Cover

Impressum

rowohlts monographien

begründet von Kurt Kusenberg

herausgegeben von Uwe Naumann

 

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, September 2019

Copyright © 1994 by Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Für das E-Book wurde die Bibliographie aktualisiert, Stand: Mai 2019

Das Bildmaterial der Printausgabe ist in diesem E-Book nicht enthalten

Redaktionsassistenz Katrin Finkemeier

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

Covergestaltung any.way, Hamburg

Coverabbildung Interfoto/Ferro (Karl Popper, 1977. Foto von Tom Blau)

Schrift DejaVu Copyright © 2003 by Bitstream, Inc. All Rights Reserved.

Bitstream Vera is a trademark of Bitstream, Inc.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN E-Book 978-3-644-00432-0

www.rowohlt.de

 

Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.

ISBN 978-3-644-00432-0

Anmerkungen

OG II, S. 483

SBW, S. 214

IW, S. 42

SBW, S. 213

Aufruf an die Europäer. In: Hamburger Abendblatt, 21.4.1993, S. 3

II. Buch Moses 32, 26–28

SBW, S. 215

OG II, S. 271

EH, S. VIII

SBW, S. 250

IuG, S. 652

SBW, S. 210

IuG, S. 653; Gespräch mit Popper am 5. Mai 1993

IuG, S. 21, mit Hinweis auf den «Beschluß» von Kants «Kritik der praktischen Vernunft»

A, S. 14

SBW, S. 149

A, S. 15, mit Bezug auf Kants «Kritik der reinen Vernunft» A 423

LdF, S. XIV

C&R, S. 136

OE, S. 191

OG-OU, S. 21

A, S. 4

A, S. 5

A, S. 4

A, S. 8

SBW, S. 117

A, S. 7

A, S. 266

A, S. 7

SBW, S. 117

A, S. 8

SBW, S. 117

SBW, S. 117

A, S. 71

A, S. 71

A, S. 84

A, S. 72

A, S. 3

SBW, S. 117

Selma Lagerlöf: Nils Holgerssons schöne Abenteuer mit den Wildgänsen. Frankfurt a.M.–Berlin 1992, S. 25

Ebd., S. 13

OE, S. 51

S. Lagerlöf: Nils Holgersson, a.a.O., S. 14

Ebd., S. 243

ZO, S. 88. Vgl. IuG, bes.S. 519ff.

WP, S. 36

OG-OU, S. 92

S. Lagerlöf: Nils Holgersson, a.a.O., S. 255

A, S. 3

ZO, S. 13f.

A, S. 9f.

A, S. 9

A, S. 11

A, S. 39

ZO, S. 139

A, S. 40

A, S. 45

A, S. 40

A, S. 41

A, S. 42

C&R, S. 137

How the Moon (1992), S. 12

C&R, S. 137

How the Moon (1992), S. 12

SBW, S. 46

OE, S. 235f.

A, S. 46

C&R, S. 34

Albert Einstein: Über die spezielle und die allgemeine Relativitätstheorie. Braunschweig 1917, S. 46

Zit. nach Johannes Wickert: Albert Einstein. Reinbek 1989, S. 79

OG-OU, S. 12

A, S. 45f.

C&R, S. 37

C&R, S. 38

C&R, S. 35

A, S. 18

OG-OU, S. 6

SBW, S. 210

SBW, S. 49

C&R, S. 36

C&R, S. 34f.

A, S. 48

OE, S. 13

A, S. 49

A, S. 49

A, S. 50

A, S. 51

SBW, S. 49

A, S. 80

A, S. 51

A, S. 38

A, S. 51

A, S. 44

A, S. 50

A, S. 44

OG-OU, S. 8

A, S. 1f.

A, S. 2

A, S. 99

ZO, S. 117

Aufruf der «Erziehungs- und Schulorganisation der Katholiken Österreichs». In: Schulreform 4 (1925), S. 262f.

R. Dottrens: The New Education in Austria. New York, 1930, S. 202

Über die Stellung des Lehrers (1925), S. 206f.

Ebd., S. 204

Ebd., S. 208

SBW, S. 104

A, S. 100

A, S. 114

A, S. 110

GE, S. V

A, S. 100

Karl Bühler: Die geistige Entwicklung des Kindes. Jena 1924, 4. Aufl., S. 9

Otto Glöckel: Die österreichische Schulreform. Wien 1923, S. 11

A, S. 68f.

OE, S. 13; vgl. C&R, S. 50

A, S. 106

Die Gedächtnispflege (1931), S. 610

Ebd., S. 619

ZO, S. 52f.; vgl. OE, S. 74ff.

A, S. 70

Vgl. Manfred Geier: Der Wiener Kreis. Reinbek 1992

A, S. 109f.

A, S. 112

A, S. 113

A, S. 113f.

A, S. 114

GE, S. V

A, S. 118

A, S. 118

A, S. 108f.

A, S. 123; vgl. C&R, S. 253f.

Herbert Feigl: Inquiries and Provocations. Dordrecht 1981, S. 67

LdF, S. 254–256

GE, S. 421–439

A, S. 117

GE, S. 443

Vgl. PS III, S. 1

OE, S. 22

OG-OU, S. 68

OE, S. 113

Vgl. OE, S. 22

A, S. 125f.

Heinrich Hertz: Gesammelte Werke Band I. Leipzig 1895, S. 340

PS III, S. 1

IW, S. 28

A, S. 133

PS II, S. 42

PS III, S. 5

A, S. 132; vgl. LdF, S. 174ff.

LdF, S. XXIV

LdF, S. XXVI

LdF, S. XXVI; SBW, S. 50, 58, 98, 220; C&R, S. 26, 252; PS I, S. 11

A, S. 121

A, S. 123

A, S. 111

OG-OU, S. 38

A, S. 151

LdF, S. 256–258

A, S. 142

OE, S. 347

OE, S. 350

A, S. 137

OE, S. 350

GE, S. XXII

PS I, S. 5f.

C&R, S. 226

OG II, S. 493

A, S. 157

A, S. 198

EH, S. VII

A, S. 153

A, S. 154; vgl. PS I, S. 12

A, S. 128f.

Vgl. A.S. 161ff.

OG II, S. 489

A, S. 163

OG I, S. IX

Platon: Nomoi, X. Buch, 908 a

OG I, S. XVII

Was ist Dialektik? In: Ernst Topitsch (Hg.): Logik der Sozialwissenschaften. Köln–Berlin 1965, S. 288

Ebd., S. 272

Ebd., S. 282

Ebd., S. 289

OE, S. 143

EH, S. IX

A, S. 159; vgl. OG I, S. IX

A, S. 162

OG II, S. 490

OG II, S. 94

OG II, S. 50

OG II, S. 35

OG II, S. 490

OG II, S. 387

OG II, S. 97

EH, S. 47

EH, S. 51

EH, S. VIII; vgl. OG I, S. 200

OG I, S. 188

OG II, S. 177f.

EH, S. VIII

EH, S. 54

OG I, S. 6

A, S. 45

A, S. 2

OG I, S. 225

SBW, S. 195

GE, S. XV

SBW, S. 195

Platon: Apologie des Sokrates, 17

OG I, S. 42

OG I entstand als Erweiterung des 10. Abschnitts von EH, in dem Popper den platonischen «Essentialismus» kritisierte

OG I, S. 118

Apologie des Sokrates, 5

OG II, S. 286

GE, S. XV

OG I, S. 158

SBW, S. 196

Platon: Menon, 80 a 7

OG I, S. 185

OG I, S. 145; vgl. SBW, S. 57

IW, S. 9

OG I, S. 153

OG I, S. 153

OG I, S. 104

OG I, S. 154

OG-OU, S. 19

OG I, S. 108f.

A, S. 169

OG I, S. IX

A, S. 172f.

IW, S. 8

A, S. 181

SBW, S. 255

A, S. 189

William W. Bartley III: Ein schwieriger Mensch. In: Eckhard Nordhofen (Hg.): Physiognomien. Königstein 1980, S. 50

OE, S. 369–390

A, S. 175

IW, S. 30

A, S. 177; vgl. C&R, S. 67ff.

A, S. 14

OE, S. 336

OE, S. 338

C&R, S. 137–147 bzw. S. 184–200

In: The British Journal for the Philosophy of Science 1 (1950), S. 117 bis 133, 173–195

OE, S. 283–312 bzw. S. 230–282

Vgl. PS II, S. 183–185

A, S. 216

C&R, S. VIII

A, S. 217

LdF, S. XIV

LdF, S. 194

LdF, S. 159

EH, S. XI

A, S. 185ff.; vgl. PS II, S. 89ff.

PS II, S. 000I

OE, S. 247

OG-OU, S. 94

OE, S. 236

Vgl. PS II, S. 100ff.

A, S. 224f.; vgl. Walter Meissner: Wie tot ist Schrödingers Katze? Mannheim u.a. 1992

PS I, S. 282

In: Stephan Körner (Hg.): Observation and Interpretation. London 1957, S. 65–70, 88–89

WP, S. 18

PS III, S. 159

PS II, S. 114

In: Imre Lakatos und Alan Musgrave (Hg.): Kritik und Erkenntnisfortschritt. Braunschweig 1974, S. 1

Ebd., S. 6, 7, 11

Ebd., S. 52

Ebd., S. 53

PS I, S. XXVIXXX

In: Lakatos/Musgrave, a.a.O., S. 53

Ralf Dahrendorf. In: Theodor W. Adorno u.a.: Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie. Neuwied–Berlin 1969, S. 146

SBW, S. 79

Adorno: Einleitung. In: Adorno u.a., a.a.O., S. 22, 68

SBW, S. 109

Albrecht Wellmer: Methodologie als Erkenntnistheorie. Frankfurt a.M. 1967, S. 237

SBW, S. 108f.

A, S. 180

OE, S. 123

A, S. 178

OE, S. 123

Vgl. John Eccles: Facing Reality. Berlin–Heidelberg–New York 1970

ZO, S. 74–97

WP, S. 27–51

ZO, S. 74

Karl Bühler: Die Krise der Psychologie. In: Kant-Studien 31 (1926), S. 459

OE, S. 178ff.

A, S. 101

OE, S. 179

A, S. 270; vgl. OE, S. 135; IuG, S. 646ff.; SBW, S. 33f.

A, S. 271f.

SBW, S. VII

OE, S. 375

OE, S. 37

A, S. 266

IuG, S. 14

ZO, S. 80

A, S. 273f.

C&R, S. 198

ZO, S. 32

OE, S. 133

OE, S. 167f.

A, S. 287

Ein Nachzügler der Aufklärung

«DUMBY: ‹Erfahrung› – das ist der Name, mit dem ein jeder seine Fehler bekleidet.

CECIL GRAHAM: Man sollte keine machen.

DUMBY: Das Leben wäre zu langweilig ohne sie.»

Oscar Wilde, Lady Windermeres Fächer, 3. Akt[1]

Er spricht nicht gern über die entsetzlichen Ereignisse, deren Zeitzeuge er war. Es kommt einem wie ein Versuch vor, diese furchtbaren Dinge zu beschönigen.[2] Aber doch ist alles, was er dachte und schrieb, vom Ethos einer intellektuellen Verantwortlichkeit beherrscht, die dagegen «Nein» sagte und die Gründe aufzudecken versuchte, wie es dazu kommen konnte. Er ist ein Moralist und Aufklärer, aber er predigt nicht. Alle Predigten sind irgendwie unehrlich. (Etwa wie: Wasser predigen und Wein trinken.)[3] Er sagt nicht, wie alles gut werden kann, aber er versucht zu zeigen, wie das Schlimmste zu verhindern ist.

Als Kind erlebte Karl Raimund Popper das große Elend in Wien, ein Leiden unter Kälte, Obdachlosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Der Erste Weltkrieg ließ ihn erkennen, wohin der nationalstaatliche Griff nach der Weltmacht führen kann. Der Faschismus zerstörte die Ansätze einer demokratischen Gesellschaft, vertrieb ihn in die Fremde, und einige seiner Freunde wurden deportiert und ermordet. Es war ein fürchterliches Schicksal. Und es war das Schicksal von unzähligen Menschen, Persönlichkeiten; Menschen, die andere Menschen liebten, die anderen Menschen zu helfen suchten.[4] Der stalinistische Terror führte ihm vor Augen, was der Irrglaube an Gesetze eines weltgeschichtlichen Ablaufs bewirken kann. Vietnam, Kambodscha, Iran, Afghanistan, jetzt der Massenmord im früheren Jugoslawien, gegen den nichts zu tun nicht nur gewissenlos ist, sondern unmenschlich[5]: immer wieder werden Menschen die Opfer machttrunkener Fanatiker, nationalistischer und rassistischer Ideologen, politischer und religiöser Rechtgläubigkeit.

Wenn er sich der Geschichte zuwandte, sah er Grausamkeit, Gewalt und Hass. Vielleicht machte Moses den Anfang: «Her zu mir, wer dem HERRN angehört! So spricht der HERR, der Gott Israels: Ein jeder gürte sein Schwert um die Lenden und gehe durch das Lager hin und her von einem Tor zum andern und erschlage seinen Bruder, Freund und Nächsten.»[6] Das war, vielleicht, der Anfang. Aber sicher ist, daß es so weiterging, im Heiligen Land wie auch später hier im Westen.[7]

Auch die Intellektuellen haben seit Jahrtausenden den grässlichsten Schaden angerichtet. Denn in der Idee der Rechtgläubigkeit sind die Laster versteckt, für die sie besonders anfällig sind: Arroganz, Rechthaberei, Elitebewusstsein, Besserwisserei, intellektuelle Eitelkeit.

Das sind kleine Laster im Vergleich mit der Grausamkeit. Aber es sind für Popper, den Philosophen, diejenigen, gegen die er mit seinen bescheidenen Mitteln ankämpft: mit Argumenten; mit einer Ethik der rationalen Diskussion; aus der Position des kritischen Rationalismus, die den Umstand anerkennt, daß die rationalistische Einstellung auf einem irrationalen Entschluß oder auf dem Glauben an die Vernunft beruht[8].

Darauf hat dieser Nachzügler der Aufklärung immer wieder hingewiesen und kritisch abgewägt, was für und was wider eine rationale Grundhaltung spricht. All seine großen Werke, die ihn zu einem der berühmtesten und einflussreichsten Denker des zwanzigsten Jahrhunderts werden ließen, sind Variationen dieses einen Themas: Es kommt nicht darauf an, das größte Glück für seine Gruppe, Klasse, Nation, Rasse oder für die Menschheit zu realisieren, sondern das geringste Maß an Leid für alle anzustreben, die unsere Hilfe brauchen. Die Hybris, die uns versuchen läßt, das Himmelreich auf Erden zu verwirklichen, verführt uns dazu, unsere gute Erde in eine Hölle zu verwandeln.[9] Und es geht nicht darum, sichere Gewissheiten zu suchen, sondern aus den Fehlern zu lernen, die wir machen.

Seine Logik der Forschung (1934) stellte die Grundzüge der Wissenschaft dar, die sich nicht das Phantom zum Ziel setzt, endgültige Antworten zu geben, sondern kühne Gedanken erprobt, mit denen wir, sie immer wieder aufs Spiel setzend, die Natur einzufangen versuchen. Das Elend des Historizismus (1944) dekonstruierte den faszinierenden und doch so trügerischen Glauben an die Vorhersagbarkeit geschichtlicher Entwicklungen und sprach sich für eine Sozialtechnik der kleinen Schritte aus, die sich durchaus nicht auf kleine Probleme beschränken muss, sondern auch kühn sein kann, wenn es die Problemsituation erfordert. Die offene Gesellschaft und ihre Feinde (1945) war ein sozialphilosophisches Plädoyer für eine demokratische Gesellschaft, die nicht abstrakte Glücksgüter zu realisieren versucht, sondern durch Reformen in der Lage ist, die dringlichsten konkreten Übel abzuschaffen, zu denen oft genug auch die Regierenden selbst gehören. Die Aufsätze in Conjectures and Refutations (1963) waren Ausführungen der einfachen These: Wir können aus unseren Fehlern lernen. Sein Sammelband über Objektive Erkenntnis (1972) war ein evolutionärer Entwurf, um den realistischen Anspruch und die objektive Möglichkeit des Vermutungswissens aufzuhellen, mit dem wir die Welt zu begreifen versuchen. Und auch seine World of Propensities (1990) lieferte eine Begründung für ein schöpferisches Denken in einer Welt, deren Zukunft offen ist und uns den Spielraum lässt, in sie einzugreifen.

All die Schrecken, die er kennengelernt hat, ließen Popper nicht verzweifeln. Er ist kein Prophet des Unglücks und des Untergangs geworden, sondern «nur» ein radikaler Kritiker philosophischer, wissenschaftlicher und politischer Anmaßungen und Überheblichkeit. Er wurde zu einem engagierten Verfechter eines Denkens und Handelns, das seine Grenzen und Fehler anzuerkennen bereit ist. Seine Vorbilder waren nicht zufällig Xenophanes, Sokrates, Immanuel Kant, Albert Einstein und Winston Churchill. Oft zitierte er Xenophanes, den Vorsokratiker, der als Erster die fallibilistische Einsicht formuliert hat: «Sichere Wahrheit erkannte kein Mensch und wird keiner erkennen über die Götter und all die Dinge, von denen ich spreche.» Er wurde zu einem Jünger des Sokrates, der der Weiseste war, weil er wusste, wie wenig er weiß. Er hielt sich für einen Kantianer, weil er dessen Leitspruch «Habe Mut, frei zu sein und dich deines eigenen Verstandes zu bedienen» auch für sich selbst in Anspruch nahm. Er bewunderte Einstein für das Risiko, das dieser einging, als er seine Theorie einer kritischen experimentellen Widerlegung aussetzte; und Churchill, der mit englischem Witz bekannte: «Die Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen – ausgenommen alle anderen Regierungsformen.»[10]

Doch neben all seinen Kenntnissen, über die er verfügt, seinem Vertrautsein mit der Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte, seiner reflexiven Kraft und kritischen Begabung, seiner unermüdlichen Suche nach einer besseren Welt und einer objektiven Wahrheit, seinem Gespür für Probleme und mögliche Problemlösungen ist für Popper eine Haltung charakteristisch, die er selbst, nicht unbedingt im Sinne der Existenzialisten, als existenziell versteht: Es ist sein Staunen über das Wunder der Welt, über die letztlich unerklärbare Tatsache, daß die Welt existiert und daß wir in dieser Welt existieren[11], in irgendeinem abgelegenen Winkel des mit ein wenig Materie angefüllten leeren Kosmos.

Als sie von ihrem ersten Himmelsflug vom Mond zur Erde zurückkamen, soll einer der Astronauten bemerkt haben: «Ich habe in meinem Leben auch andere Planeten gesehen, aber die Erde ist doch der beste.» Popper hielt das für eine einfache und kluge Bemerkung, für einen Ausdruck philosophischer Weisheit. Wir wissen nicht, wie es zu erklären ist und ob es erklärt werden kann, daß wir auf diesem wunderbaren kleinen Planeten leben, oder warum es so etwas wie das Leben gibt, das unseren Planeten so schön macht. Aber wir sind hier und haben allen Grund, darüber zu staunen und dankbar zu sein. Es ist ja ein Wunder. […] So hat also das Leben jedenfalls Seltenheitswert: Es ist kostbar.[12] Für diesen Wert hat Popper sein Leben lang gekämpft.

Kindliches Staunen

Vom Himmelhof, da komm ich her

Er lächelte über die Anspielung, mit der er mich über den Ort seiner Geburt informierte. Am Himmelhof, in Ober Sankt Veit in Wien, wurde er am 28. Juli 1902 geboren. Er kam nicht vom Himmel hoch, um uns irgendeine Mär zu predigen; und so erschreckend ihm die Vorstellung eines Lebens nach dem Tode ist, das ewig so weitergeht[13], so sehr ist ihm der Gedanke fremd, seine Existenz auf Erden verdanke sich einer göttlichen Herkunft.

Wenn er, über neunzig Jahre alt, scherzhaft auf seine «himmlische Herkunft» anspielte, so schien er vielmehr an den Ausgangspunkt seiner philosophischen Entwicklung zu erinnern: Es war der Kosmos, der seiner kindlichen Neugier ein erstes echtes philosophisches Problem zu denken gab, jener «bestirnte Himmel über mir», der auch für Popper – Kants Richtschnur auf dem Weg der Weisheit folgend – das Problem unseres Wissens vom physikalischen Universum und die Frage nach unserer Stellung darin[14] symbolisiert. Zwar wusste er noch nichts von der Philosophie. Aber er fragte schon philosophisch und überließ sich jener kosmologischen Verwunderung, die bereits Platon und Aristoteles als anfänglichen Grund und treibendes Motiv zum Philosophieren charakterisierten.

Er war vielleicht acht Jahre alt, als ihn jener Denkschock eines ersten Staunens überfiel, der seinem Philosophieren eine Richtung wies und noch im hohen Alter das Erlebnis einer kindlichen Verwunderung wachhält. Irgendwie hatte ich vom Sonnensystem gehört und von der Unendlichkeit des Weltraums (offenbar Newtons Raum), und ich plagte mich damit ab, das zu verstehen. Ich konnte mir weder vorstellen, daß der Raum endlich sei (denn was war dann außerhalb des Weltraums?), noch daß der Raum unendlich sei. Mein Vater schlug vor, daß ich einen seiner Brüder um Rat fragen sollte, der, wie mein Vater mir sagte, es gut verstand, solche Dinge zu erklären.[15] Aber der Erklärungsversuch des Onkels, der seinen jungen Neffen über die gedanklichen Möglichkeiten eines potenziellen Vorstoßes in eine unabschließbare Unendlichkeit belehrte, befriedigte ihn nicht. Die kindliche Frage blieb virulent, und die anfängliche Verwirrung in den antinomischen Widerstreit zwischen endlicher Begrenzung und unendlicher Offenheit des «Himmels» hielt länger an als bis zur ersten Antwort. Das Kind ahnte, dass es auf ein philosophisches Problem gestoßen war, das – wie er später bei Kant, dem größten deutschen Philosophen[16], nachlesen wird – «zwar unschädlich gemacht, aber niemals vertilgt werden kann». Mein Problem war natürlich ein Teil – der räumliche Teil – von Kants erster Antinomie; und es ist, besonders wenn der zeitliche Teil dazukommt, ein ernstes und noch immer ungelöstes philosophisches Problem.[17]

Vielleicht war es nur ein kleiner sprachspielerischer Scherz, dass Popper seinen Geburtsort in einen kosmologischen Kontext stellte. Auch die Erinnerung an das erste verwickelte Problem, das ihn ernsthaft plagte, mag eine Täuschung sein, nachträglich konstruiert im Rückblick auf ein philosophisches Lebenswerk, das sich nicht in sprachlichen Vexierfragen und sinnklärenden Wortanalysen verlieren wollte, sondern sich der einen zentralen Aufgabe verschrieb: die Welt zu verstehen. Ich glaube jedoch, daß es zumindest ein philosophisches Problem gibt, das alle denkenden Menschen interessiert. Es ist das Problem der Kosmologie: das Problem, die Welt zu verstehen – auch uns selbst, die wir ja zu dieser Welt gehören, und unser Wissen.[18] Wissenschaft und Philosophie würden für ihn all ihre Attraktivität verlieren, wenn sie diesen Anspruch aufgeben würden, wenn sie aufhören würden, die Rätsel unserer Welt zu sehen und darüber zu erstaunen.[19]

Vom Himmelhof, da komm ich her. Die ursprünglich kosmologische Frage, die in dieser poetischen Nennung des Geburtsortes nachklingt, mag typisch kindlich sein. Ist das Weltall begrenzt oder unbegrenzt? Gab es die Welt schon immer, oder hat sie einen Anfang in der Zeit? Woher komme ich? Wie entsteht das Leben? Wie das Bewusstsein? Woher weiß ich, daß ich nicht träume? – Das sind Kinderfragen. Nur wenige halten dieses anfängliche Staunen fortdauernd aus. Die wenigsten werden Philosophen; und selbst unter diesen ragen jene heraus, in deren Arbeit die beunruhigende Neugier und das ursprüngliche Erstaunen der Kindheit lebendig bleiben. Popper gehört zu ihnen. Noch die wissenserfüllte Weisheit seines Alters hat nichts an jugendlicher Frische verloren. Aus welcher Quelle bezog sie ihre ausdauernde Energie?

Es fällt Popper nicht leicht, über sich und sein Elternhaus zu sprechen. Das mag damit zusammenhängen, dass er sein persönliches Schicksal, seine subjektiven Empfindungen und Talente für absolut zweitrangig hält gegenüber den objektiven philosophischen und wissenschaftlichen Problemen, deren Klärung er zu seiner gedanklichen Aufgabe gemacht hat. Ihn interessieren die Produkte des menschlichen Geistes mehr als die subjektiven Fähigkeiten ihres Schöpfers. Auch wenn er über sein eigenes Lebenswerk spricht und schreibt, dominiert dabei immer die kritische Rekonstruktion von Problemsituationen über die Erhellung persönlicher Erfahrungen und lebensgeschichtlicher Hintergründe. Glücklicherweise möchte er dennoch den Wert der letzteren Methode nicht völlig in Abrede stellen; er ist begrenzt und subjektiv, aber doch auch auf eine unersetzliche Weise anregend[20]. Seine Autobiographie – Ausgangspunkte – liefert dazu einige erhellende Hinweise. Wie also steht es um den Einfluss des Elternhauses auf Poppers geistige Energie beim Aufspüren und Lösen seiner philosophischen Probleme?

Eine Welt der Bücher und der Musik

«Vielleicht könnten Sie auch von Ihrem Vater sprechen, von seinem Arbeitszimmer, seinen Büchern. Das alles hat Sie ja tief beeindruckt während Ihrer Kindheit.» Als Franz Kreuzer in einem langen Gespräch 1979 Popper auch über sein Elternhaus befragte, blieb dessen Antwort zurückhaltend. Ja, das ist etwas schwierig, wenn ich darauf zurückgehen soll … Mein Vater hat viel gearbeitet, sowohl in seinem Beruf wie auch außerhalb. Er hat auch sehr viel gelesen, hauptsächlich Geschichte. Er hat eine große Bibliothek gehabt, die auf mich, schon bevor ich lesen konnte, großen Eindruck gemacht hat – mit einer Stiege mit Geländer, die zu den höheren Regalen der Bibliothek geführt hat.[21]

Dr. Simon Siegmund Carl Popper hatte, wie seine beiden Brüder, an der Wiener Universität Jura studiert und arbeitete als Rechtsanwalt. In einer geräumigen bürgerlichen Wohnung im Herzen Wiens (bis etwa 1920 Freisingergasse 4, später Bauernmarkt 1), mit Blick auf das Riesentor des Stephansdoms, befand sich seine Kanzlei. Er hatte sie übernommen vom letzten liberalen Wiener Bürgermeister, Dr. Carl Grübl, dessen Mitarbeiter und Freund er gewesen war. Angestrengt und erfolgreich arbeitete er in seinem Beruf und beeindruckte den Sohn mit seinem juristisch geschulten logischen Denkvermögen und seiner klaren, einfachen und gradlinigen Rednergabe. Er gehörte, in einer (seit 1897) von der Christlich-Sozialen Partei regierten Stadt, zu jenen kritischen intellektuell-freisinnigen Persönlichkeiten, deren patriarchalische Verkehrsformen aufgeschlossen waren für neue kulturelle, soziale und politische Entwicklungen.

Auch wenn es ihm widerstrebte, seine unbestrittene Autorität als Familienvater für die politische Erziehung seines Sohnes einzusetzen, so vermittelte er ihm doch eine aufgeklärt-liberale Grundhaltung, die sich durch den autokratischen Pomp der habsburgischen Hausmacht nicht blenden ließ. Er war sicher kein Anhänger der damaligen Regierung[22], sondern ein Verfechter des radikalen Liberalismus eines John Stuart Mill. Der klerikale Konservatismus der kaiserlichen und königlichen Doppelmonarchie, mit dem das zunehmende gesellschaftspolitische Chaos des Vielvölkerreichs nur notdürftig bewältigt werden konnte, provozierte seine ausgeprägt satirische Spottlust. Eine glänzende politische Satire, «Anno Neunzehnhundertdrei. In Freilichtmalerei», die mein Vater unter dem Namen Siegmund Karl Pflug geschrieben hatte, wurde beim Erscheinen beschlagnahmt und blieb bis 1918 auf dem Index der verbotenen Bücher.[23]

Deutlicher als in seinem Beruf zeigte sich diese väterliche Haltung außerhalb: Als Mitglied einer illegalen Freimaurer-Loge, der «Humanitas», deren «Meister vom Stuhl» er jahrelang war, engagierte er sich besonders für Obdachlose und elternlose Kinder. Erst viele Jahre später hat sein Sohn davon erfahren. Aber es ist zu vermuten, dass ihm schon früh durch seinen Vater der Blick geschärft wurde für das fürchterliche Elend in Wien, diese düstere Kehrseite der industriellen Expansion und der angehäuften großen Vermögen während der Gründerzeit. Dieses Problem beschäftigte mich so stark, daß ich fast nie ganz davon loskam. Nur wenige Menschen, die heute in einer der westlichen Demokratien leben, wissen, was Armut zu Beginn dieses Jahrhunderts bedeutete. Männer, Frauen und Kinder hungerten und litten unter Kälte, Obdachlosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Aber wir Kinder konnten nicht helfen. Wir konnten nicht mehr tun, als ein paar Kreuzer zu erbitten, um sie den Armen geben zu können.[24]

Noch stärker aber scheinen den jungen Karl die unzähligen Bücher der väterlichen Bibliothek beeindruckt zu haben. Sie waren bereits ein wesentlicher Teil seines Lebens, lange bevor er sie lesen konnte. Überall in der Wohnung gab es Bücher (mit Ausnahme des Speisezimmers, in dem ein Konzertflügel stand), ein noch unbegriffener und unzugänglicher Schatz, über den die Erwachsenen wie Zauberer verfügen konnten. Geheimnisvoll war hier alles aufbewahrt, was es über die Welt zu wissen gab. Der kindliche Wunsch, lesen zu können, muss mächtig gewesen sein; und es überrascht nicht, dass Popper zurückblickend verallgemeinernd feststellt: Lesen zu lernen, und, in einem geringeren Grad, schreiben zu lernen, sind natürlich die wichtigsten Ereignisse in unserer intellektuellen Entwicklung. Es gibt nichts, was damit zu vergleichen wäre.[25] Immer wird er seiner ersten Lehrerin, Emma Goldberger, dankbar sein, weil sie ihm den Zugang in eine Welt der Bücher öffnete.

überwältigende Rolle spielten. [27]Geschriebenes ist dem Gesprochenen vorzuziehen, und Gedrucktes ist noch besser. Denn nirgendwo anders sind jene «objektiven Gedanken und Probleme» besser greifbar, über die es kritisch zu argumentieren gilt, Objekte einer eigenständigen Welt 3, die die physikalische Welt 1 und die psychische Welt 2 transzendiert.