Thomas Hürlimann

Abendspaziergang mit dem Kater

FISCHER E-Books

Inhalt

Über Thomas Hürlimann

Thomas Hürlimann wurde 1950 in Zug, Schweiz, geboren. Er besuchte das Gymnasium an der Stiftsschule Einsiedeln und studierte in Zürich und an der FU Berlin Philosophie. Neben zahlreichen Theaterstücken schrieb er die Romane »Heimkehr«, »Vierzig Rosen« und »Der große Kater« (verfilmt mit Bruno Ganz), die Novellen »Fräulein Stark« und »Das Gartenhaus« sowie den Erzählungsband »Die Tessinerin«. Für sein dramatisches, erzählerisches und essayistisches Werk erhielt er unter anderem den Joseph-Breitbach-, den Thomas-Mann- sowie den Hugo-Ball-Preis. 2019 wurde er mit dem Gottfried-Keller-Preis ausgezeichnet. Hürlimann ist korrespondierendes Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Akademie der Künste, Berlin. Seine Werke wurden in 21 Sprachen übersetzt. Nach vielen Jahren in Berlin lebt er wieder in seiner Heimat.

 

 

Weitere Informationen finden Sie unter www.fischerverlage.de

Über dieses Buch

In seinen ebenso unterhaltsamen wie philosophisch grundierten Texten erzählt Thomas Hürlimann von seiner Herkunft und den Wegen zum eigenen Schreiben und Denken. Er zeigt sich als kritischer Verteidiger der Schweiz und begeisterter Anhänger ihres größten Dichters Gottfried Keller, als leidenschaftlicher Skeptiker, kämpferischer Polemiker und empfindsamer Beobachter. Höchst vielfältig sind diese Texte: Sie reichen vom phantasievollen literarischen Kabinettstück bis zum aufsehenerregenden Bericht seiner Krankenhauserfahrungen. Aber selbst wenn Thomas Hürlimann über Krankheit und Tod nachdenkt, tut er es mit Eleganz, Leichtigkeit und tröstender Heiterkeit. Denn durch seine Texte spaziert Mufti, der zugelaufene Kater, und ein »Abendspaziergang mit dem Kater« endet immer mit dem neuen Morgen …

Impressum

Originalausgabe

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

© 2020 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

 

Covergestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

Coverabbildung: Felix Vallotton/Christie's Images/Bridgeman Images

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-491281-3

Der Kater war uns in der Parterrewohnung einer Zürcher Satellitenstadt zugelaufen. Das hatte den Mietvertrag verletzt. Keine Haustiere. Fristlose Kündigung. Wir zogen in die Innerschweiz, in ein Chalet über einem voralpinen Stausee, und da das Revier mit seinen Füchsen Dachsen Raubvögeln für den Stadtkater neu war, nahm er die Gewohnheit an, mich auf meinen Erkundungsgängen zu begleiten. In den ersten Wochen stapfte ich voraus, er taperte hinterher, aber als es zu herbsten begann, kehrte sich das Verhältnis um, der Kater übernahm die Führung, ich hatte ihm – mit einigem Abstand – zu folgen. Von der Route, die wir nun Abend für Abend gingen, duldete er keine

Ich nutzte die stillen Wochen, um mich über das Tier, das mein Schauen und mein Leben verändert hatte, kundig zu machen. Pater Gebhard, der Bibliothekar des nahen Klosters, erklärte mir, dass die Katze sowohl aus dem Alten als auch aus dem Neuen Testament verbannt ist, sie kommt in der Bibel nicht vor. Dem Islam hingegen gilt sie

Noch lagen im Wald letzte Schneeflecken, noch war es kalt, und für den Abendspaziergang zog ich Mantel und Stiefel an. Wieder schlug der Kater den gleichen Weg ein, wieder beschnupperten wir die bekannten Punkte: den Strunk, den Ameisenhügel, die Schuhsohle und weiter oben, wo der Hang steil wurde, den Fuß eines steilrechten Felsens. Unsere Fährte folgte uns durch den Wald, meine Stapfen, die Abdrücke seiner Pfoten und hie und da ein Strich seines Schweifs. Ging er heute schneller als üblich? Tupfte er mehr Striche als gestern in den Schnee? Gezielt strebte der Kater auf den Felsen zu, und dort hielt er inne,

Wege

Beim ersten Mal war ich gut, sehr gut sogar, doch wurde ich für meine Leistung nicht belohnt, sondern bestraft.

Damals war ich vierzehn Jahre alt und Klosterschüler im ehrwürdigen Stift zu Einsiedeln. Wir hatten einen wundervollen Deutschlehrer, Pater Erlebald. Er las uns seine Lieblingsgedichte vor und Szenen aus dem König David von Reinhard Sorge. Beim Eintritt ins Kloster hatte Pater Erlebald seine Stimme verloren, und noch heute höre ich die schönsten Verse der Menschen, die Gottfried Benn’schen, von seiner fast tonlosen Stimme hervorgekrächzt.

An einem sonnigen Frühlingsmorgen lag Pater Erlebald, wie in letzter Zeit öfter, fieberkrank in seiner Zelle, und Pater Walafried, der Subpräfekt, erhielt vom Gütigen – so wurde der oberste Präfekt genannt – den Auftrag, unsere Klasse zu einem Stundenaufsatz ins Freie zu führen, auf einen Hügel hinter dem Kloster. Dort sollten wir, wie der Ersatzlehrer an Ort und Stelle verkündete, eine Baumgruppe beschreiben. Glücklich, der Steinwelt des Klosters entronnen zu sein, legte ich los. Durch die Blätter blitzte die Sonne, Dunst lag überm Land, und es fiel mir leicht, die sieben Linden als Naturkathedrale zu beschreiben, aus Luft und Licht gebaut, von uralten Säulen getragen. Nach einer Stunde sammelte Ersatzlehrer Walafried unsere Hefte ein

»Ich habe nicht abgeschrieben, Herr Walafried«, antwortete ich leise.

Er blieb dabei, bezichtigte mich der Lüge und wiederholte seine Frage. Vorsichtig wies ich den Pater darauf hin, er habe uns das Thema erst auf dem Hügel eröffnet, weshalb es mir gar nicht möglich gewesen wäre, mitten in der Natur ein Buch zu erwischen, um mich daraus zu bedienen. Walafried, seiner Meinung sicher, grinste meinen Einwand beiseite: »Gesteh, Lügner!«

Ich weigerte mich, ein falsches Geständnis abzulegen. Da befahl er mir, ihm die Innenflächen meiner Hände zu zeigen, und während er laut und lauter fragte, wer der Dichter sei, dem ich die herrlichen Sätze gestohlen habe, hieb er mit einem vierkantigen Lineal auf mich ein. Meine Handballen schwollen an, die Haut drohte zu platzen, er schrie, ich winselte, er schlug, ich heulte, doch heulte ich die Wahrheit: »Ich habe nicht abgeschrieben, Herr Walafried, ich habe nicht abgeschrieben.«

So wurde ich mit einem Lineal zum Dichter geschlagen, und wenn ich in späteren Jahren verrissen wurde, dachte ich wehmütig: Wenn wir wirklich gut sind, wird es uns heimgezahlt.

Meine Komödie handelte von Adligen, die während der Französischen Revolution ins Innere der Erde geflohen sind. Dort zeugen sie sich fort, und als einer (ich!) nach langer Zeit an die Oberfläche zurückkehrt, stellt sich heraus, dass er nur noch an der Decke gehen kann. Dummerweise verliebt er sich in eine gewisse Gisela, die Frau des Einsiedler Fotografen, und da sie mit ihren schönen Beinen fest auf der Erde steht, bleibt die Liebe des jungen, kopfüber von der Decke hängenden Grafen ebenso unsterblich wie unerfüllbar. Dramaturg Reich erklärte mir, das Theater sei kein Zirkus, und meine Chance, gespielt zu werden, werde sich beträchtlich erhöhen, wenn ich künftig auf artistische Vorgaben verzichte. Ich fühlte mich verkannt, und wäre Gisela nicht gewesen, die ich vor meinem Freitod ein einziges Mal küssen wollte, hätte ich mich an einem Lindenast meiner Naturkathedrale aufgehängt, natürlich mit den Füßen nach unten. Aber Gisela zog es vor, ihre Ehe und mein Leben zu retten – sie verweigerte mir den Kuss. So schrieb ich, statt den Strick zu nehmen, einen Liebesroman, und aus Gründen, die auf der Hand lagen, der geschlagenen,

Wieder wurde meine Dichtung verkannt, trotzdem schrieb ich weiter, ich musste es tun, ob ich wollte oder nicht, nulla dies sine linea, kein Tag ohne Zeile, nur in den Wörtern konnte ich atmen, nur auf einer Seite, die bis zum Rand gefüllt war, ohne jeden Freiraum, wie heutzutage die Gemälde der Sprayer auf Betonwänden, war ich vorhanden. Erfolglos vorhanden. Was ich verschickte, sei’s an Theater, an Verlage, an Zeitungen, ging verloren oder kam mit vorgefertigten Absagen retour. Seit ich dreizehn war, führte ich die Existenz eines Dichters, aber ich musste dreißig werden, bis es mir gelang, auf der Bühne und in einem Verlag, erst noch einem neugegründeten, zu landen.

Der mir liebste Mensch war mein Bruder. Er hatte Knochenkrebs und kämpfte vier Jahre gegen den Tod. Sein Sterben verwandelte mich. Ihm zeigte sich alles im Abend- und Abschiedslicht, in den Tönen der Dämmerung, und fast ohne es zu merken, begann ich seine Sicht zu übernehmen. Ich lernte, dass das Schöne, wie Rilke sagt, der Anfang des Schrecklichen ist und das Schreckliche der Anfang des Schönen. Am Bett des Sterbenden schrieb ich erneut

Da klingelte es. Im Flur des Berliner Hinterhauses, wo

Obwohl mir kein Mensch abnimmt, was sich bei dieser Begegnung ereignet hat, sei sie kurz berichtet. Wir lehnten uns gegenseitig ab. Der Herr aus Zürich gab mir mein Stück zurück (vor einigen Monaten hatte ich es auch an ihn gesandt). »Vergessen Sie das Theater«, meinte er, »schreiben Sie Prosa, dann werden wir Sie herausbringen.«

Ich schlug sein Angebot aus. Wir schüttelten uns die Hände und sagten: »Adieu.«

So stand am Anfang unserer Beziehung deren Ende – oder war es umgekehrt? War dieses Ende jener Anfang, den wir suchten?

Die Szene im Treppenhaus der Kreuzberger Mietskaserne wirkte bei beiden nach. Ich musste immer wieder an den Schweizer Basarhändler denken, der, auf seinen Fersen hockend, mit Nihal gescherzt hatte, und ihm war es zum ersten Mal widerfahren, dass einer nein sagt, wenn ihm Suhrkamp die Visitenkarte unter die Nase hält.

Meine damalige Freundin hieß Ute und jobbte als Serviererin im »Litfin«, einer Westberliner Gastwirtschaft, deren Eingang direkt an der Mauer lag. Schäferhunde, die im Todesstreifen Hasen jagten, ließen von drüben ihr Gehechel hören, und der Scheinwerfer eines Wachturms gab den Novembernächten eine gespenstische Helle. Als Ammann wiederkam, nun mit Marie-Luise Flammersfeld, seiner Partnerin, führte ich die beiden hierher. Ute brachte

Die letzten Gäste hatten sich davongemacht. Von drüben jaulten die Hunde, und strich der Scheinwerfer über die Fenster, versetzte er uns ins Niemandsland. Ich erzählte von meinem Bruder, dem wahren Dichter, aber die beiden Verlagsgründer hielten mich keineswegs für einen Betrüger, sondern meinten: »Darüber musst du schreiben.«

»Das schaffe ich nie«, wandte ich ein.

»Darum geht’s«, sagten die beiden.

Ute, müde vom stundenlangen Servieren, saß nun bei uns am Tisch. Sie war der Engel, der die Verlagsgründung begleitet hat, und zugleich seine erste Gönnerin – die von ihr gestiftete Flasche Wodka tranken wir gemeinsam aus.

Als über der schwarzen Mauer ein aprikosenfahler Himmel erschien, schlossen wir auf einem feuchten Bierdeckel einen Vertrag, und bald danach wurde mein Erstling, Die Tessinerin, das erste Buch des neugegründeten Ammann Verlags. Mit der Titelgeschichte konnte ich mich vom Gefühl, ich hätte abgeschrieben, für immer befreien. Es geschieht auf wenigen Zeilen. Mitten im Text steht mit seinen eigenen Worten, mit seinem Namen und seinen Daten, wie ein Grabstein mein Bruder. Indem ich ihn zitierte, war ich zum Autor geworden.

Steine sind durch und durch Gegenwart, geschichtet seit je und für immer. Weder haben sie, wie die Pflanzen, einen Trieb, der sie werden lässt, noch kennen sie, wie wir, die Sehnsucht, zu sein und zu vergehen. Irgendwann sind sie entstanden, irgendwann werden sie verwittern, mit uns und unseren Maßen jedoch haben ihre Perfekt- und Futurformen nichts gemein. Steine ruhen in sich selbst, und zwar so endgültig, dass alles, was sie dem Gesetz des Zerfalls unterstellt, von außen kommt – niemals, wie bei Pflanzen und Lebewesen, aus eigenen Adern oder Zellen. Unsere Geschichte, die Action meint, nicht Ablagerung, strömt und strudelt an den Steinen vorbei. Steine sind kein Gegenstand unseres Denkens, für unsere Sinne kein Rätsel: Steine sind Steine.

Es gibt einen Stein – und es gibt ihn in allen Kulturen, in jeder Weltgegend –, der gerade dem widerspricht. Dieser Stein hat ein Gesicht, er hat Geschichte.

Wie kommt er dazu? Durch die besondere Form oder eine auffällige Lage. Oder durch seine Fremdheit. Er ist mit dem Grund nicht verwachsen. Er war den Menschen vor die Füße gerollt. So entstand am Findling – dies sein Name – eine erste große Frage. Welche Ober- oder Unterwelt hatte ihn ausgestoßen?

Auch die Naturwissenschaften fanden im Findling ein Rätsel vor. Da lag, beispielsweise im Jura-Kalkstein, ein Granit. Kein Zweifel, dieser Stein hatte eine Fahrt hinter sich, er war fremd unter seinesgleichen. Folglich haben ihn die Geologen als verirrt qualifiziert, als erratischen Block. Die Frage, die sich mit dieser Irrfahrt verband, wog schwer. Was für eine Luft-, Wasser- oder Feuermacht hatte den Gneis in den Sandstein, den Schiefer unter den Schotter gebracht?

Der Stein in der Wüste

Als ich mit C. durch die Sahara fuhr, hatten wir im Meer des Schweigens eine lebensgefährliche Panne. Tagsüber zerflossen die Horizonte zu gewaltigen Wasser- oder Lichtmauern, und nachts, wenn die Sterne wie Fäuste aus der Finsternis herabstießen, auf unsere Hirne zielend, glaubten wir, genau im Mittelpunkt der Erde zu stehen, im Zenit einer gewölbten Scheibe. Es war das Schrecklichste, was mir je widerfuhr: In dieser Wüste gab es nur mich, nur C. und den defekten Renault R4. Durst bedrohte uns und die Furcht,

Der Stein des Weisen

Die Geschichte der Steine, vermute ich, hat unter ihnen begonnen. Die Wälder waren wild, die Tiere gefährlich, es tobten Feuersbrünste, es fluteten die Wasser und Nebel,

Natürlich galten auch andere Steine als heilig. Die früh erkannte Tatsache jedoch, dass der Findling fremd auf seinem Grund lag, brachte die Menschen dazu, gerade ihn für etwas Besonderes, ja Göttliches zu halten. Zum einen, wie eben dargestellt, diente er als Orientierung zwischen Hades und Himmel, zum anderen wurden die Opferflammen zu Signal- und Leuchtfeuern. Auch steckten die Steine bestimmte Grenzen ab, heilige Orte, verbotene Bezirke, Ländereien und Siedlungen. Da der Verlauf solcher Grenzen in die Findlinge eingeritzt wurde, ebenso die Wege, entstanden die ersten Weiser und Karten. Dann begann man, im Geäder den Lauf der Sterne oder des Schicksals zu lesen, damit war der Stein zum Würfel geworden – er entschied über Leben und Tod. Und er war, zumindest in unserer Gegend, die erste Apotheke. In den Opferschalen kochten die Menschen Kräuter aus, sie zerstießen Körner, mischten Salben. Wer genas, schrieb die Wirkung dem Stein zu.

Dieser Überblick ist nicht vollständig. Aber er zeigt, dass der Stein im frühen Denken und Fühlen der Menschen einen festen Platz einnahm. Er hat die Gesellschaft

Das Alte Testament war steingläubig. Moses, übrigens ein Findling, hatte dem Volk die Zehn Gebote auf Steintafeln gezeigt. Aber dann kam Christus, und er kam im Zeichen des Holzes, von Anfang an. Joseph war Zimmermann; das Kind lag in der Krippe; Jesus starb am Kreuz. So begann ein Krieg, der nach wie vor andauert: Kreuz gegen Opfertisch, Holz gegen Stein. Dieser Krieg sprengte zahllose Findlinge in Stücke. Oder sie wurden, wie der nächste Abschnitt zeigt, von der Kirche verschluckt.

Jesus Sisyphos

Die vier Evangelien berichten es im Triumph: Als sie am »frühen Morgen kamen, fanden sie den Stein von der Gruft weggewälzt«. Christus war auferstanden, das Grab leer, das Kreuz, so schien es, hatte den ersten und entscheidenden Sieg über den Stein errungen. Irrtum. Diese Sätze leiten die erste Niederlage ein, die die junge Religion erleiden sollte. Der weggewälzte Stein, das leere Grab – nichts als Gerede! Dem Tod und seinen Riten kann keiner den Stachel ziehen, nicht Gott, nicht Sisyphos.

Ja, beide haben sie das Gleiche versucht. Mit seiner Schlauheit, so die Sage, überlistete Sisyphos sogar den Tod. Die Strafe für seine Hybris ist furchtbar. Seither muss er einen Stein, der immer wieder hinunterrollt, den Hadeshang hochwälzen. Christus erging es ähnlich. Sein am

Jesus Sisyphos gab und gibt nicht auf. Immer wieder stemmt er sich gegen den Stein, versucht er, dem Kreuz den Boden zu bereiten. Ein Teilsieg ist der Sarg. Früher wurden die Leichen in Binden gewickelt, nun begraben wir die Toten in einem hölzernen Kleid. Aber dieses Holz hat in der Erde zu verschwinden, und hölzerne Kreuze sind auf den meisten Friedhöfen nur eine beschränkte Zeit, bis das Eisenkreuz geschmiedet oder der Grabstein gemeißelt ist, erlaubt. So stoßen auf den Friedhöfen, ja auf jedem Grab die beiden Welten aufeinander. Inmitten der marmornen Totenstädte erblühen wildschöne Oasen. Im Schatten der Grabsteine liegt ein kleiner, oft liebevoll gehegter Garten. Hier steht stumm die Steinwelt, dort liegt der Pflanzgrund für das Holz.

Eben kehre ich von einem Spaziergang zurück. Dabei habe ich zum ersten Mal bemerkt, dass die Wegkreuze unserer Gegend auf ein Fundament gestellt sind, auf einen steinernen Sockel. Die Botschaft ist klar. Das Holz, soll dem Wanderer suggeriert werden, hat den Stein besiegt. Das Gleiche behaupten die Gipfelkreuze. Das Holz hat unsere Horizonte erobert. Wirklich? Ist gerade hier, in der Steinwelt der Alpen, das Kreuz der große Sieger?

Die Kirchenväter, etwa Hieronymus, und die frühen Konzile, speziell jene zu Arles, Toledo und Rouen, haben die »Steinanbeter« und »die Feueranmacher auf Steinen« heftig bekämpft. Aber die alten Kulte ließen sich nicht

Es war ein gewaltiges Ringen, und selbstverständlich sind seine Spuren und Trümmer nicht auf das Innere von Kirchen beschränkt. Gerade bei uns, in den Alpentälern, begegnet man den beiden Kontrahenten auf Schritt und Tritt. Wo ein Punkt strategisch ist, eine Passage schwierig – das kann eine Klus sein, eine Brücke, ein Pass –, begegnen sich Teufelssteine und Kapellen, Bildstöcke und Felsenmalerei, und zahllose Sagen erzählen, wie der Kampf abging.

Ihr Muster ist stets dasselbe. Der arme, auf verlorenem Posto kämpfende Teufel will das Vordringen des Holz-Kreuzes in seine Steinwelt verhindern. Er greift, um die Holzbrücken und Stege zu zertrümmern, nach einem gewaltigen Brocken, schon will er werfen, aber siehe da, ein frommes Kind schlägt das Kreuzzeichen, ein tiefer gelegenes Kirchlein bimmelt, oder Gott selbst, indem er ein rauschendes Gewitter schickt (eine Art Großtaufe), spült dem Teufel den Stein aus der Kralle.

Alte Geschichten? Gerade an den Alpenpässen wird sichtbar, dass die große Schlacht noch immer im Gang ist. Auf der einen Seite steht die tiefe Sorge um die Bannwälder, auf der andern die Ingenieurskunst, die Betonbänder über die Schluchten spannt. Die Lager sind unversöhnlich. Es

Erratische Blöcke

»Noch starrt das Land von fremden Zentnermassen«, sagt Mephisto, »Wer gibt Erklärung solcher Zaubermacht?«

Die Steinforscher standen vor einem gewaltigen Problem. Die erratischen Blöcke waren so schwer, dass es leichter fiel, sich den Teufel als Transporteur vorzustellen, als die Naturkräfte zu entdecken, die die Gneis- und Granitbrocken quer durch den Alpenraum getragen hatten. Ein Beispiel mag zeigen, wie verzweifelt die Steinforscher gesucht haben.

1767 propagierte ein Moritz Anton Capeller, damals ein berühmter Geologe, die »Alpentrümmer«. Wo ein einzelner Fels auf der Wiese liege, so Capeller, sei früher ein ganzer Berg gewesen. Er habe sich aufgelöst. Nur ein Stein, der Gebirgskern, sei zurückgeblieben. Capellers Schriften sind ein schöner Aufstieg in den Wahnsinn. Zum Schluss glaubte er, das Dach der Welt erstiegen zu haben. Capeller stand mit gebreiteten Armen auf einem fassgroßen Findling, und das rundum weidende Braunvieh glotzte ihn an.

War der Gletscher die Antwort auf die Frage des Mephisto? Charpentier wurde zum Alpenwanderer. Er suchte Argumente und Beweise für eine neue Genesis. Die Welt, so seine Vermutung, war ursprünglich von Eismeeren bedeckt gewesen.

Eines Tages, es war im Sommer 1834, wanderte Charpentier über den Brünig. Als er sich über einen Granitblock beugte, kam ein Holzer daher, die Hände in die Hosentaschen gestopft, im Mundwinkel eine Pfeife. Solche Steine, bemerkte der Mann, gebe es zuhauf hier oben. Sie kämen von weit, vermutlich von der Grimsel. Charpentier sah auf. »Wissen Sie«, fragte der Steinforscher den Holzer, »wie der Granit gefahren ist?«

»Mit dem Gletscher«, sagte der Holzer.

1841 erschien Charpentiers Essai sur les glaciers et sur le terrain erratique du bassin du Rhône. Das Werk gilt als klassisch. Es weist nach, dass im sogenannten Diluvium, Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung, weite Teile der Welt, insbesondere im Alpenraum, von Gletschern bedeckt gewesen waren. Damit stand das Transportmittel fest:

Eine Anmerkung. Obwohl Charpentier den Naturwissenschaften verpflichtet ist und seine Argumente auf Tabellen und Zahlen baut, unterlässt er es nicht, die Begegnung mit Gemsjäger und Holzer zu schildern. Der Steinforscher gibt zu, die Gletschertheorie von einem Gemsjäger erhalten zu haben. Dessen Kostüm kommt uns bekannt vor. Wer will mit Wams und Jägerhut von seinem Tierfuß ablenken? Der Teufel. Und nicht zufällig, meine ich, ist es ein Holzer, der dem Steinforscher die Beweiskette schließen hilft. So verweist uns gerade jener Mann, der das Rätsel der Steine löst, noch einmal in den Mythos, in den großen Krieg Holz gegen Stein.

Mein Name (Frunz) entbehrt jeglicher Bedeutung. Bin Secretarius, id est Schreibknecht, also abgerichtet zum fehlerlosen Erfassen von Diktaten, und wenn ich aus eigenem Antrieb zur Feder greife, so geschieht das allein deshalb, weil es mir beschieden war, im Herbst 1797 den reisenden Dichter Herrn von Goethe durch unser Land zu begleiten, von Schaffhausen bis auf die Höhe des Schwyzer Hackens. Dort oben, dies sei schon jetzt verraten, trug sich am Abend von St. Michael, dem 29. September, eine unerhörte Begebenheit zu, und es ist wohl angebracht, Goethes Nachwelt wissen zu lassen, was ich, der Schreiber Frunz, an jenem Herbstabend auf dem Hacken erleben durfte: Herr von Goethe überstieg sonnenhaft den Horizont menschlicher Erfahrungen. Aber schweifen wir nicht voraus, beginnen wir in Schaffhausen.

Das hochwohllöbliche Consortium der Herren Meyer, Horner und Escher hatte mich dem Dichter an die Landesgrenze entgegengesandt. Im Namen des Consortiums, so lautete mein Auftrag, sollte ich dem großen Mann meine Dienste anbieten, sei es als Secretarius, sei es als Reisemarschall, und Herr von Goethe, nachdem er einen Blick in mein Empfehlungspapier geworfen, nahm das Angebot stumm nickend an – ich war engagiert und heftete mich fortan als Schatten an seine Seite.