upasana das gute Gefühl

herausgegeben von Eberhard Bärr

upasana
das gute Gefühl

Inspirierende Geschichten und
Weisheiten aus dem Yoga

Knaur e-books

Inhaltsübersicht

Über Sukumar / Eberhard Bärr

Seit seiner Kindheit beschäftigt sich der Yoga- und Vedanta-Lehrer sowie Yoga-Therapeut Sukumar mit Meditation. Er hat deren spirituelle Aspekte verinnerlicht, die ungebunden an rituelle und traditionelle Formen existieren. Mit großem Erfolg unterrichtete er viele Studenten aus westlichen Ländern im Vivekananda-Kendra-Institut, einem renommierten Yoga- und Yoga-Therapie-Zentrum in Bangalore, Südindien, in dem er als leitender Lehrer und Therapeut tätig war. Seine Studenten schätzen an ihm die Einfühlsamkeit, mit der er auf die spezielle Problematik des westlichen Menschen einzugehen vermag. Bis 2003 gab er regelmäßig Seminare über Yoga und Vedanta in Europa. Heute lebt und unterrichtet Sukumar in seinem eigenen Gästehaus in der Nähe von Samse, einem kleinen Dorf in den Bergen von Karnataka in Südindien.

Eberhard Bärr lebte 15 Jahre in Indien und wurde dort zum Yoga-Lehrer im Vivekananda-Institut in Bangalore ausgebildet. Er lebte 10 Jahre mit seinem Lehrer Sukumar in Südindien und hielt dort und in Europa mit ihm zusammen Seminare. Während der langen gemeinsamen Zeit mit Sukumar und durch die Unterweisung anderer indischer Lehrer vertiefte er sein Wissen in die indische Vedanta-Lehre. Er leitete viele Jahre spirituelle Reisen in Indien und Nepal, hält regelmäßig Seminare in Deutschland, Österreich und in der Schweiz und ist als Referent in vielen Yogalehrer-Ausbildungen tätig. Sein informeller und oft humorvoller Unterrichtsstil öffnet mit Leichtigkeit die Türen zu der tiefen Weisheit des Yoga und wirkt mit vielen von ihm einprägsam formulierten Sätzen nachhaltig bis in den Alltag hinein.

www.upasana.de

Impressum

Die erste Herausgabe von »upasana« erschien 2001 bei Editions Heuwinkel, Carouge/Genf, Schweiz.

 

© 2020 O. W. Barth Verlag

Ein Imprint der Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

© 2020 der eBook-Ausgabe Knaur eBook

Covergestaltung: Daniela Meyer

Coverabbildung: Abhinandan Balall

ISBN 978-3-426-45857-0

Fußnoten

In diesem Buch wird das englische Wort »mind« entweder mit »Geist« oder mit »Verstand« wiedergegeben, je nach Bedeutungsschwerpunkt. Ein für »mind« völlig gleichbedeutendes Wort existiert im Deutschen nicht.

Vgl. Kapitel. 12

Die hier angesprochenen Yoga-Übungen können schriftlich nicht adäquat vermittelt werden. Es bedarf hier einer persönlichen Anleitung.

Vgl. Fußnote zu »Übungen«.

Hier ist der traumlose Tiefschlaf gemeint.

Ein Zustand der Bewusstseinsausdehnung, über den in Kapitel 9 näher gesprochen wird.

Einer der bekanntesten spirituellen Meister Indiens dieses Jahrhunderts.

Hiermit ist unser jetziger Wachzustand gemeint.

»Selbst« wird hier und weiterhin verstanden als: »Das Selbst ist immer gegenwärtig. […] Es ist weder Licht noch Finsternis. Es ist nur, was es ist, und kann nicht definiert werden. Die beste Definition ist ›Ich bin, der ich bin‹. […] Es ist einfach Sein.« (Ramana Maharshi: Sei, was du bist! Hrsg.: David Godman, 4. Aufl., S. 20, O. W. Barth Verlag, München1995).

Ein sehr bekannter indischer Heiliger, geb. 1836 in Karmapukur/Bengalen, gest. 1886 in Kalkutta.

Vgl. dazu besonders die Ausführungen in Kapitel 9.

Tendenzen bedeutet hier das Sanskritwort Samskara, das die Intensität bestimmt, mit der du reagierst und wie du reagierst.

Damit ist unser westlicher Lebensstandard gemeint.

Tamas ist der Zustand von Lethargie und Dumpfheit, Rajas von Überaktivität und Unruhe, Sattva von Ausgeglichenheit und Klarheit.

Nach der spirituellen Tradition in Indien leben Menschen, die sich nur der Spiritualität widmen und daher keinen Beruf haben, ausschließlich vom Betteln.

Es wird hier als die höchste Berufung der Ehefrau angesehen, ihrem Mann zu dienen.

In der Tradition Indiens sind fast alle spirituell suchenden Menschen strenge Vegetarier.

Matthäus 19,19.

Lukas 23,34.

Jesus und die Sünderin, Johannes 8,11: »Ich verurteile dich nicht, geh hin und sündige nicht mehr.«

Ein Mantra ist ein spiritueller Rezitationstext oder auch nur ein heiliges Wort oder eine Silbe.

Siehe dazu auch Kapitel 18.

Asanas sind die verschiedenen Körperhaltungen des Yoga.

Enthaltung von Sexualität in der indischen Tradition ist vergleichbar mit dem Zölibat im Christentum.

Siehe auch Kapitel 13.

Die Essenz des spirituellen Wissens.

Altüberlieferte Weisheitsbücher Indiens.

Ein Guru ist ein spiritueller Lehrer.

Der Autor des Yoga-Sutra von Patanjali, eines der ursprünglichsten Texte des Yoga.

Vgl. Patanjali Yoga-Sutra, Teil 1, »Samadhi Pada«, Sutra 33.

Einer der vier Pfade des Yoga: der Pfad der Liebe und Hingabe.

Tendenzen sind Samskaras, die bereits in Kapitel 12 erklärt wurden.

Ein Opfer bedeutet in der indischen Tradition, dem Göttlichen in einer freudigen und hingebungsvollen Weise Dankbarkeit zu erweisen, mit dem Verständnis, dass alles göttlich ist.

Maya ist der Grund für die Verhüllung der Realität und lässt das Nicht-reale als real erscheinen.

Vedanta heißt wörtlich übersetzt: »der letzte Teil der Veden«. Es ist der essenzielle Teil des spirituellen Wissens.

Es ist das, was als paradox und nicht erklärbar erscheint, es wird als Maya bezeichnet.

Individuum ist in diesem Zusammenhang gleichzusetzen mit Persönlichkeit oder Ego.

 

Dieses Buch repräsentiert weder eine bestimmte Lehre noch einen Lehrer.
Es ist das universelle Wissen von der Überwindung des Leidens.

 

 

 

 

Für

Dr. H.R. Nagendra

und

Prof. A. Satyanarayana Shastri

Bangalore, Südindien

Vorwort

Ein Mensch, der Antworten für sein spirituelles Leben sucht, findet sich in einem Dschungel verschiedenster Auffassungen wieder. Beschreibungen über das Besondere und Außergewöhnliche erzeugen auf der Suche nach innerem Frieden und Klarheit oft nur noch mehr Verwirrung und Unruhe. Um uns bewusst zu machen, dass die Lösung unserer Probleme sich in einer absoluten Einfachheit versteckt, bedarf es einfacher und direkter Worte, die unserem Geist nicht erlauben, sich in neue komplizierte Gedankenmuster zu verstricken. Echte Lehrer sind selten und besitzen die Fähigkeit, jede Frage und jeden Zweifel hin zu dieser Einfachheit zu bringen. Sie verlieren sich nicht in orthodoxen oder mystifizierenden Erklärungsversuchen und stellen einen praktischen Bezug zum wirklichen Leben her.

 

Ich hatte das Glück, im Jahr 1991 einem solchen Lehrer zu begegnen, wodurch mein Leben erheblich einfacher und friedlicher wurde. Ich traf ihn in einem bekannten Yogazentrum Südindiens, in dem er Lehrer in einem vierwöchigen Kurs war. Ich werde wohl nie seinen ersten Vortrag vergessen, und vor allem nicht, was in mir dadurch bewegt wurde. Endlich vernahm ich Worte, die einfach waren, Sinn machten und vor allem auch praktisch anwendbar erschienen. Aus vier Wochen wurden zwei Jahre in diesem Zentrum, und auch nachdem wir gemeinsam diesen Platz verließen, wich ich ihm in den folgenden Jahren in meinem Wissensdurst nicht mehr von der Seite. Wir ließen uns an einem ruhigen Platz in den Bergen Südindiens nieder, um uns dort weitgehend unabhängig mit Spiritualität zu beschäftigen. Im Laufe der Zeit entwickelte es sich dann doch so, dass hier in Indien, und später auch in Europa, formelle Seminare abgehalten wurden. Nach einiger Zeit kam mir dann der Gedanke, dass man dieses Wissen, das Sukumar in immer genialerer und einfühlsamerer Weise vortrug, festhalten sollte. Ich begann, Vorträge aufzuzeichnen, um daraus ein Buch zu gestalten. Als ich mit der Erstellung des Buches anfing, bemerkte ich, dass dies eine wunderbare Möglichkeit war, mich immer wieder aufs Neue intensiv mit diesem Wissen zu beschäftigen.

 

Dieses Buch hat weder irgendeine Botschaft noch einen Aufruf, es entstand einfach aus der Freude, es niederzuschreiben. Das Buch ist aus der gleichen Motivation entstanden, die auch Sukumar zum Lehren veranlasst, einfach aus dem Wunsch, diesem Wissen nahe zu sein. Er bereitet niemals einen Vortrag vor oder überlegt, was er sagen solle, er gibt sich seinem innersten Selbst einfach hin und lässt die Worte fließen. Genau dies bedeutet das Sanskritwort Upasana, die Verehrung oder die Hingabe nach innen zum Selbst oder einfach zum »guten Gefühl«. Alle hier niedergeschriebenen Worte entspringen dieser Quelle. Die Geschichten und Analogien, die von ihm erzählt werden, entstammen der indischen Vedanta-Lehre, woraus er auch in Vorträgen Texte zitiert. Aber das Wissen, das eine so direkte und tiefe Wirkung auf den Zuhörer hat, das ohne komplizierte Modelle und Fachbegriffe auskommt, entspringt einfach dem Zustand der inneren Hingabe und Ruhe. Ein Buch kann natürlich niemals einen Ersatz für die mündliche Weitergabe dieses Wissens darstellen, nicht zuletzt, da der Austausch zwischen Lehrer und Schüler nicht möglich ist. Denn Frage und Antwort sind es, was dieses Wissen lebendig macht. Um sich dem zumindest anzunähern, besteht jedes Kapitel aus einem einführenden Text, an den sich Fragen und Antworten anschließen.

 

Sukumar möchte nicht, dass ich hier weiter auf seine Person eingehe, da er die Person, die das Wissen vermittelt, für nicht wichtig erachtet. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich einen Lehrer fand, dessen erste Absicht darin besteht, sich diesem Selbst hinzugeben, und für den das Lehren nur von zweiter Bedeutung ist.

 

Eberhard Bärr

Samse, Südindien

Prata Smarana Stotra

(Morgengedicht von Shankara)

 

Bei der Morgendämmerung rufe ich mir ins Gedächtnis das Wesen des Selbst, wie es mir, aus sich selbst leuchtend, ins Herz scheint.

»Das Vierte« (Turya), das ewiges Sein ist, reines Bewusstsein und Seligkeit – das Ziel der »Höchsten Schwäne« (heimatlos und frei).

 

Das Wesen, das die Zustände von Traum, Wachen und Tiefschlaf beobachtet – diese erhabenste Substanz (Brahman) bin ich. Sie ist unteilbar, ohne Teile. Ich bin nicht aus den fünf vergänglichen Elementen zusammengesetzt. Ich bin weder Leib und Sinne, noch was im Leibe ist (Antaranga, die Seele).

 

Ich bin nicht die Ich-Funktion. Ich bin nicht die Summe der vitalen Atemkräfte. Ich bin nicht intuitives Verstehen (Buddhi). Fern bin ich von Familie, fern von Land, Reichtum und anderen Gütern dieser Art. Ich bin der Zeuge, der Ewige, das innere Selbst, der Selige. Das bin ich.

Shankaracharya ist der bekannteste Vertreter der Advaita-Vedanta-Philosophie (geboren ca. 788 n. Chr. in Kaladi, Südindien; gestorben ca. 820 n. Chr. in Kerdanath, Nordindien).

Einleitung

Es war einmal ein Vogel mit Namen Videha, der sich unendlich im Himmel vergnügte und ohne jeglichen Grund glücklich und zufrieden war. Er hatte zwei Flügel namens Jnana und Vairaghya, das bedeutet Weisheit und Losgelöstheit. Zuweilen war er ganz im Geschehen, das er durch seine eigene Vorstellungskraft erschuf, und doch blieb er unberührt von all dem. Ganz natürlich glitt er durch den Luftraum, wie ein Adler hoch am Himmel, ohne die Notwendigkeit, auch nur mit den Flügeln zu schlagen. Im Flug legte er drei Eier. Durch die Reibung, die durch die Fallgeschwindigkeit entstand, brachen die Eierschalen auf, und alle drei Küken schlüpften aus.

Dem ersten Vogel war es gar nicht bewusst, dass er fiel. In seiner Unwissenheit machte er eine Bruchlandung und befand sich in einem erbärmlichen Zustand. Mit gebrochenen Flügeln kam er nach einiger Zeit wieder zu Bewusstsein, nur um seine schrecklichen Schmerzen und sein Leid wahrzunehmen. Er wusste nicht, was er tun sollte, um dieses Leid zu überwinden. Als sein Zustand sich etwas verbesserte, empfand er Hunger und begann, nach lebenden Kreaturen auf dem Boden zu suchen, die seinen Hunger stillen könnten. Und so hatte er einen Sinn des Lebens gefunden. In der Gemeinschaft der anderen Vögel, die ihm ähnlich waren und sich gleich verhielten, vergaß er völlig seine ursprüngliche Herkunft und seine Möglichkeit zurückzufliegen.

Der zweite Vogel war sich zwar seiner Situation bewusst, aber trotzdem völlig hilflos. Starr vor Angst machte er ebenfalls eine Bruchlandung. Als auch er sein Bewusstsein wiedererlangte und seine Schmerzen und sein Leiden wahrnahm, fing er an, darüber nachzudenken, wie er dieses Unglück überwinden könnte. Vage erinnerte er sich an seine Mutter, sah nach oben in Erwartung ihrer Hilfe und verspürte einen inneren Drang zurückzufliegen. Mit großem Einsatz und vielen Schmerzen erkundete er die Möglichkeit des Fliegens und erkannte diese in der Bewegung seiner beiden Flügel. Er lernte, höher und höher in die Lüfte zu steigen, und kehrte – vielleicht – in seine friedvolle Heimat zurück.

Der dritte Vogel war weise. Noch während des Fallens wurde er sich der Situation völlig bewusst, und durch seine Intelligenz entdeckte er die Möglichkeit des Fliegens. Er lernte, seine Flügel auszubreiten und zu benutzen, um noch vor dem Aufprall zurück zu seiner Heimat zu fliegen.

Viele Menschen sind unglücklicherweise wie der erste Vogel, völlig verfangen in der materiellen Welt, ständig bemüht, Erfüllung in Genüssen zu finden. Sie benutzen all ihre Intelligenz, nur um sich ihr Verlangen zu erfüllen. Menschen, die zu dieser Kategorie gehören, sind schlau, egoistisch, effizient und benutzen die Welt zu ihrem Vorteil. Andererseits geben sie der Welt die Schuld an ihrem Leiden und Unglück. Spiritualität spielt nur eine geringe Rolle im Leben solcher Menschen. Im besten Fall werden sie blind einige Götter und Göttinnen verehren, von denen sie sich etwas moralischen Trost erhoffen.

Die Menschen der zweiten Kategorie sind intelligent, emotional und sensibel den Geschehnissen der Welt gegenüber. Innerlich reagieren sie stark auf das sogenannte Böse und Schlechte dieser Welt. Mit dieser Einstellung schaffen sie in ihrem Inneren Gewalt, die keinen Ausdruck findet. Aufgrund moralischer Werte, an die sie sich gebunden fühlen, entstehen daher Selbstunterdrückung, Stress und Leid. Solche Menschen sind sensibel genug, ihr eigenes Leid zu erkennen. Sie ahnen einerseits, dass sie in der Welt nicht die Erfüllung finden können, aber andererseits wissen sie nicht, was zu tun ist. Für diese Menschen ist dieses Buch geschrieben.

Sehr selten werden Menschen der dritten Kategorie geboren. Sie verfügen über große Gelassenheit und sind leidenschaftslos. Ohne durch großes Leiden gehen zu müssen, sind sie schon durch einen kleinen Hinweis fähig, die Wahrheit zu erkennen. In diesem Zustand der Beständigkeit werden sie den Rest ihres Lebens ohne Probleme verbringen.

1
Sich gut fühlen

Was bedeutet Glück? …. Das gute Gefühl aufrechterhalten …. Rechtfertigung des Leidens …. Lebensprobleme …. Leben, um sich gut zu fühlen …. Dein Gefühl und die Welt …. Glück aus der Distanz …. Glück ohne Abhängigkeit …. Der Welt Gutes tun

Was bedeutet für uns Glück? Unsere Vorstellung von Glück ist ganz unterschiedlich. Oft ist es die Vorstellung, welche Fähigkeiten wir haben, wie viele materielle Dinge wir besitzen oder welchen sozialen Status wir haben.

Beobachte einmal ganz nüchtern einen Tag und stelle dir selbst die Frage, wie er war. Worauf basiert deine Beurteilung des Tages? Manchmal erledigst du alle Dinge mit großer Leichtigkeit, obwohl du auf Probleme gestoßen bist. Wenn du dich in einer guten Verfassung befindest, fällt es dir leicht, mit allem umzugehen, einfach, weil du ein gutes Gefühl in dir hast. Du denkst positiv, du bist gelassen, und deshalb ist es für dich einfach, mit den Dingen umzugehen. Du kommst nach Hause und sagst: »Heute war ein guter Tag.« Es gibt auch Tage, an denen nicht viel passiert: Du bist vielleicht viel im Haus, hörst Musik, liest ein schönes Buch oder schläfst – du hast Zeit für dich. Es gab keine Probleme, aber am Ende des Tages hast du doch das Gefühl, dass es kein besonders guter Tag war. Es hätte für dich besser sein können. Du hast dich einfach nicht gut gefühlt. Der Geist[1] war vielleicht zu unruhig, und du hattest viele Gedanken. Du hast dir Sorgen gemacht, und das hat dich erschöpft und viel Energie gekostet. Daher kam das Gefühl, dass es kein besonders guter Tag war.

So wie du dich dem Leben gegenüber fühlst und wie erfüllt du lebst, das allein ist wichtig. Um dieses gute Gefühl aufrechtzuerhalten, tust du endlos viele Dinge. Betrachte all die Dinge, die du bereits besitzt, und sieh andererseits, was du alles noch kaufen möchtest. Die Industrie produziert immer mehr, um neue Wünsche in dir zu wecken. Sie erlaubt dir nicht, Zufriedenheit zu finden. Sie sagen dir immer wieder: »Hier gibt es wieder etwas Neues! Du kannst es dir noch schöner machen!« Trotz der Tatsache, dass dich vieles umgibt, was dir das Leben angenehm gestalten kann, fühlst du dich nicht wirklich gut. Diese äußeren Annehmlichkeiten machen dich immer verletzlicher. Schon sehr kleine Dinge, wie die falsche Temperatur oder die harte Matratze können dir Unannehmlichkeiten bereiten, und du fühlst dich nicht mehr wohl. Alles muss perfekt sein. Nur eine Kleinigkeit stimmt nicht, und schon bist du schlechter Laune. Du wirst immer schwächer, immer verletzlicher, deine Fähigkeit, mit den Veränderungen des Lebens zurechtzukommen, stirbt langsam ab.

Du bist allerdings schlau genug, den dadurch entstehenden Leidensdruck zu rechtfertigen. Einen Grund außerhalb von dir zu finden, das ist bequemer. Du leidest, weil dein Partner dich stört, dein Nachbar zu laut ist oder dein Boss dich nervt. Die Welt ist nicht okay für dich. Irgendwo in der Welt passiert immer etwas, was dir nicht gefällt.

Nehmen wir einmal an, du machst eine Liste über alles, was dich stört. Schreibe einen Monat alle Fehler auf, die für dich in dieser Welt bestehen. Stelle dir nun vor, eine Weile ist die Welt so, wie du sie dir als perfekte vorstellst. Für eine Weile würdest du »Ja« sagen, aber am zweiten Tag würdest du auch in dieser perfekten Welt etwas finden, von dem du sagen würdest: »Das könnte besser sein. Hier und da könnte man noch etwas verändern«, und deine Klagen würden wieder von vorn beginnen. Der Geist wird dann wieder unruhig. Du gehst durch einen Leidensdruck auch ohne äußeren Anlass, weil der Leidensdruck in dir ist. Sehr schnell findest du einen anderen Grund, dein Leid zu rechtfertigen. Es hört nicht auf. Selbst wenn du die Möglichkeit hättest, jede Situation nach deinem Wunsch zu verändern, so würde dich dies dennoch nicht von deinem Leid befreien.

Ein Leben ohne Probleme zu erwarten, ist nicht die Lösung für die Herausforderungen des Lebens. Die Lösung ist, mit diesen Problemen richtig umgehen zu lernen. Wenn du das lernst, wird ein Problem schwächer. An den Tagen, an denen du mit guter Laune aufwachst, sind Probleme schwach und klein. Sie sind nicht gelöst, die Situation hat sich nicht geändert. Dies bedeutet, dass deine persönliche Verfassung die Intensität des Problems bestimmt. Wenn du das verstehst, eröffnen sich dir praktische Möglichkeiten, mit den Problemen umgehen zu können. Bist du guter Laune und fühlst dich wohl, dann hast du die Stärke, mit den Herausforderungen des Lebens umzugehen. Dieses Gesetz ist anwendbar auf den gesamten psychischen Bereich des Leidens.

Es gibt natürlich auch rein praktische Probleme, bei denen jeder weiß, was zu tun ist. Wenn du Schmerz verspürst, wenn du Hunger hast oder durstig bist, wenn dein Haus brennt, dann ist das ein praktisches Problem. Hier liegt die Lösung meist in einer bestimmten Handlung. Aber dieser Problembereich bereitet dir im Allgemeinen keine Sorgen. Der größte Teil des Leidens gehört in den Bereich der Emotionen. Die emotionalen und sentimentalen Probleme kannst du nicht überwinden, indem du handelst. Wenn das gute Gefühl im Leben verloren geht, multipliziert sich das Leid.

Wenn du zur Quelle aller Erfahrungen gehst, erkennst du die einfache Tatsache: Du fühlst dich gut oder du fühlst dich nicht gut in einer bestimmten Situation. Angefangen vom unbewussten Atmen bis hin zur intelligentesten und bewusstesten Handlung wie Meditation geschieht alles nur in der Absicht, vom schlechten Gefühl loszukommen oder ein gutes Gefühl zu intensivieren. Du tust alles nur, um dich gut zu fühlen. Das klingt sehr einfach und ist es auch. Betrachte alle deine Handlungen, und du wirst feststellen, dass du alles in dieser Absicht tust.

Niemand kann dieses einfache gute Gefühl vollkommen erklären. Alles im Leben bekommt seine Bedeutung aufgrund dieses Gefühls. Alles, was du in dieser Welt liebst, angefangen vom Partner über dein Auto bis zu dem Baum im Garten, trägt zu diesem guten inneren Gefühl bei. Also liebst du eigentlich dieses Gefühl in dir. Du tust alles, um dieses gute Gefühl zu behalten. Es ist der bestimmende Faktor deines Lebens. Das kannst du nicht beweisen oder demonstrieren. Es beweist sich aus sich selbst. Es ist rein subjektiv. Du erfährst das Gefühl. Du brauchst nichts von außen, um es wahrzunehmen.

So wie das Gefühl ist, so siehst du die Welt. Mit dem guten Gefühl ist die Welt schön, wenn das gute Gefühl verloren ist, erscheint die Welt schrecklich. Es ist an sich nicht greifbar, aber es bestimmt die Qualität deiner Emotionen, deines Verstandes und deines ganzen Lebens. Es ist der bestimmende Faktor für ein glückliches Leben, und der liegt ganz in dir selbst. Du brauchst nichts, um das zu betrachten. Auch jetzt ist das Gefühl in einem gewissen Ausmaß da. Wie fühlst du dich jetzt? Verbinde dich mit dem Gefühl!

Was genau ist dieses Gefühl?

Du kennst ein Gefühl der Zufriedenheit, und das willst du immer wieder. Du hast es allerdings niemals direkt betrachtet. Anstatt es direkt zu betrachten, mit dem Wissen, dass es in dir ist, hast du dieses Gefühl fälschlicherweise mit Sex, mit einer Tasse Kaffee, mit Alkohol, mit Fußball, mit allen möglichen Genüssen verbunden, von denen du denkst, sie würden dich glücklich machen. Du hast dir angewöhnt, das Glück als etwas anzusehen, was von außen kommt. Die Vorstellung, glücklich zu sein, ist verbunden mit der Diskriminierung der Gegenwart auf Kosten fantastischer Zukunftsvisionen. Dadurch betrachten wir das Glück immer aus der Distanz, schieben es vor uns her, sodass es niemals richtig zu uns kommen kann.

Spiritualität zeigt dir einen Weg, dieses Glücksgefühl zu bekommen ohne äußere Abhängigkeit, ohne Alkohol, ohne Kaffee, ohne Drogen, ohne Sex – ohne das alles. Du kannst es direkt bekommen und dann auch erkennen. Wenn du es einmal in seiner Fülle direkt erkannt hast, dann bist du ein veränderter Mensch.

Wie kann ich mich mit diesem Gefühl verbinden?

Du kommst dahin über Entspannung, Loslassen oder Hingabe. Für intellektuelle Menschen ist es Loslassen, für die emotionalen Menschen ist es Hingabe, für sehr hektische Menschen ist es Entspannung. Es ist das Gleiche. Es ist einfach da, wenn wir entspannen. Was immer du in der Welt wahrnimmst, das ist in dir. Du musst nur lernen, nach innen zu gehen. Du bist schon immer das gewesen, was du suchst. Das erscheint uns unglaublich, und wir können uns nicht vorstellen, dass es so leicht und so direkt sein kann. Denn wo wäre dann der Sinn von all unseren intellektuellen Spielen? Es ist eine absolute Bedrohung für unseren Intellekt. Wir nähren und stärken unseren Intellekt mit komplizierten Fragen und Gedanken. Wir haben die Fähigkeit verloren, die Wahrheit in ihrer Einfachheit zu sehen.

Ist das nicht Egoismus, wenn man nur auf sein eigenes gutes Gefühl schaut?

Es gibt keine Handlung, die du außerhalb dieses Ego-Rahmens tun kannst. Selbst wenn du anderen Menschen hilfst, frage dich, warum du hilfst und was passiert, wenn du anderen nicht hilfst? Dann bekommst du nämlich Schuldgefühle. Wenn du dich schuldig fühlst, fühlst du dich nicht gut. Weil du dich gut fühlen willst, hilfst du anderen. Immer wieder und auch in solchen Handlungen suchst du das gute Gefühl.

Wenn es durch Ungerechtigkeit Menschen in der Welt schlecht geht, dann helfe ich ihnen doch nicht meinetwegen?

Wenn du dich über die Ungerechtigkeit ärgerst, fühlst du dich nicht gut. Du möchtest von dem unguten Gefühl loskommen, deswegen hilfst du. Es heißt ja nicht, dass du der Welt nicht helfen sollst. Es soll nur klar sein, dass du es für dich selbst tust. Das ist der Einfluss des großen Ego, wenn du denkst, du hilfst der Welt. Sei bescheiden und sage, dass du es für dich tust. Die Welt ist für dich eine Möglichkeit, Gutes für dich selbst zu tun. Das ist Demut und Bescheidenheit. Es ist nicht einfach, bescheiden zu sein. Das Ego hört es so gern, dass du Gutes für die Welt tust. Wenn du so denkst, schmeichelt das dem Ego. Du tust alles für dich selbst. Mit diesem Wissen gehe und tue der Welt Gutes! Sei demütig, dann hast du keine Probleme und findest keine Fehler in der Welt. Du wirst Gutes tun, wo es angebracht ist. Erwarte nicht von der Welt, dass sie so aussieht, wie du das für richtig hältst. Die Notwendigkeit einzusehen, dass Hilfe gebraucht wird, und dann zu handeln, ist Mitgefühl. Wo Hilfe angebracht ist, tue es aus Mitgefühl und mit dem Wissen, es für dich zu tun. Dein Selbst ist verbunden mit jedem anderen Selbst. Deswegen sind wir so sensibel für das Leid anderer. Es ist auch unser Leid. Wenn du eine Möglichkeit hast, etwas zu tun, tu es – für dich. Hilf dir selbst erst einmal und sei friedlich in dir selbst. Wenn du dann der Welt helfen willst, tu es! Das ist eine harmlose Selbstsucht.

Wenn ich in der Natur bin, geht es mir immer gut. Kann ich das gute Gefühl auch erreichen, ohne in der Natur zu sein?

Du hast die Möglichkeit, es noch viel besser zu erleben, als wenn du in der Natur bist. Wenn du es einmal direkt erfahren und erkannt hast, kann das Gefühl mit dir und kannst du mit dem Gefühl unbeschränkt weiterwachsen. Es gibt da kein Ende. Alle Genüsse sind beschränkt, denn ab einem bestimmten Punkt kannst du sie nicht mehr steigern. Du kannst zum Beispiel nicht immer mehr Eiscreme essen, um dich besser und besser zu fühlen. Überall gibt es den Punkt, wo dem Genuss ein Ende gesetzt ist. Auch beim Laufen in der Natur ist das so: Irgendwann hältst du an, und es ist genug für dich. Wenn du aber zu diesem Gefühl direkt ohne Umwege kommst, gibt es keine Grenzen. Du wirst nie genug davon bekommen. Wenn du in diesem Zustand lebst, unabhängig von der äußeren Welt, kann alles nur zu deinem Besten geschehen. Was du tust, wenn du glücklich bist, das ist das Beste, was du überhaupt tun kannst. Aus diesem Gefühl heraus kannst du auch der Welt und den anderen Menschen helfen. Dann ist es für die Menschen genug, wenn du einfach da bist. Genauso wie ein Depressiver in anderen Depressionen auslösen kann, fühlen sich Menschen um dich herum gut, weil du dich gut fühlst. Auch die großen christlichen Lehrer kannten diesen Zustand des Friedens. Jesus und Franz von Assisi reden darüber. Wenn du in dem Zustand bist, bist du zufrieden und ausgeglichen. Es spielt dann keine Rolle, ob du allein oder mit jemand anderem zusammen bist.

Ist das Manipulation, wenn ich das Glück durch Naturerlebnisse, Liebe, Kunst usw. erfahren will?

Ja, das ist Manipulation; es ist eine innere Manipulation. In Wirklichkeit bist du unabhängig von Menschen, Situationen usw. Relativ gesehen ist das Naturerleben positiv und besser als der Genuss von Alkohol oder anderer Stimulationen. Es gibt aber doch vier Monate Winter, in denen du vielleicht nicht in die Natur gehen kannst. Du vermisst dann den Sonnenschein. Da fängt das Problem an, wenn du etwas vermisst. Wenn du die Möglichkeit hast, direkt in dieses Gefühl zu gehen, dann bist du wirklich unabhängig. Wenn du Probleme hast in deiner Beziehung, und du setzt dich in den Wald, dann erscheint dir der ganze Wald traurig. Es hängt von der Einstellung deines Geistes ab, ob du Freude im Wald empfindest oder nicht. Wir versuchen ständig, Glück zu bekommen durch das, was wir tun. Manchmal gelingt es, manchmal nicht. So ist das Leben. Was mir Glück bringt, das liebe ich – was mir kein Glück bringt, das hasse ich. Wir leben zwischen Ablehnung und Verlangen. In der Spiritualität lernst du, glücklich zu sein ohne Grund. Das Glück ist in dir – du lernst, in dieser Freude zu leben. Du lernst, alles mit einem freudigen Gefühl zu tun. Es ist ein großer Unterschied, ob du alles tust, um ein gutes Gefühl zu bekommen, oder ob du alles aus diesem guten Gefühl heraus tust.

Dann ist da auch keine Angst oder Sorge mehr. Selbst wenn du versagst, spielt das keine Rolle. Als wir Kinder waren, haben wir Spiele gespielt, und wir hatten keine Vorstellung vom Gewinnen und Verlieren. Wenn wir verloren hatten, haben wir alle zusammen gelacht, weil wir mit Freude gespielt haben. Das Spiel kam aus der Freude. Die Vorstellung vom Gewinnen und Verlieren wurde uns später anerzogen. Dadurch war Freude nur noch mit dem Gewinnen verbunden. Deshalb kamen Angst und Sorge ins Spiel. So ist es auch im Leben: Das Spielerische in uns ging verloren, und wir wurden ernsthaft. Du kannst nicht mehr unentwegt ernsthaft sein, wenn du ein spiritueller Mensch bist. Das ganze Leben wird spielerisch, wenn du lernst, innerlich glücklich, freudevoll und zufrieden zu sein. Die Ernsthaftigkeit des Lebens entsteht dadurch, dass wir unser Glück von der Welt abhängig machen.

Wir reden immer nur über das gute Gefühl. Was mache ich mit den schlechten Gefühlen?

Es gibt eigentlich keine guten und schlechten Gefühle. Es sind nicht viele Gefühle. Es ist nur ein Gefühl. Wenn sich das vermindert, empfindest du das als schlechtes Gefühl. Dann reduziert es sich in seiner Intensität. Wenn das gute Gefühl nicht da wäre, könntest du das schlechte Gefühl nicht erkennen. In Wirklichkeit vermehrt oder vermindert sich das Gefühl nicht. Die Sonne scheint nicht weniger intensiv, wenn sie hinter Wolken verborgen ist. Wenn du über den Wolken bist, weißt du, dass die Sonne immer scheint.

Ist das Sich-gut-Fühlen göttlich?

Was du göttlich nennst, das bist du. Du bist nicht ein Teil des Göttlichen, sondern in deiner Quelle bist du selbst göttlich. Du realisierst dies, je mehr du dich mit diesem Gefühl verbindest. Du hast nun eine Vorstellung von Gott und hast großen Respekt vor ihm. Diese Vorstellung ist eine moralische Unterstützung für unsere Existenz. Was existiert, ist eine Gottheit, in der alles existiert. Sie hat keinen Anfang, kein Ende, keine Ursache, keinen Grund. Die Gottheit existiert aus sich selbst heraus, ohne die Idee der Getrenntheit. Ich und du, wir alle und alles existieren in dieser Gottheit. Das ist unsere wahre Natur, und das können wir realisieren. Wenn du dich mit dieser Quelle verbindest, weißt du, dass wir alle in dieser Gottheit sind. Du verschmilzt dann mit dem großen ICH, in dem alle Ichs existieren.

2
Leiden

Klagen über mich oder die Welt …. Das Problem liegt in dir …. Depression …. Emotional oder praktisch sein …. Leid loslassen …. Positive und negative Emotionen …. Selbstmitleid, Akzeptanz, Mitfühlen oder Mitleiden …. Emotion und Gefühl ….Entspannung ….Stimmungsschwankungen …. Mangelndes Vertrauen

Da war ein Mann, der hatte eine sehr seltsame psychische Krankheit. Er hatte die Angst, er sei ein Weizenkorn. Aber nicht nur das: All die anderen Menschen auf der Welt sah er als Hühner, die ständig versuchten, ihn zu fressen. Stell dir dieses Schicksal vor! Er endete in einer psychiatrischen Anstalt, wo er sich auch ständig irgendwo versteckt hielt: hinter der Gardine, unter dem Tisch usw. Das Problem bestand darin, dass er einerseits vor allen Menschen Angst hatte, weil er dachte, sie wollten ihn essen, andererseits aber nicht allein sein konnte. Er hatte Angst vor dem Alleinsein, er hatte Angst vor der Dunkelheit. So ging er durch Qualen. Sein Psychiater wusste, dass es sich um ein psychisches Problem handelte, das in der Außenwelt so nicht existiert. Er hat ihn jeden Tag zu sich gerufen und Ratschläge gegeben: Sieh mal, mein Freund, du bist kein Weizenkorn, du bist wie jeder andere. Sieh in den Spiegel, du hast Augen, du hast ein schönes Gesicht, du kannst reden, du kannst gehen, du kannst viele Dinge tun. Ein Weizenkorn könnte das nicht. Du bist kein Weizenkorn, du bist ein Mensch. Der Patient hörte sich das alles an und sagte: »Ja, Herr Doktor, ich verstehe sehr gut, was Sie sagen, aber warum können Sie nicht verstehen, dass ich immer noch ein Weizenkorn bin?« Irgendwann gaben die Ärzte ihre Bemühungen auf. Sie glaubten nicht mehr an eine Heilung. Nach einigen Tagen war der Arzt überrascht, als er den Patienten sehr entspannt und ruhig im Flur sah. Da dachte der Doktor, seine Bemühungen hätten nun Erfolg gehabt. Er sah die Veränderung und fragte ihn, was geschehen sei. Der Patient sagte ihm: »Ich bin okay, ich weiß jetzt, dass ich kein Weizenkorn bin. Ich bin ein Mensch. Ich kann sprechen, ich kann gehen, ich kann viele Dinge tun.« Der Arzt war sehr glücklich und sagte ihm, er könne nun nach Hause gehen. Der Patient packte sofort seine Sachen und wollte gehen. Als er die Tür nach draußen erreichte, rannte er zurück zum Arzt und rief: »Hilfe, Hilfe.« Da sagte der Doktor: »Was ist los, bist du wieder ein Weizenkorn?« »Nein«, sagte der Patient, »ich bin kein Weizenkorn, aber die Hühner da draußen, die wissen das nicht, und die jagen mich immer noch.«

Die meisten von uns sind wie der Patient in dieser Geschichte. Es ist das gleiche Problem in uns, das sich nur manchmal anders darstellt. Ich bin nicht okay, ich habe Schuldgefühle und ich klage mich selbst an, ich kritisiere mich selbst und verfange mich in Schuldgefühlen. Ich habe eine schlechte Meinung über mich selbst, ich habe Komplexe, und das wird zur Grundlage vieler Probleme. Es gibt aber andererseits auch viele Menschen, die beschweren sich nicht über sich selbst; sie sagen, sie selbst seien okay, aber die Welt habe viele Fehler. Die Welt sei nicht okay, dieses und jenes stimme nicht. Sie finden überall Fehler und sind voller Beschwerden über den Zustand der Welt. Entweder hast du Klagen über dich selbst, oder du hast Klagen über die Welt. Das Problem hinter beiden Möglichkeiten ist das gleiche. Solange du dich beklagst, kannst du nicht glücklich sein.

Vielleicht hast du nur ein ganz einfaches Problem, einen ständigen Schmerz in einem Gelenk, oder du hast niemals genug Geld, oder du meinst nicht gut genug auszusehen, oder du kommst mit deinem Partner oder mit deinem Nachbarn nicht aus. Du beklagst dich vielleicht über das schlechte Wetter, über Katastrophen in der Welt, über Hungersnöte, über Ausbeutung, darüber, dass du zu alt bist oder dein Haus nicht mehr modern ist. Du reagierst emotional und leidest darunter. Der Grund deines Leidens ist dabei nicht so wichtig, dass du leidest, das ist eine Tatsache. Du hast so viele Probleme, und wenn ein Problem gelöst ist, nimmt das nächste Problem schon dessen Platz ein. Jetzt kommt der Gedanke, etwas zu verändern: Ich kaufe mir ein neues Haus, wechsle die Firma oder suche mir einen neuen Partner. Du denkst, dass du das Problem so lösen kannst. Irgendwann wirst du dann aber herausfinden, dass sich dadurch das Problem nicht löst. Das gleiche Problem taucht immer wieder auf in verschiedenen Lebensbereichen. Das passiert so lange, bis du realisierst: »Das Problem ist eigentlich in mir!« Für ein Problem, das in dir liegt, kann die Lösung nicht von außen kommen.

Du kennst das Gefühl der Depression bis zu einem gewissen Ausmaß. Der Geist wird »hässlich« und zieht plötzlich alle kleinen Probleme aus allen Ecken auf sich, vergrößert sie durch seine Vorstellungskraft und schafft dadurch großes Leid. Die kleinsten Probleme erscheinen im Zustand der Depression riesengroß. Sie vergrößern sich durch die Kraft des negativen Geistes. Du bist hilflos und leidest. Wenn du aus der Depression herauskommst, dann lässt der Geist all diese Probleme fallen, und du fühlst dich wieder besser. Du realisierst, dass die Probleme eigentlich gar nicht so groß sind. Die emotionalen und sentimentalen Probleme deines Lebens sowie die Probleme, die aufgrund deines eigenen Wertesystems bestehen, sind direkt abhängig vom Zustand deines Geistes. Wenn du die innere Kraft hast, mit diesen Problemen umgehen zu können, dann verlieren sie ihre Intensität. Weil du stark bist, verringert sich das Problem, und dadurch wird es leichter, mit Situationen umzugehen. Dies trägt zur Freude und Erfülltheit deines Lebens bei.