Inhaltsverzeichnis

Fußnoten

Anmerkung des Verfassers: Wer sich für diese weit zurückliegenden Zusammenhänge interessieren sollte, greife zu meinem Roman Ins Blaue (1985), der Ende der siebziger Jahre spielt.

Oscar Wilde

Wäre sie nicht meine Tochter gewesen, hätte ich mich glatt in sie verliebt. Unsterblich. Und auf den ersten Blick.

Sie stand unter der Bahnsteiguhr im Abschnitt C, wandte mir den Rücken zu, bückte sich plötzlich und verstaute irgend etwas in ihrer Leinentasche. Zischend schlossen sich die Türen des Zugs, während der Septemberregen auf Eisen und Glas trommelte. Als sie sich wieder aufrichtete und das hochgerutschte T-Shirt über die Hüften zog, fuhr der ICE fast lautlos ab. Sie drehte sich in meine Richtung, und der Luftstrom wehte ihr die Haare vors Gesicht. Über meinem Kopf ratterte die Anzeigetafel. Sie sah suchend den Bahnsteig entlang und schob sich dabei die Haare mit den Fingerspitzen der linken Hand aus der Stirn. Die Geste erinnerte mich an irgend etwas Vergessenes. Das Gesicht gebräunt, die dunkelblonden Haare strähnig ausgebleicht. Echos von Sonne und Salz im Rauschen des Schauers auf dem Bahnhofsdach. Echos ferner Tage, in denen Liebe noch Leidenschaft gewesen und … Dumpf muckte mein Zahn.

 

Weil ich nicht zu spät kommen wollte, war ich viel zu früh am Dammtor gewesen. In der Tiefgarage unter dem Congress Centrum hatte ich nach einigem Suchen einen freien Platz erspäht. Als ich rückwärts einparkte, öffnete sich plötzlich die Tür des neben mir stehenden Wagens. Ich trat auf die Bremse und konnte den Zusammenprall zwischen meinem

»Blindfisch«, knurrte ich, »Vollidiot«, vollführte eine entsprechend wischende Geste mit der Hand vor der Stirn, brach diese aber sogleich ab, als die dank meiner Geistesgegenwart verschonte Wagentür geöffnet wurde und den Blick auf formvollendete Weiblichkeit freigab. Ich drehte die Seitenscheibe herunter und flötete, da hätten wir zwei ja echt Glück gehabt, was sie mit einem flüchtigen Seitenblick quittierte, der wortlos sprach: Mach mich nicht an, du alter Sack, die Tür verschloß, den Kopf in den Nacken warf und sich hochhackig dem Fahrstuhl entgegenschwang.

»Moment mal!« rief ich ihr nach. »Ich hätte Sie fast gerammt beziehungsweise Sie mich natürlich. So geht’s ja nun auch nicht!«

Aber da schlossen sich hinter ihrem hübschen Hintern schon die Fahrstuhltüren. Wie Arme … Mit der flachen Hand schlug ich aufs Lenkrad. Kavalier am Steuer? Sah ich denn wirklich schon so aus, als daß ich mir mit derart senioraler Betulichkeit einen Flirt herbeijammern mußte? Beim nächsten Mal kracht’s aber, dachte ich, da wirst du gebumst, und setzte so abrupt zurück, daß die Stoßstange gegen die Betonwand knirschte und der Motor absoff.

Draußen blies mir warmer Wind ins Gesicht, fuhr mit böigen Stößen durch die Kronen der Platanen, riß erstes Laub von den Zweigen und wirbelte ein Abendblatt übers Straßenpflaster. Über der runden Wölbung des Bahnhofsdachs ballte es sich dunkelgrau und schwarz zusammen. Von Westen grummelte Donner über die Alster. Die Skulptur einer Jugendstilschönheit über dem Eingang schien mich streng anzublicken. Vermutlich mißbilligte sie in sandsteinstarrer

Bis zur Ankunft des Zuges waren noch zehn Minuten Zeit. Trotz der Regendusche schwitzte ich, bestellte mir an einem Stehcafé eine Cola mit Eis und trank einen tiefen Zug. Zahnschmerz durchzuckte mein Hirn wie eben der Blitz den Himmel. Ich fuhr mit der Zunge über die Stelle, und der Schmerz verebbte zu einem wunden Pochen. Ich zündete mir eine Zigarette an, inhalierte tief und stieß den Rauch in Richtung des hin und her hastenden Passantenstroms. Ein vages Schwindelgefühl überkam mich, waberte vom Kopf in den Bauch und wieder zurück. Der Sprint, mit dem ich vor dem Regen geflohen war, steckte mir vermutlich noch in der Brust. Ich sog erneut an der Zigarette. Vielleicht war es auch langsam an der Zeit, das Rauchen aufzugeben?

Ich ging zur Treppe, die zum Bahnsteig führt, und sah nach oben. Die Treppe kam mir ungewöhnlich steil und lang vor. Die Rolltreppe war natürlich defekt. Ich zertrat den Zigarettenstummel, nahm die Treppe mit jeweils zwei Stufen pro Schritt in Angriff, spürte das Blut hinter den Schläfen pochen, und als ich den Absatz auf halber Höhe erreicht hatte, stach mir der Zahnschmerz wie eine Nadel bis in die Stirn. Mit der linken Hand hielt ich mich am Geländer fest, mit der rechten massierte ich mir Stirn und Augenbrauen. Wieder verschwand der Schmerz, aber es war, als zöge er sich wie ein lauerndes Monster nur in eine Höhle zurück, aus der es jederzeit ausbrechen würde. Zahnarzt also. Noch heute abend

Ich war pünktlich. Der Zug war es nicht. Die Anzeigetafel avisierte bereits eine vergleichsweise kundenfreundliche Verspätung von zirka fünf Minuten, die nun jedoch per Lautsprecherdurchsage um weitere fünf auf zehn Minuten überboten wurde. Statt um 16.40 Uhr würde der ICE aus Freiburg also um 16.50 Uhr ankommen. Ich schlenderte vom Treppenabsatz in die Gegenrichtung, wo die Treppe wieder hinabführte. Der Zeiger der Uhr ruckte eine weitere Minute der Fünfzig entgegen. Hier treppauf, dort treppab. Fünfzig also. In ein paar Monaten drohte mein fünfzigster Geburtstag. Mir fiel die Lebenstreppe ein, die als gerahmte und verglaste Stickerei im Wohnzimmer meiner Großmutter über dem durchgesessenen Sofa gehangen hatte. Auf jeder Stufe saßen, standen oder lagen allegorische Figuren, die das jeweilige Lebensalter symbolisierten. Der fünfzigjährige Mann stand genau in der Mitte auf einer Plattform zwischen Auf- und Abstieg. Gemäß dieser Symmetrie blieben mir weitere fünfzig Jahre. Immerhin. Allerdings treppab. Treppab ging alles schneller. Vielleicht auch leichter? Der große Zeiger schnitt zuckend wieder eine Minute weg. Trudi lag mir schon seit Wochen in den Ohren, Vorbereitungen für eine Geburtstagsfeier zu treffen. Mir war aber durchaus nicht feierlich zumute. Vielmehr kam ich mir immer häufiger wie Franz Gans vor, jener Knecht Oma Ducks aus den Mickymaus-Heften meiner Kindheit, dessen Lebensmotto lautete: Appetit gut, aber immer müde. Ich schlenderte zurück zum vorderen Aufgang beziehungsweise Abgang. Alles eine Frage der Perspektive. Auf der Lebenstreppe meiner Oma war fünfzig der Gipfelpunkt des Lebens. Schmeichelhaft. Der Geburtstag war vielleicht das geeignete Datum, mit

»Auf Gleis drei«, schnarrte es aus den Lautsprechern, »erhält Einfahrt der verspätete ICE aus Freiburg zur Weiterfahrt bis Hamburg-Altona.«

Der Zug schob sich wie eine gigantische Schlange aus Metall, Glas und Kunststoff in den Bahnhof, die Türen öffneten sich, und bei diesem letzten Halt vor der Endstation stiegen nur noch wenige Reisende aus. Ich blickte den Bahnsteig hinauf und hinab, konnte Marie aber nicht entdecken. Ob sie vielleicht schon am Hauptbahnhof ausgestiegen war? Bei unserem Telefongespräch heute morgen hatten wir uns aber ausdrücklich am Dammtor verabredet. Oder ob sie bis Altona durchfahren wollte, weil das eigentlich dichter an unserer Wohnung war? Im Abschnitt C unter der Uhr, die bereits an der 52 nagte, stand aber diese wunderbare, junge Frau, strich sich die Haare aus dem Gesicht, wie damals …

Und also hatte ich meine Tochter erst auf den zweiten Blick erkannt und ging ihr entgegen.

 

»Papa!« Strahlendes Lächeln, beneidenswert gesunde Zähne. Die kieferorthopädische Behandlung hatte allerdings auch ein kleines Vermögen verschlungen.

Umarmung unter gegenseitiger Vermeidung übertriebenen Körperkontakts, Küßchen auf beide Wangen, trocken und spitz auf den Mund.

»Ich hätte dich fast nicht wiedererkannt«, sagte ich.

»Ich dich schon«, sagte sie.

»Schön, daß du wieder da bist«, sagte ich und hob ihre Reisetasche auf. Sie war bleischwer. Hatte sie etwa Muscheln, Sand und Steine mitgeschleppt? Aus dem Alter mußte sie doch eigentlich heraus sein. Als wir die Treppe hinter uns hatten und durch die Halle zum Ausgang gingen, nahm ich die Tasche aus der rechten in die linke Hand.

»Die kann ich auch selber tragen«, schlug Marie vor.

»Unsinn, ist doch ganz leicht«, wehrte ich ab. »Sind wohl Souvenirs drin, was?«

»Souvenirs?« Sie sah mich mit einem Gesichtsausdruck an, den ich an ihr nie zuvor gesehen hatte. Spöttisch? Mitleidig? »Nö«, sagte sie, »da ist nicht viel mehr drin, als ich mitgenommen habe.«

»Ist ja auch wirklich nicht schwer«, log ich noch einmal und schwitzte in der dampfenden Schwüle, die das abgezogene Gewitter hinterlassen hatte. Und trat in eine Pfütze. »War’s Wetter gut da unten?«

»Super«, sagte sie. »Nie Regen. Knallheiß. Voll cool.«

»Du bist ja auch unheimlich braun geworden«, sagte ich. »Wahrscheinlich hab’ ich dich deshalb nicht sofort erkannt.«

Durch die Katakomben der Tiefgarage wehte ein kühler

»Da wären wir«, sagte ich, als wir am Auto angekommen waren, und wollte die Tasche in den Kofferraum heben. Aber die Stoßstange klebte an der Wand, so daß ich den Wagen erst ein Stück vorziehen mußte.

»Mensch, Papa«, staunte Marie, »da hast du dir ja ’ne Riesenbeule eingefangen. Wie ist das denn passiert?«

»Beule? Wieso Beule? Ach so, die Stoßstange. Keine Ahnung. Die hat irgend jemand reingefahren. Wahrscheinlich beim Parken. Und sich dann klammheimlich verdrückt. Rücksichtslos. So, Klappe zu …«

Wieder blickte sie mich so von der Seite an. So sehr seltsam. Skeptisch? Verächtlich? Während ich den Parkschein in den Schrankenautomaten an der Ausfahrt schob, drehte sie die Seitenscheibe herunter, knipste das Radio an, surfte mit dem Suchlauf durch die Stationen, verschmähte die Musikfetzen mit Kommentaren wie Müll, Schrott und Deppentechno und schaltete wieder ab.

»Im Camp hatten wir super Musik«, sagte sie sehnsüchtig, fast schmelzend.

»So? Was denn zum Beispiel?«

»Echt geil …«

»Verstehe«, sagte ich. »Wenn wir zu Hause sind, erzählst du uns ja bestimmt alles.«

»Logisch. Was gibt’s denn zu essen?«

»Keine Ahnung.« Ich zuckte mit den Schultern. »Aber Mama wird schon was Gutes kochen. War das Essen im Ferienlager gut?«

»Ferienlager?« Sie lachte. »War schon okay, der Campfraß. Gefrühstückt haben wir meistens nachmittags.«

»Weil’s abends immer spät wurde.«

»Ach so …«

»Jaaa«, sagte sie gedehnt, lächelte und schwieg. Um niedliches Zeug zu brabbeln, war sie natürlich zu alt, aber offensichtlich war sie immer noch zu jung, um vernünftige Antworten auf deutliche Fragen zu liefern.

Stockend wie unsere Konversation quälte sich der Feierabendverkehr über die Elbchaussee stadtauswärts. Marie summte vor sich hin, vermutlich eine Melodie der supergeilen Campmusik. Ich schielte hinter meiner Sonnenbrille zu ihr hinüber. Der Fahrtwind blies ihr die Haare ins Gesicht, und wieder machte sie diese leicht abwesende, anmutige Handbewegung, mit der sie die Haare zurückschob und die in mir an etwas Vergangenes rührte. Hatte sie diese Geste von Trudi geerbt? Die hatte damals auch so lange Haare gehabt. Lange Haare, lange her. Dreißig lange Jahre. Obwohl im Rückblick die Jahre doch bedenklich zusammenschnurrten und, je älter man wurde, immer schneller vergingen und kürzer wurden. Marie summte und lächelte immer noch vor sich hin, als schwelgte sie in irgendeiner angenehmen Vorstellung oder Erinnerung. Und plötzlich wußte ich, was für ein fremder Gesichtsausdruck das war, der über ihren Zügen lag wie ein unsichtbarer Schleier: Sie sah erwachsen aus. Wie war das möglich? Sie war doch nur drei Wochen weg gewesen? War als knapp siebzehnjähriger Teenager ins Jugendlager nach Südfrankreich gefahren – und kam als Erwachsene zurück?

»Hast du im Camp nette Leute kennengelernt?« fragte ich und bemühte mich um lässigste Beiläufigkeit.

Wieder sah sie mich merkwürdig an. Ironisch?

»Typen?« echote ich.

»Leute halt«, sagte sie und starrte angestrengt aus dem Fenster.

Da wußte ich es. Aber mit sechzehn? Na gut, mal eben siebzehn. Und sah sowieso zwei, drei Jahre älter aus. Die ausgebleichten Haarsträhnen tanzten im Wind. Früher oder später mußte es ja passieren. In meinem Alter ging man frisch geduscht und putzmunter zum Arzt und kam mit Prostata- oder Brustkrebs wieder nach Hause. In Maries Alter fuhr man als unschuldiges Mädchen ins Ferienlager und kam als Frau zurück. Erwachsen eben. So etwas passierte halt über Nacht. War früher auch nicht anders. Erstaunlich nur, daß man es ihr gleich ansah. Voll nette Typen also … Ich verzog das Gesicht zu etwas, was wie ein souveränes Lächeln wirken sollte, aber offenbar nur als Grimasse bei Marie ankam.

»Ist was?« fragte sie.

»Was soll sein?« sagte ich. »Das heißt, um ehrlich zu sein, ich hab’ Zahnschmerzen.«

Als wir in die Einfahrt einbogen, stand Trudi vor der Haustür. Sie breitete die Arme aus, und Marie lief mit wehenden Haaren auf sie zu. Wäre sie nicht meine Tochter, dachte ich wieder, könnte ich mich glatt in sie verlieben. Unsterblich. Aber ich war nun mal ihr sterblicher Vater.

Dann trug ich ihr mit Zahnschmerzen die Tasche hinterher.

Trudis hausgemachte Kartoffelpizza mit marinierten Tomatenstückchen und Mozzarella war Maries Leibgericht. Der Heißhunger, mit dem sie über das Essen herfiel, ließ jedoch fast darauf schließen, daß sie die vergangenen vier Wochen nicht in einem Ferienlager, sondern in einem Gulag verbracht hatte. Zwar sei die Verpflegung »total klasse bis okay« gewesen, wegen des offenbar gründlich unkonventionellen Tagesrhythmus sei man jedoch eher selten dazu gekommen, das Angebot auch wahrzunehmen.

»Wenn wir mit Frühstücken fertig waren«, präzisierte sie kauend und schluckend, »war das Mittagessen längst vorbei. Zum Abendessen hatten wir dann natürlich keinen Hunger, und nachts gab’s nur noch die Reste und Snacks und so.«

Während sie sich unter Trudis wohlwollenden Blicken eine dritte Ladung Kartoffelpizza auf den Teller schaufelte und allerlei Belanglosigkeiten über Sonne, Strand und Mittelmeer ausplauderte, fragte ich mich nach der Bedeutung dieses »und so«. Und da schoß mir das berühmte »Food or Sex«-Experiment durch den Kopf, das der amerikanische Verhaltensforscher Harry Mawkins in den zwanziger Jahren durchgeführt hatte: Er sperrte sechs männliche Kaninchen in einen Käfig mit zwei Ausgängen, deren erster zu einem Kaninchenweibchen führte, während hinter dem zweiten Nahrung aufgestellt war. Beide Ausgänge waren jedoch mit elektrisch geladenen Bodenplatten versehen, so daß die Kaninchen sie nur unter der

»Willst du auch Eis zum Nachtisch?« riß Trudi mich aus meiner verhaltensforschenden Grübelei, und ich nickte abwesend.

Nachdem die Tiere über zweiundsiebzig Stunden vor diesem Hindernis zurückgeschreckt waren und Hunger wie Liebesentzug erduldet hatten, ging schließlich von den sechs Männchen eins den schmerzlichen Weg zum Weibchen, während fünf über die elektrischen Platten dem Futter zustrebten. Daraufhin ordnete Mawkins den Versuch umgekehrt an, indem er auf die gleiche Art sechs Weibchen in Verwahrung nahm. Von denen gingen nach drei entbehrungsreichen Tagen fünf den Weg zur Minne, zum Männchen, aber nur eine ging den Weg zur Nahrung. Aufschlußreich, dachte ich, wirklich sehr aufschlußreich, stöhnte und griff mir an die linke Wange. Das Eis hatte den Zahn touchiert und das lauernde Monster aufgescheucht.

»Was ist los?« fragte Trudi.

»Papa hat Zahnschmerzen«, wußte Marie. »Im Camp ist das auch einem passiert. Weisheitszahn. Mußte nach Marseille in ’ne Klinik. Ein Mädchen hat sich den Arm gebrochen. Ist beim Tanzen irgendwie ausgerutscht. Und Durchfall und Kotzerei hatte jeder mal. Mann, echt schrill.«

»Solange du dir kein Aids eingefangen hast, ist ja alles in Ordnung«, rutschte mir leider heraus – zum Auf-die-Zunge-Beißen war es zu spät. Mutter und Tochter starrten mich empört an. Die Familienähnlichkeit der beiden, die von sämtlichen Großeltern stets und strikt behauptet wurde, die ich aber nie recht entdecken konnte, war in dieser gemeinsamen Empörung offensichtlich. Es hätte mich auch nicht gewundert,

Die Sprechstundenhilfe ließ sich dazu herab, mir wegen der akuten Schmerzen einen Termin am nächsten Morgen, gleich um 8.30 Uhr, einzuräumen. Inzwischen war die Küchentür geschlossen worden. Die Damen wollten also unter sich sein. Auch gut. Da konnte ich mir ohne Legitimationsprobleme das Champions-League-Spiel des HSV ansehen. Die angebrochene Flasche Côtes du Rhône und mein Glas standen allerdings noch auf dem Küchentisch. Vor der Tür verharrte ich einen Moment lauschend und hörte durchs Klappern von Geschirr Maries Stimme, verstand aber nicht, was sie sagte. Als ich eintrat, hörte sie sofort zu reden auf und starrte aus dem Fenster in die Dämmerung hinaus. Trudi zwinkerte mir irgendwie konspirativ zu und sagte, ob ich denn nicht das Fußballspiel im Fernsehen …

»Ja, klar.« Ich griff nach Glas und Flasche, nahm eine Tüte Kartoffelchips aus dem Schrank und trollte mich. Als ich die Glotze anstellte, hörte ich, wie die Küchentür wieder zugezogen wurde. Vermutlich gab Marie nun Details über die beziehungsweise den »voll netten Typen« preis, und vermutlich würde Trudi diese Details später in einer für das Alter bearbeiteten, wenn nicht zensierten Fassung an mich weitergeben.

Schon schoß Juventus Turin ein Tor, und es stand 0:1. Das war zu erwarten gewesen. Früher oder später mußte es ja so kommen. Meine Zähne nahmen Wein und Chips klaglos entgegen. Yeboah köpfte den Ausgleich. Marie hatte Ähnlichkeit mit Trudi. Mit mir nicht. Hatte ich sie deshalb auf dem Bahnhof für eine andere halten können? Die Italiener

Dann war Halbzeit. Um das sogenannte Expertengespräch zwischen dem jugendfrisch grinsenden Moderator und einem senilen Ex-Trainer nicht ertragen zu müssen, drückte ich auf der Fernbedienung die Stumm-Taste. Ich rauchte und sah den graublauen Schwaden nach, die träge im Lampenlicht verwirbelten. Halbzeit beim Fußballspiel war wohl so etwas Ähnliches wie die Plattform des Fünfzigjährigen auf der Lebenstreppe. Allerdings mit dem Unterschied, daß es keine Expertengespräche gab und nach der Pause auch nicht wieder aufwärtsgehen konnte.

Trudi kam ins Wohnzimmer, kündigte an, ins Bett gehen und weiter an ihrem Buch lesen zu wollen. Im übrigen müsse sie so früh wie immer aufstehen. Sie gab mir einen Kuß auf die Wange.

»Und was ist mit Marie?« fragte ich.

»Erzähl ich dir später.« Trudi lächelte verlegen.

»Nein, ich meine, was macht die denn jetzt?«

»Sie duscht und geht dann auch ins Bett. Sie ist hundemüde.«

»Das kann ich mir denken«, sagte ich.

Trudi schüttelte den Kopf. »Wenn du so zu ihr bist«, sagte sie leise, »verlierst du deine Tochter.«

»Hab’ ich doch schon verloren.«

»Sei nicht albern«, sagte sie und wandte sich zur Tür. »Marie weiß, was sie tut. Und sie macht es richtig.«

»Dabei gibt’s ja auch nicht viel falsch zu machen«, sagte ich, aber Trudi tat, als hätte sie das nicht mehr gehört.

»Papa?«

Ich sah sie fragend an. »Mmh …?«

Sie beugte sich zu mir herunter, roch sehr frisch und klar, hielt mit der linken Hand den Bademantel unterm Kinn zusammengerafft und hauchte mir einen Kuß auf die Stirn. Dann hustete sie und fächerte mit der Hand durch die Rauschschwaden meiner Zigarette.

»Entschuldigung«, sagte ich, »tut mir leid«, und erwischte aus den Augenwinkeln den Anschlußtreffer der Hamburger. Vielleicht wurde das ja doch noch was?

»Ich wollte nur gute Nacht sagen«, sagte sie. »Und mich noch mal bei dir bedanken.«

»Bedanken? Wofür denn?«

»Daß du mich vom Bahnhof abgeholt hast. Und daß ihr mir diese Reise geschenkt habt.«

»Klar«, sagte ich. »Und schlaf gut.«

Sie verschwand und hinterließ eine Duftwolke, in der etwas Süßes und zugleich Herbes schwamm, als vermischten sich Willkommen und Abschied, Kindheit und

Unentschieden also. Damit ließ sich immerhin leben. Ich stellte den Fernseher aus und trank mein Glas leer, ging ins Bad und weckte beim Zähneputzen den Zahnschmerz. Mein Gesicht im Spiegel. Ich drehte den Kopf nach links. Die grauen Strähnen an der Seite waren nicht weniger geworden. Ich drehte den Kopf nach rechts, schielte mich mißmutig an. Eher mehr. Marie war ins Blaue gefahren und kam schöner als zuvor zurück. Und ich reiste unaufhaltsam ins Graue.

Leise legte ich mich zu Trudi, die längst das Licht gelöscht hatte und selig durch Träume schnorchelte. Der durch die Bäume im Garten und durch die Jalousie doppelt gefilterte Mond schien schneebleich auf die Laken und ihr Gesicht. Der weiche Ansatz eines Doppelkinns, der sich seit einiger Zeit an ihrem Profil zeigte, war jetzt nichts als eine Verwehung des Zwielichts. Als wir uns kennenlernten, hatten wir uns gegenseitig für etwas gehalten, was wir nicht waren. Nun

Die zahnärztliche Gemeinschaftspraxis Beate Decker & Dr.  med. dent. Detlev Schwarz segelt aus naheliegenden Gründen in Patientenkreisen unter dem Kürzel Black & Decker. Üblicherweise lasse ich mich von der sachlich-spröden, aber sehr präzisen und feinfühligen Beate Decker behandeln, die jedoch auf einem Fortbildungskurs in Sachen Implantologie weilte, weshalb sich diesmal ihr Partner Dr.  Schwarz mit der Trümmerlandschaft meiner Zähne zu befassen hatte.

Nachdem ich mein Leid geklagt hatte und das unvermeidbare Röntgenbild geschossen worden war, eröffnete mir der sonnenbankbraune Schwarz, daß sich die Wurzel unter einem bereits überkronten Zahn entzündet habe. Zudem sei diese Krone eine Altlast der primitivsten Art, sozusagen Steinzeit, und seit wann ich denn überhaupt dies Fossil mit mir herumschleppte?

»Sportunfall«, sagte ich. »Handballspiel. Noch in der Schulzeit. Über dreißig Jahre her …«

»Kein Wunder also«, nickte der smarte Doktor, »der Zahn der Zeit. Und Handball ist sowieso die Härte. Schlimmer als Boxen. Na ja, in Ihrem Alter spielt man dann eben Golf. Aber natürlich alles kein Problem«, er setzte die Betäubungsspritze ans Zahnfleisch, »das piekt jetzt ein bißchen«, und stach zu. Ich zuckte zusammen. Derlei erledigte seine Partnerin sonst sehr viel sanfter, obwohl oder weil sie im Gegensatz zu Dr.  Schwarz nicht promoviert war.

Der eilte nun federnden Schritts in ein anderes

»Wirkt’s schon?« Die adrette Sprechstundenhilfe steckte den Kopf zur Tür herein. Von nebenan das Sirren des Bohrers. Ich nickte. »Der Doktor kommt gleich«, säuselte sie so begütigend, als spräche sie zu einem Kind. Merkwürdigerweise empfand ich ihren Singsang als Trost.

Gleich bedeutete mehr als zehn Minuten, aber dann machte Schwarz sich mit einem entschlossenen »Na-dann-wollen-wir-mal« ans Werk. »Münder«, sagte er, »sind für Zähne ein Übel«, setzte eine Zange an die Altlast meiner Jugend, »der Gaumen ist fürs Gebiß eine Pesthöhle«, zog kräftig, sagte, »na bitte«, legte Zange und Krone ab und griff zum Bohrer. »Münder sind wie alte Städte. Besoffene pinkeln da nachts an Fundamente. Die Besoffenen sind die Streptokokken mit ihren Säuren, die Fundamente die Zahnhälse. Geht’s noch?«

»Chrjaaa …« Was redete der Mann denn da?

»Zähneputzen muß sein, ist aber wie ein chemischer Krieg, und durch ungezügelte Fortpflanzung geht’s in der Altstadt Ihres Mundes bald wieder zu wie in der Dritten Welt. Zahn für Zahn verfällt durch das hemmungslose Treiben der Mikroben. So, jetzt noch die zweite Wurzel. Die Natur hat’s aber sinnvoll eingerichtet. Man verliert genau dann seine Zähne, wenn man sie nicht mehr braucht, weil man sowieso bald stirbt und …«