Wir sind doch Schwestern

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Inhaltsverzeichnis

Dieses Buch ist ein Roman, wenn auch einige seiner Charaktere erkennbare Vor- und Urbilder in der Realität haben, von denen das eine oder andere biografische Detail übernommen wurde. Dennoch sind es Kunstfiguren. Ihre Beschreibungen sind ebenso wie das Handlungsgeflecht, das sie bilden, und die Ereignisse und Situationen, die sich dabei ergeben, fiktiv.

Prolog

Er war dunkelgrau mit hellgrauer Maserung und sah aus wie Wolken an einem dieser undefinierten Sommertage, die man am Niederrhein so oft erlebte.

Katty beugte sich tiefer ins Innere des alten Schrankes, um den merkwürdigen Pappdeckel herauszuziehen.

»Au, verflixt!« Sie fluchte und steckte sich wütend den Finger in den Mund, saugte an der kleinen Wunde und schüttelte die Hand. Das alte Holz war porös, jetzt hatte sie einen Splitter in der Haut.

An der Rückwand war eine Vertiefung eingelassen, eine Art Geheimfach, wie man es früher in den Schränken gehabt hatte. Dieses Fach war ihr nie zuvor aufgefallen. Kein Wunder, dachte Katty, sie hatte sich diesen Schrank auch nie genau angesehen. Sie nestelte weiter an der gemaserten Oberfläche, und als die mit einem kleinen Ruck nachgab, fiel ihr ein alter Aktenordner entgegen.

Sie nahm ihn, pustete den Staub ab und öffnete den Deckel:

Im Namen des deutschen Volkes

Katty wusste sofort, was sie da in den Händen hielt. Sie taumelte rückwärts, fand mit ihrem Po das Bett, setzte sich und las.

Die Überschrift über dem Urteil war doppelt unterstrichen

Da war er nun, der Aktenordner. Katty hatte ihn nie verbrannt. Sie hatte ihn nur vergessen. Als Heinrich sie gebeten hatte, den Ordner nach seinem Tod zu entsorgen, war sie zu entsetzt von der Vorstellung gewesen, dass er bald sterben könnte, und war deshalb nicht auf die Idee gekommen, zu fragen, wo der Ordner sich denn überhaupt befinde. Hier also. Tief im Schrank. Versteckt hinter alten Tischdecken.

Katty legte den Ordner neben sich auf das Bett. Ihr Herz klopfte heftig. Sie starrte auf das graue Etwas, nahm es erneut in die Hand und klappte es wieder auf. Mit dem Daumen fuhr sie an dem Papier entlang. Das Rascheln hörte sich alt an. Es ist alt, dachte Katty, mein Gott, das ist fast fünfzig Jahre her. Ich sollte das olle Ding einfach in den Müll schmeißen. Und doch wusste sie, dass sie es nicht tun würde. Auch wenn es alte Wunden aufrisse und die Scham wieder aufflammen ließe, sie würde dem Drang nicht widerstehen können und alles lesen. Aber nicht jetzt. Später, wenn sie etwas Zeit hätte. Nächste Woche vielleicht. Denn bis dahin gab es noch einiges zu tun. Katty war dabei gewesen, ihr Zimmer auf- und sogar auszuräumen. Ihre Schwester Adele würde am nächsten Tag zu Besuch kommen und einige Zeit bleiben. Vielleicht für immer, darüber würde zu reden sein. Aber erst einmal würde

Katty wollte ihrer Schwester das Zimmer zur Verfügung stellen, in dem sie selbst normalerweise schlief, da es ebenerdig lag und sie auf keinen Fall wollte, dass Adele jeden Abend die Treppen zu den anderen Schlafräumen hinaufklettern müsste, auch wenn sie dazu körperlich durchaus noch in der Lage gewesen wäre. Adele war schlank und drahtig und wenn man es nicht besser gewusst hätte, wäre sie als Achtzigjährige durchgegangen. Ungefähr so alt, wie Katty jetzt war. Und ich, fragte sie sich. Wie alt wirke ich wohl? Sie ging durch die geöffnete Tür ins angrenzende Badezimmer und blickte in den Spiegel. Ihr Haar war honigblond, sie färbte es regelmäßig. Sie hatte kaum Falten, das lag allerdings auch daran, dass sie ein bisschen zu mollig war. Aus den Siebzigerjahren hatte sie zudem ihre Lieblingsbrille behalten. Die war mit ihren quadratischen Gläsern enorm groß und wenn Katty Falten rund um Augen und Nasenwurzel gehabt hätte, wären die hinter dem dicken Horn eh nicht aufgefallen. Knapp sechzig, entschied sie und lächelte. Sie griff ihr Nageletui und holte die Pinzette heraus. Ein kleines Stückchen Holzsplitter steckte noch in ihrem Mittelfinger. Sie ritzte die Haut vorsichtig auf, um das Ende des Splitters besser greifen zu können. Dann entfernte sie den Holzspan und ging zurück ins Zimmer.

Sie putzte schon seit einer ganzen Weile alles im Schlafzimmer, was sie in den letzten Jahren vernachlässigt hatte. Dazu gehörte auch der alte Holzschrank. Den hatte sie nie benutzt und jetzt beschlossen, ihn von Grund auf zu reinigen und die Tischdecken, die darin waren, endlich auszusortieren. Man würde die wenigen, die noch brauchbar waren, zumindest reinigen müssen, sie stanken bestialisch nach Mottenkugeln. Das würde sogar eine hundertjährige Nase noch riechen, und Katty wollte ihrer großen Schwester diesmal so wenig Anlass

Martha war völlig unkompliziert. Katty liebte sie uneingeschränkt und hatte sie gerne um sich. Das Verhältnis zu Adele war von jeher schwieriger gewesen. Natürlich liebte sie auch die älteste Schwester, aber irgendwie gerieten sie immer aneinander. Adele hatte Katty erzogen, und sie tat es bis heute. Sie maßregelte ihre jüngste Schwester gelegentlich, als sei sie ein ungehorsames Kind, das sich weigert, sein Zimmer aufzuräumen. Katty blickte auf den Staubwedel in ihrer Hand und musste lachen. »Brave Katty«, sagte sie laut und wischte über den alten Schreibtisch am Fenster. Ihr Blick fiel wieder auf den Ordner. Der muss raus aus Adeles Zimmer, beschloss sie, nahm die Akte, stapfte die Treppe hinauf in das Zimmer, in dem sie schlafen würde, und legte sie dort auf das Nachtkommödchen. Katty rümpfte die Nase. Der Aktenordner stank genauso wie alles andere im Schrank – nach Mottenkugeln. Katty zog einige der losen Blätter heraus und begann zu lesen:

»Die Klägerin behauptet, der Beklagte unterhalte intimen Umgang mit der Zeugin Trauten.«

Die Zeugin Trauten, das war sie, Katty Trauten. Sie hatte es gehasst, so genannt zu werden. Es hatte so verharmlosend geklungen. In Wahrheit war sie doch die eigentlich Beschuldigte gewesen.

Was mussten sich die Richter gedacht haben, als sie diese pikanten Vorwürfe zu verhandeln hatten, zumal sie einen Mann betrafen, der im Land Nordrhein-Westfalen als christlich-demokratischer Landtagsabgeordneter Rang und Namen hatte? Katty blätterte weiter. Seitenlang nur Zeugenaussagen. Es waren bestimmt dreißig Freunde, Bekannte, Verwandte und Nachbarn angehört worden. Vier Jahre Scheidungskrieg waren in diesem Aktenordner festgehalten, für eine Ehe, die gerade einmal fünf Monate gedauert hatte.

Wie hatte es nur so weit kommen können? Katty war darüber auch nach all den Jahren noch fassungslos. Doch als sie sich zurückerinnerte, wurde ihr bewusst, dass alles mit Theodors Tod begonnen hatte.

Gefallen auf dem Feld der Ehre

Sie sah den Brief. Und sie fand ihre Gefühle nicht. Er war tot, so stand es da. Einmal quer über dem Briefumschlag, in großen roten Buchstaben: Gefallen für Großdeutschland. In dem Umschlag befand sich seine gesammelte Feldpost, darunter Briefe, die sie selbst an ihn geschrieben hatte. Katty strich mit den Fingerkuppen über das raue Papier. Gab es Briefverkehr, von dem sie nicht gewusst hatte? Hatte er eine heimliche Liebe gehabt? Ein paar »Briefe an einen unbekannten Soldaten« befanden sich auch im Umschlag. Monatelang war in Schulen Propaganda gemacht worden, junge Mädchen sollten deutsche Soldaten aufmuntern, indem sie Briefe schrieben, immer adressiert an »einen unbekannten Soldaten«. Die Soldaten, die wenig eigene Post bekamen, wurden mit solchen Briefen von fremden Schulmädchen getröstet. Sie suchte weiter. Ein Brief von Theodors Vater fiel ihr in die Hände. Die langgliedrige Schrift mit den ausschweifenden Bogen nach oben und unten war unverkennbar. Sie verriet einen Mann, der gewohnt war, zu entscheiden, und der Befehle gab. Theodor war immer anders gewesen als sein Vater, sensibler. Die beiden hatten sich nie besonders gut verstanden. Vielleicht hätte er nicht in den Krieg ziehen müssen, dachte Katty. Er war der einzige Sohn eines bedeutenden Mannes. Hundertacht Morgen Land

Heinrich hatte dagestanden wie eine Eiche. Er war groß und überragte alle, deshalb bekam man leicht den Eindruck, er sei arrogant. Seine Augenbrauen waren gleichmäßig und dicht, der Kopf kahl, aber von makelloser Form. »Bitte?«, das war alles, was er gesagt hatte, als er den Mann in der lächerlich goldbehangenen Uniform in Empfang nahm. Heinrichs Stimme war hart und schneidend gewesen. Er war kein Freund der Partei. Von Anfang an nicht und jetzt erst recht nicht mehr.

Sie hatten allein im Flur gestanden, und Katty hatte nicht einen Moment das Bedürfnis verspürt, Vatti in den Arm zu nehmen oder zu trösten. Zugenickt hatte sie ihm. Eigentlich hatte sie nur kurz beide Augen mit Schwung zugemacht. Sie hatte Entschlossenheit zeigen wollen und dass sie wisse, was zu tun sei. Sie kannte sich ja aus mit dem Sterben. So viele geliebte Menschen hatte sie inzwischen zu Grabe getragen, dass sie manchmal fürchtete, es gebe so etwas wie eine Sterbe-Routine. Vielleicht musste sie deshalb nicht weinen. Vielleicht hatte sie einfach keine Tränen mehr übrig. Auch Vatti hatte schon genug Menschen beerdigt. Seine Eltern, seinen Bruder, seine erste Frau. Sie war kurz nach der Geburt des zweiten Kindes gestorben. Es wäre ein Mädchen gewesen. Aber die Kleine hatte wohl falsch herum im Bauch gelegen und der Geburtsvorgang quälend lange gedauert. Über Stunden hatte die arme Frau geschrien. Die Nachbarn erzählten noch heute mit einem Schaudern davon. Angeblich waren die Schreie nämlich im ganzen Dorf zu hören gewesen. Na ja, dachte Katty, die Leute hier reden halt viel.

Nach dem Tod seiner Frau hatte Heinrich Fährendorf Katty auf den Hof geholt, das war kurz vor Weihnachten 1934 gewesen. Sie sollte den Hausherrn und das Kind versorgen. Theodor war damals dreizehn, Katty war vierundzwanzig und fühlte sich sofort wie eine ältere Schwester für den Halbwaisen. Auch ihre Mutter war gestorben, als sie noch jung war. Sie hatte nur wenige Erinnerungen an sie, es waren ihre großen Schwestern, Adele und Martha, gewesen, die sie erzogen hatten, zu denen

Als sie vorhin gemeinsam im Flur gestanden hatten, hatte Katty für einen Moment das Gefühl gehabt, sie trauerten um den gemeinsamen Sohn. Aber sie hatten sich zusammengerissen, sich unter Kontrolle gehabt. Eine Weile hatten sie so dagestanden und geschwiegen, sich einfach nur angeschaut. Oder vielleicht hatte auch nur sie ihn angeschaut, dachte sie jetzt. Sie konnte sich nicht erinnern, dass da ein bestimmter Ausdruck in Heinrichs Gesicht gewesen wäre, er hatte wahrscheinlich einfach durch sie hindurchgesehen. Dann war der Moment vorbei gewesen. Er hatte gesagt, das Leben müsse weitergehen und sie solle endlich das Nötigste einpacken. Der Hof wurde evakuiert, sie mussten fliehen.

Läuse für die Leber

Unentschlossen blickte Katty sich in ihrem Zimmer um. Was sollte sie einpacken? Alles, was sie besaß, oder nur ein paar Sachen für drei bis vier Tage? Der linke untere Niederrhein war erobert worden. Gestern hatten sie Xanten und Wardt eingenommen. Jetzt sind sie also hier, dachte Katty. Und nun?

Theodor hatten die Alliierten den Tod gebracht. Vor zwei Tagen hatten sie die Brücke von Remagen erobert, das war am Mittwoch gewesen. Noch in derselben Nacht mussten sie Unkel überrannt haben. Und Theodors Garnison hatte wahrscheinlich nichts entgegensetzen können. Theodor hatte in den letzten Wochen Angst gehabt. Vielleicht hatte er sein Ende gespürt. Er hatte Heinrich einen Brief geschrieben, und nachdem der ihn gelesen hatte, hatte er Katty in den Arm genommen und auf die Stirn geküsst. Anders als sonst hatte er ihr den Brief nicht gezeigt, und sie hatte nicht nach dem Inhalt gefragt. Sie nahm sich vor, das nachzuholen. Sie machte sich Sorgen um ihre Geschwister. Josef wohnte mit seiner Familie nicht weit entfernt im Nachbardorf Mörmter. Er packte sicher auch gerade die Koffer. Martha wohnte weiter nördlich in Rees, ebenfalls direkt am Rhein. Sie hatten sich vor vier Wochen zuletzt gesehen, kurz darauf war der Krieg in seiner ganzen Härte am Niederrhein angekommen. In Xanten

Adele wohnte auf der anderen Rheinseite in Duisburg. Sie war dort Rektorin an einem Mädchengymnasium. Eigentlich hätte sie am Wochenende zu Katty auf den Tackenhof kommen sollen, um mit ihr zu feiern, denn Katty war am Montag fünfunddreißig geworden. Aber an Feiern war nicht mehr zu denken.

Katty warf lustlos drei Wollröcke in ihren Koffer. Sollte sie wirklich den Hof verlassen, nur weil die Alliierten es anordneten? Die Bevölkerung wollen sie schützen, maulte sie, pah, wahrscheinlich wollen sie sich nur die Höfe unter den Nagel reißen. Uns schicken sie nach Bedburg-Hau, und dann können wir sehen, wo wir bleiben. Sie wusste natürlich, dass der Krieg längst verloren war, aber es machte ihr Angst, dass Ausländer plötzlich das Sagen hatten. Sie verstand nur wenige Brocken Englisch, und die vielen Bombennächte im Keller hatten ihr zugesetzt. Dieses durchdringende Zischen und kurz darauf das leichte Wackeln der Erde waren unerträglich gewesen.

Sie hatte ihre Mutter sterben sehen. Ein halbes Jahr lang hatte sie sich gequält, bevor sie es schaffte, das Leben loszulassen. Die Ärzte hatten ihr nicht helfen können, von Anfang an nicht. Sie war plötzlich abgemagert, Schwindsucht sagten die Leute. Der Dorfarzt schaute ihr in die Augen und stellte fest, dass sie gelb waren. Die Leber sei krank, sagte er, sie müsse auf Eier und Käse verzichten; Alkohol sei ebenfalls schädlich. Die ganze Familie wusste, dass es daran nicht liegen konnte, denn die Mutter hatte nie Alkohol getrunken, und seit Monaten aß sie fast nur Brot, von allem anderen wurde ihr übel. Als ihr Zustand sich nach ein paar Wochen nicht besserte, riet ihr der Arzt, sie solle lebende Schafsläuse essen. Das Sekret, das die Insekten beim Sterben absonderten, könne die Leber heilen. Kattys Familie war nicht leichtgläubig. Ihr Vater las viel, alle Geschwister hatten gute Schulen besucht, ihre älteren Schwestern waren sogar Lehrerinnen, und man galt im Dorf als gebildet. Dieser Rat des Arztes erschien ihnen unsinnig und grenzte an Scharlatanerie, dennoch klammerte ihre Mutter sich an die Hoffnung. Sie betete viel. Täglich schleppte sie sich zwei Mal in die Kirche, kniete, so gut es ihre spitzen Knochen noch zuließen, und wenn sie nicht betete, aß sie Weißbrot mit Läusen.

Adele buk das Brot schon damals selbst. Sie war eine Künstlerin. Ihr Weißbrot war luftig, weich und wunderbar süß. Man musste die Scheiben sehr dick schneiden, damit sie nicht zerfielen. Kattys Mutter strengte sich an. Sie wollte gesund werden, wollte weiterleben. Auf das Weißbrot schmierte sie Butter, darin fing sie die Läuse ein. Sie schloss die Augen, biss zu, schluckte und würgte, um dann in sich hineinzuhorchen, ob die Läuse wohl ihre Arbeit taten.

Katty und ihre Geschwister sammelten täglich Schafsläuse ein. Es gab genug davon in Empel, und die Bauern hatten nichts

Es war Frühjahr, als sie die ersten Läuse sammelten, und da die Mutter ihre Brote tapfer reinstopfte, nahm sie tatsächlich wieder zu. Die Familie schöpfte Hoffnung, vielleicht würde das merkwürdige Hausmittel tatsächlich wirken. Aber im Sommer verschlechterte sich ihr Zustand erneut. Die Mutter war nur noch Haut und Knochen, allein der Bauch war dick und aufgebläht. Der Darm arbeitete nicht mehr. Sie sah aus, als hätte sie lange Zeit draußen gearbeitet, denn ihre Haut war sonderbar gebräunt. Morgens, wenn die Haut durchblutet war, sah sie sehr gesund aus. Abends in fahlem Licht allerdings wirkte sie längst wie eine Leiche – in Wahrheit war sie nämlich quittegelb. Ihr Lachen, das Katty immer so sehr gemocht hatte, war eingefallen, und im Grunde waren ihre Gesichtsmuskeln nicht mehr stark genug, um die Mundwinkel ganz nach oben zu ziehen. Wenn sie nun lachte, sah es aus, als wäre sie mit offenem Mund im Sitzen eingeschlafen. Die Augen fielen zu, der Mund stand offen und das Glucksen aus der Kehle konnte man nur noch ahnen.

Eines Morgens wurde Katty von ihrem Vater geweckt, sie solle bitte schnell kommen, die Mutter sei verrückt geworden.

Am nächsten Tag konnte sie sich an nichts erinnern. Sie war wach, sie erkannte ihre Familie und schüttelte ungläubig den Kopf, als Katty ihr davon erzählte, wie sie mit Josef in einem Kuhkübel geangelt hatte. Erst lachte ihre Mutter, dann ging die Erheiterung nahtlos in Schluchzen über. Sie hatte Angst und im Grunde wusste sie nicht, was sie mehr fürchtete: das Sterben oder das Verrücktwerden.

Der Angeltag war Vorbote eines Leberkomas gewesen, in das

Katty merkte, dass sie immer noch schlucken musste bei diesem Gedanken. Die Szene war mehr als zwanzig Jahre her und bis heute fragte sie sich, ob sie damals etwas falsch gemacht hatte und ob ihre Mutter sie wirklich genauso geliebt hatte wie die anderen Kinder.

Christine Trauten hatte nicht lange leiden müssen. In den Zwanzigerjahren, kurz nach dem Ersten Weltkrieg, hatten viele Ärzte Heroin im Arzneischrank, auch der Dorfarzt. Nachdem seine Schafsläuse keine durchschlagende Wirkung gezeigt hatten, kam er mit einer Spritze. Die Gesichtszüge der Sterbenden entspannten sich, ihr Atem ging langsam und rasselnd. Das Schnarchen wurde immer schleppender, aber es gab keine Anzeichen von Agonie. Irgendwann atmete sie vielleicht noch einmal in der Minute, dann tat sie ihren letzten Atemzug. Man sah den Tod, bevor man ihn begreifen konnte. Das Leben wich aus ihrem Körper, die Farbe lief von oben aus ihr heraus, als hätte jemand an den Füßen einen Stöpsel gezogen. Die Familie hatte sich am Sterbebett versammelt. Keiner sagte etwas, alle blickten auf den Leichnam, der plötzlich nicht mehr im Mindesten an ihre Mutter erinnerte. Kattys Vater beugte sich nah über das Gesicht seiner Frau, um zu spüren, ob noch Luft aus ihrem Mund kam. Er drückte ihre Augen zu, küsste sie auf die Stirn und verließ den Raum. Die Kinder taten es ihm nach und folgten ihm ins Wohnzimmer.

Katty gruselte sich bei dieser Vorstellung. Von der alten Tante Greta hatte man sich das erzählt. Sie war gestorben, in den Sarg gelegt worden und bei der Beerdigung wieder aufgewacht. Angeblich hatte sie die Erde auf den Sarg prasseln hören. Und dann hatte sie geschrien, völlig verzweifelt, bis die Sargträger, von Entsetzen gepeinigt, den Sarg wieder hochgeholt und geöffnet hatten. Tante Greta hatte wohl so furchtbar ausgesehen, dass man sie für eine Untote hielt. Ein echtes Gespenst. Der Pfarrer hatte Bibelverse gemurmelt, um den Leibhaftigen zu besänftigen, und währenddessen hatte es in der Trauergemeinde ein heilloses Durcheinander gegeben. Die arme Tante Greta sollte ihre Wiederauferstehung nicht lange überleben. Ein paar Tage später hatte ihr Herz endgültig versagt.

Diese Geschichte hatte Katty verfolgt. Jeden Abend vor dem Einschlafen hatte sie Angst gehabt, man könnte sie für tot halten und vergraben. Deshalb hatte sie über Monate hinweg einen Brief mit ins Bett genommen, auf dem klipp und klar stand: »Ich bin nicht tot. Weckt mich. Und wenn ich nicht aufwache, stellt mich mindestens fünf Tage vor die Tür. Ich will erst beerdigt werden, wenn ich ganz bestimmt verstorben bin.«

Aber an diesem Abend ging es nicht um irgendwelche Schauermärchen, nicht um irgendeine alte Tante Greta. Es ging um ihre Mutter. Hatten sie sie einfach aufgegeben,

Was sie da sahen, trieb ihnen die Tränen in die Augen. Einer der Jagdhunde hatte sich ins Zimmer geschlichen. Niemand hatte ihn beachtet, und so lag er nun neben dem geliebten Frauchen auf dem Rücken, hatte alle viere in die Luft gestreckt und schnarchte laut. In diesem Moment ergossen sich Monate der Sorge, der Hoffnung, der Angst und Trauer in schallendes Gelächter. Sie hatten sich die Bäuche gehalten vor Lachen, dann war es wieder ein Weinen gewesen. Ihre Körper waren von den verschiedenen Emotionen durchgeschüttelt worden, bis Katty irgendwann in Marthas Armen eingeschlafen war.

Dem Tod wohnte etwas Absurdes inne, so schien es Katty seitdem. Irgendetwas, das den Hinterbliebenen ein wehmütiges Lachen ließ. Wie sollte man sonst auch weiterleben? Katty versuchte, die Erinnerung an ihre Mutter abzuschütteln. Sie wollte sich auf Theodor konzentrieren und ging hinüber in sein Zimmer. Auf dem Schreibtisch stand eine gerahmte Fotografie, die kurz vor dem Krieg aufgenommen worden war. Katty streichelte sein Gesicht. Er hatte die schönen runden Augen seines Vaters, ein wenig pausbäckig war er immer noch, und er hatte einen übergroßen Mund, der das restliche Gesicht überstrahlte. Wenn er lachte, sprach oder aß, wenn sein Mund in Bewegung war, sah man nur noch diese riesigen lebenshungrigen Lippen. Waren die nun so fahl, wie die Lippen ihrer Mutter binnen Sekunden geworden waren?

Katty stellte sich vor, wie Theodor dalag, bleich, nichts mehr von den roten Wangen eines Kindes. Mit diesem Bild kamen endlich die Tränen. Sie weinte, und der Schmerz in der Kehle fühlte sich richtig an.

Endlich zu dritt

»Mein Gott, seht ihr alt aus. Pöhöhö.« Martha lachte ihr ploppendes Lachen, während sie aus dem Taxi stieg, und amüsierte sich königlich über ihre kleine Unverschämtheit. Die war nämlich gleich doppelt komisch, dachte Katty. Erstens war ihre ältere Schwester selbst fast achtundneunzig Jahre alt, und zweitens war sie so gut wie blind.

»Was hat sie gesagt?«, war Adeles krächzende Stimme hinter ihr zu vernehmen. In dem dichten Kiesbett der Einfahrt rutschte Adele bei jedem Schritt weg und kam nicht so schnell hinterher, wie es ihr lieb gewesen wäre.

»Sie findet, dass wir alt aussehen«, wiederholte Katty sehr laut, woraufhin Martha erneut losploppte. Adele reagierte nicht. Sie hatte vermutlich keine Lust, noch einmal nachzufragen, um einer lästigen Hörgerätediskussion keine neue Nahrung zu geben.

Seit mindestens zehn Jahren bearbeitete Katty ihre Schwester, sie solle sich endlich so ein Ding besorgen, weil sie keine Lust hatte, ständig zu schreien. »Jetzt bin ich schon so alt, da fange ich mit dem Unsinn auch nicht mehr an«, bekam sie stets zur Antwort.

Martha konnte wie immer nicht aufhören mit der Neckerei.

»Tja, Katty, da hast du dir was eingebrockt mit deinen

Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis Martha ihr Portemonnaie aus der Handtasche hervorgekramt hatte und es dem Taxifahrer reichte.

»Nehmen Sie sich, was Sie brauchen, junger Mann. Wenn ich kein Geld mehr habe, kann es mir meine Schwester wenigstens nicht aus der Tasche ziehen.«

»Ich habe dich sowieso nur zum Spülen eingeladen«, gab Katty schelmisch zurück. Mit Schwung ergriff sie Marthas Koffer und marschierte voran. Sie war überglücklich, dass Martha da war. Ihre Schwester war ein Ausbund an guter Laune, der sich niemand entziehen konnte. Nicht einmal Adele. Martha würde Kattys Verbündete sein bei der heiklen Mission, die vor ihr lag.

Für gewöhnlich wohnte Martha in Theodors ehemaligem Zimmer, wenn sie auf dem Tackenhof zu Besuch war. Das Kinderzimmer, wie es bis heute genannt wurde, war ihr Lieblingszimmer, weil es sehr weit vom Wohnzimmer entfernt und dadurch schön ruhig war. Es gab in dem alten Bauernhaus viele Räume, und in den Siebzigerjahren hatte Katty alle Zimmer renovieren lassen, um auf dem Hof eine kleine Pension zu betreiben. Sie war meist ausgebucht, denn das nahe gelegene Xanten galt als Touristenattraktion und Katty rühmte sich, das beste Frühstück weit und breit zu machen. Es gab Eier und Speck, außerdem das leckerste Weißbrot, das man am unteren Niederrhein finden konnte. Abends saß sie in der Regel noch lange mit ihren Gästen zusammen, und die mochten nicht nur Kattys Geschichten, sondern auch die familiäre Atmosphäre. Seit ihrem Achtzigsten hatte Katty das Pensionsgeschäft allerdings deutlich eingeschränkt. Im Grunde kamen nur noch die alten Stammgäste. Einige von ihnen, wie Piet, der Belgier, waren über die Jahre zu Freunden geworden. Er würde

Der Tackenhof war, solange Katty sich erinnern konnte, immer ein offenes Haus gewesen. Diese Tradition hatte sie auch nach Heinrichs Tod beibehalten. Sie liebte es, bis tief in die Nacht zu diskutieren, vor allem mit den Bauern aus der Nachbarschaft über Landwirtschaft oder Politik. Wenn sie Nichten und Neffen zu Besuch hatte, konnte sie sich bis zum Kontrollverlust ereifern. An solchen Abenden gab es viel fettes Essen und ordentlich Schnaps, dann wurde lange geschlafen und am nächsten Morgen spät gefrühstückt. Trotz ihrer vierundachtzig Jahre konnte Katty immer noch gut mithalten, fand sie. »Ich kann die Bauern immer noch unter den Tisch trinken!«

»Adele, machst du uns schon mal einen Kaffee? Dann wird er wenigstens schön stark. Ich helfe Martha schnell beim Auspacken, und danach setzen wir uns in den Garten.«

»Kannst du für mich bitte noch einen Kessel mit Wasser auf den Herd stellen?«, rief Martha auf halber Treppe in die Küche hinunter. »Bei deinem Kaffee schlägt mein altes Herz Flickflack.«

»Du als ehemalige Sportlehrerin solltest das doch eigentlich gut finden«, neckte Katty. »Komm, ich habe dir dein Zimmer schon hergerichtet.« Sie zog Martha hinein und schloss die Tür.

»Es ist schon wieder etwas passiert. Wir müssen handeln.« Katty hoffte, dass Martha mit ihrem Humor bei Adele mehr Erfolg hätte. Ihr selbst fiel es schwer, die große Schwester von etwas zu überzeugen, was sie eigentlich beide nicht wollten und doch längst hätte sein müssen: Adele sollte ihre kleine Wohnung in Xanten aufgeben, die Unfälle häuften sich.

»Diesmal ist sie gestürzt. Und sie kann sich nicht erinnern, was passiert ist.«

»Hat sie sich etwas getan?«

»Oh Gott, macht sie seitdem etwa noch stärkeren Kaffee?«, fragte Martha mit gespieltem Entsetzen.

»Du bist unmöglich«, feixte Katty, »ganz ehrlich, wenn José sie nicht gefunden hätte, hätte sie dort womöglich tagelang gelegen.«

»José hat sie gefunden? Unser aller Josélein?«

Katty wusste, dass Martha José mochte, dennoch war die gemeinsame Schwägerin immer wieder Ziel ihrer Sticheleien. Und waren es bei Martha eher liebevolle Neckereien, so bekam die arme José von Adele oftmals regelrechten Spott zu spüren. Manchmal tat sie Katty richtig leid. José und Adele lebten in Xanten nur wenige Häuser voneinander entfernt. Sie konnten nicht ohneeinander, aber auch nicht miteinander. Sie stritten wie die Kesselflicker. José fühlte sich von Adele bevormundet, was im Übrigen tatsächlich der Fall war, dachte Katty, der es ja ähnlich ging. Eigentlich kümmerte Adele sich ein wenig um die lebensuntüchtige José und erinnerte sie an Termine oder bezahlte diskret die kleinen Rechnungen, die José in der benachbarten Bäckerei anschreiben ließ. Da José davon aber natürlich nichts mitbekam, hielt sie es ihrerseits für eine gute Tat, dass sie als die wesentlich Jüngere Adele so häufig Gesellschaft leistete, und erwartete dafür Dankbarkeit. Dieses beiderseitige Missverständnis endete regelmäßig in grässlichem Gezänk.

»Gott sei Dank war José mal wieder richtig wütend auf Adele. Die beiden hatten sich am Vortag gestritten. Und als José bei Adele an die Tür geklopft hat, hörte sie nur ein Stöhnen. Da dachte sie wohl, Adele würde die Tür aus Trotz nicht öffnen, und hat im Flur getobt.«

»Hoffentlich ist die Perücke nicht verrutscht«, entfuhr es ihr und nun musste auch Katty lachen.

»Nein, jetzt sei mal ernst! Das hätte wirklich übel enden können. Die Nachbarn haben mich angerufen, damit ich mit dem Schlüssel komme. Ständig passiert so etwas. Habe ich die Sache mit der Herdplatte erzählt?«

»Nicht so laut, Katty«, unterbrach Martha sie schnell, »nicht dass sie glaubt, wir würden uns gegen sie verbünden.«

»Du hast recht. Aber sie muss ihre Wohnung jetzt wirklich aufgeben, es ist zu gefährlich, wenn sie weiterhin allein lebt. Und hier ist es allemal besser als in einem Altersheim«, sagte Katty, auch um sich selbst zu versichern, dass ihre Entscheidung richtig war. Martha antwortete nicht sofort.

»Meinst du, sie wird hier auf dem Hof leben wollen?«, fragte sie schließlich skeptisch.

»Ja, Herrgott, warum denn nicht. Sie ist doch auch über die Jahre immer bei uns zu Besuch gewesen.«

»Das ist doch etwas anderes, Katty. Ich kann dir aus eigener Erfahrung versichern: Je älter du wirst, umso mehr drängt sich die Vergangenheit wieder in dein Leben, selbst wenn sie zwischendurch vergessen war. Das wirst du noch feststellen, du junger Hüpfer«, Martha lachte kurz und wurde dann wieder ernst. »Sie wird in seinem Haus nicht sterben wollen. Kannst du das nicht verstehen?«

»Es ist mein Haus. Heinrich ist seit fünfundzwanzig Jahren tot. Außerdem gibt es keine andere Möglichkeit. Oder willst du sie etwa zu dir und den Kindern holen?«

»Nach Düsseldorf? Wer pflegt denn dann wen? Also gut, wir werden mit ihr reden. Ich werde ihr schon verständlich machen, dass sie hier besser dran ist als in Xanten. Aber lass mich

»Wie lange bleibst du denn eigentlich?«

»Mal schauen, ich habe in den nächsten Wochen keine Termine. Oder soll ich auch ganz dableiben?«

»Ich hätte nichts dagegen«, Katty gab ihrer Schwester einen Kuss auf die Stirn. »So, und jetzt pack aus und komm danach herunter.«