Das Buch

Hundert Jahre ist es jetzt her, dass Bender sich auf den Weg zu den Sternen gemacht hat. Seitdem haben Bob und die Klone nichts mehr von ihm gehört. Bob ist fest entschlossen, eine Expedition in den Deep Space zu organisieren, um herauszufinden, was mit Bender geschehen ist, doch er hat ein gewaltiges Problem: Inzwischen sind seine Klone in der 24. Generation. Manche von ihnen haben sich so verändert, dass sie gar nicht mehr er selbst zu sein scheinen. Sie haben ihre eigenen Pläne. Und so droht über Bobs Suchaktion ein Bürgerkrieg zwischen den Klonen auszubrechen …

Die große BOBIVERSE-Trilogie:

Erster Roman: Ich bin viele

Zweiter Roman: Wir sind Götter

Dritter Roman: Alle diese Welten

Vierter Roman: Himmelsfluss

Der Autor

Dennis E. Taylor war früher Programmierer und arbeitete nachts an seinen Romanen. Mit Ich bin viele, dem Auftakt seiner neuen Romanreihe um die künstliche Intelligenz Bob Johansson, gelang ihm der Durchbruch als Schriftsteller. Seither widmet er sich ganz dem Schreiben. Neben seiner BOBIVERSE-Reihe sind von Dennis E. Taylor Die Singularitätsfalle und Outland – Der geheime Planet im Heyne Verlag erschienen.

Mehr über Dennis E. Taylor und seine Werke erfahren Sie auf:

DENNIS E.

TAYLOR

HIMMELS-

FLUSS

ROMAN

Aus dem Amerikanischen übersetzt

von Urban Hofstetter

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Titel der amerikanischen Originalausgabe: HEAVEN’S RIVER

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Deutsche Erstausgabe 03/2022

Redaktion: Sven-Eric Wehmeyer

Copyright © 2020, 2021 by Dennis E. Taylor

Copyright © 2022 der deutschsprachigen Ausgabe

und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: DAS ILLUSTRAT, München,

unter Verwendung der Motive von Shutterstock.com

(AleksandrMorrisovich, Evdokimov Maxim)

Satz: KCFG – Medienagentur Neuss

ISBN 978-3-641-28016-1
V001

www.diezukunft.de

Wie immer möchte ich dieses Buch meiner Frau Blaihin und meiner Tochter Tina widmen.

»Die wirkliche Entdeckungsreise besteht nicht darin,

neue Landschaften zu erforschen,

sondern Altes mit neuen Augen zu sehen.«

– Marcel Proust

ERSTER TEIL

Die Suche nach Bender

1

Beste Feinde

Jacques – November 2331

New Pav

Unter mir hing der Planet, blau und grün und voll glitzernder Lichter, wo die stetig wachsenden Städte waren. Wir nannten ihn New Pav. Der Name, den die Paven ihrer Heimatwelt gegeben haben, war ein bisschen poetischer, doch für menschliche Ohren klang er wie ein Gewirr aus Spuck- und Zischlauten.

Die Bevölkerung hatte in den rund siebzig Jahren seit ihrer Ansiedlung enorm zugenommen, und auf mehreren Kontinenten waren große Städte entstanden. Inzwischen machte es den Anschein, als würde die Spezies überleben.

Ob sie immer noch mit uns sprechen würden, stand auf einem anderen Blatt.

Ich empfing ein Signal von der Frachtdrohne, die meinen Manny transportierte. Sie informierte mich darüber, dass sie gelandet war. Mit einem stummen Seufzer bereitete ich mich darauf vor, die VR für ein voraussichtlich unangenehmes Treffen mit dem Vertreter der Paven zu verlassen.

Ich verband mich über den SCUT-Kanal mit dem Manny – einem ferngesteuerten Androiden – und transferierte meinen persönlichen Blickwinkel in ihn. Während die internen Systeme hochfuhren, schaute ich mich eine Millisekunde lang im mittlerweile vertrauten Frachtraum um, dann löste ich mich vom Haltegestell. Die Ladeluke öffnete sich automatisch und gab den Blick wie erwartet auf eine pavische Militäreskorte frei. Sie hielten die Gewehre im Anschlag und hatten sie wahrscheinlich bereits entsichert. Ein Pulk aus sechs Fuß großen Erdmännchen, die allerdings kein bisschen niedlich aussahen. Ich hatte seit ein paar Jahrzehnten nicht mehr vorbeigeschaut, vor allem weil mein letzter Besuch ziemlich angespannt verlaufen war.

Nur um zu sehen, wie sie reagieren würden, lächelte ich, wobei ich sorgfältig darauf achtete, nicht die Zähne zu zeigen. Gleichzeitig hob ich die Hand zum Vulkaniergruß. Der Truppführer bleckte die Zähne – was bei den Paven keine freundliche Geste war – und erwiderte den Gruß.

Offenbar hatte er die Kultur der Menschen studiert.

Ich ging zu der Gruppe hin und bedachte sie mit dem Äquivalent eines pavischen Lächelns. »Hallo, Leute, was geht ab?«

Die Mühe hätte ich mir sparen können. Der Truppführer antwortete mit einem tiefen Knurren und deutete mit seiner Waffe auf ein in der Nähe stehendes Zelt. Offenbar war ich ihnen nicht einmal ein Treffen in einem echten Gebäude wert. Vielleicht war das ja ein gutes Zeichen … Nein, ich konnte es mir nicht schönreden.

Ich betrat das Zelt und betrachtete den Paven, der im Inneren hinter einem Schreibtisch saß. Er war der zweite Planetenverwalter seit Hazjiar und wirkte kein bisschen freundlicher als sein unmittelbarer Vorgänger. Ich vermisste Hazjiar. Sie hatte zumindest verstanden, in welcher Lage sich die Paven befanden. Irgendwie war seit ihrem Tod die Tatsache, dass die Anderen den ursprünglichen Heimatplaneten unbewohnbar gemacht hatten, kleingeredet worden. Mittlerweile schienen die meisten zu glauben, dass wir gelogen und es selbst getan hatten. Aus welchem Grund auch immer.

»Mein Name ist Da Azzma Hizz«, sagte er und deutete auf einen Stuhl. »ich vertrete sämtliche Paven. Repräsentierst du die Menschen?«

»Ich heiße Jacques Johansson und spreche im Rahmen dieser Transaktion für die Menschen.« Es war eine Art pavische Formalität, sich und seine Position vorzustellen. Dieser routinemäßige Austausch lockerte die Stimmung ein wenig auf.

Azzma schob mir ein paar Dokumente zu. »Wir können euch die vereinbarten Rohstoffmengen fristgerecht übergeben. Damit sind die beiden menschlichen autonomen Fabriken komplett abbezahlt. Stimmst du mir darin zu?«

Ich überflog die Seiten. Alles schien in Ordnung zu sein. Wir hatten angeboten, ihnen die autonomen Fabriken umsonst zu überlassen, doch sie hatten sich geweigert. Ich wusste nicht, ob sie generell etwas gegen Almosen einzuwenden hatten oder bloß auf gar keinen Fall in unserer Schuld stehen wollten, und sei es nur moralisch. Vermutlich Letzteres. »Ich stimme zu. Die Bellerophon wird im Lauf des Jahres hier eintreffen. Sie nehmen die Barren in Empfang und bringen euch die Fabriken aus dem Orbit herab.«

Wir schauten uns über den Schreibtisch hinweg schweigend an. Heute würde es kein höfliches Geplänkel geben. »Ich muss gestehen, dass diese Vereinbarung nicht zu den Verschwörungstheorien über die Bobs passt«, sagte Azzma schließlich. »Es wäre besser für euch gewesen, uns weiter an den Planeten zu fesseln und in Unwissenheit zu halten.«

»Das wird die Spannungen zwischen unseren Völkern hoffentlich verringern«, erwiderte ich.

»Vermutlich ein bisschen.« Azzma schenkte mir das Äquivalent eines schmallippigen Lächelns. »Ich habe Hazjiars Tagebücher gelesen, Jock. Sie hat nicht geglaubt, dass du unser Feind bist. Aber diese Meinung teilen heutzutage nur wenige.«

Ich seufzte und blickte einen Moment lang auf meine Hände hinab. »Ihr werdet mit den autonomen Fabriken interstellare Schiffe bauen können, Azzma. Wir haben euch im Zuge unserer Vereinbarung die entsprechenden Konstruktionspläne überlassen. Aber« – ich schaute ihn an – »ihr werdet in eine galaktische Nachbarschaft voller Menschen geraten, und es werden immer mehr. Zu viel unkontrollierte Feindseligkeit könnte kontraproduktiv sein, verstehst du?«

Er wich meinem Blick nicht aus. »Ich verstehe, Jock. Wenn es hart auf hart kommt, sind wir ihnen zahlen- und waffenmäßig unterlegen. Wir sind keine, äh …« Azzma sah kurz zur Decke des Zelts hinauf, auf seinem Gesicht breitete sich ein Lächeln aus. »… Klingonen. So nennt ihr Menschen sie doch, oder? Wir können uns durchaus benehmen.«

Während ich sein Lächeln erwiderte, murmelte ein Mitglied meiner Ehrengarde: »Und in Geduld üben.«

Azzma warf einen strengen Blick über meine Schulter.

»Wir haben einen Teil eurer alten Welt wiederhergestellt«, sagte ich, im Versuch, die Unterhaltung wieder in ruhigeres Fahrwasser zurückzulenken. »Auf rund einem Drittel des Planeten wächst wieder etwas. Wollt ihr wirklich nicht …?«

Azzma schüttelte den Kopf. »Wir werden die Welt unserer Ahnen besuchen, Jock, aber erst dann, wenn wir so weit sind. Ich zweifle nicht an den Fähigkeiten der Bobs, aber inzwischen ist dies hier die Heimat aller lebenden Paven. Old Pav ist nur eine Erinnerung an etwas, das nicht mehr existiert.«

»Ich verstehe.« Ich nickte und stand auf. »Wir werden sie solange für euch hüten.« Damit drehte ich mich zu meiner Eskorte um. »Also gut, kann’s losgehen, Jungs?«

Der Truppführer zeigte mir erneut die Zähne und trat beiseite, um mich aus dem Zelt zu lassen. Im Hinausgehen drehte ich mich noch einmal zu Azzma um, und wir wackelten zum Abschied auf pavische Weise mit den Köpfen. Ich merkte, dass ich Hazjiar und ihre Version des Vulkaniergrußes vermisste.

Kurzlebige. Es war schwer, sie nicht so zu nennen.

Meine Frachtdrohne machte mit einem hörbaren Knall an der Kommunikationsstation fest. Da wir immer häufiger Mannys verwendeten, statteten wir die Stationen mittlerweile mit einer Art Wohnbereich und Andockvorrichtungen aus. Ich trat aus dem Frachtraum der Drohne und ging zur Manny-Kapsel hinüber. Die Kapseln hatten die älteren und sperrigeren Haltegestelle für humanoide Androiden inzwischen weitestgehend ersetzt. Während die Abdeckung herabsank, verbanden sich die Versorgungsschläuche mit dem Manny. Ich fuhr ihn runter und transferierte meinen Blickwinkel in meine persönliche VR zurück.

Meine aktuelle VR-Umgebung, eine Skihütte, langweilte mich bereits. Offenbar gab es kein Motto, für das ich mich längerfristig begeistern konnte. Da ich keine Energie hatte, mir etwas Interessanteres auszudenken, setzte ich die VR seufzend auf die Bibliothek aus den Werkseinstellungen zurück.

Danach schickte ich aus einer Laune heraus eine Nachricht an Ferb. Einen Moment später antwortete er, und ich versetzte mich ins Verwaltungszentrum des Paven-Rekultivierungsprojekts. Es wurde von Bills Versammlungs-VR gehostet und war der Ort, an dem wir uns um die Restauration der pavischen Heimatwelt bemühten.

Als ich mich im leeren Raum umschaute, befiel mich eine gewisse Wehmut. Seit fast hundert Jahren versuchten wir nun schon, das pavische Ökosystem wiederherzustellen, aus ein paar wenigen pflanzlichen und tierischen Proben, die wir hastig eingesammelt hatten, während die Armada der Anderen auf den Planeten zuraste. Mittlerweile machten wir dabei echte Fortschritte. Doch die Paven schienen sich ironischerweise überhaupt nicht dafür zu interessieren.

Ferb tauchte auf und unterbrach meine Grübeleien: »Hey, Kumpel. Lange nicht mehr gesehen.«

»Ja. Ich, äh …« Ich vollführte eine Geste, die den gesamten Raum einschloss. »All die Geister. Es fühlt sich an, als hätten wir die Paven im Stich gelassen.«

»Ach, werd doch nicht gleich so melodramatisch, Jacques. Der ganze Laden läuft größtenteils automatisch. Ich bin nur noch ein oder zwei Stunden pro Monat da, um sicherzugehen, dass alles wie geplant funktioniert.«

»Aha. Das ist also deine Erklärung. Wo steckt eigentlich Phineas?«

Er sah mich finster an. »Wieso musst du jetzt damit kommen?«

»Weil das der wirkliche Grund ist, wieso keiner mehr hier ist. Hast du von ihm gehört?«

»Nicht persönlich.« Ferb senkte den Blick. »Er macht sich nicht die Mühe, interstellare Relais zu bauen, und ist mittlerweile längst außer SCUT-Reichweite. Aber ungefähr einmal pro Monat schickt er mir einen von starken Dopplereffekten verzerrten Funkspruch.«

»Er ist zur Großen Magellanschen Wolke unterwegs. Das wird noch eine Weile dauern.«

»Worauf willst du hinaus, Jacques?«

»Du, ich, Phineas, Claude – wir können alle nicht vergessen, was geschehen ist. Geister. Milliarden Paven …«

»Wir haben getan, was wir konnten!«

Ich seufzte. »Ich weiß, ich weiß. Aber es schlägt uns aufs Gemüt. Vor allem weil die Paven unsere Bemühungen nicht gerade zu schätzen wissen. Jeder von uns, der an dieser Sache beteiligt gewesen ist, versucht, möglichst weit von alldem hier wegzukommen. Phineas, nun …« Ich schnaubte. »Er hat es damit vielleicht ein bisschen übertrieben.«

Ferb nickte, und ich sah den Anflug eines Lächelns über sein Gesicht huschen.

Ich schaute ihn forschend an. »Wie vertreibst du dir denn die Zeit?«

»Mit LARPen. Ich nehme nicht teil, gestalte aber die Kampagnen.« Nun lächelte Ferb wirklich. »Die Gamer – du weißt schon, Gandalf und seine Gruppe – treffen sich zu Live-D&D-Kampagnen in Virt. Aber sie haben das Problem, dass sie alle spielen wollen und keiner der Dungeon Master sein möchte. Sie sind für meine Hilfe also dankbar. Und ich, äh …«

»Was?«

»Ich muss zugeben, dass ich mich in ihrer Gegenwart manchmal ein bisschen unwohl fühle. Sie sind nicht gefährlich oder so, aber wie Fremde, obwohl sie wie ich aussehen, verstehst du? Ein paar von ihnen sind echte Penner.«

»Ja. Das ist die replikative Abweichung. Bill sagt, dass sie immer stärker wird. Warum arbeitest du dann mit ihnen?«

Ferb zuckte die Achseln. »Das hält mich beschäftigt.«

»Kannst du mit deiner Zeit nichts Besseres anstellen?«

»Danke für die Zurechtweisung, Mom.« Ferb zögerte. »Tatsächlich bin ich gerade an etwas dran. Aber es ist noch nicht ganz fertig. Also erzähl es bitte keinem.«

Ich wurde neugierig. »Okay.«

»Ich baue ein großes Frachtschiff für mich, das ich mit abgespeckten, möglichst kleinen SCUT-Relais bestücken werde. Wenn ich so weit bin, werde ich geradewegs in den galaktischen Norden hinauffliegen. Unterwegs setze dann ich Relais aus. Ich möchte mindestens tausend Lichtjahre über die galaktische Ebene hinauskommen. Dann werde ich sehen können, was auf der anderen Seite der Galaxie ist.«

»Du weißt aber schon, dass du genauso gut auch ein Schiff mit einer KMI losschicken und zu Hause bleiben kannst, oder?«

»Vielleicht, aber das wäre nicht dasselbe. Und möglicherweise hast du auch recht, was Phineas und den Rest von uns anbelangt. Vielleicht versuchen wir tatsächlich davonzulaufen.« Ferb sah mich fast flehentlich an, als wollte er mich um Vergebung oder irgendetwas in der Art bitten. »Ich muss los, Jacques. Irgendwann sehen wir uns wieder.«

Aus irgendeinem Grund bezweifelte ich, dass das passieren würde.

Einen Moment später war ich wieder allein im PRP. Allein mit meinen Geistern.

2

Die verschiedenen Optionen durchdenken

Bob – Januar 2296

Über Eden

Der Weltraum ist groß.

Ich weiß, das klingt nach einer völlig überflüssigen Feststellung, die außerdem Douglas Adams bereits artikuliert hat. Aber wenn man zwischen den Sternen nach einem einzelnen Raumschiff sucht, erschlägt einen das Weltall geradezu mit seiner Größe.

Bender war nun bereits seit mehr als hundert Jahren verschwunden. Trotz der SCUT-Pläne für überlichtschnelle Kommunikation, die Bill zu jedem System geschickt hatte, das Bender in der Zwischenzeit hätte erreichen können, und obwohl erst Victor und später auch dessen Klonkameraden Marvin und Luke seine mutmaßliche Flugbahn abgesucht hatten, hatten wir nicht das kleinste Härchen von Bender gefunden – oder besser gesagt, nicht das kleinste Schräubchen, da er ja ein empfindungsfähiges Raumschiff war.

Ich glaube, das sollte ich erklären. Bender ist ein Computer, der sich für einen gewissen Robert Johansson hält, einen Ingenieur und bekennenden Nerd, der im frühen einundzwanzigsten Jahrhundert gestorben ist. Das Gleiche gilt für alle Bobs, darunter auch mich. Ich war der erste Replikant, der im Jahr 2133 von der Erde aus in den Weltraum geschickt wurde. Jeder einzelne Bob ist ein Nachfahre von mir. Denn das ist es, was wir Von-Neumann-Sonden tun: Wir stellen Kopien von uns her. Inzwischen existieren in einem Umkreis von fast hundert Lichtjahren um das irdische Sonnensystem herum mehrere tausend Bobs.

Bender stammte aus meiner zweiten Klongeneration, die ich in Delta Eridani produziert hatte. Seit er nach Gamma Leporis A aufgebrochen war, hatte niemand mehr etwas von ihm gehört. Im Laufe der vielen Jahre waren einige meiner Bobs in Schlachten gestorben, ein paar von ihnen, ohne vorher ein Back-up von sich gemacht zu haben. Doch Bender war ohne jeden Grund spurlos verschwunden.

Ich kannte Benders ursprüngliches Ziel, doch Victor, Marvin und Luke hatten ebenfalls gewusst, wohin er wollte und trotzdem nicht den geringsten Hinweis auf seinen Verbleib gefunden. Vor allem entdeckten sie kein Zeichen von ihm in Gamma Leporis A – keine autonome Fabrik, keine Bergbauaktivitäten, keine Kommunikationsstation und auch keinen Bussard-Streifen vom Wasserstoffkollektor, der in das System hineinführte.

Ich war gerade von meiner langen Pilgerfahrt zur Erde nach Delta Eridani zurückgekehrt. Es war eine sehr bedrückende Reise gewesen, da sich die Erde in der gegenwärtig herrschenden Eiszeit drastisch veränderte und ich meine alte Heimat voraussichtlich zum letzten Mal in ihrer alten Gestalt gesehen hatte. Es entbehrte wirklich nicht einer gewissen Ironie, dass die Menschen das Problem der Erderwärmung mit einem atomaren Winter gelöst und dabei 99,9 % der eigenen Art vernichtet hatten. Aber das war ja auch nicht anders zu erwarten gewesen. Dumme, dumme Menschen.

Das Delta-Eridani-System war dagegen mehr oder weniger immer noch genauso, wie ich es zurückgelassen hatte. Die Bergbaudrohnen sammelten Rohstoffe von den Asteroiden ein und brachten sie zu den autonomen Fabriken, die sie zu Barren pressten und für den Bedarfsfall einlagerten. Da ich den autonomen Fabriken keine anderslautenden Befehle erteilt hatte, würden sie in ihrem eigenen Tempo weitere Fabriken und Ersatzteile für meine diversen mechanischen Diener produzieren.

Zufrieden mit dem Status quo aktivierte ich die VR und ließ mich in der Bibliothek auf meinem La-Z-Boy nieder. Nichts entspannte mich mehr als der Anblick deckenhoher Bücherregale. Spike sprang zu mir hoch und machte es sich schnurrend auf meinem Schoß gemütlich. Jeeves brachte einen frisch gebrühten Kaffee.

Die VR-Umgebung war ein zentraler Bestandteil meiner Existenz. Ohne sie war ich nur ein geisterhafter Verstand. Im virtuellen Raum besaß ich dagegen einen Körper, Haustiere und ein Dach über dem Kopf. Vor der Einführung der persönlichen VR hatten vier von fünf Replikanten den Verstand verloren. Ich war mir ziemlich sicher, dass es da einen Zusammenhang gab.

»Entschuldige, meine Kleine, aber ich muss mich konzentrieren«, sagte ich zur Katze und drehte mich zu Guppy um, der wie immer in Rührt-euch-Stellung dastand. »Beende Spikes Programm und zeige mir eine Darstellung der stellaren Umgebung in einem Umkreis von vierzig Lichtjahren.«

Guppys riesige Fischaugen blinzelten. [Bestätigt.]

Spike verschwand in einer Wolke aus Pixeln. Einen Moment später erschien eine Kugel vor mir. Die zahlreichen darin enthaltenen Lichtpunkte waren praktischerweise beschriftet – sämtliche Sonnensysteme im vorgegebenen Radius, kategorisiert nach Sternentypen.

Ich zeichnete mit dem Finger eine Verbindungslinie zwischen Delta Eridani und Gamma Leporis A – Benders vermutliche Flugbahn. 2165 war er in die richtige Richtung aufgebrochen, aber nie am Ziel eingetroffen. Der Grund dafür war entweder Fremdeinwirkung, Pech oder selbstgewählt.

Im Falle einer der ersten beiden Möglichkeiten ließe sich vielleicht ein Hinweis finden – Bruchstücke, die überkreuzende Spur eines theoretischen Angreifers, Radioaktivität oder was auch immer. Wenn es die dritte war, würde der Bussard-Streifen an irgendeiner Stelle die Richtung ändern. Um irgendetwas von alldem entdecken zu können, würde ich mit 5 % von C dahinkriechen müssen. Damit würde ein kompletter Scan von Benders vermutlicher Flugroute dreihundertzwanzig Jahre dauern. Falls ich etwas entdeckte, würde ich natürlich nicht die gesamte Strecke zurücklegen müssen, aber es wäre so oder so eine ziemlich lange, größtenteils ereignislose Mission.

Als Computer sind wir zwar unsterblich, operieren aber im Millisekundenbereich. Mehrere hundert Jahre würden mir also wie eine Ewigkeit erscheinen.

Damit kam ich zur dritten Möglichkeit – der freiwilligen Entscheidung. Wenn Bender irgendetwas bemerkt und abgedreht hatte, um es zu untersuchen, dann würde jemand, der seiner Flugbahn folgte, es vielleicht auch sehen. Luke und die anderen beiden hatten zwar nichts entdeckt, doch sie waren wahrscheinlich zu sehr mit ihrem eigenen Kurs beschäftigt gewesen, um sich ausgiebig umzuschauen. Da Bender seinen langen interstellaren Sprung vor der Erfindung der SCUT-Kommunikation unternommen hatte, war er wahrscheinlich aktiv auf der Suche nach irgendetwas gewesen, das ihn von seiner Langweile ablenkte.

Ich tippte mir ein paar Millisekunden lang nachdenklich ans Kinn und wandte mich dann wieder an Guppy. »Ich glaube, ich muss dieses Problem von verschiedenen Seiten angehen. Lass die autonomen Fabriken ein paar Hundert dieser Langstreckenkundschafter bauen, die wir in der Schlacht von 82 Eridani verwendet haben. Und sorge dafür, dass ihre SURGE-Antriebe einem interstellaren Flug gewachsen sind.«

[Bestätigt.]

Sobald die Drohnen fertig waren, würde ich sie Bender mit 5 % von C hinterherschicken und seine Flugbahn nach irgendetwas Ungewöhnlichem absuchen lassen. Da ich keinen Grund hatte, das Ende des Fertigungsprozesses vor Ort abzuwarten, betrachtete ich noch ein letztes Mal eingehend den langsam unter mir rotierenden Planeten Eden und verließ dann den Orbit, um mich mit 5 G auf den Weg nach Gamma Leporis A zu machen.

Auf einer Reise zwischen zwei Sonnensystemen passiert rein gar nichts. Was ein Glück ist, denn ich kann mir keinen Zwischenfall während eines interstellaren Flugs vorstellen, bei dem man nicht als Wolke aus frei schwebenden Atomen enden würde.

Ich dachte darüber nach, meine Geschwindigkeit auf 0,75 % von C zu reduzieren, um mich weiterhin mit dem Bobiversum austauschen zu können. Dank SCUT waren wir in der Lage, im BobNet verzögerungsfrei miteinander zu kommunizieren, aber wenn mein Tau zu hoch wurde, würde ich selbst mit erhöhter Wahrnehmungsrate nicht mehr in Echtzeit mit den anderen interagieren können. Dennoch wollte ich unbedingt so schnell wie möglich herausfinden, ob meine Theorie zutraf. Außerdem erschien mir das Bobiversum ohnehin zunehmend merkwürdiger und cliquenhaft. Die Bobs unterschieden sich immer stärker vom Ursprünglichen Bob und besaßen mittlerweile Eigenschaften, die diesen sehr ratlos gemacht hätten.

Ich vertrieb mir die Zeit mit meinen Überwachungsvideos von den Deltanern – einer primitiven Rasse von Humanoiden, die wie eine zweibeinige Mischung aus Schweinen und Fledermäusen aussah. Ich hatte sie mehr oder weniger adoptiert und war ein oder zwei Generationen lang ihr großer Himmelsgott gewesen, bevor ich mich in einem Androidenkörper ihrem Stamm anschloss. Seit ich nach Archimedes’ Begräbnis Camelot zum letzten Mal verlassen hatte, waren bereits dreiundsechzig Jahre vergangen. Doch ich vermisste meine Freunde und das Gefühl, Teil ihrer Familie zu sein, nach wie vor. Bill hatte mich immer wieder ermahnt, wie gefährlich es sei, einen Haufen rückständiger Außerirdischer ins Herz zu schließen. Tja, Pech.

Wie sich herausstellte, wurde es interessant, bevor ich den Kontakt zum BobNet verlor. Ungefähr zwei subjektive Monate nach Reisebeginn löste irgendetwas eines meiner Überwachungsskripte aus.

Wir spielten gerade Baseball in der Vollversammlungs-VR, als plötzlich ein Guppy auf dem Feld auftauchte. Alle Bobs hielten mitten in der Bewegung inne. Das unangekündigte Erscheinen eines Guppys verhieß interessante Neuigkeiten. Ich entnahm den Metadaten, dass es meiner war, legte den Schläger weg und sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. Wie üblich ignorierte er diese Geste komplett. Das GUPPI-Interface verstand keine Gesichtsausdrücke. Genauso wenig wie Sarkasmus, Metaphern, Ironie, Körpersprache oder den Sinn gesellschaftlicher Konventionen. Guppy erwiderte ungerührt meinen Blick und wartete darauf, dass ich etwas sagte.

»Und?«

Das reichte ihm anscheinend.

[Die astronomische Überwachung hat eine Anomalie bemerkt. Über einen derartigen Vorfall sollte ich umgehend Meldung erteilen.]

Ein Guppy konnte unter einer Anomalie alles Mögliche verstehen. Marios hatte sogar einmal ein komplett verwüstetes planetares Ökosystem mit diesem Begriff beschrieben.

Luke und Marvin eilten herbei. Sie wussten, dass ich Bender auf seiner Flugbahn verfolgte, und hofften auf Neuigkeiten.

[Das System Eta Leporis weist eine ungewöhnliche Infrarotsignatur auf. Zusätzlich wird das Licht des Sterns periodisch schwächer.]

Luke und Marvin wechselten einen Blick, dann fragte Luke: »Eine Signatur wie von einem Dyson-Schwarm? Glaubt ihr, dort gibt es irgendeine Megastruktur? Die hätte Bender bestimmt untersucht.«

Mittlerweile hatten sich die meisten Feldspieler zu uns gesellt. Baseball würde heute zweifellos kein Thema mehr sein. Bill sah es genauso: »Also gut, Jungs. Ich glaube, wir sind hier fertig. Diese Woche erlasse ich euch das Fünf-Innings-Minimum. Auf geht’s in den Pub!«

Die Spieler jubelten und verschwanden aus der Baseball-VR.

Ich schickte Guppy fort und versetzte mich gemeinsam mit Luke und Marvin ebenfalls in die Pub-VR. Dort angekommen bedeutete ich Jeeves, mir das Übliche zu bringen.

Während wir an einem Tisch Platz nahmen, ließ Luke mich nicht aus den Augen. »Also gut, spuck’s aus.«

»Hmm, nun ja, ihr Jungs wisst ja, dass ich mich nach etwas Ungewöhnlichem umschaue, während ich Benders ursprünglicher Flugroute folge. Meine Theorie lautet, dass er etwas gesehen und den Kurs geändert haben muss und wir bislang bloß noch nicht die kaum wahrnehmbare Kurve im Bussard-Streifen bemerkt haben.«

»Ja, ja. Kannst du bitte gleich zur Pointe kommen?«

Bevor ich fortfuhr, bedachte ich Luke mit einem Lächeln, das besagte, dass ich es so spannend wie möglich machen würde. »Ich hatte natürlich keine Ahnung, wonach Bender Ausschau gehalten haben könnte und was er möglicherweise gesehen hat. Daher habe ich nach allem Möglichen die Augen offen gehalten. Ich musste Guppys Speicherplatz verdoppeln, damit er alles aufnehmen konnte.«

»Und du hast die Signatur einer Megastruktur entdeckt?«

»Ja, ich scheine etwas gefunden zu haben, das man in dieser Weise interpretieren könnte. Die Frage ist nur, ob ich mich dazu entschließe, den Kurs zu ändern und es zu untersuchen. Wenn es sich als falscher Alarm erweist, muss ich anschließend fast bis Delta Eridani zurück und noch einmal von vorn anfangen. Das Problem dabei ist gar nicht so sehr die Zeit, die für den Rückweg draufgeht. Schlimmer ist, dass wir bei all dem Hin und Her das interstellare Medium irgendwann so sehr durchgepflügt haben, dass wir gar nichts mehr herausfinden können.«

»Ich glaube, dass dir gar nichts anderes übrig bleibt, Bob«, sagte Marvin. »Wenn es nötig wird, kann ich die KMI in Delta Eridani beauftragen, eine neue Heaven-Sonde mitsamt Matrix zu bauen und sie mit einem Klon von mir zu bemannen. Das ginge schneller, als wenn du zurückkehrtest oder wir dorthin flögen.«

»Das klingt gut. Wartet einen Moment.« Ich kehrte in meine VR zurück. Guppy wartete wie üblich in Rührt-euch-Stellung. Zum millionsten Mal überlegte ich, ob ich seine Admiral-Ackbar-Gestalt endlich in den Ruhestand versetzen sollte. Und zum millionsten Mal hielt mich mein kindischer Sinn für Humor davon ab.

»Bring uns zu der Anomalie, Guppy, und sag mir, wie lange die Reise dorthin schätzungsweise dauern wird. Aber diese Information hat keine hohe Priorität. Du musst deswegen nicht in die Versammlungs-VR platzen.«

[Bestätigt.]

Ich kehrte zu Marvin und Luke zurück. Luke trank gerade von meinem Bier. »He, das geht ein bisschen zu weit.«

Luke grinste mich an. »Was? Hast du etwa Angst vor meinem Keimen? Das ist ein ziemlich gutes Red Ale. Ich war ein bisschen überrascht, da ich uns vor allem als Fans von dunklem Bier in Erinnerung habe.«

»Howard ist schuld. Auf Vulkan gibt es eine florierende Bier-Industrie, und Howard lädt immer neue Geschmacksvorlagen in die VR hoch. Dieses hat er mir bei meinem letzten Besuch zum Probieren gegeben.«

Marvin nickte bedächtig. »Er richtet interstellare Handelsrouten ein.«

Ich runzelte die Stirn. »Bei einer Transitzeit von mehreren Jahren kann man kein …«

»Offenbar doch, o großer Allvater. Stasiskammern sind wunderbar dazu geeignet, Bier frisch zu halten.«

Ich schüttelte den Kopf. »Ich dachte, er hätte seine Anteile an der Enniscorthy Distillery abgestoßen.«

»Das stimmt auch. Er hatte sie der Ursprünglichen Bridget und Stéphane überlassen. Und die haben sie ihren Kindern vererbt. Aber Enniscorthy ist auf Hochprozentiges spezialisiert. Erinnert ihr euch noch an den Großen Romulanischen Präsidialskandal?«

Wir lachten. Cranston hatte voll und ganz verdient, was ihm damals geschehen war, und er hatte nie beweisen können, dass die ganze Sache auf Howards Mist gewachsen war.

»Howard und Bridget haben ein paar Kleinstbrauereien auf Vulkan aufgekauft«, fuhr Marvin fort. »Und es scheint, als hätten sie ein Talent dafür, das Teufelszeug zu brauen und zu vermarkten. Vielleicht verfügen sie aber auch nur über einen guten Geschäftssinn. Inzwischen besitzen sie eine der drei größten Brauereien im Omicron2-Eridani-System.«

»Hmm.« Während ich nachdachte, tippte ich mir mit dem Finger ans Kinn – eine nervöse Angewohnheit, die ich ganz allein entwickelt zu haben schien. Der Ursprüngliche Bob hatte diesen Tick nicht gepflegt, und auch nicht die anderen Klone. »Nun, man kann Flüssigkeiten nicht drucken, und es hat auch keinen Sinn, jemandem das Rezept zu mailen, wenn der die nötigen Zutaten nicht vor Ort hat. Also bleibt wohl nur der Export.« Ich hob mein Glas. »Auf Howard, den Familienunternehmer.«

Während ich an meinem Bier nippte, sah ich mich im Pub um. Die Bobs schienen unterschiedlicher gekleidet als früher und sich außerdem mit stilistisch Gleichgesinnten zusammenzutun. Es wirkte fast so, als sortierten wir uns nach unseren jeweiligen Modegeschmäckern. Manche schauten beinahe wie Cosplayer aus. Ich sah zwar keine Klingonen oder Chewbaccas herummarschieren, aber ein paar der Kleidungsstücke erinnerten mich an die Uniformen aus Star Trek – Das nächste Jahrhundert, andere an Jedi-Roben. Einer der Bobs trug sogar einen Anzug mit Krawatte. Wieso in Gottes Namen würde irgendwer so etwas freiwillig tragen?

Ich schaute Marvin mit zusammengezogenen Augenbrauen an und nickte zu dem Anzugträger hinüber.

Marvin zuckte die Achseln. »Frag mich nicht, Bob. Die replikative Abweichung scheint sich zu beschleunigen. Mittlerweile müssen wir irgendwo zwischen der fünfzehnten und zwanzigsten Generation angelangt sein, und es geht nicht nur um Eigenschaften des Ursprünglichen Bobs, die verstärkt oder unterdrückt werden. Die Unterschiede zwischen den Klonen nehmen insgesamt immer mehr zu.«

»Aha. Und was ist mit diesen Quasi-Cosplay-Outfits?«

Marvin zuckte erneut die Achseln. »Ein paar von ihnen tragen sie wahrscheinlich nur zum Spaß oder als ironischen Kommentar. Was den Rest anbelangt, nun … Ich bin mir nicht sicher, ob ihre Kleiderwahl ihr Verhalten bedingt oder es sich andersherum verhält. Die Star-Trek-Typen sprechen davon, dass sie eine Organisation nach dem Vorbild der Sternenflotte gründen wollen, um den Einfluss des Bobiversums auf biologische Lebewesen zu regulieren. Das sind ihre Worte, nicht meine.«

»Ach du meine Güte. Und wie wollen sie das anstellen? Werden sie Gesetze erlassen? Eine Polizeitruppe aufstellen?«

»Ich glaube, bislang diskutieren sie nur darüber, Bob. Niemand will unsere Organisation verändern. Zumindest bislang noch nicht.«

»Hat das irgendwas mit Thor und seiner Lobbygruppe zu tun, die er nach dem Krieg gegen die Anderen gegründet hat?«

»Nein, das glaube ich kaum. Thor und seine Leute haben gesagt, was ihnen lieber wäre, aber nicht versucht, dem Rest von uns irgendetwas aufzuzwingen. Das hier« – Marvin deutete unauffällig auf die Trekkies – »fühlt sich übergriffiger an, wenn du verstehst, was ich meine.«

Ich schüttelte den Kopf und weigerte mich, noch länger über dieses Thema nachzudenken. Stattdessen ließ ich mir von Jeeves ein frisches Bier bringen.

Als ich in meine VR zurückkehrte, hatte ich einen angenehmen Bierrausch und eine düstere Vorahnung. Den Rausch deaktivierte ich, das schlechte Gefühl konnte ich jedoch nicht loswerden. Bill hatte zwar recht, dass ich nicht oft genug an den Versammlungen teilnahm, doch was ich im Pub gesehen hatte, animierte mich nicht gerade dazu, daran etwas zu ändern.

Jüngst hatte ich eine Außenfläche mit Terrassenmöbeln an meine Bibliothek angebaut. Hier draußen herrschte permanent Spätsommer, mit warmem Sonnenschein und einer kühlen Brise. Auf der anderen Seite des Sees wetteiferten Haubentaucher, Gänse und andere Wasservögel darum, wer von ihnen am lautesten kreischen konnte. Mit einem zufriedenen Seufzer ließ ich mich in einen La-Z-Boy sinken und rief Guppy herbei. »Fahre bitte Spike und Jeeves hoch. Und dann informiere mich über die Kursänderung.«

Jeeves erschien mit einer Kanne Kaffee und ein paar Sandwiches. Spike tauchte genau an der Stelle auf meinem Schoß auf, wo ich sie zuletzt abgeschaltet hatte. Ich kraulte sie hinter dem Ohr, und sie begann zu schnurren.

Als ich ein Sandwich und eine Tasse Kaffee in Händen hielt, fühlte ich mich für alles gewappnet. »Also, wie sieht’s aus?«

[Wir sind unterwegs nach Eta Leporis. Der Flug wird einschließlich des Richtungswechsels voraussichtlich fünfunddreißig Jahre dauern.]

»Wow, das ist ja eine ganz schöne Strecke. Werden wir bei unserer Ankunft in SCUT-Reichweite sein?«

[Negativ. Wir müssen zwischen den Systemen eine Relaisstation installieren.]

Mist. Noch mehr verlorene Zeit. Daran ließ sich zwar nichts ändern, aber ich wollte auf keinen Fall in irgendeinem gottverlassenen System anhalten und eine Kommunikationsstation bauen, um meinen Zugang zum BobNet aufrechtzuerhalten. Andererseits würde ich natürlich ganz schön dumm dastehen, wenn sich bei meiner Ankunft in Eta Leporis herausstellte, dass dort die dafür notwendigen Rohstoffe fehlten.

»Also gut, Guppy, weise die nachfolgenden Drohnen an, so schnell wie möglich zu der Stelle zu fliegen, an der wir den Kurs geändert haben. Ich will, dass sie die gesamte Umgebung genaustens kartografieren und nach Bussard-Streifen Ausschau halten.«

[Bestätigt. Dazu werden sie wahrscheinlich vierundzwanzig Monate benötigen.]

»Verstanden. Sag mir Bescheid, wenn sie dort eintreffen und mit der Erkundung beginnen, und sobald ihr vollständiger Bericht vorliegt, will ich ihn sofort sehen.«

Guppy blinzelte mit seinen großen Fischaugen und verschwand.

Ich ließ mich in meinen La-Z-Boy zurücksinken und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Zuerst musste ich das Kommunikationsproblem lösen. Wenn ich in Eta Leporis eintraf, konnte ich – vielleicht – eine Relaisstation bauen und bis zur Hälfte der Strecke zurückschicken. Das wäre allerdings suboptimal. Abgesehen davon, dass ich nicht wusste, ob es am Ziel das dafür nötige Material gab, würde ich auch noch jahrelang ohne Kontakt zu den anderen sein. Besser gesagt: ein paar weitere Jahre lang.

Alternativ konnte ich auch die autonome Fabrik in Delta Eridani damit beauftragen, eine Relaisstation mit SURGE-Antrieb zu bauen und auf den Weg zu schicken. Das wäre die schnellere Lösung, da die Fabrik sofort mit der Arbeit beginnen konnte. Dennoch würde ich auch so zumindest eine Zeit lang von der Außenwelt abgeschnitten sein.

Diese Lücke konnte ich jedoch überbrücken, indem ich eine der Drohnen in meinem Frachtraum zu einer provisorischen SCUT-Relaisstation umbaute und unterwegs aussetzte. Es wäre nicht ideal, da sie sich zum Beispiel nicht selbst instandhalten oder upgraden könnte. Außerdem würde sie aufgrund ihrer geringen Größe nur wenig Bandbreite ermöglichen. Doch damit konnte ich leben, da ich von Eta Leporis aus ohnehin keine Vollversammlungen organisieren würde. Und für den Fall einer Reparatur konnte ich sie mit Roamern bestücken.

So oder so würde sie nur ein paar Jahre lang halten müssen, bis die wesentliche größere und leistungsstärkere Station von Delta Eridani eintraf. Und der Materialaufwand war minimal. Schließlich hatte ich für Notfälle genügend überschüssige Drohnen und Roamer im Frachtraum gebunkert.

Okay, erstes Problem abgehakt. Als Nächstes war Bender dran …

Punkt eins: Es bestand eine gute Chance, dass Bender vom Kurs abgewichen und nach Eta Leporis geflogen war. Falls sich dieser Verdacht als falsch herausstellte, würden mich die nachfolgenden Drohnen lange vor meiner Ankunft darüber informieren. In dem Fall würde ich umdrehen und die Spur erneut aufnehmen können. Also setzte ich Benders Kursänderung fürs Erste als gegeben voraus.

Punkt zwei: Unsere ersten Erkenntnisse deuteten darauf hin, dass in Eta Leporis eine intelligente raumfahrende Spezies lebte. Als ich darüber nachdachte, fielen mir die Anderen wieder ein. Bei der Vorstellung, dass uns ein weiterer langwieriger interstellarer Krieg drohen könnte, lief mir ein kalter Schauder über den Rücken.

Punkt drei: Wenn mein Verdacht stimmte, dass in Eta Leporis eine raumfahrende Zivilisation eine Megastruktur errichtet hatte und Bender vom Kurs abgewichen war, um sie zu untersuchen, dann war ihm dabei höchstwahrscheinlich etwas zugestoßen. Andernfalls hätte er eine Raumstation errichtet, die längst seine Logbucheinträge per Funk an uns übertragen würde. Außerdem hätte er bereits vor einiger Zeit die SCUT-Pläne empfangen und wäre dank der verzögerungsfreien Kommunikation nun ein Mitglied des BobNets.

Schlussfolgerung: Äußerste Vorsicht war angezeigt.

Ich musste über meine bürokratische Ausdrucksweise lachen. Dennoch stimmte es. Normalerweise steuerten wir einen Stern nicht direkt, sondern tangential an. Dabei behielten wir genügend Geschwindigkeit bei, um möglichst schnell in das System einfliegen zu können.

In diesem Fall war es jedoch sinnvoller, in ein Parkorbit in der Oortschen Wolke zu gehen und Kundschafter-Drohnen loszuschicken. Allerdings keine getarnten, da die dazu nötige Technik das SUDDAR störte und ich auf das Subraumradar angewiesen sein würde.

Ich rieb mir mit Daumen und Zeigefinger über die Augenlider und nahm eine Inventur der an Bord befindlichen Ausrüstung vor. Während des Flugs würde ich ein paar Dinge herstellen müssen.