Yael Adler

Darüber spricht man nicht

Dr. med. Yael Adler erklärt fast alles, was uns peinlich ist
Weg mit den Körpertabus

Mit Illustrationen von Katja Spitzer

Knaur e-books

Inhaltsübersicht

Über Yael Adler

Yael Adler ist Dermatologin mit Haut und Haar. Sie hat viele Jahre für die klinische Forschung gearbeitet und leitet seit 2007 eine eigene Praxis in Berlin-Grunewald. Ihr Talent und ihre Freude, komplexe medizinische Sachverhalte rund um die Haut anschaulich und höchst unterhaltsam zu vermitteln, stellt sie in zahlreichen Vorträgen und als Gesundheitsexpertin in den Medien unter Beweis.

 

Ihr erstes populäres Sachbuch, »Hautnah«, war ein Spiegel-Nr. 1-Bestseller und wurde in 15 Sprachen übersetzt.

 

Mehr Informationen zu Dr. Yael Adler erhalten Sie hier:

www.hs-hh.de/yael_adler

Impressum

© 2018 der eBook-Ausgabe Droemer eBook

© 2018 Droemer Verlag

Ein Imprint der Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit

Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

Covergestaltung: Isabella Materne

Coverabbildung: Thomas Duffé

Illustrationen © Katja Spitzer

ISBN 978-3-426-45140-3

Hinweise des Verlags

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Alle Angaben in diesem Buch wurden sorgfältig geprüft. Dennoch können Autorin und Verlag keine Gewähr für deren Richtigkeit übernehmen.

Ein ausführliches Literaturverzeichnis findet man auf Dr. Yael Adlers Homepage: www.dradler-berlin.de/darueber-spricht-man-nicht.php

Die Benutzung der männlichen Formen im Text ist nicht genderkorrekt, aber erleichtert den Schreibfluss. Ich meine natürlich immer beide Geschlechter, außer wenn ich gerade über geschlechtsindividuelle Themen schreibe. Und die Begriffe »Arzt« und »Ärzte« sind ebenfalls als Unisexbegriffe zu verstehen, die weiblich und männlich meinen.

Für Noah und Liam

Einleitung

Einst kniete ein edler Freier vor seiner Angebeteten nieder, um ihr einen Heiratsantrag zu machen. Doch kaum hatte sein Knie den Boden berührt, entfuhr ihm ein lauter Furz. Das war dem jungen Adligen so peinlich, dass er sich kurz darauf vor Scham erschoss.

Die Geschichte vom Anfang des vorigen Jahrhunderts soll wahr sein, nachzulesen in der Autobiografie der polnischen Autorin Magdalena Samozwaniec. Doch ob wahr oder Legende, was erzählt uns diese Begebenheit? Ein wohlerzogener junger Mann hat nicht nur die gespannte Stille des romantischen Augenblicks gebrochen, sondern dazu noch ein gesellschaftliches Tabu: Laut furzen in Gegenwart einer Dame – in einem so bedeutenden Moment!

Furzen als akustische Untermalung sozialer Interaktion hat sich bis heute nicht durchgesetzt, wenn man von Jungs-Schlafsälen im Schullandheim einmal absieht. Immerhin ist es heute kein Grund mehr, von eigener Hand vorzeitig aus dem Leben zu scheiden. Aber sonst? Wir bringen uns vielleicht nicht mehr gleich um wegen eines Pupses, doch auch unter uns Menschen des 21. Jahrhunderts gibt es immer noch jede Menge Tabus. Schon kleine Kinder erleben das Spannungsfeld von verboten und erlaubt, wenn sie lernen, dass Kacka böse ist und stinkt – dann aber wieder Lob ernten, wenn sie ein herrliches Häufchen für Mama und Papa hergestellt haben. Unverständlich nur, warum das braune Gold dann nicht als Fingerfarbe verwendet werden darf …

Anders als Gesetze, werden Tabus selten offen oder gar öffentlich erörtert oder dokumentiert. Es sind eher tradierte, durch Familie und Gesellschaft anerzogene und stillschweigend befolgte Regelwerke. Ihre Macht ist nicht zu unterschätzen: Tabus können unser Leben bestimmen und durchaus praktisch sein, weil sie uns einen Handlungsrahmen vorgeben. Seien wir ehrlich: Es ist manchmal auch ganz angenehm, wenn man nicht ständig darüber nachdenken muss, ob etwas nun richtig oder falsch, angemessen oder ungehörig ist.

Oft aber engen Tabus ein und können – wie bei dem vermasselten Heiratsantrag – sogar lebensgefährlich sein. Besonders dann, wenn es um unseren Körper geht: um Hygiene, um seltsame Knubbel oder Pusteln, unangenehme Gerüche und Geräusche, die unser Körper nun mal produziert, die aber auch Zeichen einer schweren Erkrankung sein können. Mit einem besonders großen Tabu ist zudem natürlich fast alles belegt, was mit Sexualität zu tun hat. Wenngleich sich gerade in diesem Bereich viel getan hat und manches Tabu gefallen ist, halten sich die meisten doch hartnäckig. Viele Tabus stammen aus uralten Zeiten. So halten sich Menschen seit Jahrhunderten an strenge Speisegesetze und meiden Schweinefleisch oder andere »unreine« Nahrung. Es gibt Leute, die schütteln dem anderen Geschlecht nicht die Hand, in manchen Gegenden der Welt grenzt man Frauen während der Menstruation aus. Auch Sex während dieser Phase ist in bestimmten Kulturen undenkbar. Manche Menschen würden nie Sperma schlucken, andere zeigen keine nackte Haut und werden rot, wenn sich ein Liebespaar im Fernsehen küsst. Wieder andere haben ein Problem mit ihrer Körperbehaarung oder waschen sich zwanghaft, weil sie sich schmutzig fühlen und besonders reinlich sein wollen.

Vielleicht haben sich manche Tabus auch deshalb so lange erhalten, weil es ohne sie keine Lust am Tabubruch mehr gäbe. Der erhobene Zeigefinger im Kopf, der »böse, böse« mahnt, verschafft uns nämlich gleichzeitig einen Kick, wenn wir laut und provokant bei Tisch rülpsen oder ohne Unterwäsche aus dem Haus gehen.

Sie werden sich jetzt vielleicht fragen, warum eine Ärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten eine Abhandlung körperlicher Peinlichkeiten, Schämthemen und Tabus verfasst. Tatsächlich sind Tabus in meiner Sprechstunde quasi »mein täglich Brot«. In meinem Buch »Haut nah – alles über unser größtes Organ« schreibe ich, wie umfassend die Haut mit allem in uns und um uns herum vernetzt ist. Dabei kommt bereits eine Menge an Tabuthemen zur Sprache. Weil der Mensch aber eben nicht nur aus Haut besteht, ist ein ganzheitlicher Blick gefragt.

Als Ärztin ist mir nichts Menschliches fremd. Doch jeden Tag begegne ich in meiner Praxis Menschen, die sehr fremdeln: mit sich, mit ihrem Körper und oft auch mit ihrer Psyche. Menschen, die lange still vor sich hin leiden, sich schämen und … schweigen. Da geht es um Hautausschläge an sehr privaten Stellen, um Juckreiz am Po, den Verdacht einer Geschlechtskrankheit oder Probleme im Bett. Um Körpergerüche, Blähungen und Verstopfung, um übermäßigen Haarwuchs oder um Fußpilz. Einer meiner Patienten machte monatelang einen großen Bogen um Saunen und Schwimmbäder, weil seine Zehen »so komisch« aussahen. Ein anderer verzichtete immer auf das »Frühstück danach«: Er hatte endlich eine tolle Frau kennengelernt und war total verliebt. Trotzdem stahl er sich Nacht für Nacht gleich nach dem Liebesakt aus ihrer Wohnung – in panischer Angst, ansonsten neben seiner neuen Flamme irgendwann in den postkoitalen Tiefschlaf zu fallen. Dabei nämlich wäre seine Zunge in den Rachen gesackt, und er hätte lautstark zu schnarchen begonnen. Nicht sehr romantisch und noch weniger erotisch, fand er.

Warum zögern dann viele Menschen so lange mit dem Arztbesuch? Die Antworten ähneln einander: »Das ist mir peinlich, ich konnte nicht darüber reden.« »Ich hatte Angst vor dem, was als Diagnose herauskommt.« Oder: »Ich habe gedacht, das verschwindet von selbst wieder …« Diesen Gedanken haben sehr viele Menschen besonders bei heiklen Themen: Was von allein kommt, geht auch wieder von allein. Dumm nur, dass genau das aber in vielen Fällen gerade nicht passiert. Dabei sind die Lösungen und Therapien, die wir Ärzte anbieten, oft gar nicht heikel oder kompliziert!

»Das ist alles schon erfunden«, sagt ein befreundeter Handwerker gern, wenn ich von einem defekten Gerät oder einer Havarie in meiner Wohnung erzähle und keinen Ausweg weiß. Meist im Handumdrehen hat er lässig und routiniert die Fehlerquelle gefunden, greift zu irgendeinem Spezialwerkzeug und einem mir unbekannten Ersatzteil, und schon kehrt die Waschmaschine zurück ins munter rotierende Leben, oder die Heizung heizt wieder. Das scheinbar unlösbare Problem ist eins, zwei, drei behoben.

So ähnlich machen wir Ärzte das auch. Wir müssen nur wissen, wo das Problem liegt! Und wenn wir herausgefunden haben, wo – manchmal auch im Wortsinn – der Wurm sitzt, dann gibt es fast immer eine gute Lösung. Wir Ärzte sind dabei an Ihrer Seite und hoffen auf Ihr Vertrauen. Wir wissen, dass es mitunter Überwindung kostet, den eigenen Körper und die Seele zu entkleiden. Aber Sie können fest davon ausgehen: Wir haben das alles schon mal gehört, vieles schon mal gesehen und manches sogar selbst erlebt!

Wer den Mut hat, persönliche Tabuthemen anzusprechen, nimmt ihnen die Macht. Dieses Buch soll daher ein Mutmacher sein: Ich möchte Ihnen helfen zu verstehen, was in Ihrem Körper passiert, wenn Ihrer Vagina beim Sex ein Liebespups entfleucht, Ihr Magen nach dem Essen plötzlich mit Ihnen spricht oder wenn es mit der Erektion nicht mehr klappt wie bisher. Warum viele der körperlichen Macken, für die Sie sich vielleicht schämen, in Wirklichkeit wahrscheinlich ganz normal sind – oder möglicherweise leicht zu beheben. Jedenfalls dann, wenn man sich für den Gang zum Arzt entscheidet und nicht zu absonderlichen Lösungen Marke Eigenbau greift wie eine junge und schöne Patientin, die sich im Internet eine Ätzlösung zur Entfernung von knubbeligen Hautanhängseln und Leberflecken bestellte und nach der Selbstbehandlung fürchterliche Narben davontrug.

Wir wandern nun durch die Bereiche der Sinne, mit denen wir Körpertabus wahrnehmen: Riechen, Fühlen, Sehen und Hören. Am Ende der Lektüre werden Sie hoffentlich wissen: Sie sind nicht allein! Es gibt kein peinliches Leiden, das andere Menschen nicht auch quält. Es spricht nur niemand darüber. Deshalb: Viel Spaß beim Lesen und darüber Reden!

TEIL I

Tausendundein Duft: KörperGERÜCHE

1 Hinter vorgehaltener Hand: schlechter Atem und andere Gerüche aus dem Mund

In der guten alten Zeit, als uns die Werbung noch mit drastischen Bildern ängstigte, gab es eine Zahnpastareklame, in der ein Mann eine Pusteblume anhauchte. Weil er schlechten Atem hatte, kollabierte das zarte Pflänzchen vor den Augen des Millionen-Fernsehpublikums. Eine andere Variante dieses Horrors: Ein frisch verliebtes Paar, einer flüstert dem anderen zärtlich etwas zu, woraufhin der, einer Ohnmacht nahe, die Augen verdreht und sich erschaudernd abwendet.

Wie sich solche Bilder auf die Verkaufszahlen von Zahncreme, Mundwasser, Mundspray oder sonstigen Atemdopingmittelchen auswirken, kann ich nicht sagen. Fakt ist: Für die meisten Menschen ist Mundgeruch ein echter Abtörner. Hat jemand Mundgeruch, schnuppern wir, quasi naturwissenschaftlich interessiert, zunächst zwar hin. Sobald die Geruchsquelle aber geortet ist, wenden wir uns entsetzt ab: Unser archaisches Ich warnt uns vor Krankheit und Zersetzung! Das könnte unserem Überleben schaden.

Interessanterweise machen sich Frauen offenbar mehr Sorgen um ihre Geruchsabsonderungen als Männer. Zumindest verbalisieren sie dieses Thema eher in der Sprechstunde oder in privaten Runden, wo auch schon mal Tricks ausgetauscht werden. Etwa, wie man am Morgen nach der ersten romantischen Nacht mit einem neuen Partner für frischen Atem sorgt oder den »ersten Kuss am Morgen« angenehm gestaltet. Frauen berichten: Verliebte Männer wachen auf und küssen sofort drauflos. Verliebte Frauen dagegen lutschen nach dem Aufwachen erst mal ein extra scharfes »Fisherman’s Friend« oder einen anderen Atemaufheller. Oder sie schleichen sich ins Bad und putzen sich rasch die Zähne, bevor er aufwacht. Sie möchten dem Adonis neben sich nur allzu gerne weismachen, dass sie zu jenen seltenen Wesen gehören, die nachts in ihrer Mundhöhle Menthol- und Eukalyptusaromen entwickeln und keineswegs »fauligen Morgenmundgeruch«, wie die Forschung diese Duftnote beschreibt.

Mundgeruch ist der gängige Oberbegriff für zwei unterschiedliche Formen: beim Foetor ex ore liegt die Quelle des schlechten Ausatmungsgeruchs im Mund- und Rachenraum; bei der Halitosis sitzt der Ursprung tiefer, man kann die üble Duftnote auch in der Nasenluft erschnuppern. Es gibt Spezialsprechstunden für dieses Problem, das sich mithilfe eines Halimeters sogar messen lässt. Dafür muss man in eine Art Strohhalm pusten, anschließend wird der Anteil der schlecht riechenden Schwefelverbindungen in der ausgeatmeten Luft bestimmt.

Schätzungen zufolge haben 25 bis 50 Prozent der Weltbevölkerung zumindest zu bestimmten Tageszeiten so starken Mundgeruch, dass sie sozial inkompatibel werden: Die Umwelt geht lieber auf Abstand. Mundgeruch ist also eigentlich ein Allerweltsphänomen und kein Grund, sich zu schämen. Dennoch ist es ein enormes Tabuthema, das bei manchen eine regelrechte Phobie auslöst. Etwa 12 bis 27 Prozent von vermeintlichen Mundgeruchspatienten, die sich in eine Spezialsprechstunde begeben, sind nämlich eigentlich ein Fall für den Psychotherapeuten. Sie leiden unter Halitophobie, so nennt sich diese Angst vor dem bei ihnen gar nicht existierenden Geruch.

Ob man aus dem Mund riecht, ist für die meisten wirklich Betroffenen häufig nur schwer festzustellen. Und weil wir wissen, dass wir andere mit einer Bemerkung über Mundgeruch verletzen und sogar traumatisieren können, halten viele Menschen lieber die Klappe, statt dem Gegenüber zu sagen, dass er/sie einen schlechten Atem hat. Nicht so einer meiner Kollegen, der morgens einen anderen Arzt vor der Visite so begrüßte: »Na, ne tote Ratte gefrühstückt?« Das Blöde daran ist: Das Schweigen der anderen kann den Betroffenen nicht nur in soziale Isolation treiben, weil die Umwelt auf Distanz geht, es kann auch schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben. Unterbleibt eine Behandlung, besteht ein erhöhtes Risiko für eine ganze Bandbreite an unterschiedlichen Erkrankungen. Mundgeruch durch eine krankhafte bakterielle Besiedlung führt mitunter zu Arteriosklerose, Herzinfarkt, Hauterscheinungen wie Nesselsucht, Juckreiz oder Schüben von Schuppenflechte, Demenz oder Frühgeburten bei Schwangeren.

Quellen des Übels

Ursachen für Mundgeruch gibt es viele, und sie lassen sich zu rund 90 Prozent im Mund- und Rachenraum finden. Nur etwa 10 Prozent kommen aus dem Magen-Darm-Trakt, der Lunge, anderen Organen oder aus dem Stoffwechsel. Um das bei der Diagnostik eingrenzen zu können, wird ein einfacher Test gemacht: Ist die ausgeatmete Luft aus der Nase geruchsfrei, kommt der schlechte Atem aus dem Mund; riecht auch die Nasenluft schlecht, muss die Ursache in einer tieferen Region des Körpers vermutet werden.

Die Übeltäter hinter den meisten schlechten Mundgerüchen sind Bakterien. Über Millionen von Jahren hat sich unser Mikrobiom, also die Gemeinschaft der uns bewohnenden Mikroorganismen, entwickelt und lebt in der Regel in friedlicher Symbiose auf und in uns. Gemeinsam formen wir einen Superorganismus, ein Gesamtlebewesen namens Holobiont. Allein in unserem Mund leben 100 Milliarden Bakterien, die sich aus bis zu 700 Arten zusammensetzen. Einige unterstützen die körpereigenen Verdauungsenzyme beim Zersetzen der Speisen, andere sind einfach da und dienen als Platzhalter. Zahlreiche Mundbewohner verteidigen uns gegen die Ansiedlung krank machender Erreger, genau wie das ihre Kollegen im Darm, auf der Haut, in der Vagina oder den Atemwegen tun.

Leider kann es nicht zuletzt wegen unseres zivilisatorischen Lebensstils zu einer Störung des Gleichgewichts in unserem Mikrobiom kommen und damit zu einer Störung der bakteriellen Selbstverteidigungsmechanismen. Sie können sich das wie beim Ökosystem Teich vorstellen: ein System mit Pflanzen und Tieren, das aus dem Gleichgewicht geraten kann, wenn bestimmte Arten überhandnehmen, andere dezimieren oder diese ganz verdrängen. Aufgaben bleiben plötzlich unerledigt, zerstörerische Prozesse werden in Gang gesetzt, schlimmstenfalls kippt das Gewässer.

Wie an der Haut und allen Schleimhäuten gibt es auch in unserem Mund die lieben und die bösen unter den Bakterien und Pilzen. Wenn hier das System aus dem Gleichgewicht gerät, ist die Folge schlechter Geruch. Das hat wiederum mit dem Speiseplan der Bakterien zu tun. Schleim, abgeschilferte Schleimhautzellen und Nahrungs-Eiweiße gehören zu ihrem Leibgericht. Die frei werdenden Duftmoleküle sind Schwefelverbindungen, deren bekanntester Vertreter Schwefelwasserstoff ist; und der riecht nach faulen Eiern. Methylmercaptane riechen nach faulem Kohl oder Moder, und wenn es nach Fisch, Fleisch oder Fäkalien müffelt, sind dafür biogene Amine verantwortlich, von denen eines das Cadaverin ist – der Name spricht für sich. Sie entstehen, wenn aus Aminosäuren, den Bausteinen von Eiweiß, Kohlendioxid abgespalten wird.

Das Fiese an Mundbakterien ist, dass sie sich gern gesellig zu Biofilmen zusammenfinden. Das sind Schleimbiotope, also Beläge, in denen sich die Bakterien ein gemütliches und ziemlich geschütztes Zuhause aufgebaut haben, aus dem sie sich nicht einfach so wegspülen lassen. Es sind Verhältnisse wie im Siphon eines Waschbeckens: Auch dort haftet ein siffiger (nein, Siphon ist nicht Altgriechisch für »siffig«) Bakterienfilm, der unbeeindruckt von ständig nachfließendem Wasser und Putzmitteln einfach kleben bleibt. Wer also eine ungünstige Bakterienzusammensetzung hat, bekommt sie nur schwer wieder los.

Morgenstund’ hat Duft im Mund

Der Klassiker ist sicher der Morgen-Mundgeruch: Er entsteht vor allem, weil unsere körpereigene »Spülmaschine« nachts ihre Tätigkeit herunterfährt. Dann nämlich bekommt der Satz »Da bleibt einem glatt die Spucke weg« eine wörtliche Bedeutung. In unserer Spucke leben Milliarden von Bakterien, die Gerüche freisetzen. Trocknet der Speichel weg, bleibt der alles andere als euphorisierende Geruch von alter Spucke übrig. Es ist ein wenig so wie mit Meerwasser: Fehlt der beständige Nachschub, weil gerade Ebbe ist, bleibt die Salzkruste übrig. Ein guter Speichelfluss – im Schnitt 1,5 Liter am Tag – verdünnt Gerüche und spült Bakterien fort, eben wie ein prima Geschirrspüler!

Trinkt man zu wenig und hat einen trockenen Mund, entfällt diese Verdünnung, der Geruch kann sich entfalten. Gleiches passiert nachts, wenn man ohnehin weniger Speichel produziert und auch nicht ständig irgendeine Flüssigkeit in sich hineinkippt. Die Keime nutzen das schamlos aus und vermehren sich ungehindert. Haucht man dann seiner Liebsten ein »Guten Morgen, Schatz« entgegen, gelangt der Odem des Grauens in seiner ganzen Pracht und Vielfalt nach draußen.

Gegen diese Form des Mundgeruchs kann man nicht viel tun, außer eben sich ein wohlriechendes Drops einwerfen, trinken, essen oder die Zähne putzen. Gefördert wird Mundgeruch zusätzlich durch bestimmte Medikamente, die einen trockenen Mund machen, oder auch durch eine Erkrankung der Speicheldrüsen. Gegen viele andere Formen von Mundgeruch kann man hingegen etwas unternehmen. Eine Maßnahme, Sie werden es kaum glauben, ist tatsächlich Atmen. Idealerweise tun Sie das, wenn Sie allein sind: Einen starken Anteil an der Mundflora haben nämlich anaerobe Bakterien, also solche, die sich am liebsten da aufhalten, wo wenig Sauerstoff hinkommt. Sie stecken in Gräben, Ritzen und Taschen. Wer atmet und redet, verjagt also immerhin schon mal einen Teil der Stinker.

Parodontitis, Karies und Co.

Natürlich lassen sich nicht alle Bakterien auf diese Weise vertreiben – zu viele ideale Verstecke gibt es für sie. Und der moderne Mensch trägt sein Übriges dazu bei, dass sich neue Duftnoten entwickeln können: So ist Parodontitis neben Karies die wichtigste bakterielle Munderkrankung. Es handelt sich dabei um eine Entzündung des Zahnhalteapparats, deren Ursachen vielfältig sind. Die Genetik spielt eine Rolle, das Immunsystem, die Pflege, aber auch das Rauchen und die moderne Zivilisationskost. Zahnärzte erkennen den süßlich stechenden Parodontitisgeruch oft schon einen Meter gegen den Wind. Wenn der Patient dann noch beim Lächeln ein entzündlich gerötetes Zahnfleisch entblößt, ist alles klar.

Vielleicht kennen Sie ja noch den blutigen Biss in den Apfel aus der Zahnpastawerbung, auf ewig verbunden mit dem Satz: »Damit Sie auch morgen noch kraftvoll zubeißen können.« Das ist bei einer massiven Parodontitis, die häufig mit einem Rückgang des Zahnfleischs verbunden ist (das ist dann die berüchtigte Parodontose), tatsächlich nicht selbstverständlich. Unsere Zähne stecken mit ihren Wurzeln in den sogenannten Alveolen, das sind kleine Kuhlen im knöchernen Kiefer. Dort sitzen sie aber nicht auf Kante, sondern haben ein wenig Spiel. Damit sie nicht herausfallen und ein wenig elastisch sitzen, verlaufen feste Fasern von der Knochenhaut des Kiefers zum Zahn und halten ihn wie ein Zirkuszelt von allen Seiten gespannt. Von oben werden die kleinen Spalte durch ein gesundes Zahnfleisch wie mit einer Gummilippe verschlossen. Speisereste und Bakterien sollen da nämlich nicht rein. Wird diese Gummilippe aber weich und liegt nicht mehr stramm am Zahn an, ist das eine Einladung für aggressive, entzündungsfördernde Bakterien, die den Ort sofort besiedeln und den nun offenen Hohlraum mit ihrem Biofilm überziehen. Mit ihrer Entzündungsaktivität zerstören sie nach und nach den Halteapparat, Taschen entstehen um den Zahn herum, die unbehandelt immer tiefer werden. Hier kommt keine Zahnbüste, keine Zahnseide und keine Zwischenzahnbürste hin. Mundgeruch, Zahnfleischbluten, Wackelzähne und im schlimmsten Fall Zahnverlust sind die Folgen.

Hat man erst einmal so tiefe Taschen, hilft nur noch der Besuch beim Zahnarzt. Wer schon einmal bei einer professionellen Zahnreinigung war, wird wissen, dass es appetitlichere »Anwendungen« gibt. Es kann auch ein ganz schönes Gemetzel sein. Gerade was da bei manchen so aus den Backenzahntaschen nach draußen befördert wird, riecht nicht nur sehr unangenehm, es erinnert auch nicht mehr an den Schmodder des klassischen Zahnbelags, sondern an harte Klümpchen. Die kleinen Biester haben ganze Arbeit beim Verdichten ihres Biofilms geleistet. Für den Körper ist eine persistierende Entzündung eine harte Nuss, er ist ständig in Alarmbereitschaft und versucht verzweifelt, sich gegen die Ausbreitung der Krankmacher zu wehren.

Rauchen, Stress, Alkoholmissbrauch, einige Krankheiten und Medikamente sowie eine verschobene Darmflora erschweren eine erfolgreiche Abwehrarbeit. Raucher haben ein 15-fach erhöhtes Risiko für Parodontitis. Liebe Bakterien sterben durch das Rauchen ab, böse vermehren sich. Das Warnsignal für eine bedrohliche Zahnfleischentzündung ist normalerweise Zahnfleischbluten. Bei Rauchern bleibt dieses wichtige Frühwarnzeichen allerdings aus, weil Nikotin die Blutgefäße zusammenzieht. Ein Rauchermund wird also nicht nur nach Zigarette riechen, sondern stärker als Nichtraucher auch nach süßlicher Parodontitis.

Weitere Wohnanlagen für Bakterien

Für die Bakterien ist unser Mund in wahres Eldorado. Kaputte Füllungen, schlecht sitzende Kronen und Brücken, dürftig gereinigte Prothesen und kariöse Zähne sind ideale Wohnanlagen für Bakterien und sorgen für reichlich Mundgeruch. Und wenn Sie schon einmal Ihre Zunge etwas genauer unter die Lupe genommen haben, werden Sie entdeckt haben, dass die Oberfläche zerfurcht und zerklüftet ist. Für Bakterien ist die Zunge wie ein Hochflorteppich, in dem sie sich weitgehend ungestört tummeln können. Eine sehr stark zerklüftete Zunge mit pelzigem Belag birgt also per se schon ein erhöhtes Risiko für Mundgeruch, da hier wie in einem Hochhaus mehr Bakterien Platz finden als in Flachbauten. Tatsächlich liegt die Ursache bei Personen mit Mundhöhlen-Mundgeruch in 80 bis 90 Prozent der Fälle im Bereich der Zunge.

Aber nicht nur die Zunge mit ihren Rillen und Falten hilft kräftig mit bei der Geruchsbildung, auch die Mandeln bieten kuschelige Nischen. Denn ihre Oberfläche ist nicht glatt, sondern weist viele kleine Mulden auf. In diesen Krypten sammeln sich Ablagerungen von abgestoßenen Zellen, Schleim, Nahrungsbrei und Bakterien. Beim Kauen werden die Krypten normalerweise geleert, doch Kalksalze in der Nahrung und unserem Speichel können dazu führen, dass die ganze Grütze verhärtet. Die Folge sind Mandelsteine, die zwar harmlos sind, aber Mundgeruch bereiten können. Sie sind mal winzig klein, mal erbsengroß und von weiß-gelb-grünlicher Farbe. Ihre Konsistenz variiert von weich über krümelig bis zu steinhart, der Geruch, den gerade die größeren absondern können, erinnert an faule Eier.

Manchmal werden die Mandelsteine mit den gelblichen Eiterstippen verwechselt, die bei einer Mandelentzündung auftreten. Die sorgt – genau wie klassische Atemwegsinfekte – zwar auch für jede Menge Geruch (unangenehm süßlich), geht aber mit einer starken Rötung, einer Schwellung und Fieber einher.

Unser Essverhalten

Wer abnehmen will, um gesund und attraktiv zu sein, entscheidet sich gerne für Nichtessen oder auch die ketogene Ernährung, die nach dem Motto »no carb« ohne die Zufuhr von Kohlenhydraten funktioniert. Wenn der Körper keinen Zucker bekommt, holt er sich die Energie über die Verbrennung von Fett. Die Leber bildet daraus einen Ersatz für Glucose, sogenannte Ketonkörper. Eine solche Ernährung verzichtet dabei auf Brot, Nudeln, Kartoffeln, Getreide, süßes Obst, Milch, Hülsenfrüchte und Süßigkeiten. Ketonkörper sind sozusagen die Notration, damit Herz, Muskeln, Nieren und Gehirn auch in Hungerphasen weiterarbeiten können. Leute, die das erfolgreich durchziehen, nehmen gut ab, aber riechen dabei nach ihren abgeatmeten Ketonkörpern wie Nagellackentferner (Aceton) oder Fruchtgummi. Dies allerdings nicht nur aus dem Mund, sondern auch aus der Nase, weil der Duft ja aus dem Stoffwechsel kommt. Aber auch diejenigen, die aus Fitnessgründen eine besonders eiweißreiche Kost aufnehmen, bereiten bestimmten Bakterien im Mundraum eine große Freude: Eiweiß ist ihre Leibspeise, die Zersetzung führt zu – Mundgeruch.

Wer schon einmal für längere Zeit gefastet hat, wird wissen, dass »Hungeratem« muffig und bitter-herb, manchmal sogar nach Verwesung riechen kann. Das liegt daran, dass Essen und Trinken auf dem Bakterienrasen von Mund und Zunge für einen Abrubbel- bzw. Abwascheffekt sorgen. Die regelmäßige Aufnahme von Nahrung ist daher ein wirksamer Mundgeruchschutz. Zumindest, sofern Sie sich nicht im Übermaß von Knoblauch und Zwiebeln ernähren. Genau wie Alkohol sorgt das für Mund- und Nasengeruch. Käse, Quark, Kohl, Meerrettich, Sauerkraut, Kaffee und Sekt stinken übrigens schon direkt los, kaum dass sie im Mund angekommen sind. Beim Sektempfang anderen Gästen also bloß nicht so auf die Pelle rücken.

Wenn der ganze Nahrungsbrei seine Reise nach unten antritt, kann er ebenfalls noch für unangenehme Folgen sorgen. Aufstoßen mit ordentlich Geruchsausstoß, Blähungen und wüste Magen-Darm-Geräusche können dabei harmlos, aber auch Anzeichen einer Erkrankung sein. So macht eine Magenschleimhautentzündung (Gastritis), die manchmal auch durch ein Bakterium namens Helicobacter pylori ausgelöst wird, einen sauren Atem, ein Hauch wie von Erbrochenem dringt nach außen. Verstärkt wird der Magengeruch, wenn die Speiseröhre nicht ausreichend durch das stramme Zwerchfell verengt wird. Es kommt zum Rückfluss (Reflux) saurer Magenflüssigkeit. Andere innere Erkrankungen, die zu schlechtem Atem führen können, sind zum Beispiel Diabetes mellitus, Asthma, Leberversagen, eine Nierenerkrankung, ein Lungenabszess, zerfallende Tumoren oder verfaulende Bauchspeicheldrüsensäfte. Ein guter Arzt riecht daher immer parallel mit, wenn er mit Ihnen spricht oder Sie untersucht, und bemerkt entsprechende Atemgerüche nach Urin, Leber oder Aas.

Was tun gegen Mundgeruch?

Liegt der Quell des Übels im Mund- und Rachenraum, hilft als Allererstes natürlich die Mundhygiene, vornehmlich das Zähneputzen. Wobei es Sie überraschen mag, dass trotz entsprechender Werbung weder die Art der Zahnbürste noch der Zahncreme darüber entscheiden, ob Ihre Zähne Karies entwickeln oder nicht. Unter Laborbedingungen und bei manuell eingeschränkten Menschen sind elektrische den Handzahnbürsten zwar überlegen. Im realen Leben bieten sie jedoch keinen wesentlichen Überlebensvorteil für Zähne, zumal manchen Menschen die rüttelnden Putzhilfen eher unangenehm sind. Sie können also guten Gewissens zur guten alten Zahnbürste greifen, nur bitte nicht zu den harten Exemplaren, sondern zu jenen mit weichen oder mittelharten Borsten. Die harten Schrubber und zu starker Druck beim Putzen sorgen keineswegs für eine schöne Zahnfleischmassage, im Gegenteil. Sie sind eine Strapaze, können das Zahnfleisch verletzen und so verschrecken, dass es sich für immer zurückzieht – die Bakterien freut’s, Ihre empfindlichen Zahnhälse, die dadurch freigelegt werden, signalisieren Ihnen dann schmerzhaft, was sie davon halten. Gleichzeitig schrubben Sie sich so zudem den Schmelz kaputt.

Entscheidend ist die Putztechnik: Man bürstet von Rot (Zahnfleisch) nach Weiß (Zahn), kreist oder vibriert. Die Dauer des Zähneputzens muss man dabei nicht stoppen, man muss nur überall gewesen sein und gewissenhaft auch an die Zahnzwischenräume denken. Wenn Ihnen das in zwei Minuten statt der empfohlenen drei gelingt, wunderbar.

Zahnschmelz ist die härteste Substanz des Körpers und besteht überwiegend aus dem Kristall Hydroxylapatit mit seinen Hauptbestandteilen Calcium und Phosphat, außerdem sind Fluoridverbindungen darin enthalten. Dieses kristalline Bollwerk soll unsere Zähne vor den vielfältigen Angriffen durch Nahrung und Kaubewegungen schützen. Wird es beschädigt, ist das darunterliegende Zahnbein (Dentin) schutzlos Temperatur- und Säureattacken ausgeliefert. Bestimmte Speisen, Limonaden, Fruchtsäfte und Energydrinks können übrigens die Mineralien ebenso aus dem Schmelz lösen wie bestimmte bleichende Weißmacherzahncremes.

Eigentlich hat unser Körper hier einen Schutzmechanismus vorgesehen. Weil das Hydroxylapatitkontingent nicht mehr aufgefüllt werden kann, liefert unser Speichel immer ein wenig Calcium und Phosphat an, um kleine Macken in der Schutzschicht zu flicken. Die Zusammensetzung unseres Speichels ist aber dummerweise wieder von dem abhängig, was wir zu uns nehmen. Das ganze Kohlenhydrat-Fast-Food-Angebot unserer modernen Zivilisationskost veranlasst beispielsweise das Bakterium Streptococcus mutans dazu, aus Zucker Klebstoff herzustellen. Der heftet sich munter an den Zahn und bildet durch die Kohlenhydratvergärung Säure. Der pH-Wert, der sonst im Mund um die 6 liegt, sinkt auf sehr saure Werte unter 5 ab, und so lösen sich die Mineralien aus dem Schmelz, als wäre es italienischer Marmor beim Säureattentat. Und weil der Zahnschmelz genau wie das Dentin mikroskopisch feine Kanäle hat, meldet er sauer, kalt und heiß rasch ins Herz des Zahnes. Dort liegt die sogenannte Pulpa, lebendiges Fleisch, das mit vielen Blutgefäßen und Nervenfasern durchzogen ist. Hier kann man jemandem im wahrsten Sinne des Wortes empfindlich auf den Zahn fühlen … Eine schlechte Darmflora vermindert die Aufnahme von Calcium aus der Nahrung, die dann dem Zahn fehlt. (Mehr dazu später beim Thema Reizdarm.)

Nach dem Essen die Zähne zu putzen ergibt Sinn, allerdings sollte man nach säurehaltigem Essen (wie etwa einem Apfel) nicht sofort nach dem letzten Bissen ins Bad eilen. Damit die Säuren aus dem Essen nicht mehr ganz so scharf wirken und bereits durch den Speichel neutralisiert sind, wäre ein Abstand von 30 bis 60 Minuten nach dem Essen optimal.

Mit der Wahl der richtigen Zahnpasta ist es so eine Sache. In den diversen Zahnpasten und -gels sind Mischungen aus einer Vielzahl von Inhaltsstoffen enthalten: Putzteilchen, Waschsubstanzen, Wasser, Schaum-, Binde-, Feuchthalte- und Konservierungsmittel, Aromen, ätherische Öle, Farbstoffe und für die Remineralisation des Schmelzes Fluorid, Calcium und Phosphate. Diese Mineralien schützen vor Kariesentstehung und damit vor Mundgeruch-Nischen.

Fluorid ist in der Ökoecke umstritten. Es ist ein natürliches Salz, das sich überall in der Natur, in der Erdkruste und im Wasser findet, so auch im menschlichen Körper, besonders in Knochen und Zähnen. Natürlicherweise kommt Fluorid unter anderem in grünem und schwarzem Tee, Walnüssen, Hering, Butter, Vollkorn, Sojabohnen und im Mineralwasser vor. Wie immer macht jedoch die Dosis das Gift. Es kann – in zu großen Mengen aufgenommen – den Organismus belasten und giftig wirken. Das passiert, wenn ein Erwachsener rund zwanzig Tuben Zahnpasta auf einmal verspeist.

Tatsache ist: Fluorid hemmt Säurebildner, kann die Zähne effektiv härten und gegen Karies robust machen. Ein beliebter Witz unter Zahnärzten lautet denn auch: Man muss nicht alle Zähne mit Fluorid behandeln, nur die, die man behalten will. Im direkten Zahnkontakt kann Fluorid mikroskopische Schmelzdefekte besser reparieren, als es das im Speichel natürlicherweise enthaltene Calcium allein schafft. Da es aber nur »im Nahkontakt« wirkt, ist es nicht notwendig, es zwecks Zahnerhalt zu schlucken. Fluoridhaltiges Salz, fluoriertes Wasser oder gar Fluoridtabletten, die immer wieder für Babys verordnet werden, sind daher nicht zu empfehlen. Sie wirken nur in dem Moment, in dem sie sich noch im Mund befinden, und nicht mehr, wenn sie einmal geschluckt wurden. Bevor beim Baby kein Zahn sichtbar ist, ist die Gabe also erst recht sinnlos, da die Zähne schon fertig im Kiefer versteckt liegen und erst mit Fluorid gestärkt werden könnten, wenn sie rausgekommen sind. Zur Stärkung des Zahnschmelzes sind eine fluoridierte Zahnpasta oder ein -gel im Direktkontakt völlig ausreichend.

Auf dem Markt gibt es eine unübersichtlich große Anzahl an Zahnpflegemitteln. Unter uns: Sie leisten mehr oder weniger alle das Gleiche, solide Pflege und wenig Zauberei. Wichtig für gesunde Zähne sind vor allem eine gesunde Ernährung, eine gründliche Putztechnik und die passende Zahncreme: Sensitiv bei offenen Zahnhälsen, Bleichfunktion bei gelblichen Hauern, guter Geschmack und Duft bei allen Frischefreunden.

Zahnseide kommt auch an die Stellen, an denen die Zahnbürste keine Chance hat. Man sollte sie alle ein bis zwei Tage benutzen. Die effektivste Reinigung der Zahnzwischenräume gelingt mit einer etwas rauen, idealerweise ungewachsten Zahnseide. Bei größeren Zahnabständen oder Brücken eignen sich auch spezielle Zwischenzahnbürsten. Wichtig ist, dass man an jedem Zahn entlang in die Tiefe fährt, und zwar auf beiden Seiten der rosa Papille. So entfernt man nicht nur die keimige Plaque, auch Luft kommt in den Spalt, was die anaeroben, also luftfeindlichen Stink- und Faulbakterien ärgert und unschädlich macht. Blut beim Flossen bedeutet, dass das Zahnfleisch entzündet ist und nicht, dass man zu brutal war – also weitermachen!

Die Zunge sollte man bei der täglichen Zahnreinigung natürlich auch nicht vergessen. Studien beweisen, dass eine Zahnbürste dabei weniger effektiv ist als ein Zungenschaber aus Plastik oder Metall. Am effektivsten ist eine Zungenbürste. Das erfordert ein wenig Routine, vor allem bei jenen unter Ihnen, die schnell einen Würgereiz entwickeln, sobald etwas die Zunge gerade im hinteren Bereich nach unten drückt. Wenn Sie die Zunge ein wenig herausziehen, bevor Sie mit dem Bürstchen darüberfahren, geht es leichter. Zehnmal bürsten – mit oder ohne Zahngel – ist prima.

Weitere Helfer

Wie bedeutsam gepflegte Zähne für das Zwischenmenschliche sind, erlebte ich selbst kürzlich auf dem Warm-up-Abend eines Medizinerkongresses. Alle Redner trafen sich zum gepflegten Dinner in angenehmer Atmosphäre, zum fachlich-persönlichen Austausch. An meinem Tisch saß ein wirklich gut aussehender Chefarzt, schlank, leicht grau meliertes dichtes Haar, gepflegte Kleidung. Wir kamen rasch ins Gespräch. Doch beim ersten herzhaften Lacher legte er oben rechts eine Zahnlücke frei. Erstaunlicherweise hielt er seine Hand nicht peinlich berührt vor den Mund, und er verbalisierte die klaffende Lücke auch nicht. Ich hätte mit einem »Hey, sorry, ist mir unangenehm, aber mein Zahn, der ist gerade in Reparatur« gerechnet. Ich meine, gerade unter Ärzten, da kann man so was doch sagen … Irgendwie war das Ganze befremdlich.

Am nächsten Morgen hielt Professor Zahnlücke seinen Vortrag. Gespannt setzte ich mich in die erste Reihe, schließlich war er der Hauptredner des Tages. Und ob Sie’s glauben oder nicht – der Zahn war da. Keine Lücke! Sofort verbesserte sich sein Image bei mir. Ich freute mich auf das Mittagessen und wollte ihn noch einmal mit neuen Augen sehen. Doch Sie ahnen es, pünktlich zur Suppe war die Zahnlücke zurück. Der Herr Professor hatte also einen herausnehmbaren Zahn, den er zum netten Plausch mit Kollegen entfernte und zum Vortrag auf großer Bühne wiedereinsetzte. Manche Menschen haben durchaus eigenwillige Prioritätensetzungen … aber gut, dann wurde eben nicht geflirtet.

Beim Pferdekauf achtet der interessierte Käufer ja auch auf die Zähne des Vierbeiners und erfährt so wichtige Informationen über den Gesundheitszustand und das Alter des Gauls. Schöne Zähne erzählen auch bei uns Zweibeinern von Jugend und Gesundheit und davon, ob jemand auf sich achtet und sich pflegt. Wenn dann eine Perle in der Kette fehlt oder sich die ganze Kette selbst in schauderhaftem Zustand präsentiert, ziehen wir ebenfalls unsere Schlüsse.

Und wenn Sie jetzt noch mehr über das Stinken erfahren wollen, müssen Sie eigentlich nur noch umblättern. Wobei bei diesen Düften eine vorgehaltene Hand eher weniger hilft, dafür eine wedelnde durchaus zum Einsatz kommt …

2 Uups, ein Pups: Blähboys, reizende Därme und andere markante Düfte aus der Tiefgarage

Ein Dinner im Nobelrestaurant. Plötzlich ertönt ein lauter Pups aus Richtung einer feinen Dame. Um diesen vor ihrem männlichen Gegenüber zu kaschieren, ruckelt sie laut hörbar mit dem Stuhl über den Fußboden, damit der Herr denke, es habe sich bei dem Geräusch um das Quietschen des Stuhlbeins auf dem Boden gehandelt. Sie wiederholt dies zur Sicherheit ein paar Mal. Daraufhin sagt der Begleiter: »Also das Geräusch können Sie ja ganz gut kaschieren, aber den Duft nicht!«

Blähungen, riechendes Po-Tox, laute Verdauungsgeräusche, Bauchschmerzen und manchmal auch Durchfall – das ist unangenehm und ein zwischenmenschliches Tabu. Nicht umsonst heißt es: Der größte Schritt in einer Beziehung ist nicht der erste Kuss, sondern der erste Furz … Einer meiner Patienten äußerte einmal, dass er glücklicherweise allein leben würde, da er unter Blähungen leide. So stark, dass er hin und wieder aufs Klo gehe, um dort seine Pobacken mit den Händen auseinanderzuziehen und dann jede Menge Luft abzulassen. Das Single-Dasein mag ihm manche peinliche Situation ersparen, den Umkehrschluss, dass Blähungen automatisch zum Alleinsein verdammen, halte ich allerdings für unzulässig! Wäre dem so, wäre die Welt ein Ort voller einsamer Einzelgänger …