Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, April 2019

Copyright © 1990 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages

Umschlaggestaltung Barbara Hanke

Umschlagabbildung Luizink/neuebildanstalt; ullstein bild – Eduard Wasow

Schrift DejaVu Copyright © 2003 by Bitstream, Inc. All Rights Reserved.

Bitstream Vera is a trademark of Bitstream, Inc.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen

ISBN Printausgabe 978-3-499-12745-8 (3. Auflage 2007)

ISBN E-Book 978-3-644-00345-3

www.rowohlt.de

ISBN 978-3-644-00345-3

Anmerkungen

Nachwort

Klaus Mann: Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht. München 1981, S. 137.

«Auf der Suche nach einem Weg» hieß eine umfangreiche Aufsatzsammlung des jungen Klaus Mann, erschienen im Transmare Verlag, Berlin 1931.

Laut editorischer Anmerkung von Martin Gregor-Dellin, in: Klaus Mann, Abenteuer des Brautpaars, München 21982, S. 279.

Klaus Mann: Kind dieser Zeit. Reinbek 21982, S. 128.

Klaus Mann: Mein Vater. Zu seinem 50. Geburtstag. In: Klaus Mann, Woher wir kommen und wohin wir müssen, München 1980, S. 21.

Kind dieser Zeit, a.a.O., S. 195.

Ebd., S. 180.

Thomas Mann: Sämtliche Erzählungen. Frankfurt 1972, S. 491, 511.

Zitiert nach Fredric Kroll (Hg.): Klaus-Mann-Schriftenreihe Band 2, 1906–1927, Unordnung und früher Ruhm, Wiesbaden 1977, S. 122.

Die Vision, daß der Vater stirbt, hat Klaus Mann in seinen Träumen häufig erlebt, wie in seinen jüngst veröffentlichten Tagebüchern dokumentiert ist. Vgl. Klaus Mann: Tagebücher 1931 bis 1933, München 1989, S. 41, 68, 109.

Klaus Mann: Briefe. Hg. von Friedrich Albrecht. Berlin und Weimar 1988, S. 34.

Nachwort, in: Klaus Mann, Kindernovelle, München 1964, hier S. 126f.

Brief an Erika Mann, 17. Oktober 1926. In: Thomas Mann, Briefe 1889–1936, Frankfurt 1961, S. 259.

Die Briefe Geheebs und Thomas Manns werden zitiert nach Martin Gregor-Dellin, Nachwort, in: Klaus Mann, Abenteuer des Brautpaars, a.a. O., S. 272.

Klaus Mann: Briefe und Antworten. 1922–1949. München 1987, S. 20.

Vgl. ebenda S. 193, 352f., 548, 579.

Vgl. Fredric Kroll, a.a.O., S. 120–124.

Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke, Band 6: 1928. Reinbek 1975, S. 57.

«Die literarische Welt», 26. August 1927, S. 6, und 16. September 1927, S. 8.

Der Wendepunkt, a.a.O., S. 185.

Nachwort

So Friedrich Albrecht in seinem Nachwort zu Klaus Mann, Letztes Gespräch, Erzählungen, Berlin und Weimar 1986, S. 366. – Albrechts Nachwort enthält die bislang überzeugendste Untersuchung von Klaus Manns Erzählungen.

Tagebücher 1931 bis 1933, a.a.O., S. 86. Datiert: 24. Oktober 1932.

Auf der Suche nach einem Weg, a.a.O., S. 380f.

Eine Skizze

Szene: Irgendein Salon irgendwo in Schwabing. Sagen wir in der Elisabethstraße. Teebesuch. Um einen runden Tisch sitzen Leute. Die Hausfrau trägt ein eng anliegendes Seidenkleid. Sie gießt Tee ein; und lächelt gelangweilt und höflich. Eine Stockung im Gespräch tritt ein. Die Hausfrau betrachtet ihre Hände. Sie sind rötlich, die Nägel zugespitzt und poliert. Sie sind schmal und lang. Sie denkt plötzlich an irgend welche Hand, die sie irgendwo gesehen hat. Sie vergißt, daß sie gerade irgend etwas Geistreiches sagen wollte. Sie lächelt gelangweilt. Sie vermutet, daß irgendwer einen Witz gemacht habe. Sie mußte also lächeln.

Da sagte irgendeine Dame (groß) hager, rötliche Haare (wie Roßhaare), spitze Nase, dürre, graue Finger: «Und was halten Sie von den jetzigen Zeiten?» Sie sieht sich triumphierend um! «Nun habe ich aber den Nagel auf den Kopf getroffen», denkt sie – die Kuh!

Die Gäste sind ärgerlich. Mein Gott – nun wird wieder über Politik gesprochen.

Die Frau Geheimrätin horcht auf. Sie hat gerade noch ihre Hände betrachtet. «Ach so – die Zeit. Die Bolschewisten und so.» Sie blickt zur Decke. Was soll sie nur sagen? Jawohl. Also: Sie findet alles ganz schrecklich. Natürlich! Wer nicht? Wer hat darunter nicht zu leiden? Unter dieser Schreckensherrschaft der Bolschewisten. Mein Gott, ja – man müßte eben abwarten, nicht wahr, sagte die Geheimrätin, «und auf Gott» (sie gießt Tee ein), «was ich nur sagen wollte? vertrauen! Ja natürlich – auf Gott vertrauen.» «Ja, natürlich, da haben Sie recht», sagt die Dame mit den Pferdehaaren. Ihre hageren, langen, grauen Hände liegen unerfreulich wie Spinnenarme auf der Tischdecke. Nein, wie ärgererregend diese Hände sind! Die Kuh!! Warum hatte sie auch von Politik zu reden! – Die Kuh!! Nein, da kann man sich auch ärgern! Schließlich die Leute, die kennen doch alle ihre Ansichten zur Genüge! Schauder vor den Bolschewisten,

Auf der Wiese drüben übten sich die kleineren Jungen im Wettlauf. Wie aufgezogene kleine Automaten rasten ihre weißen Gestalten über das Grün der Fläche. Bisweilen trug der Wind, halb zerpflückt und spielerisch entstellt, die hellen Schreie, mit denen sie sich gegenseitig zu höchster Leistung anfeuerten, bis hinüber zum Hauptgebäude.

Am Portal dort standen ein paar der größeren Schüler diskutierend beisammen. Es waren solche, die in den nächsten Wochen schon die Reifeprüfung bestehen und dann fort, in die großen Städte und, aus dem pädagogischen Frieden des Erziehungsheimes hinaus, in den Betrieb des Lebens sollten. Sie dachten viel nach, und sie sprachen auch viel unter sich über das, was nun würde. Mancher von ihnen hatte ein Ziel, das erreicht, ein Ideal, das verwirklicht sein wollte, und sie liebten es, das, was ihnen zeitig und notwendig schien, den Andersgesinnten mit schwungvollschönem Wort zu preisen. Manche freilich schwiegen auch still.

«Wunderbar ist es», rief jetzt der eine, der Wandervogel war und mit Enthusiasmus schwur auf die Regeneration, auf die «neue Epoche» und am begeistertsten auf die «Überwindung der décadence», «schön ist es ja wohl, wenn man's weiß, welche Rolle man spielt in der Geschichte der Welt – wenn man's gefühlt hat, zutiefst begriffen, daß man gestellt ist an die Wende der Zeit – daß man erwählt, berufen ist, zusammenschaffend mit Kameraden und Genossen, das Alte umzugestalten zum kraftvollen Neuen.» Er hatte die Eigenart, bei jedem Wort fast sich das dunkle Haar, das strähnig in die braune Stirn hing, mit einer kurzen, leidenschaftlichen Geste zurückzuwerfen. Seine Bewegungen waren heftig, er reckte kindlich-rhetorisch den ganzen Arm, es war ein großes Leuchten in seinem Blick. Aber ein anderer unterbrach ihn, er hob ernst, wie zu einer Beschwörung, die Hand. «Sprich nicht von derlei!» sagte er langsam und sah strenge an ihm vorbei. «Wende der Zeit. – Was weißt du wohl davon? Du sprichst von der Regeneration und trägst leinene

Junge Mädchen kamen aus dem Haus gelaufen. Es waren Wirtschaftsschülerinnen, sie trugen weiße und hellblaue Kleider. «Ihr philosophiert», lachten sie, «ach, ihr weisen, weisen Philosophen –», und sie liefen barfuß davon, in langer Kette, und sie schüttelten ihr weißblondes Haar. «Ach, ihr Klugen», höhnten die Entlaufenden, «ihr Neunmal-Gescheiten!» Und ihre hellen Gestalten verschwanden rasch um die Ecke.

Ein junger Mensch, der ungemein zierlich gekleidet war, hatte dem Gespräch des Wandervogels und des Theosophen über das Neue und über die Wende der Zeit unter mancherlei Äußerungen der Nervosität und der Ungeduld gelauscht. «Ach», sagte er endlich und schüttelte mehrmals heftig den Kopf, als ärgerten ihn unangenehme Fliegen, «wie ihr so sprechen möcht' –, daß ihr euch gar nicht ein bißchen geniert. Was macht ihr so gewaltigen Wesens mit eurem ‹Neuen›? Was wollt ihr denn nur? Das Neue», sagte der zierlich Gekleidete, und er machte viele spitze kleine Handbewegungen, im Drange den Zuhörern ein wenig doch verständlich zu werden, «das Neue ist nichts, als daß wir immer feinnerviger werden, auf jeden Farbton, jedes Geräusch, das uns trifft, immer schmerzlicher und immer lustvoller zugleich reagieren – der ganz logischen Entwicklung der Dinge zufolge wird das, was uns von der vorigen Generation unterscheidet, eine nicht neue eigentlich, eine ungeahnte differenzierte Art sein, das Weltbild in uns aufzunehmen – eine Art, mit der verglichen alles Frühere plump und wie geschmacklos erschei

Und dazwischen klangen, von der Wiese herüber, die Schreie der spielenden Jungen, die der Wind willkürlich verwehte.

Einer unter denen, die beisammen standen, schwieg still. Er dachte nach über das, was die anderen sagten. Er nahm alles entgegen, und er wußte es selbst nicht, was ihn so traurig machte daran. «Der eine», dachte der Schweigsame, «meint nun, die décadence sei prächtig abgetan und nackt, in strahlender Reinheit, nahe das Neue, getragen vom Fittich der Wandervogelbewegung. Der andere ist auch nicht eben bescheiden, fühlt sich eingeweiht in die dunkelsten Kulte, glaubt über unser aller Schicksal genau orientiert zu sein, ein

Der Wandervogel reckte und dehnte sich stark in der Sonne. Der Theosoph sah schräg und dunkel zur Erde, aus Augen, die ganz feucht waren vom großen Ernste. Der Zierliche fächelte und hatte viel damit zu tun, seine kleine hellblaue Krawatte zu ordnen. – So standen sie beieinander.

«Das ist doch seltsam», dachte der Schweigsame, «so gehen wir denn hinaus. – War es so sonderbar und kurios wohl immer bei denen, die vor dem Leben standen, wie's heute ist? – Wie vielgestaltet ihre Sehnsucht ist. – Und was soll nun daraus werden? – Es müßte einer ja da sein, in den sie alle mündeten, die Sehnsüchte und die Ziele. – Wie es um den dann freilich bestellt wäre – –?»

Der kleine Zierliche mit den gar zu sensiblen Fingerspitzen lächelte ihm plötzlich zu. «Du schweigst?» sagte er. «Ei, ja, ja – du denkst dir dein Teil – –.»

Die Wettläufer kamen im lautem Zuge von der Wiese her. Sie hatten kurze Sporthosen an, ihre Gesichter waren ganz braun gebrannt, wie weiß erschien das hellblonde Haar gegen die dunkle Haut. Schwatzend zogen sie weiter.

«Ob es wohl immer so seltsam war, unter den Jungen?» dachte der Schweigsame. «Wende der Zeit – Wende der Zeit – –. Wer schwach genug sein könnte, allen diesen Strömungen ganz sich hinzugeben, stark genug dann wieder, aus dieser Hingabe sich selbst zu gewinnen. – Wie wird das wohl enden? Wie denkt sich's der liebe Gott?»

Und plötzlich – die anderen waren zunächst ganz verdutzt – sagte er laut und sah sie der Reihe nach an: «Nun, irgendwie wird es schon werden –.» Und sie lachten alle mitsammen. Die einen, weil sie nicht wußten, was sein Spruch denn gemeint; er vielleicht nur, um der Trauer Herr zu werden, die in ihm groß geworden war.

So lachten sie laut an der Schwelle des Lebens.

Denn es ist eine sonderbare Zeit,

und sonderbare Kinder hat sie: uns.

Hugo von Hofmannsthal

1.

Nach und nach hatten sich alle gesetzt.

Die Schüler saßen in einem weiten Halbkreis, der abgeschlossen wurde durch den langen Tisch, an dem das Kolleg der Lehrer und Lehrerinnen seinen Platz hatte. Den Mittelpunkt dieses Tisches bildete der Stuhl des Professors, der, ein wenig stattlicher als alle andern Stühle im Raum, gewichtig und thronartig erschien, schwer geschnitzt und aus dunklem Holz. Der Professor selbst war noch nicht anwesend, aber Frau Elsbeth, seine hagere Gemahlin, nahm bereits ihren Sessel ein, der rechts von dem des Professors stand. Sie streckte auf diese Weise, die ungehörig und allzu mondän für die Gelegenheit wirkte, ihre schmalen Rennpferdbeine in grauen Seidenstrümpfen von sich und tauschte zischelnde kleine Bemerkungen mit Dr. Fehr, der ihr anderer Nachbar war.

Die größeren Schüler saßen beieinander und spotteten.

Johann saß mit übereinandergeschlagenen Beinen, trug an seinen braunroten Negerlippen wie an einer kleinen Last und sprach, in seinem weichen, etwas gebrochenen Deutsch, gedämpft und eifrig auf Sibylle ein. «Daß du es nicht merkst, wie unwichtig das alles ist. – Was geht es uns an? Was hat es denn mit der Entwicklung der menschlichen Seele nur irgend zu tun?» Aber Sibylle saß ein wenig gebückt in ihrem schweren gestrickten Kleid neben ihm und antwortete mit einer entfernten kühlen Herzlichkeit, die zugleich beglückte und weh tat, während ihre braungoldenen Augen stille von ihm ab und dunkelnd durch den Raum glitten. –

Neben ihr saß Martha, die sehr schlicht gekleidet war und den unbedingten Eindruck erweckte, als ob sie nach Schweiß röche – was aber nur an der biederen Uneleganz ihres Auftretens und der plumpen Form ihrer Beine in den schwarzen Wollstrümpfen lag. Blaue tiefe Augen und braunes Haar, das schwer herabhängend ihr

Ihnen gegenüber saßen die kleinen Buben, ließen ihre nackten braunen Beine baumeln und lachten.

«Siehst du, Sibylle», sagte Johann gedämpft, «unter allen Umständen war es falsch von Doktor Fehr, diese Schulgemeinde einzuberufen. In der Situation, in der wir uns befinden, kann es nur schaden, wenn an einer einzelnen ein Exempel statuiert wird. – Es bringt uns nicht weiter. An andern Stellen müßte angepackt werden. Liebe Sibylle», sagte er eindringlich, «die menschliche Entwicklung –»

Aber Sibylles braungoldne Augen glitten von ihm ab, dunkelnd durch den Raum. «Ja», sagte sie und hob leicht die eine Schulter. «Derlei bleibt peinlich –»

Harald sagte lächelnd zu der kleinen Maria: «Habe nur keine Angst. Den Kopf, weißt du, beißen sie dir nicht ab – –» Marias seltsam inhaltsleere, bläuliche, kleine Händchen, die so hilflos in ihrem Schoße lagen, rührten ihn so sehr, daß er sich herbeiließ, sie mit solchen Redensarten zu trösten. Sie schaute mit grauen, viel zu großen Augen gerade vor sich hin. «Nein, nein», sagte sie und lächelte mit ihrem kleinen entzündeten Munde.

Der Professor trat ein. Als allerletzter, wie der Dirigent an sein Pult tritt, wenn die Aufführung beginnen soll.

Adolf richtete sich langsam auf und sah ihn aus stahlblauen Augen

Sibylle ließ ihre stillen Augen auf ihm ruhen und lächelte ein wenig.

Johann betrachtete ihn von unten her, mit prüfendem Hundeblick.

Der Professor ging mit unklaren Augen an seinen Platz, behindert und gebückt unter den vielen Blicken. Seine Hände hingen schwer, rot und wohlmeinend aus den Manschetten.

Spott und Kritik lagen wie etwas Körperliches in der Luft.

Maria neigte sich einen Augenblick ganz nahe zu Harald hin. «Hör doch, wie mein Herz klopft», sagte sie, die Hand auf der Brust, und schloß für eine Sekunde tief die Augen. Aber Harald sah an ihr vorbei, zu den kleinen Jungen hinüber, die mit weit und ehrfurchtsvoll aufgerissenen Augen auf den Professor schauten. Da richtete sich Maria wieder auf, kerzengerade, und während sie mit ihren mageren Kinderschultern leicht erschauerte, lachte sie, leise und klingelnd, in die eingetretene Stille hinein, wie eine kleine, irre Silberschelle.

Der Professor hatte sich erhoben. Er stand in seinem uneleganten, schwarzen Anzug am Tisch und sah mit unklar gekränktem Blick in der Runde umher. Sein Gesicht war etwas dick, mit schweren Backen und einem kleinen blonden Schnurrbart.

«Trotzdem Doktor Fehr die Schulversammlung einberufen hat», sagte er langsam, während seine magere Frau lauernd die Augen über die Schüler wandern ließ, um die Wirkung seiner Worte zu erprüfen, «möchte ich vorher noch ein paar Worte an die Gemeinde richten.» Er sprach mit schwerer Zunge und etwas stockend, immer vor sich hin auf seine Hände blickend. «Noch nie ist es mir so schwergefallen, euren Kreis zu betreten, als heute. Der Fall, von dem wir nachher sprechen müssen, ist kein Einzelfall. Allerorten höre ich Klagen. Gerade die ‹Großen›», sagte er und hob jetzt den Blick, «wollen sich dem Sinne unserer Gemeinschaft nicht fügen, stehen in einer unfruchtbaren, verdammenswerten Opposition. Wißt ihr es denn nicht», rief er und hob ungeschickt rhetorisch die schwere Hand, «begreift ihr es denn nicht, worauf es hier ankommt? Daß ich euch in Freiheit erziehen will zur Selbstzucht, daß die Hauptmitgift, die ich der neuen Jugend, wie ich sie ersehne,

Endlich brach der Professor ab. Es war, als habe er einen sehr wirksamen Schluß auswendig gelernt, aber nun versage ihm das Gedächtnis, und vorzeitig müsse er seine Rede enden. Noch einmal hob er die bäuerische Rechte, als wolle er, unter gewaltigen Anstrengungen, eine wuchtige Schlußpointe in den Saal schleudern. Aber es kam nichts mehr, er setzte sich nur, und sein Gesicht war ganz rot und verschwollen. Mit unklaren Augen sah er um sich.

Eine Pause entstand. Niemand regte sich. Nur Maria schauerte ab und zu leicht zusammen und lächelte irr mit dem entzündeten Munde. Adolf ließ seine Augen nicht vom Professor.

Plötzlich stand Dr. Fehr auf. Sein Altweibermund bebte vor Erregung. Er trug seinen hellen englischen Anzug wie eine Offiziersuniform, und herausfordernd sah er im Kreise umher.

Harald dachte daran, wie er hinterher, wenn solches Theater zu Ende war, zusammenklappen konnte. Weinend lief er dann von einem zum andern, und kläglich, mit zitterndem Munde, klagte er aller Welt sein unwürdiges Leid. Aber die haben es wohl auch nicht am leichtesten, dachte Harald, die sich retten müssen zu solchen Albernheiten. Adolf saß, seit der Professor seine traurige Rede beendet hatte, sehr steif aufgerichtet, eng eingeknöpft in sein Hemd – seine Hemden waren so häßlich, aus dickem rauhen Flanellstoff –, und beobachtete unter dicht zusammengezogenen Brauen den Doktor. – «Der kleine Napoleon», sagte er durch die Zähne hindurch.

Kleine Gekicher wurden laut. Maria erbebte plötzlich in einem hysterischen Lachkrampf. Das Kollegium überhörte es.

Dr. Fehr begann zu sprechen. «Lange schon wollte ich Einspruch erheben», sagte er scharf, «gegen das Unwesen, das eine der Schüle

Maria blickte fröstelnd gerade vor sich hin. Harald sann still den Worten des Professors nach. Mit grüblerischem Hundegesicht überdachte Johann von allen Seiten den Sachverhalt.

Aber Adolf stand langsam auf und sagte mit einer seltsam belegten Stimme, während er mit runden brennenden Augen im Kreise umhersah, bis sein Blick auf dem Professor haftenblieb: «Ich bitte um das Wort.» Da niemand antwortete, begann er zu sprechen, langsam, ingrimmig und ohne die Augen von dem tieferrötenden Antlitz des Professors zu wenden. «Was Herr Doktor Fehr von der Disziplinlosigkeit sagte, bezieht sich, wie ich als selbstverständlich annehme, wohl nicht nur auf den Fall Marias, sondern letzten Endes auf uns alle.» Der Professor nickte ermunternd und wie bestätigend mit dem Kopf und wurde immer röter. «Ich weiß nicht», sagte Adolf und trug seinen kahlgeschorenen Kopf kerzengerade, «ob Doktor Fehr oder ob Sie, mein verehrter Herr Professor, imstande sind zu erfassen, worauf an sich geringfügige Symptome, wie eben diese sogenannte Disziplinlosigkeit, im Grunde zurückzuführen sind.» – Aber hier fuhr Dr. Fehr in die Höhe. Er zischte und speichelte vor Erregung. «Geringfügige Symptome?» fauchte er. «Mä

Drüben erhob sich ein kleiner blonder Junge. Er wurde dunkelrot bis zum Haar hinauf und sagte ganz leise: «Können wir sie nicht noch einmal laufenlassen?»

Alle lachten. Nur Dr. Fehr blieb sehr ernst und sah streng ins Leere. Maria lächelte auf ihre bläulichen kleinen Hände hinunter.

Harald hatte sich weit vorgebeugt. Plötzlich war eine tiefe und weiche Dunkelheit in seine Augen gekommen.

Als die Heiterkeit sich gelegt hatte, wurde der Professor, der aus Höflichkeit auch ein wenig mitgelacht hatte, wieder sehr ernst und ließ abstimmen.

Die Großen waren selbstverständlich alle für eine Freisprache Marias, bis auf Adele, die aus einem unergründlich dunklen Pflichtbewußtsein heraus gegen die eigene Freundin stimmte, die sie sehr liebte. Auch die kleinen Jungen wollten, daß Maria ihre Strafe bekäme. Sie selbst mußten ja auch rechtzeitig zu Bett gehen, und außerdem fanden sie Maria «affektiert». Der blonde Junge allein, der vorhin die erheiternde Bemerkung gemacht hatte, gab seine Stimme für sie ab. Er hieß Uto und war dreizehn Jahre alt.

Dr. Fehrs Antrag wurde mit einer kleinen Stimmenmehrheit angenommen.

Der Professor sah die Stimmzettelchen durch und sagte mit einem kleinen Triumph: «Ja, Maria, nun bist du verurteilt.» – Er lachte ein wenig, aber dann schickte er sich zu einer Moralpredigt an. «Ich hoffe», sagte er und stand wieder in seiner ungelenken Rednerpose am Tisch, «ich hoffe –» Aber da stand Maria auf und verließ mit kleinen trippelnden Schritten den Saal. Sie hielt ein zierliches weißseidenes Taschentuch vor den Mund gepreßt. – Eine große Unruhe ging durch die Schüler. Adolf schüttelte erregt den kahlen Kopf und machte kleine Bewegungen, die wie Schläge waren. Sibylle sah still und aufmerksam Dr. Fehr an, der schon anfing, in sich selbst zusammenzufallen. Adele schluchzte laut in ein großes rotes Taschen

Der Professor sagte nur: «Na –» und wurde wieder ganz rot. Dann löste er die Schulgemeinde auf.

Die Schüler drängten ins Freie. Als Sibylle an Dr. Fehr vorbeiging, sagte sie mit ihrer dunklen, klingenden Stimme: «Nun, Herr Doktor, das war ja sehr sympathisch, wie Sie sich vorhin benahmen.» Dr. Fehr starrte ihr entsetzt ins Gesicht. «Wieso», sagte er, und sein Gesicht verfiel ganz vor Angst. Aber sie ging kühl und fremd davon. Sie hatte merkwürdig magere, knabenhafte Arme. Dr. Fehr sah ihr fast weinend nach. «Wieso», sagte er noch einmal, ohne daß Sibylle es noch hören konnte. «Wieso meinen Sie das?» Dr. Fehr liebte Sibylle.

Draußen sprach Harald leise mit Uto. «Ja», sagte Harald, und seine Stimme war ein wenig verschleiert, «da möchte ich wohl gern einmal hinkommen, wo du wohnst.» – Uto sah lachend zu ihm hinauf. Er hatte überraschend große blaue Augen mit ganz schwarzen Brauen und Wimpern zu seinem hellblonden Haar. Er trug einen hellgrünen Leinenanzug mit roter Borte am Halsausschnitt. «Ich denke mir euer weißes Haus so hübsch», sagte Harald. «Und die Mutter reitet am Morgen also spazieren?» – «Mit Großmutter zusammen reitet sie», sagte Uto und schüttelte sich das Haar aus der Stirne, das ihm in hellen Strähnen ins Gesicht fiel. «Oh, Großmutter ist eine kluge Frau, Großmutter ist schrecklich klug.» Harald wandte sich zum Gehen. Er pfiff eine kleine süße Melodie und ging langsam davon. Er hatte etwas von einem Jüngling aus der Zeit der Renaissance, wie er, in nicht ganz gerader Haltung, die Augen seltsam verschleiert und grau gekleidet, seines Weges ging.

Er wollte noch zu Maria.

Draußen auf der Landstraße vorm Haus standen die Großen beisammen. Maria fehlte, auch Adele und Harald, die bei ihr sein mochten.

Es begann zu dämmern. Weiße Nebel stiegen über den Wiesen auf, die sich weit und stille vor den Schulgebäuden ausdehnten. Ein leichtes Frösteln ging durch die Bäume, die sich zu entlauben anfingen. Vom Dorfe her läuteten Glocken durch den einbrechenden Abend.

«Wie kühl es schon ist», sagte Sibylle leise. Sie hob leicht die Schulter. Adolf stand gerade aufgerichtet mit hochgeschlagenem Hemdkragen und verschränkten Armen. Sein Blick forschte heiß und ruhelos über die weiten, dunkler werdenden Wiesen.

Johann, der einen häßlichen Gummimantel angezogen hatte, weil ihn fror, grübelte mit feuchtem Hundeblick der Entwicklung der menschlichen Seele nach, dem, was nebensächlich war, und dem, was wesentlich. Johann neigte der Anthroposophie zu, und die Bildung seines Seelenlebens beschäftigte sehr seine Gedanken. Braun und mager wuchs sein Hals mit dem stark hervortretenden Adamsapfel aus dem Klappkragen des grauen Gummimantels. An einem breiten Riemen trug er in einem ledernen Etui ein Fernglas um den Hals hängen.

Martha lehnte still und schlicht an der Mauer in ihrem blaukarierten Leinenkittel und sah Adolf an.

So standen sie beieinander.

Adolf zog die Brauen zusammen und sagte wütend: «Die ganze Schulgemeinde über wünschte ich heute eine Handgranate bei mir zu haben, um sie auf diesen Herrn, diesen Professor schleudern zu können. – Was will er?» rief Adolf, «was will dieser Herr von uns, was sollen uns seine Redensarten?» und zuckend hob er die Hand wie zu einem Schlage.

Sibylle lachte leise und dunkel vor sich hin.

Im Hause begann jemand Klavier zu spielen. Es war Griegs Walzer in a-Moll. Sibylle wiegte leicht den Kopf nach dem Takte der Melodie. Schmal und schön stand sie mit ihren Knabenarmen in der Dämmerung.

Aus den dunklen Fenstern tönte Lärm. Da balgten sich die klei

Adolf sah wie scharf nachdenkend von einem zum anderen. Er hielt den Kopf ein wenig schief und sagte ganz langsam, jedes Wort betonend, während sein blutigroter Mund sich schief verzerrte: «Ja, ja – wir Jungen – –»

Die anderen standen regungslos in der Dunkelheit.

Johann wollte augenscheinlich etwas sagen. Mühsam regte er den schwerhängenden Mund. Aber Adolf kam ihm zuvor. Er verneigte sich halb vor Sibylle, und mit einer Stimme, als wolle er sie verspotten, sagte er: «Gehen wir noch ein wenig spazieren, meine Holde?»

Sibylle war burschikos, aufgeräumt und laut. «Warum denn nicht, mein Sohn», rief sie und lachte. Sie wandte sich noch leichthin an Johann: «Wolltest du nicht gerade etwas sagen?» fragte sie ihn. Aber Johann blickte bekümmert und schief zur Erde. «Ich wollte dich um dasselbe bitten», sagte er leise.

Sibylle ging mit Adolf in das Dunkel hinein.

Martha neigte still das Gesicht.

Johann grübelte in seinem unschönen Gummimantel vor sich hin.

Sibylle plauderte entfernt und lachend an Adolfs Seite. Sie erzählte Anekdoten, sie ahmte Bekannte nach, und zuweilen verstellte sie ihre Stimme, so daß sie ordinär und quiekend wurde. Sie sang auch unanständige kleine Couplets, wobei sie zum Takte mit den Fingern schnalzte, so daß es wie Kastagnetten klang. Aber dazwischen schwieg sie auch und ging still neben ihm her mit ihren rührenden Armen. Es war, als müsse sie sich zu all den Kunststückchen, zu den Couplets sowohl als zu der Fremdheit ihres Schweigens, retten, aus Angst, der andere könne gar zu nahe an sie herankommen. Was in ihr Sehnsucht war, verbarg sich unter solchem Spiel und solchem Schweigen. So gingen sie nebeneinander, und jeder war allein. Adolf sprach wenig. Er hatte die Hände tief in die Taschen vergraben. Er trug den Kopf aufrecht. Mit zusammengezogenen Brauen schien er über allerlei nachzusinnen.

Sie standen auf dem Gipfel einer kleinen Anhöhe und blickten sprachlos über das dunkle Land. Mit vielen kleinen Lichtern glänzten die Gebäude der Schule.

Sibylle sah ihm mit dunkler werdenden Augen nach. Als seine enteilende Gestalt verschwunden war, senkte sie nur den Kopf. Ihr schweres braunes Haar lastete auf ihr wie eine köstliche Krone. –

Adolf trat, noch keuchend vom Lauf, in Marthas Zimmer. Hier war es sehr sauber aufgeräumt und roch nach Feldblumen. Martha saß still am Fenster und sah dem Eintretenden durch das Halbdunkel entgegen. «Guten Abend», sagte sie. Adolf stand hochaufgerichtet mitten im Zimmer. Ein Zittern lief seinen ganzen Körper hinunter.

Sie aber stand auf und kam ihm entgegen. Beim Gehen schwankten die schweren Brüste unter dem Leinen des Kleides. Schlicht und schön war ihr Gesicht, gerahmt von den hängenden Zöpfen. Wie im Traume griffen seine Hände nach ihr. Es war, als suchten sie tastend einen Ruhepunkt. Sie hatten beide, mitten im dunklen Zimmer sich gegenüberstehend, die Augen tief geschlossen.

3.

Harald trat ins Zimmer, wo Maria und Adele zusammen hausten. Es bot einen seltsamen Anblick. Tische, Stühle, Betten und der ganze Fußboden waren bedeckt mit Kleidungsstücken aller Art, mit Bildern, Büchern, spitzenbesetzten Seidenhemdchen, und in der Mitte des Zimmers stand groß und gähnend ein offener schwarzer Koffer. Adele lief mit großen, feuchten Augen hin und wider und warf planlos, wie in einer Angst, alles, was ihr in den Weg kam, in den Koffer hinein. Sie stapfte auf dicken Sohlen durch das Zimmer, und ihre Stirne war umwölkt von allerlei tiefen und unergründlichen Sorgen.

Zwischen all dem Wust saß Maria am Schreibtisch über ein Telegrammformular gebeugt, den Kopf in die Hände gestützt. Sie trug ein zierliches rosa Ballettkleidchen, sie hatte sich die Beine weiß gepudert, und das etwas spärliche Haar hing ihr in wirren Löckchen um das geschminkte Gesicht. Harald blieb an der Schwelle stehen und lachte. «Hier sieht es ja amüsant aus!» sagte er und trat zu Maria hin.

Harald lächelte nicht. Er stand ganz still, während Maria ihn mit ihrem bebenden Munde fragte: «Ich habe doch recht so gehandelt, nicht?» Harald antwortete nur leise. «Ja, ja», sagte er und schien nachzudenken.

Da fing Maria an zu weinen. Sie warf sich über den Tisch und wurde ganz geschüttelt vom Schluchzen. Harald sah auf ihre mageren zuckenden Schultern herab, die sich, weiß gepudert unter der rosa verschlissenen Seide, zusammenzogen. «Ach», schluchzte sie, «es ist so furchtbar. – Ich weiß ja selbst nicht, warum. – Nun muß ich also auch von hier weg. – Und niemand mag mich auf dieser Welt.» – Sie richtete sich auf. Ihr geschminktes kleines Gesicht war tränenüberströmt. Wirr umhingen es die spärlichen Locken. «Andere haben doch ihre Eltern», sagte sie und lachte ohne Anlaß silberig und irr. «Aber meine Eltern sind auch so widerlich. Dein Vater, den denke ich mir angenehm», wandte sie sich plötzlich an Harald, «deinen Vater möchte ich gerne kennenlernen. Ist er – ist er auch so wie du?» sagte sie und lächelte ihm heiß und kokett entgegen. Harald senkte den Kopf. «Mein Vater», sagte er ganz leise, «ist ein sehr geachteter Mann.» – Haralds Vater war hoher Offizier. «Mein Vater», sagte Harald noch leiser, «liebt mich nicht sehr. Er hat es so leicht, abzulehnen.» Aber er brach ab und senkte nur tiefer noch das Gesicht. Adele stand nahe bei ihm. Sie trug eine Porzellanschale in der Hand, und Harald bemerkte plötzlich mit einem Seitenblick, wie dick und unangenehm muskulös ihre Arme waren. Sie war gepreßt und unglückselig, erfüllt von dunklen und traurigen Konflikten, erfüllt vor allem von einer großen Liebe zu allem, was lebte, die sie unterdrückte und die sich Luft machte in feuchter Schwermut.

Harald sah sich im Zimmer um. «Es ist gut, daß du dich rasch zur Abreise entschlossen hast. Wann willst du fahren?» – «Heute abend noch», sagte Maria, als sie aufgestanden war. «Aber jetzt tanze ich dir noch vor.» Ihr Tränen waren getrocknet. Sie stand geziert und

Sie brach den Tanz plötzlich ab. Mit fröstelnden Schultern stand sie mitten im Zimmer. «War es schön?» sagte sie und schüttelte lachend ihr Haar. Adele zündete Licht an. Blinzelnd stand sie an der Türe. «Aber jetzt müssen wir packen», sagte sie mit gepreßter Stimme. Maria meinte, daß sie sich erst umziehen wolle. Harald fragte, ob er gehen müsse, aber sie entschied, er könne ja ans Fenster treten. Er stand am Fenster und blickte in die Nebel des Herbstabends. Er pfiff leise die Melodie, auf die Maria getanzt hatte. Draußen spielten die kleinen Jungen noch Schlagball bis zum Abendessen. Man hörte ihre sich überschlagenden Schreie, ihren enthusiastischen Lärm durch das feuchte Halbdunkel des nebligen Abends. Harald sah, wie Uto spielte, und stand regungslos am Fenster, um ihm zuzusehen. In seinen Augen war jenes Dunkel, süß und unergründlich. – Als Maria ihn anrief, hörte er nicht, wandte sich ihr erst, als sie ihn von hinten neckisch in die Schulter puffte, zu und war auch dann noch nervös und verwirrt.

Dann gingen sie zu dritt die Landstraße hinunter. Adele zog keuchend in einem lärmenden Leiterwagen den Koffer hinter sich her. Maria sah Harald von der Seite an, wie er im weißen Herbstnebel neben ihr ging. Mit einem kleinen Schrecken konstatierte sie bei sich, daß Harald sich schminke. Der Mund war von einem tiefen künstlichen Rot. Er muß Schreckliches erlebt haben, dachte sie, während sie in ihrem Kapotthut neben ihm hertrippelte. Auf halbem Wege begegnete ihnen Adolf. Er kam die Landstraße hinauf und strebte der Schule zu. Martha war bei ihm. Adolf erweckte einen merkwürdig betrunkenen Eindruck. Seine Augen flackerten wie in einem trockenen harten Feuer. «Ach», sagte er, als er Marias ansichtig wurde, «das süße Viehchen, unser Mariechen.» Seine Zunge lallte. Aber da er den Koffer bemerkte, wurde er plötzlich von einem clownhaft-starren Ernst, er zog die Brauen dicht zusammen und sagte, jedes Wort nachdrücklich betonend: «Du reist? Ich wünsche dir alles Glück. Ich hoffe, daß wir uns wiedersehen wer

Am Bahnhof gab es die schlimmsten Komplikationen, bis das Billett gelöst war und der Koffer aufgegeben. Adele bewährte sich trefflich und hantierte mit muskulösen Armen am Gepäckschalter.

Währenddem saß Harald bei Maria, die herzzerbrechend in ihr Spitzentüchlein schluchzte. «Ach, ach», flüsterte sie immer nur unter heißen Tränen, «ach, ach, ach.» –

Aber Harald saß neben ihr und tröstete sie. «Weine doch nicht», sagte er, «wir sehen uns ja bald wieder. Ich besuche dich, weißt du, und dann reisen wir zusammen. Wir fahren nach Paris, und dann tanzt du. – Du tanzt öffentlich auf den Boulevards und hast ein Kleidchen an aus meergrüner Seide. Der Präsident der Republik kommt selber in einem goldenen Frack und schenkt dir unwahrscheinlich schöne Schmuckgegenstände. – Liebe Maria, weine doch nicht. – Wir reisen nach Rom und besuchen den Papst. Der Papst sitzt alt und prächtig in seinem Vatikan, er segnet uns beide, erst dich und nachher auch mich.» –

Der Zug brauste um die Ecke. Männer trugen Marias Gepäck über den Perron. Adele trat gepreßt und mit feuchten Augen zu der Weinenden und zu dem, der sie tröstete. Sie sagte düster, daß Maria einsteigen müsse, nur zwei Minuten habe der Zug Aufenthalt.

Maria schluchzte krampfhaft in ihr Tüchlein. Liebevoll half ihr Adele beim Einsteigen ins Kupee.

«Der Papst hat eine goldene Krone», erzählte Harald ins Dunkle hinein. «Immer sind viele junge Mönche bei ihm.» –

Maria stand hochaufgerichtet am Kupeefenster. «Adieu», rief sie, «liebe Adele, ich danke dir auch für alles.» –

Dann verschwand der Zug um die Ecke.