Impressum

Die Rechtschreibung folgt der 1931 im R. Piper & Co. Verlag erschienenen Erstausgabe.

 

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg bei Reinbek, Mai 2019

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Umschlaggestaltung any.way, Barbara Hanke/Cordula Schmidt

Umschlagabbildung Poster advertising Agay, c. 1930 (colour lithograph), Broders, Roger (1883–1953) / Private Collection / Photo © Christie's Images / Bridgeman Images

Vorsatzkarte Imke Trostbach

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ISBN Printausgabe 978-3-463-40715-9 (1. Auflage 2019)

ISBN E-Book 978-3-644-30045-3

www.rowohlt.de

ISBN 978-3-644-30045-3

Fußnoten

Wer aus Deutschland über Italien nach der französischen Riviera fährt, teilt am besten die Reise so ein, daß er abends in Ventimiglia anlangt, im Hotel, dem Bahnhof gegenüber, übernachtet und morgens dann in den Zug nach Frankreich einsteigt. Man erspart so einige Stunden öden Grenzaufenthalts.

I

Woher hat diese blaue Küste ihren großen Ruhm? Warum bleibt diese Côte d’Azur durch verschiedene Jahrzehnte der Vergnügungs- und Erholungsstrand des Kontinents, der Welt? The Coast of Pleasure – Die Riviera: Legende von Luxus, Glanz, rollender Kugel, Hermelinpelz und Champagnerseligkeit. Generationen von Kommis und Kammerzofen träumten hiervon, während die Herrschaft im Februar hinfuhr. – Gesegnetes Frankreich, mit Paris als Hauptstadt und dieser Mittelmeerküste als Badestrand! Der französische Künstler, der aus dem perlgrauen Licht von Paris sich keine neuen Inspirationen mehr holen zu können glaubt, besteigt den D-Zug und ist nach einer Nachtfahrt dort unten, wo das Licht härter und heißer, zugleich satter, blühender und trockener ist; italienisch, aber manchmal schon mit einem afrikanisch dürren Einschlag; und dieser Einschlag wiederum französisch gemildert, gleichsam durchzivilisiert, zarter, zärtlicher gemacht. Man hat von der Riviera eine Vorstellung idyllischer Gleichmäßigkeit;

Sonne, Sonne, Sonne – plus Golfstrom. Ganz blaues Meer, Palmenalleen, Kasinos, Luxushotels: das ist die populäre Vorstellung von der Riviera. Über ihr vergißt man ihre herberen Reize. André Gide spricht einmal vom «Banne jener trügerischen Spiegelung, die uns vortäuscht, der Süden sei etwas Gnadenreich-Mildes» und bekennt im selben Zusammenhang seine «seltsame Freude am Spröden, Dürren, Vorweltlichen, die mir die Wüste so viel begehrenswerter erscheinen ließ als die Oase». Nun, in jedem Süden ist schon ein Stück Wüste, etwas Abgebranntes, unfruchtbar Sandiges, Versengtes; man muß nur Augen haben, es zu ahnen, selbst noch in

Erika Mann. Lavandou, 1933

Natürlich haben Luft und Stimmung dieser Riviera zwischen Marseille und Mentone die französische Malerei sehr beeinflußt, und der Impressionismus wäre kaum ohne sie denkbar. Von Renoir, der in

Die französische Literatur hat sich oft und herzlich mit ihm beschäftigt, er ist einer ihrer klassischen Typen. Gerade jetzt macht eine Komödie ihren Siegeszug über die Bühnen der Welt, die in Marseille spielt und südfranzösische Eigenheiten teils wohlwollend verspottet, teils feiert: «Marius» von Pagnol. Die stärkste Eigenschaft dieses Jungen, der am Hafen lebt, ist das «Fernweh»; sie wird sein Schicksal. Wahrscheinlich ist sie zum Bilde dieser Küstenbewohner, die so viel humoristisch kleinbürgerliche Züge haben, überhaupt unentbehrlich. Sie haben immer vor sich das Meer; Afrika gegenüber. «Fernweh» ist eines der Grundgefühle aller Völker, die am Meere leben; Pagnol – oder Bruno Frank, der das deutsche Wort fand – hat das schön formuliert. – Durch diese Unruhe, diesen Drang ins Fremde unterscheidet sich der Mensch der südfranzösischen Küste, der Côte d’Azur, von seinem Bruder im Hinterlande, der südfranzösischen Provinz. Nehmen wir den Marseiller als den Typ dieser Gegend: eine Mischung von Behaglichkeit und Abenteuerdrang, von Bürgerlichkeit und «inquiétude» macht seinen spezifischen Charme aus.

Diese Küste, zwischen Ventimiglia und Marseille, mit solcher Sonne, solcher milden Luft, mit solchem Meer, solchen Blumen und einer so reizvollen Bevölkerung, die sich auf die Gastfreundschaft als Geschäft versteht, mußte ein großer Menschenmagnet sein. So wurde sie eine Zeitlang zur elegantesten Küste der Erde. Damals waren noch unsere Großeltern fesch. Inzwischen sind das Engadin oder Ägypten oder Florida oder die Monstrebäder von Kalifornien viel luxuriöser geworden. Nur einige wenige bestimmte Plätze an der französischen Riviera sind noch Treffpunkt jener legendären «großen Welt»: einige Wochen lang Cannes, einige Wochen Cap d’Antibes oder Juan-les-Pins. Wir kommen darauf im einzelnen noch zurück. – Warum wird, von diesen erlesenen Punkten abgesehen, die ganze Küste von so vielen immer noch so viel geliebt? Warum fahren wir hin, immer wieder? – Es gehört zu ihren Geheimnissen, daß sie jedem ganz das bietet, was er sucht. Es ist eine nachgiebige Küste.

Klaus Mann. Lavandou, 1933

Dem großen Snob, der gerne mit Herzoginnen, Kaffeeköniginnen und Lords in derselben Hotelhalle sitzen möchte, bietet sie einige Hotels, wo diese in der Tat immer noch sitzen, kurz haben wir schon angedeutet, wo. – Inzwischen hat sie sich auch dem bourgeoisen und kleinbourgeoisen Publikum weit

Von den Vergnügungen der Côte ist es immer noch das Spiel, das am stärksten lockt. Manche kommen wegen der Tennisturniere, oder der

Erika Mann. Lavandou, 1933

Mondäner Zauber und bourgeoise Gemütlichkeit; Sport, gutes Essen und Bakkarat sind große Attraktionen; aber die größte Attraktion ist das Nichtstun. Die Riviera legitimiert es, dieses Dolce-farniente,

III

Wir haben die Côte d’Azur «nachgiebig» genannt, das heißt: sie zwingt dem Besucher keinen Lebensstil auf, wie die Nordsee, das Engadin oder Ägypten; vielmehr kann er sich denjenigen wählen, der ihm paßt. Nachgiebig ist sie auch unseren finanziellen Verhältnissen gegenüber. Man kann dort so teuer

Klaus Mann. Lavandou, 1933

Es kommt hier immer drauf an, was man will. Wenn man lange bleiben will, Monate oder ein halbes Jahr, ist es am gescheitesten, man mietet sich

Überall aber, und für jeden Pensionspreis, wird man diese große Sonne haben; und so mildgesinnte Luft, daß kühne Menschen oft im Januar schon schwimmen. Man nehme sich trotzdem einen Mantel mit, wenn man im Winter oder Frühling nachmittags spazierengeht; denn, man sollte es nicht glauben, abends kommt es kühl vom Meere her. Es ist eine glückliche Gegend, doch keine vollkommene; und man kann sich gerade hier sehr leicht erkälten.

 

Glückliche Küste! Coast of Pleasure, Côte d’Azur, blaue Küste! Strand des Dolce-far-niente, des Spiels, der Arbeit, der Blumen und der sonnenbeglänzten Promenaden. Wir können nicht alles zeigen, was es an ihr zu sehen gibt. Aber doch etwas. Und nun fangen wir an.

In Marseille mit dem Zug anzukommen ist so komfortabel wie irgendwo, denn Sie nehmen am Bahnhof ein Taxi und sind nach einer etwas aufregenden kleinen Fahrt in Ihrem Hotel. Die Einfahrt mit dem Wagen hingegen trägt schon einen leicht katastrophalen Charakter.

Marseille gehört zu den Städten, die größer sind, als es ihnen zukommt; das heißt: größer, als man es von ihnen erwartet. Das eigentliche Marseille liegt übersichtlich und zusammengedrängt, man erfaßt seine Konstruktion beim ersten Spaziergang. Die imposante und vielgerühmte Hauptstraße, die «Canebière» heißt, bildet sein Zentrum und Rückgrat; sie teilt es ein und macht es übersichtlich. Sie mündet auf den Alten Hafen, wie ein Strom ins Meer; oben wird sie von der stattlichen Rue de Rome gekreuzt. Geschäftsstraßen laufen ihr parallel oder schneiden sie. Sie verflechten sich ineinander, machen Bogen und Ecken, werden zum Gassengewirr. Aber an der Canebière kann man sich immer wieder orientieren.