Italo Svevo

Schauspiele

Aus dem Italienischen von Charlotte Jenny und Karl-Heinz Roland

Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KG

Mit einem Nachwort von François Bondy

Kurzübersicht

Inhaltsverzeichnis

Über Italo Svevo

Italo Svevo, eigentlich Ettore Schmitz (1861–1928), stammte aus einer deutsch-italienischen Familie. Er erhielt eine kaufmännische Ausbildung, arbeitete als Bankangestellter, später als selbständiger Unternehmer in Triest. Seine literarische Bedeutung wurde von James Joyce und Valéry Larbaud entdeckt.

Über dieses Buch

Italo Svevo (1861–1928) gilt neben Proust, Joyce, Kafka und Musil als bahnbrechender Autor der modernen Weltliteratur, als einer der bedeutendsten Romanschriftsteller Italiens; er selber sah sich jedoch auch als Theaterdichter – allein in seinem Nachlaß fanden sich 13 Komödien.

Dieser Band enthält die Theaterstücke »Die Wahrheit«, »Gemischtes Terzett«, »Ein Ehemann«, »Marias Abenteuer«, »Der Diener«, »Alberta und Alice oder Die Unterwerfung« sowie »Ein Mann wird jünger«.

Impressum

Dieses E-Book ist der unveränderte digitale Reprint einer älteren Ausgabe.

 

Erschienen bei KiWi Bibliothek

© 2018 Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln

 

Covergestaltung: Rudolf Linn, Köln

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

 

 

Impressum der Reprint Vorlage

ISBN (eBook) 978-3-462-41267-3

Die Wahrheit (La verità)

Personen

Silvio Arcetri

Fanny, seine Frau

Alfonso Bertet, Fannys Bruder

Emilia, seine Frau

Luigi, Silvios Diener

Das Arbeitszimmer eines reichen Herrn. Schwere solide Möbel. Eine Tür im Hintergrund und eine links vom Zuschauer. Mehrere unordentlich herumstehende Sessel. Auf dem Tisch Schriftstücke und ein zerdrückter Hut.

Erste Szene

Silvio Arcetri und Luigi.

silvio

sitzt nachdenklich am Tisch, den Kopf in die Hand gestützt: Du störst mich, laß dir das gesagt sein.

luigi

macht sich im Zimmer zu schaffen: Ich wollte mal wieder gründlich den Staub von diesen Möbeln wischen.

silvio

Das laß bitte bleiben, solange ich hier bin. Hat niemand nach mir gefragt?

luigi

Doch, gnädiger Herr. Aber Sie haben mir verboten, von dieser Person zu sprechen.

silvio

Die kleine Elena? Sonst niemand?

luigi

Was heißt sonst niemand? Die kleine Elena!

silvio

Ich hab dir gesagt, wenn du sie noch einmal erwähnst, bist du entlassen. Hast du das nun begriffen oder nicht? Schämst du dich nicht, für mich den Kuppler zu spielen? Willst du ewig so weitermachen?

luigi

betroffen: Gnädiger Herr haben es selbst so gewollt und mich darin unterwiesen.

silvio

Und jetzt sage ich, Schluß damit! Ich weiß nicht mehr, ob du dich anerboten hast, mir zu helfen, oder ob ich das selber wollte … Es ist schon zu lange her. Aber jetzt erwarte ich, daß du mit mir zur Tugend zurückkehrst.

luigi

nach kurzem Überlegen: Gnädiger Herr, es tut mir leid, aber ich kann Sie auf Ihrer langen Reise zurück zur Tugend nicht begleiten, weil ich schon beschlossen habe, meinen eigenen Weg zu gehen … ich meine, dieses Haus zu verlassen.

silvio

Oh, oh! Meine Metamorphose paßt dir wohl nicht?

luigi

Nein, sie paßt mir nicht! Erst dachte ich, es handelt sich um eine einzelne schwarze Wolke, die sich bald verzieht, aber inzwischen weiß ich, daß sich die Sonne wohl nicht so schnell wieder blicken läßt. Vor acht Tagen hat die gnädige Frau das Haus verlassen. Seitdem sind, Gott weiß von wem alarmiert, die kleine Elena, die lange Maria, die rote … wie heißt sie noch? … hier aufgekreuzt.

silvio

Tusnelda!

luigi

Und allen wurde die Tür vor der Nase zugeschlagen. Das sind mir heitere Zustände! Sie sitzen die ganze Zeit hier am Tisch, und die gnädige Frau kann sich nicht entschließen, zu Ihnen zurückzukommen. Das Schlimmste ist, daß ich jedes Vertrauen in Ihren Verstand verloren habe. Wie können Sie annehmen, daß die gnädige Frau Ihnen verzeiht, nach allem, was sie gesehen hat?

silvio

Gesehen? Fanny hat nichts gesehen.

luigi

Aber sie hat doch durchs ganze Haus geschrien, sie habe alles gesehen. Alle konnten es hören.

silvio

brummt: Sehen genügt noch lange nicht … Aber das ist nicht deine Sache.

luigi

Gnädiger Herr müssen verstehen, wir Armen können nicht so ohne weiteres vom Laster zur Tugend überwechseln! Man gewöhnt sich rasch an gewisse Bequemlichkeiten und will darauf nicht mehr verzichten, aber nur mit Staubwischen, wenn man sich plötzlich darauf beschränken soll, kommt man nicht auf seine Kosten.

silvio

Ach, es dreht sich ums Geld! Gut, ich bin bereit, deinen Lohn um zwanzig Lire im Monat zu erhöhen.

luigi

bitter: Zwanzig Lire? Oh, gnädiger Herr, nicht einmal Sie wissen, wie sehr Ihr großartiger jugendlicher Elan, den Sie nun Laster schimpfen, mein Gehalt aufgebessert hat. Nun sind Sie wirklich ein Tugendbold geworden. Das beweist Ihr kümmerliches Angebot.

silvio

Na gut! Wieviel hast du daran verdient?

luigi

Rund hundert Lire im Monat, aber manchmal auch viel mehr.

silvio

erstaunt: Nicht möglich!

Die Hausglocke klingelt.

Sieh nach, wer da ist. Wenn es meine Frau ist, dann pfeif, damit ich Bescheid weiß. Hier hast du … zehn Lire, damit du siehst, daß auch die Tugend freigebig ist.

luigi

Danke! murmelnd: Wenn man bedenkt, daß es sich um die eigene Frau handelt, ist das wirklich nicht schlecht bezahlt. Ab. Gleich darauf hört man einen leichten Pfiff.

Zweite Szene

Alfonso Bertet und Silvio.

silvio

hat auf den Pfiff hin eine Pose eingenommen, die seine Verzweiflung zur Geltung bringen soll: Meine Frau! Endlich!

alfonso

ein Mann mittleren Alters. An seiner Kleidung sieht man, daß er wenig Wert auf Äußerlichkeiten legt. Er trägt einen Schlapphut, den er nicht abnimmt. Er bleibt unter der Tür stehen und betrachtet Silvio, der nicht aufsieht. Der eine pfeift und der andere weint. Wer weiß, wie beides zusammenhängt! Laut. Guten Tag!

silvio

erstaunt: Du? Du bist es? Faßt sich. Endlich, mein Bester! Endlich unternimmst du etwas, um diese dumme Geschichte, die so viel unnütze Aufregung in unsere Familie bringt, aus der Welt zu schaffen.

alfonso

sehr kühl: Ja! Deswegen bin ich da.

silvio

Na gut, setz dich! Sag, was meine Frau von mir verlangt.

alfonso

Das weißt du noch nicht? Sie will, daß du gestehst. Mehr nicht.

silvio

Sie quält mich, wie noch nie ein Mann gequält worden ist. Wie stellt sie sich das vor? Was soll ich gestehen? Ich bin unschuldig!

alfonso

überdrüssig: Uff! Ruhig: Weißt du, meine Schwester ist da andrer Meinung. Wir Bertets sind keine Dichter wie du, aber über ein gewisses Maß an gesundem Menschenverstand verfügen wir auch.

silvio

Aber es fehlt euch an Lebenserfahrung, das habe ich schon immer gesagt, nicht an gesundem Menschenverstand. Der gesunde Menschenverstand! Der begnügt sich mit ein paar Gemeinplätzen, die auch der Dümmste versteht, mit ein paar Lebensregeln, die sich übrigens nur selten bewähren. Euch fehlt es an Phantasie, ihr seht nicht und begreift nicht, daß alle widrigen Umstände, die rund um den Erdball in der Luft liegen, sich in fataler Konstellation über dem Haupt eines armen Unglücklichen zusammenballen können, um ihn zu gegebener Zeit an gegebenem Ort zu vernichten.

alfonso

Sprich es nur aus: eine Ballung widriger Umstände. Ein trefflicher Ausdruck, meine Schwester hat ihn oft genug hören müssen. Wir haben nicht schlecht darüber gelacht. Wenigstens ich; meine Schwester kann darüber nicht lachen. Sie weint. Nicht nur über die widrigen Umstände, sondern auch über die Ballung. Er betrügt mich nicht bloß – sagt sie –, er verhöhnt mich auch noch, indem er mir zeigt, für wie dumm er mich hält. Dumm genug, um so etwas zu glauben. Mein Bester, wie war denn die Sache? Meine Schwester betritt ein Zimmer und findet dich im Bett mit einer Frau. Im Raum herrscht sanft gedämpftes Licht; die Fensterläden sind zu, aber die Tür ist nicht abgeschlossen. Du behauptest, die unverschlossene Tür genüge, um deine Unschuld zu beweisen. Wir Bertets dagegen glauben, daß sich gewisse Männer in gewissen Momenten dazu hinreißen lassen, bei offener Tür zu tun, was sie nicht einmal hinter verschlossener Tür tun dürften. Gut! Du hast dich rein zufällig, in einem Zustand physischer und moralischer Erschöpftheit, den wir Bertets unmoralisch nennen möchten, auf ein Bett geworfen, das bereits besetzt war. Von einer Frau. Wie kommt es, daß diese Frau sich nicht sträubte, mit dir ein Bett zu teilen, in dem sie sich allein schlafen gelegt hatte?

silvio

Sie schlief doch, sie konnte sich nicht sträuben.

alfonso

erregter: Aber wenn sie nicht aufwachte, heißt das, du hast das Zimmer auf Zehenspitzen betreten, du warst darauf bedacht, die Tür nicht knarren zu lassen.

silvio

Tatsächlich, sie hat nicht geknarrt! Überrascht: Sie muß erst kürzlich geölt worden sein.

alfonso

Meine Schwester glaubt auch, gesehen zu haben, daß der Kopf der Frau auf deinem Arm ruhte.

silvio

Das ist eine reine Erfindung. In diesem Punkt wundere ich mich über Fanny.

alfonso

Sie sagt: »Ich glaube!« Sie ist ehrlich. Wenn sie sicher wäre, würde sie auf dein Geständnis wohl verzichten können.

silvio

Natürlich! Wie könnte ich dann noch widersprechen.

alfonso

Oh, du könntest immer noch widersprechen! Was würde der Kopf auf deinem Arm schon beweisen? Ganz einfach: du hast das Zimmer zuerst betreten, und die Frau war eben so gedankenlos, zu dir ins Bett zu schlüpfen, nachdem du schon schliefst. Stell dir die Überraschung vor: du erwachst und findest an deiner Seite eine Frau, die vorher gar nicht da war. Beide lachen.

silvio

Du hast ja doch Phantasie!

alfonso

Ich schäme mich, über diese traurige Geschichte lachen zu können. Ich will auf deine Lügen nicht weiter eingehen. Sie sind zu kolossal, sie sind indiskutabel.

silvio

Natürlich! Du bist mein Gegner.

alfonso

Das darfst du nicht denken. Wir haben uns nie so richtig angefreundet, weil du und dein Charakter und deine Phantasie mich zum Widerspruch reizen, aber hier sind wir natürliche Verbündete. Was soll ich mit meiner Schwester, zumal ich ihr Geld nicht brauche. Denk doch: sie steht mir den ganzen Tag im Weg und überhäuft mich mit Klagen über dich und ihr großes Unglück; das ist lästig und gehört sich nicht. Gestern habe ich sie dabei ertappt, wie sie die ganze peinliche Geschichte vor meiner Tochter ausbreitete, weil ihr sonst niemand mehr zuhören will. Ich mußte einschreiten und ihr verbieten, dem unschuldigen Kind den Kopf zu verdrehen. Tu mir den Gefallen und nimm sie so schnell wie möglich wieder zu dir.

silvio

Wie soll ich das verstehen! Du weißt doch, wie sehr ich dazu bereit bin. Aber du müßtest mir dabei helfen, mit einem einzigen Wort! Das kann dir doch nicht schwerfallen. Hör zu, Alfonso! Du kannst meine Frau nicht im Haus behalten. Ich kenne sie. Wenn sie eifersüchtig ist, sagt sie … alles. Deine arme Tochter; was wird sie sich alles anhören müssen! Du mußt ihr unbedingt helfen.

alfonso

Dazu bin ich hier.

silvio

Ich verlange nicht viel von dir. Es genügt, wenn du Fanny sagst, du wüßtest, daß ich seit längerer Zeit wegen einer Nervenkrankheit in ärztlicher Behandlung sei; den Rest übernehme ich.

alfonso

Ich will nicht lügen.

silvio

Ich verlange nicht, daß du lügst. Komm mit zu Doktor Cirri, er wird dir bestätigen, daß ich seit drei Monaten elektrisiert werde.

alfonso

Ist das der Doktor Cirri, mit dem du die Nächte durchzechst, wenn Fanny zur Kur reist?

silvio

Uff! Was bist du für ein Mensch! Doktor Cirri ist mein Freund und über jeden Verdacht erhaben, ich bitte dich!

alfonso

Weißt du, ich finde, du benimmst dich wie ein Kind. Du strengst dich an, immer neue Lügen zu erfinden, aber sie bringen dich dem gewünschten Ziel um keinen Schritt näher. Wäre es nicht einfacher, alles zu gestehen? Geben wir es doch zu: meine Schwester hat recht. Sie sagt: wenn ich wenigstens sehen könnte, er bereut, was er mir angetan hat; wenn er mich um Verzeihung bäte und sich um eine Versöhnung bemühen würde. Aber er verspottet mich! Wenn ich ihm verzeihe – unter diesen Umständen –, fängt er morgen, wenn nicht schon heute von vorn an. Gut, ich finde, sie hat recht!

silvio

Das ist es ja, du willst mich ruinieren!

alfonso

Im Gegenteil, ich will dich retten! Schau, ich bin ein einfacher Mann, ein reich gewordener Bauer, und ich habe auf dieser Welt nur eine große Leidenschaft: die Wahrheit. Sie läutert und versöhnt. Ich liebe sie! Wo sie vorbeikommt, kehren Friede, Herzlichkeit und Würde ein, hinter allem, was ich tue, steht der Wunsch, der Wahrheit mein Haus offenzuhalten.

silvio

Auch ich liebe sie, das kannst du mir glauben.

alfonso

öffne ihr dein Haus und dein Herz, und du wirst sehen, wie heiter und einfach das Leben wird. Ein anderer an meiner Stelle könnte von dir das Äußerste an Selbsterniedrigung verlangen. Ich hingegen werde meine Schwester davon überzeugen, daß sie von dir nur die Wahrheit fordern darf. Sie allein sei der Beweis deiner Reue! Wenn du die Wahrheit zu Wort kommen läßt, bist du entschuldigt und zugleich bekehrt. Gestehe! Gestehe alles, was du dir in den vergangenen Jahren hast zuschulden kommen lassen. Je mehr Fehltritte du freiwillig gestehst ohne den Druck, der dich zum Bekenntnis deines letzten Fehltritts zwingt, um so größer wird die Rührung meiner Schwester sein, um so bereitwilliger wird sie dir verzeihen. Davon bin ich überzeugt! Du brauchst nur ein Wort zu sagen, und in wenigen Minuten ist sie hier.

silvio

blickt Alfonso voll Bewunderung an: Du bist ein großer Dichter. Beinah, beinah …

alfonso

merkt, daß er gesiegt hat: Sag ein Wort und ich eile zu meiner Schwester.

silvio

entschlossen: Also gut! Sag ihr, sie soll kommen. Sie soll meine Schuld, meine schwarze Schuld kennenlernen. Vorausgesetzt, du hilfst mir nachher, sie versöhnlich zu stimmen.

alfonso

Wenn du Wort hältst, kannst du voll auf mich zählen. In spätestens einer Viertelstunde bringe ich sie dir zurück. Ab.

Dritte Szene

Silvio und Luigi.

silvio

Luigi! Luigi!

luigi

Ja, Herr?

silvio

Ich habe gesagt, du sollst pfeifen, wenn meine Frau kommt.

luigi

Ich habe gedacht, es ist vielleicht vorsichtiger, wenn ich auch pfeife, wenn ihr Bruder kommt. Oder steht der etwa auf Ihrer Seite?

silvio

blickt ihn anerkennend an: Du hast recht, du Schlaumeier. Aber Pfeifen bewährt sich nicht. Vielleicht solltest du, um mich zu warnen, die Haustür kräftig zuschlagen.

luigi

Das ist bestimmt besser. Herr Bertet hat mich nämlich nach dem Pfiff sehr mißtrauisch angesehen, als suchte er etwas hinter der Melodie.

silvio

Du bist eben ungeschickt. Man kann pfeifen und pfeifen.

Die Hausglocke klingelt.

Kann das schon meine Frau sein? Unmöglich! Die Sehnsucht nach der Wahrheit müßte ihr Flügel verliehen haben! Luigi geht hinaus, und gleich danach hört man die Haustür laut ins Schloß fallen.

Vierte Szene

Emilia und Silvio.

emilia

empört: Was sind das für Manieren!

silvio

hebt vorsichtig den Kopf und ist sehr erstaunt, als er Emilia erblickt: Du! Das geht wirklich zu weit.

emilia

Was geht zu weit?

silvio

Pause: Hast du deinen Mann nicht gesehen?

emilia

Doch! Du hast ihn offenbar sehr verwirrt, er gestikuliert und redet mit sich selbst wie ein Irrer. Ich wollte ihn nicht aufhalten, weil ich dachte, er hindert mich sonst, zu dir zu kommen. Womit hast du ihn so aufgeregt?

silvio

Wieso soll ich ihn aufgeregt haben? Er hat mich aufgeregt!

emilia

Wie ist ihm denn das gelungen?

silvio

Er hat mir das Versprechen abgeluchst, meiner Frau die Wahrheit zu sagen …

emilia

lachend: Ha, ha! Du bist also darauf reingefallen! Dann kannst du ja auch mir endlich erzählen, was eigentlich war. Es ist immer lehrreich, auch die andere Seite zu hören. Ich wette, deine Frau übertreibt etwas bei der Schilderung deiner großen Missetat. Sie sagt zum Beispiel, dein Gesicht habe bei ihrem Anblick eher Ärger als Zerknirschung gezeigt. Die arme Fanny! Es tut mir ja leid, daß ihr so etwas zustoßen mußte, aber da es ihr Schicksal nun mal so wollte, hätte ich gern ihr Gesicht in diesem fatalen Moment gesehen.

silvio

Wie nett von dir! Du wärst also gern dabeigewesen.

emilia

Wie konntest du nur vergessen, die Tür abzuschließen?

silvio

Das Schloß klemmte, und ich hatte keine Zeit. Und überhaupt! Diese Stadt hat rund hundertsiebzigtausend Einwohner. Hundertneunundsechzigtausendneunhundertneunundneunzig hätten das Zimmer betreten können, ohne daß ich nur den Kopf gehoben hätte. Aber ausgerechnet die eine, die unter keinen Umständen eintreten durfte, macht sich aus einer Meile Entfernung auf den Weg, geht an Tausenden von Häusern vorbei und betritt ausgerechnet dies eine. Das Haus hat fünf Stockwerke, und meine Frau hält im ersten inne. Im ersten Stock gibt es zwei Eingänge, und meine Frau entschließt sich ausgerechnet für den linken. Nicht für den rechten, sondern für den linken! Was für eine Unmenge von Zufällen!

emilia

Ich weiß ja nicht, aber man sagt, die Zufälle lassen sich auf einen einzigen reduzieren. Es scheint, der Zufall wollte, daß die Dame, mit der du zusammen warst, die Schneiderin deiner Frau ist. Wenn das stimmt, versteht man natürlich, warum Fanny an allen anderen Häusern vorbeiging und ausgerechnet dies eine betrat.

silvio

Das ist nicht wahr, das schwöre ich!

emilia

Hast du meinem Mann nicht versprochen, die Wahrheit zu sagen?

silvio

Natürlich, und ob! Die Wahrheit, die lautere Wahrheit. Und weil ich das versprochen habe, müßt ihr mir jetzt auch glauben. Traust du mir wirklich zu, daß ich die Schneiderin meiner Frau verführe?

Emilia macht eine vielsagende Geste.

Wie kommst du darauf?

emilia

Du bist doch zu weit Schlimmerem fähig!

silvio

nach kurzem Überlegen: Ach so! Natürlich! Du denkst daran, daß ich auch dir einmal den Hof gemacht habe, obwohl du meine Schwägerin bist. Aber wie kannst du dich mit einer Schneiderin vergleichen? Wie kannst du annehmen, daß ein Mann, der dich liebte, sich zu einer Schneiderin herablassen könnte? Du denkst nicht sehr hoch von dir. Du erniedrigst mich und dich zugleich. Übrigens glaubst du doch wohl nicht, daß ich den armen Alfonso betrügen wollte. Beileibe nicht! Was ich mir wünschte, war ein intimer Gedankenaustausch mit dir, ein geistiges Bündnis, das mich in die Arme der Poesie zurückgeführt hätte.

emilia

Ach! Deshalb berührtest du meine Füße unter dem Tisch.

silvio

Daran kann ich mich nicht erinnern, wirklich nicht! Das muß ein Versehen gewesen sein. Hast du noch nie bemerkt, daß ich meine Füße nicht stillhalten kann?

emilia

Wenn man bedenkt, daß du dich anstrengst, die Wahrheit zu sagen!

silvio

Natürlich! Die heilige Wahrheit: Ich soll dich beleidigt haben, dich von den Füßen her angegriffen haben? Wo es mir doch um deinen Verstand ging? Damit hätte ich ja den längsten Weg gewählt. Und du hast natürlich alles meiner Frau erzählt?

emilia

Nein! Ich bin keineswegs verpflichtet, Fanny Dinge zu erzählen, die sie nur unglücklich machen. Noch unglücklicher! Ich bin nicht mit ihr verheiratet.

silvio

Hast du deinem Mann davon erzählt?

emilia

errötend: Nein, auch nicht! Ich hatte mir nichts vorzuwerfen. Es war allein deine Sache, und ich wollte keinen Unfrieden zwischen meinem Mann und der Familie seiner Schwester stiften.

silvio

nachdenklich: Es gibt also Wahrheiten, die man verschweigen darf?

emilia

Für mich ja, für meinen Mann nicht. Ich würde lügen, wenn ich etwas anderes behauptete. Er sagt immer die Wahrheit. Ich habe dafür Beweise.

silvio

Beim Gehörnten! Dann hüte ihn gut, diesen außergewöhnlichen Mann. Du weißt also, daß er dich betrogen hat?

emilia

empört: Wie kommst du darauf? Beichtet mein Mann seine Seitensprünge auch Unbeteiligten?

silvio

O nein! Aber wenn er dir die Wahrheit sagt … in fünfzehn langen Ehejahren.

emilia

Ach so, du siehst die Sache aus deiner Sicht und aus … seiner. Verächtlich.

silvio

betrachtet sie neugierig: Armer Alfonso!

emilia

Er hat mich nicht betrogen. Nur beinahe. Wenn ich einige Tage später zurückgekehrt wäre, wer weiß …

silvio

Und dieses »beinahe« hat er dir gestanden? Mein Gott! So etwas gibt es? Wenn es mich danach drängte, meiner Frau alle »beinahs« meines Lebens zu erzählen, bliebe uns keine Zeit mehr für sonst was. Ich bin sehr stark in den »beinahs«, das weißt du ja.

emilia

Übrigens hat mich deine Frau hergeschickt. Gleich nachdem Alfonso weg war, ist ihr eine neue Idee gekommen. Das mündliche Geständnis genügt ihr nicht mehr, sie verlangt jetzt alles schriftlich und unterzeichnet. Nur unter dieser Bedingung will sie zu dir zurückkehren und nie mehr ein Wort über das Ganze verlieren, das verspricht sie dir.

silvio

Ist sie denn verrückt geworden! Ich soll alles zu Papier bringen und unterschreiben? Das ist eine erniedrigende Bedingung. Findest du nicht auch?

emilia

Ich finde, wenn man gesündigt hat, muß man Buße tun.

silvio

Ich büße doch schon seit acht Tagen! Du kannst dir nicht vorstellen, was ich durchmache. Ich sitze hier eingesperrt in meinen vier Wänden, in Erwartung dieses Augenblicks der Wahrheit, der uns alle befreien soll. Und ich führe dabei ein mustergültiges Leben!

Emilia lacht herzlich.

Ach, du lachst, du herzloses Frauenzimmer! Wenn du wüßtest, wie böse ich dir insgeheim bin. Nur du bist schuld an meinem Mißgeschick. Wenn du gewollt hättest, wäre ich vielleicht ganz woanders gewesen, als Fanny ihre Schneiderin aufsuchte.

emilia

lachend: Wer weiß! Nach mehr als einem Jahr.

silvio

Oh, das schwöre ich dir! Du bist die Frau, die mich für immer hätte fesseln können. Wenn du nur ein Herz hättest! Wenn in dir wenigstens jetzt, wo du mich in diesem Zustand siehst, der Wunsch aufkäme, einen Mann zu trösten, der, ob man will oder nicht, einigen Wert besitzt.

emilia

Fängst du schon wieder an?

silvio

Denk doch, wie interessant eine Beziehung zwischen zwei geistigen Menschen unseres Schlags wäre, in einer Umwelt, die sich so rückhaltslos der Wahrheit verschrieben hat wie dein Mann und meine Frau. Und wenn unsere Beziehung damit begänne, daß du mir ein wenig … die Hausglocke klingelt, und bald darauf hört man die Tür laut ins Schloß fallen … ein wenig hilfst, meine Frau, dieses verrückte Frauenzimmer, zu beschwichtigen … Wirft sich verzweifelt über den Tisch und bedeckt die Augen mit dem Taschentuch.

Fünfte Szene

Alfonso und die Vorigen.

alfonso

hinter sich blickend: So ein Esel! Fast hätte er meinen Fuß zwischen die Tür geklemmt.

emilia

Das habe ich auch festgestellt: dein Diener hat eine ziemlich gemeingefährliche Art, die Tür zu schließen. Kann es sein, daß er betrunken ist?

silvio

Ach was! Luigi ist ein krankhafter Zweifler. Er fürchtet immer, die Tür nicht richtig zugemacht zu haben, und um dem vorzubeugen, wirft er sie mit aller Kraft ins Schloß. Aber lassen wir diese Lappalie. Was hast du erreicht, Alfonso?

alfonso

Laß mich erst zu Atem kommen. Setzt sich. Dann zu Emilia Und du? Was hast du erreicht? Hast du das schriftliche Geständnis?

emilia

Er weigert sich.

silvio

Und Fanny?

alfonso

Sie will nicht kommen. Soll einer euch beide noch verstehen! Du versteifst dich tagelang auf eine dumme, schändliche Lüge, und sie, jetzt wo sie endlich die Wahrheit weiß … Holt Luft Auf dem Weg nach Hause war ich meiner Sache noch völlig sicher. Ich bin gleich zu ihr gegangen und habe gesagt: Jetzt geh zu deinem Mann, er hat mir alles gestanden und möchte dich sofort sprechen. Er will sein Geständnis vor dir wiederholen und dich um Verzeihung bitten … Du lieber Himmel! Sie ist aufgesprungen wie eine Furie und hat ihren Hut geholt. Ich habe sofort verstanden, daß sie nicht herkommen wollte, um dir zu verzeihen, sondern um dir die Augen auszukratzen. Sie schrie und schimpfte und gab das verrückteste, ungereimteste Zeug von sich. Den Hut hat sie sich dabei wieder vom Kopf gerissen, als ob er sie drückte. Dann hat sie mir halb lachend, halb heulend die schlimmsten Vorwürfe gemacht, weil ich mir nicht dein ganzes Geständnis angehört habe. Erst habe ich gedacht, was sie so aufbringe, sei die Ungeduld, endlich die Wahrheit zu erfahren.. Aber dann hat sie sich mir schluchzend an den Hals geworfen und geschrien: Siehst du nun, daß ich recht hatte. Ich habe es schon immer gewußt! Darauf sagte ich, ich hätte es doch auch schon immer gewußt. Und sie: Ach, endlich bequemst du dich dazu, mir recht zu geben. Die einzige, die jetzt noch zu diesem schändlichen Mörder hält, ist deine Tochter, dieses Unschuldslamm. Damit war klar, daß sie dem unschuldigen Kind alles erzählt hatte, und nun wurde auch ich wütend und warf ihr vor, sie habe den Aufenthalt in meinem Haus mißbraucht, um auf meine Tochter den fragwürdigsten Einfluß auszuüben. Tränen, Ohnmachtsanfälle, Schreikrämpfe! Als hätte sie dich soeben zum zweiten Mal ertappt. Als wir endlich wieder vernünftig miteinander reden konnten, habe ich sie daran erinnert, daß sie mich selbst zu dir geschickt hatte mit dem Versprechen, dir zu verzeihen, falls du gestehst. Erneute Heulkrämpfe: Es tue ihr leid, aber sie könne nicht. Sie habe sich getäuscht, als sie glaubte, verzeihen zu können. Sie wolle dich nie wiedersehen. Kannst du das glauben? Ich nicht. Im Gegenteil, ich bin überzeugt, daß die Sache sehr rasch beigelegt werden könnte, wenn du jetzt tust, was ich dir sage. Wenn ich du wäre, würde ich zu ihr laufen, mich vor ihr auf die Knie werfen und ihr alles gestehen, aber wirklich alles! Weißt du, woran es deinem Geständnis fehlen könnte? An Spontaneität. Du willst gestehen, was ohnehin alle wissen. Um Fanny zu beschwichtigen, um ihr die Aufrichtigkeit deiner Reue zu beweisen, braucht es vielleicht mehr. Du solltest dein Geständnis erweitern und noch einen anderen Fehltritt beichten, du hast ja bestimmt mehrere auf dem Gewissen. Am besten, finde ich, würdest du dein Gewissen in vollem Umfang entlasten.

silvio

mit verhaltener Wut: Ich frage mich, was ich dir angetan habe, daß du mich unbedingt ruinieren willst. Ich glaube allmählich, das Vermögen deiner Schwester interessiert dich weit mehr, als du zugibst. Wer hat dir erlaubt zu sagen, ich hätte alles gestanden? Was, zum Teufel, habe ich überhaupt gestanden?

alfonso

verwirrt: Was du gestanden hast? Hast du nicht gesagt denkt angestrengt nach Sag ihr, sie soll kommen; ich werde ihr die volle Wahrheit sagen?

silvio

triumphierend: Ich werde! Heißt das soviel wie ich habe? Hast du Dummkopf nicht verstanden, daß ich sie nur dazu verleiten wollte, endlich hierherzukommen, damit ich sie von meiner Unschuld überzeugen kann?

alfonso

fassungslos: Ach, ihr seid alle beide verrückt! Ich will nichts mehr mit euch zu tun haben. Wendet sich entschlossen dem Ausgang zu.

silvio

ruft ihn energisch zurück: Warte! Warte bis wenigstens wir uns verstanden haben. Seit wann ist es erlaubt, einen Menschen so zu behandeln, wie du mich behandelst? Ihn moralisch zu erpressen, bloß um ihm zu schaden, ihn womöglich zu töten. Du trittst hier auf als Freund und redest so lange auf mich ein, bis meinem Mund ein Wort entschlüpft, das sich als Zugeständnis interpretieren läßt. Damit versuchst du dann, mich zu vernichten, indem du es ausgerechnet derjenigen zuträgst, die es in dieser Form nicht hören darf. Das ist undelikat, geradezu infam! Pathetisch Ich bin unschuldig! Das wollte ich meiner Frau, wenn sie gekommen wäre, noch einmal sagen, nun, wo ich die Beweise meiner Unschuld in Händen habe …

Alfonso lacht.

Entschuldige, aber es liegt mir nichts daran, dich zu überzeugen. Meine Beweise sind ausschließlich für meine Frau bestimmt. Von dir verlange ich nur, daß du dich korrekt benimmst. Sag es laut: Habe ich irgend etwas gestanden?

alfonso

Nein, aber du hast Ausdrücke gebraucht, die einem Geständnis gleichkommen.

silvio

Ich sehe ja ein, daß du einiges von dem, was ich sagte, im ersten Moment für ein Geständnis halten konntest. Aber nachdem du nun die Wahrheit kennst, gibst du hoffentlich zu, daß du dich getäuscht hast?

alfonso

lachend: Die Wahrheit!

silvio

Nimm bitte zur Kenntnis, ich spreche im Augenblick nur von einer Wahrheit: nämlich davon, daß ich – unschuldig oder nicht – niemals auch nur das geringste gestanden habe.

alfonso

nach kurzem Überlegen: Also gut! Ich habe mich getäuscht. Aber sagtest du nicht wörtlich, du wolltest deine Schuld, deine schwarze Schuld gestehen! War das nicht eigentlich ein Geständnis? Was findest du, Emilia?

Emilia zuckt die Achseln und will sich nicht weiter äußern.

silvio

Das war reine Ironie! Wie konntest du das nur wörtlich nehmen? Immerhin, du gibst wenigstens zu, daß du dich getäuscht hast. Das freut mich. Sicher willst du deinen Irrtum wiedergutmachen. Ich schlage vor, du gehst jetzt zu meiner Frau und erzählst ihr ausführlich, was wir jetzt und vorher gesprochen haben. Das bist du mir schuldig. Du mußt dich zu deinem Irrtum bekennen. Und richte ihr bitte aus, daß ich die Beweise meiner Unschuld jetzt in Händen habe.

alfonso

Wie du willst … aber ich verstehe dich nicht. Wie kann man nur so dickköpfig sein? Was erreichst du mit dieser Komödie?

silvio

Das ist nicht dein Problem! Tu du nur deine Pflicht. Vergiß nicht, daß ich dich allmählich für einen Intriganten halten muß, der in seinem Interesse zwischen mir und meiner Frau Unfrieden stiftet. Das kannst du Fanny ruhig auch erzählen.

alfonso

Du beleidigst mich!

silvio

Wie sollte ich mir dein Verhalten sonst erklären? Vielleicht hast du recht, wenn du sagst, an allem sei nur Fanny schuld. Du hast dich eben von ihr beeinflussen lassen. Wenn ich jetzt an deine angebliche Wahrheitsliebe denke, erscheinst du mir wirklich in einem merkwürdigen Licht. Ich will aber mein Urteil über dich hinausschieben, bis ich mit Fanny gesprochen habe. Vielleicht verstehe ich dich dann besser. Ich kann mir natürlich vorstellen, warum du verhindern möchtest, daß ich und meine Frau uns wiedersehen …

alfonso

Ich? Ich? Ach, hätte ich mich bloß nicht in euren Streit eingemischt! Das habe ich nun davon. Aber ich will dir schon zeigen, daß ich es gut meinte. Ich gehe jetzt, und wenn meine Schwester sich weigert, sofort hierherzukommen, muß sie mein Haus verlassen und darf nie wieder den Fuß über meine Schwelle setzen. Du wirst schon sehen, wie sehr mir an ihrem Geld gelegen ist. Ab.

Sechste Szene

Emilia und Silvio.

emilia

lachend: Der Ärmste! Du hast ihn völlig verunsichert.

silvio

Daß ein Mensch so leichtsinnig sein kann, es ist nicht zu fassen! Geht hin und sagt, ich hätte alles gestanden.

emilia

Du Komödiant! Aber ich verstehe noch nicht ganz, worauf du hinauswillst.

silvio

Ich habe die Nase voll von eurer Wahrheit. Du bist mein Zeuge: ich habe es in aller Unschuld damit versucht und mit welchem Resultat? Von jetzt ab soll die absolute Lüge das Wort führen.

emilia

Ich bin gespannt, dich am Werk zu sehen.

silvio

Oh, mein Plan ist perfekt, alles ist wohl durchdacht. Wer Widersprüche aufdecken will, muß schlauer sein als Fanny. Nur gut, daß ich in dem kurzen Wahrheitstaumel, in den ihr mich versetzt habt, mein kostbares Beweismaterial nicht vernichtet habe. Hier: Ein zerdrückter Hut und eine Zeitung. Ein Extrablatt, wie du noch sehen wirst. Um es zu beschaffen, mußte ich allerhöchste Protektion in Anspruch nehmen. Was den Hut betrifft, kann ich nur sagen, es ist keineswegs leicht, einen Hut nach allen Regeln der Kunst zu zerquetschen. Irgendein Dummkopf hätte sich einfach draufgesetzt. Ich hingegen neige in solchen Dingen zur Perfektion. Ich habe ihn auf dem Kopf meines Dieners mit einem kräftigen Faustschlag zerquetscht. Das Verfahren hat mich zwei Lire gekostet, aber gesetzt den Fall, meine Frau holt sich Rat bei einem Fachmann für zerdrückte Hüte, wird er ihr bestätigen: dieser Hut wurde auf dem Kopf eines echten Mannes … der in dem Moment ein Esel war … mit einem echten Faustschlag zerquetscht.

emilia

Erlaubst du, daß ich bei deiner Unterredung mit Fanny dabei bin?

silvio

nachdenklich: Hör zu, Emilia, es ist sogar notwendig, daß du dabei bist.

emilia

Wieso?

silvio

Ich brauche deine Hilfe.

emilia

protestierend: Nein. Niemals.

silvio

Überleg doch, Emilia. Du mußt zugeben – ich habe es dir schon gesagt –, du bist auch ein wenig schuld an meiner Lage. Du mußt mir helfen.

emilia

entschlossen: Ich gehe.

silvio

Bitte! Ich flehe dich an, ich verspreche dir, du brauchst nur die Wahrheit zu sagen, oder fast. Alle Lügen sage ich. Nur etwas solltest unbedingt du sagen, falls wir uns da einigen können. Weißt du noch, als ich dir den Hof machte, erzählte ich dir, ich litte an einer schweren Krankheit, die mich sehr bald ins Grab bringen werde?

emilia

Ich habe dir nicht geglaubt. Ich wußte gleich, du sagst es nur, um mich milde zu stimmen.

silvio

Aber du erinnerst dich, daß ich es sagte.

emilia

Ja! Du sprachst von einer Herzkrankheit.

silvio

Nein, von einer Nervenkrankheit!

emilia

Von einer Herzkrankheit, ich erinnere mich genau.

silvio

Gut! Dann vergiß bitte, daß ich von einer Herzkrankheit gesprochen habe, und versichere Fanny, daß ich an einer Nervenkrankheit leide.

emilia

entschlossen: Nein!

silvio

Du mußt gar nichts sagen. Ich rede, und du brauchst bloß zu nicken.

emilia

Ich will nicht einmal mit stummen Gesten lügen.

silvio

Merkwürdig, daß du mit deinem Mann nur dann einer Meinung bist, wenn es sich um andere handelt, nicht um dich.

emilia

Was soll das heißen?

silvio

Dein Mann weiß nicht, daß ich dir den Hof gemacht habe. Ich finde, es wäre deine Pflicht gewesen, ihn zu warnen.

emilia

Du bist ja gemein; heißt das, du willst es ihm sagen?

silvio

Du tust mir unrecht. Überleg doch: ich muß Fanny unbedingt auf irgendeine Weise dazu bringen, daß sie zu mir zurückkehrt. Ich habe zwei Möglichkeiten. Entweder ich streite alles ab, und damit werde ich ganz bestimmt Erfolg haben, wenn du mir hilfst. Sollte das nicht klappen, werde ich letztlich doch den Rat deines Mannes ernst nehmen müssen. Du weißt, er sagt, ich soll außer meinem letzten Seitensprung, den meine Frau schon kennt, noch andere, frühere Fehltritte gestehen. Nur so werde ich Fanny von meiner aufrichtigen Reue überzeugen können. Wenn ich mich dazu entschließe, muß ich absolut ehrlich sein. Ich kann nicht für Treuebrüche grade stehen, die ich gar nicht begangen habe. Abgesehen von dem letzten, für den ich so bitter bezahle, kann ich mich aber nur noch an einen erinnern: ich habe dich leidenschaftlich geliebt … ich liebe dich noch.

Emilia zeigt Unwillen.

Wirklich, sonst habe ich nichts zu gestehen. Versucht, sich zu erinnern. Nichts. Du kannst nicht von mir verlangen, daß ich ein aufrichtiges Geständnis erdichte. Wie sähe das aus, wenn ich die Wahrheit mit Lügen bekräftigte? Ich werde Fanny natürlich beteuern, daß du nichts von mir wissen wolltest, obwohl ich dir einmal sogar vorgeschlagen habe, mit mir zu fliehen.

emilia

Das war nicht dein Ernst. Du würdest niemals auf Fannys Vermögen verzichten.

silvio

Fanny wird natürlich empört sein, daß du mir hinterher nicht dein Haus verboten hast, aber ich kann ihr ja sagen, du hättest eben gewußt, daß ich dir nicht gefährlich werden könnte. Und damit würde ich nicht einmal lügen! Schließlich habe ich alles versucht. Ohne Erfolg! Ich habe meine Hoffnung begraben und Gleichgültigkeit vortäuschen müssen, so sehr es mich auch schmerzte. Erst danach habe ich angefangen, mich nach einem kleinen Trost umzusehen. Die Frau, mit der Fanny mich ertappt hat, sieht dir sehr ähnlich. Das ist Fanny vielleicht aufgefallen. Ich werde sie darauf aufmerksam machen, vielleicht ist sie bereit, es als mildernden Umstand anzuerkennen.

emilia

Und meine Komplicenschaft würde sich darauf beschränken, wie eine chinesische Puppe immerfort zu nicken?

silvio

Ein kleines zustimmendes Kopfnicken jedesmal, wenn ich mich auf dich berufe. Und natürlich mußt du mir versprechen, ernst zu bleiben.

emilia

Mir ist das Lachen jetzt schon vergangen.

silvio

Es könnte sich wieder einstellen, ich warne dich. Du nimmst also an? Streckt ihr die Hand entgegen. Emilia zögert, sie zu ergreifen. Entschließ dich, bitte, ich muß nämlich von Anfang an wissen, ob ich mich reuig und geständig oder beleidigt und widerborstig zeigen soll.

Die Hausglocke klingelt und sofort hört man die Tür krachend zuschlagen. Silvio wendet sich irritiert der Tür zu und schreit

Jetzt aber Schluß damit! Luigi! Meine Frau kann noch gar nicht hier sein.

Siebte Szene