Lars Amend | Daniel Meyer
Dieses bescheuerte Herz
Über den Mut zu träumen
FISCHER E-Books
Daniel ist seit seiner Geburt schwer herzkrank und verbrachte seine ersten fünf Lebensjahre fast ausschließlich in einem Krankenhaus. Seine Lebenserwartung ist nie sehr hoch gewesen, und Daniel weiß, dass jeder Tag sein letzter sein könnte.
Lars Amend begleitet den schwerkranken Jungen. Der ›große Bruder‹ schläft im Gästezimmer, geht mit Daniel in die Schule, zu Ärzten, ins Hospiz. Sie schauen zusammen Champions League und drücken ihrem Lieblingsverein, dem FC Bayern München,die Daumen. Sie teilen ihre Gedanken, Träume und Geheimnisse.
Weitere Informationen, auch zu E-Book-Ausgaben, finden Sie bei www.fischerverlage.de
Daniel ist erst 15. Er weiß, dass er bald sterben wird – und er hat noch so viele Wünsche:
Mal ohne Aufpasser zu sein (Mama, Krankenschwester, Lehrer)
Nach Berlin fahren
In einem tollen 5-Sterne-Hotel übernachten und beim Zimmerservice so viel Schnitzel mit Pommes und Cola bestellen, wie ich möchte
Ein fremdes Mädchen küssen
Einen Liebesbrief schreiben und abschicken (aber nur, wenn ich verliebt bin)
Mit einem coolen Sportwagen durch die Gegend fahren
Mama endlich wieder von Herzen glücklich sehen
Und über alles ein Buch schreiben.
Dann trifft Daniel auf einen, mit dem er sich seine Herzenswünsche erfüllt, und gemeinsam erleben sie, was wirklich zählt im Leben.
Covergestaltung: bürosüd°, München
Coverabbildung: Gaby Gerster
Erschienen bei FISCHER E-Books
© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2013
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-402704-3
Mein Name ist Daniel. Ich bin fünfzehn Jahre alt und gehe in die achte Klasse. In Hamburg, wo ich wohne, haben gerade die Herbstferien begonnen. Wahrscheinlich bin ich der einzige Junge aus meiner Schule, der sich nicht so richtig darüber freuen kann. Es gibt zwar schönere Orte als die Schule, aber dort bin ich wenigstens nicht einsam. Einsamkeit ist das Schlimmste. Ich mag auch meine Klassenlehrerin, weil sie mir immer erlaubt, mich aufs Sofa zu legen, wenn ich mal wieder Sterne sehe. Das passiert ziemlich oft, weswegen mich die anderen Kinder nicht leiden können. Sie würden sich nämlich auch lieber auf den bequemen Kissen ausruhen und aus dem Fenster in den Himmel gucken, als schwierige Matheaufgaben zu lösen. Aber ich mache das nicht absichtlich. Manchmal falle ich einfach so um. Wenn ich rechtzeitig merke, dass mir schwindelig wird, lege ich mich hin, und dann wird alles wieder gut.
Ich habe nicht viele Freunde, eigentlich gar keine. Ich tue immer so, als würde mir das nichts ausmachen, aber einen besten Freund zu haben, das wäre schon schön. Einen, mit dem man alles bequatschen kann. Wenn die anderen Kinder in der großen Pause in den Aufenthaltsraum gehen, um zu kickern oder zu toben, bleibe ich lieber im Klassenzimmer. Da fühle ich mich sicher und habe meine Ruhe. Da ärgert mich keiner. Einmal, als ich unter einem der großen Kissen auf dem Sofa lag, bekam ich mit, wie sich zwei Lehrer über mich unterhielten. Einige Eltern meiner Mitschüler hätten sich beim Direktor darüber beschwert, dass ich oft eine Sonderbehandlung bekäme. Das fänden sie ungerecht. Ich würde diesen Eltern gerne sagen, dass ich auch vieles ungerecht finde, aber ich bin ja nur ein Kind. Nein, ich sage lieber nichts. Diese Eltern haben bestimmt auch viele Probleme und Sorgen, wie meine Mama, und meinen es sicher nicht so. Ich bin nicht böse auf sie, weil sich das im Herzen nicht gut anfühlt.
Wir haben nicht viel Geld, und deshalb muss mein Papa ganz viel arbeiten. Eigentlich ist er mein Stiefvater, aber ich nenne ihn Papa, weil er bei uns wohnt und meine Mama und mich lieb hat. Er baut riesige Kräne und Schiffsruder in einer Werft unten am Hafen. Ich bin sehr stolz auf ihn, weil das eine coole Arbeit ist, mit großen dampfenden Maschinen, die richtig viel Lärm machen und so. Wenn ich nach der Schule vom Hospiz-Krankenwagen abgeholt werde, schmiert Mama belegte Brötchen in einem Café, das direkt neben unserem Friedhof liegt. Die meisten Gäste, die Mama dann bedient, kommen direkt von einer Beerdigung und sind traurig, aber ihr gefällt es dort, weil sie ihre schwarzen Klamotten tragen kann. Schwarz ist nämlich Mamas Lieblingsfarbe. Meine ist blau. Wie das Meer. Wenn ich tot bin, möchte ich an der Ostsee beigesetzt werden. Es ist so friedlich dort. Wie im Himmel. Der ist auch blau.
Mein Sternzeichen ist Fisch, aber ich habe nicht genug Kraft, um lange zu schwimmen. Ich schaffe zwei Minuten. So geht es mir bei fast allem. Wenn ich andere Kinder in meinem Alter sehe, die am Strand mit ihren Hunden herumtollen, dann würde ich so gerne mitspielen, aber ich darf nicht. Mama hat immer Angst, dass mein Herz dann aufhört zu schlagen. Dieses bescheuerte Herz! Aber bald ist es vorbei. Ich habe schon einen Organspendeausweis und alles, was in meinem Körper nach meinem Tod noch funktioniert (ich glaube, das ist nicht viel), soll einem anderen Kind helfen, vielleicht sogar sein Leben retten. Mama ist oft traurig deswegen. Sie nimmt mich dann in den Arm und sagt, dass es einen guten Grund dafür gibt, warum ich es so schwer habe. Sie glaubt nämlich, dass ich vom lieben Gott auf die Welt geschickt wurde, um anderen Menschen Mut zu machen. Bestimmt kam Ester vom Hospiz deswegen auf die Idee, Lars zu mir zu schicken. Ester und Mama tratschen ja immer so viel. Die reinsten Schnatterweiber.
Ich kann mir das gar nicht vorstellen, aber falls ich damit anderen Kindern wirklich eine Freude bereite – sie meine Geschichte lesen und sich danach nicht mehr so traurig fühlen –, dann wäre das so schön, dass mir kein passendes Wort dafür einfällt. Die Eltern der traurigen Kinder dürfen sie aber auch lesen. Alle dürfen sie lesen. Niemand soll ausgeschlossen werden. Das mag ich nämlich nicht, weil es sich nicht gut anfühlt. Ich habe Lars schon gefragt, ob ich das Buch, wenn es fertig ist, in meiner Klasse verteilen darf, und er hat »ja« gesagt. Jetzt muss ich nur noch durchhalten, aber ich werde es schaffen. Ich muss diese Chance nutzen. Das sage ich auch immer zu ihm, wenn wir unsere Abenteuer erleben, und er sich mal wieder nicht traut, hübsche fremde Mädchen für uns anzusprechen. Man muss einfach jede Chance nutzen, die sich einem bietet. Wirklich jede! Man weiß nämlich nie, wann und ob sie einem ein zweites Mal begegnet.
Hätte mein Herz nur ein bisschen mehr Kraft, oh verdammt, ich würde so viel unternehmen. Bis zur Erschöpfung würde ich alles machen, worauf ich Lust hätte – wirklich ALLES. Ich käme gar nicht mehr zum Schlafen, weil es ja so unendlich viel zu entdecken gäbe. Aber das geht leider nicht. Ich habe vom lieben Gott nun mal dieses Herz bekommen und kein anderes. Er wird sich schon was dabei gedacht haben, wie Mama immer sagt, auch wenn das nur schwer zu verstehen ist, weil ich ja nie böse zu ihm war. Trotzdem versuche ich, das Beste aus meiner Situation zu machen. Es ist schwer, und ich schaffe es nicht immer, aber ich gebe mir Mühe. Ich kämpfe. Jeden Tag. Wie ein Samurai. Mehr kann ich nicht tun.
Eine Sache ist mir besonders wichtig: Sag immer, was du fühlst. Wenn du jemanden lieb hast, tief in deinem Herzen, dann sag ihm, dass du ihn lieb hast. Und zwar jetzt und nicht erst morgen, weil du morgen vielleicht nicht mehr am Leben bist. Du kannst es auch mehrmals sagen. Das macht gar nichts. Am liebsten von allen Menschen auf der ganzen Welt habe ich meine Mama. Sie ist immer für mich da. Für sie schreibe ich dieses Buch. Als Abschiedsgeschenk.
Dein Daniel
Morgens um sieben. Das erste gemeinsame Foto mit Lars.
»Wie lange dauert es noch?«, rief ich Ester aus dem Aufenthaltsraum zu. Ich saß ganz nervös am Tisch und nuckelte an meiner Fanta.
»Nicht mehr lange, Daniel, mein Schatz«, lächelte Ester beruhigend, die in Franzis Büro hinter dem Schreibtisch saß.
»Wie lange ist nicht mehr lange?«, wollte ich sofort wissen, weil ich mir darunter nichts vorstellen konnte.
»Gleich, mein Engel.«
»Warum ist er noch nicht da?«
»Weil er nicht fliegen kann.«
Ich darf auch nicht mehr fliegen. Mein Kinderarzt sagt, dass wegen des Drucks, der oben am Himmel herrscht, mein Herz explodieren würde. Ich weiß nicht, ob es wirklich explodieren würde, so richtig mit einem lauten Knall, oder ob es einfach nur aufhören würde zu schlagen. So oder so, ich wäre hinüber. Zuerst hat mir das nichts ausgemacht, weil ich ja nicht wegfliegen wollte, aber dann dachte ich an meine erste Heimat Südafrika, wo ich geboren wurde, und die ich nie mehr wiedersehen würde. Für einen kurzen Moment war ich damals traurig deswegen, aber dann nicht mehr, weil ich es in Deutschland ja viel schöner finde.
»Kommt er mit einem Auto?«, fragte ich.
»Mit dem Zug. Er hat auch gerade eine SMS geschickt. Er steht schon fast vor der Tür.«
»Echt? Krass.«
Ester lächelte mich an und warf mir einen Handkuss zu. Dann klingelte es. Ich dachte nur: Ach, du Scheiße!
Ich lief zu Ester ins Büro und packte ihr Bein. Sie umarmte mich kurz, aber ich hielt es nicht lange an einem Platz aus und rannte in die Küche, zurück ins Spielzimmer und blieb schließlich vor dem Kicker stehen. Sabine und Toni, die beiden Krankenschwestern, lachten schon über mich, aber ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen und begann, gegen mich selbst zu kickern. Ich war so aufgeregt, dass mir die Beine schlackerten. Dann ging die Tür auf. »Laaaaaaars«, kam es so laut aus mir heraus, dass sich alle zu mir umdrehten, aber ich konnte nicht anders und rannte einfach auf ihn zu. Und dann sprang ich direkt in seine Arme. Ich umklammerte ihn ganz fest mit meinen Beinen und Armen, drückte mich an ihn und wollte nie mehr loslassen.
»Na du?«, hörte ich ihn sagen. »Alles klar bei dir?«
Ja, bei mir war alles klar. Er war wirklich gekommen. Es war kein Traum. Ich konnte ihn richtig anfassen.
»Bleibst du jetzt für immer an mir hängen, oder meinst du, ich kann kurz meine Jacke ausziehen? Ist ganz schön warm bei euch.«
Ob warm oder kalt, alles egal. Ich wollte nur, dass dieser Moment niemals vorübergeht. Ester stand mit den anderen vor ihrem Büro, um ihn zu begrüßen, und ich ließ Lars dann doch seine Jacke ausziehen. Er trug eine coole schwarze Lederjacke. So eine wollte ich auch haben.
»Gib sie mir«, sagte ich. »Ich hänge sie neben meine Jacke. Deine Schuhe musst du auch ausziehen. Du kannst sie im Schrank neben meine stellen.«
»Perfekt«, sagte er nur zu mir und zwinkerte mit einem Auge. Dann umarmte er Ester und gab allen anderen die Hand. Ich schaute ihn an, und mein Bauchgefühl sagte mir, dass er kein Fremder war. Im Gegenteil. Es war vielmehr so, als ob wir uns schon immer kennen würden, als ob er nur auf einer langen Reise war und jetzt zurück nach Hause kam. Nach Hause zu mir, Daniel, seinem kleinen Bruder. Mein Herz hüpfte vor Glück. Endlich hatte ich wieder einen großen Bruder. Endlich. Endlich. Endlich.
Am Abend vor Lars’ Ankunft konnte ich vor Aufregung nicht einschlafen. Muh lag neben mir und reichte mir ihren rechten Huf, damit ich ihn drücken konnte. Das machte sie immer, wenn mir die Augen nicht zufallen wollten. Es half nicht. In sieben Stunden musste ich wieder aufstehen, in sechzehn Stunden würde ich Lars zum ersten Mal treffen. Ich brauchte eine Weile, um das in meinem Kopf auszurechnen, aber ich schaffte es. Sechzehn Stunden. Eine kleine Ewigkeit. Wie er wohl sein würde? Mama hatte mir schon einige Fotos gezeigt, aber auf den meisten trug er eine goldene Sonnenbrille, und ich konnte seine Augen nicht erkennen. Ich schaue den Menschen gerne in die Augen. Blaue Augen mag ich am liebsten, weil sie mich an den Himmel erinnern und weil ich selbst blaue Augen habe. Türkise Augen finde ich auch schön. Das Meer, das ich im Paradies gesehen habe, funkelte wunderschön helltürkis. Wer es nicht weiß: Türkis ist eine Mischung aus grün und blau. Ich zog Muh dicht an mich heran und überlegte, dass ich braune Augen auch gerne mochte und dass ich in Wahrheit alle Augenfarben schön fand.
Auf einem Foto stand Lars neben dem Rapper 50 Cent, und ich fragte mich zwei Dinge: 1) ob sie Freunde waren und 2) ob wir auch Freunde sein könnten. Mama hatte mir in den letzten Tagen schon viel über ihn erzählt, aber ich konnte mir kaum etwas davon merken. Dafür war ich viel zu aufgeregt. Mein Herz begann wieder schneller zu klopfen, und ich drehte mich zur Seite und schloss meine Augen. Um mich abzulenken, erstellte ich eine Liste mit meinen Lieblingstieren. Das war gar nicht so einfach, weil es viele süße Tiere gibt, die man gut streicheln kann. Muh, die jetzt hinter mir lag, ist eine schwarz-weiß-gefleckte Kuh. Obwohl ich jeden Abend neben ihr einschlafe, gehören Kühe nicht dazu. Zu meinen Lieblingstieren, meine ich. Hier ist die Liste:
Katzen
Delfine
Hundebabys
Pferde
Elefantenbabys
Ich habe auch ein Elefantenbaby. Es heißt Josi und hat einen langen Rüssel, aber mit ihr kuschle ich nur, wenn ich im Krankenhaus liege. Josi ist mein Krankenhaustier. Zu Hause habe ich Muh, und sie und ich bekamen kein Auge zu. Der kleine Zeiger auf meiner gelben Spongebob-Schwammkopf-Uhr stand auf der Elf, der große auf der Zwanzig. Es waren erst fünf Minuten vergangen, seit meiner Tierliste. Ich schob Muh zur Seite und kletterte die Leiter meines Hochbettes hinunter und schlurfte leise durch den Flur. Mama telefonierte im Schlafzimmer. Das konnte ich hören. Ich linste kurz ins Wohnzimmer. Papa und Rocky (das ist meine Katze) standen nebeneinander auf dem Balkon und rauchten. Also mein Papa, nicht Rocky. Katzen können ja nicht rauchen. Bei der Vorstellung musste ich kichern, aber ich hielt mir schnell die Hand vor den Mund, damit Mama mich nicht hörte. Ich öffnete die angelehnte Tür einen Spalt und sah, wie sie heulend auf ihrem Bett saß. Arme Mama, dachte ich. Ob wieder etwas Schlimmes passiert war? Ich werde jedes Mal ganz traurig, wenn sie weint. Meistens bin ich nämlich der Grund ihrer Tränen. Das ist so gemein, weil ich nichts dagegen tun kann.
Papa schloss die Balkontür, setzte sich wieder aufs Sofa und drehte den Fernseher lauter. Das war gut, denn so konnte ich mich vor der Schlafzimmertür bewegen, ohne dass Mama mich gleich entdeckte. Mein erster Verdacht war, dass sie mit einem meiner Ärzte über einen neuen Befund sprach, da sie aber ganz viele private Dinge über mich erzählte, konnte ich das wieder ausschließen. Außerdem war es dafür schon viel zu spät. Ich hockte mich auf den Boden und nahm Rocky in den Arm, der schnurrend auf dem Weg in die Küche war, bevor ich ihn ergriff. Ich bin der Einzige, der ihn so anpacken darf, ohne Bekanntschaft mit seinen Krallen zu machen. Er war müde und ganz friedlich und ließ sich brav durchs Fell streicheln. Mama erzählte nur von mir, von Südafrika, von meinem Papa, also von meinem richtigen Papa, von meinen vielen Krankheiten, von meiner Schule und immer wieder kullerten ihr die Tränen übers Gesicht.
»Weißt du, mein Daniel hat doch niemanden. Seit der letzten OP geht er nicht mal mehr vor die Tür. Er verkriecht sich nur noch in seinem Zimmer. Und er hat schon wieder fünf Kilo abgenommen, dabei ist er schon so dünn. Es ist schlimm, wirklich schlimm. Ach, ’tschuldige.«
Dann legte Mama das Telefon neben sich und schnäuzte in ein Taschentuch. Rocky miaute, und ich flüsterte »pssst« in sein Ohr, damit er unsere Spionageaktion nicht verriet. Ich musste dringend auf die Toilette Nummer eins machen, aber musste erst noch herausfinden, mit wem Mama telefonierte. Mein Pipi musste warten.
»Daniel war immer ein fröhliches Kind«, erzählte Mama weiter. »Nach der Schule ist er zum Spielen auf den Hof runter, samstags hat er die leeren Pfandflaschen geschnappt, ist die Straße rüber zu Lidl gegangen und hat sie ganz alleine abgegeben. Das war immer sein Stückchen Freiheit. Doch selbst das schafft er heute nicht mehr. Wie oft sind wir früher an den Wochenenden, im Sommer, wenn schönes Wetter war, mit den Fahrrädern auf Tour gegangen. Wir konnten zwar nie weit fahren, weil Daniel dazu keine Kraft hatte, aber immerhin. Alles, was Spaß macht … was ihm Spaß machte, geht heute nicht mehr. Was hat er denn noch vom Leben? Er kann kein Fußball spielen, obwohl er das so gerne würde. Deswegen guckt er sich mit Martin auch keine Spiele mehr an, weil es ihn immer wieder an seine Einschränkungen erinnert. Er hat seinen Schutzmechanismus aktiviert. Nach außen findet er alles langweilig, aber ich sehe doch, wie sein kleines Herz daran zerbricht.«
Mama weinte wieder. Ich konnte das Pipi jetzt nicht mehr zurückhalten, ließ Rocky in die Küche flitzen und ging schnell aufs Klo. Als ich fertig war, ließ ich die gelbe Pfütze in der Schüssel, weil ich keinen Lärm machen wollte, setzte mich wieder neben die Tür und hörte weiter gespannt zu. Der Boden war noch ganz warm von meinem Popo.
»Daniel hatte sechs Herz-OP’s, vier Rücken-OP’s, dazu die Reflux-OP, den Hirnschaden, unzählige Untersuchungen. Fast jede Woche. Das Krankenhaus ist unsere zweite Heimat geworden. Die Zähne wurden ihm gezogen, weil sie durch die vielen Medikamente faul wurden. Alles unter Vollnarkose. Und mit jeder Narkose kam das große Zittern … Niemand wusste, ob sein Herz danach wieder anfängt zu schlagen. Die Operationen waren notwendig, und Daniel hatte immer Glück und wachte wieder auf. Aber seit Mai, seit er dem Tod gerade so von der Schippe gesprungen ist, sind seine Chancen stark gesunken. Jetzt stehen sie 70:30, dass er jede weitere OP nicht mehr überleben wird. Deswegen darf ihm nichts mehr passieren. Er darf nicht hinfallen, nicht stolpern und um Gottes Willen darf er sich nichts brechen. Ach, ich möchte nicht mit ihm tauschen. Sein Leben ist nicht mehr … ich meine … ich sehe ja, wie er eingeht. Mein Sohn hat sich vollkommen zurückgezogen, und die Momente, in denen er nicht mehr leben will, kommen auch immer häufiger.«
Dann sagte Mama nicht mehr so viel, nickte nur noch mit dem Kopf und schniefte in ihr Taschentuch. Mir wurde langweilig, und ich setzte mich neben Papa auf das Sofa. Er spielte Tennis auf der Wii.
»Mit wem telefoniert Mama?«, fragte ich nach einer Weile.
»Weiß nicht«, antwortete Papa. »Aber sie telefoniert schon seit einer Stunde.«
»Okay«, sagte ich und überlegte, wie lange eine Stunde ist, kam aber auf keine genaue Lösung. Die Ärzte sagen, ich habe kein Zeitgefühl. Das würde an den drei Blutgerinnseln in meinem Kopf liegen, vielleicht aber auch an etwas anderem.
»Kannst du nicht schlafen?«, fragte Papa.
»Nein«, sagte ich. »Wegen morgen, wegen Lars.«
Papa schlug den Ball ins Netz. Ich schaute ihm noch etwas zu, aber er hatte keinen guten Tag erwischt und verlor jedes Spiel. So eine Lusche! Er mag es nicht, wenn ich ihn so nenne, deswegen dachte ich es heimlich für mich. Lusche, Lusche, Lusche. Hihi.
Ich ging zurück ins Bad, spülte mein Pipi runter und wusch mir die Hände. Mama saß noch immer mit dem Telefon auf dem Bett. Ich gab ihr einen zweiten Gute-Nacht-Kuss. Sie nahm mich in den Arm, und ich freute mich, dass sie von meiner Spionageaktion nichts gemerkt hatte. Ich kann ziemlich gut schauspielern, wenn ich mich konzentriere. Nur lügen kann ich nicht. Dabei werde ich immer rot. Um ehrlich zu sein, hasse ich Lügen. Die Wahrheit zu sagen, hat außerdem einen großen Vorteil: Man muss sich seine Lügen nicht merken. Ich würde bloß alles durcheinander bringen. Irgendwann kommt ja eh alles raus, und dann wird es nur noch schlimmer. Ich möchte nicht, dass die Menschen, die ich lieb habe, mich anlügen. Deswegen lüge ich sie auch nicht an. Das gehört sich nämlich so.
Mama lächelte mich mit ihren verheulten Augen an, und ich flitzte schnell in die Küche, um meine Tabletten für das Frühstück vorzubereiten. Damit würde ich ihr eine Freude machen, denn normalerweise versuche ich mich immer davor zu drücken. Ich hasse meine Tabletten. Ich hasse sie wirklich. Es sind so viele, und sie schmecken so eklig. Jeden Morgen schreit mich Mama an, wann ich es endlich begreifen würde, dass ich ohne sie nicht leben könne, aber ich denke mir jedes Mal: »Scheiß drauf, sterbe ich eben!«
Mama weckte mich, wie immer, wenn ich Schule habe, um 6.15 Uhr. Grummelig knipste sie das Licht in meinem Zimmer an. Sie kann nachts kaum schlafen, weil Papa ganz laut schnarcht. Deswegen bleibt sie jeden Abend so lange auf der Couch sitzen und spielt mit ihrem Computer, bis ihre Augen von selbst zufallen. Bei uns bleiben nachts alle Türen offen, damit meine Eltern mich im Notfall hören können. Mein Zimmer liegt direkt neben der Wohnungstür, also am anderen Ende des Flurs, und trotzdem kann ich Papas Geschnarche bis zu mir hören.
Mama schlurfte in ihrem Morgenmantel in die Küche und setzte gähnend Kaffee auf. Ich gab ihr einen Kuss, rannte ins Bad, zog dort meinen Schlafanzug aus, wusch den Schlafsand aus meinen Augen, machte Pipi und putzte mir sogar die Zähne. Ich hatte keine Lust auf Ärger. Ich war supergut drauf, packte die Essensbox mit den Käsebroten und dem hartgekochten Ei in meine Tasche und stand mit einem breiten Grinsen fertig angezogen vor Mama.
»Heute ist also der große Tag«, lachte sie und lehnte sich gegen den Kühlschrank.
Ich nickte heftig und wäre am liebsten in die Luft gesprungen, aber dann hätte Mama geschimpft, ich solle mir meine Kräfte einteilen, also schüttelte ich nur mit dem Kopf. Mir wurde etwas schwindelig davon.
»Hier, deine Tabletten.«
Ich nahm die Schachtel und schob sie in meine Tasche, rechts neben die Essensbox. Es war 6.52 Uhr.
»Mama, bekomme ich noch Geld?«
»Zieh dir lieber deine Schuhe an, oder willst du den Bus verpassen?«
Ich schlüpfte in die Schuhe und hielt sie Mama hin, damit sie die Schnürsenkel zubinden konnte. Ich kann das zwar selbst, aber Mama kann es besser.
»Ich brauche Geld für Rewe«, sagte ich.
»Du sollst dir nicht immer Chips kaufen. Du weißt doch, was der Doktor gesagt hat.«
Ich hörte gar nicht zu. Mama gab mir drei Euro. Ich steckte die beiden Münzen in meinen Geldbeutel, öffnete die Haustür und rief: »Tschühüüs«.
»Hast du nicht was vergessen?«, rief Mama zurück.
Ich tat so, als würde ich überlegen, da reichte sie mir auch schon die Tasche mit dem Sauerstoffgerät durch die Wohnungstür.
»Brauche ich heute wirklich nicht«, winkte ich ab. »Mir geht’s gut, Mama.«
»Keine Diskussion, Daniel. Du nimmst deinen Sauerstoff mit und jetzt Abmarsch!«
Na ja, einen Versuch war es wert gewesen. Ich hängte mir die Tasche um die Schulter und ging den kleinen Weg bis hoch zur Straße. Jetzt war es genau 7 Uhr und der Schulbus kam auf die Minute pünktlich um die Ecke gebogen.
Am Eingang der Schule begrüßte ich meine Lehrerin, die sich mit einem Sanitäter unterhielt, und fuhr mit dem Fahrstuhl nach oben. Wegen meines schwachen Herzens darf ich nämlich keine Treppen steigen. Mein Klassenzimmer liegt im ersten Stock, gegenüber den Toiletten.
»Hallo, Daniel«, begrüßte mich Alexej, der als Erster da war, aber ich gab ihm keine Antwort. Ich war noch sauer auf ihn, weil er sich in letzter Zeit mir gegenüber sehr gemein verhielt. Dabei hatten wir uns immer gut verstanden. In den Pausen half ich ihm oft, seinen Rollstuhl zu schieben, und er erzählte mir dafür lustige Schweinkramwitze. Mit Ausdrücken und so. Aber damit war jetzt Schluss. Es ist nämlich so: Ich lese gerne vor. Mir macht das Spaß, aber ich kann es eben nicht so gut. Wenn unsere Deutschlehrerin fragt, wer gerne aus einer Geschichte vorlesen möchte, hebe ich trotzdem meinen Finger. Letzte Woche hörte ich aus seiner Ecke ein Stöhnen: »Nicht schon wieder Daniel. Der liest doch wie ein Baby.« Ich versuchte, mich davon nicht ablenken zu lassen, aber ich mache wirklich noch viele Fehler. Manchmal benötige ich drei oder vier Anläufe, um einen Satz vorzulesen. Alexej rief etwas dazwischen, und die anderen Schüler lachten über mich. Ich wurde traurig und konnte mich nicht mehr konzentrieren und fing an, noch mehr zu stottern, bis ich schließlich gar kein Wort mehr rauskriegte.
Wortlos ging ich an Alexej vorbei, hängte meine Jacke an den Kleiderhaken im Vorraum und schob die Sauerstofftasche an ihren festen Platz unter das Regal mit den Bunt- und Filzstiften. Dann setzte ich mich ans Fenster und hoffte, dass dieser Schultag schnell zu Ende ging und ich endlich ins Hospiz durfte.
Der Grund, warum ich an vier Tagen in der Woche ins Hospiz gehe, ist derselbe, warum ich den Ärzten und Krankenschwestern erlaube, mir Spritzen in die Arme zu jagen: Ich will meine Mama glücklich machen. Es gibt nämlich nur eins auf der Welt, das beschissener ist, als mit fünfzehn an Herzversagen zu sterben, und das ist, ein fünfzehnjähriges Kind zu haben, dem das Herz versagt. Ich mache das alles nur noch wegen Mama. Es klappt nicht immer, aber ich gebe mir Mühe. Noch schlimmer als die Schmerzen sind nämlich die vielen Tränen, die sie jeden Abend heimlich wegen mir vergießt. Sie denkt zwar, ich sehe das nicht, aber ich bin ja nicht blind. Ich sehe und höre alles, was in unserer Wohnung passiert. Auch die lustigen Sachen. Manchmal werde ich nachts wach und höre Mama stöhnen. Dann haben meine Eltern Sex. »Na, hat’s Spaß gemacht?«, grinse ich am nächsten Morgen. Zuerst tut Mama immer so, als wüsste sie nicht, wovon ich spreche, aber dann kann sie sich ihr Lachen doch nicht verkneifen und sagt: »Und wie!« Ich drehe mich dann schnell um und halte mir die Ohren zu, weil mir das peinlich ist. Ich finde das so eklig und will mir das gar nicht so genau vorstellen. Bäh! Wenn normale Paare Sex haben, ist das ja in Ordnung, aber doch nicht die eigenen Eltern! Eines Tages will ich das auch machen. Ich habe schon ein Kondom in meinem Zimmer versteckt. Es liegt in der Kommode, in der zweiten Schublade von oben, in der braunen Box, wo ich meine Walt-Disney-Sammelbilder aufbewahre. Dort findet es Mama nie. Auf der Verpackung steht, dass es noch bis 2015 haltbar ist. Ich muss mich also nicht beeilen. Einmal, als wir alle vor dem Fernseher saßen, habe ich gesagt, dass ich auch gerne mal »ficken« würde. Da hat Mama laut gelacht und gesagt, dass meine Salami dafür noch viel zu klein sei. Leider kann ich niemanden fragen, ob das stimmt, deswegen muss ich es eines Tages einfach selbst herausfinden.
Wenn ich also im Hospiz bin, kann Mama während dieser Zeit in Ruhe arbeiten gehen. Sie muss ja auch für uns Geld verdienen. Nicht nur Papa. Und weil ich niemals alleine sein darf, holen mich dann zwei Leute aus dem Hospiz mit ihrem Krankentransporter von der Schule ab und bringen mich zwischen 18 und 19 Uhr wieder nach Hause. Es ist eigentlich ganz schön dort. Ich kann spielen und zu Rewe gehen, doch hätte ich eine Wahl, wäre ich lieber gesund. Aber es ist schon okay. Ich weiß, dass man sich sein Leben nicht aussuchen kann. Mama sagt immer: Alles kommt, wie es kommt.
Lars gab mir seinen Schal, sein Handy und seinen Geldbeutel, und ich verstaute es neben meinen Sachen. Dann fiel mir sein Koffer auf, und ich wurde böse. Er war erst fünf Minuten hier und hatte schon gegen die Hospizregeln verstoßen. Ich wollte ihm sofort die Meinung sagen, aber dann überlegte ich, dass er es ja nicht wissen konnte. Ich atmete tief ein und aus und beruhigte mich wieder. Lars hatte seinen Koffer direkt neben der großen Trauerkerze abgestellt, was verboten war. Die Flamme wurde zwar durch eine Glaskuppel geschützt, wenn aber sein Koffer umgefallen wäre, hätte er richtig Ärger bekommen. Hauptsächlich von mir. Wir hatten die Kerze für Maike angezündet, die kurz zuvor gestorben war. Die Kerze ist ein Symbol dafür, dass wir sie nicht vergessen und immer noch lieb haben, auch wenn sie jetzt nicht mehr bei uns auf der Erde sein konnte. Auf ihrer Beerdigung haben alle geweint. Ich nicht. Ich weine nicht mehr. Okay, wenn ich richtig viel Angst habe, dann schon, aber das sind andere Tränen. Man kann ja auch vor Glück weinen oder beim Zwiebelschälen. Aber weint man als Kind auf einer Beerdigung, dann machen sich die Erwachsenen gleich unendlich viele Sorgen und fangen selbst an zu weinen, und das möchte ich nicht. Man kann auch ohne sichtbare Tränen weinen. Mir ist das lieber. Maike wurde nur zwei Jahre alt. Ich denke oft an sie, vor allem, wenn es regnet. Dann frage ich mich, ob es ihr im Himmel besser geht? Ganz bestimmt.
Ich rollte Lars’ Koffer auf die andere Seite des Gangs, und als ich in die schöne goldene Flamme schaute, dachte ich an den Tag ihrer Beerdigung. Ich sei so ein tapferer Junge, dass ich mir diesen schweren Weg auf den Friedhof antun würde, sagten die Erwachsenen. Ich nickte nur, damit sie mich in Ruhe ließen. Alles, was ich in dem Moment dachte, war: Wovon bitte reden die? Selbstverständlich gehe ich auf Maikes Beerdigung. Sie war meine Freundin, auch wenn wir nie ein Wort miteinander gewechselt hatten. Das mussten wir auch nicht. Ich hielt sie im Snoozle-Zimmer im Arm, wir lächelten uns gegenseitig an, und alles war okay. Ich meine wirklich okay und nicht so, wenn die Erwachsenen das sagen. Dann ist nämlich meistens gar nichts okay. Viele Eltern schauten mich ganz mitleidig an, als ich an ihrem Grab stand. Meiner Mama fiel das auch auf. Es wissen ja alle Bescheid über mich. Als Mama anfing zu weinen, nahm ich schnell ihre Hand, um ihr zu zeigen, dass ich noch ein bisschen für sie da sein würde. Ja, ich werde sterben. Bald wahrscheinlich. Und jetzt? Ich kann nichts dagegen tun, aber ich brauche kein Mitleid. Das hilft mir nicht. Die Erwachsenen verstehen das aber nicht.
Ich nahm Lars an die Hand und führte ihn überall herum. Im Hospiz gibt es viele verschiedene Räume: die Küche, die Toiletten, das Musik- und Snoozle-Zimmer, die Krankenstation, den großen Spielbereich und den zweiten Stock mit dem Wintergarten. Da können sich die Eltern ausruhen. Normalerweise ist dieser Bereich für Kinder verboten, aber Ester machte eine Ausnahme, weil ich an dem Tag das einzige Kind war und Lars ja wirklich alles zeigen wollte. Er sagte nicht sehr viel. Ich glaube, er wollte nichts falsch machen, so wie die meisten Erwachsenen, aber wenigstens behandelte er mich nicht wie ein Baby. Wir spielten vier Runden Tischfußball, immer bis zehn, von denen ich jede Runde haushoch gewann. Lars war echt eine Lusche. Aber das würde ich ihm schon noch beibringen.
Ich fragte: »Wie lange bleibst du bei mir?«
Er sagte: »Bis Freitag.«
Ich rechnete. Das waren vier Tage. Krass! Und dann lächelte Lars und sagte: »Also, wenn du es so lange mit mir aushältst.«
»Ja, werde ich«, sagte ich schnell. »Ganz bestimmt.«
Die Woche war gerettet.
Schule kann manchmal ziemlich öde sein.
Um 6.15 Uhr klopfte ich leise an seiner Tür. Ich lauschte und zählte bis drei – keine Reaktion. Vorsichtig drückte ich die Klinke nach unten und betrat sein Zimmer. Lars schlief noch. Aus seinem Laptop, der neben dem Bett auf einem kleinen Hocker stand, kam Musik. Nicht sehr laut, aber wenn man ganz ruhig war, konnte man sie gut hören.
»Lars?«, flüsterte ich in seine Richtung. Nichts. Ich ging zwei Schritte auf ihn zu und drückte sachte gegen das Bein, das halb aus dem Bett hing. Jetzt bewegte er sich und grummelte, und ich sagte: »Aufstehen.«
»Jetzt schon?«
»Ja.«
»Fuck!«
Ich antwortete nichts und setzte mich an den Rand seines Bettes. Auf dem Boden lagen zwei Bücher, sein Handy (ein ganz altes) und seine Klamotten von gestern. Ich sah aus dem Fenster, und es war noch ganz dämmrig. Ich wollte so gerne, dass der Tag endlich begann, aber dafür musste Lars erst aufstehen. Ich brauchte ihn ja dazu. Für einen Moment hatte ich Sorge, dass er nicht mit in die Schule kommen würde.
»Bist du noch sehr müde?«, fragte ich.
»Wonach sieht’s denn aus?«, nuschelte er.
»Also, ich bin morgens nie müde«, sagte ich.
»Hmm, schön für dich.«
»Mama möchte wissen, ob du zum Frühstück Kaffee oder Tee trinkst.«
»Espresso.«
»Okay.«
»Lässt du mich noch fünf Minuten schlafen?«
»Okay.«
Ich überlegte, ob ich solange hier sitzen bleiben durfte. Aber ich musste Mama ja sagen, dass er einen Espresso möchte. Und ich war noch im Schlafanzug. Ich wollte trotzdem nicht gehen. Ich blieb sitzen. Dann wurde mir langweilig, und ich ging doch. Mama stand in der Küche und hatte für Lars und mich vier halbe Käsebrote geschmiert. Ich verstaute alles in meiner Tasche. Die würden wir später zusammen essen, am besten in der Pausenhalle, wo uns alle sehen konnten. Aber erst mal musste er aufstehen. Ich ging zurück in sein Zimmer und sagte: »So, die Zeit ist rum. Du musst jetzt ins Bad, sonst verpassen wir den Bus. Und Mama hat keinen Espresso. Ist das schlimm?«
Wie von einem Blitz getroffen, sprang Lars aus dem Bett und machte eine Bewegung, als ob er surfen würde. Ganz kurz, wirklich nur ganz kurz, musste ich an die hohen Wellen und das Meer in Südafrika denken. Dann grinste er mich an und sagte: »Ach, kein Problem. Ich gehe schnell duschen, und dann rocken wir die Show!«
Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach, aber es fühlte sich gut an. Er ging ins Bad, ich in mein Zimmer und fünfzehn Minuten später trafen wir uns in der Küche.
»Guten Morgen, Debbie«, sagte er zu Mama und Mama fragte ihn, ob er gut geschlafen habe.
»Ach, na ja, ich habe einen ziemlich chaotischen Schlafrhythmus. Normalerweise würde ich mich jetzt umdrehen und bis mittags weiterschlafen.«
»Du Faultier«, lachte ich.
Mama lachte auch.
»Da hast du vollkommen recht, Daniel. Ich bin wirklich ein Faultier. Hast du gewusst, dass Faultiere zwanzig Stunden am Tag schlafen?«
»Wird denen nicht langweilig?«
»Im Gegenteil«, sagte Lars und schüttete einen großen Haufen Zucker in seine Tasse. »Das Faultier ist der Buddha der Tierwelt. Die sind so entspannt, dass selbst Raubtiere einfach an ihnen vorbeigehen, ohne sie zu fressen. Ich hab mal gesehen, wie eine riesige Anakonda um ein Faultier herumgeschlichen ist, weil sie dachte, es sei ein Stein. Faultiere überleben, weil sie den ganzen Tag nichts tun. Je weniger, desto besser.«
»Möchtest du von meinen Chips essen?«, fragte ich, weil ich noch eine Packung in meinem Zimmer hatte und sie mit Lars teilen wollte.
»Zum Frühstück?«
»Ja.«
»Nein, danke.«
Mama ging lachend aus der Küche, und Lars schüttete schnell seinen Kaffee ins Waschbecken. Ich machte große Augen und wollte schon nach Mama rufen, um ihn zu verpetzen, aber als er den Zeigefinger vor seinen Mund hielt und »psssst« sagte, atmete ich wieder aus und kicherte nur in mich hinein. Ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte, denn normalerweise erzähle ich Mama ja alles. Ich kann nicht anders. Das steckt ganz tief in mir drin. Selbst wenn ich mich konzentriere, platzt es meistens einfach so aus mir heraus.
»Der Kaffee deiner Mutter schmeckt grauenvoll«, lachte Lars, »aber verrate mich nicht, okay?«
»Okay«, versprach ich, und wir klatschten uns ab.
Als Mama mir die Schuhe zuband, freute ich mich so sehr, dass ich sie in den Arm nahm und ihr sagte, wie lieb ich sie hatte. Es war so aufregend: Lars und ich hatten unser erstes Geheimnis. Das Gefühl war so schön, dass ich die ganze Welt umarmen wollte, aber da gerade nur Mama da war, musste sie daran glauben. Ich zog meine schwarze Jacke an, weil Lars auch mit seiner schwarzen Jacke aus dem Zimmer kam. Er trug eine schwarze Mütze, und ich kramte schnell in meinen Schubladen, um nach meiner schwarzen Wintermütze zu suchen. Mama gab Lars meine Tasche mit der Sauerstoffflasche.
»In eurem Partnerlook seht ihr wie Brüder aus, wisst ihr das?«, rief sie uns hinterher.
Das machte mich stolz.
An der Bushaltestelle setzten wir uns auf die Bank und machten um 7.10 Uhr unser erstes gemeinsames Foto. Ich weiß das so genau, weil wir fünf Minuten zu früh waren, und Lars unbedingt Quatschfotos schießen wollte, mit Grimassen und so. Das war lustig, und zwei ältere Frauen sahen uns an, als wären wir matsche in der Birne. Zuerst war es mir etwas peinlich, aber dann sagte Lars, dass das Leben mit Quatschsalat viel mehr Spaß machen würde als ohne. Dann kam auch schon der Bus. Ich zeigte dem Fahrer meinen Behindertenausweis, und Lars durfte mitfahren, ohne etwas zu bezahlen. Ich bin zu einhundert Prozent schwerbehindert, weswegen ich immer einen Erwachsenen mitnehmen darf. Meistens ist das Mama. Eigentlich immer, weil es ja sonst niemanden gibt. Während der Fahrt sprachen wir nicht viel, denn Lars war noch sehr müde, und ihm fielen ständig die Augen zu, aber ich war trotzdem froh, weil die Leute im Bus auch so merkten, dass wir zusammen gehörten. Als wir vierzehn Stationen später ausstiegen, fragte mich Lars, wie weit wir bis zur Schule laufen müssten, und ich antwortete: »Nicht so weit.«
Vor dem Eingangsbereich der Schule parkten wie immer etliche Transporter vom Roten Kreuz und den Johannitern eng nebeneinander. Ein Rollifahrer nach dem anderen wurde abgeliefert. Normalerweise sitze ich auch in einem dieser Wagen, aber weil Lars da war, durften wir den Linienbus nehmen.
»Kann ich dir was sagen, ohne dass du lachst?«, fragte ich Lars, als wir auf den Aufzug warteten, um in mein Klassenzimmer zu kommen.
»Warum sollte ich lachen?«
»Weiß nicht.«
»Schieß los!«
»Ich habe noch nie die Schule geschwänzt.«
»Du hast WAS noch nie?«
»Noch nie die Schule geschwänzt.«
Der Aufzug kam, und wir stiegen ein. Dann stiegen wir wieder aus.
»Mach dir darüber keine Sorgen«, sagte Lars nachdenklich. »Da wird mir schon was einfallen.«
»Echt?«
»Na ja, das ist zwar nicht so einfach, weil die Lehrer sofort bei deiner Mutter anrufen würden, aber ich verspreche dir, dass wir das schon irgendwie hinkriegen. Wir brauchen nur den richtigen Plan. So wie das A-Team.«
»Geil.«
»So, und jetzt stellst du mich deiner Lehrerin vor.«
Bevor die Stunde begann, trank Lars mit Frau Sommer und Frau Wiebke im Aufenthaltsraum unseres Klassenzimmers einen Kaffee. Thomas, unser Zivi, fragte mich, wen ich da mitgebracht hätte, und ich antwortete so laut, dass es auch ja alle verstehen konnten: »Lars ist MEIN cooler großer Bruder aus Berlin!« Ich konnte die neidischen Blicke meiner Klassenkameraden spüren und grinste in mich hinein. Damit hatten sie nicht gerechnet. Ab sofort war Lars mein Beschützer, und niemand würde mir mehr etwas tun. Ich glaube, Frau Sommer mochte Lars, denn als der Gong zur ersten Stunde ertönte, redeten sie immer noch. Dann stellte sie Lars der ganzen Klasse vor und fragte ihn, ob er nach vorne kommen wolle, um ein bisschen über sich zu erzählen. Ich war so stolz, das kann man sich gar nicht vorstellen. Lars erzählte von Berlin und dass er jetzt bei mir wohne und noch ganz viel mehr. Unsere Lehrerin erlaubte den anderen Kindern Fragen zu stellen, aber nur, wenn sie nicht durcheinanderreden würden. Ich lehnte mich zufrieden zurück, weil ich sah, dass sie ihn genauso toll fanden, wie ich. Aber dann hatte ich plötzlich Sorge, sie könnten ihn mir wegnehmen und beschloss, dass niemand in der Pause mit meinem neuen Bruder reden durfte.
Die Stunde verging wie im Flug. Stefan versuchte sich an Lars anzuschleimen, aber ich machte ihm ziemlich deutlich, dass er das vergessen könne. In der zweiten Stunde schrieben wir einen Englischtest. Lars lag auf dem roten Sofa, das direkt neben meinem Tisch stand. Bei der Hälfte der Fragen half er mir heimlich. Das war schon jetzt der beste Schultag meines Lebens. Im Religionsunterricht sollten wir uns Gedanken über Jesus machen. Als Tim, den wir wegen seiner großen Brille Harry Potter nennen, fragte, ob Jesus, bevor er in aller Öffentlichkeit gekreuzigt wurde, noch geilen Sex gehabt hätte, musste Lars so laut lachen, dass sich alle zu ihm umdrehten. Das war lustig. Dann hatte ich Einzelunterricht in Sport. Ich durfte mir aussuchen, was ich spielen wollte, und ich entschied mich für Tischtennis. Meine Lehrerin gab Lars auch einen Schläger, und so konnten wir zu dritt Rundlauf spielen. Ich hielt ziemlich gut durch, aber als wir im Garten ein Eichhörnchen sahen, machten wir eine Pause, setzten uns leise an das große Fenster und beobachteten, wie es eine Nuss aus dem Boden ausgrub.
Nach der Schule wollte ich unbedingt ins ELBE-Einkaufszentrum. Wir fuhren mit der Rolltreppe in die erste Etage und setzen uns in ein Eiscafé, weil Lars dringend einen Espresso brauchte. Während der ganzen Busfahrt sprach er von nichts anderem. Er bestellte sich auch eine kleine Flasche Mineralwasser und einen frischgepressten Orangensaft mit Kiwi. Ich bekam eine Cola mit einer Extraschale Eiswürfel und ein paar Zitronenscheiben zum Aussaugen. Wir sprachen kein Wort miteinander, bis Lars seinen Espresso bekam. Er trank ihn in einem Zug aus und bestellte sich direkt einen zweiten.
»Ah, tut das gut«, sagte er genüsslich und schaute sich um. »Bist du oft hier?«
»Ja.«
»Cool.«
Mir wurde langweilig, und ich begann mit meinem Handy zu spielen. Lars trank seinen Orangensaft und stapelte ein paar Bierdeckel übereinander. Als der Kellner seinen zweiten Espresso brachte, fragte er, was mir gerade durch den Kopf ginge, und ich antwortete ihm: »Gar nichts.«
Er riss das Päckchen Zucker auf und rührte ihn in seinen Espresso, und ich lutschte an meiner Zitrone herum.
»Gar nichts?«
Ich schüttelte mit dem Kopf.
»Hmm, das ist interessant«, sagte er schließlich, schloss seine Augen und lehnte sich nach hinten gegen das rote Lederpolster. Ich beobachtete zwei ältere Männer, die nebeneinander saßen und sich einen Apfelkuchen mit Sahne teilten. Einer von ihnen hatte eine schwarze Lederjacke an, so wie Lars. Ich würde mir zu Weihnachten auch eine schwarze Lederjacke wünschen, beschloss ich. Nachdem ich meine letzte Zitronenscheibe ausgesaugt hatte und nun an den Eiswürfeln lutschte, öffnete Lars seine Augen und lehnte sich wieder nach vorne.
»Wie schaffst du das?«, fragte er mich. »Ich habe gerade versucht, an nichts zu denken. Es ist unmöglich. Tausend Gedanken und ein riesiges Durcheinander. Also, wie lautet dein Geheimnis?«
Ich begann zu kichern.
Lars trank einen Schluck Wasser und sagte: »Frag mich, woran ich gerade denke!«
»Woran denkst du gerade?«, kicherte ich noch immer.
»Mittagessen.«
»Häh?«
»Keine Ahnung warum, aber das erste, was mir durch den Kopf ging, war das Mittagessen an deiner Schule: Reibekuchen mit Apfelmus und Salat.«
»Vielleicht weil es so gut geschmeckt hat?«
»Kann schon sein.«
»Und vorhin? An was hast du da gedacht?«
Lars hörte jetzt auf zu lächeln und griff nach dem Orangensaft. Fast hätte er das Glas umgeworfen, aber er konnte es gerade noch festhalten. Er nahm einen Schluck und schaute nach oben an die Glaskuppel. Ich folgte seinen Blicken. Man konnte den Himmel durch die Stelle des Daches sehen, aber er war grau und kein sonderlich schöner Anblick. Am liebsten mag ich den Himmel hellblau, ohne Wolken und mit viel Sonne oder ganz schwarz mit vielen Sternen.
»Ich weiß nicht, ob ich dir das erzählen kann«, sagte Lars schließlich. »Ich meine, ob du es verstehen wirst.«
Ich sah ihn an und wartete ab. Lars fuhr sich über den Kopf und sagte: »Also schön. Ich habe diesen Sommer in Rio de Janeiro verbracht. Weißt du, wo das liegt?«
»In Brasilien?«
»Sehr gut.«
»Orangen kommen aus Brasilien.«
»Genau. Weißt du was? Schließ die Augen, damit du es dir besser vorstellen kannst.«
»Was vorstellen?«, fragte ich.
»Meinen Traum.«
»Okay.«
Ich schloss die Augen.
»Stell dir vor, du gehst an einem Sonntagnachmittag in eine Kirche und siehst ein Mädchen, das dich auf den ersten Blick verzaubert«, begann Lars zu erzählen. »Du sitzt dort, schielst heimlich rüber und kannst dich auf nichts anderes mehr konzentrieren. Du überlegst dir tausend Worte, die du zu ihr sagen möchtest, was ein Problem ist, weil du kein Portugiesisch sprichst. Dann schreibst du auf die Rückseite des Gesangsblattes deinen Namen, den Namen eines Cafés, ein Datum und eine Uhrzeit und traust dich sogar, es ihr am Ausgang zu geben. Sie nimmt es und lächelt dich verlegen an. Du gehst weiter in eine Bar, weil du zum Fußballgucken verabredet bist – die Europameisterschaft findet gerade statt – aber deine Gedanken drehen sich nur noch um dieses fremde Mädchen und die eine Frage: Kommt sie morgen? Deutschland spielt gegen Dänemark, und der Barkeeper hat wegen dir extra eine deutsche Flagge aufgehängt. Dir geht es zum ersten Mal seit langer Zeit richtig gut, du lehnst dich zurück und schließt die Augen, um diesen schönen Moment für immer festzuhalten. Plötzlich kommt jemand die Straße entlang gerannt. Es fallen drei Schüsse und neben dir verfärbt sich der Bürgersteig rot. Im gleichen Moment schießt Lukas Podolski das Tor zum 1:0, aber niemand jubelt.«
Lars hörte auf zu reden, und ich fragte, ob ich meine Augen wieder öffnen durfte und trank einen Schluck Cola. Dann schrieb ich Mama eine SMS: Wie geht’s dir? Mir geht’s gut. Hab dich lieb. Lars bestellte sich einen dritten Espresso. Ich überlegte, was ich zu ihm sagen sollte. In seinem Traum gab es zu viele Dinge, die ich mir vorstellen musste. Ich schaffte es nicht, mir alles zu merken. Irgendwann nach diesem Mädchen in der Kirche machte es in meinem Kopf Stopp!
Ich fragte: »Hast du sie wiedergesehen?«
Lars grinste und sagte: »Vielleicht.«
»Komm, sag schon. War sie hübsch?«
»Ja, sehr.«
»Hast du mit ihr Sex gehabt?«
»Hahaha.«
»Hast du sie geküsst?«
»Wer weiß?«
»Mann, ey! Du bist voll blöd. Jetzt musst du’s auch erzählen. Bitte, bitte, bitte, bitte, bitte.«
»Benutz doch einfach deine Phantasie«, sagte Lars. »Wenn ich dir jetzt sage, dass ich mit ihr in der Kiste war, ist doch die ganze Magie der Geschichte verschwunden.«
»Geil, du warst mit ihr in der Kiste. O Mann, wie geil.«
»Hahaha, und jetzt du!«
»Was ich?«
»Jetzt bist du an der Reihe. Ich zähle bis drei und alles, was dir dann durch den Kopf geht, sprichst du laut aus. Ohne darüber nachzudenken. Und dann quatschen wir darüber, wenn du Lust hast. Eins, zwei, drei.«
»Layla.«
»Wer ist das?«, fragte Lars.
»Meine blöde Ex.«
»Erzähl mir von ihr.«
Ich wollte nicht.
»Nee«, sagte ich und spielte an meinem Handy herum. Immer wenn ich an sie denke, geht es meinem Herzen schlecht.
»Du musst ja auch nicht«, sagte Lars.
»Ehrlich nicht?«
»Natürlich nicht.«
»Gut.«
»Ich habe auch eine Ex-Freundin. Sie heißt Saskia und lebt in New York. Wir waren sieben Jahre zusammen.«
»Krass. Warst du traurig, als sie mit dir Schluss gemacht hat?«
»Ja, ich war traurig, obwohl Saskia und ich gemeinsam entschieden haben, uns zu trennen.«
»Hast du sie noch lieb?«
»Ja klar, aber anders als früher. Weißt du, früher war ich in sie verliebt, heute habe ich sie lieb. Das ist ein großer Unterschied. Das ist schwer zu erklären. Sagen wir so: Sie ist immer noch ein wichtiger Teil meines Lebens, obwohl wir nicht mehr miteinander in die Kiste gehen und uns auch nicht mehr alles erzählen.«
»Das verstehe ich nicht.«
»Warst du denn traurig, als Layla mit dir Schluss gemacht hat?«
Ich wunderte mich, woher er das wusste und sagte: »Ja.«
»Wie lange wart ihr zusammen?«
»Zwei Jahre oder so. Vielleicht auch zwei Monate, weiß nicht mehr so genau.«
»Du hast es nicht so mit der Zeit, was?«
»Nein.«
Zuerst wollte ich es ihm nicht erzählen, aber dann erinnerte ich mich daran, dass er mir seine Geschichte auch erzählt hatte. Brüder sollten keine Geheimnisse voreinander haben, aber es war so schwer. Ich wusste nicht, wo ich anfangen sollte und irgendwie war es mir auch peinlich. Auf der anderen Seite hatte ich das Gefühl, dass Lars mich verstehen würde und gab mir einen Ruck.
»Layla hat immer wieder mit mir Schluss gemacht. Ein ewiges Hin und Her. Geknutscht haben wir aber nie, nur Händchen gehalten. Sie hat mich auch ganz doll beleidigt. Es war so schlimm, dass ich geweint habe. Das habe ich ihr aber nie gezeigt. Ich habe immer nur geweint, wenn ich alleine war.«
Dann machte ich eine Pause, weil ich überlegen musste, was mir noch alles einfiel. Ich dachte an meine Mama und plötzlich fiel mir etwas ein, das ich erzählen konnte.
»Laylas Eltern sind geschieden. Irgendwann habe ich ihre Gemeinheiten und ihre ständige Schlussmacherei aber nicht mehr ausgehalten und dann habe ich mit ihr Schluss gemacht. Das fand sie nicht so schön. Ich wollte aber keine Freundin mehr, die böse zu mir ist. Ich habe herausbekommen, dass sie nur mit mir zusammen war, um nicht alleine zu sein. Sie hat mich in Wahrheit gar nicht geliebt. Sie war nur einsam. Deswegen hat sie mich auch oft abends angerufen. Sie hatte ja niemanden außer mir. Aber weil sie mich nicht geliebt hat, so wie ich sie geliebt habe, hat sie mich immer nur geärgert. Sie hat mich benutzt, um sich ihre Zeit zu vertreiben.«
»Willkommen in der Welt der Erwachsenen«, sagte Lars.
»Wie jetzt?«