Unhaltbare Zustände

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Joseph Roth, Radetzkymarsch

Im Sommer 1969 war ich sechzehn Jahre alt und mit Dingen beschäftigt, für die Sechzehnjährige heute vermutlich bloß noch ein müdes Lächeln übrighaben.

Ich war ein fauler, aber unauffälliger Schüler, was mir vor allem in den naturwissenschaftlichen Fächern zugutekam; man nahm mich auf den hinteren Rängen nicht zur Kenntnis und rief mich nicht auf, Fragen zu beantworten, von denen man wusste, dass ich sie nicht beantworten konnte. Als ich dem Unterricht schließlich ganz fernblieb, vermisste mich niemand und niemand suchte nach mir. Meine Interessen beschränkten sich auf klassische Musik und Literatur, zwei Disziplinen, denen schon damals etwas Anachronistisches anhaftete. Außer meinem Schulfreund Joachim, der später Pianist wurde, hörte niemand Mozart oder Beethoven und schon gar keine Opern, auch Joachim nicht, ich wurde das Gefühl nicht los, dieses Genre sei auch in seinen Augen eine minderwertige Gattung, etwas, was seriösen Musikern peinlich war. Während meine Mitschüler entweder die Beatles oder die Stones hörten – und ihre Songs auswendig kannten –, hörte ich französische Chansons und klassische Musik. In gewisser Weise

Ich war in allen Schulfächern – selbst in Deutsch – von geradezu spektakulärer Mittelmäßigkeit. Es war, als müsste ich der ganzen Welt beweisen, dass man es auch mit nichts zu etwas bringen kann, denn trotz meiner Bequemlichkeit war das mein Ziel. Ich hatte eine ausgeprägte Vorstellung davon, wie es sein würde, eines Tages Schriftsteller zu sein. Was um mich herum geschah, interessierte mich allerdings wenig. Mit einer einzigen Ausnahme habe ich damals über Dinge geschrieben, die ich mir ausdachte, nicht über die Wirklichkeit. Sie war nicht Gegenstand meiner ersten Schreibversuche, an die ich mich heute nur noch sehr undeutlich erinnere.

Das, worüber ich in einer der ersten Schulstunden nach den Sommerferien schrieb, hatte sich Ende Juli 1969 in einem Warenhaus zugetragen, das heute nicht mehr existiert, auch wenn ältere Leute noch immer vom Quatre Saisons sprechen, wenn sie das Gebäude meinen, in dem sich heute Büros und – immer weniger – Wohnungen befinden. Das Warenhaus stand nicht dort, wo ich aufwuchs, sondern in einer Stadt, in der ich seit Jahren meinen Sommerurlaub verbrachte. Dann wohnte ich bei Ida, einer Cousine meiner Mutter, und Onkel Walter, ihrem Ehemann. Die beiden waren – gewiss nicht freiwillig – kinderlos geblieben. Das Bedauern darüber trugen sie wie

Als ich eine Geschichte aufschrieb, die sich dort zugetragen hatte, konnte ich nicht wissen, dass es der letzte Sommer gewesen war, den ich dort verbracht hatte. Dass es so sein würde, wurde mir erst klar, als Ida wenige Monate später an einer Lungenentzündung starb und Walter kurz nach der Beerdigung in ein Altersheim zog. Er konnte weder kochen noch waschen. Er hatte nie eine Waschmaschine oder einen Herd bedient. Allein zu Hause wäre er verhungert, hieß es, und er wiederholte es selbst. Hin und wieder schrieb er mir in seiner unleserlichen Schrift kolorierte Ansichtskarten.

Wie jedes Jahr hatte uns der Deutschlehrer auch im August 1969 die Aufgabe gestellt, ein bemerkenswertes, erinnerungswürdiges Ereignis zu beschreiben, das sich in den sechs Ferienwochen, die hinter uns lagen, zugetragen hatte. Es konnte sich dabei um eine besondere Begegnung oder um eine Geschichte handeln.

Die meisten verfassten nun ziemlich lustlos jene immer gleichen Ferienbeschreibungen – Ausflüge an den Strand, Grillen im Freien, Schwimmen im Meer,

Denn ich hatte etwas erlebt, was während ein paar Tagen über die Stadtgrenzen hinaus für Gesprächsstoff gesorgt hatte. Es war eine merkwürdige Sache.

1

Zu keiner Jahreszeit war Stettlers untrüglicher Sinn für Schönheit so gefragt wie in den Wochen vor Weihnachten. Sein Wissen über unterschiedliche Farben, Formen und Materialien, sein Sinn für Raum und Symmetrie, für Hell und Dunkel, Licht und Schatten, kurzum die Summe all seiner Fähigkeiten war unverzichtbar. Die Vorweihnachtszeit war seine beste Jahreszeit, nie war das Interesse der Kollegen an seiner Arbeit größer als Anfang Dezember, am ersten Donnerstag des Monats, wenn das Zeitungspapier vorsichtig von den Schaufenstern entfernt und die Kunstwerke, die er erschaffen hatte, endlich enthüllt wurden und man die Passanten dabei beobachten konnte, wie sie ehrfürchtig vor dem Resultat seiner Bemühungen stehen blieben, wenn also die Zeit für die Bewunderung gekommen war. Weder Fremde noch Angestellte wollten sich das entgehen lassen und konnten sich von dem, was sich ihren Blicken nun bot, nicht losreißen. Mit offenen Mündern standen sie da, hingerissen, fassungslos wie Kinder vor dem Weihnachtsbaum, und es dauerte meist ein paar Augenblicke, bis sie die Sprache wiederfanden und andere Neugierige – meist Menschen, die ihnen völlig fremd waren – mit Fingern auf dieses oder jenes

Entscheidender als die höchst ehrenwerte Zustimmung seiner Kollegen war der Beifall der Kunden. Noch wichtiger als die Meinung der Stammkunden – die wussten, was sie erwarten durften, weil sie das Warenhaus schon lange kannten – war die Meinung der unvorbereiteten Laufkundschaft, welche zum Innehalten verführt wurde. Mehr als um alle anderen ging es um sie, um Menschen, die zufällig vorbeikamen, mit nichts gerechnet hatten und nun vor den erleuchteten Schaufenstern standen und staunten.

Unbekannte anzulocken, die das Quatre Saisons nie zuvor betreten hatten, war unbestreitbar die wichtigste Aufgabe eines Schaufensterdekorateurs. Das war das oberste Ziel, the top goal, wie man in England sagte, das sich Stettler immer steckte, nicht nur im Dezember, sondern alle zwei Monate des Jahres, wenn die Schaufensterdekorationen wechselten. »Vorsätzliche Verführung.« Bereits sein Lehrmeister, der alte Bickel, hatte es nicht oft genug wiederholen können: »Verführ sie und du hast sie in der Tasche. Und hast du sie dort, kommen sie auch in den Laden, schauen sich um und prüfen heimlich ihre Geldbeutel. Das Schaufenster ist der Türöffner zum Tempel. Wenn sie einmal drin sind, gehen sie so schnell nicht mehr weg. Sie müssen sich verlieben. Das ist der Beginn einer lebenslänglichen Verbindung – wie die

»Verführung ist eine Kunst, die einem nicht in die Wiege gelegt wird, geht das in eure Spatzenhirne, also müsst ihr sie lernen, dazu seid ihr da, von morgens bis abends, und es gibt nur einen, der sie euch beibringen kann, und das bin ich«, pflegte er ihnen immer wieder einzuhämmern, wobei er es manchmal nicht unterlassen konnte, einem der pickeligen Jünglinge mit der flachen Hand auf die Stirn zu schlagen, wenn er merkte, dass er unaufmerksam war.

»Ich meine euch alle«, sagte er dann, und augenblicklich war es mucksmäuschenstill, während der Lehrling, den er berührt hatte, mit den Tränen kämpfte. »Damit du es dir merkst. Kapiert? Damit es sich in deiner Hirnmasse verflüssigt und in dein Knochenmark rieselt. Und auch in eures!« Eifriges Nicken. Rote Köpfe. Betretenes Schweigen. Man wagte in seiner Gegenwart kaum zu atmen.

Die Lehrlinge fürchteten ihren Lehrmeister so wie Stettler seinen Lehrmeister Bickel gefürchtet

Insbesondere zur Vorweihnachtszeit ging es darum, den Umsatz des Vorjahres zu toppen, wie man jetzt neumodisch sagte – Stettler war achtundfünfzig und spürte das nicht nur beim Bücken und Knien, sondern daran, dass sich um ihn alles zu verändern begann. Während die Bademode im Sommer immer gewagtere Einblicke auf den weiblichen Körper gewährte, der im Fall der Schaufensterpuppen inzwischen weder aus Gips noch Pappmaché, sondern aus einem Kunststoff war, der die Haut täuschend imitierte (früher hatten die Mannequins nicht einmal Köpfe gehabt), hatte es der Jahr für Jahr höher und höher werdende Weihnachtsbaum auf dem nahe gelegenen Rathausplatz mit den größer und größer werdenden Kugeln auf geradezu beängstigende Weise übernommen, die modernen Exzesse zu versinnbildlichen, die man mit der Ausdehnung von allem,

Stettler konnte von Glück sagen, dass sich zumindest die Ausmaße seiner Schaufenster nicht verändert hatten und in absehbarer Zeit auch nicht verändern würden. Die Maße der sieben Schaufenster, die sich innerhalb eines zweihundertjährigen Laubengangs befanden, hatte er genau im Kopf: drei Meter achtzig breit, zwei Meter zehn tief, zwei Meter siebzig hoch.

Über Stettlers Anteil am Jahresumsatz im Allgemeinen und am gesteigerten Weihnachtsumsatz im Besonderen war sich vom Laufburschen bis zu den Direktoren jeder im Klaren. Obwohl sein Beitrag in Zahlen nicht zu schätzen war, galt dieser Anteil als feste Größe, man konnte sich darauf verlassen.

Jeder Mitarbeiter des Quatre Saisons wusste um Stettlers Bedeutung für das Warenhaus, das vor rund fünfundfünfzig Jahren – wenige Jahre nach der Jahrhundertwende – von Johann Schuster sen. eröffnet worden war, sechs Jahre, nachdem man mit den Bauarbeiten begonnen hatte; ein Haus mitten in der Stadt, schwindelerregend hoch, wie manche fanden, ein Haus mit Karyatiden, ausladendem Stuck und emaillierten Mosaiken, blinden Fenstern, hinter denen sich die Verkaufsräume verbargen, und einem Haupteingang, der dem des städtischen Opernhauses in nichts nachstand. Eine Glaskuppel, die von weitem zu sehen war. Der vierfarbige Schriftzug Les Quatre Saisons. Die vierfarbigen Fahnen, die bei

Nie hatte der alte Schuster einen Hehl daraus gemacht, dass sein Vorbild das Kaufhaus La Samaritaine war, so wie sich diese vordem Le bon marché zum Vorbild genommen hatte, wo Schuster drei Jahre lang sein Handwerk unter den Augen von Monsieur et Madame Cognaq, den Gründern und Besitzern des Hauses, als Chef de Rayon in der Abteilung Vêtements pour hommes verfeinert und geschliffen hatte, nachdem er zuvor je ein halbes Jahr in Köln und London tätig gewesen war, zunächst unschlüssig, ob er nach dieser Zeit nach New York wechseln sollte. Doch er war froh gewesen, sich für Paris entschieden zu haben.

Welche Vorstellungen er von seiner Zukunft gehabt hatte, als er die Stelle am rechten Seineufer antrat, wusste niemand außer seiner Frau. Als er den Heimweg in die Schweiz antrat, war er jedenfalls längst entschlossen, dort gemeinsam mit Christine, einer waschechten Pariserin, ein ähnliches Warenhaus wie die Samaritaine zu eröffnen. Sie wagten das Abenteuer, ein eigenes Geschäft zu gründen. Die Kantonalbank war ihnen behilflich.

Auch wenn der Einfluss der Samaritaine auf das Quatre Saisons nicht zu übersehen war, passte sich die bescheidenere Version doch sehr geschickt der

Es ging darum, die Kundinnen zu überzeugen. Das ließ sich zum einen durch die einzigartige Fülle des Angebots bei gleicher oder sogar noch besserer Qualität der Ware erreichen, zum anderen aufgrund von Preisen, bei denen die kleinen Ladenbesitzer, die seit jeher an einen beschränkten Absatz gewöhnt waren, nicht mithalten konnten. Die Waren mussten verlockend und erschwinglich und in beeindruckendem Übermaß verfügbar sein – und zwar jederzeit und

Die Kraft der Überzeugung war stärker als die zahnlos gewordene Macht der Gewohnheit. Letztere, die in Lumpen ging, konnte ausgeschaltet werden, wenn man erstere nur prächtig genug präsentierte und sie in Samt und Seide hüllte. Auf die wenigen Hochnäsigen, die das Quatre Saisons mieden, weil sie sich der besseren Gesellschaft zugehörig fühlten und sich nicht zum Pöbel herablassen wollten, konnte man gut und gerne verzichten. Da Johann Schuster nicht aus ihren Kreisen stammte, kümmerte ihn ihre Arroganz wenig.

Schuster sen. hatte ein Händchen für die Verdrängung unliebsamer Konkurrenten, deren Todfeind er innerhalb kürzester Zeit geworden war, nicht anders als Aristide Boucicaut, der Gründer von Le bon marché im vergangenen Jahrhundert in Paris. Zu Beginn hatte Schuster sen., der sich für einen Visionär hielt, viel zu verlieren, am Ende aber war er der große Gewinner. Nichts anderes hatte er erwartet.

Die Zeit war günstig gewesen, die moderne

In Schusters Warenhaus, das nun seit einem halben Jahrhundert existierte, wurde so gut wie alles feilgeboten, was das Herz begehrte, nicht zuletzt auch Güter, von denen die begehrliche, möglichst generöse Kundin noch nicht einmal wusste, dass sie existierten. Zu ahnen, dass sie sie hier entdecken würde, war umso verführerischer, es lockte sie aus ihrem Haus, ihrer Wohnung, aus ihrem Dorf, aus der Nachbarstadt, fort von ihren Gewohnheiten. Von allem und

Der alte Schuster war kurz nach Kriegsende im Juli 1945 in seinem Bett gestorben. Lieber wäre es ihm sicher gewesen, das Zeitliche in seinem kleinen, unscheinbaren Direktionsbüro zu segnen, das sich im ersten Stock hinter einer schmucklosen Tür befand, die sich hinter einem gefütterten Seidenparavant verschanzte, den Schuster als junger Mann aus Paris mitgebracht hatte. Er war mit rosa- und hellblauen Phantasiepfauen bedruckt. Schuster hatte stets behauptet, er stamme aus China, was aber nicht stimmte, er war in Lyon gefertigt worden.

Die gesamte Belegschaft hatte sich bei seiner Beerdigung auf dem Friedhof eingefunden, um gemeinsam mit seinen beiden Söhnen von ihm Abschied zu nehmen. Das Quatre Saisons war einen Tag lang geschlossen gewesen. Die ganze Stadt wusste, dass Schuster tot war.

 

Wie alle Dekorateure stand Stettler im Schatten seiner Kunst. Niemand außer den Angestellten und ein paar Eingeweihten kannte seinen Namen, kaum jemand wusste, wie er aussah, dass ausgerechnet er,

Wenn umdekoriert wurde – was zwei intensive Arbeitstage in Anspruch nahm, die oft bis in die Nacht dauerten –, verhüllte man die Schaufenster, damit sie vor den Blicken neugieriger Passanten geschützt blieben. Die übrige Zeit verbrachte Stettler mit seinen Mitarbeitern in der weiträumigen Werkstatt im Souterrain, wo wochenlang intensiv an den Einzelteilen gearbeitet und an Details gefeilt wurde. In Modellschaufenstern, die den Ausmaßen der Originale entsprachen, wurden alle möglichen Variationen durchgespielt (das große Magazin mit den bereits verwendeten, stets griffbereiten Requisiten und Hilfsmitteln befand sich außer Haus nur ein paar Straßen entfernt; oft pendelte Stettler mehrmals am Tag hin und her).

Um Qualität zu erkennen, war es nicht nötig, zu wissen, wie er hieß, so wie es nicht nötig war, den Namen eines Musikers zu kennen, um sich von seiner Kunst überzeugen zu können. Weder das Äußere

Als am ersten Mittwoch im Dezember die neuen Dekorationen enthüllt wurden und er sich unter die Schaulustigen draußen gesellte, breitete sich in seinem Inneren Genugtuung aus, die so süß und heilsam war wie warme Honigmilch. Er bedauerte, dass seine Mutter es nicht mehr erleben durfte. Niemand hatte seine Arbeit mehr zu schätzen gewusst und so uneingeschränk bewundert als sie. Abgesehen von ihrem letzten Lebensjahr hatte sie sich keine Gelegenheit entgehen lassen, seine Schaufenster in Augenschein zu nehmen, und da ihr Erinnerungsvermögen von nicht nachlassender Präzision war, wusste sie oft besser als er, welche Sujets er bereits verwendet hatte: Die spiegelnde Eisfläche, auf der drei kleine Mädchen auf Schlittschuhen dahinglitten, der Heuhaufen, auf dem eine Katze lag, die mit einem Garnknäuel spielte, die herbstlich gefärbten Ahornblätter, die

Wie hoch der Umsatz des Weihnachtsgeschäfts landesweit gewesen war, wurde seit neuestem sogar in den Nachrichten durchgegeben, üblicherweise zwei, drei Tage nach Weihnachten, spätesten am 2. Januar. Der Hunger der Menschen nach Neuigkeiten jeder Art war kaum zu stillen, man interessierte sich für alles, vor allem aber für Dinge, über die man vor wenigen Jahren, wenn überhaupt, höchstens hinter vorgehaltener Hand gesprochen hätte: Geschlechtstrieb, Drogen, Krebs, Selbstmord, Perversionen. Täglich kam etwas Neues hinzu, fast so schlimm wie während des Kriegs, den Stettler als Soldat an der Front, wartend, erlebt hatte.

 

Stettler wurde älter, er merkte es an allem. Er merkte es nicht nur an der schlaffer werdenden Haut, an den grauen, schütteren Haaren, an den Haaren, die ihm aus Nase und Ohren wuchsen, an den Haaren, die morgens im Waschbecken lagen, er merkte es auch, wenn er die jungen Leute Worte in den Mund nehmen hörte, die auszusprechen er sich niemals getraut hätte, Worte und Redewendungen, die ihm die Schamröte ins Gesicht trieben, wenn er nur daran dachte, und deren Bedeutung sich ihm oft nicht auf Anhieb erschloss.

Nach den Umtauschtagen zum Jahresbeginn brach

Aufs volle Jahr gesehen war der Umsatz dennoch kontinuierlich gewachsen, seit der Krieg zu Ende war, Januarflauten hin oder her. Jährlich wuchs der Umsatz um einige Prozentpunkte. Er steigerte sich so verlässlich, dass Stettler sich manchmal fragte, wann das böse Erwachen käme und was dann geschähe, wenn alle, Käufer wie Verkäufer, den Gürtel enger schnallen mussten. Da das nicht geschah, konnte die Geschäftsleitung seit einigen Jahren den Angestellten ein dreizehntes Monatsgehalt auszahlen, das ihnen am Monatsende in einem braunen Umschlag im Büro des weißhaarigen Prokuristen ausgehändigt wurde; manche zählten nach, andere, wie Stettler, hatten keine Veranlassung, dem Mann zu misstrauen. Er war der vertrauenswürdigste Mensch, den er kannte.

Stettler wunderte sich jedes Mal, wie die Umsatzzahlen so rasch und genau ermittelt worden waren. Das Jahr 1963 war besser gewesen als 1962 und 1967

 

Bereits im August begann Stettler, sich Gedanken über Weihnachten zu machen. Während die anderen im Strandbad in der Sonne lagen und hinter ihren dunklen Sonnenbrillen leicht bekleidete Frauen in Bikinis beobachteten, die sich ungeniert den Blicken fremder Männer aussetzten, brütete er in der stickigen Werkstatt darüber, wo er dieses Jahr Nikolaus, Ruprecht, den Esel und die Engel platzieren würde. Mit welchen Accessoires würde er die Schaufensterpuppen behängen, in welcher Umgebung würden sie diesmal stehen? Während er überlegte, bewegte er sich kaum. Nur das Ende des Bleistifts, den er zwischen den Fingerspitzen hielt, rollte unaufhörlich

Manchmal stellte er sich vor, die Schaufensterpuppen seien atmende Wesen. In seiner Vorstellung, manchmal auch in seinen Träumen, neigten sie ihre Köpfe, hoben und senkten ihre Augen, senkten und hoben Hände und Arme, rückten wie Automaten vor und zurück, immer nur wenige Zentimeter, es war aussichtslos, hätten sie das Weite suchen wollen, sie waren Gefangene.

Im Grunde arbeitete er ähnlich wie ein Bühnenbildner. Im Gegensatz zu diesem schrieb ihm jedoch niemand vor, was er zu tun und zu lassen hatte; einzige Vorgaben waren die wechselnden Saisons und damit einhergehend wiederkehrende Themen wie Schnee, Frühling, Osterhasen, Sonne, Meer, Herbst, Weihnachten und so weiter, Eckpunkte, die unzählige Variationen zuließen und seine Fantasie ebenso herausforderten wie sie sie beflügelten – so wie es

Als Stettler jünger war, hatte er die Angewohnheit gehabt, sich bei der Konkurrenz umzusehen; das Quatre Saisons war seit über zwanzig Jahren nicht mehr das einzige Kaufhaus der Stadt, inzwischen gab es drei weitere, die sich gegenseitig Konkurrenz machten und mit immer neuen Ideen auftrumpften, natürlich auch mit jahreszeitlich bedingten Ausverkäufen. In den letzten Jahren hatte die Versuchung, sich seinen Rivalen zu stellen, stetig abgenommen. Seine Überzeugung, er sei besser als sie, weil er mehr Erfahrung hatte, war unerschütterlich. Von modernen Tendenzen wollte er nichts wissen, und auch die Kunden schienen nicht daran interessiert, an der Nase herumgeführt zu werden.

2

Der Himmel war verhangen. Wenn die Wolkendecke hin und wieder aufriss, brach eine gleißende Herbstsonne hervor und traf die Erde wie der Strahl eines Brennglases. Doch Lotte hatte den Eindruck, dass niemand nach oben blickte. Sie hatte ihre Sonnenbrille zu Hause vergessen. Hüte trug sie schon lange nicht mehr. Sie fühlte sich schutzlos.

Sie erkannte Berlin kaum wieder, nicht im Detail, noch weniger als Ganzes. Ob sie aus dem Fenster der kleinen Pension blickte oder durch die Straßen ging, Berlin blieb fremd. Der Bahnhof am Zoo, an dem sie am Vortag nach einer langen, durch lästige Grenzkontrollen unterbrochenen Zugfahrt angekommen war, war ihr nicht mehr vertraut. Sie erinnerte sich nicht, hier je einen Zug bestiegen zu haben. Stettiner und Schlesischer Bahnhof lagen jetzt unerreichbar weit entfernt hinter der Mauer. Es war nicht nötig, das Bauwerk zu sehen, um es zu spüren. Noch hatte sie es nicht mit eigenen Augen erblickt.

Den Weg vom Zoo zum Hotel war sie zu Fuß gegangen, ein Leichtes für sie, da sie nichts weiter als den kleinen Strohkoffer dabei hatte, auf dem die verschossenen Etiketten klebten, die von den Orten zeugten, an denen sie in den letzten zwanzig Jahren

Sie hätte am liebsten kehrtgemacht. Sie hatte hier nichts zu suchen und nichts zurückgelassen außer unangenehmen Erinnerungen. Die Stadt, die sich ihr eingeprägt hatte, war durch eine Unmenge abstoßender Einzelheiten ersetzt worden, die sich mit dem Berlin ihrer Jugend nicht mehr deckten. Alles war fremd und abweisend. Manche Orte, die sie wiederzuerkennen glaubte, wirkten geschrumpft, entfärbt und bedrückend. Schatten fielen auf den holperigen Asphalt der Bürgersteige. Von wem sie geworfen wurden, war nicht zu erkennen. Sie erschrak, als eine Horde junger Männer in hautengen Blue Jeans johlend an ihr vorbeizog. Nie zuvor hatte sie Halbstarke gesehen. Pomade im Haar. Dann war es um sie herum wieder still. Es roch nach Feuchtigkeit und Laub. Sie bemerkte größere und kleinere Hundekothaufen und schmierige Spucke am Boden. Sie roch den alten beißenden Geruch der Braunkohle, der von Ost nach West, von West nach Ost über der Stadt waberte, und natürlich erkannte sie auch die Unfreundlichkeit und den nörgeligen Ton der Einheimischen wieder, der sich nicht entscheiden konnte, ob er beleidigend oder beleidigt klingen sollte. Diesmal blieb ihr keine Zeit,

Lotte hatte Mereschkowskis schriftlicher Bitte, sie in Berlin zu treffen, nach langem Zögern zugestimmt. Würde sie morgen nicht erscheinen, nähme er es ihr übel. Er wusste, dass sie in Berlin war, sie hatte seine Einladung angenommen. Aber wenn sie nicht erschiene, konnte er ihr nichts anhaben. Sollte er ihr schriftlich Vorwürfe machen, würde sie die Briefe einfach ignorieren. Unwahrscheinlich, dass er sie anrief.

Doch ihre Neugierde, die neue Philharmonie zu sehen, war größer als die Scheu, ihren ehemaligen Lehrer zu treffen. Er hatte sie nicht zerstört. Sie musste es sich mehr als einmal vorsagen: Er hatte sie nicht zerstört. Sie lebte, und sie war – dank der Musik – manchmal beinahe glücklich. Er hatte ihren Glauben nicht zerstört.

 

Die Strafe für die Verbrechen war umfassend gewesen. Man hatte Berlin zerstört und viele waren dabei umgekommen. Man sprach von vierzigtausend Toten. Natürlich hatten viele, die es verdient hätten, tot zu sein, überlebt. Es ging ihnen gut. Sie lebten. Niemandem war anzusehen, welche Verbrechen er begangen hatte. Über den zusammengestauchten Häusern