Die Autorin

Désirée Nosbusch, geb. 1965, begann ihre Karriere mit zwölf Jahren beim Radio, später moderierte sie internationale Fernsehshows wie den Grand Prix Eurovision de la Chanson. Sie drehte Filme und Serien, für ihre Darstellung der Christelle Leblanc in Bad Banks bekam sie 2019 den deutschen Grimme-Preis. Sie lebt mit ihrer Familie in Luxemburg und den USA.

Das Buch

Bereits als Teenager machte sich Désirée Nosbusch einen Namen in der Radio- und Fernsehwelt und setzte sich mit ihrem jungen und frischen Stil in einer von Älteren dominierten Branche durch. Doch es folgten auch Jahre mit bitteren Erfahrungen, in denen sie sich immer wieder behaupten musste. Als erfahrene Frau gelingt ihr schließlich das, was nur wenige ihrer Kolleginnen vor ihr geschafft haben: der Durchbruch als beachtete, international anerkannte und gefeierte Schauspielerin.
Zum ersten Mal erzählt Désirée Nosbusch in ihrer beeindruckenden Autobiografie von ihrem besonderen Lebensweg, auf dem sie bestimmte Menschen und Erlebnisse für immer prägten.

Désirée Nosbusch

Endlich noch nicht angekommen

Ullstein

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Coverabbildung: © Xiomara Bender
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ISBN 978-3-8437-2727-3

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Widmung

Grazie, Mamma – Merci, Papa

Für Luka & Lennon

Immer weiter

Es ist noch sehr früh am Morgen, und ich sitze auf einer Wiese hinter meinem Haus in Luxemburg und sehe meinem Hund Bowie zu, der sich wie immer nur bis zum Rand des nahe gelegenen Waldes allein traut, um sich dann umzuschauen, ob ich nachkomme.

Heute ist Sonntag, und es ist ein Familientag, wie ich ihn nicht oft habe. Meine Kinder sind aus den USA angereist, mein Mann ist da, meine Mutter. Und mein Bruder und seine Kinder werden am Nachmittag alle hier sein. Wir Nosbuschs. Solche Treffen sind bei uns deshalb selten, weil meine Kinder nicht so oft nach Europa kommen, mein Mann sehr viel unterwegs ist und ich auch. Wenn ich das über meinen Beruf sage, so ist das keine Klage, sondern es gehört dazu. Schauspielerei bedeutet ein reisendes Leben, was aber auch heißt, dass es ein erlebendes Leben ist. Es ist einerseits rastlos, andererseits hat es keinen Stillstand. Es ist die Abwesenheit von Gewohnheit, und das mag ich.

Ich habe die vergangenen Wochen in Litauen, Lettland und Italien verbracht, um dort Filme zu drehen. Und jetzt bin ich auch nur zwei Tage hier in Luxemburg. Dann werde ich für eine Woche nach Frankreich und danach für einen Monat nach Rumänien fahren, um in einem Fernsehfilm mitzuspielen. Es ist aber für mich mehr, als nur in einer Rolle zu sein. Es ist immer eine Verwandlung. In Litauen lebte ich wochenlang in engen Kostümen aus der Kaiserzeit und trug einen Turm aus Haaren auf dem Kopf. Dann war ich in Italien und spielte in einem Film eine krebskranke Frau, die kaum sprechen konnte. Ich hatte mir dafür von einem Zahnarzt extra eine Zahnschiene herstellen lassen, um auf eine ungewöhnliche Art zu sprechen. Und nun habe ich seit drei Wochen mit einem Sprachtrainer Rumänisch geübt, weil ich einige Textpassagen in dieser Sprache habe und es nicht wie aus einem Wörterbuch abgelesen klingen soll, sondern möglichst echt.

Wenn heute Nachmittag meine Familie hier sein wird, werden wir wie immer auf Französisch, Deutsch, Englisch und Luxemburgisch miteinander sprechen. Das geht dann alles durcheinander, aber durch meinen Kopf werden gleichzeitig auch rumänische Sätze fliegen, weil ich eine neue Sprache immer so trainiere. Ich habe dann immer so ein Gefühl, das ich schon sehr lange kenne. Es ist das Gefühl, nie ganz die zu sein, die ich eigentlich bin. Oder vielleicht doch? Vielleicht genau die, die ich bin oder die ich im Laufe meines bisherigen Lebens geworden bin. Und werden wollte. Die, die sich verwandeln kann und darf.

Vor vielen Jahren, als ich noch jung war, wurde mir immer gesagt: »Désirée, du musst immer so aussehen wie Désirée – egal, vor welcher Kamera oder auf welcher Bühne. Die Menschen wollen diese eine Désirée und keine andere sehen. Deshalb kommen sie ins Kino, ins Theater oder schalten den Fernseher ein.« Damals habe ich das auch geglaubt. Aber nicht gewusst. Das ist ein Unterschied, denn heute weiß ich, dass das nicht stimmte. Oder zumindest für mich nicht stimmte, denn mein Leben, mein Aussehen, meine ganze Art, eine bestimmte Désirée zu verkörpern, stellte für mich lange die Enge dar, mich nicht ändern und ausprobieren zu können. Das habe ich dann als junge Darstellerin immer wieder versucht. Ich war auf der Suche nach meiner Identität und kam dabei mit unterschiedlichen Menschen zusammen. Manche halfen mir, glaubten an mich, zeigten mir neue Wege auf und machten mir Mut, sie auch zu gehen. Andere missverstanden mich oder wollten mich nicht verstehen. Und wieder andere versuchten mich bei meiner Suche nach mir selbst auszunutzen. Ich hatte als junge Frau noch nicht die Kraft und das Können einer Schauspielerin, mich immer wieder dagegen zu wehren. Heute weiß ich, dass ich auf eine, sagen wir, altmodische Weise ausgebildet wurde. Auf eine Weise, in der junge Frauen wie ich damals erst einmal alle diese üblichen Mädchenrollen überstehen, einigen Unsinn vor der Kamera machen und sagen mussten, was sich Regisseure und Autoren über eine Welt ausdachten, zu der sie nicht gehörten. Ja, ich war wirklich oft die Projektionsfläche von Vorstellungen anderer Menschen, meistens Männern. Und sie haben es ausgenutzt, dass wir jungen Frauen ausbrechen wollten, dass wir auf der Suche waren und noch in keiner Welt lebten, die ernst nahm, was wir dachten und sagten.

Als ich noch ein junges Mädchen war, habe ich im Fernsehen die Sissi-Filme mit Romy Schneider und Karlheinz Böhm nicht nur gesehen, sondern sie geradezu angebetet. Klar, es war Mädchenkram: Sissi, der Kaiser, der Hof und dieses Märchen, dass Liebe Grenzen überwindet. Eigentlich richtiger Kitsch. Aber ich habe auch Romy Schneiders weiteren Lebensweg verfolgt und ihr »Frau-Werden« in der Öffentlichkeit bewundert, weil es für mich wie ein Wegweiser war. Von dem Küken Sissi über Die Dinge des Lebens bis zur Spaziergängerin von Sans-Souci. Romy Schneider sagte später einmal: »Ich kann nichts im Leben – aber alles auf der Leinwand.« Ich mochte den Satz sehr, habe ihn für mich aber umformuliert, etwa so: »Ich kann viel im Leben und will das auch auf der Leinwand können.« Mich nämlich so verwandeln können, wie ich es in meinem Leben oft tat.

Wenn ich heute auf die bisherigen Jahre zurückblicke, dann ist es alles andere als eine Bilanz oder das Schließen einer Tür. Es ist vielmehr die Lust, die man manchmal hat, sich zu erinnern an das, was schon alles war. Sich dabei über manches noch mal zu freuen, aus Erlebtem zu lernen – und ja, auch wenn es schwerfällt, die schattigen und schmerzhaften Momente und Kapitel nicht auszulassen. Denn auch sie gehören immer zum Leben dazu. Es hilft nicht, sich selbst etwas vorzuwerfen oder sich zu verurteilen. Es war eben so, wie es war. »Hätte ich doch« oder »wäre ich doch« hilft einem nur, dieselben Fehler in der Zukunft zu vermeiden. Für die Vergangenheit sind sie uninteressant.

Wenn ich in Luxemburg morgens früh wach bin und noch niemand auf den Straßen zu sehen ist, ist mir manchmal, als gäbe es nur meinen Hund und mich auf der Welt. Das erinnert mich an die Tage meiner Kindheit, wenn ich den Sommer bei meinen Großeltern in Italien verbrachte und bereits ganz früh am Morgen auf den neuen Tag wartete. Ich war noch nie ein Mensch, der lange schläft, und bin es bis heute nicht. Ich glaube, ich warte schon im Schlaf mit Ungeduld auf den neuen Tag, der für mich wie eine frisch gewischte Schultafel ist. Sauber und bereit für Neues. Nun gab es aber immer sehr viel Neues in meinem Leben, und nicht alles davon war positiv, aber ich glaube, das allermeiste schon. Ich hatte immer große Pläne und Vorhaben. Ich suchte immer nach hohen Bergen, um sie zu besteigen. Und wenn ich mal abrutschte, na gut, dann unternahm ich einen neuen Versuch. Ich kann mich an keinen Moment erinnern, in dem ich aufgegeben hätte. Gut, manches, auch Privates, gelang nicht und scheiterte, aber ich habe deswegen nie kapituliert. Wenn mich heute jemand fragt, ob ich ein glückliches Leben hatte, kann ich das nicht beantworten. Ich bin ja noch mittendrin. »Immer weiter« ist die Überschrift jedes meiner Tage. Aber ich glaube auch, dass es an sich kein glückliches Leben gibt, sondern nur Glück im Leben, und wenn man es gut hinbekommt, auch eine ganze Menge davon. Die anderen, die weniger glücklichen Augenblicke brauchen wir ebenfalls, weil sie zu überstehen für mich die wirkliche Schule des Lebens bedeutet.

Ich habe beim Aufschreiben meiner Erlebnisse sehr oft an meine Eltern gedacht. Ja, ich glaube sogar, ich habe sie dabei noch einmal besser kennengelernt, und meine, sie heute besser zu verstehen. Mir fielen viele Momente aus meiner Kindheit ein, die mir nun nicht mehr aus dem Kopf gehen. Es sind vor allem die Szenen an unserem Küchentisch, in einer Arbeiterwelt, in der mein Vater, meine Mutter, mein Bruder und ich lebten. Ich war damals schon so anders als meine Familie, kaum zu bändigen. Ich hatte die ganze Zukunft noch vor mir, ungeahnte Möglichkeiten, unendliche Träume und Pläne. Ich wollte raus und nicht mehr länger warten. Meine Eltern waren ganz anders. Immer ein bisschen müde von der vielen Arbeit und auch von der stillen Gewissheit, dass ihre Welt, ihre Zukunft nicht mehr mit ungeahnten Möglichkeiten auf sie warten würden. Nicht, weil sie älter waren als ich, sondern weil dieses Sich-noch-mal-neu-Erfinden für sie damals nicht vorstellbar war. Wie für viele andere aus ihrer Generation auch nicht. Damals war es natürlich mein Privileg, jung gewesen zu sein. Aber heute gilt das nicht mehr: Egal, wie alt man ist – jeder hat immer die Chance, noch einmal neue Wege zu suchen und zu gehen. Ich bin nicht mehr so jung und habe zwei Kinder, die Mitte zwanzig sind. Zwei, die, wie ich damals, wunderbar unruhig sind, die noch viel von der Welt wissen und erobern wollen. Und es auch werden. Diese innere Unruhe habe ich beim Aufschreiben dieser Erinnerungen wiedererlebt. An mir selbst. Sie ist immer noch da, und sie wird es auch bleiben.