehr so richtig passen mag oder der Hoodie zum gebeugten Rücken – wobei ich die ja auch gerne trage und denke, na komm, eigentlich bist du noch so ein bisschen Student.

Im Sinne des lebenslangen Lernens bist du das ja auch.

Aber muss ich dafür wieder nachts in die Disko oder schlechten Wein trinken?

Ich glaube, dass sich das, was wir unter Glück verstehen, über die Lebenszeit verändert. Das beinhaltet auch, loslassen zu lernen, nicht mehr um jede Sache kämpfen, nicht mehr alles festhalten zu müssen – weder die Jugend noch die Basecaps. Die Fähigkeit unseres Gehirns, sich zu verformen, sodass es Neues speichern und flexibel reagieren kann, nimmt zwar über die Lebenszeit statistisch gesehen ab, aber es ist weniger schicksalhaft als lange angenommen. Für ein junges Lebensgefühl musst du nicht mehr in die Disko gehen oder Fusel trinken. Schon die Erinnerung daran, wie es früher war,

Der dänische Philosoph, der mit «Kierke» anfängt und bei dem ich nie weiß, wie sich die zweite Namenshälfte schreibt oder ausspricht, also, du weißt schon, wer, der sagte: «Leben kann man nur vorwärts, verstehen kann man es nur rückwärts.» Erinnern und Erleben sind nicht dasselbe. Die Erinnerung ist eine Voraussetzung für das Lernen. Gib mir mal ein kleines Fünkchen Hoffnung – erzähl mir, was ich im Alter besser verstehe.