Herbert Rosendorfer

Die Schönschreibübungen des Gilbert Hasdrubal Koch

Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KG

Kurzübersicht

Inhaltsverzeichnis

Über Herbert Rosendorfer

Herbert Rosendorfer, 1934 in Bozen geboren, war Jurist und Professor für Bayerische Literaturgeschichte. Er war Gerichtsassessor in Bayreuth, dann Staatsanwalt und ab 1967 Richter in München, von 1993 bis 1997 in Naumburg/Saale. Seit 1969 zahlreiche Veröffentlichungen, unter denen die ›Briefe in die chinesische Vergangenheit‹ am bekanntesten geworden sind. Herbert Rosendorfer, Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste sowie der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz, wurde mit zahlreichen bedeutenden Auszeichnungen geehrt, u.a. dem Tukan-Preis, dem Jean-Paul-Preis, dem Deutschen Fantasypreis, dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse und zuletzt 2010 mit dem Corine-Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten. Er lebte seit 1997 mit seiner Familie in Südtirol und starb am 20.9.2012 in Bozen.

Über dieses Buch

Gilbert Hasdrubal Koch, der geheimnisvolle Autor der rund fünfzig »Schönschreibübungen«, betreibt Kalligraphie der philosophischen Art. Er denkt darüber nach, was eine Katze wirklich tut, wenn sie schläft, wer der wahre Erfinder des Zigarettenstummels ist oder wie der vollkommene Park aussieht, und sammelt Reiserufe eines norddeutschen Privatsenders. Und er fragt sich, was es mit Stephen Hawkings, des weltberühmten Physikers, lähmender Krankheit auf sich hat. Er berichtet über einen Freund, der nur Vor- oder Nachwörter liest, und erzählt von den Besuchen György Ligetis bei Johannes Brahms, die bislang wenig gewürdigt wurden. Wir lesen den kurzen Anfang einer langen Roman-Trilogie und werden überrascht mit einer neuen Alfred-Andersch-Anekdote.

Skurril und abgründig, komisch und vertrackt, böse und schelmisch, so kommen die Geschichten dieses Buches daher.

Impressum

Dieses E-Book ist der unveränderte digitale Reprint einer älteren Ausgabe.

 

Erschienen bei KiWi Bibliothek

© 2018 Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln

 

Covergestaltung: Rudolf Linn, Köln

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

 

 

Impressum der Reprint Vorlage

ISBN (eBook) 978-3-462-41220-8

Fußnoten

Der Begriff Häresiarch ist nicht neu. Adolf v.Hannack gebraucht ihn in seinem Buch »Das Evangelium vom fremden Gott: Markion«. (Anm.d.Hrsg.)

Dies ist ein nicht genug zu lobender Schreibfehler meiner Sekretärin. Ich halte den so gewonnenen Titel viel schöner als den ursprünglichen: »Logische Untersuchungen«.

Erica Eyer in alter Freundschaft ymmerdar gewidmet

Vorwort

Ich weiß nicht, ob es heute noch so ist, aber vor einigen Jahren veranstaltete das Deutsche Archäologische Institut in Rom für Interessierte Führungen spezieller Art zu ausgewählten Altertümern. Ich schloß mich oft an, und nach einigen Malen bemerkte ich unter den naturgemäß sonst wechselnden Zuschauern und -hörern einen bestimmten Menschen, einen alten, aber nicht sehr alten Mann, der deswegen auffiel, weil er bei sonst unauffälliger, grauer Kleidung etwas für Rom und die Jahreszeit – die Führungen fanden nur im Frühjahr und Herbst statt – völlig Ungewöhnliches trug: grobwollene Fäustlinge. Er hörte immer aufmerksam zu, stellte allerdings nie eine Frage, redete auch mit niemandem. Nach der Führung verschwand er meist wie vom Erdboden verschluckt. Ja: er hatte etwas Geisterhaftes, wenngleich er, da er immer so dastand mit seinen wegen der unförmigen Fäustlinge flossenartig hängenden Händen, eher wie ein Darsteller in einer Geisterkomödie wirkte.

Ich fragte einmal die Archäologin, die die Exkursion führte, wer der Mann sei. Sie sagte, ihr sei er auch schon aufgefallen, aber sie wisse nicht, wer er sei. Sie habe gehört, wisse aber nicht mehr von wem, er sei »der Russe«. Vielleicht, meinte sie, sei er aber gar kein Russe, womöglich stamme diese Bezeichnung von den Italienern: wegen der Fäustlinge. Das leuchtete ein. Die Fäustlinge hatten etwas Russisches an sich, um nicht sogar zu sagen: etwas Sibirisches.

*

Er verschwand nicht im sozusagen aktiven Sinn, er ging nicht fort, es fiel nur eines Tages auf, daß er schon längere Zeit nicht mehr zu den Führungen gekommen war. War er gestorben?

Er war nicht gestorben. Er war – oder ist – Gilbert Hasdrubal Koch. Vielleicht!

Einige Jahre später hatte ich eine Lesung in Karlsruhe. Bei der Heimfahrt nach München mußte ich in Stuttgart umsteigen. (Kann auch sein, ich übersprang absichtlich einen Zug, um in Stuttgart etwas zu erledigen, vielleicht eine Ausstellung anzuschauen oder dergleichen.) Im Bahnhof sah ich den »Russen«. Ich gestehe: ich sah zuerst die Fäustlinge.

Er saß auf einem Hocker und bot Postkarten mit selbstgefertigten Gedichten an. Ich kaufte vier davon (der Leser findet sie im Anhang zu dem Vorwort) und fragte den Mann, betont neutral, nicht so, wie man einen Bettler fragt, eher quasi von Kollege zu Kollege, ob er früher in Rom gelebt habe. Er verneinte nicht, er tat vielmehr so, als könne er die Frage nicht verstehen. Ich hatte Zeit, der Zug ging erst in einer halben Stunde. (Ich gehe immer viel zu früh zum Bahnhof.) So ging ich in die Bahnhofsbuchhandlung, kaufte ein Buch von mir – die Buchhändlerin erkannte mich zu meiner Enttäuschung nicht – und ging zum »Russen« zurück.

Ich wollte, sagte ich ihm, ein Buch von mir schenken, nachdem ich vier Werke von ihm erstanden hatte, und ob er erlaube, daß ich eine Widmung hineinschreibe (damit wollte ich herauskriegen, wie er heißt).

Der »Russe« reagierte eher reserviert. Er murrte etwas wie: sowenig Platz in seinem Rucksack; und ob ihm das, was ich schreibe, überhaupt gefalle; überhaupt belaste Eigentum; eigentlich lese er nur ausgeliehene Bücher –

»Dann«, sagte ich, »leihe ich Ihnen das Buch, hier ist meine Karte. Sie können es mir gelegentlich zurückbringen. Eilt nicht.«

»Eile könnte ich ohnedies nicht brauchen«, sagte er.

Es war soweit, ich mußte zum Zug.

*

Die Karte, die ich ihm gegeben hatte, war die mit der Adresse meines Universitätsinstituts. (Um nicht hochstaplerisch zu sein: es ist nicht mein Institut, es ist das Institut, an dem ich mittels meiner Honorarprofessur wirken darf.) Nach etwa zwei Jahren gab mir die Institutssekretärin, als ich nach den Semesterferien wiederkam, ein Paket, das für mich abgegeben worden war.

Das Paket enthielt – in ziemlich abgegriffenem Zustand – jenes Buch von mir und ein Bündel Manuskripte: »Schönschreibübungen«. Sie waren durchweg in Sütterlin-Schrift abgefaßt, die kaum jemand mehr lesen kann. Ich schon. Ein Faksimile ist diesem Vorwort beigefügt. In mein Buch, in jenes abgegriffene Exemplar also, war ein Gedicht hineingeschrieben; es ist das fünfte der Gedichte im Anhang. Und zwischen den Seiten fand sich eine Visitenkarte:

GILBERT HASDRUBAL KOCH

DIPL.-EXPERTE

INSTITUT FÜR ANGEWANDTE

PROBLEMLÖSUNG

27442GNARRENBURG

ALTE DREIST 44

Tel: 0 41 17/227

Fax: 0 41 17/22 14

Ich dachte zunächst: Gnarrenburg? Narrenburg? Narrt die Karte? Aber laut Postleitzahlenverzeichnis gibt es den Ort Gnarrenburg, auch das Haus Alte Dreist 44. Am Telephon meldete sich der Niedersächsische Landesverband der Zierschwein-Züchter. Von einem Gilbert Hasdrubal Koch wußte man nichts.

*

Ich bitte höflichst Herrn Gilbert Hasdrubal Koch, sich bei mir oder beim Verlag zu melden, um die Tantiemen abzuholen.

 

Falls sich jemand meldet, der sich der Autorschaft der »Schönschreibübungen« rühmt, also behauptet, der zu sein (oder vielleicht: der ist), der sich Gilbert Hasdrubal Koch nannte, ergibt sich naturgemäß die Notwendigkeit, diese Behauptung nachzuprüfen. Um dies zu können, wird die Vorlage einer Photographie erforderlich sein: ich werde den Mann, auch als älter gewordenen solchen, wiedererkennen. Außerdem habe ich eine ganz kurze, aber prägnante »Schönschreibübung« (die No. XIX, welche Nummer also in der hier herausgegebenen Sammlung fehlt) zurückgehalten. Der Prätendent auf die Tantièmes muß, ehe sie ihm ausbezahlt werden, den Inhalt dieser zurückbehaltenen, nur in Einem Exemplar existierenden, in einem Safe der Südtyroler Sparcassa, Filiale Eppan aufbewahrten Geschichte wenigstens in groben Zügen vortragen, und den alles entscheidenden, markanten, dem wahren Autoren ohne Zweifel im Gedächtnis hängenden Schluß-Satz zitieren können.

 

Herbert Rosendorfer

Girlan, 15.11.1998

Gedicht von Gilbert Hasdrubal Koch

Gestern habe ich meinen Namen verloren

auf der Brücke zwischen Terpichl und Campodrano.

Ich habe nur kurz meinen Namen abgelegt

auf dem Brückengeländer

der Brücke zwischen Terpichl

(mit Betonung auf der ersten Sylbe)

und Campodrano,

den Namen abgelegt,

und dann in Gedanken weitergegangen

und den Namen dort vergessen.

Das fiel mir ein, als ich oben angelangt war,

hoch über der Schlucht,

aber ich war zu müde, um sofort zurückzugehen.

Später dann war der Name nicht mehr da.

Einer der bekanntlich vielen Namenlosen

wird ihn an sich genommen haben,

und der läuft jetzt so herum,

wie ich bis gestern geheißen habe.

Ich sollte mir einen neuen Namen besorgen,

ich fürchte aber,

es rentiert sich nicht mehr.

Gedicht von Gilbert Hasdrubal Koch

Vergeblich rückt man hin und her,

und eine weiße Zeit mag nicht vergehn;

ein Stück Papier, von weitem ungefähr,

in dem die alten Dinge drinnenstehn.

Umsonst hab ich im Buch gelesen,

ich weiß nicht, was Gott sagen will,

auch Er ist früher klüger schon gewesen,

doch leider ist Er immer noch nicht still.

Für nichts hat man zu singen angefangen

Von Lieb und Treu und Stolz und Untergang,

vom kurzen Abschied oder auch vom langen,

s’hat alles nur den dumpfen, hohlen Klang.

Für nichts war es umsonst vergeblich,

umsonst vergeblich, war’s für nichts,

und was man sagt, ist unerheblich,

man hört es nicht am Tage des Gerichts.

Eisenbahnfahrt im November von Gilbert Hasdrubal Koch

Die schwarzen Früchte auf dem kahlen Baum,

sie schauen – Krähen – ohne Rührung her,

vor lauter Nebel sieht man hundert Meter kaum,

das Feld ist braun und meine Laune leer.

Ganz sicher bin ich nicht, ob ich noch lebe;

die Stadt dort, schemenhaft, ist schwarz und grau;

den Becher gibt’s nicht mehr, den ich noch hebe,

und was danach kommt, weiß ich bald genau.

Gedicht von Gilbert Hasdrubal Koch

Letzte Rose

letzte Hose

letzter Riese

letzte Wiese

letztes Hemd

und letzter Zahn

immer fremd –

die letzte Bahn

letzter Wald

und letzte Brücke

läßt dich kalt

bin keine Lücke

letzte Rose

letzte Hose

letzter Zwerg

bin überm Berg

Post Karte

Ich wollte eine Postkarte schreiben,

eine Post-Karte,

eine Post Karte.

Post Karten kommen immer zu spät,

wie schon der Name sagt:

post – lat: nachher.

Sonst müßte sie Ad Tempus Karte heißen.

Ich bin eine Post Karte.

Ich komme immer zu spät.

Wahrscheinlich ist das Himmels Tor

Eben geschlossen worden,

wenn ich komme.

Das Höllen Tor zum Glück auch.

G.H.K.

Schönschreibübung I

Bei Betrachtung der auf dem Fensterbrett schlafenden Katze

Was tut eine Katze? Sie frißt, sie jagt, sie tobt herum, sie lauert. Sie denkt nicht. Natürlich geht in ihrem Gehirn etwas vor, aber wir täuschen uns, wenn wir meinen, sie denke. Sie denkt nicht, denn sie hat keine Begriffe. Denken heißt: Instinkte in Begriffe verwandeln. (Der Denkansatz bei der Entschlüsselung der artificial intelligence, der die Entschlüsselung der natürlichen Intelligenz vorausgehen muß, also die Antwort auf die Frage: haben Computer eine Intelligenz?, ist falsch, weil er an der Begriffseite beginnt. Er müßte an der Instinktseite anfangen.) Ein Bein und der Schwanz hängen übers Fensterbrett herunter. Über die Silhouette erhebt sich nur ein Ohr. Wenn sie weder frißt, jagt, tobt und so fort, schläft sie.

Wecken hieße: sie ein klein wenig töten. Nicht nur die Katze, jedes Lebewesen. Ein gewaltsames oder auch nur durch unberechenbare äußere Einflüsse herbeigeführtes Ende einmal beiseite gelassen, hat jedes Lebewesen, vermute ich, ein zugewiesenes Maß an Lebenskraft, das sich im Lauf seines Lebens verbraucht; und dann erlischt es, das Leben. Wenn das Lebewesen schläft, verbraucht es keine Lebenskraft oder vielleicht nur ganz, ganz wenig. Was es schläft, lebt es länger. Mozart hat so wenig geschlafen, heißt es. Wenn er mehr geschlafen hätte, hätte er vielleicht länger gelebt, aber mehr geschrieben hätte er auch nicht, denn im Schlaf hat er nicht geschrieben, das nicht; unter allen möglichen Umständen hat er geschrieben, aber im Schlaf nicht.

Langgestreckt, schwarz, seidig glänzendes Fell, tief atmend, draußen der leichte Nebel auf der herbstlichen Wiese. Nicht wecken: sie verlängert grad ihr Leben.

Schönschreibübung II

Es ist schon viele Jahre her. Es war die Zeit, in der gewisse Goldmünzen – Krüger-Rand aus Südafrica – hoch im Kurs standen. Die Bankfiliale lag neben dem Polizeirevier. Trotzdem telephonierte der Filialdirector. Nicht der Filialdirector hatte den Mann bedient, sondern eines von den jungen Mädchen, eine Angestellte am Schalter. Aber: bedienen konnte man das nicht so einfach nennen. Der Mann war dem Fräulein – die Bank sieht auf’s Äußere bei ihren Angestellten, auch jüngere solche müssen so angezogen sein, daß sie als Fräulein wirken – sofort verdächtig vorgekommen. Der Mann war, wie man so sagt, abgerissen. Er stank auch. Er sah aus wie einer, der unter den Brücken schläft. »Einen Moment«, sagte das Fräulein und rannte hinter zum Filialdirector. »Was will der Mann?« fragte der Filialdirector. »Er will einen Krüger-Rand verkaufen«, sagte das Fräulein. Ein Krüger-Rand war damals seine tausend Mark wert, und tausend Mark waren damals mehr als heute. »Sagen Sie dem Mann«, sagte der Director, »daß Sie erst den Kurs rückfragen müßten. Schauen Sie, daß er den Krüger-Rand da läßt. Sagen Sie, er soll in einer halben Stunde wiederkommen.« Der Mann nickte sanft, als ihm die Angestellte, das Fräulein, sagte, er solle in einer halben Stunde wiederkommen. Es war ein alter Mann, aber es kann auch sein, er war gar nicht so alt, wie er aussah. Den Krüger-Rand ließ er nicht da.

Der Polizist kam herüber, nachdem der Director telephoniert hatte. Er ging gleich nach hinten zum Büro des Directors. Er kannte den Weg. Das Verhältnis war gut, gutnachbarlich zwischen Bankfiliale und Polizeirevier. Ab und zu kamen die Polizisten herüber. Die Fräulein waren – zumindest einige von ihnen – hübsch, und es gab Kaffee. »Dafür sind wir die Bankfiliale, die sicher nie überfallen wird«, sagte der Director. Aber heute gab es keinen Kaffee. Der Polizist war dienstlich herübergebeten worden. »Der Mann kommt nicht wieder«, sagte der Polizist. Aber der Mann kam wieder. Als er nach hinten gebeten wurde und den Polizisten sah, lachte er.

»Hier«, sagte der Mann, »ist mein Paß. Ein gültiger Paß. Ich kenne das. Ich habe gleich gewußt, daß ein Polizist da sein wird, wenn ich in einer halben Stunde wiederkomme. Das ist immer so.«

»Verkaufen Sie oft Krüger-Rand?« fragte der Director.

»Das ist der vierzehnte«, sagte der Mann, »und der letzte.«

Indessen prüfte der Polizist den Paß und fand ihn nicht zu beanstanden. Danach hatte sich auch der Polizist wieder gefangen und begann etwas, das man vielleicht ein Verhör nennen kann.

»Wo haben Sie diese Krüger-Rand her?«

»Eigentlich«, sagte der Mann, »geht Sie das nichts an. Sie gehörten alle mir. Der gehört noch mir. Ich habe sie gekauft.«

»So«, sagte der Polizist, »gekauft. Und wovon? Von welchem Geld?«

»Von meinem Geld«, sagte der Mann und lachte wieder. Statt einer Frage schaute der Polizist mit hochgezogenen Augenbrauen den Mann von oben nach unten an, ließ den Blick langsam wandern.

»Ich weiß«, sagte der Mann, »ich schaue nicht aus wie einer, der soviel Geld hat, daß er vierzehn Krüger-Rand kaufen kann. Nehmen Sie mein Aussehen als mein Steckenpferd.«

Das Mißtrauen und der Verdacht, die sowohl den Polizisten als auch den Bankdirector professionell angeweht hatten, waren noch nicht verflogen, aber die Ausdrucksweise, die – wie die beiden sagen würden – gepflegte Redeart des alten Mannes (Gegensatz zum ungepflegten Äußeren) paßte nicht zu dem Verdacht, konnte nicht damit – um ein Denk- und Sprechmuster des Polizisten zu gebrauchen – in Übereinstimmung gebracht werden. Ein Aussteiger also. Nicht einer, der früher bessere Tage gesehen hatte, durch verschuldete oder unverschuldete Umstände heruntergekommen war, plötzlich abgestürzt oder von Stufe zu Stufe gesunken, so einer redet anders, sondern einer, der freiwillig alles drangegeben hat. Kommt vor.

»Sie sind ein Aussteiger?« fragte der Polizist.

»So kann man es nennen.«

»Und was waren Sie früher? Bevor Sie ausgestiegen sind?«

»Ich könnte Sie«, sagte der Mann, »jetzt fragen: mit welchem Recht verhören Sie mich? Und mit welchem Recht halten Sie mich hier fest? Ich antworte Ihnen gleich: mit gar keinem. Ich habe nämlich nichts getan. Aussteigen ist nicht verboten. Einen Krüger-Rand verkaufen, der mir gehört, ist auch nicht verboten. Aber ich antworte Ihnen trotzdem, weil ich weiß, daß Sie am längeren Hebel sitzen. Schon physisch. Ich habe mich ja schließlich freiwillig in eine Situation begeben, in der einer wie Sie mir gegenüber am längeren Hebel sitzt.«

Der Polizist verstand nicht ganz, was der alte Mann meinte; der Filialdirector auch nicht. »Ich antworte Ihnen also. Sie fragen: was ich früher gemacht habe? Sie haben doch meinen Paß in der Hand. Sie haben meinen Beruf gelesen.«

Der Polizist schlug nochmals den Paß auf, zeigte ihn dann dem Filialdirector. »Den Paß müssen Sie mir auch zurückgeben. Und ich bitte darum. Sofort.« Der Polizist zögerte, nur einen ganz kleinen Moment zögerte er; es war der Moment, in dem der alte Mann das innere Übergewicht über Polizist und Filialdirector bekam. Der Polizist reichte dem Mann seinen Paß. »Doktor jur., selbständiger Unternehmer«, murmelte der Polizist, dann sagte er laut, in bereits etwas devotem Ton: »Sind Sie … wie soll ich sagen … sind Sie …«, es fiel ihm ein, wie er es sagen sollte, sein Gesicht erhellte sich, »… sind Sie auf Safari?«

Der alte Mann lachte. »Nein, ich bin nicht auf Safari. Ich bin auf der Flucht. Ich bin nicht auf der Flucht vor der Polizei oder irgend etwas in der Richtung. Ich bin nicht auf der Flucht von Schulden und Gläubigern. Ich bin auf der Flucht vor viel Schlimmerem: ich bin auf der Flucht vor einem verfehlten Leben.«

»Aber –«, stotterte der Director, »– wieso verfehltes Leben: als Doktor jur. und Unternehmer …?«

»Ja? Und? Sehen Sie, meine Herren, Sie werden es auch schon erlebt haben: es gibt Punkte im Leben, die sind wie Weichen bei der Eisenbahn. Man kann sie so stellen oder so. Und je nachdem, wie man sie stellt, fährt der Zug hierhin oder dorthin. Es kommt darauf an, daß man diese Weichen richtig stellt. Aber das ist sehr schwer, denn meistens erfährt man erst viel, viel später, was die richtige Richtung gewesen wäre, und was die falsche war. Und jede Weiche, die man falsch stellt, führt weiter von der richtigen Strecke weg. Nur selten gelingt es, eine Weiche so zu stellen, daß der Zug ein wenig auf die richtige Richtung hin zurückfährt. Ja.« Der Mann sprach immer leiser. »Und zum Schluß fährt der Zug, in dem man sitzt: hier, und die richtige Richtung, das richtige Geleis ist weit, weit drüber, jenseits der Sieben Berge –«

»– und bei den Sieben Zwergen«, lächelte der Director um zu dokumentieren, daß er verstanden hatte. Ganz hatte er aber nicht verstanden, der Polizist schon gar nicht.

»Ich habe«, fuhr der Mann fort, »so ziemlich alle Weichen in meinem Leben falsch gestellt. Wo die eigentliche Gleisstrecke liegt, kann ich nur noch ahnen. In meinem Alter. Zu versuchen, den – abgesehen davon: immer schneller fahrenden – Zug der fernen, wahren Strecke jenseits der Sieben Berge anzunähern, ist aussichtslos. Außerdem: auch das werden Sie selber noch erleben, Sie sind ja viel jünger als ich, werden die Weichen im Lauf des Lebens zunehmend weniger: die Punkte, an denen man die Richtung seines Lebens ändern kann. Nein, es blieb mir nichts anderes übrig, als vom Zug überhaupt abzuspringen.« Eine Pause entstand. Der Director räusperte sich.

»Das klingt … wie soll ich sagen, wie … so etwas wie ein Märchen oder fast kirchlich, wenn Sie die Bemerkung erlauben, Herr Doktor. So ungefähr verstehe ich es nun auch – Sie erzählen es sehr schön, fast poetisch, möchte ich sagen –«, sagte der Polizist.

»Ja, ja«, sagte der Mann, »ich bin geübt darin. Jedesmal, wenn ich einen Krüger-Rand verkauft habe, mußte ich die Geschichte erzählen. Ein paarmal auf spanisch, auf französisch und auf italienisch.«

»Das können Sie alles?« fragte der Polizist.

Der alte Mann zuckte mit den Schultern.

»Aber –«, sagte der Director, »ich meine, wenn Sie die Frage erlauben … es ist doch seltsam … wie haben Sie … das heißt: was haben Sie …?«

»Ich habe«, sagte der alte Mann und setzte sich so zurecht wie einer, der genug geredet hat und aufstehen will, »meine Sekretärin mit einer Vollmacht zur Bank geschickt, habe ihr eingeschärft, vierzehn Krüger-Rand und ein paar tausend Mark in bar mitzubringen – sie hatte keine Ahnung, wofür das war –, habe meinen Paß aus der Schublade meines Schreibtisches genommen, habe Bargeld, Krüger-Rand und Bares eingesteckt und habe das Haus, das ist: meine Firma, verlassen. Ich habe mir nicht einmal die Mühe gemacht, die Schublade wieder zuzumachen.«

»Haben sich in’s Auto gesetzt und …«

»Nein«, unterbrach der Mann, »ich bin gegangen. Zu Fuß. Zur Tür unten hinaus, die Straße hinunter, stadtauswärts. Es war ein mäßig schöner Sommertag und warm.«

»Ach«, sagte der Director, und dann: »Und was ist aus Ihrer Firma geworden?«

»Weiß ich nicht.«

»Und Ihre Frau? Ihre Kinder?«

»Weiß ich nicht.«

»Haben die Sie nicht suchen lassen?«

»Ich nehme an: ja. Aber sie haben mich jedenfalls nicht gefunden. Ich habe übrigens Grund zur Annahme, daß meiner Frau und selbst meinen Kindern meine Existenz erst dann wirklich aufgefallen ist, als ich fort war. Ich nehme an, daß der ältere Sohn versucht hat, die Firma weiterzuführen, obwohl er nichts davon versteht. Vielleicht haben sie die ganze Klitsche auch verkauft.« Der Mann lachte. »Das wird ein juristisches Gewürge gegeben haben! Aber mit Sicherheit kann die Familie von dem Erlös gut leben, wenn sie sich nicht allzusehr über’s Ohr haben hauen lassen. Na ja. Vielleicht … vielleicht haben sie mich auch für tot erklären lassen inzwischen. Das ist immerhin jetzt acht Jahre her.«

»Und wo waren Sie überall, Herr Doktor, wenn ich fragen darf? Sie müssen interessante Dinge erlebt haben?«

»Ich war … dort und da. Erlebt habe ich nichts. Ich habe gelebt. Ich lebe noch. Aber jetzt: ich sitze seit heute früh auf dem Trockenen. Der Krüger-Rand.«

Der alte Mann legte die Münze auf den Schreibtisch des Directors. »Den heutigen Kurs werden Sie ja wohl mittlerweile eruiert haben.«

Der Director schaute zum Polizisten, der Polizist schaute den Director an. Dann sagte der Polizist zu dem alten Mann: »Das kann alles wahr sein und nicht auch. Ich weiß nicht recht. Geben Sie mir noch einmal Ihren Paß?«

Der Mann reichte dem Polizisten den Paß, der Polizist stand auf, sagte: »Bin gleich wieder da«, und ging hinüber in die Inspektion. »Darf ich Ihnen«, sagte der Filialdirector, »eine Tasse Kaffee anbieten?«

»Ich sage nicht nein«, sagte der Mann.

Sehr bald kam der Polizist zurück. Er machte eine Geste: alles in Ordnung, reichte dem alten Mann den Paß und salutierte. Das Übrige war vorbereitet. Der Krüger-Rand wechselte den Eigentümer, der alte Mann bekam sein Geld und unterschrieb.

»Ja, dann!« sagte der Filialdirector.

»Und danke für den Kaffee«, sagte der Mann.

»Da werden Sie ja bald einen besseren Kaffee haben – wenn Sie zurückkehren … nach Hause … nachdem das der letzte Krüger-Rand war?«

»Zurückkehren?« fragte der Mann.

»Was werden Sie sonst machen, wenn das Geld da, das Sie bekommen haben, verbraucht ist?«

»Wie gesagt: vielen Dank für den Kaffee«, sagte der Mann und ging rasch.

»Alles in Ordnung«, sagte der Polizist, setzte sich zum Director, bekam jetzt doch eine Tasse Kaffee, »kein Anlaß für ein Eingreifen. Der Paß ist gültig. Zuletzt vor drei Jahren vom deutschen Konsulat in Rabat verlängert.«

»Zu der Zeit können sie ihn noch nicht für tot erklärt gehabt haben.«

»In drei Jahren kann viel passieren. Ich habe eben die Fahndungen abgefragt: er wird nicht gesucht, ist nicht zur Festnahme ausgeschrieben, es liegt nichts vor.«

»Aber der Familie hätte man doch vielleicht Bescheid sagen sollen …«

»Das ist nicht unsere Aufgabe. Machen Sie’s doch.«

»Ich bitte Sie: das Bankgeheimnis!«

»Eben. Sehen Sie. Und Datenschutz! Und et cetera.«

Der Polizist trank seinen Kaffee aus. »Dann werde ich wieder … und einen schönen Tag noch …«

»Einen Moment: was macht er, wenn das Geld verbraucht ist? Nach Hause zurück will er nicht, hat er gesagt.«

Der Polizist hob die Arme, ließ sie sinken.

»Aber …« sagte der Director.

»Das ist nicht strafbar. Bevor er’s getan, schon überhaupt nicht. Und woher soll man wissen …«

»Ja, da haben Sie recht: woher soll man wissen.«

Als der Polizist ging, trat auch der Director vor die Tür der Filiale und schaute in die Richtung, in der der alte Mann verschwunden war.

Schönschreibübung III

Wieviel Mühe verwende ich nicht darauf, die Gerüste meines Hauses aufrecht zu erhalten. Meines Hauses? Ich habe kein Haus. Das Possessivpronomen rechtfertigt sich allenfalls durch die Tatsache, daß ich in diesem Haus wohne, man könnte auch sagen: geduldet bin. Wem das Haus gehört, weiß ich nicht. Warum die Gerüste an dem Haus stehen, weiß ich auch nicht. Ich fühle mich aber verpflichtet, die Gerüste aufrecht zu erhalten. Manchmal komme ich mir dabei vor, als beherrsche mich ein Aberglaube: daß das Haus zusammenstürze, wenn die Gerüste nicht blieben. Auf allen vier Seiten hat das Haus Gerüste. Das war nicht immer so. Ich kann mich noch daran erinnern, daß das Haus früher überhaupt nicht eingerüstet war. Das ist viele Jahre her. Dann kamen eines Tages mehrere Männer in blauen Arbeitsanzügen und Hosenträgern und stellten an der einen Seite des Hauses ein Gerüst auf. Ich selber, behaupteten die Männer, habe das Gerüst bestellt. Sie kassierten auch bei mir. Einer der Männer, der, der sich nach dem Aufstellen des Gerüstes als letzter entfernte, der kleinste von ihnen, sagte mir leise (vielleicht sollten es die anderen nicht hören): möglicherweise habe ich zwar das Gerüst nicht bestellt, aber nichts unternommen, um das Gerüst abzubestellen. Er sagte es so, als solle das ein Trost sein.

Im Laufe der Zeit kamen die Gerüste für die anderen drei Seiten. Die Männer, die die Gerüste aufstellten, wechselten. Beim Aufstellen des vierten Gerüstes half wieder der Kleine vom ersten Mal. Er sagte diesmal nichts. Er wirkte viel älter, aber ich erkannte ihn doch.

Das Gerüst besteht aus eisernen Trägern, aus Brettern und Balken. Zusammengehalten wird es durch Metallschellen. Das Holz ist verwittert, das Metall verrostet. Man kann nicht mehr gefahrlos über die Bretter gehen. Ich muß bei jedem Schritt prüfen, ob das nächste Brett noch trägt. Einzelne Schellen sind schon so weit verrostet, daß die Schrauben herausgefallen sind. Ich verbinde die betreffenden Stellen mit Stricken, so gut ich kann. Wenn ein Balken so weit durchgefault ist, daß er hinunterbricht, dann suche ich an irgendeiner anderen Stelle der Gerüste einen Balken, der noch gut ist und dort entbehrlich, und setze ihn anstelle des verfaulten ein. Das ist schwierig und wird, wie man sich denken kann, immer schwieriger.

Es ist kalt. Es gibt keinen Sommer mehr. Der letzte Sommer, der auch schon kühl und verregnet war, liegt viele Jahre zurück. Jetzt zieht sich der Winter bis in den Mai hinein hin, dann kommt ein Frühling, der keine Hoffnung mehr bringt und schon im Juli in einen nebligen Herbst übergeht. Ende August beginnt der nächste Winter. Die Kälte konserviert die Bretter und Balken etwas, das heißt: in der Kälte verlangsamt sich der Fäulnisprozeß, aber die Verrostung der Metallteile wird durch sie beschleunigt. Oft ist es so kalt, daß man die Gestänge nicht anfassen kann. Die Bretter und Balken sind vereist. Zweimal bin ich schon abgestürzt. Ich wundere mich, daß ich die Stürze überlebt habe.

Ich möchte gern in