Übersetzt und herausgegeben
von Florian F. Marzin
Anaconda
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Die Übersetzung des Gedichts »Her zu mir, Freunde« ist übernommen aus: H. P. Lovecraft, In der Gruft und andere makabre Erzählungen. Aus dem Amerikanischen von Michael Walter.
© der deutschen Übersetzung Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1982.
Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag, Berlin.
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter www.dnb.de abrufbar.
© 2016 Anaconda Verlag,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München.
Umschlagmotiv: shutterstock / Merfin
Umschlaggestaltung: www.katjaholst.de
ISBN 978-3-7306-9138-0
V002
www.anacondaverlag.de
Als Howard Phillips Lovecraft am 15. März 1937 starb, kannten nur wenige sein Werk. Die meisten von Lovecrafts Erzählungen erschienen als Heftpublikationen in den oft genannten Pulp-Magazinen wie z. B. Weird Tales. Einzig seine Geschichte Schatten über Innsmouth ist zu seinen Lebzeiten (1936) als Buch veröffentlicht worden. Beachtet wurden die Werke von Lovecraft erst, als seine Erzählungen, in Sammelbänden zusammengefasst, zu Beginn der vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts auf das nimmermüde Betreiben von Arthur Derleth und Donald Wandrei hin vom eigens dafür gegründeten Verlag Arkham House herausgegeben wurden. Dabei ist besonders Derleths Rolle nicht unumstritten, denn er hat sich aus Lovecrafts Nachlass bedient, um nach dessen Ideen eigene Erzählungen in Lovecrafts Manier zu schreiben. Besonders in dem Band Auf Cthulhus Spur spinnt er ein wesentliches Element aus Lovecrafts Schaffen weiter.
Über das schriftstellerische Werk, seine Verbreitung, die Reaktionen, die von höchstem Lob bis zu grimmiger Ablehnung reichen, und seine immense Renaissance – besonders in Deutschland – ein Wort zu verlieren, hieße »Verfall nach Arkham tragen«.
H. P. Lovecraft, geboren am 20. August 1890 in Providence, Rhode Island, erhielt, bedingt durch seine angeschlagene Gesundheit, nie eine ordentliche Schulbildung. Als Erwachsener führte er ein zurückgezogenes Leben, begab sich selten in die Öffentlichkeit, hielt seine literarischen Ergüsse stets für zu schlecht, um veröffentlicht zu werden, pflegte aber umfangreiche Briefkontakte und war als Ghostwriter und Lektor/Bearbeiter für andere Autoren tätig. Zum Beispiel hat er die Erzählung Gefangen bei den Pharaonen für Harry Houdini geschrieben.
Lovecrafts eigenes schriftstellerisches Werk ist in sich stark zerrissen und beschränkt sich bei Weitem nicht auf das, was man oberflächlich damit verbindet. Es gibt darin philosophische Traktate, Beschreibungen eines antik-griechisch anmutenden Arkadien und Traumstücke. Sein verwirrendstes und längstes Werk allerdings ist Die Traumsuche nach dem unbekannten Kadath, in dem Randolph Carter, das Alter Ego des Autors, durch eine mystische Welt des Traums irrt, ohne jemals sein Ziel zu erreichen. Diese Welt hat Lovecraft dann in einigen weiteren, kürzeren Erzählungen (Die Katzen von Ulthar, Der silberne Schlüssel) wieder aufleben lassen.
Am Anfang seiner schriftstellerischen Tätigkeit schrieb Lovecraft klassische Horrorgeschichten, die sehr stark an denen des von ihm verehrten Edgar Allan Poe orientiert waren. Er griff dabei auf das typische Setting zurück: Friedhöfe, unheimliche Orte, verwunschene Häuser und beängstigende Visionen, die den Helden quälen. 1923 wurden seine ersten beiden Stories, Das Grab und Dagon, in Weird Tales, einem Magazin für Fantasy und Horror, veröffentlicht.
Als zwei der besten Erzählungen dieser Phase können Die Ratten im Gemäuer und Pickmans Modell gelten. In der Zusammenarbeit mit Kenneth Sterling entstand die einzige Science-Fiction-Erzählung In den Mauern von Eryx, die in einer nie wieder erreichten Dichte das Grauen und das Ausgeliefertsein des Helden zwischen Hoffen und Verzweiflung nahezu physisch greifbar werden lässt.
Lovecrafts eigentlicher Ruhm und seine Bedeutung für die Horror-Literatur aber begründet sich auf die Erzählungen, die dem Cthulhu-Zyklus, auch Arkham- oder Yog-Sothoth-Zyklus genannt, zugehören. In diesen Erzählungen formuliert er den Cosmic-Horror, der seinen Ursprung weit jenseits des bekannten Universums hat und in Gestalt der Großen Alten vor undenkbar langer Zeit die Erde heimgesucht hat und nun, in der Gegenwart des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, durch das Einwirken menschlicher Adepten wiedererweckt wird.
Die erste Erzählung des Zyklus ist Cthulhus Ruf, entstanden 1926. Im Mittelpunkt steht die fiktive Stadt Arkham, in der unschwer Lovecrafts Heimatstadt Providence wiederzuerkennen ist. Aber die Handlung führt auch in abgelegene Bereiche der Erde, so spielt Cthulhus Ruf zum großen Teil in der Südsee oder Berge des Wahnsinns (1931) in der Antarktis.
Lovecraft verlegt dabei den Ursprung des Schreckens in die Weiten des Weltalls oder in Äonen vor der Menschwerdung, wobei aber nie richtig klar wird, warum diese »unbeschreiblichen Wesen« eigentlich hier sind. Die naheliegendste Vermutung ist: aus purem Zerstörungswillen.
Weitere wichtige Elemente sind das »Necronomicon des wahnsinnigen Arabers Abdul Alhazred«, ein Buch, in dem die Beschwörungsformeln für die Großen Alten verzeichnet sind und das jeden normalen Menschen in den Wahnsinn treiben soll. Ein weiteres fiktives Buch, das sich durch Lovecrafts Werk zieht, ist »Unaussprechliche Kulte« von einem ebenso fiktiven Autor »Juntz«.
Bücher mit geheimnisvollem Inhalt, die zudem noch unter einem Bann liegen, sind ein ständig wiederkehrender Topos in Lovecrafts Schaffen, ebenso wie einsam zurückgezogen lebende Gelehrte, die sich ein Wissen angeeignet haben, von dem die Menschheit nie erfahren darf. Unschwer ist in diesen Charakteren eine Selbststilisierung des Autors zu erkennen.
Lovecraft ist es mit dem Cthulhu-Zyklus, so inkohärent er auch erscheinen mag, gelungen, eine neue Dimension in die bis dahin stark kodifizierte Schauer- oder Horrorliteratur einzuführen. Vergessen waren auf einmal die Bettlaken-Gespenster, lebenden Toten und klappernden Gerippe, die in den gängigen Erzählungen fröhliche Urständ feierten.
Hier hatte ein Autor die Bühne betreten, der – ähnlich wie 80 Jahre zuvor Edgar Allan Poe – dem Schrecken ein neues Gesicht gab – und dieses noch hinter dem häufig benutzten Unsagbarkeitstopos versteckte. Seine einsamen Helden führen einen Kampf, den sie von der ersten Minute an verloren haben. Hier gilt nicht das strebende Bemühen, das zur Erlösung führt, sondern bestenfalls gelingt ein Aufschub der endgültigen Vernichtung. Lovecrafts Protagonisten sind nicht Mächten unterworfen, denen mit irdischen Mitteln beizukommen wäre. Nein, das Ende ist klar und kann nur im Untergang der gesamten Menschheit bestehen.
Lovecraft hat in seinen Horror-Erzählungen das wohlige Gruseln in das allumfassende Grauen verwandelt. Er hat damit den Boden bereitet, auf dem Autoren wie Stephen King, Dean R. Koontz, Clive Barker, Clark Ashton Smith und viele andere seitdem die Horrorliteratur kultiviert haben.
Florian F. Marzin
Obwohl ich mit größter Sorgfalt die Stadtpläne studiert habe, gelang es mir nicht, die Rue d’Auseil wiederzufinden. Es waren nicht nur moderne Stadtpläne, denn mir ist bewusst, dass sich Straßennamen ändern. Ganz im Gegenteil, ich habe mich tief in sämtliche Antiquariate vergraben und persönlich jeden Bezirk dieser Stadt nach jedem Namen durchforscht, der auch nur irgendwie an die Straße erinnerte, die ich als Rue d’Auseil kannte. Doch trotz all meiner Bemühungen bleibt es eine verstörende Tatsache, dass ich weder das Haus noch die Straße noch nicht einmal das Viertel finden konnte, wo ich während der letzten Monate meines ärmlichen Lebens als Student der Metaphysik an der Universität die Musik des Erich Zann gehört habe.
Mich wundert nicht, dass meine Erinnerung Lücken aufweist, denn meine geistige und körperliche Gesundheit wurde während der Zeit, als ich in der Rue d’Auseil wohnte, stark beeinträchtigt, aber ich erinnere mich, dass ich keinen meiner wenigen Bekannten mit dorthin nahm. Doch dass ich den Ort nicht mehr finden kann, ist zugleich einzigartig und verstörend, denn es war nur eine halbe Stunde Fußweg zur Universität und er wurde gesäumt von auffälligen Besonderheiten, die jemand, der dort war, wohl kaum vergisst. Ich habe nie jemanden getroffen, der in der Rue d’Auseil war.
Die Rue d’Auseil lag jenseits eines dunklen Flusses, an dessen Ufer steil aufragende Lagerhäuser aus Ziegeln mit blinden Fensterscheiben standen und über den sich eine massige, dunkle Steinbrücke wölbte. Am Fluss war es immer schattig, so als ob der Rauch der anliegenden Fabriken die Sonne permanent ausschließen würde. Der Fluss selbst verbreitete üble Gerüche, die ich nirgendwo sonst gerochen habe und die mir vielleicht eines Tages den Weg weisen werden, denn diesen Geruch werde ich sofort wiedererkennen. Auf der anderen Seite der Brücke gab es schmale Kopfsteinpflasterstraßen mit Geländern und danach der Anstieg, erst nur wenig, doch dann, wenn man die Rue d’Auseil erreichte, ziemlich steil.
Nie habe ich eine Straße gesehen, die so steil und schmal war wie die Rue d’Auseil. Sie war fast wie eine Klippe und für alle Fahrzeuge gesperrt, hatte eine Reihe von Treppenfluchten und endete oben an einer efeubewachsenen Mauer. Das Pflaster war unregelmäßig und bestand teilweise aus Steinplatten, teilweise aus Pflastersteinen und manchmal auch dem blanken Boden mit einem grünlichen Bewuchs. Die Häuser waren hoch und hatten spitze Dächer, waren unglaublich alt und neigten sich wild nach vorne, hinten oder zur Seite. Manchmal berührten sich zwei vorwärts geneigte gegenüberstehende Häuser fast über der Straße wie zu einem Bogengang, und ganz gewiss hielten sie den größten Teil des Lichts vom Boden ab. Es gab einige Brücken über der Straße, die zwei Häuser verbanden.
Die Bewohner dieser Straße beeindruckten mich auf eigentümliche Weise. Zuerst dachte ich, es läge daran, dass sie alle verschwiegen und zurückhaltend waren, doch später dann merkte ich, dass es an ihrem hohen Alter lag. Ich weiß nicht, wie es dazu kam, dass ich mir in einer solchen Straße eine Wohnung nahm, doch ich war nicht ganz ich selbst, als ich dorthin zog. Ich hatte an vielen ärmlichen Orten gelebt, immer knapp bei Kasse, bis ich schließlich in dieses verfallene Haus in der Rue d’Auseil kam, das von dem gelähmten Blandot geführt wurde. Es war das dritte von oben und bei weitem das höchste von allen.
Mein Zimmer befand sich im vierten Stock, das einzig bewohnte auf dieser Etage, denn das Haus stand fast leer. Am Abend, als ich einzog, hörte ich aus der Mansarde über mir seltsame Musik und am nächsten Tag fragte ich Blandot danach. Er sagte, dass es ein alter deutscher Geigenspieler sei, ein merkwürdiger stummer Mann, der sich als Erich Zann eingeschrieben hätte und abends in einem billigen Theaterorchester spielte, und er fügte hinzu, dass es Zanns Verlangen, abends, nach seiner Rückkehr von dem Orchester, noch zu spielen, gewesen sein, warum er die hohe Mansarde mit dem einzigen Fenster in der Giebelwand genommen hätte, von dem aus er über die Grenzmauer auf das ansprechende Panorama dahinter blicken konnte.
Danach hörte ich Zann jede Nacht spielen und obwohl mich sein Spiel nicht schlafen ließ, war ich von seiner absonderlichen Musik gefangen. Ich hatte nicht viel Ahnung von Kunst, doch ich war mir sicher, dass keine seiner Melodien irgendeinen Bezug zu einer Musik hatte, die ich schon einmal gehört hatte, und schloss daraus, dass er ein Komponist von großer Originalität sein musste. Je länger ich zuhörte, desto mehr faszinierte sie mich, bis ich nach einer Woche beschloss, die Bekanntschaft des alten Mannes zu suchen.
Eines Abends, als er von seiner Arbeit kam, trat ich ihm im Korridor entgegen und erklärte, dass ich ihn kennenlernen und bei ihm sein wollte, wenn er spielte. Er war eine kleine, schmale, gebeugte Person mit schäbiger Kleidung, blauen Augen, einem merkwürdig satyrgleichen Gesicht und einem fast kahlen Kopf, und nach meinen ersten Worten schien er zugleich verschreckt und wütend. Meine offene Freundlichkeit erweichte ihn schließlich, und grummelnd wies er mich an, ihm die quietschenden und wackligen Stufen hinauf in die Dunkelheit zu folgen. Seine Mansarde war eine der beiden einzigen unter dem steilen Dach und lag nach Westen, in Richtung der hohen Mauer, die das Ende der Straße bildete. Die Mansarde war sehr geräumig und erschien durch die karge Ausstattung noch größer. Die einzigen Möbel waren ein schmales eisernes Bett, ein Waschgestell, ein kleiner Tisch, ein großes Bücherregal, ein eiserner Notenständer und drei altertümliche Stühle. Auf dem Boden verstreut lagen Notenblätter herum. Die Wände waren blankes Holz und wahrscheinlich nie verputzt gewesen, während das Übermaß an Staub und Spinnweben den Ort eher verlassen denn bewohnt wirken ließ. Offensichtlich lag Erich Zanns erstrebenswerte Welt der Schönheit in einem weit entfernten Kosmos der Fantasie.
Nachdem er mich genötigt hatte, Platz zu nehmen, schloss der stumme Mann die Tür, legte den hölzernen Riegel vor und entzündete eine Kerze, um seinen Gast in Augenschein zu nehmen. Nun holte er seine Fiedel aus der von Motten zerfressenen Hülle und setzte sich auf den am wenigsten unbequemen Stuhl. Er benötigte den Notenständer nicht, fragte mich auch nicht, was ich hören wolle, sondern spielte aus dem Gedächtnis und verzauberte mich über eine Stunde lang mit Melodien, die ich nie zuvor gehört hatte, Melodien, die er selbst ersonnen haben musste. Sie zu beschreiben ist für jemanden, der keine Ahnung von Musik hat, unmöglich. Sie waren eine Art Fuge mit Wiederholungen absolut unglaublicher Kunstfertigkeit, doch mir fiel auf, dass keine der absonderlichen Töne darunter waren, die ich bei anderer Gelegenheit in meinem Zimmer vernommen hatte.
Jene Töne, die mich gefangen und die ich häufig mehr schlecht als recht vor mich hin gesummt oder gepfiffen hatte. Als der Geigenspieler schließlich den Bogen weglegte, fragte ich ihn, ob er ein paar davon spielen könnte. Kaum hatte ich meine Bitte ausgesprochen, verschwand aus dem faltigen, satyrgleichen Gesicht die gelangweilte Gleichgültigkeit, die er während seines Spiels gezeigt hatte, und es erschien der gleiche seltsame Ausdruck von Schrecken und Wut, den ich schon festgestellt hatte, als ich den alten Mann ansprach. Einen Moment lag versuchte ich ihn zu überreden, denn ich konnte sehr leicht die Schrullen des Alters erkennen, und versuchte sogar die Laune meines Gastgebers zu beeinflussen, indem ich einige der Melodien pfiff, die ich in der Nacht zuvor gehört hatte. Doch diese Absicht verfolgte ich nur einen Augenblick, denn als der stumme Musiker das Pfeifen vernahm, verzog sich plötzlich sein Gesicht auf unbeschreiblich abscheuliche Weise und er streckte seine knochige rechte Hand aus, um meinen Mund zum Schweigen zu bringen und so die grässliche Nachahmung zu unterbinden. Während er dies tat, stellte er seine Exzentrik noch dadurch unter Beweis, dass er einen erschrockenen Blick zu dem einsamen Fenster warf, als ob er Angst vor einem Eindringling hätte, ein Blick, der doppelt unsinnig war, befand sich die Mansarde doch hoch und unerreichbar über sämtlichen benachbarten Dächern und war das Fenster der einzige Punkt, wie mir der Hausverwalter gesagt hatte, von dem man aus über die Mauer auf der Hügelkuppe blicken konnte.
Der Blick des alten Mannes brachte mir wieder Blandots Bemerkung in Erinnerung, und mit einer Anwandlung von Eskapismus fühlte ich den Wunsch, einen Blick über das weite, Schwindel erregende Panorama von im Mondlicht daliegenden Dächern und den Lichtern der Stadt hinter dem Hügelkamm werfen zu wollen, das sich von allen Bewohnern der Rue d’Auseil nur diesem griesgrämigen Musiker darbot. Ich bewegte mich auf das Fenster zu und hätte die unbeschreiblichen Vorhänge zur Seite gezogen, wenn der stumme Mieter nicht mit einer ängstlichen Wut, die noch größer war als zuvor, über mich hergefallen wäre. Diesmal deutete er mit seinem Kopf zur Tür und zog mich unruhig mit beiden Händen dorthin. Nun war ich ernsthaft über meinen Gastgeber verärgert, wies ihn an, mich loszulassen, und sagte ihm, dass ich sofort gehen würde. Sein Griff lockerte sich, und als er meine Verärgerung und Erregung bemerkte, milderte sich sein eigener Zorn. Sein Griff wurde wieder fester, doch diesmal als freundliche Geste, und er nötigte mich auf einen Stuhl, dann begab er sich nachdenklich zu dem überhäuften Tisch, wo er viele Worte mit einem Bleistift im schwerfälligen Französisch eines Ausländers niederschrieb.
Was er mir schließlich zu lesen gab, war eine Bitte um Toleranz und Vergebung. Zann schrieb, dass er alt, einsam und von seltsamen Ängsten geplagt war und unter nervösen Anfällen litt, die mit seiner Musik und anderen Dingen zusammenhingen. Ihm hätte gefallen, dass ich seiner Musik zugehört hatte, und er wollte, dass ich wiederkäme und mich nicht an seinem außergewöhnlichen Verhalten störte. Er könne aber seine absonderlichen Melodien niemandem vorspielen und ertrage es auch nicht, sie von anderen zu hören, und könne auch nicht ertragen, wenn irgendein anderer etwas in seinem Zimmer anfasste. Er hatte bis zu unserer Unterhaltung im Korridor nicht gewusst, dass ich sein Spiel in meinem Zimmer hören konnte, und bat mich, Blandot um einen tiefer gelegenen Raum zu bitten, wo ich ihn nachts nicht hören konnte. Er würde, so schrieb er, die Mehrkosten in der Miete übernehmen.
Während ich das scheußliche Französisch entzifferte, wurde ich nachsichtiger gegenüber dem alten Mann. Wie ich war er ein Opfer von körperlichem und geistigem Leiden und meine metaphysischen Studien hatten mich Milde gelehrt. In der Stille ertönte ein leises Geräusch vom Fenster her, der Fensterladen musste wohl im Nachtwind geklappert haben, und aus irgendwelchen Gründen fuhr ich genauso erschrocken auf wie Erich Zann. Als ich mit dem Lesen fertig war, schüttelte ich meinem Gastgeber die Hand und verließ ihn als Freund.
Am nächsten Tag erhielt ich von Blandot ein teureres Zimmer im zweiten Stock, zwischen der Wohnung eines alten Geldverleihers und dem Zimmer eines ehrenhaften Sattlers. Im dritten Stock wohnte niemand.
Es dauerte nicht lang, dann bemerkte ich, dass Zanns Sehnsucht nach meiner Gesellschaft nicht so groß war, wie es schien, als er mich aus dem vierten Stock heraushaben wollte. Er forderte mich nicht auf, ihn zu besuchen, und wenn ich von selbst kam, dann schien er nervös und spielte lustlos. Das geschah immer bei Nacht, denn am Tage schlief er und empfing niemanden. Meine Gefühle für ihn wurden nicht größer, dennoch hielten mich der Mansardenraum und die absonderliche Musik in ihrem Bann. Ich hatte den eigentümlichen Wunsch, aus dem Fenster zu sehen über die Mauer und den unbekannten Abhang, wo die glitzernden Dächer und Türme sich ausbreiten mussten. Einmal ging ich während der Theatervorstellung, als Zann weg war, nach oben zur Mansarde, aber die Tür war verschlossen.
Doch ich schaffte es, das nächtliche Spiel des stummen alten Mannes zu belauschen. Zuerst schlich ich auf Zehenspitzen in mein altes Zimmer im vierten Stock, dann wurde ich kühn und erklomm die knarrende Treppe in den spitzen Giebel. Dort, in dem engen Vorraum, vor der verriegelten Tür mit dem zugehängten Schlüsselloch, hörte ich oft Töne, die mich mit nicht zu beschreibender Ehrfurcht erfüllten, eine Ehrfurcht vor unbestimmten Wundern und brütenden Geheimnissen. Es war nicht so, dass die Töne schrecklich gewesen wären, das waren sie nicht, doch sie trugen Schwingungen, die an nichts auf dieser Erde erinnerten, und in bestimmten Passagen erreichten sie eine symphonische Qualität, die man nur sehr schwer einem einzigen Musiker zuschreiben konnte. Zweifellos war Erich Zann ein Genie mit überschäumender Kraft. Die Wochen vergingen, und sein Spiel wurde immer ungestümer, während der alte Musiker immer hagerer und eigenbrötlerischer wurde. Er weigerte sich jetzt, mich überhaupt noch zu empfangen, und übersah mich, wann immer wir uns auf der Treppe begegneten.
Als ich dann eines Nachts an der Tür lauschte, hörte ich die kreischende Geige sich in ein chaotisches Babel von Tönen steigern, ein Inferno, das mich an meiner geistigen Gesundheit hätte zweifeln lassen, wäre nicht hinter der verriegelten Tür der Mitleid erregende Beweis erfolgt, dass dieses Grauen real war, ein schrecklicher, unartikulierter Schrei, den nur ein Stummer zustande bringt und der nur in Augenblicken außergewöhnlicher Furcht oder Bedrohung ausgestoßen wird. Ich klopfte mehrmals an die Tür, erhielt aber keine Antwort. Danach verharrte ich vor Kälte und Angst zitternd in dem dunklen Vorraum, bis ich hörte, wie der arme Musiker versuchte, sich mit Hilfe eines Stuhles vom Boden zu erheben. Da ich annahm, er wäre nach einer Ohnmacht gerade wieder zu Bewusstsein gekommen, klopfte ich erneut und rief laut meinen Namen, um ihn zu beruhigen. Ich hörte, wie Zann zum Fenster stolperte und sowohl die Scheiben als auch die Fensterläden schloss, dann stolperte er zur Tür, entriegelte sie unbeholfen und ließ mich ein. Diesmal war er wirklich froh, mich zu sehen, denn sein verzerrtes Gesicht glänzte erleichtert, während er sich an meine Jacke klammerte wie ein kleines Kind an den Rockzipfel seiner Mutter.
Am ganzen Körper zitternd, nötigte mich der alte Mann auf einen Stuhl, während er auf einen zweiten sank, neben dem seine Geige und der Bogen achtlos auf dem Boden lagen. Eine Zeit lang saß er apathisch da, nickte merkwürdig, erweckte aber den Anschein, als ob er angestrengt und ängstlich auf etwas lauschte. Schließlich schien er zufrieden, ging hinüber zum Tisch und schrieb ein paar Zeilen, gab sie mir und ging wieder zu dem Tisch, wo er schnell und ausgiebig weiterschrieb. In den wenigen Zeilen bat er mich, im Namen des Mitleids und zur Befriedigung meiner eigenen Neugierde auf meinem Platz zu verharren, während er auf Deutsch einen vollständigen Bericht über die Wunder und Schrecken abfasste, die ihn verfolgten. Ich wartete, und der Stift des stummen Mannes flog über das Papier.
Etwa eine Stunde später wartete ich immer noch, während der Stapel der von dem Musiker fieberhaft beschriebenen Blätter beständig anwuchs, als ich bemerkte, wie Zann plötzlich erschrocken auffuhr. Er blickte eindeutig auf die Vorhänge am Fenster und lauschte zitternd. Dann hatte ich den unbestimmten Eindruck, Musik zu hören. Es waren keine schrecklichen Töne, sondern eher eine außergewöhnlich tiefe und unendlich weit entfernte Melodie, die daraufhin deutete, dass sich der Musiker in einem der Nachbarhäuser oder jenseits der hohen Mauer befand, über die zu blicken mir nie gelungen war. Die Wirkung auf Zann war grässlich, denn er ließ den Stift fallen, stand unvermittelt auf, nahm seine Geige und begann, die Nacht mit seinem wildesten Spiel zu durchdringen, das ich nur von meinem Lauschen vor der verschlossenen Tür kannte.
Es ist zwecklos, Erich Zanns Spiel in dieser schrecklichen Nacht beschreiben zu wollen. Es war grauenvoller als alles, was ich jemals gehört hatte, denn jetzt sah ich auch seinen Gesichtsausdruck und erkannte, dass sein Antrieb extreme Furcht war. Er versuchte, Geräusche zu produzieren, um etwas abzuschrecken oder hinauszuwerfen, doch was, konnte ich mir nicht vorstellen, aber es musste grässlich sein. Sein Spiel wurde fantastisch, wahnsinnig und hysterisch, behielt aber bis zuletzt die Qualität seines außergewöhnlichen Genies, das der alte Mann ganz sicher besaß. Ich erkannte die Melodie, es war ein wilder ungarischer Tanz von der Art, wie sie in den Theatern beliebt waren, und mir kam zu Bewusstsein, dass ich zum ersten Mal hörte, dass Zann die Musik eines anderen Komponisten spielte.
Das Kreischen und Wimmern der verzweifelten Geige wurde immer lauter und wilder. Der Musiker war schweißgebadet und verrenkte sich wie ein Affe, wobei er immer gehetzt zum Fenster blickte. In seinen aufgewühlten Melodien konnte ich fast die Satyre und Bacchanale sehen, wie sie durch die Abgründe von Wolken, Rauch und Blitzen tanzten. Dann glaubte ich einen schrilleren, lang anhaltenden Ton zu vernehmen, der nicht von der Geige stammte, einen leisen, außergewöhnlichen, verheißungsvollen und höhnischen Ton, der weit aus dem Westen kam.
In diesem Augenblick begann der Fensterladen im heulenden Nachtwind zu klappern, der sich, wie als Antwort auf das wahnsinnige Geigenspiel in der Mansarde, draußen erhoben hatte. Zanns kreischende Geige brachte nun wie von selbst Töne hervor, von denen ich nicht geglaubt hatte, eine Geige könnte sie produzieren. Die Läden klapperten noch lauter, rissen sich los und schlugen gegen das Fenster. Dann zersplitterten unter den dauernden Schlägen die Scheiben und der kalte Wind fuhr ins Zimmer, ließ die Kerzen flackern und die Blätter auf dem Tisch auffliegen, auf denen Zann begonnen hatte, sein schreckliches Geheimnis niederzuschreiben. Ich schaute auf Zann und bemerkte, dass er nicht mehr bei Sinnen war. Seine blauen Augen traten glasig und gebrochen hervor, und sein wildes Spiel war zu einer blindwütigen, mechanischen, unbewussten Orgie geworden, die unmöglich zu beschreiben ist.
Ein plötzlicher Windstoß, heftiger als alle zuvor, packte das Manuskript und trug es Richtung Fenster. Ich stürzte den Blättern hinterher, doch sie waren verschwunden, bevor ich das geborstene Fenster erreichte. Da erinnerte ich mich an meinen lang gehegten Wunsch, aus dem Fenster zu blicken, dem einzigen in der Rue d’Auseil, von dem aus man wahrscheinlich den Abhang hinter der Mauer und die sich dort ausbreitende Stadt sehen konnte. Es war sehr dunkel, doch die Lichter der Stadt leuchteten imme, und ich erwartete, sie dort im Regen und Wind zu sehen. Doch als ich aus dem höchsten aller Giebelfenster hinausblickte, während die Kerzen flackerten und die verrückte Geige mit dem Nachtwind heulte, sah ich unter mir keine Stadt, keine freundlichen Lichter von erahnbaren Straßen, sondern nur die Schwärze eines endlosen Raumes, ein unvorstellbarer Raum, erfüllt von Bewegung und Musik, der an nichts Irdisches erinnerte. Als ich da, von Grauen gepackt, hinabblickte, blies der Wind in der alten Mansarde beide Kerzen aus und ich war in grimmige und undurchdringliche Dunkelheit gehüllt, erfüllt vom Chaos und der Hölle vor mir und hinter mir der dämonische Wahnsinn dieser alptraumhaften Geige.
Ich schwankte zurück in die Dunkelheit, ohne auf den Gedanken zu kommen, ein Streichholz anzuzünden, stieß gegen den Tisch, warf einen Stuhl um und tastete mir den Weg zu dem Punkt, von dem aus in der Dunkelheit die schreckliche Musik erklang. Ich konnte zumindest versuchen, mich und Erich Zann vor den Kräften zu retten, die gegen uns standen. Einmal glaubte ich zu spüren, wie etwas Kaltes mich berührte, und ich schrie auf, doch mein Schrei wurde übertönt von der abscheulichen Geige. Plötzlich traf mich der verrückt sägende Geigenbogen, und ich wusste, dass ich mich in der Nähe des Musikers befand. Ich tastete mich vor, berührte die Lehne von Zanns Stuhl, fand dann seine Schulter und rüttelte sie in dem Versuch, ihn zur Vernunft zu bringen.
Er reagierte nicht, und die Geige kreischte ohne Unterlass. Ich griff nach seinem Kopf, und es gelang mir, sein mechanisches Nicken zu unterbinden. Ich schrie ihm ins Ohr, dass wir beide vor den unbekannten Dingen der Nacht fliehen müssten. Doch weder antwortete er mir noch hielt er in seinem wilden Spiel inne, während die gesamte Mansarde von seltsamen Windstößen erfüllt war, die darin zu tanzen schienen. Als meine Hand sein Ohr berührte, erschauderte ich, obwohl ich nicht wusste, warum, bis ich sein unbewegliches Gesicht fühlte, das eiskalte, steife Gesicht, dessen glasige Augen tief in die Höhlen gesunken waren. Dann fand ich auf wundersame Weise die Tür und den hölzernen Riegel und floh panisch vor dem Ding mit den glasigen Augen in die Dunkelheit, weg von dem ghoulischen Heulen der verfluchten Geige, das sich noch steigerte, während ich davonlief.
Ich stürzte, sprang und flog die endlosen Treppen in dem dunklen Haus hinunter, rannte, ohne zu denken, die schmale, steile und alte Straße mit den Stufen und verfallenen Häusern entlang, stürzte über Stufen und das Kopfsteinpflaster der tiefer gelegenen Straßen und das schluchtartige Ufer des stinkenden Flusses entlang, über die große, dunkle Brücke hinweg zu den breiteren, gesünderen Straßen und Boulevards, die wir alle kennen. All diese schrecklichen Eindrücke sind in mir eingebrannt. Ich erinnere mich, dass es windstill war, der Mond am Himmel stand und überall die Lichter der Stadt glitzerten.
Trotz meiner sorgfältigen Suche und Nachforschungen ist es mir nie gelungen, die Rue d’Auseil wiederzufinden. Aber ich bin nicht wirklich traurig darüber, nicht darüber und auch nicht über den Verlust der eng beschriebenen Seiten, die allein die Musik des Erich Zann hätten erklären können.
(Zusammen mit Kenneth Sterling)
Bevor ich versuche, mich etwas auszuruhen, werde ich einige Notizen für meinen Bericht niederschreiben. Was ich gefunden habe, ist so einzigartig und widerspricht all unseren vorherigen Erkenntnissen und Erwartungen, dass eine genaue Beschreibung notwendig ist.
Ich erreichte die Hauptlandezone auf der Venus am 18. März irdischer Zeit, was dem 9. vi. planetarischer Zeitrechnung entspricht. Ich wurde der Hauptgruppe unter Miller zugeteilt, erhielt meine Ausrüstung – die Uhren wurden der etwas schnelleren Planetenrotation angepasst – und absolvierte das übliche Atemmaskentraining. Nach zwei Tagen erklärte man mich für einsatzfähig.
Am 12. vi. gegen Tagesanbruch verließ ich den Handelsposten der Crystal Company in Terra Nova und folgte der südlichen Route, die Anderson aus der Luft kartografiert hatte. Ich kam nur langsam voran, da diese Dschungel nach einem Regen fast unpassierbar sind. Es muss die Feuchtigkeit sein, die den verschlungenen Ranken und Kriechpflanzen ihre lederne Zähigkeit verleiht, eine Zähigkeit, die so groß ist, dass man manchmal mit einem Buschmesser zehn Minuten braucht, um sie zu durchtrennen. Um die Mittagszeit wurde es trockener – die Pflanzen wurden weicher und biegsamer und das Messer ging ganz leicht hindurch –, doch selbst dann kam ich nicht besonders schnell voran. Diese Carter-Atmungsgeräte sind einfach zu schwer – das reine Gewicht macht einen durchschnittlichen Mann schon halb kaputt. Eine Dubois-Maske mit einem Schwammtank statt der Flaschen lieferte eine ebenso gute Luftversorgung bei nur der Hälfte des Gewichts.
Der Kristalldetektor schien einwandfrei zu funktionieren und deutete beständig in die mit Andersons Bericht übereinstimmende Richtung. Es ist erstaunlich, wie das Affinitätsprinzip arbeitet, und das ohne den Humbug der alten »Wünschelruten« auf der Erde. Innerhalb von tausend Meilen musste sich ein großes Kristallvorkommen befinden, obwohl wahrscheinlich diese verfluchten Echsenmänner es beständig beobachten und bewachen. Vielleicht halten sie uns für genauso verrückt, zur Venus zu kommen und dem Zeug hinterherzujagen, wie wir sie, wenn sie beim Anblick eines Kristalls sofort in den Schlamm springen oder wenn sie einen riesigen Brocken auf einem Podest in ihrem Tempel stehen haben. Ich wünschte, sie würden sich eine neue Religion zulegen, denn sie machen mit den Kristallen nichts anderes als sie anzubeten. Gäbe es diese Religion nicht, dann könnten wir uns so viele nehmen, wie wir wollten – und selbst wenn sie lernten, die Energie daraus zu verwenden, gäbe es genug für ihren Planeten und auch noch für die Erde. Ich meinerseits bin es leid, um die großen Lagerstätten einen Bogen zu machen und in den Flussläufen des Dschungels nach einzelnen Kristallen zu suchen. Manchmal wünschte ich mir, eine gute, schlagkräftige Armee von Zuhause würde diese schuppigen Bettler ausradieren. Ungefähr zwanzig Schiffe könnten ausreichend Truppen für diese Aufgabe herbringen. Man kann diese verdammten Biester doch nicht wegen ihrer »Städte« und ihren Türmen mit Menschen gleichsetzen. Sie haben keine Fähigkeiten, außer Gebäude zu errichten – und Schwerter und vergiftete Pfeile zu benutzen –, und ich glaube nicht, dass ihre so genannten »Städte« mehr sind als Ameisenhügel oder Biberdämme. Ich bezweifle, dass sie wirklich eine Sprache haben – all das Geschwätz über psychische Kommunikation mittels der Tentakel an ihrer Brust ist in meinen Augen nur Mist. Was die Leute täuscht, ist ihr aufrechter Gang, eine rein zufällige Übereinstimmung mit uns Menschen.
Ich möchte einmal durch einen Venusdschungel streifen, ohne nach ihren herumschleichenden Trupps Ausschau halten oder vor ihren verfluchten Pfeilen in Deckung gehen zu müssen. Vielleicht waren sie ja ganz in Ordnung, bevor wir begannen, uns die Kristalle zu nehmen, doch jetzt sind sie eindeutig eine Landplage – mit ihren Pfeilen und dem Zerstören unserer Wasserleitungen. Immer mehr komme ich zu der Überzeugung, dass sie über einen besonderen Sinn verfügen, so wie unsere Kristalldetektoren. Niemals haben sie einen Menschen behelligt – abgesehen von Pfeilschüssen aus weiter Entfernung –, wenn er keine Kristalle bei sich hatte.
Gegen ein Uhr mittags riss ein Pfeil mir fast den Helm ab, und einen Moment lang glaubte ich, eine meiner Sauerstoffflaschen hätte ein Leck abbekommen. Dieser hinterhältige Teufel hatte kein Geräusch gemacht, doch nun drangen drei von denen auf mich ein. Ich erwischte sie alle, indem ich meine Flammenwerferpistole im Kreise herumschwenkte, denn obwohl sie die gleiche Farbe wie der Dschungel haben, konnte ich sie an ihren Bewegungen ausmachen. Einer von ihnen war ganze zweieinhalb Meter groß und hatte eine Schnauze wie ein Tapir. Die anderen beiden waren die üblichen zwei Meter zehn groß. Dass sie sich gegen uns behaupten konnten, lag nur an ihrer großen Anzahl – doch schon ein einziges Regiment von Flammenwerfern könnte ihnen die Hölle heiß machen. Es ist verwunderlich, wie sie zur beherrschenden Rasse auf diesem Planeten werden konnten. Es gibt kein höher entwickeltes Wesen als die kriechenden Akmans und Skorahs oder die fliegenden Tukahs auf dem anderen Kontinent – außer natürlich, dass sich in den Löchern auf dem Dionasischen Plateau noch irgendetwas verbirgt.
Gegen zwei Uhr verschob sich die Anzeige meines Detektors nach Westen und zeigte vereinzelte Kristalle rechts vor mir an. Das stimmte mit den Angaben von Anderson überein, und ich änderte meine Route demgemäß. Der Weg wurde beschwerlicher, nicht nur wegen des ansteigenden Geländes, sondern auch wegen jetzt zahlreicherer Tiere und dichterer fleischfressender Pflanzen. Die ganze Zeit zerfetzte ich Ugrats und trat auf Skorahs, und mein Lederanzug war voller Flecken von den zerplatzenden Darohs, die von allen Seiten auf mich eindrangen. Der Dunst machte das Sonnenlicht noch schlimmer und gab ihm keine Chance, den Schlamm auszutrocknen. Bei jedem Schritt sanken meine Füße zehn bis fünfzehn Zentimeter ein, und jedes Mal, wenn ich sie herauszog, gab es ein saugendes Pflopp. Ich wünschte, jemand würde einen sicheren Anzug aus einem anderen Material als Leder für dieses Klima entwickeln. Stoff würde natürlich verrotten, aber eine dünne, reißfeste Metallfolie – wie die Oberfläche dieser drehbaren, unzerstörbaren Berichtrolle – müsste doch eines Tages machbar sein.
Gegen 3:30 Uhr habe ich gegessen, wenn man diese elenden Nahrungstabletten, die man sich durch die Maske in den Mund schiebt, als Essen bezeichnen kann. Kurz danach hat sich dann die Landschaft merklich verändert – die hellen, giftig wirkenden Pflanzen wechselten die Farbe und sahen gespenstisch aus. Sämtliche Umrisse der Dinge schimmerten rhythmisch, und helle Lichtpunkte tauchten auf und tanzten mit der gleichen langsamen Geschwindigkeit. Danach schien die Temperatur sich im Gleichklang mit einem sonderbaren, rhythmischen Dröhnen zu verändern.
Das gesamte Universum schien in tiefen gleichmäßigen Schlägen zu pulsieren, die jeden Winkel des Raums erfassten und durch meinen Körper und meinen Geist drangen. Ich verlor vollständig meinen Gleichgewichtssinn und taumelte verwirrt umher. Es half auch nichts, wenn ich meine Augen schloss und meine Hände auf die Ohren presste. Trotzdem konnte ich noch klar denken und nach ein paar Minuten wusste ich, was los war.
Nun war ich doch noch in die Nähe einer dieser merkwürdigen Trugpflanzen gekommen, über die viele der Männer Geschichten erzählten. Anderson hatte mich davor gewarnt und mir genau beschrieben, wie sie aussahen – der raue Stamm, die spitzen Blätter und die gefleckten Blüten, deren gasförmige, benebelnde Ausdünstungen jede bekannte Atemmaske durchdrangen.
Bei dem Gedanken, was Bailey vor drei Jahren passiert war, verfiel ich kurzzeitig in Panik und begann in der verrückten, chaotischen Welt, die die Ausdünstungen der Pflanze um mich herum hatte entstehen lassen, wild herumzurennen und zu stolpern. Dann gewann mein Verstand wieder die Oberhand, und ich begriff, dass ich mich nur von den gefährlichen Blüten entfernen musste – weg von der Quelle des Pulsierens – und mir blind einen Weg bahnen musste – ungeachtet dessen, was um mich herum geschah –, bis ich außer Reichweite der Pflanze in Sicherheit war.
Obwohl sich alles um mich herum drehte, versuchte ich die richtige Richtung einzuschlagen und hackte mir meinen Weg frei. Ich musste mich alles andere als geradeaus bewegt haben, denn mir schienen Stunden zu vergehen, bis ich dem bewusstseinsverändernden Einfluss der Trugpflanze entkommen war. Langsam verschwanden die tanzenden Lichter, und die schimmernde, gespenstische Szenerie nahm wieder feste Formen an. Als ich wieder völlig klar war, schaute ich auf meine Uhr und stellte zu meiner Überraschung fest, dass es erst 4:20 Uhr war. Obwohl es mir wie eine Ewigkeit vorgekommen war, hatte der ganze Zwischenfall wenig mehr als eine halbe Stunde gedauert.
Jede Verzögerung war allerdings unangenehm, und bei meinem Rückzug von der Pflanze hatte ich Boden verloren. Ich eilte jetzt den Hang hinauf in die Richtung, die mein Kristalldetektor anzeigte, und verwendete all meine Kraft darauf, Zeit gutzumachen. Der Dschungel war immer noch dicht, aber es gab weniger Tiere. Einmal umschlang eine fleischfressende Blüte meinen Fuß und klammerte sich so fest, dass ich mich mit meinem Messer freihacken und die Pflanze in Stücke schneiden musste, bevor sie mich losließ.
Es dauerte keine Stunde, dann wurde der Dschungel lichter, und um fünf Uhr, nachdem ich einen Streifen von Baumfarnen mit nur wenig Unterholz durchquert hatte, trat ich auf ein weites, moosbewachsenes Plateau. Nun kam ich sehr schnell voran, und das Zittern der Detektornadel zeigte mir, dass ich den gesuchten Kristallen immer näher kam. Das war ungewöhnlich, denn die meisten der verstreuten eigroßen Kugeln fand man in bestimmten Dschungelflüssen und nicht auf einem baumlosen Hochland wie diesem.
Das Gebiet stieg an und endete eindeutig in einem Bergkamm. Ich erreichte den Kamm ungefähr um 5:30 Uhr, und vor mir breitete sich eine weite Ebene mit entfernten Wäldern aus. Das war ohne Zweifel die Hochebene, die Matsugawa vor fünfzig Jahren aus der Luft kartografiert hatte und die in unseren Karten als »Eryx« oder das »Erysische Hochland« bezeichnet wurde. Doch was mein Herz höherschlagen ließ, war ein kleineres Detail, dessen Lage ziemlich genau in der Mitte der Ebene war. Es war ein einzelner Lichtpunkt, der durch den Nebel schimmerte und die vom Dunst geschwächten gelben Sonnenstrahlen zu einer stechenden Helligkeit zu konzentrieren schien. Dies war ohne Zweifel der von mir gesuchte Kristall – ein Ding, wahrscheinlich nicht größer als ein Hühnerei, das aber genug Energie enthielt, um eine Stadt ein Jahr lang zu heizen. Als ich den entfernten Glanz sah, wunderte es mich nicht, dass die elenden Echsenmänner diese Kristalle verehrten. Und dabei haben sie keine Ahnung, welche Kräfte darin wohnen.
Ich rannte los, um den nicht erwarteten Fund so schnell wie möglich zu erreichen, und war verärgert, als das feste Moos einem dünnen, widerlichen Schlamm wich, in dem es vereinzelte Flecken von Gras und Kriechpflanzen gab. Doch ich stürmte weiter und dachte kaum daran, nach herumschleichenden Echsenmännern Ausschau zu halten. Es war unwahrscheinlich, dass ich auf diesem freien Feld überfallen würde. Als ich näher kam, schien das Licht vor mir größer und intensiver zu werden, und mir fiel seine eigentümliche Lage auf. Eindeutig war es ein Kristall bester Qualität, und meine Begeisterung wuchs mit jedem platschenden Schritt.
Ich muss nun sehr sorgfältig Bericht erstatten, denn was ich von nun ab zu sagen habe, beinhaltet unerhörte – aber glücklicherweise beweisbare – Sachverhalte. Ich stürmte mit wachsendem Eifer vor und war schon auf ungefähr hundert Meter an den Kristall heran – dessen etwas erhöhte Lage in dem umgebenden Schlamm sehr seltsam schien, als plötzlich eine übermächtige Kraft meine Brust und die Knöchel meiner geballten Fäuste traf und mich rückwärts in den Schlamm warf. Ich stürzte mit einem riesigen Klatschen zu Boden, und der weiche Untergrund sowie einige Gräser und Kriechpflanzen bewahrten mich auch nicht vor einer kurzzeitigen Benommenheit. Einen Moment lang blieb ich auf dem Rücken liegen, zu überrascht, um einen Gedanken zu fassen. Dann stand ich automatisch auf und begann, den schlimmsten Dreck und die Pflanzenreste von meinem Lederanzug zu kratzen.
Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, was mir widerfahren war. Ich hatte nichts bemerkt, was für den Schlag hätte verantwortlich sein können, und auch jetzt konnte ich nichts feststellen. War ich vielleicht nur im Schlamm ausgerutscht? Meine schmerzende Brust und Knöchel widersprachen dieser Möglichkeit. Oder war dieser ganze Zwischenfall das Produkt einer versteckten Trugpflanze? Auch dafür gab es keinen Beweis, denn ich verspürte keines der üblichen Symptome und es gab in der Nähe auch keine Stelle, wo eine so farbenfrohe und auffällige Pflanze verborgen sein konnte. Wäre ich auf der Erde gewesen, dann hätte ich eine Barriere aus N-Kraft vermutet, die die Regierung um eine verbotene Zone errichtet hat, doch in dieser menschenleeren Gegend ist eine solche Vermutung widersinnig.
Schließlich raffte ich mich auf und beschloss, vorsichtig die Sache zu untersuchen. Ich streckte den Arm mit dem Messer in der Hand so weit wie möglich aus, so dass die merkwürdige Kraft zuerst das Messer treffen würde, und machte mich wieder auf den Weg zu dem leuchtenden Kristall – wobei ich mich mit größter Vorsicht Schritt für Schritt vortastete. Beim dritten Schritt wurde ich durch einen offensichtlich festen Widerstand an der Messerspitze aufgehalten – eine feste Barriere, obwohl ich nichts erkennen konnte.
Nach einem Moment des Nachdenkens fasste ich Mut. Ich streckte meine behandschuhte linke Hand aus und überzeugte mich vom Vorhandensein fester Materie – oder die ertastbare Illusion von fester Materie. Durch Abtasten stellte ich fest, dass die Barriere ziemlich ausgedehnt und von einer glasartigen Glätte war, die nirgendwo Anzeichen von einzelnen, zusammengesetzten Teilen aufwies. Ich zwang mich zu weiteren Schritten und zog einen Handschuh aus, um das Ding mit der bloßen Hand zu untersuchen. Es war tatsächlich hart und glasartig und wies eine seltsame Kälte auf, die der Umgebung widersprach. Ich kniff die Augen zusammen, um irgendeine Spur des Hindernisses zu erkennen, konnte aber rein gar nichts sehen. Die dahinterliegende Landschaft gab auch keinen Hinweis auf irgendeinen Brechungsfaktor. Auch traten keine Spiegelungen auf, wie man an den Sonnenstrahlen feststellen konnte.
Brennende Neugierde verdrängte alle anderen Gefühle, und ich weitete meine Untersuchungen so gut ich konnte aus. Durch Abtasten fand ich heraus, dass die Barriere vom Boden aus höher aufragte, als ich reichen konnte, und dass sie sich unendlich nach beiden Seiten hin erstreckte. Es war also irgendeine Mauer – doch alle Vermutungen über das Material und den Sinn waren fruchtlos. Wieder dachte ich an die Trugpflanze und die von ihr hervorgerufenen Fantasiebilder, doch nach kurzem Nachdenken verwarf ich den Gedanken.
Mit dem Knauf meines Messers schlug ich hart gegen die Barriere und trat mit meinen schweren Stiefeln dagegen, um aus dem Klang des Materials Rückschlüsse zu ziehen. Irgendwie erinnerte der Klang an Zement oder Beton, obwohl das Abtasten der Oberfläche eher auf Glas oder Metall hindeutete. Ohne Zweifel stand ich hier vor etwas, das bisher völlig unbekannt war.
Die logische Folgerung war, dass ich mir eine Vorstellung über die Ausmaße der Mauer verschaffen musste. Die Höhe zu ermitteln wäre schwer, wenn nicht sogar unmöglich, doch die Breite und Form würde festzustellen sein. Mit ausgestreckten Armen und dicht an die Mauer gepresst bewegte ich mich vorsichtig nach links – und achtete genau auf den Weg, den ich nahm. Nach ein paar Schritten bemerkte ich, dass die Mauer nicht gerade verlief, sondern ich mich in einer Art weitem Kreis oder einer Ellipse bewegte. Dann wurde meine Aufmerksamkeit von etwas völlig anderem in Anspruch genommen – etwas, das mit dem immer noch weit entfernten Kristall zu tun hatte, der das Ziel meiner Suche gewesen war.
Ich hatte gesagt, dass selbst aus größerer Entfernung die Lage des leuchtenden Objekts seltsam merkwürdig war – auf einem kleinen Hügel, der sich aus dem Schlamm erhob. Nun konnte ich aus einer Entfernung von ungefähr hundert Metern trotz des Dunstes deutlich sehen, was für ein Hügel das war. Es war der auf dem Rücken liegende Körper eines Mannes, bekleidet mit einem Lederanzug der Crystal Company, dessen Atemmaske halb im Schlamm versunken ein paar Zentimeter daneben lag. In seiner rechten Hand, die verzweifelt an die Brust gepresst war, hielt er den Kristall, der mich hierher geführt hatte – eine Kugel von unglaublicher Größe, so dass die toten Finger sie gar nicht richtig umschließen konnten. Selbst auf diese Entfernung konnte ich sehen, dass die Leiche noch nicht lange hier lag. Es gab nur geringe Anzeichen von Verwesung, und wenn man das Klima in Betracht zog, hieß das, der Tod war höchstens vor einem Tag eingetreten. Schon bald würden sich die ekelhaften Farnothfliegen auf der Leiche versammeln. Ich fragte mich, wer der Mann war. Bestimmt niemand, den ich auf dieser Tour getroffen hatte. Es musste einer der alten Hasen sein, der auf einem langen Streifzug war und ohne Andersons Karten in diese besondere Region gekommen war. Da lag er nun, bar aller Probleme, und die Strahlen des großen Kristalls leuchteten zwischen seinen steifen Fingern hindurch.
Volle fünf Minuten stand ich verwirrt und besorgt da. Eine merkwürdige Furcht überkam mich, und ich hatte das unerklärliche Verlangen, davonzurennen. Es konnten nicht diese herumschleichenden Echsenmänner gewesen sein, denn er hielt den Kristall immer noch in seinen Händen. Gab es da irgendeine Verbindung zu der unsichtbaren Mauer? Wo hatte er den Kristall gefunden? Andersons Instrumente hatten in diesem Gebiet einen angezeigt, aber das war lange, bevor der Mann umgekommen sein konnte. Die unsichtbare Mauer erschien mir jetzt als etwas Bedrohliches, und ich dachte mit Schaudern an sie. Doch ich wusste, dass ich dieses Geheimnis aufgrund der kürzlich stattgefundenen Tragödie noch schneller und sorgfältiger untersuchen musste.