Das Buch

Seit die Astrophysikerin Ye Wenjie vor Jahrzehnten Kontakt mit einer außerirdischen Zivilisation hergestellt hat, ist die Welt in Aufruhr. Die Trisolarier, benannt nach ihrem viele Lichtjahre entfernten Planeten, der um drei Sonnen kreist, sind mit einer Invasionsflotte in Richtung Erde gestartet. Nichts kann sie aufhalten, haben sie doch bereits künstliche Partikel zur Erde gesandt, die die physikalischen Vorgänge auf der ganzen Welt manipulieren können und die alles für die Ankunft der Fremden in vierhundert Jahren vorbereiten sollen. In dieser verzweifelten Situation beschließen die Vereinten Nationen, ein besonderes Abwehrprogramm ins Leben zu rufen: die sogenannten »Wandschauer«. Vier Auserwählte erhalten den Auftrag, unabhängig voneinander und unter größter Geheimhaltung Pläne zur Abwehr der trisolarischen Flotte zu entwickeln. Drei von ihnen sind berühmte Wissenschaftler und Politiker, der Vierte aber ist ein völlig Unbekannter.

Als Astronom und Soziologe hat Luo Ji nicht viel erreicht. Als er eines Tages eine Einladung zur Vollversammlung der Vereinten Nationen erhält und bei der Bekanntgabe des Abwehrprogramms gegen die Invasion der Trisolarier auch noch nach vorn auf das Podium gerufen wird, versteht er die Welt nicht mehr. Er soll der vierte Wandschauer sein? Sein Leben nimmt von einem Tag auf den anderen eine völlig neue Bahn. Schon bald muss Luo Ji feststellen, dass er der einzige Wandschauer ist, den die Trisolarier um jeden Preis tot sehen wollen. Denn Luo Jis Plan ist anders als alles, was die Menschheit je zuvor unternommen hat.

Vor einem gewaltigen, kosmischen Hintergrund entwickelt Cixin Liu seine große Vision für das Schicksal der Menschheit. Nach Die drei Sonnen führt Der dunkle Wald die weltberühmte Trisolaris-Trilogie fort:

Erster Roman: Die drei Sonnen

Zweiter Roman: Der dunkle Wald

Dritter Roman: Jenseits der Zeit

Der Autor

Cixin Liu ist einer der erfolgreichsten und produktivsten chinesischen Science-Fiction-Autoren. Er hat lange Zeit als Ingenieur in einem Kraftwerk gearbeitet, bevor er sich ganz seiner Schriftstellerkarriere widmen konnte. Seine Romane und Erzählungen wurden bereits mehrfach prämiert. Cixin Lius erfolgreichster Roman Die drei Sonnen wurde mit dem Galaxy Award, dem bedeutendsten Genre-Literaturpreis Chinas, und 2015 als erster chinesischer Roman überhaupt mit dem Hugo Award ausgezeichnet und wird international als ein Meilenstein der Science-Fiction gefeiert.

Mehr zu Autor und Werk auf:

Cixin Liu

DER DUNKLE WALD

Roman

Aus dem Chinesischen von

Karin Betz

Deutsche Erstausgabe

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Die Originalausgabe ist unter dem Titel HEIAN SENLIN ( )

2008 bei Chongqing Publishing Group in Chongqing, VR China, erschienen.

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Redaktion: Urban Hofstetter

Copyright © 2008 by Liu Cixin ( )

German rights authorized by

China Educational Publications Import & Export Corp., Ltd.

Co-published by Hunan Science & Technology Press

Copyright © 2018 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung

by Wilhelm Heyne Verlag

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Die Übersetzerin dankt dem Deutschen Übersetzerfonds e.V.

für die Förderung durch ein Arbeitsstipendium.

Umschlagillustration: Stephan Martinière

Umschlaggestaltung: Das Illustrat, München

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-17458-3
V008

diezukunft.de

Inhalt

Personenverzeichnis

Prolog

ERSTER TEIL

Die Wandschauer

ZWEITER TEIL

Der Fluch

DRITTER TEIL

Der dunkle Wald

Erläuterungen zu Schreibweise und Aussprache

Anmerkungen

Personenverzeichnis

Chinesische Namen bestehen aus einem meist einsilbigen Familiennamen und einem Vornamen. Der Familienname wird immer zuerst genannt, dann der Vorname.

Organisationen

ETO

Erde-Trisolaris-Organisation

PDC

Planetenverteidigungsrat (Planetary Defense Council)

SFJC

Oberkommando der Weltraumflotte (Solar Fleet Joint Conference)

Personen

Luo Ji

Astronom und Soziologe

Ye Wenjie

Astrophysikerin

Mike Evans

Ein Anführer und Finanzier der ETO

Wu Yue

Kapitän der Volksbefreiungsarmee

Zhang Beihai

Politkommissar der Volksbefreiungsarmee, später der Asiatischen Weltraumflotte

Chang Weisi

General der Volksbefreiungsarmee, später Kommandeur der Weltraumstreitkräfte

George Fitzroy

General und militärischer Leiter des Hubble-II-Projekts

Albert Ringier

Astrophysiker, Erfinder von Hubble II

Zhang Yuanchao

Rentner, genannt Lao Zhang

Yang Jinwen

Ehemaliger Lehrer, genannt Lao Yang

Miao Fuqian

Bergbauunternehmer, genannt Lao Miao

Shi Qiang

Polizeikommissar, genannt Da Shi

Shi Xiaoming

Sohn von Shi Qiang

Gordon Kent

Operation Wandschauer

Isabella Sayi

Generalsekretärin der Vereinten Nationen

Frederick Tyler

US-Verteidigungsminister a. D.

Manuel Rey Diaz

Ehemaliger Staatspräsident von Venezuela

Bill Hines

Neurobiologe und ehemaliger Präsident der EU

Keiko Yamazuki

Neurobiologin und Ehefrau von Bill Hines

Vladimir Garanin

Amtierender Vorsitzender des Planetenverteidigungsrats

Ding Yi

Theoretischer Physiker

Zhuang Yan

Malerin

Ben Jonathan

Operation Wandschauer

Dongfang Yanxu

Kapitän des Raumkreuzers Natürliche Selektion

Major Xizi

Wissenschaftsoffizier der Quantum

DER DUNKLE WALD

Prolog

Die braune Ameise hatte schon vergessen, dass sie hier einmal zu Hause gewesen war. Für die im Dämmerlicht liegende Erde und die eben aufgegangenen Sterne mochte die seitdem vergangene Zeitspanne lächerlich kurz gewesen sein – für die Ameise war es eine Ewigkeit.

In jenen längst vergessenen Tagen war ihre Welt auf den Kopf gestellt worden. Erdreich war davongeflogen und hatte eine tiefe und breite Kluft hinterlassen. Dann war das Erdreich donnernd zurückgekehrt, die Kluft verschwand, und aus einem Ende der zuvor aufgerissenen Erde ragte ein einsamer schwarzer Felsblock auf. Tatsächlich passierte so etwas auf diesem ausgedehnten Territorium ständig, die Erde flog davon und kam zurück, Klüfte taten sich auf und schlossen sich wieder, und wenn alles vorbei war, ragten diese Felsblöcke empor wie Markierungen für die vorangegangenen Katastrophen. Gemeinsam mit ihren Gefährten hatte die Ameise die überlebende Königin in Richtung der untergehenden Sonne davongetragen und einen neuen Staat errichtet. Gerade war sie auf Nahrungssuche und nur zufällig in der alten Heimat gelandet.

Die Ameise gelangte an den Fuß des schwarzen Felsblocks, wo sie seine kolossale Präsenz mit den Fühlern ertastete. Die Oberfläche war hart und glatt, jedoch begehbar. Also lief sie hinauf, ohne bestimmte Absicht, einem willkürlichen Impuls ihrer primitiven Neuronenbahnen folgend. Einem Impuls, wie er jedem Grashalm innewohnte, jedem Tautropfen auf den Blättern, jeder Wolke am Himmel und jedem Stern hinter den Wolken. Der ursprüngliche Impuls war zwar absichtslos, doch aus einer Masse willkürlicher Impulse formte sich schließlich eine Absicht.

Die Ameise fühlte die Erde vibrieren. Aus der Art, wie die Erschütterungen zunahmen, schloss sie, dass sich ein anderes, riesiges Wesen auf sie zubewegte. Unbeirrt setzte sie ihren Weg den Felsblock hinauf fort. Im rechten Winkel zwischen dem Fuß des Felsblocks und der Erde hing ein Spinnennetz. Was das war, wusste die Ameise. Vorsichtig umschiffte sie die am Abhang klebenden Spinnenfäden und krabbelte an der Spinne vorbei, die mit eingezogenen Beinen auf jede Bewegung der Fäden lauerte. Jeder der beiden wusste von der Existenz des anderen, doch wie schon seit vielen Millionen Jahren gab es keinerlei Kommunikation zwischen ihnen.

Die Vibration erreichte ihren Höhepunkt – und brach ab. Das riesige Wesen war bereits am Fuß des Felsens angekommen. Die Ameise bemerkte, dass es noch gigantischer war als der Felsblock und ein großes Stück des Himmels verdeckte. Diese Wesen waren der Ameise nicht fremd, sie waren lebendig, das wusste sie, und sie tauchten häufiger auf diesem Gelände auf. Ihre Erscheinung stand in engem Zusammenhang mit den entstehenden und sich wieder schließenden Klüften und den am Ende darauf thronenden Felsblöcken.

Die Ameise kletterte weiter. Sie wusste, dass diese Wesen – von seltenen Ausnahmen abgesehen – keine Gefahr für sie darstellten. Eine solche Ausnahme widerfuhr der Spinne unten, als das Wesen offenkundig das Netz zwischen Felsblock und Boden bemerkte. Mit den Stängeln eines Blumenstraußes, den es in einer seiner Gliedmaßen hielt, fegte es die Spinne weg, sodass sie mitsamt ihrem zerrissenen Netz im dichten Gestrüpp landete. Anschließend legte es die Blumen behutsam am Fuß des Felsblocks ab.

In diesem Augenblick gab es eine neuerliche Erschütterung, die ebenfalls schwach begann und an Intensität zunahm. Die Ameise begriff, dass sich ein weiteres Lebewesen derselben Art auf den Felsblock zubewegte. Gleichzeitig entdeckte sie eine lange Furche, eine Vertiefung im Fels, die sich viel rauer anfühlte und auch von anderer Farbe war, gräulich-weiß. Sie folgte der Furche, die sie dank ihrer rauen Beschaffenheit viel leichter begehen konnte. An beiden Enden mündete sie in eine dünnere Vertiefung. Unten war es eine horizontale Rinne, von der die Hauptfurche aufstieg, und oben eine kurze Linie, die in einem engen Winkel zur Hauptfurche nach unten verlief. Als die Ameise wieder zurück auf die glatte, schwarze Oberfläche kletterte, hatte sie sich ein vollständiges Bild von der Form der drei zusammenhängenden Furchen gemacht: 1.

Das Lebewesen war plötzlich nur noch halb so groß, etwa genauso hoch wie der Felsblock. Es hatte sich offenbar hingehockt und gab den Blick auf den dunkelblauen Himmel frei, an dem bereits einzelne Sterne funkelten. Die Augen des Lebewesens waren auf den oberen Teil des Felsblocks gerichtet. Die Ameise zögerte einen Moment und entschied sich, besser nicht direkt in sein Blickfeld zu laufen. Stattdessen änderte sie die Richtung und bewegte sich nun in horizontaler Linie weiter. Schnell stieß sie auf eine weitere Furche und trieb sich lange in der rauen Vertiefung herum, in der es sich wohlig krabbeln ließ. Außerdem erinnerte die Farbe sie an die Eier der Ameisenkönigin. Ohne zu zögern folgte sie der Furche abwärts. Diese entwickelte sich zu einer etwas komplexeren, gebogenen Form. Zuerst beschrieb sie einen vollständigen Kreis, dann verlief sie weiter in einem Bogen nach unten. Manchmal krabbelte die Ameise in einem ähnlichen Muster – wenn sie so lange ihrem Geruchssinn folgte, bis sie auf den Heimweg stieß. Ihre Neuronenbahnen vermittelten ihr ein Bild: 9.

Nun gab das vor dem Felsblock hockende Wesen eine Reihe von Lauten von sich, die die Verständnisfähigkeit der Ameise bei weitem überstiegen: »Das Leben selbst ist ein Wunder. Wie konntest du bloß nach etwas Bedeutungsvollerem suchen, wenn du nicht einmal das begriffen hast?«

Das Lebewesen machte einen Laut wie der Wind, der durch die Gräser fährt. Ein Seufzer. Dann richtete es sich auf.

Die Ameise krabbelte weiter parallel zum Boden und geriet in eine dritte Furche hinein, die erst annähernd vertikal verlief und dann eine scharfe Biegung machte. Im Ganzen sah sie so aus: 7. Die Form missfiel ihr. Solche abrupten Biegungen kündigten in der Regel Gefahren an.

Die Laute des ersten Lebewesens hatten die Erschütterungen übertönt. Daher bemerkte die Ameise erst jetzt, dass mittlerweile auch das zweite Wesen vor dem Felsblock angekommen war. Es war wesentlich kleiner und gebrechlicher als das erste und hatte schlohweißes Haar, das vor dem nachtblauen Himmel silbrig schimmerte, als wäre es mit den vielen funkelnden Sternen verbunden.

Das erste Wesen richtete sich auf, um das zweite zu begrüßen. »Dr. Ye, was … Wie kommen Sie hierher?«

»Sind Sie … Xiao Luo?«

»Luo Ji. Ich bin mit Yang Dong zur Schule gegangen. Wieso … sind Sie hier?«

»Ich mochte diesen Ort schon immer, und er ist mit dem Bus gut zu erreichen. In letzter Zeit komme ich häufiger her, um ein bisschen spazieren zu gehen.«

»Mein Beileid, Dr. Ye.«

»Ach, das ist nun schon so lange her …«

Die Ameise auf dem Felsblock wollte sich eigentlich gerade wieder nach oben wenden, doch da entdeckte sie eine weitere Furche vor sich, von derselben Form wie die 9, in der sie sich so wohl gefühlt hatte, bevor sie zu der 7 gekommen war. Also durchlief sie, statt senkrecht weiter zu krabbeln, die 9. Sie mochte diese Form lieber als die 7 oder die 1. Warum, konnte sie nicht genau sagen. Ihr Sinn für Ästhetik war primitiv und einzellig. Das behagliche Gefühl, mit dem sie vorhin durch die andere 9 gekrabbelt war, intensivierte sich noch. Auch diese Freude war ein primitiver und einzelliger Zustand. Die einzellige Natur dieser beiden Ameisensinne hatte sich nie weiterentwickeln können. So waren sie bereits seit hundert Millionen Jahren, und sie würden sich auch in den nächsten hundert Millionen Jahren nicht verändern.

»Dongdong hat oft von dir erzählt, Xiao Luo. Sie sagte, du arbeitest … als Astrophysiker?«

»Früher, ja. Jetzt unterrichte ich an der Uni Soziologie. An Ihrer Universität, um genau zu sein, auch wenn Sie schon pensioniert waren, als ich dort anfing.«

»Soziologie? So ein krasser Fachwechsel?«

»Stimmt. Yang Dong sagte immer, ich wisse nicht, was ich wolle.«

»Sie hat mir immer erzählt, wie intelligent du bist.«

»Naja, bestenfalls schlau. Kein Vergleich mit Ihrer Tochter. Mir kam die Astronomie einfach wie ein stählerner Block vor, in den man nicht das kleinste Loch bohren kann. Soziologie ist eher wie ein Holzbrett, in dem man immer eine dünne Stelle findet, an der man durchkommt. Es ist nicht so kompliziert.«

In der Hoffnung auf eine weitere 9 setzte die Ameise ihren horizontalen Weg fort. Doch stattdessen traf sie auf eine gerade Rinne. Sie war wie die erste Furche, nur länger, und verlief parallel zum Boden. Außerdem hatte sie keine zusätzlichen Furchen an den Enden. Sie war ein –.

»Das dürfen Sie nicht so sehen. So ist das Leben. Nicht jeder kann wie Dongdong sein.«

»Ich bin einfach nicht ehrgeizig. Ich lasse mich eher treiben.«

»Wenn ich einen Vorschlag machen dürfte: Warum widmest du dich nicht der Kosmosoziologie?«

»Kosmosoziologie?«

»Den Begriff habe ich mir ausgedacht. Angenommen, im Universum gäbe es viele große Zivilisationen, womöglich so viele wie sichtbare Sterne. Unzählige Zivilisationen also, die zusammen die kosmische Gesellschaft bilden. Kosmosoziologie wäre dann die Wissenschaft von der Natur dieser universalen Gesellschaft.«

Die Ameise war nicht viel weitergekommen. Nach der »–«-Furche hatte sie auf eine behagliche 9 gehofft, traf aber auf eine 2. Sie begann mit einer angenehmen Kurve, am Ende machte sie jedoch einen genauso scharfen und furchterregenden Knick wie die 7. Das Vorzeichen einer unsicheren Zukunft.

Als sie auf die nächste Furche stieß, meinte sie, das sei nun die ersehnte 9. Doch die Kreisbahn, auf der sie lief, war eine Falle, denn die Rinne formte eine geschlossene 0. Sanfte Rundung, schön und gut, doch das Leben brauchte eine Richtung, man konnte doch nicht immer wieder an seinen Ausgangspunkt zurückkehren. Das begriff sogar eine Ameise. Obwohl noch zwei weitere Furchen vor ihr lagen, hatte sie das Interesse verloren und kletterte lieber weiter nach oben.

»Nun gut, aber … augenblicklich wissen wir nichts von einer anderen Zivilisation außer unserer eigenen.«

»Deshalb hat sich bislang auch niemand damit befasst. Das wäre dann deine Chance.«

»Faszinierend. Bitte fahren Sie fort, Dr. Ye.«

»Auf diese Weise könntest du deine beiden Fächer miteinander verbinden. Im Gegensatz zur Humansoziologie liefert die Kosmosoziologie mathematisch viel genauere Ergebnisse.«

»Wie meinen Sie das?«

Ye Wenjie deutete auf den Himmel, den im Westen noch die Abenddämmerung erhellte und wo nun die ersten Sterne leuchteten. Es fiel nicht schwer, sich daran zu erinnern, wie das eben noch sternenlose Firmament ausgesehen hatte: eine tiefblaue Leere in der Unendlichkeit oder ein Gesicht mit pupillenlosen Augen, wie bei einer Marmorstatue. Obwohl bislang nur wenige Sterne zu sehen waren, hatten die riesigen Augen Pupillen bekommen. Die weite Leere war gefüllt, und der Kosmos konnte sehen. Doch die Sterne waren klitzekleine, kaum wahrnehmbare silbrige Pünktchen, als wäre sich ihr Schöpfer nicht sicher gewesen. Es wirkte beinahe so, als hätte er dem Wunsch nicht widerstehen können, dem Universum Pupillen einzusetzen, gleichzeitig aber entsetzliche Angst davor gehabt, sie mit Sehkraft auszustatten. Zerrissen zwischen Wunsch und Widerwillen, hatte er das All riesig und die Sterne winzig gemacht und damit gezeigt, dass ihm die Vorsicht über alles ging.

»Überlege nur: Alle Elemente von Chaos und Beliebigkeit in der komplexen Struktur der Zivilisationen des Universums werden durch die enorme Distanz gefiltert, sodass die Zivilisationen von uns aus betrachtet über Parameter verfügen, die sich relativ leicht mathematisch erfassen lassen.«

»Aber sagen Sie mir, Dr. Ye, was ließe sich mit der Kosmosoziologie denn konkret erforschen? Es ist doch kaum möglich, Untersuchungen und Experimente durchzuführen.«

»Damit erhältst du ein rationales Ergebnis und kannst zunächst wie in der euklidischen Geometrie einige einfache, offensichtliche Axiome aufstellen und auf der Grundlage dieser Axiome eine ganze Theorie etablieren.«

»Das … klingt wirklich sehr spannend, Dr. Ye. Aber was wären die Axiome der Kosmosoziologie?«

»Erstens: Überleben ist das oberste Gebot jeder Zivilisation. Zweitens: Zivilisationen wachsen und dehnen sich ununterbrochen aus, aber die im Kosmos verfügbare Materie bleibt konstant.«

Nach wenigen Schritten hatte die Ameise festgestellt, dass es auch weiter oben Furchen gab. Ziemlich viele sogar, und sie waren kompliziert wie ein Labyrinth. Sie hatte ein gutes Gefühl für Formen und war sich sicher, auch diese neuen Strukturen erfassen zu können. Wegen der beschränkten Aufnahmekapazität ihres winzigen Neuronennetzes musste sie dafür jedoch zuerst die Formen vergessen, durch die sie zuvor gekrabbelt war. Auch die schöne 9, was sie allerdings nicht weiter bedauerte, denn das Vergessen gehörte nun einmal zum Leben. Es gab nur wenige Dinge, die sie nicht vergessen durfte – und die hatten ihre Gene im Speicherbereich der Instinkte abgelegt.

Nachdem sie ihre Erinnerungen gelöscht hatte, betrat die Ameise den Irrgarten und krabbelte durch Windungen und Biegungen, bis in ihrem schlichten Bewusstsein eine neue Form entstand: . Dieses chinesische Schriftzeichen wurde mu ausgesprochen und bedeutete Grab, aber das wusste die Ameise natürlich nicht. Darüber geriet sie in ein weiteres Furchengebilde. Es war wesentlich unkomplizierter als das vorherige. Dennoch musste sie erst das mu aus ihrem Gedächtnis löschen, um mit ihrer Entdeckungsreise fortzufahren. Als es so weit war, durchlief sie eine wunderbare Vertiefung und fühlte sich dabei an den Hinterleib einer frisch verendeten Heuschrecke erinnert, die sie vor Kurzem entdeckt hatte. Diese neue Struktur hatte sie schnell erfasst: , die chinesische Besitzanzeige zhi. Auf dem Weg nach oben stieß sie auf zwei weitere Furchengebilde. Das erste bestand aus zwei kurzen, tropfenförmigen Vertiefungen mit einem Heuschreckenleib darüber: . Es wurde dong ausgesprochen und bedeutete Winter. Das andere setzte sich aus zwei Teilen zusammen, die miteinander das Zeichen , yang für Pappel ergaben. Das war die letzte Form und die einzige, die die Ameise von ihrer kurzen Kletterpartie im Gedächtnis behielt. All die übrigen interessanten Strukturen waren vergessen.

»Aus soziologischer Perspektive sind diese beiden Axiome ziemlich handfest … Sie haben sie so schnell formuliert, dass man meinen könnte, Sie hätten sie bereits im Kopf gehabt«, sagte Luo Ji überrascht.

»Ich habe darüber schon mein ganzes Leben nachgedacht, aber mit niemandem darüber geredet. Ich weiß auch nicht, warum ich jetzt darauf komme Aber das ist noch nicht alles. Damit du aus diesen beiden Axiomen eine grundlegende Vorstellung von Kosmosoziologie entwickeln kannst, musst du nämlich noch zwei weitere wichtige Konzepte mit einbeziehen: Zweifelsketten und technologische Explosion.«

»Das sind äußerst interessante Begriffe. Könnten Sie sie mir erläutern?«

Ye Wenjie sah auf ihre Uhr. »Dazu ist leider keine Zeit. Doch du bist ein intelligenter Mensch und wirst zweifellos von selbst darauf kommen. Nimm diese beiden Axiome als Fundament für deine Forschung, dann wirst du eines Tages der Euklid der Kosmosoziologie sein.«

»Aus mir wird kein Euklid, Dr. Ye. Aber ich werde mir merken, was Sie gesagt haben, und den Versuch wagen. Allerdings kann es sein, dass ich dazu nochmal Ihren Rat brauche.«

»Ich fürchte, das wird nicht möglich sein … In dem Fall wäre es besser, wenn du vergisst, was ich gesagt habe. Aber es liegt bei dir, was du daraus machst. Ich habe meine Pflicht erfüllt. Auf Wiedersehen, Xiao Luo.«

»Alles Gute, Dr. Ye.«

Ye Wenjie verschwand in der Dämmerung und machte sich auf den Weg zu ihrem letzten Treffen.

Die Ameise kletterte weiter, in eine runde Senke hinein, auf deren glatter Oberfläche sich eine extrem komplizierte Form abzeichnete. Niemals würde sich ihr winziges Neuronennetz so etwas merken können. Die ungefähre Form, die sie erfasste, war für ihren primitiven Ästhetiksinn jedoch ähnlich betörend wie die 9. Außerdem glaubte sie, in einem Teil des Bildes ein Augenpaar zu erkennen. Was Augen anging, war sie sensibel, denn ihr Blick verhieß normalerweise Gefahr. Mit diesen Augen war das allerdings anders, denn sie wusste, dass sie leblos waren.

Längst hatte sie vergessen, dass das riesige Lebewesen namens Luo Ji, während es schweigend vor dem Stein kniete, diese beiden Augen betrachtet hatte. Sie kletterte aus der Senke heraus und weiter nach oben, bis auf die Spitze des Felsblocks. Da sie sich nicht davor fürchtete runterzufallen, fehlte ihr auch das Bewusstsein dafür, hoch über ihrer Umgebung zu thronen. Der Wind hatte sie in der Vergangenheit schon oft von wesentlich höheren Orten heruntergeweht, doch dabei war sie jedes Mal vollkommen unversehrt geblieben. Ohne Höhenangst weiß man allerdings auch die Schönheit der Aussicht von oben nicht zu schätzen.

Am Fuß des Steingebildes war die Spinne, die Luo Ji mit dem Blumenstrauß zur Seite gefegt hatte, derweil mit dem Bau eines neuen Netzes beschäftigt. Nachdem sie sich viermal wie ein Pendel an einem schimmernden Faden vom Felsblock aus Richtung Boden geschwungen hatte, war sie bereits wieder mit dem Grundgerüst fertig. Und selbst wenn ihr Netz zehntausend Mal zerstört würde, würde sie es zehntausend Mal wieder aufbauen. Sie war deswegen weder wütend noch verzweifelt oder begeistert. So war das eben. Und das schon seit einer Milliarde Jahren.

Luo Ji hielt einen Moment inne. Dann ging auch er. Als die Erschütterungen des Bodens verebbt waren, krabbelte die Ameise auf einem anderen Weg den Felsblock wieder hinunter. Sie wollte jetzt nur noch rasch zurück zum Bau und dort berichten, wo ein toter Käfer zu finden war. Der Himmel war inzwischen dicht mit Sternen übersät. Am Fuß des Felsblocks kam sie wieder am Netz der Spinne vorbei. Wieder nahmen die beiden die Existenz des jeweils anderen wahr, beachteten einander jedoch nicht.

Weder Ameise noch Spinne wussten, dass sie abgesehen von der fernen Welt, die lauschend den Atem anhielt, soeben die einzigen Zeugen der Geburtsstunde der Kosmosoziologie geworden waren.

Nur wenige Stunden zuvor, in tiefer Nacht, stand Mike Evans am Bug der Jüngstes Gericht, während der Pazifik wie schwarzer Satin unter dem Sternenhimmel vorüberglitt. Evans mochte es, um diese Zeit mit der fernen Welt zu kommunizieren, weil sich der Text, den die Sophonen auf seine Netzhäute projizierten, so wunderschön vor dem nächtlichen Meer und dem Himmel abzeichnete.

Das ist unsere zweiundzwanzigste Echtzeitkonversation. Es gibt gewisse Schwierigkeiten mit der Kommunikation.

»Ja, Herr. Ich habe bemerkt, dass Ihr einen Großteil des Datenmaterials über die Menschheit, das wir Euch geschickt haben, nicht wirklich verstehen konntet.«

So ist es. Du hast die enthaltenen Elemente wirklich sehr gut erklärt, aber wir sind nicht in der Lage, es vollständig zu verstehen. Manchmal scheint es, als gebe es etwas zu viel in eurer Welt, und dann wieder etwas zu wenig.

»Handelt es sich dabei um ein und dasselbe?«

Ja, doch wir wissen nicht, ob es etwas zu viel oder zu wenig ist.

»Wie kann das sein?«

Wir haben die Dokumente sorgfältig studiert und festgestellt, dass der Schlüssel zum Verständnis in den Synonymen liegt.

»Synonyme?«

In euren Sprachen gibt es zahlreiche Synonyme und Pseudosynonyme. Zum Beispiel enthielt das Chinesisch eurer ersten Nachrichten einige Begriffe mit derselben Bedeutung, wie »kalt« und »eisig«, »schwer« und »gewichtig« oder »weit« und »fern«.

»Und welches Synonympaar hat nun das Verständnis des Materials verhindert?«

»Denken« und »sagen«. Wir haben soeben erst überrascht festgestellt, dass das gar keine Synonyme sind.

»Nein, das sind keine Synonyme.«

Nach unserem Verständnis sollten sie das aber sein. »Denken« bedeutet, mit Denkorganen gedankliche Aktivitäten durchzuführen. »Sagen« bedeutet, den Inhalt der Gedanken einem anderen mitzuteilen. Für Letzteres benötigt man in eurer Welt sogenannte Stimmbänder, die die Luft in Schwingungen versetzen. Sind diese Definitionen korrekt?

»Das sind sie. Aber zeigt das nicht, dass ›denken‹ und ›sagen‹ keine Synonyme sind?«

Nach unserem Verständnis zeigt das, dass sie Synonyme sind.

»Darf ich kurz darüber nachdenken?«

Bitte sehr. Wir sollten beide darüber nachdenken.

Während der folgenden zwei Minuten betrachtete Evans, wie der Ozean unter dem Sternenhimmel wogte. »Welche Organe gebraucht Ihr zur Kommunikation, Herr?«

Wir haben keine Kommunikationsorgane. Unsere Gehirne tauschen sich aus, indem sie unsere Gedanken der Außenwelt anzeigen.

»Gedanken anzeigen? Wie funktioniert das?«

Die Gedanken in unseren Gehirnen senden elektromagnetische Wellen im gesamten Frequenzspektrum, darunter auch im Bereich des sichtbaren Lichts. Sie können über ziemlich weite Entfernungen hinweg projiziert werden.

»Das heißt also, für Euch ist denken gleich sprechen.«

Deshalb sind das Synonyme.

»Aha … Doch selbst wenn das so ist, sollte es eigentlich das Verständnis der Dokumente nicht erschweren.«

Das ist richtig. Was Denken und Kommunikation angeht, sind die Diskrepanzen zwischen uns und euch gering. Wir alle haben ein Gehirn, und unsere Gehirne produzieren durch eine Unmenge neuronaler Verbindungen Intelligenz. Der einzige Unterschied ist, dass die elektromagnetischen Wellen unserer Gehirne so stark sind, dass sie von unserem Gegenüber direkt erfasst werden können. Weswegen wir keine Kommunikationsorgane brauchen. Das ist alles.

»Nein, ich glaube wir übersehen da etwas Wichtiges, Herr. Lasst mich noch einmal darüber nachdenken.«

Nur zu.

Evans verließ den Bug und spazierte über das Deck. Unterhalb der Reling hob und senkte sich lautlos der nächtliche Ozean. Er stellte sich ihn als denkendes Gehirn vor.

»Ich möchte Euch eine Geschichte erzählen, Herr. Um sie zu begreifen, müsst Ihr die folgenden Elemente verstehen: Wolf, Kind, Großmutter, ein Häuschen im Wald.«

Das sind alles sehr verständliche Elemente, abgesehen von der Großmutter. Ich weiß, dass dieser Begriff eine Form der Blutsverwandtschaft zwischen menschlichen Wesen bezeichnet und dass er sich üblicherweise auf eine Frau fortgeschrittenen Alters bezieht. Ihre genaue Position innerhalb des verwandtschaftlichen Beziehungsgeflechts bedarf jedoch näherer Erläuterung.

»Das spielt keine Rolle, Herr. Ihr müsst lediglich wissen, dass ihre Beziehung zum Kind sehr eng ist. Sie ist die einzige Person, der das Kind vertraut.«

Ich verstehe.

»Ich vereinfache die Geschichte ein wenig. Die Großmutter hatte etwas zu erledigen und ließ das Kind allein im Haus zurück. Sie schärfte ihm ein, die Tür verschlossen zu halten und sie niemandem außer ihr zu öffnen. Unterwegs begegnete die Großmutter einem Wolf, der sie auffraß und dann ihre Kleider anlegte. Danach ging der Wolf zu dem Häuschen, klopfte an die Tür und sagte: ›Ich bin es, die Großmutter, öffne die Tür.‹ Das Kind machte sie einen kleinen Spaltbreit auf und sah jemanden, der die Großmutter zu sein schien. Also öffnete es die Tür ganz, der Wolf kam herein und fraß das Kind auf. Versteht Ihr diese Geschichte, Herr?«

Ich verstehe überhaupt nichts.

»Dann stimmt meine Vermutung vielleicht.«

Der Reihe nach. Der Wolf hatte von Anfang an vor, in das Haus einzudringen und das Kind zu fressen, richtig?

»Richtig.«

Er hat mit dem Kind kommuniziert. Richtig?

»Richtig.«

Und genau das verstehe ich nicht. Um sein Ziel zu erreichen, hätte er nicht mit dem Kind kommunizieren dürfen.

»Warum?«

Aber das ist doch klar: Hätte zwischen den beiden Kommunikation stattgefunden, hätte das Kind doch gewusst, dass der Wolf hereinkommen und es fressen wollte, und es hätte ihm die Tür nicht geöffnet.

Nach einem kurzen Schweigen sagte Evans: »Ich verstehe, Herr. Ich verstehe.«

Was hast du verstanden? Versteht sich das nicht von selbst?

»Eure Gedanken sind für die Außenwelt unmittelbar zu erkennen, ihr könnt sie nicht verbergen.«

Wie könnte man seine Gedanken verbergen? Diese Vorstellung ist verwirrend.

»Ich meine damit, dass Eure Gedanken und Erinnerungen für die Außenwelt stets transparent sind, wie ein offenes Buch oder ein öffentlich vorgeführter Film oder ein Fisch in einem durchsichtigen Aquarium. Absolut sichtbar, sofort von der Außenwelt erfassbar. Hm. Vielleicht sind Euch ein paar der Elemente, die ich gerade erwähnt habe …«

Ich begreife sie alle. Aber ist das alles nicht selbstverständlich?

Evans schwieg eine Weile. Schließlich sagte er: »Das ist es also … Wenn Ihr mit einem Gegenüber kommuniziert, ist alles, was kommuniziert wird, wahr. Ihr könnt weder lügen noch betrügen, also könnt Ihr euch wahrscheinlich auch keine komplexen Strategien ausdenken.«

Wir können nicht nur von Angesicht zu Angesicht kommunizieren, sondern auch über weite Distanzen hinweg. Mit den Begriffen »lügen« und »betrügen« haben wir ebenfalls Verständnisschwierigkeiten.

»Was ist das für eine Gesellschaft, in der alle Gedanken transparent sind? Welche Art von Kultur entsteht dadurch, und was für eine Politik? Ohne Intrigen und Täuschungsmanöver?«

Was sind Intrigen und Täuschungsmanöver?

Evans schwieg.

Die Kommunikationsorgane der Menschen sind das Resultat eines evolutionären Defizits, ein notwendiger Ausgleich dafür, dass eure Gehirne keine ausreichend starken Gedankenwellen produzieren können. Das ist eine eurer biologischen Schwachstellen. Gedanken direkt transparent machen zu können, ist eine wesentlich effizientere Form der Kommunikation.

»Ein Defizit? Eine Schwachstelle? Nein, Ihr täuscht Euch, Herr. Was das betrifft, seid Ihr vollkommen im Irrtum.«

Tatsächlich? Darüber muss ich nun einen Augenblick nachdenken. Schade, dass du meine Gedanken nicht sehen kannst.

Das Gespräch blieb für eine ganze Weile unterbrochen. Nachdem zwanzig Minuten lang keine Schrift mehr erschienen war, spazierte Evans vom Bug zum Heck, wo er einen Schwarm Fische beobachtete, der immer wieder aus dem Ozean sprang und dabei einen im Mondlicht silbrig schimmernden Bogen in die Luft zeichnete. Einige Jahre zuvor hatte er den Einfluss der Überfischung auf die Lebewesen an der Küste untersucht und dazu eine Weile auf einem Fischerboot im Südchinesischen Meer verbracht. »Die Parade der Drachenarmee« hatten die Fischer diesen Anblick genannt. Für Evans sahen sie aus wie Text, der auf das Auge der Meeresoberfläche projiziert wurde. Noch während er das dachte, erschien vor seinen eigenen Augen ein neuer Text.

Du hast recht. Wenn ich mir den Inhalt der Dokumente noch einmal vergegenwärtige, verstehe ich sie jetzt etwas besser.

»Ihr habt noch einen langen Weg vor Euch, mein Herr, bis Ihr die menschliche Natur wirklich begreifen werdet. Ich fürchte sogar, es wird Euch nie ganz gelingen.«

Stimmt, es ist wirklich sehr kompliziert. Immerhin weiß ich jetzt, warum ich zuvor nicht alles verstanden habe … Du hast recht.

»Ihr braucht uns, mein Gebieter.«

Ich habe Angst vor euch.

Die Konversation brach ab. Das war die letzte Nachricht, die Evans von Trisolaris erhielt.

Er stand noch eine Weile am Heck und sah zu, wie die schneeweiße Gischt hinter der Jüngstes Gericht in den Schemen der Nacht verschwand. Wie verflossene Zeit.

ERSTER TEIL

Die Wandschauer