Es war alles ganz anders

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Fußnoten

Der volle Titel lautet: Ainsi soit-il ou les jeux sont faits (So sei es oder Die Würfel sind gefallen).

Ganz anders als was? Anders als sie es sich gewünscht hätte, kann Vicki Baums Leben im Grunde nicht gewesen sein, es war ein erfolgreiches, weitgehend doch wohl glückliches Leben. Es war alles anders als in den Romanen? Natürlich war es das, und doch haben Vicki Baums Romanfiguren immer auch viel mit der Autorin und ihrem Leben, Denken, Handeln zu tun – sie gibt in diesen Memoiren zu, oft ein kleines Selbstporträt eingeschmuggelt zu haben. Und da liegt ja auch ein nicht unerheblicher Teil des Erfolges: Hier ging es um echte Menschen, nachvollziehbare Schicksale, bekannte Ereignisse und Orte, die Leser fanden sich selbst und ihre Freuden und Sorgen in Vicki Baums Büchern wieder, und das von allem Anfang an, als es noch Fortsetzungsromane in Zeitschriften waren.

Was also war alles ganz anders? Der Titel dieser unvollständigen Memoiren, die Vicki Baums Schwiegertochter Ruth aus nachgelassenen Manuskripten zusammengestellt hat, sollte eigentlich lauten: »Nicht so wichtig«. So wollte die Autorin ihre Erinnerungen nennen, der Verleger war damals strikt dagegen, fand den Titel unverkäuflich. »Doch mich selbst und auch die Welt als solche nicht zu wichtig zu nehmen«, schreibt Vicki Baum über diesen kleinen Titelstreit, »war das Leitmotiv, der Grundpfeiler meines Charakters und der Leitstern meines Lebens.«

Trotzdem drängt es sie, aufzuschreiben, was war, was

Das schreibt sie mit 70 Jahren, und da beschleicht uns Leser dann doch das Gefühl, dass vieles in der Tat ganz anders war. Denn in die Wiege gelegt wurde Vicki Baum das Glück keineswegs, im Gegenteil, die Anfänge waren dazu geeignet, einen weniger starken Menschen zu zerbrechen.

Der Vater ein Hypochonder, gefühlskalt, egoistisch, unfähig zur Empathie: »Der einzige wirkliche Feind, den ich jemals hatte, war mein Vater – falls es andere gab, bemerkte ich sie jedenfalls nicht.« Die Mutter hysterisch, frustriert, nervenkrank, früh und grausam an Krebs gestorben. Die Tochter, die ein Sohn namens Viktor hätte werden sollen und dann ›nur‹ ein Mädchen namens Hedwig wurde, das man Vicki rief, allein mit der Pflege der Mutter, von der keine Liebe zu erwarten war. Eine harte Schule, aber, sagt Vicki Baum nüchtern, eine gute Schule für jemanden, der Schriftstellerin wird. Man lernt das Leben kennen. »Zuerst war die Einsamkeit etwas Trauriges«, schreibt sie, »aber nach einer Weile gehörte sie so zu mir, dass ich stark daran wurde.«

Glück sieht anders aus. Aber sie kann aus den erzieherischen Torturen und Schlägen des Vaters für sich etwas gewinnen: »Sie ließen mir eine Rhinozeroshaut wachsen, machten mich unempfindlich gegen Leiden, geistige wie seelische.« Zum Glück gilt das nicht für ihre Romanfiguren, deren verästelten Seelenschmerzen diese Autorin mit

Mit Wüstenfuchs Joujou Anfang der Dreißigerjahre in Berlin

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Der größte Teil der Memoiren dreht sich um die verhunzte Kindheit, aus der dennoch so viel Kraft und Zähigkeit erwuchs. Vicki Baum hat sich hier Zeit gelassen, ihre Familie, das damalige Wien, die politische und persönliche Entwicklung in den Jahren bis zum Ersten Weltkrieg genau zu beschreiben. Der Grundstein für ihr weiteres Leben wurde hier gelegt. Sie schreibt ohne Lamento, es wird nicht gejammert, sie analysiert scharf und klug, und das, obwohl sie im Alter von sich selbst sagt: »Ich war und bin auch jetzt noch ein mehr gefühlsbetonter als verstandesmäßig ausgerichteter Mensch.« Immer wieder schreibt sie solche verblüffenden Sätze über sich selbst, der verblüffendste und bekannteste: »Ich bin eine erstklassige Schriftstellerin zweiter Güte.«

Das sagt die Frau, die Millionenbestseller schrieb, weltweit übersetzt wurde, deren Bücher von einem Erfolg zum anderen flogen. Sie beharrt darauf, ihren Platz in der Literatur zu kennen, und ich, ihre begeisterte Leserin, beharre darauf: Ihr hätte ein anderer Platz gebührt, einer der literarischen Anerkennung. Auch Vicki Baum wusste: Was sich derart gut verkauft, kann in den Augen der Kritiker keine Qualität haben, obwohl schon ihre allererste Erzählung den Preis einer Jury bekam, der Thomas Mann vorsaß. Als sich Geld und Erfolg

Ich kann an Vicki Baums Stil nichts pompös Ornamentales finden. Sie ist jemand, der ganz genau hinsieht und hinhört, der Nuancen so fein und vielfältig beschreiben kann wie nur ganz wenige Autoren, als »redselig« tut sie das ab: »Ich war und bin eine Epikerin, (…) eine redselige, ausschweifende Erzählerin.« Ihre Dialoge sind umwerfend und hollywoodreif. Auch über ihr eigenes Leben schreibt sie doch eher lakonisch, es fällt auf, dass die wirklich wichtigen Dinge in wenigen Zeilen abgehandelt werden, aber in Nebensächlichkeiten kann sie seitenlang schwelgen – und Ornament ist das nicht, eher listige Ablenkung und Verschleierung. Für Tagespolitik hat Vicki Baum einen unbestechlich klaren Blick, ihr kann man nichts vormachen. Einmal erwischt man sie in ihrer

»In einem Punkt bin ich vielleicht genauso wie Schriftsteller von viel höherem Rang: Ich kann nur mit Romanfiguren arbeiten, die teils aus einem Gefühl des Mitleids, teils aus einem Sinn für das Komische entstanden sind.« Und geradezu trotzig sagt sie über die beiden Bücher, die sie für ihre besten hielt, »Ulle der Zwerg« und »Die andern Tage«: »Sie waren, wenn man mir die Vokabel verzeihen will, Literatur.« Warum aber »Menschen im Hotel« ein Welterfolg wurde, ist ihr unbegreiflich – immer wieder diese Ambivalenz der Selbsteinschätzung: Es war doch alles ganz anders? »Ich lebe, liebe und schreibe gemäß Hofmannsthals Wort aus dem Rosenkavalier ›mit leichten Händen‹.« Was leicht ist, so wird uns ja immer eingehämmert, kann nicht gut sein. Welch ein Irrtum.

Die Tröster ihrer frühen und späten Jahre sind Musik, Tanz, Schreiben. Als ganz junges Mädchen beschließt sie, Musikerin zu werden, studiert Harfe, arbeitet in großen Orchestern als Harfenistin. Das Tanzen befreit und beglückt sie ihr Leben lang, und das Schreiben wird ihr Lebensinhalt und -unterhalt: zunächst als Journalistin beim Ullstein Verlag, dann als Romanautorin. In das alles gibt sie uns interessante Einblicke. Mit ihren Liebesleidenschaften ist sie sehr zurückhaltend – nüchtern werden die Ehen geschildert, die frühe, unglückliche mit Max Prels, die zweite, langjährige mit dem Dirigenten Hans Lert, mit dem sie zwei Söhne hat. Aber es muss Lieben daneben gegeben haben, manchmal wird etwas angedeutet, und am Ende heißt es: »Am schwersten ist es wohl, die Abhängigkeit von Liebe und Geschlechtstrieb abzuschütteln; aber wenn man muss, lernt man es – wie es

Das alles, so empfinde ich es beim Lesen dieser Erinnerungen, ist Sprengstoff unter einer glatten Oberfläche. Die erfolgreiche Autorin, die Musikerin, die glückliche Ehefrau und Mutter schreibt: »Ich war, alles in allem, stets eine Musikerin; als Schriftstellerin hatte ich mich (…) gar nicht gesehen, jahrelang nicht. Offen gestanden tu ich’s auch jetzt noch nicht. Nicht ganz.«

Ja, das schreibt sie, und wir spüren: Es war alles ganz anders. Sie war ein unglückliches Kind, eine unterschätzte Schriftstellerin, eine verzichtende Liebende, sie gab die Musik auf für die Familie, und so ist in aller Beherrschtheit, scheinbaren Leichtigkeit, in aller Kraft und Virtuosität um Vicki Baum ein Geheimnis von tiefer Melancholie und eine Ahnung großer Verletzlichkeit. Sie kann sich als Person noch so energisch befreien und disziplinieren: In ihren Romanen haben die Figuren keine Rhinozeroshaut, sie erschüttern uns mit ihrem Lieben, Leiden, Sehnen – und das kann nur eine selbst

In diesem Memoirenbuch lernen wir nicht nur eine faszinierende Autorin kennen, der wir immer nur ein kleines bisschen auf die Schliche kommen – wir lesen auch fabelhafte Porträts von Menschen, dichte atmosphärische Beschreibung der Zeiten vor und zwischen den Kriegen, eine glasklare Einschätzung des amerikanischen way of life, hinreißende Skizzen vom Theaterleben und dem Irrsinn von Hollywood, wo sie letztlich scheiterte »mit meinem kleinen Ameisengehirn. Ich bin für solche Komplikationen zu primitiv.« Vicki Baum erzählt uns fast alles, aber sie hält ihre Seele unter Verschluss. Und doch können wir durch kleine Risse, die sie zulässt, hineinschauen und ahnen: ja, ein glückliches, ein erfolgreiches Leben. Und doch … »Vielleicht gibt es überhaupt keine ganzen Schicksale auf der Welt, nur das Ungefähre, Anfänge, die nicht fortgeführt werden, Schlusspunkte, denen nichts voranging«, heißt es in »Menschen im Hotel«.

In Wirklichkeit also: Es war alles ganz anders.

 

Elke Heidenreich

Kurz nach meinem siebzigsten Geburtstag fuhr ich noch einmal von meinem Heim in Hollywood nach New York. Nirgendwo unterwegs, in keinem der zahllosen, kleinen Antiquitätengeschäfte an den Autostraßen, nirgendwo auf diesen langen dreitausend Meilen durch den weiten Kontinent fand ich auch nur eine einzige Antiquität, die älter gewesen wäre als ich. Da war er wieder, zusammengetragen und für den Verkauf zur Schau gestellt, der ganze verworrene, krause, fransenbesetzte und mit Quasten geschmückte Ramsch, womit die Zimmer meiner Kindheit vollgestopft gewesen waren. Die unhandlichen Küchenutensilien, die ich damals – als Vorbereitung für ein zukünftiges Hausfrauendasein – auf Hochglanz zu halten hatte; die Petroleumlampen mit dem imitierten Bronzefuß, bei deren schlechtem Licht ich oftmals Hausaufgaben gemacht habe; der rührende Kitsch aus geschliffenem Glas, Kerzenleuchter, Zierdeckchen und abscheuliche Bierseidel. In einer gottverlassenen Geisterstadt des Westens begegnete ich einer getreuen Replik der monströsen geblümten Waschschüssel mit Krug aus dem elterlichen Schlafzimmer sowie, passend im Dekor, zwei ebenso gewaltigen Nachttöpfen – für mich

Zeitstücke nennt man diese Dinge in Amerika.

Dies Wiedersehen hinterließ mich sehr nachdenklich und brachte mich dazu, einmal bei meiner eigenen Person Inventur zu machen. Das also ist aus dir geworden: ein Zeitstück, nichts weiter. Weder hinlänglich alt oder vornehm genug, um als echte Antiquität zu gelten, noch jung genug, um in die raue, mechanisierte, schnelllebige Gegenwart zu passen. Wie es die witzige Fürstin Pauline Metternich einmal so treffend ausgedrückt hat, als man ihr zum Geburtstag gratulierte: »Meine Lieben, siebzig ist kein Alter für eine Kathedrale. Aber für eine Frau – oh, mon Dieu …«

Schön, sagte ich mir, wenn ich schon ein Zeitstück bin, dann will ich zunächst ein wenig von der Zeit erzählen, in der ich aufwuchs: vom Wien der Jahrhundertwende.

Eine graue Stadt, wundervoll grau, wie Paris, wie jede dieser sehr alten europäischen Städte, die als römische Kolonialgarnisonen angefangen haben. Gedämpfte Farben überall. Die Donau – nicht blau, wie es in Liedern heißt, sondern von trägem, schmutzigem Gelb. Mit samten-grüner Patina überzogene Kuppeln und Zwiebeltürme und alle anderen Kirchen überragend, der romanisch-gotische Stephansdom in der Mitte der Stadt: eine der ältesten und eindrucksvollsten europäischen Kirchen, um die in konzentrischen Ringen die Stadt gewachsen war, wie die Stämme riesenhafter Mammutbäume sich bilden, Ring für Ring, Jahrhundert für Jahrhundert. Als das Kirchendach mit seinem prachtvollen Doppeladler-Mosaik nach dem letzten Krieg zerbombt dastand, war es das Erste, was die Wiener wiederherstellten – mit amerikanischem Geld, wie ich vermute. Ihre geliebte Kirche und –

Der Verkehrslärm meiner frühen Kindheit: das Klappern von Pferdehufen auf dem granitenen Kopfsteinpflaster; der flotte Trab zweispänniger aristokratischer Equipagen; die munteren Fiaker des wohlhabenden Bürgertums, der schleppende Gang müder Klepper von einspännigen Droschken. Das lustige kleine Hornsignal des hoch auf dem Kutscherbock der schwarz-gelben Postkutsche thronenden Postillions. An Sommerabenden aus unzähligen offenen Fenstern Geklimper auf verstimmten Klavieren – ein scheußliches Stück, das »Gebet einer Jungfrau« hieß, doch hier und da auch klassische Töne, ein Haydn-Quartett, eine Beethoven-Sonate, ein Lied von Hugo Wolf. Der durchdringende, nachdrückliche Warnruf der Feuerwehrtrompete: e-a! Jedes Kind in Wien kannte dieses Intervall und baute darauf seinen Sinn für Harmonie und sein musikalisches Gedächtnis auf. Heute noch, wenn ich in einem etwas chaotischen Stück moderner Musik die Orientierung verliere, finde ich mich vermittels dieser eindringlichen Feuerwehrquarte e-a! e-a! e-a! zurecht.

In den Höfen wurden ewig Teppiche geklopft – der Dienstbotenjazz des alten Wiens, und dazu kamen das vielsprachige Geschrei der Straßenverkäufer, der schrille Singsang der Marktfrauen, das mehrstimmige Rufen der Dienstmädchen aus den Luftschächten der Küchen und, zu jeder Stunde, die Kirchenglocken.

Häufig konnte man eine Karosse mit goldenen Rädern sehen, eine schlanke Gestalt in blauer Uniform darinnen, und eine weiß behandschuhte, unablässig grüßende Hand: der

Ich erinnere mich, dass wir gerade auf dem Land in der Sommerfrische waren. »Von einem Anarchisten erdolcht«, hieß es in dem druckfeuchten Extrablatt, das mein Onkel von einer Kreistagssitzung mitbrachte. Als die Schreckensbotschaft unser Dorf erreicht hatte, standen die Bewohner bestürzt vor ihren Häusern, und wir weinten alle herzzerreißend in loyalem Schmerz. Das war die erste Extraausgabe in einer unschuldigen Dornröschenwelt. Wer hätte damals gedacht, dass einmal ungezählte Extrablätter mit ihren Schrecken in unser Leben einbrechen könnten?

In Panikstimmung kehrten wir nach Wien zurück. Die Flaggen standen auf halbmast, in den herbstlichen Straßen wehte überall schwarzer Flor, die Menschen trugen Trauer. Der Laternenanzünder, der sonst am Abend im weißen Chirurgenmantel von Straßenlaterne zu Straßenlaterne ging, um das Gas anzuzünden, machte nun die Runde, um die Lampen herunterzunehmen und die Glühstrümpfe abzuschrauben. Als es dunkel wurde, zündete man das frei ausströmende Gas an, und riesige Flammen loderten hoch, flackernde Fackeln im kalten Wind. Die Leute standen barhäuptig auf den Straßen – dichte schwarze Menschenmengen –, und die gedämpften Trommelschläge des chopinschen Trauermarsches hallten durch die Luft. Ich genoss das traurige Schauspiel ungeheuer, und ich bin sicher, dass das Straßenvolk es insgesamt genoss.

Man kann sich heute nur schwer vorstellen, wie sehr ein Volk sich nach dem Bild seines Souveräns formt. Zu meinem persönlichen Leidwesen hielt unser alter Monarch auf eiserne Strenge und steife Etikette, vielleicht aus Protest gegen eine Einwohnerschaft schlampiger, enthusiastischer Sybariten. Und ich musste deshalb, unter leichten Baumwolldecken zitternd, in ungeheizten Zimmern schlafen, auf der härtesten, dünnsten Matratze, die zur Verfügung stand. »Wenn das warm genug für den Kaiser ist, dann ist es auch warm genug für dich«, erklärte mein Vater. Mit dem Morgengrauen aufstehen, eiskaltes Wasser über meinen steifen, unterernährten Körper schütten, dann einen Becher voll blassen Kaffees und ein trockenes Brötchen zum Frühstück – genau wie der Kaiser. Und so den ganzen Tag hindurch. Ein Klosterleben.

In Wien nannte man die Toilette den Ort, »wohin der Kaiser zu Fuß geht«. Und als eine wohlmeinende Freundin mich in das Geheimnis einweihte, auf welche Weise ein Mann

Das Wien, in dem ich aufwuchs, war eine bezaubernde Stadt. Vom Wienerwald umgeben, in dem es üppig blühte, lebte man eng verbunden mit der Natur. Die herrlichen Parks der kaiserlichen und Adels-Paläste waren unsere Spielplätze, ihre Springbrunnen und Teiche, Rosskastanienbäume und Fliederbüsche, die sanft geschwungenen Rasenflächen, streng angelegten Beete und gestutzten Hecken unsere intimen Freunde. Tagsüber war Wien eine lebendige Stadt, rhythmisch beschwingt, nicht in der tobenden Lautstärke von heute. Nachts wurden die Straßen still und dunkel, und alles Leben, alle Fröhlichkeit zogen sich in die Häuser zurück. Es war nicht im Mindesten das, was die Leute sich allgemein unter Alt-Wien vorstellen. Bars und Nachtklubs gab es damals noch nicht, und unter einem Touristen verstand man nicht einen Ausländer, der mit einer Reisegesellschaft unterwegs ist, sondern einen zünftigen Eingeborenen in Lederhosen, der sein ganzes Glück in möglichst schwierigen bergsteigerischen Leistungen sah.

Nicht, als ob diese ruhigen Zeiten nicht auch ihre Gefahren gehabt hätten, oh, es gab eine Menge! Petroleumlampen explodierten, desgleichen Kachelöfen – aus unerfindlichen Gründen; besonders das Prachtstück in unserem Esszimmer und mit Vorliebe dann, wenn Gäste erwartet wurden und die Tafel mit dem besten Leinen und Porzellan gedeckt war. Häuser brannten nieder, bevor die von Pferden gezogene Feuerspritze eingreifen konnte, und nicht wenige unschuldige Menschen kamen durch ungeschickte Handhabung des

Eine andere Gefahr für Kinder und Erwachsene gleichermaßen verkörperte der Wiener Hausmeister – ich will ihn einmal Pitzelgruber benennen. Nicht so barsch wie ein deutscher Portier, nicht so zugänglich wie die französische Concierge, nicht so gleichgültig wie ein amerikanischer Pförtner, ist der Hausmeister ein unübersetzbares exklusives Wiener Produkt, tyrannisch und misstrauisch, angefüllt mit gehässigem Klatsch und Neid, argusäugig und mit großen Handflächen zur Entgegennahme von Trinkgeldern und Bestechungsgeschenken ausgerüstet. Herr Pitzelgruber weiß mehr über dich als du selbst. Er hält sich und die anderen gut informiert über deine Vorgänger, deine Stellung, dein Einkommen und Haushaltsgeld, deine religiöse Überzeugung, deine Ehe, deine Verwandten, Kinder, Freunde und Besucher; vor allem über die späten Besucher, denen er grundsätzlich und gründlich misstraut und die er aller Arten von moralischen, politischen und religiösen Defekten verdächtigt.

Um zehn Uhr abends verschließt er die Haustür, zu der außer ihm kein Mensch einen Schlüssel hat. Zumindest verhielt es sich so, als ich ein Kind war, und die bemerkenswerte hausmeisterliche Machtposition begründete sich darauf. Wollte

Die Pitzelgrubers waren überzeugte Anhänger des Zweiparteiensystems. Ihre Methode des Selbstschutzes, stets beiden Seiten anzugehören, zeigte sich besonders wirksam, als sie die rot-weißen österreichischen Embleme diskret beiseiteschafften und die Hakenkreuzfahnen enthüllten, die sie in weiser Voraussicht für den Tag des Anschlusses bereitgehalten hatten.

Es lohnte sich nicht, so viele Worte auf die Spezies Pitzelgruber zu verschwenden, wenn sie nicht das Rückgrat der österreichischen Nazi-Bewegung gewesen wären, Prototypen von Hitler selbst.

Etwas anderes, woran ich mich aus dieser Zeit erinnere, ist die Sache mit dem dritten Pferd. An Sonn- und Feiertagen beförderte uns in der Regel ein Pferdeomnibus in einen kleinstädtischen Vorort, wo wir Freunde meiner Eltern, die dort eine Villa besaßen, besuchten. Heute ist das überhaupt keine Entfernung, doch damals bedeutete es eine kleine Expedition. Rumpelnd und ratternd verließ das Vehikel, von einem Pferdegespann über das Kopfsteinpflaster gezogen, zunächst das eigentliche Zentrum. Waren wir in die Mariahilferstraße

Dieses kleine Transportdrama aus alten Tagen kommt mir manchmal in den Sinn, wenn ich von einem Wolkenkratzer oder von irgendeiner Anhöhe in die Tiefe schaue und das unwahrscheinliche Gewirr von Straßen beobachte, auf denen sich der Verkehr unseres gewaltigen Ameisenhügels Los Angeles wie von einer unendlichen Spule abwickelt. Ein gigantisches Muster von Schleifen und Kleeblättern, Überführungen und Unterführungen, achtspurigen Asphaltbändern, auf denen die Autos in entgegengesetzten Richtungen dahinkriechen, Stoßstange an Stoßstange, Tag und Nacht. Und Hubschrauber darüber, die auf die unvermeidlichen Unfälle und Verkehrsstauungen warten; hoch oben Düsenflugzeuge, die ihre weißen Spuren in den sternenlosen Himmel schreiben; und in unvorstellbaren Entfernungen von Menschenhand geschaffene Satelliten, die auf ihrer Bahn kreisen, Parabeln zeichnen, Botschaften senden oder verglühen, explodieren, spurlos verschwinden. Und noch weiter jenseits streben ungezählte unbekannte Milchstraßen immer

Es ist zu viel – so sage ich mir selbst –, einfach zu viel, zu viel Fortschritt für den Zeitraum eines einzigen Menschenlebens. Wir sind zu schnell zu weit gekommen. Diese Welt ist nicht mehr derselbe Planet, auf dem ich geboren wurde …

Und hier werde ich immer ein bisschen schwindlig. Und furchtsam außerdem; ich fühle mich in der gleichen Weise elend und ohnmächtig wie schon als Kind, wenn ich versuchte, mir diese Dinge ohne Ende, die Unendlichkeit, vorzustellen.

Es gibt in jedem von uns bestimmte Bereiche für Ängste, deren Gegenpol bestimmte Bereiche des Mutes sind. Wir sind alle gleich konstruiert: zu fünfzig Prozent Held, zu fünfzig Prozent Feigling. Ich für meine Person bin und war immer ein Feigling, was Lärm und Geschwindigkeit angeht; und ich begegne allen technischen Apparaten einschließlich Telefon und Mixer mit leiser Angst. Sie mögen mich ebenso wenig. Und sie könnten einmal explodieren, nicht wahr?

Ich passe ganz entschieden nicht in unsere Zeit.

Auf der anderen Seite verzweifle ich dafür nicht so leicht in unangenehmen Lebenslagen. Ich fürchte mich nicht vor Krankheit und Operationen – soweit es sich um meine eigenen handelt –, ich fürchtete mich noch nie vor der Dunkelheit, vor dem Alleinsein in einem Haus, vor Einbrechern, Mördern und Ungeheuern. Auch nicht vor dem Tod, würde ich sagen, wenn das nicht so hochtrabend klänge …

Den ersten Schrecken, den ich in Erinnerung habe, jagte mir die Tapete in unserem Esszimmer ein.

Sie hatte ein hässliches, ekelhaftes Braun und ein schwarzes

Ich war ungefähr drei Jahre alt, als ich mich zum zweiten Male mit einem Muster aus schwarzen Punkten und Strichen beschäftigte, einem ganz anderen allerdings. Ich sitze auf dem Boden, so ernsthaft und konzentriert meinen Untersuchungen zugewandt, wie es nur Dreijährige sein können. Diesmal sind die Punkte und Striche hübsch; winzige Männchen, winzige Bilder, freundliche Winzigkeiten – sie stürzen nicht wild aufeinander zu, sondern marschieren in artigen

Ich könnte nicht sagen, nach welcher Methode ich so früh lesen lernte – das unbeschwerte Gehirn eines kleinen Kindes begreift eben die Bedeutung von Zeichen noch sehr leicht. Jedes Kind kennt heute die Verkehrszeichen, das »Warten« und »Gehen«, das X einer Kreuzung, das S einer scharfen Kurve. Buchstaben sind vom gleichen Stoff. In meiner Kindheit lernte ich durch die Straßenschilder. Wir wohnten in der Elisabethstraße – ein langes, irgendwie verwirrendes Wort, aber nach wiederholtem Üben fand ich heraus, dass der Laut E sich mit dem Buchstaben E deckte; allerdings, um die Sache wieder zu komplizieren, trat noch ein anderes, kleineres e in Elisabeth auf. Das, so erklärte mir das Kindermädchen, verhielt sich genauso wie mit ihr, die wir die kleine Katl nannten, zur Unterscheidung von der großen Kati, die in der

Inzwischen hatte ich aber mein Interesse noch auf eine andere Art winziger schwarzer Kreaturen ausgedehnt: die überall auffindbaren Ameisen.

In einem Park oder während des Sommers auf dem Land wurde ich niemals müde, dieses geschäftige kleine Völkchen zu beobachten und die Erwachsenen mit Fragen zu quälen; immer wieder wollte ich von ihnen erzählt haben – mehr, bitte, noch mehr, erzähl mir alles über sie … Ich hielt sie für schön, und sie erinnerten mich an glänzende, süße Brombeeren; meine anfänglichen Versuche, sie zu fangen und zu verspeisen, endeten allerdings, wie vorauszusehen, mit brennenden roten Flecken auf meiner Haut und lautem Gebrüll um Beistand. Nachdem mir die Ameisen auf diese Weise Respekt beigebracht hatten, wurden wir große Freunde. Ihre Häuser, Hügel und Höhlen waren so geschickt angelegt, auf ihren Wegen wimmelte es von kleinen Wanderern, und sie waren solch lustige Clowns, wenn sie versuchten, eine Beute, eine Jagdtrophäe heimzuschleppen, die zehnmal so groß war wie sie selbst. Es lohnt sich auch, sich von ihnen bei gegenseitiger

Für den Fall, dass jemand ebenso klugen Freund nie besessen hat, will ich erklären, was er tun muss: Man breite den weißen Bezug neben dem Ameisenhaufen aus und erzeuge mittels eines Stockes ein ordentliches, starkes Erdbeben, eine Katastrophe, ein Unheil. Ein paar Sekunden lang herrscht Panik in dem aufgestörten Hügel, doch dann gewinnt der Instinkt für Organisation die Oberhand. Sie schaffen die Eier heraus, suchen nach einem sicheren Platz, wo sie sie deponieren können, und entdecken die einladende, friedliche Fläche. Vielleicht ist es ein angeborener Nachahmungstrieb, der sie ihre kostbaren Bündel auf den weißen Kopfkissenbezug legen lässt. Wenn man Ameiseneier braucht – beispielsweise zum Angeln, so hat man nichts weiter zu tun, als die winzigen Dinger in die mitgebrachte Tüte zu schütten.

Wenigstens verhält es sich in der Theorie so; es gelingt nicht immer. Manchmal scheuen die Ameisen, gewarnt durch den menschlichen Geruch, vor dem weißen Feld zurück und graben mit unglaublicher Geschwindigkeit neue

Was aber soll ich davon halten, wenn dieselben ordentlichen, sauberen, gut organisierten und selbstlosen Ameisen, so bemüht um Nahrung und Existenz, so besorgt um die Aufzucht ihrer Nachkommenschaft, in voller Rüstung ausmarschieren, um andere Ameisenhügel, Ameisenländer, ja sogar andere Ameisenkontinente zu bekriegen? Am Abend ist das Schlachtfeld mit kleinen Leichen übersät. »Sind sie verrückt? Warum fangen sie Krieg an?«, frage ich. Sepp zuckt die Schultern. »Weil Ameisen immer Krieg g’habt haben und immer haben werden«, erklärt er weise. Das ist ein Philosoph, mein Sepp!

Es ist nicht länger zu verschweigen, dass die Fundamente meiner eigenen Weltanschauung dieser kindlichen Beschäftigung mit Ameisen entstammen.

Das Schlimme bei den Ameisen ist, dass sie nicht wissen, wie klein sie sind. Sie haben keine Vorstellung davon, wie viele Ameisenhügel es in den Wäldern gibt. Sie kennen nur ihre eigenen und vielleicht noch ein paar andere, die nahe genug liegen, um Krieg gegen sie führen zu können. Möglicherweise haben sie eine vage Ahnung von dem Dutzend Ameisenhügel auf unserem kleinen Abhang, den Sepp Afrika getauft hat. Vielleicht haben sie einmal davon gehört, dass andere Abhänge existieren, andere Lichtungen in den Wäldern um unser Dorf herum. Doch hier gerät man schon in den Bereich der Fabel. Dass es allein in dieser einen kleinen

Wie mochte Gott in den Augen der Ameisen aussehen? dachte ich weiter. Wie eine Ameise von mythischer Größe und Macht? Oder wie wir, Sepp und ich, die Erdbeben veranstalteten, die ihnen heute eine ausnehmend lange Blindschleiche als milde Gabe brachten, damit sie ihre Vorratskammern füllen konnten, um am nächsten Tag ihr Land zu zerstören und es in eine Wüste zu verwandeln? Haltet euch nicht für so ungeheuer wichtig, ihr kleinen Ameisen, ermahnte ich sie streng. Auch zu mir selbst habe ich das bestimmt viele Tausend Male gesagt, es hilft einem, das innere Gleichgewicht zu bewahren …

Die Parallele zur Menschheit leuchtete sogar mir als kleinem bezopftem Gnom aus der Grundschule ein. Und darauf ist es auch zurückzuführen, dass mir persönlich die Idee eines Gottes, der vom Himmel herunterschaut, unsinnig vorkam. Es gab noch andere Wälder, andere Länder, andere Welten dort oben. Als ich zehn war, hatte ich bereits den überheblichen Glauben verloren, dass Gott in irgendeiner Weise nach mir fragte, und ich bildete mir auch nicht ein, dass wir, die menschliche Rasse, die Krone und der Endzweck der Schöpfung seien. Ich begann mir eine eigene Vorstellung von Gott zu formen, meine eigene Religion, wenn man es so nennen will; einen Glauben an ein ewiges Gesetz und eine ausgewogene Ordnung dort oben, draußen; und an das innere Gesetz

Sobald ich die Freuden des Lesens entdeckt hatte, fing ich an, um ein eigenes Buch zu betteln. Und es kam der unvergessliche Augenblick an meinem vierten Geburtstag, als ich beim Erwachen durch den grünen Tüllvorhang meines Gitterbettes das Buch auf meiner sauber zusammengefalteten Unterwäsche und meinen schwarzen Strümpfen erspähte. Auf dem Umschlag war ein Bild, und innen gab es andere Bilder, und der Titel hieß: »Gute Menschen – Edle Taten«. Ich las dieses Buch viele Jahre lang immer wieder; es hat meiner armen, vier Jahre alten Persönlichkeit großen Schaden zugefügt und mich, wie ich befürchte, in mancher Beziehung für mein ganzes Leben ruiniert.

Da gab es den Jungen, der mit seinem Finger die Bruchstelle eines Deiches zuhielt, und den jungen Griechen, der in eine Erdspalte sprang, die den Boden zerrissen hatte, damit die Götter, befriedigt durch sein Opfer, die Erde über seiner Leiche wieder schlössen.

Da war der Schweizer Held Winkelried, der mit starken Armen die feindlichen Speerspitzen ergriff und sie sich in die Brust bohrte, um so für seine Freunde eine Bresche zu schaffen. Aus jeder Seite quollen gute Menschen und edle Taten – mit den zugehörigen Illustrationen. Unerreichbare Höhen der Güte, Tapferkeit und Selbstaufopferung waren es, übermenschlich, hoch über und jenseits dessen, was man unter Pflichterfüllung verstand. Es hätte ein unerträglich dünkelhafter Tugendbold aus mir werden können, da ich begreiflicherweise nach gleicher Güte und Größe strebte und davon träumte, Babys aus brennenden Häusern zu retten oder mich scheuenden Pferden entgegenzuwerfen. Glücklicherweise

An meinen vierten Geburtstag erinnere ich mich deshalb so gut, weil ich bis dahin ein glückliches Kind war. Danach geschahen einige Dinge, die wie Wolken und dunkle Schatten über mir hingen.

Vor allem erkrankte meine Mutter. Nicht, wie ich es von mir kannte, an Masern oder Halsentzündung und hohem Fieber, sondern an etwas Unbegreiflichem, Unfassbarem.

»Sei still, deine Mama ist nervös«, wies mich die kleine Katl zurecht. »Komm, bleib bei mir in der Küche, aber mach keinen Lärm! Deine arme Mama hat heut Nacht kein Aug zutun können, und jetzt möcht’ sie ein biss’l ausruhn«, ermahnte mich die dicke, warmherzige große Katl, die ich viel lieber mochte als die kleine, mausgesichtige. »Hör gut zu, du bist jetzt schon ein großes Mädchen und alt genug, um dich anständig zu benehmen und Mama nicht verrückt zu machen«, schalt Papa, der in meinen Ängsten die Stelle des Feuerwerks, tosenden Lärms und der Esszimmertapete eingenommen hatte.

Beladen mit der Verantwortung für Mamas Nerven und Gesundheit, alterte ich beträchtlich. Und noch mehr, als im selben Jahr mein Großvater starb, der liebe, hässliche, schielende, kleine alte Jude, die einzige Person, die mir das Gefühl eingab, geliebt zu werden, mein engster Freund und Spielgefährte, der niemals zu der feindseligen Clique der Erwachsenen zu gehören schien, der mir niemals einen Tag älter vorgekommen war als ich selbst.

Es wäre sicherlich passender, wenn ich den ausgetretenen Pfaden folgte, die in Lebensbeschreibungen gewöhnlich

Das sorglose, unbekümmerte Österreich war, obgleich eine Monarchie, so demokratisch, wie Amerika es vermutlich niemals werden kann. Da gab es keine Jones, mit denen man sich messen wollte, keine so streng aufeinanderschichtende Gesellschaftsidee, wie ich sie in Amerika gefunden habe, und ganz bestimmt keine Gesellschaft, die sich nach Reichtum und Einkommen staffelte. Es waren natürlich gewisse Zeichen, die uns als solide, gute Mittelklasse auswiesen, vorhanden. Wir lebten im ältesten und zugleich besten Stadtviertel Wiens, und unsere Wohnung lag in einem protzigen Haus, dessen Erbauer sich hinsichtlich Großartigkeit am Palazzo Pitti in Florenz orientiert haben musste – mit gewaltigen Karyatiden, die nichts zu tragen hatten, großen, hohen Räumen, enormen Doppeltüren und Parkettböden, deren Glanz die beiden Katls auf die Weise erhielten, dass sie stundenlang mit gewachsten Bürsten unter den Füßen eine Art Schlittschuhlauf vollführten. Schwere, mit abscheulichen Schnitzereien verunzierte

Jeden Morgen erschien der Friseur, um sich Mamas Coiffure anzunehmen – ein unfehlbares Zeichen von Vornehmheit. Er hieß Hering, und er sah auch so aus. Mir erschien es gar nicht ausgeschlossen, dass er aus einem Märchen entlaufen war, dünn und schleimig, mit dunklen Ringen um die runden roten Augen – ein Prinz vielleicht, der von einem Zauberer in einen Fisch verwandelt worden war? Er entzündete seinen Spiritusbrenner und setzte seine zwei Brennscheren in Tätigkeit; der Raum begann nach dem versengten Papier zu riechen, an dem er ihre Hitze erprobte, und nach rosenduftendem Haaröl, das seine Spinnenfinger zärtlich über Mamas vollendete Haarpracht verteilten. Seine Konversation mit Mama führte er auf Französisch, das er erstaunlich schnell heraussprudelte, mit Wiener Dialektfärbung allerdings. Meine Eltern sprachen beide gut Französisch, und die kleine Katl wurde sehr bald durch eine Mademoiselle ersetzt, streng nach der damaligen Erziehungsschablone. Ich weiß noch, dass ich Mademoiselle gut leiden konnte, aber ich kann mich überhaupt nicht mehr daran erinnern, wie sie aussah und was für ein Mensch sie war. Ich fand es herrlich, Französisch via »Ali Baba et les quarante Voleurs« zu lernen, und bald litt und triumphierte ich mit George Sands »Petite Fadette«.

Als jedoch Mamas Nervenzustand sich verschlechterte, anstatt sich zu bessern, wurden mir Mademoiselle und ihre schönen französischen Bücher entzogen. Mein Französisch hat