Roberto Bolaño
Die Eisbahn
Roman
Roman
Aus dem Spanischen von Christian Hansen
FISCHER E-Books
Roberto Bolaño wurde 1953 in Santiago de Chile geboren, lebte in seiner Jugend lange in Mexiko-Stadt und siedelte später mit seiner Familie nach Spanien um. Dort starb er 2003, im vergeblichen Warten auf eine Lebertransplantation, als er gerade an seinem Meisterwerk »2666‹«arbeitete.
Zuletzt erschienen erstmals auf Deutsch bei S. Fischer die Romane »Der Geist der Science-Fiction« (2018) und »Monsieur Pain« (2019).
Christian Hansen, 1962 in Köln geboren, lebt in Berlin und Madrid. Er übersetzt u.a. Werke von Roberto Bolaño, José Pablo Feinmann, Juan Goytisolo, Amin Maalouf, Alan Pauls, Sergio Pitol, Guillermo Rosales und Vizconde de Lascano Tegui.
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de
Nuria ist Eiskunstläuferin. An ihrer leuchtenden Schönheit perlen alle Adjektive ab. Jedenfalls denken das drei Männer, die alles für sie geben. Als sie aus der Nationalmannschaft ausgeschlossen wird, veruntreut einer von ihnen Geld. In einer baufälligen Villa legt er davon eine Eislaufbahn an, nur für sie. Der zweite beobachtet das argwöhnisch, der dritte verzehrt sich vor Eifersucht. Am Ende liegt eine Leiche auf dem Eis. Wer von dreien weiß alles?
»Die Eisbahn« ist der erste veröffentlichte Roman von Roberto Bolaño, die Ankündigung seines Meisterwerks »Die wilden Detektive«. Geschrieben hat ihn Bolaño heimlich als Nachtwächter auf einem Campingplatz an der Costa Brava. Wie eine Figur im Roman war er ein Dichter aus Mexiko, der auf die düsteren Erzählungen in seinem Innern lauschte.
Erschienen bei FISCHER E-Books
Die Originalausgabe erschien 1993 unter dem Titel
»La pista de hielo« bei Editorial Anagrama, Barcelona.
Premio de Narrativa ›Ciudad de Alcalá de Henares 1992‹
Copyright © 1998, Roberto Bolaño
All rights reserved.
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2021 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main
Covergestaltung: Hissmann, Heilmann, Hamburg
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-490992-9
Unión General de Trabajadores, spanische sozialistische Gewerkschaft.
Comisiones Obreras oder offiziell Confederación Sindical de Comisiones Obreras, spanische kommunistische Gewerkschaft. [A.d.Ü]
Wenn ich leben soll, dann ohne Steuer und in Raserei.
Mario Santiago
Remo Morán
Das erste Mal traf ich ihn in der Calle Bucareli in Mexiko, also in meiner Jugend, in der verschwommenen und ungewissen Zone, die den eisernen Dichtern gehörte, in einer Nacht unter dichtem Nebel, der die Autos zum Langsamfahren zwang und die Passanten veranlasste, das für jene mexikanischen Nächte – zumindest so weit ich mich erinnern kann – höchst ungewöhnliche Wetterphänomen mit belustigter Verwunderung zu kommentieren. Noch bevor man ihn mir an der Tür des Cafés La Habana vorstellte, hörte ich seine Stimme, dunkel, wie Samt, das Einzige, was sich über die Jahre nicht verändert hat. Er sagte: Das ist eine Nacht, wie für Jack gemacht. Womit er auf Jack the Ripper anspielte, aber der Klang seiner Stimme rief Länder ohne Recht und Gesetz ins Gedächtnis, in denen alles geschehen konnte. Wir waren allesamt jung, jugendliche Draufgänger allerdings, und Dichter und amüsierten uns prächtig. Der Unbekannte hieß Gaspar Heredia, Gasparín für Freunde und willkürliche Feinde. Ich erinnere mich noch an den Nebel unter den Drehtüren und an die Anzüglichkeiten, die hin und her flogen. Die Gesichter und Lichter waren kaum auszumachen, und die in jene Stola gehüllten Leute wirkten energiegeladen und unbedarft, bruchstückhaft und unschuldig, wie wir es ja tatsächlich waren. Jetzt sind wir tausend Kilometer weit weg vom La Habana, und der Nebel, wie gemacht für Jack the Ripper, ist noch dichter als damals. Von der Calle Bucareli in Mexiko zu Mord und Totschlag!, werdet ihr denken … Diese Erzählung möchte den Versuch machen, euch vom Gegenteil zu überzeugen …
Gaspar Heredia
Nach Z kam ich im Laufe des Frühlings, in einer Nacht im Mai, von Barcelona aus. Ich hatte kaum noch Geld, machte mir deswegen aber keine Sorgen, denn in Z erwartete mich Arbeit. Remo Morán, den ich seit vielen Jahren nicht gesehen hatte, über den ich aber ständig informiert war, außer in der Zeit, wo keiner etwas von ihm wusste, hatte mir auf Vermittlung einer gemeinsamen Freundin eine Saisonarbeit von Mai bis September angeboten. Ich muss dazu sagen, dass ich ihn nicht um Arbeit gebeten hatte, dass ich weder damals noch zu einem früheren Zeitpunkt versucht habe, mit ihm Kontakt aufzunehmen, und dass ich nie vorhatte, nach Z zu ziehen. Es stimmt, dass wir einmal Freunde waren, aber das ist lange her, und ich bin keiner, der um Almosen bettelt. Bislang hatte ich in einer Wohnung im Barrio Chino gewohnt, die ich mir mit drei anderen Typen teilte, und es lief für mich nicht so schlecht, wie man vielleicht meinen könnte. Mein rechtlicher Status in Spanien war, von den ersten Monaten abgesehen, gelinde gesagt, verzweifelt: Ich habe keine Aufenthaltsgenehmigung, habe keine Arbeitserlaubnis und lebe in einer Art unbefristetem Fegefeuer, während ich darauf warte, eines schönen Tages das nötige Geld zusammenzuhaben, um von hier zu verschwinden oder einen Anwalt bezahlen zu können, der meine Papiere in Ordnung bringt. Natürlich ist dieser Tag eine reine Utopie, zumindest für Ausländer, die wie ich wenig oder nichts besitzen. Aber es ging mir nicht schlecht. Lange Zeit schlug ich mich mit Gelegenheitsarbeiten durch, als Verkäufer an einem Stand auf der Rambla, mit dem Nähen von Ledertaschen auf einer klapprigen Singer für eine Piratenfirma, hatte zu essen, ging ins Kino und bezahlte mein Zimmer. Eines Tages lernte ich Mónica kennen, eine Chilenin, die einen Stand auf den Ramblas hatte, und während wir so sprachen, stellte sich heraus, dass wir beide zu verschiedenen Zeiten in unserem Leben, ich vor Jahren, sie erst in Europa und regelmäßiger, mit Remo Morán befreundet gewesen waren. Von ihr erfuhr ich, dass er jetzt in Z lebte (dass er in Spanien war, wusste ich, nur nicht wo) und dass es in meiner gegenwärtigen Situation unverzeihlich sei, nicht bei ihm vorbeizuschauen oder ihn anzurufen. Und ihn um Hilfe zu bitten! Natürlich tat ich nichts dergleichen; die Distanz zwischen uns beiden schien mir unüberwindlich, und ihn zu belästigen kam nicht in Frage. Ich lebte also weiter wie bisher, mehr recht oder mehr schlecht, wie man’s nimmt, bis Mónica mir erzählte, sie habe in einer Bar in Barcelona Remo Morán getroffen und ihm bei der Gelegenheit meine Situation geschildert, woraufhin er gesagt habe, ich solle mich sofort auf den Weg nach Z machen, dort würde ich zumindest während der Sommersaison Wohnung und Arbeit bekommen. Morán erinnerte sich an mich! Ich muss ehrlicherweise zugeben, dass ich nichts Besseres in petto hatte und meine Aussichten bis zu diesem Zeitpunkt rabenschwarz waren. Außerdem war ich von dem Angebot begeistert. Nichts hielt mich in Barcelona, gerade hatte ich die schlimmste Erkältung meines Lebens überstanden (ich kam noch mit Fieber in Z an), und bei dem bloßen Gedanken, fünf Monate am Stück am Meer zu leben, grinste ich wie ein Honigkuchenpferd, ich brauchte nur in den Zug die Küste entlang zu steigen und loszufahren. Gesagt, getan: Ich packte Bücher und Klamotten in den Rucksack und machte mich schleunigst aus dem Staub. Was keinen Platz im Rucksack fand, verschenkte ich. Als der Zug aus der Estación de Francia rollte, dachte ich, ich werde nie wieder nach Barcelona zurückgehen. Aus und vorbei! Ohne Schmerz und Bitterkeit! Auf Höhe von Mataró begann ich, die Gesichter zu vergessen … Aber, klar, das sagt sich so; nichts vergisst man …
Enric Rosquelles
Bis vor ein paar Jahren war ich ein sprichwörtlich friedliebender Mensch; das können meine Angehörigen, meine Freunde, meine Untergebenen und all jene bezeugen, die Gelegenheit hatten, mich etwas näher kennenzulernen. Alle würden sagen, ich sei der Letzte, von dem man erwarten würde, dass er sich in ein Verbrechen verstrickt sehen könnte. Ich führe ein geordnetes, geradezu strenges Leben. Ich rauche wenig, trinke wenig, gehe höchst selten abends aus. Meine berufliche Ausdauer ist allgemein bekannt: Wenn nötig arbeite ich bis zu sechzehn Stunden am Tag, ohne dass meine Leistungsfähigkeit nachließe. Mit zweiundzwanzig hatte ich mein Psychologie-Diplom in der Tasche und darf ohne falsche Bescheidenheit sagen, dass ich einer der besten meines Jahrgangs war. Gegenwärtig absolviere ich ein Jura-Studium, das ich schon längst hätte abschließen müssen, ich weiß, aber mir war es lieber, die Sache ruhig angehen zu lassen. Ich habe es nicht eilig. Tatsächlich musste ich oft denken, dass es vielleicht ein Fehler war, sich für Jura zu immatrikulieren, hatte ich das wirklich nötig? Ein Studium, das mit den Jahren immer ätzender wurde? Was nicht heißt, dass ich aufgeben werde. Ich gebe nie auf. Manchmal bin ich langsam, manchmal schnell, halb Schildkröte, halb Achill, aber aufgeben? Niemals! Übrigens sei noch gesagt, dass es nicht einfach ist, zu studieren, wenn man gleichzeitig voll arbeitet, und wie ich schon sagte, ist mein Job aufreibend und nimmt mich meist intensiv in Anspruch. Ist natürlich meine Schuld. Ich selbst gab ja den Takt vor. In Klammern gefragt, wenn ihr erlaubt: Was bezweckte ich mit all dem? Ich weiß es nicht. Die Dinge wachsen mir zuweilen über den Kopf. Manchmal denke ich, dass ich die undankbarste Rolle erwischt habe. Dann wieder denke ich, dass ich die ganze Zeit über mit Blindheit geschlagen war. Die schlaflosen Nächte der letzten Zeit haben nicht dazu beigetragen, mir diese Frage zu beantworten. Die Schikanen und Beleidigungen, die ich, wie es heißt, kürzlich zu ertragen hatte, waren auch nicht hilfreich. Fest steht nur, dass ich zu früh angefangen habe, Verantwortung zu übernehmen. Während eines kurzen und glücklichen Zeitraums meines Lebens arbeitete ich als Psychologe mit einer Gruppe verhaltensgestörter Kinder. Dort hätte ich bleiben sollen, aber es gibt Dinge, die man erst viele Jahre später versteht. Andererseits glaube ich, dass es für einen jungen Menschen normal ist, ehrgeizig zu sein, hoch hinaus zu wollen, Ziele zu haben. Ich zumindest hatte welche. So kam ich dann nach Z, kurz nach dem ersten sozialistischen Sieg bei den Kommunalwahlen. Pilar brauchte jemanden, der das Sozialamt leitete, und die Wahl fiel auf mich. Mein Lebenslauf war nicht übermäßig lang, erfüllte aber die nötigen Bedingungen, um diese heikle, in so vielen sozialistischen Rathäusern fast experimentelle Aufgabe zu übernehmen. Natürlich besitze ich auch das entsprechende Parteibuch (das man mir in Kürze offiziell und in Exempel statuierender Form entziehen wird, sofern man das noch nicht getan hat), mit der schließlich gefällten Entscheidung hatte das aber nichts zu tun: Ich bekam den Posten, nachdem man mich eingehend unter die Lupe genommen hatte, und die ersten sechs Monate waren extrem, von der Ungewissheit ganz abgesehen. Darum erlaubt mir, an dieser Stelle die Stimme gegen jene zu erheben, die jetzt Pilar in diese schmutzige Affäre hineinziehen wollen. Sie hatte mich nicht aus Freundschaft engagiert; obwohl nach zwei Wahlperioden (in Z verehren sie ihre Bürgermeisterin, geschieht euch recht) zwischen uns etwas entstand, was Freundschaft zu nennen mir eine Ehre ist: Freundschaft unter Kollegen der Erschöpfung, unter Kollegen der Illusion, was in meinem Fall auch ihren phänomenalen Ehemann einschloss, meinen Namensvetter Enric Gibert i Vilamajó. Da können die unter dem Deckmäntelchen des Journalismus operierenden Aasgeier sagen, was sie wollen. Wenn man Pilar überhaupt etwas anlasten kann, dann vielleicht, dass sie ein immer größeres Vertrauen in mich setzte. Wenn wir uns den Zustand der verschiedenen Ressorts vor meiner Ankunft und, sagen wir, zwei Jahre danach anschauen, muss man zu dem Schluss kommen: Die treibende Kraft in der Stadtverwaltung von Z war ich, ihr starker Arm, ihr Kopf. Ganz gleich, wie müde ich war, immer trieb ich meine Arbeit voran, nicht selten auch die der anderen. Ich zog auch Neid und Ärger auf mich, sogar von Leuten aus meinem engsten Kreis. Ich weiß, dass mich viele meiner Untergebenen insgeheim hassten. Was meinen Charakter betraf, dem gingen mit den Jahren die Hoffnungen aus und abhanden. Ich muss gestehen, dass ich nie vorhatte, mein Leben lang in Z zu bleiben, man muss in seinem Beruf immer nach Höherem streben; in meinem Fall hätte es mich gefreut, man hätte mir einen vergleichbaren Posten in Barcelona oder zumindest in Gerona angeboten. Oft habe ich davon geträumt, ich schäme mich nicht, das zu sagen, der Bürgermeister irgendeiner bedeutenden Metropole würde mich an die Spitze eines Projekts zur Bekämpfung von Kriminalität und Drogenhandel berufen. In Z hatte ich bereits die Decke erreicht! Eines Tages würde Pilar nicht mehr Bürgermeisterin sein, und was sollte dann aus mir werden, vor welcher Sorte Politiker müsste ich im Staub kriechen! Nächtliche Ängste, die ich im Zaum zu halten versuchte, während ich spätnachts nach Hause fuhr. Jede Nacht allein und erschöpft. Mein Gott, was musste ich nicht alles tun, was nicht alles schlucken und verdauen, mutterseelenallein. Bis ich Nuria kennenlernte und mir das Projekt des Palacio Benvingut in den Schoß fiel …
Remo Morán
Es stimmt, im Mai habe ich Gaspar Heredia einen Job verschafft, Gasparín für seine Freunde, Mexikaner, Dichter, Habenichts. Ohne es mir selbst eingestehen zu wollen, habe ich seine Ankunft doch mit Ungeduld und Spannung erwartet. Als er im Cartago zur Tür hereinkam, hätte ich ihn trotzdem fast nicht wiedererkannt. Die Jahre waren nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Wir umarmten uns, und schon da war Schluss. Oft habe ich gedacht, hätten wir damals miteinander geredet, hätten wir einen Spaziergang am Strand gemacht und dann zusammen eine Flasche Cognac geleert und geheult oder bis zum frühen Morgen gelacht, wäre alles ganz anders gekommen. Aber nach der Umarmung trat eine eisige Starre in mein Gesicht, und nicht die kleinste freundschaftliche Geste brachte ich mehr zustande. Ich sah ihn mutterseelenallein, klein und hilflos, weit zurückgelehnt auf einem Hocker an der Bar, und tat nichts. Schämte ich mich? Welche Art Monster rief seine plötzliche Anwesenheit in Z auf den Plan? Ich weiß es nicht. Vielleicht glaubte ich, ein Gespenst zu sehen, und Gespenster missfielen mir zutiefst in jenen Tagen. Nein, heute nicht mehr. Im Gegenteil, heute versüßen sie mir meine Abende. Es war nach Mitternacht, als wir das Cartago verließen, und ich unternahm nicht einmal den Versuch, eine Unterhaltung anzuleiern. Seinem Schweigen merkte ich allerdings an, dass er glücklich war. Im Empfangsbüro des Campingplatzes saß El Carajillo vor dem Fernseher und sah uns nicht. Wir gingen unbemerkt weiter. Das Giebelzelt, in dem er von da an wohnen sollte, stand an einer abgelegenen Stelle, neben dem Werkzeugschuppen. Man musste ihm ein Mindestmaß an Ruhe verschaffen, weil er ja tagsüber schlafen würde. Gasparín fand alles perfekt, mit seiner dunklen Stimme sagte er, es sei, als würde man auf dem Land wohnen. Soweit ich weiß, hat er nie woanders als in der Stadt gelebt. An der einen Seite des Zelts stand eine winzige Kiefer, die mehr aussah wie ein Tannenbäumchen als wie eine Campingplatzkiefer. Den Platz hatte Álex ausgesucht: Noch darin machte sich der Fleiß bemerkbar, den er auf alles verwandte, seine unbegreiflichen Gedankenspiele. (Was habe ich damit sagen wollen? Dass Gasparíns Ankunft wie Weihnachten war?) Dann ging ich mit ihm zu den Waschhäusern, erklärte ihm, wie die Duschen funktionierten, und danach kehrten wir zur Rezeption zurück. Das war alles. Erst etwa eine Woche später sah ich ihn wieder. Gasparín und El Carajillo waren mittlerweile gute Freunde. Mit El Carajillo Freundschaft zu schließen, ist ehrlich gesagt auch nicht schwer. Gasparíns Arbeitszeiten waren dieselben wie die aller Nachtwächter, von zehn Uhr abends bis acht Uhr morgens. Man geht davon aus, dass Nachtwächter während der Arbeitszeit schlafen. Die Bezahlung war gut, besser als das, was auf Campingplätzen sonst üblicherweise bezahlt wurde, und die Arbeit war nicht schwer, obwohl sie größtenteils an Gasparín hängenblieb. El Carajillo ist schon alt und fast immer zu betrunken, um morgens um vier noch Kontrollgänge zu machen. Das Essen ging auf Kosten des Hauses, also auf meine Rechnung: Gasparín hatte Anrecht auf Frühstück, Mittag- und Abendessen im Cartago. Er bezahlte dafür keinen Cent. Manchmal erkundigte ich mich bei den Kellnern: War der Nachtwächter zu Mittag hier? Isst der Nachtwächter hier zu Abend? Wie lange war der Nachtwächter schon nicht mehr da? Und manchmal, eher selten, fragte ich: Schreibt der Nachtwächter? Habt ihr gesehen, ob er die Ränder von Buchseiten vollkritzelt? Schaut er den Mond an wie ein Wolf, unser Nachtwächter? Ich fragte nicht allzu hartnäckig, dafür fehlte mir die Zeit … Oder besser gesagt, ich verwandte meine Zeit auf Angelegenheiten, die in keinem Zusammenhang standen mit Gaspar Heredia, fern, ganz klein schon, einer, der gleichsam aller Welt den Rücken kehrte, um zu verbergen, wer er war und wie er sein konnte, mit welchem Mut er gelaufen war und lief (nein, rannte!), ins Dunkle, in höchste Sphären …
Gaspar Heredia
Er hieß Stella Maris (ein Name, der an eine Pension erinnerte) und war ein Campingplatz ohne übermäßig viele Vorschriften, ohne übermäßig viele Querelen, ohne übermäßig viele Diebstähle. Die Campinggäste waren Arbeiterfamilien aus Barcelona und junge Werktätige aus Frankreich, Holland, Italien, Deutschland. Eine Mischung, die sich gelegentlich als explosiv erwies und es wohl auch tatsächlich geworden wäre, wenn ich nicht von der ersten Nacht an den goldenen Rat befolgt hätte, den mir El Carajillo damals gab und der darin bestand, die Leute sich gegenseitig die Köpfe einschlagen zu lassen. Die Unverblümtheit der Maxime, die bei mir erst Heiterkeit, dann Verblüffung auslöste, verriet keinen Mangel an Respekt gegenüber den Gästen des Stella Maris, sondern entsprang im Gegenteil einer hochgradigen Wertschätzung ihrer Willensfreiheit. El Carajillo war, wie ich bald feststellen konnte, bei den Leuten beliebt, vor allem bei den Spaniern und einigen ausländischen Familien, die Jahr für Jahr den Sommer in Z verbrachten und die ihn auf seinem einzigen ausgedehnten Rundgang regelmäßig in ihre Wohnwagen oder Zelte einluden, wo es für ihn immer ein Schnäpschen, ein Stück Torte oder ein Pornoheftchen gegen die nächtliche Langeweile gab. Nächtliche Langeweile! Ganz unmöglich. Um drei Uhr morgens war der Alte sternhagelvoll und sein Schnarchen bis auf die Straße zu hören. Ungefähr zu dieser Stunde senkte Ruhe sich über die Zelte, und dann war es schön, mit ausgeschalteter Taschenlampe die breiten Schotterwege innerhalb des Campingplatzes entlangzulaufen und einfach nur dem Klang der eigenen Schritte zu lauschen. Bis um diese Zeit saßen El Carajillo und ich auf der Holzbank neben dem Haupteingang, plauderten und nahmen die Gutenachtwünsche der Schlaflosen und Nachtschwärmer entgegen. Hin und wieder mussten wir einen Betrunkenen zu seinem Zelt verfrachten. El Carajillo machte die Vorhut, denn er wusste, wo jeder Einzelne campierte, und ich folgte mit dem Gast im Schlepptau. Manchmal bekamen wir ein Trinkgeld für diese oder andere Hilfeleistungen, meist aber nicht einmal ein Dankeschön. Die ersten Tage versuchte ich, nicht zu schlafen. Dann folgte ich El Carajillos Beispiel. Wir zogen uns in die Rezeption zurück, löschten das Licht und machten es uns jeder auf einem Ledersessel bequem. Das Empfangsbüro des Stella Maris war ein kubischer Fertigbau mit zwei Wänden aus Glas, einer, die zum Eingang, und einer, die zum Schwimmbad hin gelegen war, weshalb es leicht war, von dort aus einigermaßen effizient Aufsicht zu führen. Häufig fiel auf dem ganzen Campingplatz der Strom aus, und ich war dafür zuständig, zum Sicherungshäuschen zu laufen und das Problem durch einen ungefährlichen Eingriff zu beheben, wobei man sich allerdings der Enge wegen seitlich bewegen und versuchen musste, keines der vielen losen Kabel zu berühren. Außerdem gab es Spinnen und Insekten aller Art. Das Brummen der Elektrizität! Die Gäste, denen der Stromausfall eine Fernsehsendung unterbrochen hatte, klatschten Beifall, wenn der Strom endlich wieder da war. Gelegentlich, nicht oft, tauchte die Guardia Civil auf. El Carajillo war derjenige, der sich dann um sie kümmerte, ihre Witze beklatschte, sie zum Aussteigen aufforderte, was sie übrigens niemals taten. Es hieß, sie würden in der Bar des Stella Maris für umsonst trinken, wo ich sie aber nie sah. Andere Male erschien die Polizei. Die nationale und die örtliche. Routinebesuche. Mir sagten sie glücklicherweise nicht mal guten Abend. Oder ich fand bei ihrem Erscheinen einen Vorwand, einen Kontrollgang ins Innere des Platzes zu unternehmen. Eines Nachts, erinnere ich mich, kreuzte die Guardia Civil auf, um sich nach zwei Frauen aus Zaragoza zu erkundigen, die an diesem Tag angekommen waren. Wir behaupteten, sie seien nicht da. Nachdem sie weg waren, schaute El Carajillo mich an und sagte: Lassen wir die armen Mädchen in Ruhe schlafen. In der folgenden Nacht waren sie nicht mehr da; El Carajillo gab ihnen Bescheid, und sie machten sich eilig aus dem Staub. Ich verlangte keine Erklärungen. Wenn morgens die Sonne aufging, lief ich zum Strand. Das ist die beste Zeit, der Sand ist dann sauber, wie frisch gekämmt, und es gibt keine Touristen, nur Fischerboote, die ihre Netze einholen. Ich zog mich aus, ging schwimmen und kehrte dann querfeldein zum Campingplatz zurück. Wenn ich in der Rezeption ankam, war El Carajillo immer schon wach und hatte die Fenster geöffnet, um den Raum zu lüften. Wir setzten uns wieder auf die Bank am Eingang, öffneten die Schranke und plauderten, meistens über das Wetter. Bewölkt, schwül, mild, windig, bedeckt, regnerisch, sonnig, heiß … Ich weiß nicht warum, aber das Wetter beschäftigte El Carajillo über alle Maßen. Nachts nicht. Nachts war sein bevorzugtes Gesprächsthema der Krieg, besser gesagt, die letzten Jahre des Bürgerkriegs. Die Geschichte war mit leichten Variationen immer die gleiche: Ein mit Handgranaten bewaffneter Trupp Soldaten der Republikanischen Armee rückte gegen eine Phalanx von Panzerfahrzeugen vor; die Panzer nahmen die Soldaten unter Maschinengewehrfeuer; diese warfen sich zu Boden und rückten nach einer Weile erneut vor; noch einmal eröffneten die Panzer das Feuer; die Soldaten erneut in Deckung und nach einer Weile wieder in der Offensive; bei der vierten oder fünften Wiederholung kam eine neue, erschreckende Qualität hinzu: Die Panzer, die bislang stillstanden, rollten auf die Soldaten zu. In zwei von drei Fällen lief El Carajillo an dieser Stelle rot an, als bekäme er keine Luft mehr, und brach in Tränen aus. Was geschah dann? Einige Soldaten machten kehrt und flohen, andere rückten weiter auf die Panzer vor, die meisten fielen unter Flüchen und Geschrei. Das war alles. Manchmal ging die Geschichte noch weiter, und ich konnte inmitten des Tumults und der Toten ein oder zwei brennende Panzer sehen. Die Hosen voll, aber immer voran. Die Hosen voll, wer wird denn fliehen wollen. Es wurde mir nie klar, auf welcher Seite El Carajillo stand, ich fragte ihn nie. Vielleicht war alles frei erfunden, es gab nicht viele Panzer im Spanischen Bürgerkrieg. In Barcelona kannte ich einen alten Metzger im Mercado de la Boquería, der schwor, weniger als zwei Meter von Marschall Tito im Schützengraben gelegen zu haben. Er war sicher kein Lügner, aber soweit ich weiß, ist Tito nie in Spanien gewesen. Wie zum Teufel konnte er dann in seine Erinnerungen geraten? Rätselhaft. Nachdem er sich die Tränen abgewischt hatte, trank El Carajillo weiter, als wäre nichts gewesen, oder schlug eine Partie Spoof vor. Häufige Übung machte mich zum Meister. Drei Münzen. Drei mit deinen, drei mit denen, die du hast, zwei und deine eine drei, eine und die von dir drei, meine drei, deine drei, die drei des Einäugigen, drei, und kein Wort mehr. Es fehlte nie an übernächtigten Gästen, die sich der Runde anschlossen, an Barcelonern, die in solcher Stille keinen Schlaf fanden, oder Rentnern, die drei Monate mit den Frauen ihrer Söhne übersommerten. Die Freunde von El Carajillo! Wenn ich es leid war, in der Rezeption herumzuhängen, vertrieb ich mir ansonsten die Zeit in der Campingplatzbar. Auf deren Terrasse gaben sich skurrile und schräge Vögel ein Stelldichein, Gestalten wie aus einem Traum. Das war eine andere Tafelrunde, die Tafelrunde der lebenden Toten von George Romero. Zwischen ein und zwei Uhr morgens schloss der Wirt die Bar und löschte die Lichter. Bevor er ins Auto stieg und davonfuhr, bat er, man möge ihm die Gläser und Flaschen auf einen bestimmten Tisch der Terrasse stellen. Was aber nie jemand tat. Die Letzten, die gingen, waren zwei Frauen. Genauer gesagt, eine schon ältere Frau und ein Mädchen. Die eine redete und lachte, als hinge ihr Leben davon ab; die andere hörte mit abwesender Miene zu. Die beiden sahen krank aus …
Enric Rosquelles
Ich weiß, egal, was ich sage, ich reite mich nur tiefer rein, aber lasst mich trotzdem reden. Ich bin kein Monster, auch nicht der Zyniker oder der skrupellose Mensch, als den ihr mich in so grellen Farben gemalt habt. Meine physische Erscheinung bringt euch womöglich zum Lachen. Unwichtig. Es gab eine Zeit, da haben die Leute vor mir gezittert. Ich bin dick, nicht größer als eins dreiundsechzig, und ich bin Katalane. Außerdem bin ich Sozialist und glaube an die Zukunft. Oder habe daran geglaubt. Entschuldigt. Ich mache gerade eine nicht so schöne Zeit durch. Ich habe an die Arbeit geglaubt … und an die Gerechtigkeit … und an den Fortschritt. Ich weiß, dass Pilar vor den sozialistischen Bürgermeistern der Provinz damit prahlte, einen Mann wie mich in ihrem Team zu haben. Es spricht viel dafür, dass sie es getan hat, dennoch habe ich mich in der Einsamkeit dieser Tage gefragt, warum trotzdem kein hohes Tier je versucht hat, mich in sein Boot zu holen, weit weg von Z und Pilar und ein Stück näher an Barcelona. Vielleicht hat Pilar nicht laut genug geprahlt. Vielleicht hatten schon alle ihren Mann und brauchten keinen anderen. Meine Macht wuchs und beschränkte sich auf Z. Das ist maßgebend. In Z vollbrachte ich meine guten Werke und das, wofür ich werde bezahlen erhabenechevalier servant,