Halloween
Roman
Deutsch von Thomas Gunkel
Für Ray Bradbury
Ist es möglich, eine Seitenstraße
ohne Gehsteige zu lieben?
Geparkte Autos und Holzhäuser?
THEODORE WEESNER
Ich hasse mich
und wäre am liebsten tot.
KURT COBAIN
Na, hörst du das? Der Wind – wie er unter der Dachtraufe rauscht und die kahlen Bäume streift. Wie er heult, als wäre er Musik, eine Harmonie aus altem Gestöhn. Das Haus scheint zu atmen, klingt wie ein Kranker. Vergiss die lange Gruselfilmnacht; das hier ist besser als Fernsehen. Lass das Licht aus. Das blaue Leuchten folgt dir den Flur entlang. Geh in dem unbenutzten Zimmer ans Fenster, wo die Kälte durch die Scheibe dringt. Da ist der Mond, gefangen in den wippenden Zweigen. Das Bild fesselt dich, schwarze Bäume, von hinten beleuchtet, ein silberner Lichtstrahl, der auf die Veranda fällt und winkt. Dies ist eine Abenteuergeschichte, eine Einladung zum Wahnsinn (Verwandlung in einen Werwolf, Tanz mit dem Vampir), ganz natürlich und doch verboten, verlockend, etwas, das auch du noch im Blut hast.
Bist du nicht gespannt?
Willst du es nicht wissen?
Na dann los, komm mit uns in die Nacht hinaus. Komm jetzt, du liebeskrankes Amerika, du ängstliches, seliges, gebildetes Amerika, komm, schleich durch die dunklen Seitenstraßen und stell dich vor die hell erleuchteten Häuser, ruhig wie ein Mörder im Garten, still wie ein Hirsch. Komm, du Schläfer, du Faulpelz, erwach aus deinem Schlaf und flieg über den verwilderten Wald. Komm, du Träumer, du Zombie, du Ungeheuer. Denn was tust du schon, Rechnungen bezahlen, das Geschirr spülen, auf das Klingeln an der Tür warten? Los, nimm deine Schlüssel, lass die Schüssel mit den Süßigkeiten auf der Veranda stehen, setz die erstickende Maske von jemand anderem auf und hol Luft. Sei ausnahmsweise jemand, den du nicht besonders leiden kannst. Hör zu: Genau wie die Kinder haben wir nur eine Nacht.
Glaub mir, es macht Spaß. Wir lassen uns nicht erwischen. Es ist sowieso bloß ein Spiel, eine Maskerade. Wir sind in der Vorstadt; hier passiert doch nichts.
Also komm, Freund, Fremder, Geliebter, Nachbar. Komm aus deinem behaglichen Zimmer mit dem Großbildfernseher, komm aus deinem warmen Haus in die kühle Nacht hinaus. Riech die nassen, zermatschten Blätter in der Einfahrt, die moderige Mischung aus Staub und Koriander in der Luft. Es ist die beste Zeit des Jahres, die einzige Jahreszeit, in der du etwas von uns und unserer malerischen Vergangenheit wissen willst – von Hexenjagden und dem Rauch von Holzfeuern, den urigen Namen der Toten auf moosbedeckten Friedhöfen. Ist doch unwichtig, dass all das längst vorbei ist, die weißen Palisadenzäune nur noch aus abwaschbarem Plastik, die Freundschaftsdecken genäht in der Dominikanischen Republik, das hier ist noch immer ein neues England, gartengrün, durchzogen von schwarzen Flüssen und Blutbädern.
Komm mit, am letzten Stückchen Gehsteig vorbei, vorbei an den neuen Siedlungen mit ihren spärlichen Rasenflächen, vorbei an den Ladenzeilen der Ausfallstraßen mit dem Friendly’s, dem Chili’s und dem Gap, dem CVS, dem Starbucks und dem Blockbuster, dem KFC und dem Chinarestaurant, die Ladenschilder verlöschende Kometen in der Nacht, die Ampeln blinkende Lichter. Komm in die Stagecoach Lane, den Blueberry Way und den Old Mill Place, finde den Weg durch das Labyrinth der Vorstadthäuser, wo die letzten Kinder (schon zu alt, aber noch nicht bereit, erwachsen zu werden) wie Kommandotrupps aus Kleinbussen strömen und mit raschelnden Tüten über den Rasen zur Haustür stürmen. Hier gibt es echte Süßigkeiten, große Hershey-Riegel und doppelte Reese’s Cups. Nein, du hast keine Zeit anzuhalten, keinen Grund. Das ist längst vorbei, die glückliche Kindheit, die wir alle hätten haben sollen, die wir hatten und nicht zu schätzen wussten. Behalt deine Maske auf. Wenn du jetzt etwas sagst, verrätst du uns alle. Dafür sind wir zu alt, die grinsenden Kürbisse, die Treppen und gemütlichen Fenster, die nach uns greifenden Straßenlaternen liegen längst hinter uns. Hier draußen gibt es bloß schlammige Bäche und Marschland, Steinmauern, die brach liegendes Weideland schützen. Wenn man will, kann man sich hier noch immer verirren.
Also fahr mit uns im Kreis durch die Nacht, die Bäume von den Scheinwerfern aufgeschreckt. Was, du erkennst die Straße nicht wieder, die sich in unübersichtlichen Kurven mit bröckelnden Banketten durch die Landschaft schlängelt, sodass wir uns vertraulich, ja gemütlich aneinander lehnen und jedes Mal lachen, wenn wir den außen Sitzenden gegen die verschlossene Tür quetschen? Denk an den Duft der Zigaretten, an die damit verbundenen kleinen Rituale. Form aus zwei Fingern eine Schere und schnorr eine Zigarette, ist schon okay, aber steck ja nicht mein Feuerzeug ein. Die Musik ist zu laut, als dass man sich unterhalten könnte, aber es besteht auch kein Grund dazu, wir sind glücklich, umschlossen von unserem Innern und der Nacht, der Illusion von Unendlichkeit – Highschool, die Freiheit des Fahrens. Sei wieder siebzehn und bereit, dich von der Welt lieben zu lassen. Spür durch den Wagenboden die Geschwindigkeit, spür, wie die Luft an den Fenstern entlangrauscht. Wir schneiden die Kurven, überqueren die gelbe Linie, springen über Bodenwellen. Ein Hirsch wäre unser Ende, doch der Fahrer fährt bloß noch schneller, der Wald ist dunkel wie das Weltall, noch immer eine Wildnis.
Sieh dich jetzt um. Kannst du dich an irgendeinen von uns erinnern? Dein Gesicht hat sich verändert; unsere sehen noch genauso aus, erstarrt auf Jahrbuchfotos in der Lokalzeitung, neben den neuesten Bekanntmachungen der Schulbehörde, den Footballergebnissen, dem Ramschverkauf der Bücherei. Eine Woche lang sind wir berühmt – Götter, die den Märtyrertod starben –, dann vergessen. Du hast keine Ahnung, wie wir heißen (das sind doch diese Jugendlichen, die ums Leben gekommen sind), aber du weißt noch, was passiert ist. Also weißt du auch, wohin wir jetzt fahren.
Hast du es gesehen? Nicht bloß im Vorbeifahren, sondern hast du gehalten, bist ausgestiegen und hast dir die zerfetzten Schleifen und Bänder, die schlaffen Luftballons und grün verfärbten Bilder in den Gefrierbeuteln, die Plastikkreuze und verwelkten Blumen, die längst unleserlichen Zettel in Mädchenhandschrift angesehen, all die Versprechen, sich ewig an uns zu erinnern? Hast du den Baumstamm auf Schrammen untersucht und dich über die Natur gewundert, weil keine zu sehen waren?
Natürlich nicht. Selbst wenn du hier aus der Gegend wärst, hättest du dich längst daran gewöhnt, würdest dich vielleicht sogar über die Karten und Blumen, über die schamlose Rührseligkeit der Jugend ärgern. Keine Sorge, sie bringen die Schule hinter sich und ziehen dann weg, wie danach auch unsere jüngeren Geschwister, sie gehen aufs College, nehmen Jobs an, heiraten und verlassen unsere Eltern, eine Mutter, die sich der Wohltätigkeit widmet, und einen Vater, der sich in sich selbst zurückzieht und sonderbar wird. Der eine wird verbittert, der andere entdeckt die Religion. Verwandeln sie sich in Winterflüchtige in geschmackloser Polyesterkleidung, oder lassen sie das Haus verfallen? Egal. Jeder vergisst irgendwann – das muss so sein, stimmt’s? Beweist das nicht, dass die Zeit gnädig ist?
Antworte nicht. Du hast später noch Zeit, darüber nachzudenken – eine ganze Nacht, eine Ewigkeit. Halloween ist nur einmal im Jahr.
Kannst du unter der Maske da atmen? Ist doch nicht zu heiß, oder?
Schau, wir sind schon fast da, wo die Kurve sich der Kreuzung nähert. Kein anderer Wagen im Spiel, kein dummer Zufall, bloß der Baum, die rutschigen nassen Blätter auf der Straße, der Zauber der Geschwindigkeit. Die Jahreszeit ist es, die uns umbringt, die fehlende Haftung in Verbindung mit einem leichten, zentrifugalen Seitwärtsdrall. Die Polizisten werden die Abstände mit einem schlaffen Maßband abschreiten und alles rekonstruieren (da neben dem roten X liegt mein Feuerzeug), sie werden die Aussagen der Beteiligten aufnehmen und den langen Bericht für die Gerichte und die Versicherungsgesellschaften fotokopieren. Jemand, den du liebst, hat ihn gelesen oder auch nicht, der Inhalt ist lebensverändernd und zugleich unbedeutend, das Geld wird gespart oder ausgegeben.
Vom Rücksitz aus kannst du den Baum nicht sehen oder erst im letzten Moment, falls du vor Angst ständig Anweisungen gibst («Fahr langsamer»). Es kommt der Augenblick, in dem uns klar wird, dass wir die Kurve nicht schaffen – uns allen, auch den Optimisten. Das stetige Geräusch der Straße verschwindet jäh, wird in schwarze Stille gesaugt. Von dem Baumstamm strahlt Licht zurück, als hätte er aufgeblendet, um uns im letzten Moment zu warnen. Es ist wirklich eine Mutprobe.
«O Scheiße», sagt Danielle; du spürst es, weil sie auf deinem Schoß sitzt und du die Arme um ihren Brustkorb, ihren schmalen, parfümierten Körper gelegt hast.
«Toe, du Arsch» – Kyle, direkt neben dir. (Wer? Toe, Kyle, Danielle. Siehst du, du hast schon alles vergessen. Wie heiße ich? Und du?)
Es ist eine Täuschung, aber der Baum scheint vorzuspringen, scheint direkt auf uns zuzukommen, breit wie ein Sattelschlepper. Schrei, wenn du willst. Du wirst schnell feststellen, dass es zwecklos ist. Du wirst dich an uns erinnern und daran denken, dich zu verabschieden. Du wirst so rührselig werden wie unsere Freunde und diese Nacht und diese Fahrt als unser Leben hinstellen: die fünf Unzertrennlichen. Also halt die Augen offen. Schlag nicht die Hände vors Gesicht, wenn wir von der Straße abkommen und durch das hohe Unkraut schießen (das vom Kühlergrill gesiebt wird wie Weizen von einer Dreschmaschine). Denk daran, was passiert, wie es klingt und riecht und schmeckt. Genieß die Fahrt.
Hab ich dir’s nicht gesagt? Es gibt einen Grund, warum wir dich besuchen, warum diese Nacht immer wieder abläuft, ein Albtraum in einem Traum. Du hältst es für eine Qual, aber du weißt, dass es Gerechtigkeit ist. Du kennst den Grund. Du bist der Glückliche, weißt du noch? Du hast überlebt.