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Fußnoten

Josh Roiland hat sich mit Herausgebern, Journalisten und Schriftstellern ausführlich über den langen Schatten unterhalten, den Wallace auf den literarischen Journalismus geworfen hat; vgl. seine Interviews in »Derivative Sport: The Journalistic Legacy of David Foster Wallace«, https://longreads.com/2017/12/07/derivative-sport/ (eingesehen am 13.12.2017).

Hinweise zur Einordnung von Wallace’ Essays in die Geschichte des US-amerikanischen Journalismus verdanke ich Christoph Ribbat, »Seething Static: Notes on Wallace and Journalism«, 187–98 in: David Hering (Hg.), Consider David Foster Wallace. Critical Essays, Los Angeles / Austin: Sideshow Media Group 2010.

D.T. Max, Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte. David Foster Wallace. Ein Leben, aus dem Englischen von Eva Kemper, Köln: Kiepenheuer & Witsch 2014, S. 202.

Albert Vigoleis Thelen, Die Insel des zweiten Gesichts. Aus den angewandten Erinnerungen des Vigoleis (1953), München: Claassen 2003, S. 738.

Vgl. Niklas Luhmann, »Unverständliche Wissenschaft«, 170–77 in: Ders., Soziologische Aufklärung 3. Soziales System, Gesellschaft, Organisation, Opladen: Westdeutscher Verlag 1981, 2. Aufl. 1991, S. 176.

D.T. Max, Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte, a.a.O., S. 173.

Wallace beschwört hier diverse populärkulturelle Ahnen; die Liste des Gesehenen, Gehörten und Gerochenen evoziert auch Alan Ginsbergs Gedicht »Howl«, Bob Dylans Song »A Hard Rain’s A-Gonna Fall« und den letzten Monolog des Replikanten Roy Batty in Ridley Scotts Film The Blade Runner.

Larry McCaffery, »An Expanded Interview with David Foster Wallace« (Review of Contemporary Fiction, Sommer 1993), 21–52 in: Stephen J. Burn (Hg.), Conversations with David Foster Wallace, Jackson: UP of Mississippi 2012, Zitat S. 24.

Ein Beispiel für landesweite Pressereportagen über Drogen in der ATP wäre Short Circuit des AP-Journalisten Michael Mewshaw (Atheneum 1983).

Oder lassen Sie sich noch einmal im Ohr zergehen, wie sie sich nach ihrem ersten Sieg bei einem US Open fühlte: »Mir war sofort klar, was ich geschafft hatte: Ich hatte das US Open gewonnen, und ich war ganz aus dem Häuschen.« Der Satz geht mir nicht aus dem Kopf; es ist, als würde die ganze Enttäuschung des Buchs auf diesen einen Flachsatz hinauslaufen.

Aus Washington, Montreal, L.A., Cincinnati, Indianapolis, New Haven und Long Island bestehend, ist das vielleicht der strapaziöseste Teil der Jahrestour der Tennisprofis; die Temperaturen steigen auf bis zu 40°, die Betonböden der Courts flimmern wie marokkanische Horizonte, jeder trägt einen Hut, und selbst die Zuschauer haben Handtücher gegen den Schweiß dabei.

Im Finale verlor Joyce gegen Thomas Enqvist, der jetzt zu den ersten zwanzig der ATP zählt, ein potenzieller Superstar ist und hier in Montreal eine prominente Figur darstellt.

Der 27-jährige Tarango hat drei Jahre in Stanford studiert und gilt bei Joyce und den anderen jungen Amerikanern auf der Tour als eine Art Gelehrter. Seine Kurzbiografie im 1995 ATP Player Guide erwähnt unter seinen Interessen »Philosophie, Creative Writing und Bridge«, und mit seiner schmächtigen Statur und den Geheimratsecken erinnert er tatsächlich eher an einen Akademiker oder Steuerberater als an einen der besten Tennisspieler der Welt. Tarango ist ebenfalls gebürtiger Kalifornier sowie Freund und eine Art Mentor von Michael Joyce, mit dem er regelmäßig trainiert und den er »Grashüpfer« nennt. Joyce – der irgendwie einfach jeden mag – mag Jeff Tarango, verkneift sich fast jeden Kommentar zur Explosion auf dem Wimbledon-Court und sagt nur, Tarango sei »ein sehr intensiver Mann, sehr intellektuell und manchmal leicht paranoid«.

Titelsponsoren sind für ATP-Turniere genauso wichtig wie für den Uni-Mannschaftssport. In diesem Jahr heißen die Canadian Open offiziell »du Maurier Omnium Ltée«. Trotzdem spricht alle Welt nur von den Canadian Open. Für große Tennisturniere gibt es alle möglichen Sponsorentypen und -niveaus – die Finanzierungsniveaus und die entsprechenden Gegenleistungen gleichen quasi den Benefizsendungen von PBS. Das Gelände der Canadian Open ist gespickt mit Sponsorennamen (die Unterschiede in Größe und Platzierung entsprechen der jeweiligen finanziellen Bedeutung für das Turnier), von den großen FedEx-Schildern über den Trainingscourts bis hin zum RADO-Markenzeichen auf den Anzeigen der Radargeräte zum Messen der Aufschlaggeschwindigkeit. Auf der scharlachroten Plane und den Logenplätzen im Stadium und Grandstand Courts stehen die Namen anderer Unternehmenssponsoren: TANDEM COMPUTERS/APG INC., BELL SYGMA, BANQUE LAURENTIENNE, IMASCO LIMITÉE, EVANS TECHNOLOGIES INC., MOBILIA, BELL CANADA, ARGO STEEL usw.

Sponsor kann man auch werden, indem man das Turnier mit Gratisartikeln beliefert und überall in echt großen Buchstaben den Firmennamen draufschreibt. An den hohen Schiedsrichterstühlen aller Courts weist ein Schild darauf hin, dass sie von TROPICANA gestiftet worden sind; auf den Behältern für frische und unfrische Handtücher steht WAMSUTTA; auf den fest installierten Kühlboxen am Court (mülltonnengroß; mit durchsichtigen Plastikdeckeln) steht TROPICANA und EVIAN. Die Spieler, die nicht für spezifische Getränkemarken Werbung machen, trinken in der Regel Evian; Orangensaft ist ein bisschen zu schwer für die Rehydrierung auf dem Court.

Die Freundinnen haben meist etwas Undefinierbares an sich, das auf extrem wohlhabende Eltern hindeutet, die die Mädchen auf die Palme bringen wollen, indem sie mit unbekannten Profitennisspielern rummachen.

Der Begriff »setzen« stammt aus dem englischen Gartenbau und ist ziemlich unverblümt. Von einem an Nr. 1 gesetzten Spieler wird statistisch erwartet, dass er siegt, vom Zweiten, dass er ins Finale kommt, vom Dritten und Vierten, dass sie es ins Halbfinale schaffen usw. Von einem Spieler, der die von seiner Setzung ausgewiesene Runde erreicht, heißt es, er sei »seiner Setzung gerecht geworden«.

Mit Ausnahme der vier Grand Slams zieht kein Turnier alle Spitzenspieler an, obwohl jedes Turnier das natürlich gern würde, denn je mehr Spitzenspieler gemeldet sind, desto mehr zahlende Zuschauer und Medienaufmerksamkeit erhält das Turnier für sich und seine Sponsoren. Spieler auf den ersten zwanzig Plätzen der Weltrangliste haben aber einen verhältnismäßig lockeren Turnierplan und gönnen sich Auszeiten nicht nur zum Ausruhen und Trainieren, sondern auch, um an wahnsinnig lukrativen Showturnieren teilzunehmen, die keinen Einfluss auf ihren ATP-Rang haben. (Und ich meine wahnsinnig lukrativ – für die Spitzenstars ohne Weiteres Millionen Dollar im Jahr.) Angesichts des deutlichen Interessenkonflikts zwischen Turnieren und Spielern ist es nicht verwunderlich, dass es Vorschriften von kafkaesker Komplexität dazu gibt, an wie vielen ATP-Turnieren ein Spieler jedes Jahr teilnehmen muss, um finanzielle oder rangbezogene Bußen zu vermeiden, sowie entsprechend komplexe und fantasievolle Methoden für Spieler, diese Vorschriften zu unterlaufen und zu machen, was sie wollen. Darüber breiten wir das Négligé der Diskretion. Wichtig ist einfach, dass Spieler vom Rang eines Michael Joyce weniger Auszeiten zu nehmen pflegen; sie versuchen, bei praktisch jedem Turnier anzutreten, das sie einschieben können, solange sie nicht von Verletzungen oder Erschöpfung gezwungen werden, ein paar Wochen auszusetzen. Sie spielen so viel, weil sie müssen, nicht nur aus finanziellen Gründen, sondern auch, weil die (extrem komplizierten) ATP-Algorithmen zur Rangbestimmung Spieler tendenziell dafür belohnen, an möglichst vielen Turnieren teilzunehmen.

 Obwohl etliche Turniere des nordamerikanischen Hartplatz-Parcours Super-9-Turniere sind, lassen recht viele Spitzenspieler sie aus, besonders europäische Ascheplatzspieler, die DecoTurf hassen und sich an ihren Sommerascheplatz-Parcours halten, der auf Europa beschränkt ist und kleinere und weniger lukrative Turniere umfasst (wie etwa die Dutch Open, die zeitgleich zu den Canadian Open stattfinden und wo sich dieses Jahr vier der zwanzig weltbesten Spieler angemeldet haben). Die Beschränkung auf Ascheplätze rächt sich bei den US Open, die auf harten, brutzelnden DecoTurf-Courts ausgetragen werden.

Für die Qualis selbst gibt es hier kein Qualifikationsturnier, andere riesige Turniere haben aber solche Meta-Qualis. Auch bei den Qualis gibt es tonnenweise Wildcard-Plätze, die hier meist mit Kanadiern besetzt werden wie etwa dem Unisportler, den Michael Joyce jetzt in der ersten Runde unterbuttert.

Diese Plätze werden in der Regel direkt neben den topgesetzten Spielern platziert, weshalb man in den ersten im Fernsehen übertragenen Runden großer Turniere oft zu sehen bekommt, wie ein Agassi oder Sampras einen völlig Unbekannten plattmacht – der Typ ist in der Regel ein Qualifikant. Deswegen ist es für einen Spieler mit einem niedrigen Ranglistenplatz, der also die Qualis eines Turniers durchlaufen muss, auch so schwer, in der Rangliste so weit aufzusteigen, dass er nicht mehr an den Qualis teilnehmen muss – in der Regel trifft er in der allerersten Runde auf einen ranghohen Spieler und wird plattgemacht.

Und das ist ein weiterer Grund, warum Qualifikanten in der Regel von den Spitzenspielern plattgemacht werden, gegen die sie in den ersten Runden antreten müssen – der Qualifikant spielt sein viertes oder fünftes Match in drei Tagen, während die Spitzenspieler in der Regel ein paar Tage mit ihren Masseuren und Beratern für kreative Visualisierung hinter sich haben, um sich auf die erste Runde vorzubereiten. Auf Befragen äußert sich Michael Joyce detailliert zu derlei Asymmetrien und warum sich alle Welt gegen ihn verschworen hat, aber so, wie sich ein Farmer über schlechtes Wetter auslässt, ohne jedes Gefühl, was aber tief und nicht hohl wirkt.

(gesprochen KRAI-tschek)

Im Sommer erreichte er dann sogar einmal die 62.

Wie sich herausstellt, ist ein Gutteil des Talents, das man braucht, um in den Schützengräben der ATP-Tour zu überleben, emotionaler Natur: Joyce schafft es, sich nicht über Sachen aufzuregen, bei denen es meiner Meinung nach schwer ist, sich nicht aufzuregen. Wenn er darauf hinweist, dass es keinen Sinn hat, sich über Ungerechtigkeiten aufzuregen, die man nicht kontrollieren kann, dann sagt er in Wirklichkeit, dass man entweder lernt, sich nicht aufzuregen, oder man verschwindet aus der Tour. Die cholerischen Anfälle vieler Spitzentennisspieler – die in der Öffentlichkeit den verzerrten Eindruck hinterlassen haben, die meisten Profispieler wären gefühlsinkontinente Memmen – sind aus der Sicht eines Qualifikanten leicht zu erklären: Spitzenspieler haben cholerische Anfälle, weil sie sie sich leisten können.

Die Spitzenspieler bekommen nicht nur ihre Spesen erstattet, sondern werden oft schon für die Bereitschaft zur Teilnahme am Turnier bezahlt. Diese Honorare nennen sich »Garantien« und sind technisch gesehen Vorschüsse auf das Preisgeld: Ein Agassi/Sampras/Becker erhält letztlich eine »Garantie« des Preisgeldes (in der Regel ein paar Hunderttausend Dollar) allein für die Teilnahme, d.h., ob er das Turnier nun gewinnt oder nicht. Das bedeutet, wenn der erstgesetzte Agassi die Canadian Open gewinnt, bekommt er 254.000 Dollar, aber wenn er verliert, bekommt er das Geld auch. (Auch aus diesem Grund hassen Turniere Verwerfungen und beklagen sich Qualifikanten, dass alle möglichen ungreifbaren Faktoren von der Matchplanung bis hin zu den Entscheidungen der Linienrichter den Stars in die Hände spielen.) Nicht alle Turniere zahlen Garantien – die Grand Slams nicht, weil die Spitzenspieler aus eigenem Antrieb in Wimbledon sowie bei den French, Australian und US Open auftauchen –, aber die meisten, und je weniger etabliert und prestigeträchtig ein Turnier ist, desto mehr ist es auf die Zahlung von Garantien angewiesen, damit die Spitzenspieler kommen und Zuschauer und Medien anziehen (und dafür interessiert sich der Sponsor brennend).

Früher verstießen Garantien gegen das ATP-Reglement und wurden unter dem Tisch gezahlt; Anfang der Neunziger sind sie legalisiert worden. Tennisexperten führen hitzige Debatten darüber, ob legale Garantien dem Sport genützt haben, weil die Finanzen jetzt transparenter sind, oder ob sie dem Sport geschadet haben, weil die psychologische Kluft zwischen den Stars und allen anderen Spielern dadurch ausgeweitet und der Druck auf die Turnierleitungen erhöht wurde, um möglichst sicherzustellen, dass die Stars nicht von Unbekannten vom Thron gestoßen werden können. Es ist unmöglich, Michael Joyce eine klare Antwort zu entlocken, ob er Garantien gut oder schlecht findet – Joyce ist nicht konfus und weicht auch nicht nixonmäßig aus, aber er kann es sich einfach nicht leisten, in Kategorien von gut und schlecht zu denken, weil das zu Ressentiments, Bitterkeit und Frustration führen würde. Ich könnte mir denken, er blendet diese Gefühle aus, weil sie es noch schwerer machen würden, gegen Agassi und Konsorten zu spielen, und was im großen Plan der Dinge »richtig« wäre, kümmert ihn weniger, als seine eigenen psychologischen Chancen gegen andere Spieler zu maximieren. Das fände ich absolut nachvollziehbar, aber es imponiert mir, dass er über eine Sicherheitsabschaltung des Denkens verfügt, wenn ihm Denken zum Nachteil gereichen würde.

(gesprochen Jakob chLAsick)

Es dauerte ewig, vom Hotel hinzukommen, weil ich da noch nicht wusste, dass die Presse mit einigen Mauscheleien bei den Spielern in den Sponsorenwagen mitfahren kann, wenn die noch Platz haben. Der Tennisjournalismus ist offenbar eine Welt für sich, und es dauert eine Weile, bis man den Dreh raushat, wie man als Medienvertreter in den Genuss gewisser Turnierprivilegien kommt: Sponsorenautos, VIP-Behandlung in puncto Restaurantreservierung, sogar Gratis-Wäscheservice im Hotel. Als ich dann geschnallt hatte, wie der Hase läuft, musste ich nach Hause.

Joyce ist noch beeindruckender, aber den hab ich da noch nicht gesehen. Und Enqvist ist noch beeindruckender als Joyce, und Agassi ist live noch weit beeindruckender als Enqvist. Am Ende der Woche verstand ich, warum Charlton Heston so grau und verheert vom Berg Sinai herabsteigt: Jenseits einer gewissen Schwelle verätzt Einzigartigkeit die Psyche.

Bei seinen beiden je einstündigen Trainingssessions pro Tag dreht er den Schirm der Kappe nach hinten und trägt dazu eckige karierte Shorts, die der Rest der Welt für eine Badehose halten würde. Auf der Brust seines Lieblings-T-Shirts beim Training steht ANGST: DER FEIND DER TRÄUME. Beim Training lacht er viel. Man muss ihm da draußen bloß zusehen und weiß schon, dass er total sympathisch und cool ist.

Wenn Sie nur zum Spaß spielen, ist es wahrscheinlich schwer nachzuvollziehen, dass echtes Wettkampftennis körperlich sehr anstrengend ist. Vielleicht regt es Ihre Fantasie an, wenn Sie sich klarmachen, dass diese Profis einander praktisch nach Belieben vom einen Ende der 8,23 Meter langen Grundlinie zum anderen jagen können und dass sie so gut wie nie durch einen unerzwungenen Fehler einen Punkt abgeben. Ein Match mit zwei knappen Gewinnsätzen verlangt einem wahrscheinlich genauso viel ab wie ein paar Stunden Basketball – Ganzfeld-Basketball wohlgemerkt.

Das ist auch so was, das man im Fernsehen nicht richtig mitbekommt: Tennis ist ein sehr schweißtreibender Sport. Wenn Sie auf ESPN oder sonst wo einen Spieler sehen, der nach einem Punkt zum Balljungen geht, ein Handtuch haben möchte, sich schnell den Arm abwischt und dem (unglückseligen) Balljungen das nasse Handtuch wieder zuwirft, dann will er damit nicht Zeit schinden oder meditieren – er braucht das Handtuch, weil ihm der Schweiß innen am Arm in solchen Mengen runterläuft, dass er über die Hand rinnt und den Schläger rutschig macht. Besonders beim brutzelnden Sommerparcours in Nordamerika schwitzen die Spieler schon früh die T-Shirts und manchmal auch die Shorts durch. (Sampras trägt immer hellblaue Shorts, die außer beim Tiefschutz überall durchgeschwitzt sind, was komisch und irgendwie liebenswert aussieht, als wäre er ein Kind, das in die Hose gemacht hat – Sampras ist auf dem Court überraschend kindlich und niedlich, während Agassi so niedlich ist wie eine Hafenhure.)

Und sie trinken enorm viel Wasser, schwindelerregende Mengen. Am Anfang hab ich gedacht, ich halluziniere, als ich mir Matches angeschaut und gesehen habe, wie die Spieler bei jedem zweiten Seitenwechsel so eine dünne Halbliterflasche Evian leerten, aber Michael Joyce bestätigte das. Professionelle Tennisspieler entwickeln offenbar einen Stoffwechsel, der eine schnelle Aufnahme von Wasser und seine Umwandlung in Schweiß erlaubt. Ich selbst (bin zwar kein Profi, schwitze aber wie ein Schwein) trinke ein paar Stunden vor einem Spiel sehr viel Wasser, während eines Matches dann aber gar nichts mehr. Das hat einen einfachen Grund: Nach ein paar Schluck Wasser will ich immer mehr, und wenn ich so viel trinke, wie ich möchte, stehe ich am Ende mit einer Riesenwampe da, und wenn ich laufe, gluckert’s.

(Die meisten Tennisspieler, die ich gesprochen habe, bestätigen übrigens, dass Gatorade, All-Sport, Boost und all die anderen teuren Elektrolyt-Drinks mehrheitlich fürn Arsch sind und dass Mineralsalze und Kohlenhydrate beim Essen sowie täglich ein kleiner See an H2O das einzig Wahre sind. Spieler, die das nicht bestätigten, stellten sich als Spieler heraus, die Sponsorenverträge mit Herstellern teurer Elektrolyt-Drinks hatten, aber ich habe mit eigenen Augen mindestens einen davon gesehen, der den teuren Elektrolyt-Inhalt seiner Flasche wegkippte und für sein Match mit ganz normalem Wasser auffüllte.)

Je größer man ist, desto härter kann man aufschlagen (holen Sie einen Winkelmesser und reimen Sie’s sich zusammen), kann aber schwieriger wenden und die Laufrichtung ändern. Große Spieler neigen zum Serve-and-Volley-Spiel, und ihr Überleben auf dem Court hängt vom Aufschlag ab. Bill Tilden, Stan Smith, Arthur Ashe, Roscoe Tanner und Goran Ivanišević waren/sind allesamt große Männer mit einer aufschlagsabhängigen Spielweise.

Das ist irrsinnig schwer, wenn der Ball hart geschlagen wird. Wenn Sie ein bisschen Little-League-Erfahrung oder auf improvisierten Sportplätzen Baseball gespielt haben, dann stellen Sie sich jetzt bitte vor, dass der härtest geschlagene Bodenball aller Zeiten auf Ihre Shortstop-Position zukommt, und Sie bleiben nicht stehen und warten ab, um ihn auszumachen, sondern laufen freiwillig auf den Bodenball zu und fangen ihn dann nicht etwa in einem großen weichen Handschuh, sondern schlagen ihn und versuchen, ihn in eine andere Richtung und auf eine erschreckend genau definierte Stelle sehr weit weg abzufälschen.

Tennisautoritäten diskutieren auch leidenschaftlich den Trend, dass die Spieler immer früher Profis werden, das College und das Tennisspielen an der Uni überspringen, mit einem Kopfsprung in den Stress und die wanderlustige Einsamkeit der Tour hechten usw. Michael Joyce hat das College übersprungen und sich sofort auf die Profitour begeben, als er mit 18 das US National Juniors gewonnen hatte, was ein überwältigender Anreiz war, Profi zu werden. Der Sieger im nationalen Einzel der Herren bis 18 bekommt automatisch eine Wildcard für das Hauptfeld der US Open im selben Jahr. Außerdem erregt der Top-Junior eines Jahres die starke, aber notorisch launische und flüchtige Aufmerksamkeit großer Sportbekleidungs- und Tennisschlägerfirmen. Joyce’ Sieg im 128 Mann starken nationalen Feld 1991 in Kalamazoo, Michigan, führte zu Sponsorenverträgen von Fila und Yonex im Wert von 100.000 Dollar. Mit 100.000 Dollar kann ein sehr junger Spieler, der vernünftigerweise noch nicht davon ausgehen kann, haufenweise Preisgelder einzuheimsen, ungefähr drei Jahre auf der Tour finanzieren.

Joyce hätte das Angebot einer dreijährigen Unterstützung ablehnen und an die Uni gehen können, aber wenn er an die Uni gegangen wäre, hätte er da ja praktisch auch nur Tennis gespielt. Trainer an größeren Universitäten haben anscheinend versucht, Joyce mit Verlockungen an ihre Uni zu holen, die so unerhört und unglaublich waren, dass ich sie auch dann nicht nennen würde, wenn Joyce mich nicht um Diskretion gebeten hätte.

Michael Joyce wäre nur an die Uni gegangen, um dort Tennis zu spielen, weil die akademischen und sozialen Aspekte des Universitätslebens ihn ungefähr so brennend interessierten, wie es Sie interessieren würde, 2.500 Crosscourt-Vorhände zu schlagen, während sie von einem Trainer in einer Fremdsprache angeschrien werden. Michael Joyce liebt Tennis, er lebt für das Tennisspiel und sieht nicht ein, warum er sich etwas anderes aus den Fingern saugen sollte. Tennis ist das Einzige, worin er voll und ganz aufgeht, und sehr viel von ihm ist darin aufgegangen, und was ihn anbelangt, ist Tennis alles, was er tun und sein will. Da er mit zwei Jahren zu spielen angefangen, mit sieben Jahren an seinen ersten Wettkämpfen teilgenommen hat und das erste halbe Dutzend Jahre von seinem, sagen wir mal, energischen und entschlossenen Vater trainiert wurde (der nach Joyce’ Schätzungen während seiner Juniorenkarriere insgesamt rund 250.000 Dollar in Tennisstunden, Courtzeit, Ausrüstung und Reisen investiert haben dürfte), lag die Frage nahe, in welchem Ausmaß er »entschieden« habe, im Tennisspiel aufzugehen. Kann man sich für etwas »entscheiden«, wenn man in dieses Etwas auf energische und entschlossene Weise eingetaucht wird, seines Alters wegen aber noch gar nicht über die Ressourcen und Informationen verfügt, die eine Entscheidung erlauben würden?

Joyce’ Reaktion auf diese Frage fand ich gleichzeitig unbefriedigend und phänomenal. Denn die Frage lässt sich natürlich nicht beantworten, zumindest nicht von einem Menschen, der sich – in seinem eigenen Verständnis – »entschieden« hat. Joyce sagte, für ihn spiele es eigentlich keine Rolle, ob er sich für das ernsthafte Tennisspiel »entschieden« habe oder nicht; er weiß nur, dass er den Sport liebt. Er versucht zu erklären, wie er sich 1991 beim National gefühlt habe: »Du kommst da an, schaust dir das Feld an, da stehen 128 Mann drauf, und du musst so wahnsinnig viele Typen schlagen. Und dann ist alles vorbei, und du hast gewonnen, du bist nationaler Meister – damit lässt sich nichts vergleichen. Ich krieg heute noch ’ne Gänsehaut, wenn ich darüber rede.« Oder wie er sich nur eine Woche vor unserem Gespräch in Washington gefühlt hat: »Ich spiel gegen Agassi, und das ist Supertennis, und Tausende von Fans drehen einfach durch. Das Gefühl kann man nicht beschreiben. Wo sonst könnte ich so was erleben?«

Was er laut sagt, ist nachvollziehbar, aber das ist nicht das, was ich phänomenal fand. Phänomenal ist Joyce’ Gesichtsausdruck, während er auf den Punkt zu bringen versucht, was Tennis ihm bedeutet. Er liebt das; das steht ihm ins Gesicht geschrieben, wenn er darüber spricht: Normalerweise haben seine Augen einen asiatischen Einschlag, weil er wie viele gebürtige Iren eine leichte Epikanthusfalte hat, aber wenn er über Tennis und seine Karriere spricht, runden sich seine Augen, die Pupillen weiten sich und haben den Ausdruck dieser Liebe. Das ist nicht die Liebe, die man einem Job entgegenbringt, einer Geliebten oder anderen Intensitätsbrennpunkten, für die die meisten von uns ihre Liebe bekunden würden. Es ist eher die Liebe, die in den Augen uralter Menschen liegt, die seit unvorstellbar langer Zeit glücklich verheiratet sind, oder in den Augen religiöser Menschen, die so in ihrem Glauben aufgehen, dass sie ihr ganzes Leben religiösen Praktiken verschrieben haben: Es ist eine Liebe, die sich danach bemisst, was sie gekostet hat, was man für sie aufgegeben hat. Ob sie eine »Entscheidung« bedingt hat, wird irgendwann irrelevant … denn es ist gerade die Kapitulation von Entscheidung und Selbst, die diese Liebe überhaupt erst ermöglicht hat.

(alias Serve-and-Volley-Spiel; vgl. Anm. 22)

Ich weiß nicht, ob Ihnen das bekannt ist, aber Connors’ Spielweise gehörte zu den größten Verschrobenheiten in der Tennisgeschichte – er war ein aggressiver »Power«-Spieler, der kaum je ans Netz ging, den Aufschlag eines ektomorphen Mädchens mitbrachte und grundsätzlich jeden Ball flach und ohne Spin drosch (was bei Grundschlägen nicht zu empfehlen ist, weil der Ball ohne Spin schwer zu kontrollieren ist). Sein Spiel wurde noch seltsamer, weil der Schläger, aus dem er seine ganze Schlagkraft bezog, ein Wilson T2000 war – ein schräges Stahlkonstrukt, das zu den beschissensten Tennisschlägern gehört, die je hergestellt wurden –, der nach Meinung der meisten ernsthaften Tennisspieler eigentlich nur zur Einbrecherabwehr zu gebrauchen ist oder wenn man im Garten Steine aus der Erde hebeln muss. Connors war süchtig nach diesem Schläger und nutzte ihn auch noch, als Wilson ihn gar nicht mehr herstellte, womit er sich potenzielle Werbeeinnahmen in Millionenhöhe verscherzte. Connors war noch in manch anderer Hinsicht ein Exzentriker (und Widerling), aber das ist für diesen Essay nicht von Belang.

In grauer Vorzeit, als es noch keine breiten Schlägerrahmen aus Keramik und noch kein wissenschaftliches Krafttraining gab, kannte man eigentlich nur zwei Methoden für Gewinnschläge: den Volley – wo die größere Nähe zum Netz eine deutliche Winkelsteigerung erlaubte (her mit dem Winkelmesser …) – und den defensiven Passierschlag … in der taktischen Sprache des Boxsports also »Schlag« und »Gegenschlag«. Durch das neue Powerspiel von der Grundlinie aus kann ein Spieler seinen Gegner in der Ecke vom Hocker hauen; es ändert einfach alles, und die analytische Geometrie der Veränderungen läuft auf die schlimmste Abschlussprüfung im Mathekurs hinaus, die Ihnen im ganzen Leben untergekommen ist.

Deswegen ist das Phänomen des Breaks in einem Satz weit weniger wichtig, wenn zwei P.-Gr.er aufeinandertreffen. Und es ist ein Grund, warum viele ältere Spieler und Fans keine große Lust mehr haben, sich Profitennis anzuschauen: Die Taktik des Spiels hat sich seit ihrer aktiven Spielzeit strukturell völlig verändert.

© Koch Materials Company in Wichita, Kansas, »Ein Marktführer in Asphaltemulsionstechnologie«.

John McEnroe war gar nicht mal so groß, und das war möglicherweise der beste Serve-and-Volley-Spieler aller Zeiten, aber McEnroe war natürlich sowieso die Ausnahme von so gut wie allen Regeln. Als er seine Höchstleistungen erbrachte (sagen wir 1980–84), war er der größte Tennisspieler, der je gelebt hat – der talentierteste, der schönste, der gequälteste: ein Genie. Wenn ich heute sehe, wie McEnroe einen Polyester-Blazer anzieht und im Fernsehen steife und lahme Floskeln absondert, ist das, als würde Faulkner Werbeslogans für Gap schreiben.

Eine Antwort auf die Frage, warum das öffentliche Interesse am Herrentennis seit einigen Jahren schwindet, ist in der wesenhaften und unschönen Gewalttätigkeit des Power-Grundlinien-Stils zu finden, die sich auf der Tour so gut wie durchgesetzt hat. Schauen Sie sich Agassi mal genauer an – für einen so kleinen Mann und einen so großen Spieler ist er erstaunlich bar jeder Anmut, und sein Bewegungsablauf erinnert eher an einen Heavy-Metal-Musiker als an einen Sportler.

Der Power-Grundlinien-Stil selbst ist mit Metal oder Grunge verglichen worden. Aber eigentlich erinnert ein Spitzen-P.-Gr.er eher an Filme, in denen die alte Sowjetunion einen Aufstand niederschlägt. Es ist fantastisch, aber auf brutale Weise, und seine Kraft hat eine schmirgelnde, anonyme Qualität, die diese Kraft seltsam stumpf und leer macht.

(Zum Vergleich: Ivanišević schlägt mit knapp 210 km/h auf, Sampras mit gut 200 und selbst dieser Brakus hier mit 190.)

Die Geste beim Rückschwung eines Profis ist eine Art Markenzeichenverzierung des Könnens und des Wissens um dieses Können, vergleichbar dem Fünfsternekoch, der die eigenen Fingerspitzen küsst, wenn er seine Pièce präsentiert, oder der Hand des Zauberers, die mit einer Schnörkelgeste durch die Luft unsere Aufmerksamkeit auf die verschwundene Assistentin lenkt.

Alle ernsthaften Spieler haben diese ephemeren Tics und stilistischen Fingerabdrücke, und bei den Profis sind sie durch die jahrelange Wiederholung besonders tief verwurzelt. Es hat schon immer Spaß gemacht, allein die Macken beim Aufschlag wahrzunehmen und aufzulisten. Schauen Sie nur, wie sich Sampras’ linke Fußspitze leicht hebt, wenn er den Ball hochwirft, als hätte er plötzlich heiße Zehen bekommen. Das seltsam anfallsartige Zucken, mit dem Gerulaitis den Kopf von links nach rechts schnellen lässt, während er den Ball vor dem Werfen aufhüpfen lässt. McEnroes bizarre Aufschlagshaltung mit gespreizten Beinen, die Füße parallel zur Grundlinie und die Seite so schräg zum Netz, dass er an Figuren auf ägyptischen Friesen erinnert. Lendls seltsam jähes Schulterzucken unmittelbar vor dem Hochwerfen des Balls. Agassis mehrmalige Gewichtsverlagerung vor dem Werfen, als müsse er dringend pinkeln. Oder hier bei den Canadian Open jetzt der Jungstar Thomas Enqvist, der den Oberkörper beim Werfen nach hinten krümmt, als wolle er sich per Rückwärtslimbo vom Ball entfernen, weil der plötzlich übel riecht oder so – diesen Tick hat er von seinem Vorgänger Edberg und dessen schräger Rückgratverkrümmung beim Wurf. Edberg hatte außerdem die seltsame Angewohnheit, beim Wurf noch schnell den Griff am Schläger zu wechseln und vom Semi-Eastern zum Extreme-Eastern überzugehen, als wäre der Schläger eine Bratpfanne.

Ein lateinamerikanischer Dustin Hoffman und fast unglaublich netter Kerl, von der introvertierten Selbstgenügsamkeit wahrhaft großer Lehrer und Trainer in aller Welt, einer zenartigen Mischung aus Konzentration und Besonnenheit, die ein Mensch entwickelt, der ungeheuer viel Zeit damit verbringt, dazusitzen und genau zuzusehen, wie jemand anders etwas tut. Sam bekommt 10% der Bruttoeinkünfte von Joyce, liest in seinen Auszeiten dicke Schinken über die Architektur der Mayas und gehört zu den coolsten Leuten, die ich je getroffen habe, ob nun in der Tenniswelt oder sonst wo (er ist so cool, dass ich quasi Angst vor ihm habe und mich seit Auftragsende nicht getraut habe, ihn anzurufen, ums mal so zu sagen). Für seine 10 % reist Sam mit Joyce, teilt sich Hotelzimmer mit ihm, coacht ihn, ist kritischer Begleiter seines Trainings, analysiert seine Matches, leistet Beistand, ja er holt sogar verirrte Bälle zurück, damit Joyce seine straff organisierte Trainingszeit nicht mit dem Aufsammeln verirrter Bälle verplempert. Der Stress und die abgefahrene Einsamkeit des Profitennis – wo alle derselben Gemeinschaft angehören, wo man sich allwöchentlich trifft, obwohl man auf Dauer eine diasporische Existenzform praktiziert, wo jeder mit den anderen rivalisiert, wo es um wahnsinnig viel Geld geht, wo das Leben eine einzige Montage aus Flughäfen, farblosen Hotels, Essen nach Nichthausmacherart, quälenden Verletzungen und schwindelerregenden Langstreckenreiserechnungen ist, wo die Angehörigen zu Hause Hirnschissler sind, denn nur Hirnschissler bringen die finanziellen und temporalen Opfer, die nötig sind, um einen Sprössling bei etwas so gut werden zu lassen, dass er es professionell betreiben kann –, das alles zusammen läuft darauf hinaus, dass die meisten Spieler wahnsinnig auf ihre Trainer angewiesen sind und ihre emotionale Unterstützung und Freundschaft ebenso brauchen wie ihren technischen Rat. Sams Rolle für Joyce scheint für mich auf das hinauszulaufen, was man im letzten Jahrhundert eine »Gesellschafterin« nannte, die ältere Dame, die eine heiratsfähige junge Frau bei Reisen ins Ausland usw. begleitete.

Agassis Bälle wiederum erinnern daran, wie Borgs Bälle ausgesehen hätten, wenn sich Borg jahrelang von Steroiden und Methamphetaminen ernährt und jeden einzelnen Ball so hart geschlagen hätte, wie er nur konnte – Agassis Grundschläge sind die härtesten, die im Tennis je geschlagen wurden, so hart, dass man es kaum glauben kann, wenn man da neben seinem Court steht.

Agassi hat dafür einen übertriebenen Ausschwung, lässt beide Hände am Schläger und schwingt fast wie ein Schlagmann im Baseball aus, und dann zieht sich vorn sein T-Shirt hoch und zeigt aller Welt sein haariges Bäuchlein – in Montreal finde ich das abstoßend, aber die Frauen auf der Tribüne um mich herum würden für einen Blick auf Agassis Bäuchlein offenbar ihr Leben geben. Agassis LAP Brooke Shields ist übrigens auch nach Montreal gekommen und wird bei all seinen Matches prominent sichtbar im Abschnitt für die Spielerangehörigen sitzen, große Sonnenbrillen tragen und etwas auf dem Kopf haben, was nach multiplen Hüten aussieht. An dieser Stelle lässt sich vielleicht einfügen, dass Brooke Shields ein ganzes Stück größer ist als Agassi, dafür aber nicht so behaart, und wenn die beiden nebeneinanderstehen, sieht das ein bisschen nach Sigourney Weaver am Arm von Danny DeVito aus. Besonders surreal ist dieser Effekt, wenn Brooke so ein stilvolles leichtes Sommerkleid trägt, in dem sie wie eine in den Hamptons übersommernde Debütantin wirkt, und Agassi sein neues Courtensemble von Nike, ein blau-schwarz quer gestreiftes Outfit, in dem er zusammen mit schwarzen Sneakers das Klischee eines französischen Widerstandskämpfers abgibt.

(Auffällig ist auch, dass die wenigsten Brillen tragen.)

Ein ganz anderes Sehvermögen – wie es etwa Larry Bird im Basketball zugeschrieben wird, der chirurgisch präzis auf Mitspieler passen konnte, bei denen keiner gemerkt hatte, dass sie überhaupt frei standen – ist beim Schlagen erforderlich: Dafür müssen Sie die andere Courtseite sehen, müssen sehen, wo Ihr Gegner steht, in welche Richtung er sich bewegt und welche Schlagwinkel Ihnen nach Maßgabe seiner Bewegungsrichtung offen stehen. Das Schizoide am Tennis ist, dass Sie beide Spielarten des Sehvermögens – Ball und Court – gleichzeitig praktizieren müssen.

Basketball folgt dichtauf, aber das ist eine Mannschaftssportart, der damit die archaische Tennisintensität des »Mano a mano« fehlt. Boxen könnte ihm nahekommen – zumindest in den leichteren Gewichtsklassen –, aber die körperlichen Verletzungen, die die Kämpfer einander zufügen, machen den Sport zu brutal, als dass er sich als schön qualifizieren könnte: Eine Sportart braucht ein gewisses Abstraktions- und Formalitätsniveau (d.h. »Spiel«), um von wahrer metaphysischer Schönheit zu sein (so meine Privatmeinung).

Wenn Sie auf finanztheoretische Statistiken stehen, können Sie die Analyse eines Schlags im Tennis mit einer rollenden Zinseszinsberechnung in Fällen vergleichen, wo nicht nur die Zinssätze variabel sind, die Determinanten ihrer Variabilitäten sowie die Zeiträume, in denen die Determinanten die Zinssatzvariabilität beeinflussen, sondern wo auch die Kapitalsumme selbst variabel ist.

Blendet man Sex- und Drogenprobleme mal aus, sind Profisportler in vielerlei Hinsicht die Heiligen unserer Kultur: Sie verschreiben sich einem großen Ziel, nehmen große Entbehrungen und Schmerzen in Kauf, um dieses Ziel zu erreichen, und genießen eine enge Beziehung zur Vollkommenheit, die wir bewundern und belohnen (dem Mönch in die Almosenschale, dem Baseballstar per achtstelligem Jahresgehalt). Und wir schauen ihnen liebend gern zu, auch wenn wir nicht die geringste Absicht haben, denselben Weg einzuschlagen. Mit anderen Worten, sie tun es »für« uns, opfern sich für unsere imaginäre Erlösung.

Bei den Qualis für Grand Slams wie Wimbledon und die US Open muss man an einem Tag manchmal zwei Matches spielen und drei von fünf Sätzen gewinnen; kein Wunder, dass Qualifikanten, die es ins Hauptfeld schaffen, wie KZ-Überlebende aussehen und in den ersten vom Fernsehen übertragenen Runden von kerngesunden und ausgeruhten Topgesetzten plattgemacht werden.

Pionier der beidhändigen Vorhand war ein Südafrikaner namens Frew McMillan; heute ist Monica Seles die prominenteste Vertreterin der Technik.

Die Vorstellung, wie es sich anfühlen muss, wenn man mit Unmengen Gel im Haar zu schwitzen anfängt, ist für mich ein solches Bild des Grauens, dass ich Knowle nach dem Match danach befragen wollte, aber wie sich zeigte, sprach weder er noch sein Trainer genug Englisch oder Französisch, um herauszufinden, wer ich war, und die ganze Frage von Schweiß und Gel bleibt, fürchte ich, Ihrer Fantasie überlassen.

Joyce hat seinen Gegner also »auf dem falschen Fuß erwischt«, wie das im Kommentar so schön heißt; die unbeugsam frankofone Presse hier bezeichnet die Taktik allerdings als contre-pied.

Der eindeutig und grundsätzlich dermaßen nett ist, dass er wahrscheinlich schon aus reiner Höflichkeit eingewilligt hätte, ein paar Bälle mit mir zu schlagen, denn für ihn wäre das schlimmstenfalls langweilig. Aber für mich wäre es obszön.

Das Beispiel von Michael Joyce’ Kindheit zeigt allerdings, dass meine Freunde und ich im Vergleich zu ihm Faulpelze und Stümper waren. Er beschreibt seinen Tagesablauf folgendermaßen: »Bis 14:00 war ich in der Schule. Dann fuhr ich [vom Vater chauffiert] zum [West End Tennis] Club [in Torrance, Kalifornien] und hatte von 15–16:00 eine Tennisstunde bei [dem legendären und wahnsinnig teuren Drecksack Robert] Lansdorp [Ex-Kindheitstrainer von u.a. Tracy Austin]. Anschließend kamen von 16–18:00 Übungen, und dann fuhren wir den ganzen Weg nach Hause – das dauerte vielleicht ’ne halbe Stunde –, ich sagte mir schon ›Gott sei Dank, jetzt kann ich vor die Glotze oder hochgehen und mit Freunden telefonieren oder so‹, aber Dad dann so: ›Du musst noch an deinem Aufschlag arbeiten‹. Mit zwölf oder dreizehn hat man da keine Lust zu. [Was der Endunterzeichnende bestätigen kann; nach zwei Stunden ernsthaften Trainings wollte er sich für den Rest des Tages nur noch komatös zusammenrollen.] Dazu muss man von anderen gezwungen werden. [So kann man das auch sehen.] Aber nach hundert Aufschlägen oder so bin ich [ganz allein auf dem Tenniscourt der Joyces hinterm Haus mit einem Rieseneimer voller Bälle und in der zunehmenden Dämmerung einen Aufschlag nach dem anderen ins Nichts schlagend] langsam so drauf, dass ich mir sage: Hey, ich mag das, ich mach das gern.«

Eine wichtige Variable, die ich hier ausgelassen habe, ist, dass Kinder (erwartbar) unreif sind und sich Vorwürfe machen, wenn sie einen Punkt vermurksen. Ein entscheidender Teil meiner Strategie war daher, einen Gegner dahin zu bringen, viele unerzwungene Fehler zu begehen und sich deswegen immer wütendere Vorwürfe zu machen, was dann sein Spiel ruinierte. Der Selbsthass wegen seiner Fehler oder (für mich noch besser) der tiefe Groll gegen ein Universum, in dem er »Pech« oder »einen schlechten Tag« hatte, wuchs immer mehr an und kulminierte irgendwann im zweiten Satz in einer wütenden Erstarrung und der Erwartung eines Fehlschlags, oder es kam sogar zu einem bombastischen Lear-artigen Wutausbruch, inklusive Schlägerwegschleudern, herausgekreischten Verwünschungen und manchmal sogar Tränen. Das wurde seltener, als ich älter und meine Gegner reifer wurden, und an der Uni konnte ich dann nur noch darauf zählen, dass ausgewiesene Spinner so außer sich geraten würden, dass sie gegen einen schwächeren Gegner (nämlich mich) verloren. Es ist daher ein ziemlicher Schock, als mir aufgeht, dass Joyce in der dritten Runde der Qualis genau dieselbe Technik anwendet wie ich damals gegen zwölfjährige Kinder mit reichen Eltern, d.h., er apportiert, vermeidet Fehler und wartet den Tobsuchtsanfall seines Gegners ab. Wegen des Regens am Sonntag fängt Joyce’ Drittrundenspiel erst am Montagvormittag um 10:00 an, zu einer Zeit, wo auch schon einige Erstrundenspiele des Hauptfelds ausgetragen werden. Joyce’ Gegner ist ein Mann namens Mark Knowles, 25, der 1986 der Juniorenmeister im Hallentennis gewesen war, von den Bahamas stammt und heute hauptsächlich im Doppel der Herren antritt, aber immer noch ein ernst zu nehmender Gegner ist, auf der Weltrangliste irgendwo in den 200ern, jedenfalls jemand auf Joyce’ Plateau.

Knowles ist groß und schlaksig, muskulös auf diese knotige Weise, auf die schlaksige Menschen muskulös sind, ist erstaunlich braun gebrannt, hat dichte blonde Locken und sieht von ferne beeindruckend aus, hat aus der Nähe aber ein eingedetschtes, durchgeklinktes Gesicht und die leichten Glupschaugen eines Spielers, der schon kurz vor der Explosion steht. Man kann Knowles und Joyce aus der Nähe sehen, weil sie auf einem der kleineren Courts spielen, wo sich die Zuschauer nur wenige Meter vom Court weg auf einen niedrigen Zaun stützen können. Knowles’ Trainer, seine bildhübsche Freundin, Joyce’ Trainer und ich sind die Einzigen, die das Spiel aufmerksam verfolgen, aber viele Leute kommen auf dem Weg zu prominenteren Spielen an uns vorbei, bleiben kurz stehen und schauen sich ein paar Ballwechsel an, bevor sie weiterziehen. Der stete Zivilistenstrom am Court vorbei kränkt Knowles maßlos, und manchmal ruft er den Vorbeigehenden bissige Bemerkungen zu, wenn sie weitergehen, obwohl ein Schlagabtausch noch gar nicht entschieden ist.

»Macht ja nichts«, ruft Knowles beispielsweise. »Wir spielen ja nur für Geld! Wir sind ja nur Profis! Macht euch nichts draus!« Joyce will aufschlagen, sieht ohne sichtliche Gefühlsregung geradeaus, wartet darauf, dass Knowles mit dem Gebrüll aufhört, und seine Miene erinnert an die von Croupiers in Las Vegas, wenn ein Spieler, den sie gerade ausnehmen, ausfällig oder unverschämt wird, ein geduldiger und unvoreingenommener Blick, dem abzulesen ist, dass diese Croupiers für ihre Geduld und Unvoreingenommenheit sehr gut bezahlt werden.

Sam Aparicio beschreibt Knowles als »brillant, aber launisch«, und meiner Meinung nach ist das stark untertrieben, denn für mich gehört Knowles in eine geschlossene Anstalt für Menschen mit emotionalen Persönlichkeitsstörungen. Er redet wirres Zeug, schmeißt mit dem Schläger um sich und flucht fäkalsprachlich, wie ich das seit der Mittelstufe nicht mehr gehört habe. Wenn einer seiner Bälle oben das Netz berührt und zurückspringt, kreischt er: »Glück muss der Mensch haben!«, seine Augen treten hervor, und er verzerrt den Mund. Für mich ist er ein gespenstisches Echo all der reichen und gut trainierten Jugendlichen im Mittleren Westen, gegen die ich gespielt und die ich besiegt habe, weil sie null Frustrationstoleranz mitbrachten, wenn das Spiel nicht nach Wunsch lief. Knowles merkt offenbar gar nicht, dass Joyce genauso viele schlechte Breaks und schräge Abpraller unterlaufen wie ihm oder dass vorbeigehende Zuschauer beide Spieler gleichermaßen ablenken. Er gehört zu den Menschen, die die Unannehmlichkeiten der Welt persönlich nehmen, und ich bekomme Bauchschmerzen, wenn ich ihm bloß zusehe. Wenn er einen Ball so hart in den Zaun drischt, dass der Ball kaputtgehen könnte, verwarnt ihn der Schiedsrichter mit sanfter und teilnahmsvoller Stimme, wie eine Kindergärtnerin, die sich an ein Kind mit ADS wendet. Ich verstehe überhaupt nicht, wie jemand, der dermaßen plemplem ist, es auf dieses ernsthafte Profiplateau geschafft hat. Wenn sich Knowles allerdings mal nicht ablenken lässt, ist er ein ausgesprochen guter Spieler mit flüssigen Schlägen und einer großartigen Kontrolle von Spin und Tempo. Er stuft Joyce als Schläger ein (womit er richtigliegt), und seine Taktik besteht darin, ihn ins Schleudern zu bringen – das Tempo zu ändern, Spins zu variieren, Stoppbälle zu schlagen, um Joyce ans Netz zu ziehen, ihm Tempo- oder Rhythmusgestaltung zu nehmen –, und weil seine Feuerkraft der von Joyce ebenbürtig ist, ist diese Taktik solide. Joyce gewinnt den ersten Satz erst im Tiebreak. Aber während des Tiebreaks brüllt Knowles vorbeiziehende Zuschauer dreimal an: »Macht doch nichts! Ist doch bloß ein Tiebreak bei einem Profimatch!«, und ist eigentlich ein Wrack, als der erste Satz vorbei ist. Der zweite Satz findet nur noch der Form halber statt, und Joyce bringt diese Formsache so schnell wie möglich hinter sich, eilt ins Spielerzelt zurück, bunkert Kohlehydrate und prüft, ob er noch am selben Tag zum Erstrundenspiel im Hauptfeld dran ist.

Hlasek verlor in der ersten Hauptfeldrunde am Dienstagvormittag gegen den obskuren Amerikaner Jonathan Stark, der seinerseits in der zweiten Runde am Mittwoch auf dem ausverkauften Stadium Court gegen Sampras verlor.

Diese feierliche Stille findet sich jedenfalls im Stadium und im Grandstand, wo die großen Namen spielen. Die unbedeutenderen Spieler auf den abgelegeneren Courts müssen sich damit abfinden, dass sich Zuschauer bei Punkten unterhalten und herumlaufen, sodass die baufälligen Tribünen poltern und knarren, Gastronomiemitarbeiter machen direkt hinter dem Windschutz Krach mit ihren Wägelchen oder gackern und flirten in den Küchenzelten gleich hinter den Zäunen diverser kleinerer Courts.

Das ist Kanadas Pendant zur U.S.T.A., und das Logo – das hier im du Maurier Omnium so oft wie nur irgend möglich ins Sichtfeld drängt – besteht aus dem guten alten kanadischen Ahornblatt mit einem Tennisschläger als Stängel. Wenn Kanadier wieder mal nicht verstehen, warum sich US-Amerikaner über sie lustig machen, sollte man es ihnen mit Sachen wie dem Logo von Tennis Canada verklickern.

(Aber viel Glück bei dem Versuch, Karamellbonbons in dieser Hitze unbeschadet nach Hause zu kriegen …)

»Les Média« haben ihre eigenen Toiletten, aber die liegen oben bei den Pressekabinen, rund fünf baufällige und überfüllte Treppen durch die Eingeweide vom Stadium hoch, dann raus, dann wieder rein, und der letzte Aufgang ist eine Stahlgittertreppe nach Art von Feuertreppen, sehr steil und offen gesagt gefährlich, und wenn man »aller au pissoir« muss, ist das immer die schwere Entscheidung zwischen dem multiplen Grauen der öffentlichen Toiletten und dem Sisyphosgrauen der Pressetoiletten, und ab dem zweiten Tag sage ich mir, dass ich mich bei Kaffee und Evian-Mineralwasser lieber zurückhalte.

(Ein neues und ziemlich geniales Marketingkonzept der ATP – ich kaufe mir ein paar einfach der Namen wegen.)