DAS BUCH
Wir schreiben das Jahr 1982. Curro, ein zerbrechlicher, von Ticks und Phobien geplagter Zwölfjähriger, kämpft damit, sein Leben zu bewältigen. Hin- und hergerissen zwischen der Liebe zur Mutter und den Launen des Vaters, flüchtet er sich in Traumwelten, bewundert Kevin Keagan und versucht den Misshandlungen seiner Mitschüler zu entkommen. Curro und sein bester Freund Priu sind Nerds, liebevolle Freaks, die in der Peripherie von Barcelona nach dem Schönen und Guten suchen. Bis zu dem Tag, an dem ein Wirbelsturm losbricht und all die Lügen, all die Geheimnisse, die sich in Curros Familie angesammelt haben, ihre Welt für immer zerstören.
Im Jahr 2017 ist Curro seit über zwanzig Jahren in der psychiatrischen Klinik Santa Dympna in Sant Boi de Llobregat untergebracht, nachdem er im schizoiden Wahn eine Messerattacke begangen hatte. Doch Curro hat die Psychiatrie satt, er will ausbrechen. Zusammen mit seinem »Butler«, dem getreuen Plácido, plant er die Flucht.
Träume aus Beton ist »kompromisslos, süchtig machend, unheimlich komisch – die Stimme von Kiko Amat ist einzigartig, die eines Predigers in der Popwüste (ABC)«. Eine unvergessliche Geschichte über Wahnsinn, Familie, Arbeiterklasse und Freundschaft – erzählt mit viel Empathie und außergewöhnlichem Einfühlungsvermögen.
DER AUTOR
Kiko Amat, geboren 1971, stammt aus Sant Boi de Llobregat, einer Trabantenstadt in der Peripherie von Barcelona. Sein Vater war Rugbyspieler, seine Mutter Krankenschwester in der örtlichen Psychiatrie. Im Alter von siebzehn Jahren brach er die Schule ab, wurde Mod, Kleptomane, Plattenhändler, Kassierer bei McDonald‘s, Fließbandarbeiter bei Seat Martorell, Wachmann auf einem Campingplatz, Pförtner und Kellner in einem großen Hotel. Bisher hat er fünf Romane veröffentlicht, die in seinem Heimatland Kultstatus besitzen und gesellschaftliche Randfiguren in urbanen Settings begleiten. Er schreibt regelmäßig für El País und El Periódico, ist Co-Direktor des Subsol im CCCB, dem Zentrum für zeitgenössische Kunst und Kultur in Barcelona, und ist Co-Moderator des Podcasts Pop y Muerta für Radio Primavera Sound.
Daniel Müller lebt in Berlin-Wedding und überträgt seit mehr als fünfzehn Jahren Texte aus dem Englischen und Spanischen ins Deutsche – unter anderem auch Bücher von Santiago Lorenzo, Bruce Springsteen, James Lee Burke oder Irvine Welsh.
KIKO AMAT
Träume aus Beton
Roman
Aus dem Spanischen von Daniel Müller
WILHELM HEYNE VERLAG
MÜNCHEN
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel
Antes del huracán bei Anagrama, Barcelona
Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.
Unter www.heyne-hardcore.de finden Sie das komplette Hardcore-Programm, den monatlichen Newsletter sowie alles rund um das Hardcore-Universum.
@heyne.hardcore
Die Übersetzung dieses Romans wurde finanziell von Acción
Cultural Española, AC/E unterstützt.
Copyright © 2018 by Kiko Amat
Copyright © 2022 der deutschsprachigen Ausgabe
by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Die Arbeit des Übersetzers am vorliegenden Text
wurde vom Deutschen Übersetzerfonds gefördert.
Lektorat: Markus Naegele
Redaktion: Thomas Brill
Umschlaggestaltung und -motiv:
Johannes Wiebel | punchdesign, München,
unter Verwendung von Motiven von Adobe Stock
(Phil – stock.adobe.com)
Satz: Leingärtner, Nabburg
ISBN 978-3-641-26883-1
V001
Für Eugènia, Boi und Lluc
Nicht jeder kann das Glück haben,
ein Waisenkind zu sein.
Rotfuchs, Jules Renard
Jetzt bin ich wirklich ein Narr geworden;
ihr habt mich dazu gezwungen.
2. Korinther 12, Paulus von Tarsus
Ich habe mir das alles ausgedacht.
Kapitel 1
Plácido hat die Hände voll. Vor ein paar Sekunden kam er durch die Tür von Pavillon H und stieg die fünf Treppenstufen hinunter. Einen Fuß vor den anderen, mit aufrechter Haltung, die Arme schwangen ruhig im Rhythmus seiner Schritte. Weder blieb er stehen, um ein Tänzchen aufzuführen, noch schrie er den Himmel an. In der Patientenakte von Plácido gibt es Vermerke über Suizidtendenzen, Fremdaggression, häufige Selbstverstümmelungen, eine ganze Palette unterschiedlicher Verhaltensstörungen, psychomotorische Agitiertheit, Persönlichkeitsveränderungen und Enthemmung. Wahnvorstellungen, allerdings ohne Halluzinationen, gehören ebenfalls zur Liste. Unter all den Verrückten in diesem Irrenhaus, das sagt sich Curro oft, ist Plácido derjenige, dem man es am wenigsten anmerkt. Wer ihn vor zwei Jahren nicht am Rand der Dachterrasse gesehen hat, wie er mit todtraurigem Blick nach unten die Dauer des Sturzes in die Tiefe kalkulierte, könnte zu der Annahme kommen, dass er im Grunde bei bester Gesundheit wäre. Im Vollbesitz seiner geistigen und körperlichen Kräfte.
Es ist neun Uhr vormittags, aber noch ist es nicht besonders hell. Eine kalte Sonne mit unscharfen Rändern wabert kraftlos zwischen den Wolken am verhangenen Himmel. Sie ist von blassroter Farbe, wirkt abgegriffen wie eine Fünf-Cent-Münze. Hinter den Pavillons im Osten des Anstaltsgeländes drängelt sich eine Handvoll aufgequollener Wolken über dem Río Llobregat. Es ist Januar, das Jahr das jetzige. Und das hier ist der Anfang dieses Romans.
Als Plácido die Tür von Pavillon H öffnete, tat Curro gerade so, als würde er sich eine Zigarette anzünden. Anschließend gab er vor, an dem imaginierten Glimmstängel zu ziehen, den Rauch auszuatmen und, ein paar Sekunden später, durch leichtes Tippen mit dem Zeigefinger die Asche von der Zigarette abzuschnippen. Die Verrückten in der Anstalt sind fast alle zwanghafte Raucher. Nicht so Curro. Für ihn ist es nur eine Geste, die ihm etwas Ruhe schenkt. Er fühlt sich etwas besser als zuvor, denn vor ein paar Minuten hat er in der Küche sein Clozapin bekommen, die zweite Gabe des Tages, verabreicht in einem fingerhutgroßen Messbecher.
Plácido stellt sich zu Curro und reicht ihm einen karierten, mehrfach übereinandergeschlagenen Lappen aus dickem Stoff und ein längliches Glas, in dem sich eine schaumige Flüssigkeit von gelblicher Farbe befindet.
»Guten Morgen, Señor. Es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Soldevila verschwunden ist.«
»Morgen, Plácido. Ja, das hab ich auch schon mitbekommen.«
»Verstehe, Señor. Hier, nehmen Sie, Ihr Schal.«
»Danke.«
»Ich dachte, dass Sie ihn wahrscheinlich brauchen können, Señor. Es ist ein ziemlich frischer Vormittag. Nahezu perfekt, um sich einen heimtückischen Katarrh zuzuziehen. Hier habe ich noch Ihren Vitaminmix.«
Curro wirft die nicht vorhandene Zigarette auf den Boden und tut so, als würde er sie mit seinem Pantoffel austreten. Plácido hat recht. Es ist kalt, richtig kalt. Der Boden ist hart und trocken. Curros Gesichtshaut spannt an den Wangen, und seine Zähne klappern, während ihm ein kurzer Schauder über den Körper läuft, an der Wirbelsäule aufwärts, an den Armen abwärts. Es ist kein Vormittag, um nur mit Morgenmantel bekleidet durch die Gegend zu laufen. Er reibt sich das Kinn und wartet die drei Tics ab, die Braue und Lid seines Auges durchzucken und seine Gedanken klären. Als wäre es ein direkter Befehl seines Nervensystems, verspürt er plötzlich den Impuls, Plácido die Nase abzulecken, aber er ballt die Fäuste, schüttelt kraftvoll den Kopf und schafft es auf diese Weise, dass der Drang nachlässt.
»Hervorragend, Plácido.« Er greift den Schal, legt ihn um seinen Hals und verknotet die Enden. Danach nimmt er das Glas.
»Ah, ein Shake aus rohen Eiern und Zitronenlimonade – das altbewährte Kräftigungsmittel der Arbeiterklasse. In meiner Familie wurde das oft getrunken. Besonders meine Mutter war nahezu besessen von diesem Wundersaft. Und von vielen anderen Dingen natürlich auch, aber das brauche ich wohl nicht mehr extra zu erwähnen.«
»Wenn ich die Lage richtig einschätze, Señor, können Sie diesen Shake heute ganz besonders gebrauchen. Drinnen im Pavillon heißt es, das Frühstück sei alles andere als zufriedenstellend gewesen.«
»Und recht haben sie, Plácido. Das Frühstück sah aus wie das erbrochene Gewölle eines Steinkauzes mit ganz und gar abscheulichen Ernährungsgewohnheiten.« Curro klopft sich mit der flachen Hand auf den Bauch. »Gott ist mein Zeuge, früher oder später werden die Herrschaften aus der Küche uns mit ihrem Gemurkse alle umbringen. Wo haben diese Leute ihr Handwerk gelernt, Plácido? An der Internationalen Giftpanscher-Akademie Lucrezia Borgia, oder was?«
»Nun, Señor …«, erwidert Plácido, ohne eine Miene zu verziehen.
Curro ist leicht irritiert. In den zwei Jahren, die Plácido mittlerweile in seinen Diensten steht, hat der Butler über keinen einzigen seiner Witze gelacht. Nach Curros Beobachtungen haben sich die Gesichtsmuskeln seines Bediensteten bislang lediglich beim Essen und beim Sprechen bewegt. Und noch nicht mal das stimmt wirklich, denn Curro hat noch nie gesehen, wie Plácido etwas Essbares zu sich genommen hat. Gut möglich, dass er sich durch Fotosynthese ernährt, wie die Pflanzen.
»Wie dem auch sei … danke jedenfalls für den Schal«, sagt Curro und streicht mit der Hand über den Lappen, der sich für ihn wie Kaschmir anfühlt, in Wirklichkeit aber nur ein mit Fettflecken übersäter Fetzen aus einem alten Vorhang ist. Danach leert er das Glas und schaut seinen Butler an.
Plácido ist der einzig vorzeigbare Patient der Anstalt. Schwarzer Seersucker-Anzug, ebenfalls schwarze Plastron-Krawatte mit traditioneller Knotung, blütenweißes Hemd, dazu eine Weste von auffällig goldgelber Farbe mit schwarzen Längsstreifen und englische Schuhe, dunkelgrau und mit Doppelknoten, bei denen die Schnürsenkel so perfekt, die Enden so gleich lang sind, dass seine Füße wie zwei Geschenke aussehen.
Die beiden stehen vor der Eingangstreppe zum Pavillon H. Es sind nur fünf Stufen, aber sie sind sehr breit und aus weißem, schwarz gesprenkeltem Granit gefertigt. Sie erinnern Curro an den Eingang zum Terrarium des Zoos in Barcelona. Als kleiner Junge war er öfter mit seinem Vater dort, um sich die Reptilien anzusehen. Das war in den Jahren vor 1982. Vor dem Hurrikan, als die Welt noch nicht aus den Fugen geraten war.
Von dort, wo er steht, kann Curro, wenn er über die Hecken hinweg und zwischen den Pavillons K und A hindurchschaut, die kranken Platanen am Rand der Straße zur Industrieansiedlung Colonia Güell sehen. Und dahinter dann das Röhricht am Flussufer, dessen Spitzen wie die Lanzen und Standarten in diesem alten Gemälde aussehen, dessen Titel er sich partout nicht merken kann. Die Übergabe. Die Übergabe von XYZ. Er kommt nicht drauf.
Gedämpfter Straßenlärm dringt an sein Ohr; Fahrzeuge auf dem Weg zu den bereits erleuchteten Fabriken, Werkstätten und Bürogebäuden. Ein organischer und lebendiger Strom von Geräuschen, wie die eines pulsierenden Körpers. Dann eine Hupe, ein paar Flüche und das Röhren eines Motors, als die Ampel auf Grün springt und jemand das Gaspedal bis zum Bodenblech durchtritt. Es riecht nach Eukalyptus- und Johannisbrotbäumen, nach Zementfabriken und dem in den nahe gelegenen Artischockenfeldern und Olivenhainen verbrannten Unkraut. Nach zur Hälfte ausgehärtetem Beton. Nicht ein Vogel ist am Himmel zu sehen, auch nicht in den Bäumen. Es ist windstill, alles starr vor Kälte.
»Nichts zu danken, Señor. Wenn Sie mir gestatten …« Plácido zieht sich ein kleines Taschentuch aus dem linken Ärmel, wickelt es um seinen Zeigefinger und wischt Curro den Restschaum vom Schnurrbart. »So, fertig. Tut mir leid, dass ich Sie heute nicht habe ankleiden können. Als ich mit der sauberen Garderobe in Ihr Zimmer kam, waren Sie schon aufgebrochen.«
»Nicht ganz«, antwortet Curro mit einem verärgerten Gesichtsausdruck. »Schwester Lourdes hat mich heute um sieben Uhr früh aus den Federn geholt. Dringliches Gespräch mit Doktor Skorzeny, diesem ausgemachten Kurpfuscher.«
»Tut mir leid, das zu hören, Señor.«
»Und das ohne Clozapin! Kaum zu glauben, oder? Noch vor der ersten Medikamentenausgabe hat sie mich antreten lassen, verdammt! Kompletter Kaltstart. So war ich Skorzeny beim Verhör schutzlos ausgeliefert. Hört sich das für dich vielleicht besonders ethisch an oder im Sinne des alten Hippokrates? Auf dem Weg zum Büro fragte sie mich in einem fort, was ich denn angestellt hätte, dass Skorzeny mich so dringend einbestellt.« Curro drückt mit den Fingern an einem seiner Ohrläppchen, quetscht es, als würde er es melken wollen. »Weißt ja selbst, wie das mit den Schuldgefühlen funktioniert – man tendiert dazu, sich alles auf die eigenen Schultern zu laden. Aber mir wollte partout nichts einfallen, was ich ihr hätte antworten können. Das heißt, abgesehen von meiner Flucht aus dieser Anstalt, die ich ja ursprünglich zusammen mit Soldevila geplant hatte. Natürlich war das auch der Punkt, auf den Skorzeny in erster Linie hinauswollte, obwohl er es während des Gesprächs vermieden hat, mich direkt mit der Sache in Verbindung zu bringen.«
Curro hält einen Moment lang inne und denkt nach. Er mag zwar nicht bei vollem Verstand sein, aber er weiß, dass die Ärzte nicht in der Lage sind, seine Gedanken auszulesen und auf diese Weise von seinen Fluchtplänen zu erfahren. Und was Soldevila angeht, nun, der ist stumm, und das macht einen Verrat durch ihn eher unwahrscheinlich. All das beruhigt Curro ein wenig.
»Skorzeny hat mich wieder und wieder gefragt, ob ich nicht doch den Aufenthaltsort meines ›Freundes‹ kennen würde«, berichtet Curro weiter. »Worauf ich dem Doktor erklärt habe, dass die Bezeichnung ›Freund‹ doch ein bisschen weit hergeholt ist und das Wort ›Bekannter‹ wohl eher unsere Beziehung beschreibt. Meinetwegen auch ›Mitbürger‹ oder ›Zeitgenosse‹. Und sicherlich findet da ab und an eine Art Austausch statt, basierend auf gegenseitigem Respekt und dem Streben nach Eintracht, aber dieser reicht ganz gewiss nicht bis zur … wie nennt man das noch gleich? Brüderlichkeit. So oder so, ich habe jedenfalls herausgestellt, dass wir sein Verschwinden sehr bedauern und sein Lächeln vermissen werden. Denn die Erinnerung an das Tal, in dem er lebte, wird nicht durch den Staub ausgelöscht … den Staub der Straße, ähm, des Vergessens …«
»Verstehe, Señor«, sagt Plácido. Er ist einigermaßen perplex angesichts der letzten Worte seines Dienstherrn, lässt sich die Verwirrung aber nicht anmerken.
»Wovon ich Skorzeny natürlich nichts erzählt habe – weil ich nämlich, wie du am besten weißt, schlau wie ein Fuchs bin –, ist die Tatsache, dass ich selbst gern den Aufenthaltsort von Soldevila wüsste, um hinzugehen und dem Kerl die Kehle durchzuschneiden. Rom bezahlt keine Verräter!«
»Natürlich nicht, Señor. So etwas macht Rom nicht. Insgesamt keine besonders guten Neuigkeiten.«
»Spar dir deine Euphemismen, mein Lieber. Das sind ganz und gar abscheuliche Neuigkeiten. Und dann noch alle auf einen Schlag. Wie geht das Sprichwort noch mit der Brühe und dem Mund?«
»Oft wird vom Teller zum Mund die Suppe kalt und ungesund, lautet das Sprichwort, Señor. Es bedeutet, dass selbst die berechtigtsten Hoffnungen auf das Erreichen unserer Ziele und Träume von einer Sekunde auf die andere zerstört werden können.«
»Sehr richtig, Plácido. Meine Ziele und Träume, zum Greifen nahe und doch allesamt zerplatzt. Sieht so aus, als hätte Gott wieder einmal direkt über meinem Kopf seine Notdurft verrichtet. Entschuldige die Wortwahl, mein Freund. Aber damit sind unsere Fluchtpläne im Eimer, zunichtegemacht von einem unbeherrschten Schizophrenen mit Aphasie, der allem Anschein nach unfähig ist, selbst die simpelsten Befehle zu verstehen. Und natürlich ist es nicht dabei geblieben. Nein, nein, nein. Obendrein ist mir Skorzeny natürlich wieder mit der alten Leier gekommen: erst die Vorfälle in meiner Kindheit, dann der Grund für meine Einweisung in diese Anstalt und die psychiatrisch-neurologische Krankengeschichte meiner Familie. Und abschließend, als großes Finale sozusagen, hat er sich erdreistet, eine Anspielung auf die … die Attacke zu machen.«
»Eine Unverschämtheit sondergleichen, Señor!«
»So sieht’s aus, mein Bester. Und obendrein …« Curro unterbricht, zweifelt, ob er es aussprechen soll. Er wendet den Blick von seinem Butler ab und beginnt, mit dem Fingernagel seines rechten Zeigefingers unter einem Nagel der anderen Hand zu bohren.
»Señor?«
»Am Ende des Verhörs habe ich wieder Wahnbilder gesehen.«
Unmerklich fast schraubt Plácido die Augenlider einen Millimeter nach oben. Sein Nacken wird steif, und er räuspert sich. Die Finger im Pinzettengriff zupft er sich ein nicht vorhandenes Haar vom linken Ärmel seines Jacketts.
»Entschuldigen Sie bitte, wenn ich so direkt frage, Señor, aber gehe ich richtig in der Annahme, dass Sie von einer Erscheinung sprechen? Dem Geist Ihrer verstorbenen Mutter?«
Curro stützt sich an der Außenwand des Pavillons ab, als würden ihm seine Beine jeden Moment den Dienst versagen. Von außen betrachtet gleicht das Gebäude den anderen Pavillons: rechteckige Grundfläche, in hellem Beige gestrichene Mauern mit einem in Kniehöhe um das Haus laufenden Band aus smaragdgrünen Fliesen, auf denen klassische Motive des Mittelmeers dargestellt sind: Windrosen, Segelboote, Sardinen im Profil, strahlende Sonnen. Die Fenster sind mit gelblichen Lamellenvorhängen versehen, die über Endlosschnüre aus Kugelketten verfügen und aus grobem Material bestehen, sodass man von außen nicht genau erkennen kann, was in den Räumen vor sich geht. Flüchtige Schatten, Teile von Gesichtern, der Schimmer von Leuchtstoffröhren, mehr ist nicht zu sehen.
»Ja«, antwortet Curro schließlich mit dünner Stimme. Dann überkommt ihn ein Dreifach-Tic: Sein Gesicht verzerrt sich, sein Hals zuckt, und sein Ellbogen schnellt gen Himmel. Plácido wendet den Blick ab, um es nicht mitansehen zu müssen. »Richtig geraten, und wie zu erwarten war die Erscheinung heute besonders grauenhaft. Sie kam aus einer Hecke hervor und bewegte sich reichlich ungelenk. Na ja, wenigstens hat sie sich dieses Mal bewegt, Plácido. Ist ja auch nicht mehr so leicht für sie, schließlich ist die Gute bereits seit 1982 tot. Sie trug wieder dieses alte Brautkleid, das mit den … mit den Kakerlaken drauf, die kreuz und quer über den Stoff huschen.«
»Also wieder die Kakerlaken, Señor?«
»Ja, Plácido«, sagt er und tritt von der Wand weg, um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen. Dann greift er mit beiden Händen seinen Kopf. Kurz darauf lässt er ihn wieder los, um seinen Butler anzusehen und die offenen Hände seitlich auszustrecken, als würde er ein unsichtbares Bandoneon halten. »Diese unseligen Krabbelviecher. Eines von denen war zerquetscht wie bei … egal. Es war jedenfalls ein ekelhafter Anblick, und als Krönung habe ich auch noch reichlich unmannhaft das Bewusstsein verloren. Und das alles im Büro von Skorzeny.«
»Ich kann mir vorstellen, wie schwierig das für Sie war, Señor. Und wenn Sie mir die Bemerkung erlauben, Señor, an Ihrer Männlichkeit gibt es nun wirklich keinerlei Zweifel anzumelden. Auch starke Männer weinen. Denken Sie nur an Sir Winston Churchill, Señor. Der hat häufig geweint, und ich glaube nicht, dass auch nur einer seiner Zeitgenossen ihn für ein Weichei hielt.«
»Danke, Plácido.«
»Wir werden an den Stränden kämpfen, Señor.« Seine Stimme beginnt vor Emotion zu zittern. »Noch nie in der Geschichte menschlicher Konflikte hatten so viele so wenigen so viel …«
»Ist gut, Plácido. Ich hab’s kapiert.«
»Verstehe, Señor. Wenn Sie mir noch eine Frage erlauben: Im Pavillon spricht alle Welt von der Sache mit Señor Soldevila, und ich frage mich, ob er vielleicht irgendeinen Hinweis auf seinen Verbleib oder seinen momentanen Aufenthaltsort hinterlassen haben könnte.«
»Nein. Obwohl, warte …« Curro hebt den Finger und reißt die Augen auf. »Das hätte ich beinahe vergessen.« Er schiebt Daumen und Zeigefinger in die rechte Tasche seines Morgenmantels und zieht einen kleinen, einmal gefalteten Zettel hervor. Dann streckt er den Arm aus und hält seinem Diener mit einer dramatischen Handbewegung das Papier entgegen. »Auf seinem Bett lag diese Nachricht hier. Sie war an mich gerichtet, aber da der Zettel nicht in einem Umschlag steckte, haben Skorzenys Leute ihn gelesen. Hätte ja schließlich etwas über seine Flucht drinstehen können. Nun ja … ich denke, es ist besser, wenn du ihn selbst liest.«