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Originalausgabe

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, August 2015

Copyright © 2015 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages

Umschlaggestaltung any.way, Notburga Reisener

Umschlagabbildung Rudi Hurzlmeier fotolinchen/iStockphoto.com

Satz Dörlemann Satz, Lemförde

Schrift DejaVu Copyright © 2003 by Bitstream, Inc. All Rights Reserved.

Bitstream Vera is a trademark of Bitstream, Inc.

ISBN 978-3-644-55471-9

www.rowohlt.de

ISBN 978-3-644-55471-9

Guten Tag,

hier schreibt Renate Bergmann. Vielleicht kennense mich ja schon, vom Fäßbock oder vom Twitter. Falls nicht, stelle ich mich kurz vor, wenn Sie gestatten? Ich bin 82, Rentnerin, vierfach verwitwet und lebe in Berlin-Spandau.

Anfangs hatte ich ziemliche Probleme mit dem Computerzeuchs, aber mein Neffe Stefan hat es mir so erklärt, dass ich nun ganz gut zurechtkomme. Er hat mit einem Faserstift alles rot angestrichen auf der Tastatur, wo ich nicht draufkommen darf und was ich auf gar keinen Fall drücken soll. Ich muss immer schön in der Mitte auf den weißen Tasten bleiben, dann passiert nichts. Und man sieht auf dem Bildschirm, was ich schreibe. Wenn ich meine Lesebrille aufhabe, geht es ganz gut. Schnell tippe ich nicht, die Finger wollen nicht mehr so recht …

Aber deshalb schreibe ich Ihnen nicht. Mir geht es um was anderes.

Wissense, was es für eine Schande ist, dass unsere schöne Sprache ausstirbt und verschludert wird? Ach, es ist zum Weinen. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin keine von denen, die an der Vergangenheit kleben und sich allem verweigern, was neu ist. Die Zeit schreitet voran, und man muss auch mit ihr gehen, sonst bleibt man im Gestern stecken.

Viele Wörter sterben aus, weil es die Dinge nicht mehr gibt, und nicht, weil man anders dazu sagt. Schelllackplatte zum Beispiel. Heute gibt es so was nicht mehr, jeder hat diese kleinen silbernen DC-Scheiben oder sogar MPs auf dem Computer. Meist gleich drei Stück. Trotzdem ist es doch schön, wenn man sich erinnert, was eine Schelllackplatte ist. Ich habe dem Stefan erzählt, dass mir der Opa damals die neuste Schlagerplatte von Rudolf Schock geschenkt hat. Wir haben dazu geschwoft, und am Wochenende hat er mich zum Tanztee ausgeführt. Ich war 16, also gerade im Ausführalter.

Da hat der Junge mich angeguckt und nur gesagt: «Tante Renate, ich verstehe kein Wort.»

Also dachte ich: Mensch, Renate, das musst du dem Stefan alles mal aufschreiben, sonst weiß der gar nicht, wie sein Opa weiland gefeiert hat.

Dann war ich letzthin mit meiner Freundin Gertrud unterwegs zum Einkaufen. Ihre Enkelin Vanessa ist jetzt 15, und bisher hat sich keiner um die Aussteuer von dem Mädchen gekümmert! Denkense sich nur. Was soll denn aus dem Ding werden? Bald 16 und noch nichts in der Aussteuertruhe, nicht mal ein Plumeau. Kein Tafeltuch, keine Servietten, nichts. Na, was meinense, was wir da erlebt haben. Gehense mal zu Karstadt und fragen nach einem Daunenplumeau. Das kennen die Damen dort gar nicht! Und als ich Damastservietten sehen wollte, wissense, was die Fachverkäuferin da gesagt hat? «Guckense mal bei ALDI, die haben manchmal welche in der Aktion. Oder über eBai aus China schicken lassen.»

Bei ALDI!

Was denkt die eigentlich, wen die vor sich hat? Eine Renate Bergmann kauft doch nicht bei ALDI. Und schon gar keinen Plunder vom eBai. Die Seite hat mir mein Neffe sowieso gesperrt, seit ich mal versehentlich «Gefällt mir» gedrückt habe und mir jetzt ein Windrad in Oberbayern gehört.

Aber ich verplaudere mich. Was ich Ihnen sagen möchte, ist: schade um die vielen schönen alten Wörter, die heute keiner mehr kennt. Wissense, ich bin die Letzte, die krampfhaft gegen den Einzug von englischen Wörtern in unseren Sprachalltag kämpft. Wenn es passt und jeder weiß, was gemeint ist – warum denn nicht? Ich sage auch nicht Klapprechner, sondern Läpptopp. Alles andere wäre doch albern. Wir Alten müssen ständig neu lernen, da fragt kein Mensch. Das ist selbstverständlich. Dass die jungen Leute heutzutage nicht mehr wissen, was ein Ferngespräch war, was in eine Aussteuertruhe gehört und wie ein Testbild nach Sendeschluss aussieht, das ist doch traurig! Das muss man denen doch mal erklären und als eine Art «Wörterbuch» aufschreiben. Wie sollen sich die Halbstarken denn sonst mit ihren Großeltern unterhalten?

Deshalb habe ich Ihnen hier ein paar Begriffe notiert. Vielleicht hamse ja Lust, ein bisschen in dem zu stöbern, was eine olle Frau Ihnen aufschreibt?

 

Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen!

Ihre Renate Bergmann

Anorak

Bei den Jacken gibt es Moden, wie überall. Die von der Industrie erfinden für die immer gleichen Sachen ab und an neue Wörter, damit sie die Preise erhöhen können. Da darf man sich nicht von verrückt machen lassen. Eine warme Jacke bleibt eine warme Jacke – ob sie nun Anorak heißt, Parka oder Mantel. Alles nur Geldschneiderei! Wichtig ist doch, dass man nich friert, oder?

Ich habe für den Winter einen schönen abgesteppten Mantel, eine Übergangsjacke in Beige für die Zeit, wo man nicht weiß, wie das Wetter wird, und Kostümjacken für Feiern, Arztbesuche und Beerdigungen. Wenn es für eine Übergangsjacke zu warm ist, trage ich eine Strickjacke in zartem Mint, man fröstelt ja doch rasch, wenn die Sonne weg ist und es zieht.

Mehr Jacken braucht kein Mensch.

Anrichte

Die allermeisten haben eine Anrichte und wissen es gar nicht. Heute heißt das angeblich «Sideboard». So ein Quatsch! Bei Anrichte weiß jeder: Da ist das gute Geschirr drin, die Gläser und die Tischdecken. Also, gewöhnen Se sich Sideboard bitte wieder ab und sagen Se Anrichte, dann müssen Se auch nicht erst nachschlagen, wie man das schreibt.

Eine richtige Anrichte ist stabil und aus echtem Holz gezimmert, nicht aus Presspappe oder Schwedenplaste. Da können Se ruhig das Speise- und Kaffeeservice für zwölf Personen reinstellen, ohne dass die Häkchen ausbrechen, die die Einlegeböden halten, und Ihnen alles zusammenkracht. Solide Handwerksarbeit hält was aus.

Aschtonne

Heute hat jeder ’ne grüne Tonne, ’ne blaue Tonne, ’ne gelbe Tonne und was weiß ich noch. Von oben bis unten komplett aus Plaste. Gab’s damals alles nich. Wir hatten eine Aschtonne aus Zink, da kam der ganze Hausmüll rein und die Asche aus den Öfen. Aber nicht die Sekundärrohstoffe wie Glas, Pappe oder Metall. Das haben die Kinder von den Timurtrupps abgeholt. Die Zinktonne war robust. Darin konnte die Asche ruhig noch ein bisschen weiterglimmen, das machte gar nichts. Die Dinger hielten auch mal einen kleinen Bums aus. Da hätte Kurt, der Mann meiner besten Freundin Ilse, glatt den Kürzeren gezogen mit dem Koyota, wenn er gegen so eine Aschtonne gefahren wäre statt gegen die gelbe Tonne von Schnei… Aber ich habe ihm versprochen, dass ich das nicht aufschreibe, sonst schimpft die Ilse wieder. Es ist ja nichts passiert, man sieht nichts. Den Kratzer am Wagen hat er mit ein bisschen Nagellack ausgebessert.

Aufgebot

Soweit ich weiß, gab es das bis vor ein paar Jahren, dass man eine Hochzeit x Wochen vorher anmelden musste und das dann im Schaukasten am Rathaus ausgehängt wurde. Wenn jemand Einspruch hätte einlegen wollen, hätte er sich im Büro melden müssen. Hätte ja sein können, dass der Mann ein Hallodri ist und schon verheiratet. Inzwischen haben die im Amt auch überall Computer und prüfen das sofort nach, da braucht man so einen Blödsinn nicht mehr. Bei mir ist viermal alles gutgegangen, keiner hat gegen das Aufgebot Einspruch eingelegt.

Ich hatte eben ein Händchen bei der Auswahl meiner Männer, ein Heiratsschwindler war nie dabei. Auch wenn der Standesbeamte bei der Zeremonie gefragt hat, ob jemand was gegen die Ehe einzuwenden hätte, meldete sich nie einer. Als ich den Franz geheiratet hab zum Beispiel, stand da ausgehängt am Rathaus: «Franz Hilbert beabsichtigt, Frau Renate von Morskötter, geborene Strelemann, verwitwete Winkler, zu heiraten.» So ein Käse! Als ob das wen was anginge! Wie se sich alle das Maul zerrissen haben, die olle Kannwischern mit ihren Männersocken in den Holzpantinen vorneweg. Aber so waren die Zeiten, was soll man sich aufregen?

Aussteuer

Eine Braut war eine gute Partie, wenn der Vater Landbesitz hatte und das Fräulein eine ordentliche Aussteuer. Seit meiner Kommunion habe ich deshalb zu jedem Geburtstag und zu Weihnachten wahlweise Tischtücher, Bettwäsche oder Handtücher bekommen. Die wurden in der →Aussteuertruhe aufbewahrt, bis ich das erste Mal geheiratet habe. Obwohl Krieg war, kam immer was für die Aussteuer dazu, und wenn es nur ein selbstgesticktes Paradetuch für den Handtuchhalter war oder ein halbes Dutzend Leinenservietten.

Vor zwei Jahren hat meine Freundin Gertrud ihrer Enkelin Vanessa hübsche Handtücher geschenkt, mit Rosen bestickt. Das ist bekanntlich zeitlos und kommt nie aus der Mode. Dazu gab’s ein paar feine Stücke Lux-Seife, um sie dazwischenzuschieben. Ach, war das ein schönes Präsent! Aber denkense sich, das Mädel hat dem kaum Beachtung geschenkt und die hübschen Tücher nicht mal angeguckt. Die jungen Dinger, die wissen so was gar nicht mehr zu schätzen.

Aussteuertruhe

Aussteuer