Vorbemerkung des Autors
Diese dritte und überarbeitete Ausgabe der »Bekenntnisse eines Bürgers« enthält den endgültigen Text. Die Personen der Romanbiographie sind erfunden; Heimatrecht und Personalität haben sie nur in diesem Buch, in der Wirklichkeit leben sie nicht und haben nie gelebt.
1 HÄUSER MIT ZWEI OBERGESCHOSSEN gab es nur ein Dutzend in der Stadt: das, in dem wir wohnten, die beiden Honvedkasernen und noch einige öffentliche Gebäude. Später wurde das Palais des Armeekorpskommandos gebaut, es hatte ebenfalls zwei Stockwerke und einen elektrischen Aufzug. Unser Haus aber, das an der Hauptstraße, nahm sich wie ein echtes Großstadthaus aus; es war ein veritables Mietshaus, zweistöckig, mit breiter Fassade, geräumigem Hausflur und breiten Treppen – in diesem Treppenhaus war es immer zugig, vormittags lagerten die Marktleute auf den Stufen, in Pelzjacken und Schaffellmützen, sie aßen Speck, rauchten Pfeife und spuckten, und von jedem Stockwerk gaffte eine lange Fensterreihe auf die Straße, zwölf Fenster. An die Wohnungen im ersten Stock und so auch an die unsrige war ein schmaler Balkon gebaut, auf dessen eisernes Geländer wir im Sommer in Erdkästen gepflanzte Geraniengirlanden stellten. (»Verschönere deine Stadt!« So lautete die Losung, und zur Förderung dieses edlen Gedankens wurde sogar ein Verein gegründet, der Verein für Stadtverschönerung.) Es war ein sehr hübsches und vor allem ansehnliches Haus, das erste wirklich »moderne« in der Stadt, die Fassade aus roten Backsteinen, unter die Fenster hatte der Architekt überall Gipszierat geklebt, und überhaupt hatte er alles eingebaut, was der Ehrgeiz eines Architekten im ausgehenden Jahrhundert an ein so nagelneues Mietshaus hängen konnte.
In dieser Stadt wirkten alle Häuser, auch die, wo mehrere Familien wohnten und die Bewohner Miete zahlten, wie Einfamilienhäuser. Die eigentliche Stadt war nahezu unsichtbar, sie war nach innen gebaut, erstreckte sich hinter der ebenerdigen Fassade der Straßenecken. Blickte der Wanderer durch eines der Torgewölbe, sah er vier oder fünf Häuser auf dem Hof, den die Enkel und Urenkel vollgebaut hatten; wenn ein Sohn heiratete, klebte er einen weiteren Flügel an die vorhandenen Bauten. Die Stadt versteckte sich auf den Höfen. Die Menschen lebten in eifersüchtiger, scheeler Vorsicht nach innen; mit der Zeit baute sich jede Familie einen verborgenen kleinen Stadtteil zusammen, einen kleinen Häuserblock, den offiziell und vor den Augen der Welt nur die Straßenfront repräsentierte. Kein Wunder, daß das Haus, in dem meine Eltern zu Beginn des Jahrhunderts eine Wohnung gemietet hatten, in einer solchen Umgebung als regelrechter Wolkenkratzer galt und rasch im ganzen Komitat bekannt wurde. Es war ein richtiges trauriges Mietshaus, wie sie in der Hauptstadt schon zu Hunderten gebaut wurden: ein Mietshaus mit Mietparteien und langen, vergitterten »Gängen«, die sich an den oberen Geschossen um den Hof wanden, mit Waschküche, mit Zentralheizung und mit Dienstbotenklosetts an den Nebentreppen. Dergleichen hatte man in der Stadt bisher nicht gesehen. Die Zentralheizung war eine zeitgemäße Neuerung, aber auch über die Dienstbotenklosetts wurde viel geredet, denn jahrhundertelang hatte man sich taktvoll nicht dafür interessiert, wo die Dienstboten ihre Notdurft verrichteten. Der »moderne« Architekt, der unser Haus baute, war ein Reformer in jener Gegend, als er in seinem Werk so eindeutig die Bedürfnisorte des Zusammenlebens von Herrschaft und Personal trennte. In meiner Schulzeit prahlte ich sogar, in unserem Haus gingen die Dienstboten auf ein eigenes Klosett. In Wahrheit verhielt es sich so, daß die Dienstboten aus einer merkwürdigen Scham und Abneigung heraus diese Aborte nicht aufsuchten; aber niemand wußte, wohin sie dann gingen. Wahrscheinlich machten sie es wie früher, wie davor schon, über Jahrhunderte, seit Anbeginn der Zeit.
Der Architekt konnte sich austoben, sparen mußte er weder an Platz noch an Material. Aus dem Treppenhaus trat man in eine wohnzimmergroße Diele, hier stand ein Spiegelschrank, an der Wand hingen ein bestickter Bürstenhalter und ein Hirschgeweih, und im Winter war es hier schauderhaft kalt, denn man hatte vergessen, einen Heizkörper einzubauen; hier wurde also nicht geheizt, und die Pelze der Gäste gefroren eishart an den Haken. Dies sollte eigentlich der »Haupteingang« vom Treppenhaus sein, aber geöffnet wurde er nur für geschätzte Gäste. Die Dienstboten, die Familienmitglieder und auch die Eltern kamen über den Gang in die Wohnung, neben der Küche gab es eine kleine verglaste Tür, doch ohne Klingel, man mußte ans Küchenfenster klopfen. So gelangten auch die Freunde der Familie herein. Der »Haupteingang«, die Diele mit dem Hirschgeweih, wurde nur zwei-, dreimal im Jahr benutzt, am Namenstag meines Vaters und an den Faschingsabenden. Einmal wünschte ich mir von meiner Mutter zum Geburtstag als besondere Gunst, an einem gewöhnlichen Tag ganz allein und nur zum eigenen Vergnügen die Wohnung vom Treppenhaus her und durch die Diele betreten zu dürfen.
Der Hof war rechteckig und außerordentlich weitläufig. In der Mitte stand wie ein Galgen für mehrere Personen ein großes Teppichklopfgestell, und es gab einen Schöpfbrunnen, der das Wasser mit Elektrokraft in die Wohnungen beförderte. Wasserleitungen kannte man damals in der Stadt noch nicht. Jeden Morgen und jeden Abend erschien die Frau des Hausmeisters am Brunnen, schaltete den kleinen Elektromotor ein und ließ ihn laufen, bis aus dem Sicherheitsrohr unter der Traufe des zweiten Stockwerks ein dünner Wasserstrahl auf den Hof rann, das Zeichen, daß nun auch der oberste Behälter mit Trinkwasser gefüllt war. Diese außergewöhnliche Attraktion lockte, besonders zur Stunde des Sonnenuntergangs, neben den Bewohnern des Hauses alle an, deren Würde das Gaffen nicht verletzte, in erster Linie Kinder und Dienstboten. In den meisten Häusern der Stadt war damals schon die elektrische Beleuchtung in Mode; elektrische Lampen und Auersche Gasglühlichtbrenner wechselten sich ab. Vielerorts leuchtete man aber noch mit Petroleum. Bei meiner Großmutter brannte bis zu ihrem Sterbetag eine mit Petroleum gefüllte Hängelampe, und als mich meine Eltern zum Abitur in das Haus eines Kantors und Lehrers in die Nachbarstadt schickten, war es ein Jahr lang so, daß ich bei Petroleumlicht lernte und Siebzehnundvier spielte; allerdings empfand ich diesen Zustand als unmodern, und es nagte an meinem Selbstgefühl, daß ich mich an einem so rückständigen Ort aufhalten mußte. In meiner Kindheit waren wir zu Hause noch stolz auf den elektrischen Strom, aber wann immer möglich, zündeten wir zum Abendessen, wenn keine Gäste kamen, die Gasbrenner an, die ein weiches Licht von milchiger Tönung spendeten.
Die Zentralheizung röchelte und gluckste mehr, als daß sie heizte. Mutter stellte, weil sie diesem Dampfwunder nicht traute, den Kindern einen Kachelofen ins Studierzimmer. Alle diese Zaubermittel des beginnenden Jahrhunderts machten einem das Leben eher nur schwerer. Die Erfinder wurden durch unseren Schaden klug. Ein Jahrzehnt später knisterte und knatterte die Welt vor lauter Elektrizität, Dampf und Verbrennungsmotoren, aber gerade in meiner Kindheit dokterten die Erfinder noch an ihren Erfindungen herum, und was die kühnen Neuerer den einfältigen Gläubigen an den Hals hängten, war ziemlich unvollkommen und unbrauchbar. Das elektrische Licht flackerte, brannte gelb und blinzelnd. Die Dampfheizung versagte stets bei grimmiger Kälte oder überflutete die Räume mit unmäßiger dunstig-feuchter Hitze, deshalb kränkelten wir so häufig. Aber man mußte »mit der Zeit gehen«. Die Schwester meiner Mutter zum Beispiel ging ungern mit der Zeit, sie heizte die weißen Porzellanöfen mit Holz, wir flüchteten vor der Dampfheizung, um uns bei ihr aufzuwärmen, und genossen die gleichmäßige, wohlriechende Wärme der glühenden Buchenscheite.
Über diesen großen Hof fegte mit beständigem Heulen und Pfeifen ein scharfer Wind, denn nach Norden, zu den hohen, auch im Sommer schneebedeckten Gebirgen hin, die in zahnlückigem Halbkreis die Stadt umgeben, lag er offen. An die zweigeschossige Vorderfront waren zu beiden Seiten des Hofes eingeschossige Gebäude angebaut, und hinten im Hof stand eine Art Zweizimmer-Einfamilienhaus, das war die Hausmeisterwohnung. Das alles zog sich weit hin und nahm viel Platz ein. Anscheinend hatte der Architekt selbst nicht damit gerechnet, daß sich für alle Räume des »Mietshauses« Bewohner finden lassen würden, und deshalb auf überflüssige Geschosse im Hof verzichtet. Das ganze Haus kündete vom neuen Zeitalter, rühmte den aufstrebenden und aufbauenden, unternehmerischen Kapitalismus. Dies war das erste Haus in der Stadt, das nicht mit der Absicht errichtet wurde, die Bewohner sollten dort zwischen den vertrauten Wänden bis ans Lebensende ihre Tage zählen – soviel ich weiß, wohnt heute keiner mehr von denen in diesem Haus, die dort zu Beginn des Jahrhunderts eine Wohnung gemietet hatten. Es war ein Mietshaus mit Mietparteien. Die alten Patrizierfamilien wären nicht gern in ein solches Haus gezogen. Ein wenig verachteten sie auch die fremden, wurzellosen Bewohner des großen Hauses.
2 MEIN VATER MEINTE, wer auf sich halte, zahle nicht Miete und wohne nicht in einem fremden Haus; er unternahm alles, damit wir so bald wie möglich ein Eigenheim beziehen könnten. Aber bis es soweit war, verging noch eine geraume Zeit, ganze anderthalb Jahrzehnte. In das »Eigenheim« kam ich nur noch zu Besuch, und ich habe auch keine angenehmen Erinnerungen an das unnötig geräumige, fast luxuriöse Gebäude. Die Kindheit verbrachte ich im »Mietshaus«. Wenn ich das Wort »daheim« denke, sehe ich den breiten Hof hinter dem Haus an der Hauptstraße vor mir, die langen, vergitterten Gänge, das große Teppichklopfgestell und den Brunnen mit dem Elektromotor. Ich glaube, es war wohl doch ein unwirtliches, ungestaltes Haus. Niemand wußte, wie er dorthin geraten war, keine Freundschaft verband die Bewohner, kaum auch gute Nachbarschaft. In diesem Haus lebten bereits Kasten, Klassen, Konfessionen. In den alten Häusern, den ebenerdigen, lebten noch Familien, Feinde oder Freunde, jedenfalls aber Menschen, die unauflösbar miteinander zu tun hatten.
In unserem Haus wohnten zwei jüdische Familien: eine »neologische«, »fortschrittliche«, weltmännische und verbürgerlichte, reiche jüdische Familie, die die gesamte Straßenfront des zweiten Stocks gemietet hatte, sie lebten recht verschlossen und hochmütig, suchten nicht die Bekanntschaft mit anderen im Haus; und unten im Erdgeschoß, hinten im Hof, eine andere, »orthodoxe«, sehr zahlreiche jüdische Familie, die arm war und auf eine ganz ungewöhnliche Weise fruchtbar, unablässig trafen neue Verwandte ein und kamen Kinder zur Welt, und sie alle lebten zusammen hinten im Hof in drei dunklen Stuben, wo es zuweilen, an Feiertagen, von lärmenden und geschäftigen Besuchern und Familienmitgliedern so wimmelte, als bereiteten sich die Teilnehmer einer Versammlung auf einen entscheidenden Beschluß vor. Diese »armen Juden« trugen großenteils galizische Tracht und hielten die religiösen Gebräuche streng ein – ich weiß allerdings nicht, ob sie wirklich so arm waren; den christlichen Hausbewohnern jedenfalls waren sie lieber als die verschlossenen, reichen »Neologen«. Es kam vor, daß sich manche aus der »armen« jüdischen Familie im Erdgeschoß ihre merkwürdige Frisur stutzen ließen, daß sie gewissermaßen in Zivilkleidung schlüpften, den Kaftan wegwarfen, sich die Haare schneiden ließen, sich rasierten, sich modisch kleideten, der Zeit gemäß – bei den meisten kam es ziemlich schnell zu dieser großen Veränderung. Die Kinder gingen nun in Bürgerschulen, manche besuchten sogar das Gymnasium. Zehn bis fünfzehn Jahre später gab es im Haus keine Juden mehr, die den Kaftan trugen, und auch in der Stadt nur noch wenige. Es gab da so viele Kinder, daß ich mich an die einzelnen gar nicht mehr erinnere. Diese Familie lebte samt und sonders in einem vertrauteren und freundlicheren Verhältnis zu den christlichen Bewohnern des Hauses als die andere, vornehme, »neologische«. Im Haus sprach man gönnerhaft von ihnen, fast zärtlich: Sie waren »unsere Jüdele« und »sehr tüchtige, anständige Menschen«, und beinahe stolz verkündeten wir, daß in unserem großen, modernen Mietshaus Juden wohnten, echte Juden, wie es sich gehörte. Den jüdischen Mietern aus dem zweiten Stock begegneten wir kaum. Sie führten ein wahrhaft weltmännisches Leben, ihre Kinder wurden in katholischen Mittelschulen erzogen, ihre Mutter – eine magere, traurige, herzkranke Frau – spielte sehr schön Klavier und ließ sich ihre Kleider in der Hauptstadt nähen. Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Frauen im Haus beneideten sie natürlich. Die Kleider der wohlhabenden Dame stachen ihnen ins Auge und schufen böses Blut; auch ich empfand es als ungerecht und ungehörig, daß die oberen Nachbarn, »immerhin doch Juden«, wohlhabender und vornehmer lebten als zum Beispiel wir und daß sich die reiche Dame eleganter kleidete, daß sie mehr Klavier spielte und mehr spazierenfuhr als meine Mutter. Alles hat seine Grenzen, dachte ich. Mit der orthodoxen Familie, auch mit den Kindern, verstanden wir uns besser. Mit dem schlichten Eingeständnis ihres Jüdischseins und wie sie daran festhielten, mit ihren Speisen, ihren Kleidertrachten, ihren besonderen Festtagsbräuchen, ihrem fremden und verworrenen Dialekt, wie sie geheimnisvoll die deutschen, jiddischen und ungarischen Wörter miteinander vermischten, und mit ihrer freiwilligen, betonten Fremdartigkeit kamen sie uns am ehesten wie ein exotischer Stamm vor, der sich zwar nicht erniedrigt, den man aber ein wenig bedauern kann – für jeden barmherzigen Christenmenschen gehörte es sich, solch unbeholfene Fremdlinge zu beschützen. Mutter ließ manchmal Eingewecktes zu der alten Frau unten bringen, und zu Ostern revanchierte sich die jüdische Familie, indem sie uns in einem schönen weißen Tuch Matzen zukommen ließ, für die wir uns höflich bedankten und die wir interessiert in Augenschein nahmen, aber ich glaube, niemand rührte sie an, auch nicht die Dienstboten. Wir bedauerten diese Familie und akzeptierten sie, aber irgendwie so wie gebändigte Neger. Mutter plauderte zuweilen mit ihnen, natürlich nur von unserem Stockwerk herab, beim Großreinemachen, indem sie ein paar freundliche Worte hinunter rief; die abgemergelte, ewig stillende und eine Perücke tragende Frau antwortete dann still: »Ja, gnädige Frau.« Ich glaube nicht, daß Mutter die arme Jüdin den »gesellschaftlichen Unterschied« spüren lassen wollte; das war nicht nötig. Die Familie kannte diesen Unterschied, und denen im Erdgeschoß fiel es nicht ein, sich anzubiedern; ich bemerkte erst viel später, daß diese Familie mindestens so sorgsam auf ihre Abkapselung bedacht war wie die christlichen Familien, ja, vielleicht noch eifersüchtiger; auf ihre eigentümliche Weise enthielt sie sich jeder Kommunikationsmöglichkeit noch hochmütiger und reservierter, als wir es taten. Es war wohl am ehesten so, daß die Hausbewohner die »armen Juden« begönnerten. Ihre Festlichkeiten und ungewöhnlichen Bräuche betrachteten wir mit wohlwollendem Einverständnis. Die Neologen bauten natürlich kein Zelt mehr auf dem Hof, wenn der Feiertag es so verlangte, sie gingen selten in die Synagoge, und Vater erzählte einmal verwundert und ein wenig empört, er sei mit den vornehmen Juden im selben Eisenbahnwagen gefahren, und sie hätten aus dem Süden stammende, in Watte verpackte, frische Weintrauben gegessen, Ende März – darüber sprachen wir den ganzen Abend, staunend und unruhig, besonders Mutter regte sich über diese »Ungebührlichkeit« auf.
Die beiden jüdischen Familien pflegten keinerlei Umgang miteinander. Die Neologen lebten sichtlich auf einem anderen Stern. Der Mann war Fabrikant, er stellte Glas her und reiste viel, ein feister, dicker, kahler Mensch, der seine früh gealterte, traurige Frau ziemlich schlecht behandelte und mit Kassiererinnen betrog; das wußten natürlich alle in der Stadt. Die Frau ertrug ihr mißliches Los nicht ohne Romantik, sie spielte am offenen Fenster Klavier, sehr schön, aber auffällig und lange. Im Haus war von dieser Familie bekannt, daß sie sich nicht koscher ernährten, sie aßen Schinken und kochten mit Schweineschmalz; irgendwie behagte den anderen Mietern auch das nicht besonders. Wenn es eine »Judenfrage« gab in diesem kleinbürgerlichen Haus, dann war es keinesfalls die zahlreiche orthodoxe Familie, die Anlaß zu Bemerkungen bot. Wir alle, die wir dort wohnten, fanden die galizischen Verwandten derer im Erdgeschoß sympathischer als den vollkommen zivilisierten Glasfabrikanten und seine Familie; sie gingen im Kaftan und trugen wallende Locken. Die höhere, verbürgerlichte Lebensart der Neologen beobachteten wir mit einer absonderlichen Eifersucht, irgend etwas gönnten wir ihnen nicht recht, was, wußten wir selber nicht. Im knapp bemessenen gesellschaftlichen Kontakt war der Mann höflich und gleichgültig den Christen gegenüber, herablassend und hochmütig zu den »armen« Juden im Erdgeschoß. Nie hörten wir von unseren Eltern, wir sollten die Gesellschaft der Kinder aus der orthodoxen Familie meiden, nie verbot uns irgendwer, mit diesen bleichen, großäugigen Burschen zu spielen, die in ihrer merkwürdigen, altmodischen Kleidung wie kleine Erwachsene wirkten, beim Spiel immer einen Hut auf dem Kopf hatten und alles andere als geduldig waren, im Eifer des Spiels verspotteten sie die Christenkinder nicht selten als »Schabbesgoi«, was diese ihnen schon deshalb nicht verargten, weil sie den Ausdruck nicht verstanden. Das halbe Dutzend orthodoxer Kinder balgte sich vergnügt mit uns christlichen Kindern, die wir im Hof heranwuchsen, aber die Zöglinge des Glasfabrikanten, die bereits ein »Fräulein« zur Schule begleitete und zu denen Erzieher kamen, achteten sehr darauf, daß sie sich nicht unter diese jüdischen Proleten mischten. Sie nahmen nie am gemeinsamen Spiel teil, und diese vornehme Verschlossenheit verletzte meinen Gerechtigkeitssinn derart, daß ich den Ältesten, der schon in die dritte Klasse des Gymnasiums ging, eines Nachmittags in den Keller lockte und in den Kesselraum sperrte, dann ging ich wie nach gut getaner Arbeit nach Hause und schwieg. Ich schwieg auch in der Nacht, als die Polizisten nach dem verlorenen Kind suchten, als das überspannte Geschrei und die Rufe der Glasfabrikantin das Haus weckten. Der Junge wurde am Morgen vom Heizer gefunden. Am seltsamsten war es, daß er mich nie verriet. Der träge, lasche, verschlafen dreinblickende Halbwüchsige schwieg störrisch, als er befragt wurde, auch später, niemals machte er mir diese ungewöhnliche Rache zum Vorwurf, und er sprach auch nicht darüber, als wir uns Jahre später anfreundeten. Vielleicht spürte er, daß ich im Recht war. Kinder urteilen schnell und unanfechtbar.
Die Kinder aus dem Erdgeschoß kleideten sich allmählich anders, aber jedes Jahr errichteten sie auf dem Hof aus Bettdecken und Teppichen das Zelt, in das sich das Familienoberhaupt, dieser sonderbare und wortkarge Stammeshäuptling, am Nachmittag zurückzog, um eine längere Zeit in dem ungewöhnlichen Bauwerk zu verbringen. Seine Söhne behaupteten, er bete dort. Einmal spähten wir durch eine Lücke zwischen den Bettdecken, aber wir sahen nur, daß er auf einem Stuhl saß und traurig vor sich hin blickte. Wahrscheinlich war ihm langweilig. Eines Morgens weckte eine ungewöhnliche Aufregung das Haus, in der Wohnung unten gaben sich kaftanbekleidete Juden die Klinke in die Hand, in der Wohnung wimmelten Fremde zu Dutzenden. Endlich löste sich einer der Jungen, der neunjährige Lajos, aus der Menge und gab mit stolzer und bekümmerter Miene die Antwort auf unsere Frage.
»Heute nacht ist mein Vater gestorben. Nichts als Ärger«, sagte er beiläufig und mit unnachahmlicher Arroganz.
Und er führte sich den ganzen Tag so hochmütig auf, seine Aufgeblasenheit war nicht mehr zu ertragen. Weshalb wir ihn gegen Abend, ohne besonderen Grund, verprügelten.
3 WIR WOHNTEN IM ERSTEN STOCK, neben uns wohnte die Bank. Sie hatte vor Urzeiten drei lange, dunkle Zimmer mit Beschlag belegt, am Treppenhaus lag das Zimmer des Direktors, daneben das Kassenzimmer, zum Hof hin die Buchhaltung. Vaters Arbeitszimmer und das Büro des Direktors hatten eine gemeinsame Wand, in diese Wand war eine »Geheimöffnung« gestemmt, und wenn der Direktor meinem Vater etwas mitzuteilen hatte, öffnete er einfach die Blechtür und reichte den Brief, die Urkunde oder den zum Prozessieren herangereiften Wechsel herüber. Dieses patriarchalische Verfahren bewährte sich jahrzehntelang, und die Bank blühte. In der Buchhaltung arbeiteten zwei alte Fräulein, das Amt des Kassierers übte ein vorzeitig pensionierter Husarenrittmeister aus, der sein gewandeltes Schicksal mit gekränkter Miene ertrug und mit den Bauern, die einen Kredit aufnahmen oder Zinsen zahlten, herumschrie, als wären sie auf dem Kasernenhof. Dieser Husarenrittmeister hatte auf seinen Rang verzichtet, um seine Geliebte heiraten zu können, eine arme Volksschullehrerin. Als ihm das gelungen war, fand er sich in der Welt nicht mehr zurecht, er empfand unstillbares Heimweh nach dem früheren Leben, begann zu trinken, verfluchte die dumme Weltordnung, die Husarenrittmeister zu Bankkassierern degradiert, und wünschte sich begierig und mit energischen Worten, daß »endlich was passiert«. Ich habe nie einen glücklicheren Menschen gesehen als diesen abgewirtschafteten Husarenrittmeister am ersten Tag des Weltkriegs, er legte seine alte Uniform an und begab sich klirrenden Säbels in die Bank, um sich von den bisherigen Vorgesetzten zu verabschieden, die nun wieder mit ausgesuchter Ehrerbietung zu ihm sprachen; er zwirbelte den Schnurrbart und gab kurze Antworten, denn endlich war, Gott sei Dank, was passiert. Dieser Mann beispielsweise zog, wie so viele andere, ehrlich begeistert in den Krieg, und er fiel schon im ersten Kriegsjahr.
Doch als die kleine Bank, »unsere Bank«, in den düsteren Räumen neben den unsrigen blühte und gedieh, war der Krieg noch weit entfernt. Die Geschäftspartner der Bank lagerten im Treppenhaus; den Ranzen über der Schulter und in Pelzjoppen gekleidet, warteten sie auf ihr Schicksal. Großenteils waren sie arme Bauern aus den nördlichen Kreisen des Komitats, wo die Ernte immer karg ausfiel, wer zehn Joch Land hatte, galt schon als Mittelbauer, aber die schlechten Böden und mageren Weiden gestatteten auch dann kein herrschaftliches Leben, wenn man fünfhundert Joch davon hatte. Diese Slowaken aus der Umgebung sprachen kaum ein Wort Ungarisch. Einer sonderbaren slowakisch-ungarischen Mischsprache bedienten sich auch die Dienstboten; Konversationssprache der ortsansässigen besseren Gesellschaft war offiziell das Ungarische, aber zu Hause, in der Familie, sprachen selbst die zugewanderten Ungarn lieber Zipserdeutsch. In alledem lag wenig Absicht. Das Fluidum der Stadt war ungarisch, aber in Pantoffeln und Hemdsärmeln, nach dem Abendessen, wechselten auch die Herren zum Deutschen über.
Zu den leuchtenden, ungetrübten, rühmlichen Erinnerungen meiner Kindheit gehört, daß wir eine Bank im Haus hatten, eine richtige Bank mit einem Kassierer und Bargeld, wo man nur hingehen und etwas unterschreiben mußte, und schon rückten sie Geld heraus. Und in der Tat war das Bankgeschäft damals etwas durch nichts Getrübtes, Helles, Einfaches. Die Bauern stellten sich am Morgen ein, mit Speck, Schnaps und dem vom Notar erstellten Grundbuchauszug im Ranzen warteten sie, bis sie an die Reihe kamen. Jeden Mittag um zwölf Uhr gab es die »Zensur«: Die Direktionsmitglieder, zwei betagte Pfarrer, der Bankdirektor und sein Rechtsberater, versammelten sich zu einer kurzen »Vorstandssitzung«, stimmten über die Hundert- und Zweihundert-Kronen-Kredite ab und stellten in der Buchhaltung die Wechsel aus, und nach dem Mittag machten sich die Geschäftspartner mit dem Darlehen wieder auf den Heimweg. Wenn der Kredit ablief, zahlte der Bauer, oder wenn nicht, wurden fünf von seinen zehn Joch Land versteigert und von der Bank gekauft. Es war ein so einfacher und selbstverständlicher Geschäftszweig wie die Naturerscheinungen, ebenso folgerichtig und ruhevoll. Die Bank steckte voll Geld und breitete sich aus. Wir Kinder im Haus waren über die Maßen stolz auf diese gemütliche, freundliche Bank. Kinder werden von den Geldgeheimnissen der Erwachsenen wenigstens so erregt wie von den sexuellen Rätseln des Lebens. Das Bewußtsein, daß es eine Bank im Haus gab, eine wohlwollende, zur Familie gehörende Bank, beruhigte die Kinder und flößte ihnen ein erhebendes Gefühl ein; wir meinten, uns, die wir im Haus lebten und zur Bank gehörten, könne viel Schlimmes nicht widerfahren. Ich glaube, auch unsere Eltern empfanden es so. Das Haus gehörte der Bank, und Bedürftigen stundete sie gern die Miete, sicherlich gab sie auch kleine Kredite. Wir dachten, ein bißchen gehöre das Geld der Bank auch der Familie; es war eine behäbige, gemütliche und arglose Welt, die Mieter gingen zur Bank, um sich Geld zu leihen, als wäre sie das Familienoberhaupt oder ein reicher Verwandter, und die Bank lieh, denn wer nahm schon an, der Schuldner würde sich aus dem Haus verdrücken! Kinder verstehen sich instinktiv auf Geld. Wir dachten, wir Glücklichen, die wir im Schatten der Bank geboren waren und unter ihrem Patronat heranwuchsen, hätten uns am Urborn allen irdischen Wohlstands niedergelassen, uns könne nie im Leben etwas zustoßen, wir müßten uns nur immer mit der netten, guten kleinen Bank vertragen. Diese nicht sehr gescheite Einstellung und dieses groteske Gefühl begleiteten mich noch lange, auch während meiner Studentenzeit und meiner Streifzüge durchs Ausland; die Bank war längst pleite, da empfand ich in Gelddingen immer noch eine gewisse Ruhe und Sicherheit, als pflegte ich erstklassige, von Kindesbeinen an bestehende Beziehungen zum Geld, das zu mir, seinem einstigen Spielkameraden, niemals unmenschlich grausam sein könnte.
Die Bank blühte, und alle, die zu ihr gehörten, auch die Angestellten und die Diener, hatten etwas davon. Der eine Angestellte gründete einen Chor, ein anderer brachte es zum Schriftsteller und gab die Sagen über die Burgruinen in der Umgebung heraus. Alle hatten Zeit für ihre Liebhabereien. Der Bank wurde es neben uns zu eng, sie begann wie ein zu Wohlstand gekommener Industrieritter zu bauen und baute sich im Hof einen märchenhaften Glaspalast. Man ließ dicke Glasplatten aus Deutschland kommen und errichtete über dem Kassenraum eine Kuppel, wie ich sie später auch im Ausland selten sah. Die Bauern nannten den neuen Bankpalast »das Bethlehem«, sie kamen aus den umliegenden Dörfern, um ihn zu bestaunen, und unter der Glaskuppel sprachen sie so leise und andächtig wie in der Kirche. Der aufstrebende Kapitalismus hatte sich hier am Ende der Welt eine kleine Kapelle erschaffen, eine schmucke und weihevolle – so dachten alle, die sie sahen, und anders ließ sich diese unnötig pompöse und großtuerisch hochtrabende Schöpfung auch nicht erklären. Es gab hier alles, was zu einer richtigen Bank gehört, einen Tresor mit mannsdick gepanzerten Türen, die sich auf Zauberworte öffneten, einen Konferenzsaal mit gepolsterten Türen, neue Rechen- und Schreibmaschinen und vielleicht sogar Geld. Uns, die Kinder des großen Hauses, faszinierte vor allem der Tresorraum, dessen Fundament gegenüber der Hausmeisterwohnung tief in den Erdboden eingelassen wurde; wir stellten uns die Stahlfächer voller Schätze und Edelsteine vor. Es war ein leutseliger und heiterer Kapitalismus, der uns eine solche Märchenburg vor Augen zauberte; allein den alten Einlegern gefiel sie nicht, diese altmodischen Geldleute hätten ihr Vermögen lieber in den schäbigen Geldschränken der düsteren Räume im Obergeschoß gewußt, und angesichts des Glaspalastes und des Tresorkellers murmelten sie kopfschüttelnd und argwöhnisch: »Wovon?«
4 DER BANK STAND »HERR ONKEI ENDRE« VOR, überaus energisch und eifrig. Herr Onkel Endre entstammte einer weithin bekannten Familie, er hatte Jura studiert wie seinerzeit die gesamte Generation, die »in freier Laufbahn« ihr Auskommen suchte und sich nicht mit der Eselsleiter des Komitats oder der Stadt begnügte. Als Kind sah ich diesen bildungsbeflissenen Ausschnitt der Gentryklasse aus der Nähe, und später fiel mir auf, daß die zeitgenössische Literatur sich falsch an diese Epoche und ihre Gestalten erinnert. Herr Onkel Endre gab sich der Banklaufbahn mit Enthusiasmus hin, obgleich sie ihm physisch wie psychisch fremd war; er hielt die Dienststunden gewissenhaft ein und erinnerte in nichts an die provinziellen, auf Jagd, Kasino und Herrschaftlichkeit versessenen Beamten, die gegen Mitternacht beim Färblispiel den Wechsel des Kasinokumpanen entgegennehmen. Das Leben ist immer anders. Niemand sah in Herrn Onkel Endre ein ökonomisches Genie, aber er hockte mehr in der Bank, als daß er an Jagden und am Kartenspiel teilnahm. Manchmal las er, manchmal reiste er, und von den Attributen der Gentry übernahm er fürs Leben vielleicht nicht mehr als den Siegelring. Wie es ihrem Naturell entsprach, lief und expandierte die Bank von alleine; Herr Onkel Endre paßte nur auf, daß die Angestellten bei jedem Darlehen streng die »banküblichen Bedingungen« einhielten. Pünktlich auf die Minute kam er allmorgendlich ins Büro, streifte die Ärmelschützer über und kritzelte bis zum Abend. Die Bank hatte Kredit bei einem großen Geldinstitut in der Hauptstadt, die Budapester Direktoren, hochmütige alte Juden, reisten Jahr für Jahr an, um Herrn Onkel Endres Tätigkeit zu überprüfen; diese betagten Juden gingen auf die Jagd, sie duzten sich, sie ahmten die Gentry nach, und wir amüsierten uns manchmal über ihre absonderlichen Gepflogenheiten. Herr Onkel Endre machte am Schreibtisch des Bankdirektors eigentlich nichts anderes als sein Vater und Großvater beim Grundbesitzer und beim Komitat: Er paßte auf, daß die Bauern fristgemäß ihre Pflicht erfüllten und die fälligen Zinsen zahlten, wie sie früher die Fron abgeleistet oder den Zehnten abgeliefert hatten. Verändert hatten sich nur die Formen.
Wurden die Bauern arg ausgenommen? Ich glaube nein. Nur eben systematisch, »von etwas leben« mußte man ja. Und solange sie mit den Bauern zu tun hatten, ging auch alles gut.
Erst als später Herr Onkel Endre infolge komplizierter familiärer Mißverständnisse der Bank den Rücken kehrte und ein hauptstädtischer Finanzmensch seinen Platz einnahm, der mit grandiosen Reformplänen bei uns vorstellig wurde wie ein Inspektor in den Kolonien, kam es zum ersten Krach. In gutem Glauben vermutlich, aber allzu großzügig gewährte der neue Direktor vom Geld der Einleger polnischen Weinhändlern, die damals die Tokajer Weine aufkauften, enorme Lombardkredite, und der Bank ging bei diesem Spiel viel Geld verloren, Millionen. Mein Vater erwähnte gelegentlich, daß er den Einlegern ihr Geld damals bis zum letzten Fillér gerettet hatte. Er suchte in dem Budapester Geldinstitut dessen Präsidenten auf, der den zum Nachfolger von Herrn Onkel Endre ernannten Kolonialinspektor protegierte, und als der international bekannte, steinreiche und mächtige Bankdirektor nach dem Vortrag ungerührt mit den Schultern zuckte und in etwa antwortete, dann sollten die Herren doch Konkurs anmelden, entgegnete mein Vater still: »Das können wir tun, und was wir haben, ist verloren; aber in der Bilanz wird auch Ihr Name erscheinen.« Nervös hob der Bankpräsident ruckartig den Kopf, dann klingelte er. Dem eintretenden Direktor warf er hin: »Wir zahlen hundert Prozent.« Diese noblen vier Wörter kosteten die große Budapester Bank viele, viele Millionen. Die Einleger bekamen ihre Einlage Groschen für Groschen erstattet, sogar die Zinsen. Diese Geschichte bekam ich oft zu hören. Eine Heldenmär aus der Heldenzeit des Kapitalismus.
5 FÜR EINE KURZE ZEIT, einige Jahre lang, wohnte uns gegenüber in einer Dreizimmerwohnung des ersten Stockwerks mein Taufpate, der ein jüngerer Bruder meines Vaters und ein besonders leicht gekränkter, ruheloser Mann war; alle in der Familie, auch Vater, behandelten ihn wie ein bemaltes Ei. Er hatte ein stolzes und einsames Naturell, und er verstand sich so hervorragend auf technische Dinge, daß man ihn beim Militär – das Freiwilligenjahr diente er bei der Artillerie ab – mit aller Macht behalten wollte, angeblich »flehten sie ihn an weiterzudienen«. So wenigstens erzählte man sich später in der Familie. Sicherlich hätte er sich seiner Natur, seinen Neigungen, seiner ganzen psychischen Verfassung nach für die Militärlaufbahn geeignet. Im Zivilleben und besonders in dem ein wenig verachteten Ingenieursberuf fühlte er sich fremd, er war überempfindlich, witterte ständig Demütigungen, hatte »Affären«; auf jeden Fall erweckte er den Eindruck eines Menschen, der im Leben seinen Platz nicht gefunden hat. Der Beruf des Ingenieurs wurde, wie der des Arztes, damals ohnehin ein bißchen verachtet; das sei nichts für einen Ehrenmann, hieß es; ein Jüngling aus guter Familie konnte natürlich Referendar werden, aber daß er ein Klistier vornahm oder mit Tusche und Zirkel hantierte, das schickte sich nicht. Meinem Onkel verhalf zu seinem »Minderwertigkeitskomplex« (von dem er nichts wußte; aber auch der junge Freud, der zu dieser Zeit in der Klinik von Charcot die Hysteriekranken beobachtete, kannte dieses Kunstwort noch nicht) nicht zuletzt die gesellschaftliche Stellung meiner Familie in der ungarischen Gemeinschaft des ausgehenden Jahrhunderts, die in der Provinz noch fast ständisch geprägt und leidenschaftlich nationalistisch war. Der Herkunft nach Sachsen, waren meine Vorfahren im 17. Jahrhundert nach Ungarn eingewandert und hatten den Habsburgern treue Dienste geleistet; Kaiser Leopold II. erhob unseren Großvater, den die Familie respektvoll als den »Bergwerksgrafen Christoph« bezeichnete und der die ärarischen Gruben in Máramaros geleitet hatte, in den Adelsstand. Erst zu Zeiten des Freiheitskampfes entdeckte die Familie ihr ungarisches Herz, mehrere kämpften in der Armee Bems, ein Urgroßvater, Zsiga, wurde nach der Kapitulation von Világos sogar degradiert und in ein kaiserliches Regiment in Venedig und später Mailand verbannt, wo er allerdings Schritt für Schritt seinen früheren Rang zurückgewann, so daß er als Gardekapitän in den Ruhestand ging. Aber vor der Revolution sah man in Wien mit Wohlwollen auf meine Familie, wir galten als »zuverlässige Elemente«. Als mein Großvater 1828 zum Konsiliarius von Altofen ernannt wurde, reiste er nach Wien und wurde von Kaiser Franz empfangen. »Ich bin im ›König von Ungarn‹ abgestiegen«, schrieb er aus Wien an seinen Bruder in Máramaros, »der Aufenthalt hier ist sehr kostspielig, für Stube und Heizung zahle ich fünf Gulden am Tag. Der Fürst hat mich gnädig empfangen, er erinnerte sich an unseren Vater; ›ja, ja‹, sagte er, ›auch Sie haben gute Zeugnisse bei mir.‹* [* Kursiv Gedrucktes steht im Original deutsch. Anm. des Übersetzers.]« Wahrscheinlich galt der Beamte deutscher Zunge, der 1828 in Wien gnädig empfangen und vom Kaiser mit Worten des Wohlwollens ausgezeichnet wurde, bei Hof als regierungstreu. Im Freiheitskampf hielt es die Familie mit den Aufständischen, sie nahm einen ungarischen Namen an. Nach Überzeugung und Verhalten waren sie auf manische Weise Ungarn, ganz besonders mein Vater und sein jüngerer Bruder. Dieser heftige, aufrichtige Patriotismus der aus der Fremde zugewanderten Familie war eine eigenartige Erscheinung; bei den alten ungarischen Adelsfamilien waren die im Schmelztiegel Groß-Ungarn geschmolzenen Fremden toleriert und willkommen, bestimmte ererbte fremdrassige Tugenden wurden vielleicht durchaus anerkannt – meine Ahnen waren sächsische Schmiede, und ich glaube, von ihnen habe ich ein eigentümliches, mir überhaupt nicht bequemes, meinem Grundnaturell fremdes und einer fixen Idee vergleichbares »Pflichtgefühl« geerbt, aber dennoch blieb ein Unterschied, eine Fremdheit, die auch in jahrhundertelangem Zusammenleben nicht verschwand. In ihrem psychischen Gepräge war die Familie auf komplizierte Weise spürbar katholisch, nicht nur dem Personenstandsregister nach, sondern auch im Wesen, in der Sicht der Dinge. Die Protestanten mieden wir, auch im gesellschaftlichen Umgang, instinktiv, wie auch sie uns mieden; aber im Alltagsleben wurde darüber nie ein Wort verloren. Meines Vaters jüngerer Bruder litt darunter, daß er trotz aller Anerkennung mit seiner sächsischen Herkunft, seinem deutsch klingenden Namen und seinem österreichischen Adelstitel nicht völlig bedingungslos zu der großen »Familie« gehörte, die das Gentry-Ungarn am Ende des Jahrhunderts bildete. So sammelte er ohne Unterlaß Familiendokumente, ließ Wappen und Kronen zeichnen, entwarf ein »vereinigtes Adelswappen« meiner Eltern (weiß der Himmel, woher er sich dazu die Unterlagen verschaffte, denn Mutter war die Tochter eines armen mährischen Müllers, und ich habe den Verdacht, diese Familie kam nie in den Besitz von Adelsprivilegien; worum sich Mutter und ihre Verwandtschaft übrigens nicht im geringsten kümmerten) – und letztlich kam das Gentryspielen bei diesem hochmütigen, nervösen Charakter auf eine ungewöhnliche Weise zum Ausdruck: Er mied die Komitatsgesellschaft, biederte sich nicht an, er lebte lange im Ausland, baute Eisenbahnstrecken und Tunnels in Bosnien und zog dann nach Fiume, wo er im Auftrag einer französischen Gesellschaft das Kraftwerk errichtete, das die dalmatinische Küste heute noch mit Strom versorgt. Zwischendurch heiratete er ein zartes und stilles Mädchen aus dem Komitat Nógrád, Abkömmling des größten ungarischen klassischen Dramenschreibers. In meinen Augen setzte diese »literarische Verwandtschaft« dem Onkel irgendwie einen olympischen Heiligenschein auf. In Wahrheit verstand er nicht viel von Literatur. Als er noch unverheiratet war und in den drei Zimmern zum Hof den unsrigen gegenüber wohnte, führte er ein »Garçon-Leben« wie ein französischer Romanheld, er hielt sich einen Diener, den er einmal ohrfeigte; als Kind fürchtete ich mich wegen alledem vor ihm, später tat er mir leid. Er fand sich nicht zurecht zwischen den Klassen, in seinem Dorf im Komitat Nógrád lebte er verbittert und zurückgezogen, er war dort ebensowenig daheim wie unter uns oder in der Fremde. Er war der erste ernsthafte und überzeugte Antisemit, den ich kannte; sicherlich wäre er sehr überrascht gewesen, hätte ihn jemand darauf hingewiesen, wie sehr dieses Zwischen-den-Klassen-Hängen, diese Mein-Land-ist-nicht-von-dieser-Welt-Haltung ein instinktiv katholischer, mit anderen Worten: jüdischer Wesenszug ist.
6 »BETRIEBE« HATTEN WIR ZWEI IM HAUS: Am Tag wickelte im ersten Stockwerk die Bank ihre Geschäfte ab, in der Nacht wickelte im Erdgeschoß mit Kassiererinnen und schlechter Zigeunermusik eine als Kaffeehaus bezeichnete Spelunke die leichtsinnigen Spießbürger ein. Das bürgerliche Haus fand diesen Betrieb im Parterre normal und tolerierte ihn. Die Bewohner, die in moralischen Fragen so kleinlich urteilten, waren durchaus nicht empört, daß nachts, wenn die Tugend schnarcht, in einem der unteren Räume Cancan getanzt wurde. Das »Kaffeehaus« scherte sich so wenig um die Kaffee trinkenden und Zeitung lesenden Tagesgäste, daß es tagsüber gar nicht erst öffnete. Erst gegen Abend wurden die Rolläden hochgezogen, an den Wänden standen ein paar Blechtische, und an der Theke bereiteten Damen mit gefärbtem Haar und, dem Zeitgeschmack entsprechend, fülligen Formen den Knickebein und den russischen Tee. (Sekt galt als ein unerhörter Luxus, auch hemmungslose Offiziere ließen sich nur selten zu solcher Verschwendung hinreißen – der Begriff »hemmungslose Offiziere« war in unserer Stadt übrigens so gut wie unbekannt, denn das Husarenregiment war in der Nachbarstadt stationiert, fünfzig Kilometer entfernt, und die bei uns untergebrachten Artillerie- und Infanterieoffiziere begnügten sich mit bescheideneren gelegentlichen Kneipereien, mit Knickebein und Krätzer.) Besucht wurde dieses Nachtlokal vornehmlich von Viehhändlern, Marktleuten, Grundbesitzern und jüdischen Pächtern aus der Umgebung, die hier eine Nacht durchsumpfen wollten. »Bessere Herren« wagten sich nur stark beschwipst hierher, man ließ dann die eisernen Rolläden herab und veranstaltete einen Budenzauber, daß die Schlafenden wach wurden; erstaunlicherweise duldete man diese Ruhestörung aber, und das »Kaffeehaus« im Erdgeschoß konnte jahrelang betrieben werden. Die Polizei mischte sich damals noch nicht in die Angelegenheiten der Bürger ein; in unserer Stadt mit ihren vierzigtausend Seelen beispielsweise wachten nur fünfzehn Polizisten über den Frieden des bürgerlichen Lebens, fünfzehn alte, dicke Nichtsnutze, die ich in meiner Kindheit persönlich kannte und mit Namen ansprach; der Polizeiarrest war in einem baufälligen Haus von italienischem Zuschnitt mit Arkadeneingang untergebracht, stand aber meistens leer, nur die eingefleischten Alkoholiker, von den Polizisten gegen Morgen an den Straßenecken mit einem sargähnlichen, mit grünem Wachstuch überzogenen Handwagen aufgelesen, schliefen dort ihren Rausch aus. Es war eine vornehmere und wohl teurere Variante der Prostitution, die im »Kaffeehaus« unseres Hauses Nacht für Nacht dargeboten wurde; Messerstechereien kamen vor, eines Nachts weckte das Kreischen einer Frau das Haus, Kinder und Erwachsene strömten in Nachtjacken auf den Gang, im Hof drosch der Hausmeister mit einem Besen auf einen gestiefelten, schnurrbärtigen und vor allem blutrünstigen Markthändler ein, der sich mit allen zehn Fingern an den bequem ergreifbaren weichen Körperteilen einer gelbhaarigen Kaffeehausangestellten festhielt. Diese gespenstische Szene wirkte in dem scharfen und kalten frühmorgendlichen Licht wie ein unwirkliches Theatererlebnis auf mich. Aber anscheinend zahlte die Spelunke der Bank eine gepfefferte Miete, denn selbst eine so skandalöse und schamlose Beeinträchtigung der Ruhe wurde toleriert. Erst viel später kündigte man dem Inhaber der Spelunke, einem verschlagenen, tüchtigen Zigeunerprimas, aber nicht »aus moralischen Gründen«, sondern weil die Bank den Raum benötigte: Sie konnte inzwischen auf die Einkünfte aus dem Nachtbetrieb verzichten.
Für die alltäglichen Hygienebedürfnisse standen in der Stadt gleich zwei öffentliche Häuser bereit: ein billigeres und gewöhnlicheres in der Basteigasse und ein anderes, vornehmeres, ebenerdiges Haus in der Rüsthausgasse, wohin die höheren Beamten und Offiziere gingen. Zwischen diesen beiden geschlossenen Einrichtungen der Liebe bestanden noch die ganze mit niedrigen Häusern bebaute Blumengasse entlang Dutzende von Privatunternehmen, gewissermaßen fliegende Händlerinnen der Liebe. Es war dies eine gemütliche, freundliche unterirdische Liebeswelt. Die unverheiratete Jeunesse dorée und natürlich nicht selten auch die verheirateten Männer, die Offiziere und zuweilen, in aller Heimlichkeit, auch die geistlichen Lehramtsanwärter des örtlichen Ordenshauses besuchten diese Häuser, die nahezu unverändert aus dem Mittelalter erhalten geblieben waren und mit ihren blinden Fenstern, ihren stets geschlossenen Türen, ihrer mit grüner und brauner Ölfarbe herausgeputzten Fassade auch dem Fremden ihre Funktion verrieten. In sie gingen die Herren »nach dem Kaffeehaus«, im »Salon« war um Mitternacht gemütliches Geplauder im Gange, die Besitzer wechselten oft die Mädchen. Nur einmal suchte ich in meiner Heimatstadt ein solches Haus auf, sehr jung allerdings, im Alter von dreizehn Jahren; später genierte ich mich daheim, es noch einmal zu tun; aber dieser erste und einzige Besuch hat sich mir in erbarmungsloser Schärfe eingeprägt. Ein Junge aus dem Haus nahm mich mit, der wilde, ruhelose halbwüchsige Sohn eines Parfümeurs, wir stellten uns am hellichten Tag im »billigen« Haus in der Basteigasse ein, mit klappernden Zähnen, an einem strahlenden, stillen Sommernachmittag. Beim Öffnen der Haustür erklang auf dem Flur eine Signalglocke, links vom Eingang saß in einem mit Gardinen und mit Möbeln aus der Zeit Maria Theresias vollgestopften Zimmer hinter der verglasten Tür in einem Rollstuhl eine alte Frau mit einem Häubchen auf dem Kopf, wie im Märchen von Rotkäppchen und dem Wolf der als Großmutter verkleidete Wolf dargestellt ist, sie musterte uns neugierig durch ihre Brille und grinste. Wir eilten auf den Hof, denn der Sohn des Parfümeurs kannte den Weg bereits, eine hohe Steinmauer begrenzte den Hof zur Straße hin, im Erd- und im Obergeschoß führte eine lange Reihe braungestrichener Türen in die Zimmer wie in einem Zuchthaus oder Krankenhaus. Die »Mädchen« sahen wir nirgends. Auf dem Hof spazierte eine gezähmte Eule mit gestutzten Flügeln umher. Später öffnete sich oben eine Tür, auf dem Gang erschien eine Frauengestalt und goß aus einer Blechkanne Wasser in den Hof, dann kehrte sie wieder in ihr Zimmer zurück, uns beachtete sie nicht. Wir drückten uns reglos an die Wand, auch mein großmäuliger Freund blickte befangen drein, im Hof war es tatsächlich so still wie in einem Zuchthaus.
Nach einer Weile ging unten eine Tür auf, und eine Frau, die uns durch die Gardine am Fenster wohl schon länger beobachtet hatte, lud uns lächelnd ein, näher zu treten. Mein Freund ging voran, ich, in ohnmachtähnlichem Zustand, am ganzen Körper schwitzend, fast in Trance, folgte ihm. Die Frau sprach das Ungarische mit einem slawischen Akzent, aber weiter erinnere ich mich nicht an sie, ich weiß nicht, ob sie jung war, blond oder dunkel, dick oder dünn. Eine fleckige Liege stand im Zimmer, ein Bett, aus dem sie vorhin erst aufgestanden sein mochte, denn Federbett und Kissen lagen noch verdrückt und voll warmem Körperdunst da, an der Wand ein Waschgestell aus Blech, von der Wand bröckelte der Putz, und über dem Waschgestell entdeckte ich, mit Reißzwecken befestigt, einen Gesundheitsratschlag; ich las ihn aufmerksam, eher aus Verlegenheit als aus Neugier. »Einer Infektion können Sie leicht entgehen«, so begann die behördliche Ermahnung. Vor dem Bett lag ein Paar dicker Männerschnürschuhe. Eine Zeitlang saßen wir auf dem Bettrand, mein Freund war bemüht, sich heimisch und überlegen zu geben, aber auch er hatte große Angst; die Frau bat um eine Zigarette, setzte sich zwischen uns, sah uns lächelnd an und schwieg. Nichts geschah. Später gab mein Freund ihr drei Sechser, und wir huschten aus dem Haus, niemand bemerkte unsere Flucht, es dunkelte bereits. Dieses Abenteuer, das dem exotischen Nervenkitzel eines Karl-May-Romans gleichkam, raubte mir auf lange Zeit die Lust zu ähnlichen Unternehmungen, zumal ich mich gründlich getäuscht hatte in meinem draufgängerischen Freund, der mich erst mit romantischen Lügen überredete und dann, »drinnen«, ebenso mit den Zähnen klapperte, ebenso Angst hatte und ebensowenig von der Wirklichkeit wußte wie ich. So erzählte er mir beispielsweise, der Geschlechtsverkehr zwischen den Männern und den Frauen verlaufe ganz anders, als wir glaubten (ich glaubte damals noch gar nichts, in meinem Kopf war nur Nebel, Begriffe, die nicht zusammenpaßten, fügten sich zu einem verworrenen Gebilde), das Wichtige daran sei, daß der Mann die Frau schnappe, ihr die Arme festhalte und sie dann in die Nase beiße. Weiß der Himmel, wo er das aufgeschnappt hatte! Später mutmaßte ich, daß er log, ich verachtete und mied ihn.