Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, April 2019
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ISBN Printausgabe 978-3-499-12745-8 (3. Auflage 2007)
ISBN E-Book 978-3-644-00345-3
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ISBN 978-3-644-00345-3
Klaus Mann: Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht. München 1981, S. 137.
«Auf der Suche nach einem Weg» hieß eine umfangreiche Aufsatzsammlung des jungen Klaus Mann, erschienen im Transmare Verlag, Berlin 1931.
Laut editorischer Anmerkung von Martin Gregor-Dellin, in: Klaus Mann, Abenteuer des Brautpaars, München 21982, S. 279.
Klaus Mann: Kind dieser Zeit. Reinbek 21982, S. 128.
Klaus Mann: Mein Vater. Zu seinem 50. Geburtstag. In: Klaus Mann, Woher wir kommen und wohin wir müssen, München 1980, S. 21.
Kind dieser Zeit, a.a.O., S. 195.
Ebd., S. 180.
Thomas Mann: Sämtliche Erzählungen. Frankfurt 1972, S. 491, 511.
Zitiert nach Fredric Kroll (Hg.): Klaus-Mann-Schriftenreihe Band 2, 1906–1927, Unordnung und früher Ruhm, Wiesbaden 1977, S. 122.
Die Vision, daß der Vater stirbt, hat Klaus Mann in seinen Träumen häufig erlebt, wie in seinen jüngst veröffentlichten Tagebüchern dokumentiert ist. Vgl. Klaus Mann: Tagebücher 1931 bis 1933, München 1989, S. 41, 68, 109.
Klaus Mann: Briefe. Hg. von Friedrich Albrecht. Berlin und Weimar 1988, S. 34.
Nachwort, in: Klaus Mann, Kindernovelle, München 1964, hier S. 126f.
Brief an Erika Mann, 17. Oktober 1926. In: Thomas Mann, Briefe 1889–1936, Frankfurt 1961, S. 259.
Die Briefe Geheebs und Thomas Manns werden zitiert nach Martin Gregor-Dellin, Nachwort, in: Klaus Mann, Abenteuer des Brautpaars, a.a. O., S. 272.
Klaus Mann: Briefe und Antworten. 1922–1949. München 1987, S. 20.
Vgl. ebenda S. 193, 352f., 548, 579.
Vgl. Fredric Kroll, a.a.O., S. 120–124.
Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke, Band 6: 1928. Reinbek 1975, S. 57.
«Die literarische Welt», 26. August 1927, S. 6, und 16. September 1927, S. 8.
Der Wendepunkt, a.a.O., S. 185.
So Friedrich Albrecht in seinem Nachwort zu Klaus Mann, Letztes Gespräch, Erzählungen, Berlin und Weimar 1986, S. 366. – Albrechts Nachwort enthält die bislang überzeugendste Untersuchung von Klaus Manns Erzählungen.
Tagebücher 1931 bis 1933, a.a.O., S. 86. Datiert: 24. Oktober 1932.
Auf der Suche nach einem Weg, a.a.O., S. 380f.
Eine Skizze
Szene: Irgendein Salon irgendwo in Schwabing. Sagen wir in der Elisabethstraße. Teebesuch. Um einen runden Tisch sitzen Leute. Die Hausfrau trägt ein eng anliegendes Seidenkleid. Sie gießt Tee ein; und lächelt gelangweilt und höflich. Eine Stockung im Gespräch tritt ein. Die Hausfrau betrachtet ihre Hände. Sie sind rötlich, die Nägel zugespitzt und poliert. Sie sind schmal und lang. Sie denkt plötzlich an irgend welche Hand, die sie irgendwo gesehen hat. Sie vergißt, daß sie gerade irgend etwas Geistreiches sagen wollte. Sie lächelt gelangweilt. Sie vermutet, daß irgendwer einen Witz gemacht habe. Sie mußte also lächeln.
Da sagte irgendeine Dame (groß) hager, rötliche Haare (wie Roßhaare), spitze Nase, dürre, graue Finger: «Und was halten Sie von den jetzigen Zeiten?» Sie sieht sich triumphierend um! «Nun habe ich aber den Nagel auf den Kopf getroffen», denkt sie – die Kuh!
Die Gäste sind ärgerlich. Mein Gott – nun wird wieder über Politik gesprochen.
Die Frau Geheimrätin horcht auf. Sie hat gerade noch ihre Hände betrachtet. «Ach so – die Zeit. Die Bolschewisten und so.» Sie blickt zur Decke. Was soll sie nur sagen? Jawohl. Also: Sie findet alles ganz schrecklich. Natürlich! Wer nicht? Wer hat darunter nicht zu leiden? Unter dieser Schreckensherrschaft der Bolschewisten. Mein Gott, ja – man müßte eben abwarten, nicht wahr, sagte die Geheimrätin, «und auf Gott» (sie gießt Tee ein), «was ich nur sagen wollte? vertrauen! Ja natürlich – auf Gott vertrauen.» «Ja, natürlich, da haben Sie recht», sagt die Dame mit den Pferdehaaren. Ihre hageren, langen, grauen Hände liegen unerfreulich wie Spinnenarme auf der Tischdecke. Nein, wie ärgererregend diese Hände sind! Die Kuh!! Warum hatte sie auch von Politik zu reden! – Die Kuh!! Nein, da kann man sich auch ärgern! Schließlich die Leute, die kennen doch alle ihre Ansichten zur Genüge! Schauder vor den Bolschewisten, Furcht und Gottvertrauen. Warum muß man sich denn all diese Sachen so oftmals sagen? So amüsant sind sie doch nicht! – Nein, wie dieses Weib mit den Pferdehaaren hassenswert ist! Sie trägt auch eine gelbe Seidenbluse. Wenn man sie nur ohrfeigen dürfte. Mitten auf die Wellen träumerischer Locken – dann würden ihre hellblauen, wimperlosen Augen in Tränen stehen. Sie würde dann sogar wahrscheinlich aufstehen und hinausgehen, man sprach also über die Politik, man entsetzte sich also pflichtschuldigst über den Geiselmord. Man sagte: «Ach Gott, ja, der arme Geheimrat Döderlein!» Und da wirft die verhaßte Dame mit den Pferdehaaren dazwischen: «Es soll ja gar nicht wahr sein!» – Ein Herr mit riesengroßer, bläulicher, feuchter Nase sieht sie grimmig an. Er wendete dann kalt den Blick von ihr ab und sagte zu seiner Gattin: «Es gibt doch immer Leute, die alles besser wissen müssen.» Und er hüstelte streng. Die Dame starrte aus ihren wimperlosen Augen streng auf des Herren bläuliche Nase. «Ja – es wird doch auch viel geschwatzt», sagte sie und fügte hinzu: «Ich glaube, daß die Spartakisten sich nicht so entsetzlich benommen haben, wie getan wird. Der Geiselmord natürlich, das war eine widerliche Abscheulichkeit, doch vermute ich, und will diese Meinung niemandem aufdrängen, daß dieses nur die Schuld einzelner barbarischer Soldaten war!» Der Herr mit der feuchten Nase erhob sich. «Auf Wiedersehen, gnädige Frau. Ich trinke nicht mit Spartakisten Tee.» Er zog seine braunen Lederhandschuhe an und ging mit starken wuchtigen Schritten, seine Frau am Arm, ab. – Stille! – Alle haben bleiche, entsetzte Gesichter, die Hausfrau erhebt sich. «Aber Frau Geheimrat!» – Die Hausfrau weist mit dürren Fingern nach der Türe. Sie geht geknickt. Mit schlaffen Armen und trübseligen Augen. Die Gotteslästerin, die Spartakistin!! Pfui!!
Auf der Wiese drüben übten sich die kleineren Jungen im Wettlauf. Wie aufgezogene kleine Automaten rasten ihre weißen Gestalten über das Grün der Fläche. Bisweilen trug der Wind, halb zerpflückt und spielerisch entstellt, die hellen Schreie, mit denen sie sich gegenseitig zu höchster Leistung anfeuerten, bis hinüber zum Hauptgebäude.
Am Portal dort standen ein paar der größeren Schüler diskutierend beisammen. Es waren solche, die in den nächsten Wochen schon die Reifeprüfung bestehen und dann fort, in die großen Städte und, aus dem pädagogischen Frieden des Erziehungsheimes hinaus, in den Betrieb des Lebens sollten. Sie dachten viel nach, und sie sprachen auch viel unter sich über das, was nun würde. Mancher von ihnen hatte ein Ziel, das erreicht, ein Ideal, das verwirklicht sein wollte, und sie liebten es, das, was ihnen zeitig und notwendig schien, den Andersgesinnten mit schwungvollschönem Wort zu preisen. Manche freilich schwiegen auch still.
«Wunderbar ist es», rief jetzt der eine, der Wandervogel war und mit Enthusiasmus schwur auf die Regeneration, auf die «neue Epoche» und am begeistertsten auf die «Überwindung der décadence», «schön ist es ja wohl, wenn man's weiß, welche Rolle man spielt in der Geschichte der Welt – wenn man's gefühlt hat, zutiefst begriffen, daß man gestellt ist an die Wende der Zeit – daß man erwählt, berufen ist, zusammenschaffend mit Kameraden und Genossen, das Alte umzugestalten zum kraftvollen Neuen.» Er hatte die Eigenart, bei jedem Wort fast sich das dunkle Haar, das strähnig in die braune Stirn hing, mit einer kurzen, leidenschaftlichen Geste zurückzuwerfen. Seine Bewegungen waren heftig, er reckte kindlich-rhetorisch den ganzen Arm, es war ein großes Leuchten in seinem Blick. Aber ein anderer unterbrach ihn, er hob ernst, wie zu einer Beschwörung, die Hand. «Sprich nicht von derlei!» sagte er langsam und sah strenge an ihm vorbei. «Wende der Zeit. – Was weißt du wohl davon? Du sprichst von der Regeneration und trägst leinene Kittel. Sei es darum, suum cuique. Sprich aber, ich bitte, von dem nicht, was mit dem Gesetze des Kosmos zusammenhängt. Daß die Zeit sich erfüllt hat und warum, wissen nur wir.» Er sah schräg aus dunklen, feuchten Augen zur Erde. Er schwieg still, wie solche schweigen, die möglichst aufdringlich bedeuten möchten, daß sie gar mancherlei noch zu äußern imstande wären. Er war Mitglied der anthroposophischen Gesellschaft. Über diesen Überfall an traurigster Verachtung war der Wandervogel ein wenig verdutzt zunächst und etwas eingeschüchtert. Aber er schüttelte bald den Kopf, er drohte sogar. «Ach», sagte er drohend, «das ist ja Unsinn – davon verstehe ich nichts. Und ob wir es wissen, daß heute das Neue erwacht. Wir bringen es ja am Ende. Wir sind's ja, zum Teufel.» Und er stand froh, lachend, gläubigen Herzens in seinem buntleinenen Kittel.
Junge Mädchen kamen aus dem Haus gelaufen. Es waren Wirtschaftsschülerinnen, sie trugen weiße und hellblaue Kleider. «Ihr philosophiert», lachten sie, «ach, ihr weisen, weisen Philosophen –», und sie liefen barfuß davon, in langer Kette, und sie schüttelten ihr weißblondes Haar. «Ach, ihr Klugen», höhnten die Entlaufenden, «ihr Neunmal-Gescheiten!» Und ihre hellen Gestalten verschwanden rasch um die Ecke.
Ein junger Mensch, der ungemein zierlich gekleidet war, hatte dem Gespräch des Wandervogels und des Theosophen über das Neue und über die Wende der Zeit unter mancherlei Äußerungen der Nervosität und der Ungeduld gelauscht. «Ach», sagte er endlich und schüttelte mehrmals heftig den Kopf, als ärgerten ihn unangenehme Fliegen, «wie ihr so sprechen möcht' –, daß ihr euch gar nicht ein bißchen geniert. Was macht ihr so gewaltigen Wesens mit eurem ‹Neuen›? Was wollt ihr denn nur? Das Neue», sagte der zierlich Gekleidete, und er machte viele spitze kleine Handbewegungen, im Drange den Zuhörern ein wenig doch verständlich zu werden, «das Neue ist nichts, als daß wir immer feinnerviger werden, auf jeden Farbton, jedes Geräusch, das uns trifft, immer schmerzlicher und immer lustvoller zugleich reagieren – der ganz logischen Entwicklung der Dinge zufolge wird das, was uns von der vorigen Generation unterscheidet, eine nicht neue eigentlich, eine ungeahnte differenzierte Art sein, das Weltbild in uns aufzunehmen – eine Art, mit der verglichen alles Frühere plump und wie geschmacklos erscheinen wird.» Er verstummte. Er hatte ein merkwürdig kleines Gesicht, und er lächelte traurig und spitzfindig über das sommerheiße Land. «Wir werden es nicht gerade leichter haben auf solche Art», begann er von neuem, «dafür kennen wir aber auch Wonnen, kleine, kleine süße Sensationen, mit denen verglichen Baudelaire plump, Wilde ordinär erscheint. Ich sehe zum Beispiel da Jungen spielen – das sah man früher nun auch, und man fand es gut und ganz recht so. Aber diese Farben da, diese Bewegung – dies Weiß, das wie ein Funke über das Grün springt – das macht mich wahrhaftig zittern am ganzen Leibe – ich leide so unter dieser Sensation, ich ergötze mich so intensiv an ihr, daß mir ganz einfach die Tränen in die Augen steigen – das ist aber das Neue –.» Der Wandervogel, dem vermutlich der Sinn des Gesagten wie auch der vielen kleinen Handbewegungen nicht so ganz klar geworden war, rief aus freudigem Herzen und während er erregt die Haare schüttelte: «Ich sehe Jungen spielen – daß sie aber spielen, daß sie ihres Leibes endlich wieder froh geworden, gerettet aus krankhafter Überzivilisation, wiedergegeben der großen Natur, heitere Träger einer neuen, strahlenden Ethik sein müssen – das, das ist das Neue!!» Und da er, hochatmend von seinem Bekenntnis, glückstrahlend still schwieg, klang schon, bedeutungsvoll umdunkelt, wie aus geheimnisvollen Tempelhintergründen die Stimme des jungen Theosophen: «Daß diese Knaben», verkündete er langsam, «ohne es freilich ahnen zu können, hingestellt sind in den dritten, großen Wendepunkt der Weltgeschichte, daß jeder von ihnen, un- und unterbewußt, für seinen kleinen, kleinen Teil dazu beitragen muß, das unabänderlich-kosmische Gesetz zu erfüllen – nur das ist das Wesentliche, nur hierauf kommt es wohl an –.»
Und dazwischen klangen, von der Wiese herüber, die Schreie der spielenden Jungen, die der Wind willkürlich verwehte.
Einer unter denen, die beisammen standen, schwieg still. Er dachte nach über das, was die anderen sagten. Er nahm alles entgegen, und er wußte es selbst nicht, was ihn so traurig machte daran. «Der eine», dachte der Schweigsame, «meint nun, die décadence sei prächtig abgetan und nackt, in strahlender Reinheit, nahe das Neue, getragen vom Fittich der Wandervogelbewegung. Der andere ist auch nicht eben bescheiden, fühlt sich eingeweiht in die dunkelsten Kulte, glaubt über unser aller Schicksal genau orientiert zu sein, ein Mitwisser um das Geheimnis des Kosmos – der Dritte muß weinen vor Angst und vor Freude, und eine pathologische Überverfeinerung des Nervensystems scheint ihm das Hauptziel der Zeit. – Wie uns doch seltsam ist – –.»
Der Wandervogel reckte und dehnte sich stark in der Sonne. Der Theosoph sah schräg und dunkel zur Erde, aus Augen, die ganz feucht waren vom großen Ernste. Der Zierliche fächelte und hatte viel damit zu tun, seine kleine hellblaue Krawatte zu ordnen. – So standen sie beieinander.
«Das ist doch seltsam», dachte der Schweigsame, «so gehen wir denn hinaus. – War es so sonderbar und kurios wohl immer bei denen, die vor dem Leben standen, wie's heute ist? – Wie vielgestaltet ihre Sehnsucht ist. – Und was soll nun daraus werden? – Es müßte einer ja da sein, in den sie alle mündeten, die Sehnsüchte und die Ziele. – Wie es um den dann freilich bestellt wäre – –?»
Der kleine Zierliche mit den gar zu sensiblen Fingerspitzen lächelte ihm plötzlich zu. «Du schweigst?» sagte er. «Ei, ja, ja – du denkst dir dein Teil – –.»
Die Wettläufer kamen im lautem Zuge von der Wiese her. Sie hatten kurze Sporthosen an, ihre Gesichter waren ganz braun gebrannt, wie weiß erschien das hellblonde Haar gegen die dunkle Haut. Schwatzend zogen sie weiter.
«Ob es wohl immer so seltsam war, unter den Jungen?» dachte der Schweigsame. «Wende der Zeit – Wende der Zeit – –. Wer schwach genug sein könnte, allen diesen Strömungen ganz sich hinzugeben, stark genug dann wieder, aus dieser Hingabe sich selbst zu gewinnen. – Wie wird das wohl enden? Wie denkt sich's der liebe Gott?»
Und plötzlich – die anderen waren zunächst ganz verdutzt – sagte er laut und sah sie der Reihe nach an: «Nun, irgendwie wird es schon werden –.» Und sie lachten alle mitsammen. Die einen, weil sie nicht wußten, was sein Spruch denn gemeint; er vielleicht nur, um der Trauer Herr zu werden, die in ihm groß geworden war.
So lachten sie laut an der Schwelle des Lebens.
Denn es ist eine sonderbare Zeit,
und sonderbare Kinder hat sie: uns.
Hugo von Hofmannsthal
Nach und nach hatten sich alle gesetzt.
Die Schüler saßen in einem weiten Halbkreis, der abgeschlossen wurde durch den langen Tisch, an dem das Kolleg der Lehrer und Lehrerinnen seinen Platz hatte. Den Mittelpunkt dieses Tisches bildete der Stuhl des Professors, der, ein wenig stattlicher als alle andern Stühle im Raum, gewichtig und thronartig erschien, schwer geschnitzt und aus dunklem Holz. Der Professor selbst war noch nicht anwesend, aber Frau Elsbeth, seine hagere Gemahlin, nahm bereits ihren Sessel ein, der rechts von dem des Professors stand. Sie streckte auf diese Weise, die ungehörig und allzu mondän für die Gelegenheit wirkte, ihre schmalen Rennpferdbeine in grauen Seidenstrümpfen von sich und tauschte zischelnde kleine Bemerkungen mit Dr. Fehr, der ihr anderer Nachbar war.
Die größeren Schüler saßen beieinander und spotteten.
Johann saß mit übereinandergeschlagenen Beinen, trug an seinen braunroten Negerlippen wie an einer kleinen Last und sprach, in seinem weichen, etwas gebrochenen Deutsch, gedämpft und eifrig auf Sibylle ein. «Daß du es nicht merkst, wie unwichtig das alles ist. – Was geht es uns an? Was hat es denn mit der Entwicklung der menschlichen Seele nur irgend zu tun?» Aber Sibylle saß ein wenig gebückt in ihrem schweren gestrickten Kleid neben ihm und antwortete mit einer entfernten kühlen Herzlichkeit, die zugleich beglückte und weh tat, während ihre braungoldenen Augen stille von ihm ab und dunkelnd durch den Raum glitten. –
Neben ihr saß Martha, die sehr schlicht gekleidet war und den unbedingten Eindruck erweckte, als ob sie nach Schweiß röche – was aber nur an der biederen Uneleganz ihres Auftretens und der plumpen Form ihrer Beine in den schwarzen Wollstrümpfen lag. Blaue tiefe Augen und braunes Haar, das schwer herabhängend ihr Gesicht umrahmte, machten sie fast schön. Zwar war ihr Gesicht reich an Pickeln und kleinen Unreinlichkeiten, aber dadurch schien sie sich nicht weiter behelligen zu lassen. – Adele brütete mit feuchten schwarzen Augen vor sich hin, war untersetzt und schwer, immer in trüben Nöten, immer in schwierigen Verwicklungen und tiefen Ängsten. – Der nächste war Harald. Er trug einen Leinenanzug von einem merkwürdigen Graugrün, gegen das die Haut seiner Wangen und seines Halses mattweiß schimmerte. Liebevoll und wie man zu einem Kinde spricht, redete er auf Maria ein, die in einem hellgrünen, kleingefalteten Kleide steif aufgerichtet und leicht zitternd neben ihm saß. Der letzte war Adolf. Er saß mit verschränkten Armen, ganz in sich zusammengekauert, das Kinn in den Hemdkragen vergraben, den er bis zum Halse eng zugeknöpft trug. Sein Haar war völlig kurzgeschoren. Marthas Augen ruhten auf seinen nackten, sehnigen Knien. Es geschah, daß sie dabei dem Blicke Sibyllens begegneten, der, im stillen Gleiten durch den Raum, eine Sekunde länger auf Adolf haftenblieb.
Ihnen gegenüber saßen die kleinen Buben, ließen ihre nackten braunen Beine baumeln und lachten.
«Siehst du, Sibylle», sagte Johann gedämpft, «unter allen Umständen war es falsch von Doktor Fehr, diese Schulgemeinde einzuberufen. In der Situation, in der wir uns befinden, kann es nur schaden, wenn an einer einzelnen ein Exempel statuiert wird. – Es bringt uns nicht weiter. An andern Stellen müßte angepackt werden. Liebe Sibylle», sagte er eindringlich, «die menschliche Entwicklung –»
Aber Sibylles braungoldne Augen glitten von ihm ab, dunkelnd durch den Raum. «Ja», sagte sie und hob leicht die eine Schulter. «Derlei bleibt peinlich –»
Harald sagte lächelnd zu der kleinen Maria: «Habe nur keine Angst. Den Kopf, weißt du, beißen sie dir nicht ab – –» Marias seltsam inhaltsleere, bläuliche, kleine Händchen, die so hilflos in ihrem Schoße lagen, rührten ihn so sehr, daß er sich herbeiließ, sie mit solchen Redensarten zu trösten. Sie schaute mit grauen, viel zu großen Augen gerade vor sich hin. «Nein, nein», sagte sie und lächelte mit ihrem kleinen entzündeten Munde.
Der Professor trat ein. Als allerletzter, wie der Dirigent an sein Pult tritt, wenn die Aufführung beginnen soll.
Adolf richtete sich langsam auf und sah ihn aus stahlblauen Augen durchdringend an, als wollte er ihn wägen, mit diesem Blick einen heißen, grimmigen Gerichtstag halten.
Sibylle ließ ihre stillen Augen auf ihm ruhen und lächelte ein wenig.
Johann betrachtete ihn von unten her, mit prüfendem Hundeblick.
Der Professor ging mit unklaren Augen an seinen Platz, behindert und gebückt unter den vielen Blicken. Seine Hände hingen schwer, rot und wohlmeinend aus den Manschetten.
Spott und Kritik lagen wie etwas Körperliches in der Luft.
Maria neigte sich einen Augenblick ganz nahe zu Harald hin. «Hör doch, wie mein Herz klopft», sagte sie, die Hand auf der Brust, und schloß für eine Sekunde tief die Augen. Aber Harald sah an ihr vorbei, zu den kleinen Jungen hinüber, die mit weit und ehrfurchtsvoll aufgerissenen Augen auf den Professor schauten. Da richtete sich Maria wieder auf, kerzengerade, und während sie mit ihren mageren Kinderschultern leicht erschauerte, lachte sie, leise und klingelnd, in die eingetretene Stille hinein, wie eine kleine, irre Silberschelle.
Der Professor hatte sich erhoben. Er stand in seinem uneleganten, schwarzen Anzug am Tisch und sah mit unklar gekränktem Blick in der Runde umher. Sein Gesicht war etwas dick, mit schweren Backen und einem kleinen blonden Schnurrbart.
«Trotzdem Doktor Fehr die Schulversammlung einberufen hat», sagte er langsam, während seine magere Frau lauernd die Augen über die Schüler wandern ließ, um die Wirkung seiner Worte zu erprüfen, «möchte ich vorher noch ein paar Worte an die Gemeinde richten.» Er sprach mit schwerer Zunge und etwas stockend, immer vor sich hin auf seine Hände blickend. «Noch nie ist es mir so schwergefallen, euren Kreis zu betreten, als heute. Der Fall, von dem wir nachher sprechen müssen, ist kein Einzelfall. Allerorten höre ich Klagen. Gerade die ‹Großen›», sagte er und hob jetzt den Blick, «wollen sich dem Sinne unserer Gemeinschaft nicht fügen, stehen in einer unfruchtbaren, verdammenswerten Opposition. Wißt ihr es denn nicht», rief er und hob ungeschickt rhetorisch die schwere Hand, «begreift ihr es denn nicht, worauf es hier ankommt? Daß ich euch in Freiheit erziehen will zur Selbstzucht, daß die Hauptmitgift, die ich der neuen Jugend, wie ich sie ersehne, mitgeben will, die Selbstverantwortung sein soll, das Wissen um das, was jedem einzelnen für sich gut ist und nützlich. Aber ihr seid ja keine Jugend. Oft kommt es mir vor, als hätte ich es gar nicht mit jungen, sondern mit ganz alten, seltsamen Leuten zu tun.» Die Großen lauschten ihm in tiefem Schweigen. Sie hörten zu, wie er ihnen, langsam und stockend, zuweilen überraschend und kindlich rhetorisch gesteigert, die Lehre von der neuen Jugend vorsprach, von der Regeneration, von der Überzivilisation des Westens, die erlöst sein will zur neuen, großen Kultur. Auf ihren Gesichtern regte sich kein Muskel.
Endlich brach der Professor ab. Es war, als habe er einen sehr wirksamen Schluß auswendig gelernt, aber nun versage ihm das Gedächtnis, und vorzeitig müsse er seine Rede enden. Noch einmal hob er die bäuerische Rechte, als wolle er, unter gewaltigen Anstrengungen, eine wuchtige Schlußpointe in den Saal schleudern. Aber es kam nichts mehr, er setzte sich nur, und sein Gesicht war ganz rot und verschwollen. Mit unklaren Augen sah er um sich.
Eine Pause entstand. Niemand regte sich. Nur Maria schauerte ab und zu leicht zusammen und lächelte irr mit dem entzündeten Munde. Adolf ließ seine Augen nicht vom Professor.
Plötzlich stand Dr. Fehr auf. Sein Altweibermund bebte vor Erregung. Er trug seinen hellen englischen Anzug wie eine Offiziersuniform, und herausfordernd sah er im Kreise umher.
Harald dachte daran, wie er hinterher, wenn solches Theater zu Ende war, zusammenklappen konnte. Weinend lief er dann von einem zum andern, und kläglich, mit zitterndem Munde, klagte er aller Welt sein unwürdiges Leid. Aber die haben es wohl auch nicht am leichtesten, dachte Harald, die sich retten müssen zu solchen Albernheiten. Adolf saß, seit der Professor seine traurige Rede beendet hatte, sehr steif aufgerichtet, eng eingeknöpft in sein Hemd – seine Hemden waren so häßlich, aus dickem rauhen Flanellstoff –, und beobachtete unter dicht zusammengezogenen Brauen den Doktor. – «Der kleine Napoleon», sagte er durch die Zähne hindurch.
Kleine Gekicher wurden laut. Maria erbebte plötzlich in einem hysterischen Lachkrampf. Das Kollegium überhörte es.
Dr. Fehr begann zu sprechen. «Lange schon wollte ich Einspruch erheben», sagte er scharf, «gegen das Unwesen, das eine der Schülerinnen unserer Gemeinschaft unter uns treibt. Ich spreche von Maria. Nicht nur, daß dieses Mädchen den Ideen gegenüber, die der Professor unter euch großziehen will und über die ich hier nicht debattieren möchte, als absolut aufnahmeunfähig sich erwiesen hat – sie verfehlte sich auch immer und immer wieder gegen die äußerlichsten Satzungen unserer Gemeinschaft. Nicht nur geht dieses Mädchen selbst niemals rechtzeitig zu Bett, nein, durch abendliches Geschrei stört sie die anderen. Fast regelmäßig erscheint sie zu spät zum Unterricht; ungemein liederlich sind ihre Schularbeiten angefertigt; träge und weichlich benimmt sie sich beim Sport. Kurzum – ihr Benehmen ist nicht derart», rief zornbebend der Doktor und schleuderte jedes Wort wie einen Hieb durch den Raum, «ihr Benehmen ist nicht so, wie wir es von einem Mitglied unserer Gemeinschaft fordern und erwarten dürfen. Ich stelle also einen Strafantrag», sagte er bebend und stand hochaufgerichtet mitten im Saal. «Ich stelle einen Strafantrag für drei Tage Stubenarrest.» Und während er sich schon setzte, fügte er noch mit einer Sachlichkeit, die sich mühsam beherrschte, zwischen den Zähnen hindurch hinzu: «Man kann zur Abstimmung übergehen.»
Maria blickte fröstelnd gerade vor sich hin. Harald sann still den Worten des Professors nach. Mit grüblerischem Hundegesicht überdachte Johann von allen Seiten den Sachverhalt.
Aber Adolf stand langsam auf und sagte mit einer seltsam belegten Stimme, während er mit runden brennenden Augen im Kreise umhersah, bis sein Blick auf dem Professor haftenblieb: «Ich bitte um das Wort.» Da niemand antwortete, begann er zu sprechen, langsam, ingrimmig und ohne die Augen von dem tieferrötenden Antlitz des Professors zu wenden. «Was Herr Doktor Fehr von der Disziplinlosigkeit sagte, bezieht sich, wie ich als selbstverständlich annehme, wohl nicht nur auf den Fall Marias, sondern letzten Endes auf uns alle.» Der Professor nickte ermunternd und wie bestätigend mit dem Kopf und wurde immer röter. «Ich weiß nicht», sagte Adolf und trug seinen kahlgeschorenen Kopf kerzengerade, «ob Doktor Fehr oder ob Sie, mein verehrter Herr Professor, imstande sind zu erfassen, worauf an sich geringfügige Symptome, wie eben diese sogenannte Disziplinlosigkeit, im Grunde zurückzuführen sind.» – Aber hier fuhr Dr. Fehr in die Höhe. Er zischte und speichelte vor Erregung. «Geringfügige Symptome?» fauchte er. «Mäßige deine Unverschämtheit! Wie willst du grüner Bursche – –?» Aber da eine Erregung, wie ein zitternder elektrischer Funke, durch die Reihe der Schüler ging, hob der Professor abschließend die Hand, lächelte bestürzt und sagte stockend, daß das wohl über das unbedingt Notwendige hinausginge. Adolf setzte sich starr und mit dicht zusammengezogenen Brauen. Man nahm die Abstimmung vor.
Drüben erhob sich ein kleiner blonder Junge. Er wurde dunkelrot bis zum Haar hinauf und sagte ganz leise: «Können wir sie nicht noch einmal laufenlassen?»
Alle lachten. Nur Dr. Fehr blieb sehr ernst und sah streng ins Leere. Maria lächelte auf ihre bläulichen kleinen Hände hinunter.
Harald hatte sich weit vorgebeugt. Plötzlich war eine tiefe und weiche Dunkelheit in seine Augen gekommen.
Als die Heiterkeit sich gelegt hatte, wurde der Professor, der aus Höflichkeit auch ein wenig mitgelacht hatte, wieder sehr ernst und ließ abstimmen.
Die Großen waren selbstverständlich alle für eine Freisprache Marias, bis auf Adele, die aus einem unergründlich dunklen Pflichtbewußtsein heraus gegen die eigene Freundin stimmte, die sie sehr liebte. Auch die kleinen Jungen wollten, daß Maria ihre Strafe bekäme. Sie selbst mußten ja auch rechtzeitig zu Bett gehen, und außerdem fanden sie Maria «affektiert». Der blonde Junge allein, der vorhin die erheiternde Bemerkung gemacht hatte, gab seine Stimme für sie ab. Er hieß Uto und war dreizehn Jahre alt.
Dr. Fehrs Antrag wurde mit einer kleinen Stimmenmehrheit angenommen.
Der Professor sah die Stimmzettelchen durch und sagte mit einem kleinen Triumph: «Ja, Maria, nun bist du verurteilt.» – Er lachte ein wenig, aber dann schickte er sich zu einer Moralpredigt an. «Ich hoffe», sagte er und stand wieder in seiner ungelenken Rednerpose am Tisch, «ich hoffe –» Aber da stand Maria auf und verließ mit kleinen trippelnden Schritten den Saal. Sie hielt ein zierliches weißseidenes Taschentuch vor den Mund gepreßt. – Eine große Unruhe ging durch die Schüler. Adolf schüttelte erregt den kahlen Kopf und machte kleine Bewegungen, die wie Schläge waren. Sibylle sah still und aufmerksam Dr. Fehr an, der schon anfing, in sich selbst zusammenzufallen. Adele schluchzte laut in ein großes rotes Taschentuch. Nur Harald regte sich nicht. Er saß ganz still – so still, wie man nur ist, wenn einem eine große Lust geschieht oder ein großes Weh oder beides in einem – und sah Uto an. Uto erwiderte fest seinen Blick. Mitten in der nervösen Erregung des Aufbruchs trafen sich tief ihre Augen.
Der Professor sagte nur: «Na –» und wurde wieder ganz rot. Dann löste er die Schulgemeinde auf.
Die Schüler drängten ins Freie. Als Sibylle an Dr. Fehr vorbeiging, sagte sie mit ihrer dunklen, klingenden Stimme: «Nun, Herr Doktor, das war ja sehr sympathisch, wie Sie sich vorhin benahmen.» Dr. Fehr starrte ihr entsetzt ins Gesicht. «Wieso», sagte er, und sein Gesicht verfiel ganz vor Angst. Aber sie ging kühl und fremd davon. Sie hatte merkwürdig magere, knabenhafte Arme. Dr. Fehr sah ihr fast weinend nach. «Wieso», sagte er noch einmal, ohne daß Sibylle es noch hören konnte. «Wieso meinen Sie das?» Dr. Fehr liebte Sibylle.
Draußen sprach Harald leise mit Uto. «Ja», sagte Harald, und seine Stimme war ein wenig verschleiert, «da möchte ich wohl gern einmal hinkommen, wo du wohnst.» – Uto sah lachend zu ihm hinauf. Er hatte überraschend große blaue Augen mit ganz schwarzen Brauen und Wimpern zu seinem hellblonden Haar. Er trug einen hellgrünen Leinenanzug mit roter Borte am Halsausschnitt. «Ich denke mir euer weißes Haus so hübsch», sagte Harald. «Und die Mutter reitet am Morgen also spazieren?» – «Mit Großmutter zusammen reitet sie», sagte Uto und schüttelte sich das Haar aus der Stirne, das ihm in hellen Strähnen ins Gesicht fiel. «Oh, Großmutter ist eine kluge Frau, Großmutter ist schrecklich klug.» Harald wandte sich zum Gehen. Er pfiff eine kleine süße Melodie und ging langsam davon. Er hatte etwas von einem Jüngling aus der Zeit der Renaissance, wie er, in nicht ganz gerader Haltung, die Augen seltsam verschleiert und grau gekleidet, seines Weges ging.
Er wollte noch zu Maria.
Draußen auf der Landstraße vorm Haus standen die Großen beisammen. Maria fehlte, auch Adele und Harald, die bei ihr sein mochten.
Es begann zu dämmern. Weiße Nebel stiegen über den Wiesen auf, die sich weit und stille vor den Schulgebäuden ausdehnten. Ein leichtes Frösteln ging durch die Bäume, die sich zu entlauben anfingen. Vom Dorfe her läuteten Glocken durch den einbrechenden Abend.
«Wie kühl es schon ist», sagte Sibylle leise. Sie hob leicht die Schulter. Adolf stand gerade aufgerichtet mit hochgeschlagenem Hemdkragen und verschränkten Armen. Sein Blick forschte heiß und ruhelos über die weiten, dunkler werdenden Wiesen.
Johann, der einen häßlichen Gummimantel angezogen hatte, weil ihn fror, grübelte mit feuchtem Hundeblick der Entwicklung der menschlichen Seele nach, dem, was nebensächlich war, und dem, was wesentlich. Johann neigte der Anthroposophie zu, und die Bildung seines Seelenlebens beschäftigte sehr seine Gedanken. Braun und mager wuchs sein Hals mit dem stark hervortretenden Adamsapfel aus dem Klappkragen des grauen Gummimantels. An einem breiten Riemen trug er in einem ledernen Etui ein Fernglas um den Hals hängen.
Martha lehnte still und schlicht an der Mauer in ihrem blaukarierten Leinenkittel und sah Adolf an.
So standen sie beieinander.
Adolf zog die Brauen zusammen und sagte wütend: «Die ganze Schulgemeinde über wünschte ich heute eine Handgranate bei mir zu haben, um sie auf diesen Herrn, diesen Professor schleudern zu können. – Was will er?» rief Adolf, «was will dieser Herr von uns, was sollen uns seine Redensarten?» und zuckend hob er die Hand wie zu einem Schlage.
Sibylle lachte leise und dunkel vor sich hin.
Im Hause begann jemand Klavier zu spielen. Es war Griegs Walzer in a-Moll. Sibylle wiegte leicht den Kopf nach dem Takte der Melodie. Schmal und schön stand sie mit ihren Knabenarmen in der Dämmerung.
Aus den dunklen Fenstern tönte Lärm. Da balgten sich die kleinen Jungen, und in unentwirrbaren Knäueln wälzten sie sich auf der Erde. Eine magere Lehrerin trat aus dem Haus, den Zwicker auf der spitzigen Nase, und lief mit trippelnden Schritten die Landstraße hinunter dem Dorfe zu.
Adolf sah wie scharf nachdenkend von einem zum anderen. Er hielt den Kopf ein wenig schief und sagte ganz langsam, jedes Wort betonend, während sein blutigroter Mund sich schief verzerrte: «Ja, ja – wir Jungen – –»
Die anderen standen regungslos in der Dunkelheit.
Johann wollte augenscheinlich etwas sagen. Mühsam regte er den schwerhängenden Mund. Aber Adolf kam ihm zuvor. Er verneigte sich halb vor Sibylle, und mit einer Stimme, als wolle er sie verspotten, sagte er: «Gehen wir noch ein wenig spazieren, meine Holde?»
Sibylle war burschikos, aufgeräumt und laut. «Warum denn nicht, mein Sohn», rief sie und lachte. Sie wandte sich noch leichthin an Johann: «Wolltest du nicht gerade etwas sagen?» fragte sie ihn. Aber Johann blickte bekümmert und schief zur Erde. «Ich wollte dich um dasselbe bitten», sagte er leise.
Sibylle ging mit Adolf in das Dunkel hinein.
Martha neigte still das Gesicht.
Johann grübelte in seinem unschönen Gummimantel vor sich hin.
Sibylle plauderte entfernt und lachend an Adolfs Seite. Sie erzählte Anekdoten, sie ahmte Bekannte nach, und zuweilen verstellte sie ihre Stimme, so daß sie ordinär und quiekend wurde. Sie sang auch unanständige kleine Couplets, wobei sie zum Takte mit den Fingern schnalzte, so daß es wie Kastagnetten klang. Aber dazwischen schwieg sie auch und ging still neben ihm her mit ihren rührenden Armen. Es war, als müsse sie sich zu all den Kunststückchen, zu den Couplets sowohl als zu der Fremdheit ihres Schweigens, retten, aus Angst, der andere könne gar zu nahe an sie herankommen. Was in ihr Sehnsucht war, verbarg sich unter solchem Spiel und solchem Schweigen. So gingen sie nebeneinander, und jeder war allein. Adolf sprach wenig. Er hatte die Hände tief in die Taschen vergraben. Er trug den Kopf aufrecht. Mit zusammengezogenen Brauen schien er über allerlei nachzusinnen.
Sie standen auf dem Gipfel einer kleinen Anhöhe und blickten sprachlos über das dunkle Land. Mit vielen kleinen Lichtern glänzten die Gebäude der Schule.
Plötzlich sagte Adolf, und sein Mund verzerrte sich: «Ja – ich gehe jetzt noch zu Martha.» – Und er lief rasch und grußlos den Hügel hinunter.
Sibylle sah ihm mit dunkler werdenden Augen nach. Als seine enteilende Gestalt verschwunden war, senkte sie nur den Kopf. Ihr schweres braunes Haar lastete auf ihr wie eine köstliche Krone. –
Adolf trat, noch keuchend vom Lauf, in Marthas Zimmer. Hier war es sehr sauber aufgeräumt und roch nach Feldblumen. Martha saß still am Fenster und sah dem Eintretenden durch das Halbdunkel entgegen. «Guten Abend», sagte sie. Adolf stand hochaufgerichtet mitten im Zimmer. Ein Zittern lief seinen ganzen Körper hinunter.
Sie aber stand auf und kam ihm entgegen. Beim Gehen schwankten die schweren Brüste unter dem Leinen des Kleides. Schlicht und schön war ihr Gesicht, gerahmt von den hängenden Zöpfen. Wie im Traume griffen seine Hände nach ihr. Es war, als suchten sie tastend einen Ruhepunkt. Sie hatten beide, mitten im dunklen Zimmer sich gegenüberstehend, die Augen tief geschlossen.
Harald trat ins Zimmer, wo Maria und Adele zusammen hausten. Es bot einen seltsamen Anblick. Tische, Stühle, Betten und der ganze Fußboden waren bedeckt mit Kleidungsstücken aller Art, mit Bildern, Büchern, spitzenbesetzten Seidenhemdchen, und in der Mitte des Zimmers stand groß und gähnend ein offener schwarzer Koffer. Adele lief mit großen, feuchten Augen hin und wider und warf planlos, wie in einer Angst, alles, was ihr in den Weg kam, in den Koffer hinein. Sie stapfte auf dicken Sohlen durch das Zimmer, und ihre Stirne war umwölkt von allerlei tiefen und unergründlichen Sorgen.
Zwischen all dem Wust saß Maria am Schreibtisch über ein Telegrammformular gebeugt, den Kopf in die Hände gestützt. Sie trug ein zierliches rosa Ballettkleidchen, sie hatte sich die Beine weiß gepudert, und das etwas spärliche Haar hing ihr in wirren Löckchen um das geschminkte Gesicht. Harald blieb an der Schwelle stehen und lachte. «Hier sieht es ja amüsant aus!» sagte er und trat zu Maria hin.
Maria wandte sich und reichte ihm das Telegrammformular. Harald las: «Komme sofort nach Hause. Bin in beleidigender Weise in Schulgemeinde wegen Kleinigkeit bestraft. Eure tiefunglückliche Maria.» Und darunter hatte Adele noch geschrieben, damit es mehr Eindruck mache: «Die arme kleine Maria muß unbedingt fort von hier.»
Harald lächelte nicht. Er stand ganz still, während Maria ihn mit ihrem bebenden Munde fragte: «Ich habe doch recht so gehandelt, nicht?» Harald antwortete nur leise. «Ja, ja», sagte er und schien nachzudenken.
Da fing Maria an zu weinen. Sie warf sich über den Tisch und wurde ganz geschüttelt vom Schluchzen. Harald sah auf ihre mageren zuckenden Schultern herab, die sich, weiß gepudert unter der rosa verschlissenen Seide, zusammenzogen. «Ach», schluchzte sie, «es ist so furchtbar. – Ich weiß ja selbst nicht, warum. – Nun muß ich also auch von hier weg. – Und niemand mag mich auf dieser Welt.» – Sie richtete sich auf. Ihr geschminktes kleines Gesicht war tränenüberströmt. Wirr umhingen es die spärlichen Locken. «Andere haben doch ihre Eltern», sagte sie und lachte ohne Anlaß silberig und irr. «Aber meine Eltern sind auch so widerlich. Dein Vater, den denke ich mir angenehm», wandte sie sich plötzlich an Harald, «deinen Vater möchte ich gerne kennenlernen. Ist er – ist er auch so wie du?» sagte sie und lächelte ihm heiß und kokett entgegen. Harald senkte den Kopf. «Mein Vater», sagte er ganz leise, «ist ein sehr geachteter Mann.» – Haralds Vater war hoher Offizier. «Mein Vater», sagte Harald noch leiser, «liebt mich nicht sehr. Er hat es so leicht, abzulehnen.» Aber er brach ab und senkte nur tiefer noch das Gesicht. Adele stand nahe bei ihm. Sie trug eine Porzellanschale in der Hand, und Harald bemerkte plötzlich mit einem Seitenblick, wie dick und unangenehm muskulös ihre Arme waren. Sie war gepreßt und unglückselig, erfüllt von dunklen und traurigen Konflikten, erfüllt vor allem von einer großen Liebe zu allem, was lebte, die sie unterdrückte und die sich Luft machte in feuchter Schwermut.
Harald sah sich im Zimmer um. «Es ist gut, daß du dich rasch zur Abreise entschlossen hast. Wann willst du fahren?» – «Heute abend noch», sagte Maria, als sie aufgestanden war. «Aber jetzt tanze ich dir noch vor.» Ihr Tränen waren getrocknet. Sie stand geziert und lächelnd nahe bei Harald. Mit vielen kleinen und nervösen Gesten ordnete sie ihr Haar. «Was – du willst noch tanzen?» sagte Harald, «und mußt dich doch gleich zur Abreise fertigmachen.» – «Oh», meinte Maria und schüttelte lachend ihr Haar, «einmal mußt du mich noch tanzen sehen.» – Sie war geschäftig. Sie lief eilig umher; das Licht mußte verdunkelt, Parfüm gesprengt werden. Ein kleines Reisegrammophon wurde herbeigeschafft. Fiebernd wählte sie unter den Platten. – «Ich tanze einen Boston», sagte sie, während Adele das Grammophon aufzog. – Dann stand sie ganz still und leicht zitternd mitten im Raum, während das Grammophon, süß und gezogen, die ersten Rhythmen laut werden ließ. Es roch sehr stark nach Parfüm. Harald hielt die Augen halb geschlossen. Dann begann Maria zu tanzen. Sie zierte sich lächelnd, sie warf kleine Handküsse und wußte nicht, was sie mit ihren armen bläulichen Händen anfangen sollte. Kokett warf sie die weiß gepuderten Beine. Neckisch und mit spitzen Fingern hob sie das rosa Gazeröckchen. – Adele atmete schwer im Hintergrund. – Maria aber sah beim Tanzen nur Haralds Gesicht, das still und weiß im Dunkel stand. Die Nase sprang etwas stark hervor. Das Haar war von unbestimmter Farbe, merkwürdig aschblond, mit einem Stich ins Graue, fast Grünliche. Es neigte dazu, in weichen Strähnen in die Stirne zu fallen. Maria glaubte, daß sein Mund ihr zulächle.
Sie brach den Tanz plötzlich ab. Mit fröstelnden Schultern stand sie mitten im Zimmer. «War es schön?» sagte sie und schüttelte lachend ihr Haar. Adele zündete Licht an. Blinzelnd stand sie an der Türe. «Aber jetzt müssen wir packen», sagte sie mit gepreßter Stimme. Maria meinte, daß sie sich erst umziehen wolle. Harald fragte, ob er gehen müsse, aber sie entschied, er könne ja ans Fenster treten. Er stand am Fenster und blickte in die Nebel des Herbstabends. Er pfiff leise die Melodie, auf die Maria getanzt hatte. Draußen spielten die kleinen Jungen noch Schlagball bis zum Abendessen. Man hörte ihre sich überschlagenden Schreie, ihren enthusiastischen Lärm durch das feuchte Halbdunkel des nebligen Abends. Harald sah, wie Uto spielte, und stand regungslos am Fenster, um ihm zuzusehen. In seinen Augen war jenes Dunkel, süß und unergründlich. – Als Maria ihn anrief, hörte er nicht, wandte sich ihr erst, als sie ihn von hinten neckisch in die Schulter puffte, zu und war auch dann noch nervös und verwirrt.
Maria hatte jetzt ein graues, hochgeschlossenes Reisekleid angelegt mit einer schmalen hellroten Borte am Halse. «Ach», rief sie und schlug silberig auflachend die Hände über dem Kopf zusammen, «ich bin unendlich aufgeregt. – Was wird Mama sagen? Mama schreit vor Schrecken. – Wenn ich ankomme, wird sie zunächst wahnsinnig. Die Frau wird wahnsinnig», rief sie lachend in das chaotisch unordentliche Zimmer hinein, während Adele ihr in den Mantel half. «Du mußt ja weg», bat sie die Freundin gepreßt. «Maria, du versäumst uns noch den Zug.» Und sie strich ihr liebevoll den Kragen glatt. Maria stand in ihrem Reisemäntelchen, einen schwarzen Kapotthut tief in die Stirne gedrückt, mitten im Zimmer und redete fortwährend sinnlos und mit zitterndem Munde. «Ihr bringt mich natürlich an die Bahn», sagte sie und knöpfte ihren Mantel zu, «daß ihr zu spät zum Abendessen kommt, schadet wohl nichts weiter. Grüßt den Professor von mir. – Ich verabschiede mich von niemand. Sie waren ja alle zu abscheulich zu mir.» – Tränen stiegen in ihre Stimme. Plötzlich beugte sie sich über Haralds Hand, und während er ihren heißen kleinen Mund für eine Sekunde auf seiner Haut brennen fühlte, flüsterte sie: «Ach, Harald, daß ich weg von dir muß.» – Harald spürte, wie ihre Tränen heiß über seine Hand flossen. Es war ein warmes salziges Bad. Er blickte über ihren zerzausten zuckenden Kopf hinaus, wie in eine weite Ferne.
Dann gingen sie zu dritt die Landstraße hinunter. Adele zog keuchend in einem lärmenden Leiterwagen den Koffer hinter sich her. Maria sah Harald von der Seite an, wie er im weißen Herbstnebel neben ihr ging. Mit einem kleinen Schrecken konstatierte sie bei sich, daß Harald sich schminke. Der Mund war von einem tiefen künstlichen Rot. Er muß Schreckliches erlebt haben, dachte sie, während sie in ihrem Kapotthut neben ihm hertrippelte. Auf halbem Wege begegnete ihnen Adolf. Er kam die Landstraße hinauf und strebte der Schule zu. Martha war bei ihm. Adolf erweckte einen merkwürdig betrunkenen Eindruck. Seine Augen flackerten wie in einem trockenen harten Feuer. «Ach», sagte er, als er Marias ansichtig wurde, «das süße Viehchen, unser Mariechen.» Seine Zunge lallte. Aber da er den Koffer bemerkte, wurde er plötzlich von einem clownhaft-starren Ernst, er zog die Brauen dicht zusammen und sagte, jedes Wort nachdrücklich betonend: «Du reist? Ich wünsche dir alles Glück. Ich hoffe, daß wir uns wiedersehen werden.» Er gab ihr die Hand, während er sich halb seitlich vor ihr verneigte und ihr, zerstreut zugleich und übermäßig konzentriert, tief ins Auge blickte. «Ich hoffe es», wiederholte er langsam. «Es war doch schön, daß wir alle hier so beieinander waren.» Maria dachte, daß sein Kopf etwas von einem Totenschädel an sich habe, wie er so nahe und starr mit den tiefliegenden Augen und den weißen eingefallenen Wangen im Nebel vor ihr stand. Der Mund schien wie etwas nachträglich und künstlich Aufgesetztes, viel zu rot und viel zu blutig in diesem Gesicht. – Maria schloß die Augen und lächelte fremd und süßlich. Dann trennten sie sich. Martha hatte während des ganzen Vorgangs still und ohne sich zu regen im Dunkeln gestanden. – Keuchend zog Adele nun wieder an ihrem Leiterwagen.
Am Bahnhof gab es die schlimmsten Komplikationen, bis das Billett gelöst war und der Koffer aufgegeben. Adele bewährte sich trefflich und hantierte mit muskulösen Armen am Gepäckschalter.
Währenddem saß Harald bei Maria, die herzzerbrechend in ihr Spitzentüchlein schluchzte. «Ach, ach», flüsterte sie immer nur unter heißen Tränen, «ach, ach, ach.» –
Aber Harald saß neben ihr und tröstete sie. «Weine doch nicht», sagte er, «wir sehen uns ja bald wieder. Ich besuche dich, weißt du, und dann reisen wir zusammen. Wir fahren nach Paris, und dann tanzt du. – Du tanzt öffentlich auf den Boulevards und hast ein Kleidchen an aus meergrüner Seide. Der Präsident der Republik kommt selber in einem goldenen Frack und schenkt dir unwahrscheinlich schöne Schmuckgegenstände. – Liebe Maria, weine doch nicht. – Wir reisen nach Rom und besuchen den Papst. Der Papst sitzt alt und prächtig in seinem Vatikan, er segnet uns beide, erst dich und nachher auch mich.» –
Der Zug brauste um die Ecke. Männer trugen Marias Gepäck über den Perron. Adele trat gepreßt und mit feuchten Augen zu der Weinenden und zu dem, der sie tröstete. Sie sagte düster, daß Maria einsteigen müsse, nur zwei Minuten habe der Zug Aufenthalt.
Maria schluchzte krampfhaft in ihr Tüchlein. Liebevoll half ihr Adele beim Einsteigen ins Kupee.
«Der Papst hat eine goldene Krone», erzählte Harald ins Dunkle hinein. «Immer sind viele junge Mönche bei ihm.» –
Maria stand hochaufgerichtet am Kupeefenster. «Adieu», rief sie, «liebe Adele, ich danke dir auch für alles.» –
Langsam setzte der Zug sich in Bewegung. Und wie zu einem letzten Aufschrei neigte Maria sich weit aus dem Fenster. Aber sie brachte kein Wort mehr hervor und sah nur, während eine seltsame Verzerrung auf ihrem Gesicht vor sich ging, aus dem davonfahrenden Zuge zum letztenmal Harald an.
Dann verschwand der Zug um die Ecke.