Nicholson Baker

Norys Storys

Roman

Aus dem Englischen von Eike Schönfeld

Rowohlt E-Book

Inhaltsübersicht

Über Nicholson Baker

Nicholson Baker, geboren 1957 in Rochester/New York, studierte an der Eastman School of Music und am Haverford College, Pennsylvania. Für sein Buch «Der Eckenknick» erhielt er 2002 den National Book Critics Circle Award. Baker ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Maine.

 

Weitere Veröffentlichungen:

Rolltreppe oder Die Herkunft der Dinge

Vox

Zimmertemperatur

U &I – Wie groß sind die Gedanken?

Die Fermate

Checkpoint

Der Eckenknick

Haus der Löcher

Der Anthologist

Über dieses Buch

Wilde, gruselige, spannende, lustige Geschichten sind das Lebenselixier der neunjährigen Nory. Nichts macht ihr mehr Spaß, als Geschichten zu erfinden. Den Stoff findet Nory in ihren Albträumen, doch tags ist sie ein glückliches, aufgewecktes Kind.

Ein zauberhaftes Buch, herzerfrischend frech und direkt vom Munde abgelesen.

 

«Der Leser lernt eine Menge Dinge über den Kosmos eines Kindes, vieles, das er wahrscheinlich vergessen hatte und das ihm als Schlüssel zur eigenen Kindheit dienen kann.» (Westdeutscher Rundfunk)

Impressum

Die Originalausgabe erschien 1998 unter dem Titel «The Everlasting Story of Nory» bei Random House, Inc., New York.

 

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Januar 2014

Copyright © 2000 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

«The Everlasting Story of Nory» Copyright © 1998 by Nicholson Baker

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages

Umschlaggestaltung any.way, Cordula Schmidt

(Illustration: bubingin/iStockphoto.com)

Schrift DejaVu Copyright © 2003 by Bitstream, Inc. All Rights Reserved.

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ISBN Printausgabe 978-3-499-22998-5 (1. Auflage 2001)

ISBN E-Book 978-3-644-03201-9

www.rowohlt.de

ISBN 978-3-644-03201-9

Für meine liebe Tochter Alice,

die Informantin

1. Was sie gern tat

Eleanor Winslow war ein neun Jahre altes Mädchen aus Amerika mit braunem Pony und braunen Augen. Sie interessierte sich für Zahnmedizin oder wollte dereinst Papieringenieurin werden, wenn sie groß war. Ein Papieringenieur ist ein Künstler, der Ausklappbücher und Ausklappgrußkarten entwirft, bei denen es wahnsinnig wichtig ist, dass sie immer leicht in Geschäften erhältlich sind, weil sie die Menschen glücklicher machen. In letzter Zeit malte Nory gern Bilder mit chinesischen Mädchen in chinesischen Patchwork-Gewändern, deren Haare zu einem kleinen Hütchen hochgesteckt waren oder seitlich mit einer Nadel festgehalten wurden. Wenn sie im Auto zu Herrenhäusern fuhren, erzählte sie sich immer wieder dieselben Geschichten. Das tat sie auch in der Badewanne oder vor dem Spiegel. Manchmal dachte sie sich auch mit ihren Freundinnen Geschichten aus, aber das hing natürlich sehr von der jeweiligen Freundin ab. Außerdem entwarf Nory gern neuartige Puppen, von denen sie wünschte, dass man sie hätte kaufen können, was man aber nicht kann und wahrscheinlich nie können wird. Zum Beispiel zeichnete sie eine Puppe namens «Riena». Riena hatte glatte, seitlich gescheitelte Haare und Puffärmelchen. Sie hatte keine langgezogene Teenager-Figur und auch keine gedrungene mit einem massigen Rundkopf. Ihre Hände und Handgelenke waren biegsam, damit sie einen Mini-Eierkarton halten konnte, und jedes Ei hatte einen realistischen Sprung in der Mitte. Man würde Riena helfen, das Ei in die Pfanne zu tun und es herumzurollen, und nach einer Weile würde sich das Ei von selbst aufschlagen, weil es mit einer bestimmten Substanz gefüllt wäre, die sich beim Herumrollen ausdehnt. Ein kleines zusammengefaltetes Gummiding, wahrscheinlich ein einseitig gebratenes Spiegelei, würde dann in die Pfanne schwupsen. Oder man hätte auch noch die Wahl zwischen Rührei und Omelette. Riena trug eine Schürze mit einem Muster aus Löffeln und Gabeln. Leider gab es sie nur als Zeichnung.

Nory war groß für ihr Alter, besonders für diese Stadt namens Threll in England, wo sie und ihre Mutter, ihr Vater und ihr Bruder, der zwei war, eine gewisse Zeit lang wohnten. In ihrer Schule, der Threller Grundschule, gab es ziemlich viele Mädchen. Sie hoffte, dort eine gute Freundin zu finden.

2. Ein wichtiges Gebäude

Die Kathedrale von Threll war eindeutig das größte Ding in der Stadt. Es war eine alte Kathedrale mit einem Turm darauf, der die einzigartige Fähigkeit besaß, einem ganz nah zu erscheinen und trotzdem weit weg zu sein. Flugzeuge können das auch. Sie wirken nah, sind es aber nicht, außer man hat gerade nicht seinen Glückstag. Innen war die Kathedrale fast so schön wie außen, bloß dass es da moderne Sachen wie Kabel und Stecker gab, die aussahen, als hätte jemand geschlampert, und moderne, ziemlich unförmige Lautsprecher oben an den Säulen. Auch ein paar große Grabmale gab es, aus so einem schwarzen und roten Stein gehauen, der zwar nicht richtig zum Fürchten war, aber doch gruselig, weil er so leuchtend schwarz war, und natürlich lagen hier und da in den Wänden oder im Fußboden auch Leichen begraben, manche womöglich schon ganz mumifiziert. Die heilige Rufina, eine berühmte Frau, die einst eine sehr hübsche junge Prinzessin mit langen schwarzen Haaren gewesen war, bevor sie beschloss, ihren Schmuck wegzugeben und Nonne zu werden und nur die gröbsten Kleider zu tragen, und die auf entsetzliche Weise gestorben war, nämlich totgefressen von wilden Hunden, die mitten im Winter in die Kirche rannten – Rufina also lag ganz allein in einer besonderen Kapelle, wo ein Arm von ihr beiseitegelegt worden war, den hatte jemand aufgehoben und vor den Hunden gerettet, weil alle sie wegen ihrer Freundlichkeit und ihrer Heilkräfte geliebt hatten. In der Nähe ihrer Kapelle befand sich ein ganz hohes schmales Fenster mit Bildern von Panzern, Kriegsschiffen und Bombern darauf. Für ein Buntglasfenster in einer außerordentlich heiligen Kathedrale schienen Kriegsbilder nicht gerade ideal, aber andererseits, wenn man denn einen Kreuzer oder Panzer aus Buntglas wollte, dann war der hier wahrscheinlich der schönste, den man finden konnte. Die Raupenspuren waren aus winzigen Bröckchen und Krümchen von grünem und blauem Glas. Mit dem Fenster wurde an einige Leute aus der Stadt Threll erinnert, die im Krieg gestorben waren.

Ganz weit oben in einem Turm über dem Steinboden der Kathedrale befand sich das Jasperium. Es war eine Art Buntglasfenster in Form einer Kuppel, genau über der Stelle, wo die beiden Teile des Kreuzes zusammentrafen. Eine Kathedrale ist meistens wie eine Kreuzigung angelegt, weil Jesus nämlich am Kreuz gestorben ist. «Aber warum», fragte sich Nory manchmal, «müssen sie sich immer auf die schreckliche Art seines Todes konzentrieren? Warum nicht zum Beispiel eine Kathedrale in Form eines G für Gott, eines rechtwinklig gemachten G mit einem Innenhof samt Wunschbrunnen und Kräutern, die da wachsen und aus denen man Tee für die Kranken machen kann?» Tausend und abertausend Stücke grünes Glas bildeten da oben im Jasperium einen kleinen Kreis – eigentlich einen ziemlich großen, aber er war ein Stück entfernt von dort, wo man stand, wenn man hochguckte. Wenn draußen die Sonne schien, ließ sie das grüne Licht in einem weichen grünen Stängel auf den Fußboden der Kathedrale hinunterwachsen. Dort war eine Gruppe schwarzer Stühle so aufgestellt, dass man sich auf einen davon setzen und warten konnte, bis das grüne Licht auf einen fiel wie Scheinwerferlicht auf eine Schnecke, und in dem Moment sollte man dann fast Gottes Gedanken denken können. Natürlich dachte man nicht richtig Gottes Gedanken, sondern die Gedanken, die Gott einen denken lassen wollte. Wenn man nicht an Gott glaubte, dachte man daran, was andere über Gott dachten, oder daran, was sie glaubten, dass Gott sie denken lassen wollte. Zumindest dachte man in irgendeiner Form die Gedanken der Kathedrale, was es auch schon ziemlich brachte.

3. Eine Geschichte über Käfer

Die Besitzer der Kathedrale von Threll, also die anglikanischen Bischöfe und Dekane, hatten gerade Millionen Dollar oder Pfund ausgegeben, um das ganze Glas im Jasperium sauber zu machen und dafür zu sorgen, dass es nicht herunterfiel. Aber dabei hatten sie gemerkt, dass sich durch das Blei an den Enden der Balken, mit denen das Jasperium oben auf den steinernen Säulen ruhte, Totenuhren gefressen hatten. Also mussten sie einen Teil des Holzes ersetzen, aber nicht alles. Totenuhren hießen so, weil früher, wenn jemand sehr krank war und seine Familie hörte, dass solche Käfer mit ihren Köpfchen gegen das Holz des Hauses stießen – tschk, tschk, tschk –, dann bedeutete das, dass der Kranke bald sterben würde. Weil Nory Zahnärztin werden wollte, dachte sie sich was Besonderes dabei, nämlich: «Ihre Zähne müssen außerordentlich kräftig sein, dass sie sich durch das Blei fressen konnten. Sie müssen normalerweise verborgen sein und sich nach außen klappen, wenn sie das Maul aufmachen.» Krokodilen wachsen in ihrem Leben die Zähne vierundzwanzigmal nach, und sie können es zwei Jahre ohne Nahrung aushalten. Aber Nory bezweifelte stark, dass die Totenuhr mehr als einmal Zähne bekam. «Es muss ein schwieriges Leben sein da oben», dachte sie, «wenn eine Käfergeneration nach der anderen versucht, in dem alten, schrecklich durchgekauten Holz genug Essen zu finden. Die kommen doch bestimmt längst auf dem Zahnfleisch daher.» In der Nähe der Kathedrale war eine sehr gute Teestube, wo es einen äußerst leckeren Schokokuchen gab. Der Kuchen wurde übrigens mit einem Schälchen Sahne serviert.

Nory mochte ein bestimmtes Bild in einer der Broschüren über die Kathedrale von Threll, die ihre Eltern gekauft hatten. Es stellte einen Mann mit einer Maske auf dem Kopf dar, der in eines der alten Holzstücke unter dem Jasperium eine Metallröhre steckte, um kräftigen Schaum, der die Käfer tötete, hineinzuspritzen. Sie musste sich eine Geschichte über eine Totenuhrfamilie ausdenken, die erfuhr, dass sich so ein Spritzer Gift näherte, darauf ihren Hausrat zusammenpackte, aus Bonbonpapierchen, die einer der Käfertöter auf dem Gerüst hatte liegenlassen, kleine Fallschirme machte und dann damit absprang, tief, tiefer, noch tiefer, und sich so durch die kühle Luft des Innenraums der Kathedrale davonstahl, schaukelnd, die Fühler vor lauter Angst fest eingerollt, bis sie in einem riesigen, grün schimmernden Steinland auf dem kalten Boden neben einem kleinen Mädchen mit leuchtenden Augen und schwarzen Haaren landete, das hieß Mariana.

Mariana saß mit geschlossenen Augen da und wartete, ob sie die Gedanken denken konnte, die Gott sie denken lassen wollte. Sie schlug die Augen auf, um zu sehen, wie nahe das Licht ihren Füßen war, weil sie glaubte, sie würde die gesegnete Heiligkeit spüren, sobald es ihre Füße berührte, und gerade als sie sie ein bisschen näher an das Licht heranschob, damit die Heiligkeit schneller hinkam, glaubte sie, etwas zu bemerken. Ja, sie bemerkte tatsächlich etwas: vier winzige Wesen, die sorgfältig ein Kaugummipapierchen zusammenfalteten. «Na, wer seid ihr denn?», sagte sie, beugte sich hinab und ließ sie auf ihren Handteller hüpfen.

«Wir sind Totenuhren», sagte eines der Wesen. «Ein böser Mann bespritzt unser Land mit schlimmem Gift.»

«Oh», sagte Mariana, «das ist bestimmt kein böser Mann, er will bloß dafür sorgen, dass das Jasperium nicht herunterfällt. Wisst ihr, wenn ihr das Holz fresst, dann wird es immer schwächer, und irgendwann zerbröselt das Ganze und fällt runter. Ihr wollt doch bestimmt nicht, dass das mit der Kathedrale passiert, oder?»

«Hm», grummelte die Totenuhr, «wenn sie uns einfach das Problem erklärt und uns ein anderes Stück Holz zum drin Leben gegeben hätten, dann wären wir von selbst fortgegangen. Denn sieh dir nur mal den kleinen Gary an, der ist ganz krank vom vielen Kauen an dem Blei.» Und tatsächlich, Mariana sah, dass der kleine Gary auf dem Rücken lag und gar nicht gut aussah. Er sah so blass aus, wie ein Käfer nur aussehen kann, richtig totenblass. Mariana legte alle vier Käfer sachte in ihr Federmäppchen und ging in den Wald hinaus. Sie wusste, wo ein bestimmter umgestürzter Baum lag. In einer Rille dieses Baumes war eine Pfütze Regenwasser, und im Gehen pflückte sie eine bestimmte Blume, sang ein sanftes Lied dazu und zerdrückte die Blütenblätter im Wasser. Es war eine besondere Blumenart, die jede Bleivergiftung heilen konnte, und sie hieß Montezumablume, weil sie an richtig heißen oder sehr kalten Orten wachsen konnte, eine wahre Überlebenskünstlerin also. Dann öffnete Mariana das Federmäppchen. Die drei gesunden Totenuhren trugen Gary, die kranke, hinaus. «Wascht ihn in dem Wasser», sagte Mariana freundlich. Sie war ein großes Mädchen mit dunkelbraunen Haaren. «Der Trank wird ihm helfen.»

Zunächst wussten die Käfer nicht recht, und sie beschnüffelten das Wasser und testeten es mit ihren Fühlern und was Käfer eben sonst so tun. Dann verloren sie allmählich ihre Furcht und tauchten Gary ohne Scheu hinein, nicht kopfüber, sondern sachte, mit dem Hinterteil zuerst, und dann gingen sie alle hinein, einer nach dem anderen, und planschten zufrieden im Wasser. Sie hatten so viele Jahrhunderte in den alten normannischen Balken des Jasperiums eingesperrt verbracht, da hatten sie ganz vergessen, dass Regenwasser so sauber und rein sein konnte, und waren überglücklich. Gary setzte sich im Wasser auf und meinte, es gehe ihm schon viel besser. Dann fanden alle vier ein Plätzchen an einer sonnigen Stelle, wo sie trocknen konnten, und als ihnen wieder knackig warm war, winkten sie Mariana zum Abschied zu und machten sich daran, ihre Labyrinthe in den riesigen Baumstamm zu kauen. «Herrliche Holzschichten!», sagten sie. «Ring um Ring um Ring! Es wird lange dauern, bis wir dieses riesige Land verknuspert haben! Sag niemandem, dass du uns hierhergebracht hast.»

«Bestimmt nicht», lachte Mariana. «Viel Glück!»

«Danke, Mariana», riefen sie und winkten fröhlich ein letztes Mal. «Wiedersehn! Wiedersehn! Wiedersehn!»

Das war eine Geschichte, die sie sich hatte einfallen lassen. In Wirklichkeit hatte Nory noch nie eine Totenuhr gesehen. Trotzdem gab es in Threll etliche wahrhaft ungewöhnliche Tiere. Das schlimmste war eine riesige Spinne, die ihre Mutter im Duschvorhang entdeckte, als Nory und Littleguy gerade in der Badewanne saßen und einen Laden aufmachten, um Spielcappuccino zu verkaufen, mit Blasenschaum. Ihre Mutter sprang plötzlich mit ihrer Illustrierten auf, scheuchte sie aus der Wanne und rief Norys Vater.

«Was ist denn los?», sagte Nory, die nichts gesehen hatte, weil sie so schnell aus dem Badezimmer geschoben worden war.

«Sieh nicht hin», sagte Norys Vater. «Das ist ein scheußliches angelsächsisches Insekt. Ein ganz riesiges.»

«Ich ekle mich bestimmt nicht», sagte Nory. «Versprochen.» Sie spähte hinein, heulte aber sogleich vor lauter Ekel auf und klammerte sich an ihre Mutter. «Wie grässlich!» Es war ein gewaltiges Ding, wie ein schwarzer Krebs, mit den gruseligsten haarigen Beinen, die Nory je an einer Spinne gesehen hatte, nicht wie die Beine eines Weberknechts, die ganz zierlich sind, sondern auf eine ganz hässliche, dicke, fürchterliche Art behaart. Normalerweise mochte Nory alle Insekten, sogar Ohrenkneifer, und vor allem Marienkäfer, und wegen der wichtigen Regel «Was du nicht willst, dass man dir tu …» hatte sie kein Verständnis dafür, dass man sie tötete; wie würde es einem selbst denn gefallen, wenn ein riesiges Klopapiergeknüll auf einen niederfuhr und einem das Leben nahm? Doch diese Spinne war einfach zu scheußlich haarbeinig, um mit ihrem Mitgefühl rechnen zu können.

Norys Vater kam heraus.

«Ist sie tot?», fragten alle.

Norys Vater sagte, ja, sie sei tot.

«Gut», sagte Nory, obwohl sie sogleich ein bisschen traurig war und überdies auch noch verlegen darüber, dass sie bei ihrem Anblick so losgekreischt hatte. «Was hast du mit ihr gemacht?»

«In die Tiefen gespült», sagte Norys Vater. «Das Schlimmste ist, dass ich immer das Gefühl habe, ich muss das Klopapier aufmachen und nachschauen.»

«Bitte keine Details», sagte ihre Mutter.

Das war ihr erstes Abenteuer in Threll. Nory hatte zwei Nächte lang Schlafstörungen, aber die überwand sie rasch. Das einzige Problem war, dass sie jetzt nicht mehr gern mitten in der Nacht aufs Klo ging, weil sie manchmal Angst hatte, dass eine entfernte Cousine der großen schwarzen Spinne unter dem Sitz lauerte. Aber nach und nach überwand sie auch diese Angst. Es war ein hölzerner Klositz – die Vermieterin meinte, sie habe ihn für fünf Pfund bei einer Auktion in einem Herrenhaus gekauft und dass der Herzog von Makrelien oder so jemand Obskures an jedem Tag seines Lebens darauf gesessen habe, was nicht unbedingt für den Sitz sprach.

4. Littleguy hatte eine vernünftige Furcht vor Eulen

Nory war Externe an der Threller Grundschule, wo sie mit einem mittelbreiten Füller mit einer blauen Tinte schrieb, die man mittels eines zweiendigen Geräts namens Tintenkiller vollständig vom Blatt verschwinden lassen konnte. Sogar wenn die Tinte Gelegenheit gehabt hatte, drei Wochen lang zu trocknen, besaß der Tintenkiller noch die Kraft, sie verschwinden zu lassen. Die Threller Schule war von einem freundlich aussehenden Menschen mit einem Pelzkragen gegründet worden, dessen Bild an der Treppe hing, die zum Speisesaal hinaufführte. Pamela Shavers, ein Mädchen aus Norys Klasse, sagte, er habe Vorsteher Rowland geheißen, weil er mal vor Heinrich VIII. gestanden habe. Der Speisesaal sei einst der Kuhstall der Mönche gewesen, sagte ein anderes, älteres Kind, aber Nory konnte nicht begreifen, warum die Mönche zweimal am Tag Kühe treppauf und treppab hätten zerren sollen. Dann erklärte ihre Mutter ihr, dass sie den ersten Stock erst draufgesetzt hätten, nachdem sie die Kühe fortgebracht hatten. Immerhin roch es dort manchmal noch ein bisschen nach Stall. Das Holz hatte krumme Balken, wie Treibholz, aber soweit Nory sah, gab es keine Totenuhren darin; natürlich hätte sie wohl kaum hören können, wie sie mit den Köpfen dagegenstießen, weil die Kinder beim Mittagessen jede Menge Lärm machten.

Vorsteher Rowland hatte die Schule zu Ehren und zur Erinnerung an die heilige Rufina gegründet, vor ungefähr zweitausend Jahren oder «heut früh», wie Norys Bruder immer sagte. Er wurde Littleguy genannt, obwohl er eigentlich Frank Wood Winslow hieß. Für Littleguy bedeuteten «vor langer Zeit» und «heut früh» ziemlich dasselbe, weil sein Kopf im Grunde noch eine Baustelle voller Bagger und Kipper war, die im Matschdreck herumfuhren, und es fiel ihm schwer, einem die wirklichen Konturen seiner Ideen zu vermitteln. «Baustelle», «Zugmaschine», «Kupplung», «Bahnübergang», «Hundert-Tonnen-Kipplaster», «Sattelkipper» und «Stangenbohrer» konnte er sagen, weil er solche Dinge liebte. Manchmal aber hielt er einen ganz einfachen Gegenstand hoch, eine Gabel oder eine Kerze, und sagte: «Das Wort hab ich vergessen.» Und für Kissen sagte er noch immer Kitti. Aber das war ja ganz normal, dachte Nory, weil man das ganze Leben damit zubringen musste, immer mehr darüber zu lernen, wie man eine Idee von einer anderen unterscheidet und wie man sie auseinanderhält, statt sie in einer schlammigen Masse verklumpen zu lassen. Wenn man zum Beispiel sagt, dass man etwas zur Erinnerung an jemanden tut, dann meint man damit nicht, dass man es wegen des guten Erinnerungsvermögens tut, das dieser Mensch gehabt haben mag, wie etwa, dass er den Namen von jedem Kind in der Klasse auswendig herunterrasseln konnte, weil er sich ja an nichts erinnern kann, denn er ist ja tot. Und man meint auch nicht, dass man ihn wegen seiner schönen Erinnerungen an Picknicks und Hühnchensandwiches und das Entenfüttern ehrt, weil er die nämlich auch nicht hat. Eine schöne Erinnerung kann man nicht bei jemand im Kopf mumifizieren – das schafft kein Zauberkraut. Und man meint damit auch nicht, dass man die Erinnerungen irgendeines anderen an den Menschen ehrt, der da geehrt wird, weil die Leute den Menschen, zu dessen Erinnerung sie etwas tun, womöglich gar nicht gekannt haben oder ihm nie begegnet sind. Oder ihr, im Fall der heiligen Rufina. Man ehrt einfach nur die Grundidee, dass diese Frau einst ihr Leben gelebt hat, und will die Welt dazu bewegen, sie nicht zu vergessen. Aber jeder, der sich an sie erinnert, stirbt natürlich auch einmal, also muss man die Leute immer wieder von neuem dazu bewegen: «Erinnert euch an diese Frau, erinnert euch an diese Frau, erinnert euch an diese Frau.» Das ist keine leichte, aber vielleicht eine befriedigende Tätigkeit.

Littleguy mochte es, wenn Nory ihm Bücher vorlas. Bei manchen Büchern musste sie allerdings vorsichtig sein. Vor Spinnen hatte er keine besondere Angst. Aber Eulen, das war ein himmelweiter Unterschied! Für ihn war die Nacht voller Eulen, die raschelten und mit ihren großen starren Augen blinzelten. Bei Nory zu Hause konnte man nicht mal «Eule» sagen, man musste es buchstabieren. Wenn Nory Littleguy ein Buch wie Das Buch der ländlichen Geräusche vorlas und sie zu einer Seite kamen, auf der eine E-u-l-e nachts auf einem Baum saß, blätterte sie gleich zur nächsten Seite weiter. Wenn sie versuchte, die Eule mit der Hand zu bedecken, klappte es nie, weil er wusste, dass sie darunter war. Manchmal bemühte sich Littleguy dann, tapfer zu sein. «Ich mag Eulen sehr», sagte er. «Bloß die Eule nicht.»

Einmal entdeckte Norys Mutter Littleguy spätnachts im Malzimmer, wo er versuchte, die gelben Augen einer gruseligen Eule mit einem roten Marker zu übermalen, weil er ihr in seinem Pu der Bär-Heft, das er vor dem Einschlafen durchgeblättert hatte, nicht mehr begegnen wollte. Ein anderes Mal sagte er Nory, zwei ganz böse Eulen wollten zu seinem Fenster hinter dem Vorhang hereinschauen. Als Nory das hörte und den angstvollen Ernst auf seinem Gesicht sah, spürte auch sie, wie ihr ein kleines Angstgeriesel den Nacken und ähnliche Stellen hinunterlief, weil sie nämlich die Vorstellung, dass Sachen draußen auf sie warteten und nachts durch leere schwarze Fensterscheiben hereinstarrten, nicht mochte. Das Erste und eines der wenigen ganz, ganz frühen Dinge aus ihrem Leben, an die sie sich erinnerte, war, wie sie einen langen Flur entlangrannte und vor einem Fenster stehen blieb. Dann peng: Sie glaubte, auf der anderen Seite das hässliche Tweety-Monster mit seinem runzeläugigen Gesicht zu sehen, und sie kreischte «Maammiiie!». Das Tweety-Monster war einfach nur die Monsterversion des Tweety-Vogels auf einem Sylvester und Tweety-Video, in die sich Tweety verwandelte, wenn er einen speziellen Trank schluckte. Kein Grund, sich vor einem harmlosen kleinen Trickfilm zu fürchten. Aber trotzdem war das Monster zum Fürchten, und als Nory kreischte und vom Fenster wegraste, sagte ihre Mutter sanft: «Ja, ja, schon gut, es ist doch nur gezeichnet. Es gibt kein Tweety-Monster, kein böses Wesen, nur die sanfte Nacht, die Eichhörnchen, die sich aufplustern, damit ihnen nicht kalt wird, und die Waschbären, die zufrieden an Abfällen kauen. Ist doch alles gut.» Die Augen ihrer Mutter waren die beruhigendsten, sanftesten, tiefsten Augen, die eine Mutter nur haben konnte. Sie waren, um genau zu sein, blau. Manchmal träumte Littleguy auch nicht von zwei Eulen schlecht, sondern von zwei ganz, ganz alten Lastern vom Schrottplatz, die mit ihren riesigen Reifen und hellen Scheinwerfern im Wohnzimmer herumfuhren. Trotzdem liebte Littleguy im richtigen Leben nichts mehr als Laster, außer vielleicht Züge. Einmal sagte er sogar, er habe einen Albtraum gehabt, in dem er auf dem Klo gesessen und kein Buch zu lesen gehabt hätte.

Eines fand Nory bei schlechten Träumen ein bisschen ungerecht, wenn sie nämlich etwas, was man liebte, wie Laster, Spiegel oder die eigene Mutter, oder worauf man stolz war, wie ganz allein auf dem Klo zu sitzen, zu etwas machten, wovor man sich fürchtete. Wenn Nory eine Bücherei gehabt hätte, hätte sie keine Gänsehaut-Bücher in der Kinderabteilung geduldet, weil allein schon die Umschläge zum Fürchten waren, vom grausigen Inhalt nicht zu reden, und manchmal merkten Kinder erst spätabends, wie sehr sie sich fürchteten. Es gab da ein Buch mit dem Bild einer bösen Puppe darauf, das sie wirklich schlimm fand. Warum musste etwas so Nettes wie eine Puppe verdorben werden, indem man sie so scheußlich zum Fürchten machte, dass man nicht mehr an sie denken und ihr vertrauen konnte? Die eigenen Puppen tun einem doch nichts. Den eigenen Puppen sollte man vertrauen können, wenn sie mitten in der Nacht mit einem zusammen im Zimmer sind. Gänsehaut-Bücher jagten Kindern viel mehr Angst ein, als sie wollten, und auf diese Hilfe konnten sie gut verzichten, weil ihre Träume es auch allein schon ganz prächtig hinkriegten, ihnen eine Heidenangst einzujagen. Trotzdem lasen Norys Vetter Anthony und ihre Freundin Debbie Gänsehaut-Bücher gern und konnten sich nichts Lustigeres vorstellen. Also reagierten nicht alle gleich.

Besonders doof fand Nory es, wenn sie Zahnträume hatte. Zum Beispiel von einer schönen, anmutigen, plusternackigen Ente, die an einem Fluss im Schilf die Zeit verbummelte und sich die Federn vom Wind zauseln ließ, und wenn man dann zu der hinging und ihr die Hand hinhielt, um hallo zu sagen und ihr ein Stückchen Brot zu geben, dann schob sie plötzlich den Schnabelrand zurück und bleckte riesige Fangzähne. Oder ein Pferd mit spitzigen Zähnen und weißrandigen Glupschaugen hetzte sie. Oder Kühe mit spitzigen Zähnen. Aber das waren meistens Träume, die sie vor langer Zeit gehabt und an die sie sich gewöhnt hatte. Ein anderer, ziemlich alter Traum von Nory war, dass sie von einer Königin, die entschlossen war, ihr zur Strafe einen Arm abzuhacken, durch verschiedene Farbschattierungen gejagt wurde. Nory sauste vor ihr davon, doch die Königin und ein paar ihrer Männer kamen immer näher gekeucht, und Nory merkte, dass sie ihnen nicht entfliehen konnte. Also machte sie ihnen einen Kompromiss. Sie sagte zu der Königin: «Schon gut, schon gut, hack mir nicht den Arm ab, nimm lieber den Kopf.» So würde sie den Schmerz nicht spüren. Die Königin sagte: «Na gut!» Und zzong, schon kreiste die Axt. «Ah, wie schön!», fand Nory. Sie musste gar nicht niederknien oder so. Nicht mal eine Papiertüte musste sie sich über den Kopf ziehen.

Die Moral des Traums war: Lieber tot als qualvoll ohne Arm. Die perfekte Moral war das ja nicht, dachte Nory hinterher, nicht mal für einen Traum – was nicht weiter überrascht, weil es zu viel verlangt wäre, dass einem die Träume, die man hat, am Ende auch noch eine gute Moral liefern –, aber eigentlich kann man lernen, fast alles, was man so tun muss, ohne Arme zu tun: Karten mit den Zehen spielen und so. Gut, man würde wohl einen Augenblick stutzen, wenn der Zahnarzt bei einem im Mund arbeiten wollte und die Geräte zwischen den Zehen halten würde. Das käme wohl nicht gerade fürchterlich gut.

5. Ein kleines Problem nach dem Mittagessen

Immerhin konnte Nory, wenn sie schlecht geträumt hatte, zu ihren Eltern ins Schlafzimmer gehen und sie sanft anstupsen, bis sie wach genug waren, um sie zu trösten und zu beruhigen. Nicht jedes Kind hatte so viel Glück. Manche der Kinder von der Threller Schule waren den ganzen Tag und die ganze Nacht dort, vierundzwanzig Stunden die Woche. Roger Sharpless war ein sehr kleiner Junge mit einem intelligenten Gesicht wie ein Detektiv, und der weinte am ersten Tag in der Kathedrale während des Eröffnungsgottesdienstes. «Warum weinst du?», fragte Nory flüsternd. «Manchmal weine ich eben tagsüber», flüsterte er zurück. Als sie dann anschließend zur Grundschule gingen, sagte er, er vermisse seine Eltern ganz schrecklich. Er sagte, der Anblick des kleinen weißen Kissens auf dem Bett in seinem Zimmer erinnere ihn an sein altes Zimmer, und da müsse er dann weinen, denn das muss man sich mal vorstellen: Wegzugehen von allem, was man kennt, von den Teppichen, den Fenstern, den Eltern, der Einfahrt, dem genauen Aussehen der Straße, das kann für einen Neunjährigen ein ziemlicher Schock sein. Er erzählte ihr auch von etwas, was er, wie er sagte, sein Leben lang nicht vergessen würde, weil er es mal in einem Test falsch gemacht hatte: Die Griechen schrieben, indem sie Zeichen in Wachs ritzten. Nory fand es nett, dass er ihr das erzählte, weil sie es jetzt auch nie mehr vergessen würde.

Am Tag danach hatte sie ein weit weniger schönes Erlebnis. Sie ließ im Speisesaal ihr Tablett fallen, als es voller frischem Essen war. Kira, eine ihrer neuen Quasifreundinnen, sagte: «Ach, reg dich nicht auf, das macht schon jemand weg.» Doch Nory fand es nicht richtig, die Sauerei als üppigen Platscher auf dem Fußboden liegenzulassen und einfach weiterzugehen. Die Ofenkartoffel sah nicht gerade gut aus. Ein älteres Mädchen bückte sich, um ihr zu helfen, und schließlich kam eine Frau mit einem Mopp. Aber inzwischen waren alle anderen Kinder aus ihrer Klasse weg und schon fröhlich und uneinholbar beim Essen, mampf, mampf, mampf. Außerdem war die Schlange sehr lang geworden, weil eine ganze Traube älterer Jungen hereingekommen war. Zwischen die wollte sie sich nicht drängeln, also ging sie ans Ende und stellte sich von neuem an. Die Schlange war so lang, dass sie sogar ein paar Stufen die Treppe hinabreichte, was Nory Gelegenheit gab, sich einmal Vorsteher Rowlands Pelzkragen anzusehen.

Endlich hatte sie ein neues Tablett mit Essen und setzte sich anonym irgendwohin. Die aus ihrer Klasse machten sich schon auf den Weg zurück zum Grundschulgebäude. Eins nach dem anderen gingen sie. Nory behielt sie die ganze Zeit im Auge, außer wenn sie auf ihren Teller hinabsah. Sie dachte: «Ah, aber die und die ist noch da, dann ist’s ja gut.» Und als dieses Mädchen dann ging, sagte sie sich: «Ach, was soll’s, jetzt ist die ja noch da, und wenn es ganz dick kommt, kann ich immer noch mit der zurückgehen.» Das Problem war, dass die Grundschule weit weg vom Speisesaal lag, über zwei Straßen hinweg, und Nory hatte einen grässlichen, wenn nicht gar gruseligen Orientierungssinn und wusste, dass sie nie im Leben allein zurückfinden würde. Also aß und aß sie und aß auf und jagte dann zur Tür des Speisesaals hinaus, um eilends zu einem Mädchen aus ihrer Klasse aufzuschließen. Das Mädchen hieß Dorette. Dorette sagte: «Tut mir leid, ich kann mich nicht mit dir unterhalten, ich bin mit einer Freundin verabredet.»

Nory sagte: «Ach, schon gut.» Das andere Mädchen kam. Nory mochte dieses Mädchen nicht besonders, weil sie an einem der ersten Schultage gesagt hatte, Nory habe einen «Quietschi»-Akzent. Nory wartete ein bisschen und folgte ihnen dann auf ihrem Weg um die Gebäude zu dem alten Tor.

Dorette drehte sich um und sagte: «Hau ab. Warum läufst du uns nach?»

«Weil ich den Heimweg nicht weiß», sagte Nory.

«Heimweg? Heimweg?», sagten die Mädchen.

«Ich meine, den Weg zurück zur Schule», sagte Nory.

«Ach, komm, den weißt du doch», sagten die beiden Mädchen. «Du gehst voraus, und wir folgen dir.»

Also machte Nory sich zaghaft daran, vor ihnen die Straße entlangzulaufen, nicht großartig sicher, ob es die richtige Richtung war. Die Straße, die sich da einen Berg hochwand, war ihr nicht vertraut. Es kam kein Fußgängerüberweg. Sie drehte sich um und sah, dass die Mädchen nicht mehr hinter ihr waren. Sogleich fühlte sie sich allein und war verängstigt. Dann sprangen die beiden Mädchen hinter einem Busch mit roten Beeren hervor und lachten. Darauf ging sie wieder hinter ihnen her, und sie sagten, sie solle abhauen. Zum Glück kam genau in dem Augenblick ein Lehrer aus einer Tür in dem Gebäude, und die beiden Mädchen sagten ganz oberfreundlich: «Hallo, Mr. Sowieso.» Sie begannen mit ihm zu plaudern. Nory hatte Angst, sie würden dem Lehrer sagen, dass sie ihnen gefolgt sei, und dann bekäme sie Ärger, aber das taten sie nicht. Und so konnte sie in einigem Abstand, Schritt um Schritt, Busch um Busch, weiterhuschen und schaffte es, zurückzufinden. Später sagte dann ein anderes Mädchen auf dem Spielplatz: «Ha-ha, dich haben sie abgestraft, dich haben sie abgestraft.» Nory hatte keine Ahnung, wovon das Mädchen redete, also sagte sie: «Wovon redest du?»

«Weil du dein Tablett hast fallen lassen», sagte das Mädchen. Nory sagte: «Haben sie gar nicht. Ich hab mich hinten angestellt, weil man sich nicht dazwischendrängeln soll. Und ich bin aus Amerika. Wir in Amerika sagen nicht abstrafen, wenn wir das meinen, was du meinst. Wir sagen in Amerika auch nicht Abfallentsorgung, wir sagen Müll. Wir sagen auch nicht Pastellstifte, wenn wir von Buntstiften reden, wir sagen dann doch gleich lieber Buntstifte. Kapiert?»

Das Mädchen machte ein Kaninchennagegesicht und verkrümelte sich.

An dem Tag sprach der Lehrer in Geschichte über die Kreuzzüge, und plötzlich sagte er im sonderbarsten Cowboy-Slang, den man je gehört hatte: «Und sie gingen rein und schossen, krakeelten und plünderten, was das Zeug hielt, verflucht noch eins.» Dann sagte er zu Nory: «Entschuldige. Ich hätte dich erst um Erlaubnis bitten sollen. Macht es dir was aus, wenn ich mich über die Art, wie Amerikaner reden, lustig mache?»

Nory sagte: «Wenn Sie meinen, dass Amerikaner so reden, dann nur zu.»

Der Lehrer sagte: «Danke. Und ich erlaube dir, uns, wann immer du willst, Limeys zu nennen.»

«Danke», sagte Nory. «Aber warum sollte ich das sagen?»

«So nennt ihr uns in den Staaten doch, oder?», sagte der Lehrer.

«Das weiß ich nicht, aber ich glaube nicht», sagte Nory. «Was sind Limeys?»

«Also, das ist ein altes Seefahrervolk, die essen an Bord Limonen, damit ihnen nicht die Zähne ausfallen», sagte Mr. Blithrenner.

6. Vorsicht bei Fluor

Außer Geschichte gab es auch noch I.T., was die Anfangsbuchstaben von Informationstechnologie waren, wo sie die mittlere Buchstabenreihe auf der Tastatur des Acorn-Computers lernten. Und dann gab es Französisch, Erdkunde und Musik und Korbball und Hockey und auch noch andere Fächer. Im Ganzen gab es eine verblüffende Zahl von Lehrern an der Threller Schule. Sogar der Direktor der Grundschule war Lehrer in einem Fach namens Klassik. Einmal begann er im Unterricht mit tiefer, mollig weicher Stimme von den Blutbächen der Trojaner vorzulesen, die sich mit dem schlammigen Wasser vermischten, das sich am Fuß der Mauern der zerstörten Stadt in Lachen sammelte. Die Geschichte erwies sich als die von Herkules. Oder nicht genau Herkules, sondern ein ganz ähnlicher Name, aber Hektor war es auch nicht. Egal, wer es war, jedenfalls wurde er als Kind in ein Zauberwasser getunkt, bloß da nicht, wo er festgehalten wurde, an der Ferse.

Ein paar Tage danach sprach der Direktor vor den versammelten Schülern in der Hendall Hall, was der Saal war, wo sich die ganze Schule versammelte, außer wenn sie einmal die Woche in die Kathedrale gingen. Er erzählte ihnen von einem Maler, der nicht an sich geglaubt hatte und so hungrig gewesen war, dass er sich ganze Tuben Ölfarbe in den Mund ausgedrückt hatte. Die Farbe hatte Blei enthalten, und das hatte sich ungut auf sein Gehirn ausgewirkt, und bald darauf hatte er sich grausig in die Brust geschossen. Jetzt waren seine Bilder Millionen Dollar wert, was wahrscheinlich Milliarden Yen waren.

Kinder wollen Blei essen, weil es so süß schmeckt, wusste Nory, und deshalb wollen sie auch Zahnpasta essen. Man soll bloß eine erbsengroße Menge Zahnpasta auf die Zahnbürste tun, aber viele Kinder tun mehr drauf. Nory fand, dass man eine Tube herstellen sollte, wo die Zahnpasta grün herauskommt, bis man genau die richtige Menge herausgedrückt hat, und wenn man danach noch mehr herausdrücken will, wird die Farbe rot, was Halt bedeutet: Grüne Ampel, rote Ampel. Wenn man zu viel Zahnpasta isst, macht das Fluor darin die Zähne grau, aber in der Grundschule war ein Kind, das ein schlimmes Loch oder irgend so was Medizinisches in einem spitzigen Seitenzahn hatte, vielleicht in einem der Backenzähne, das ihn «von Rauchkammer bis Puffer», wie Littleguy gesagt hätte, total grau machte. Man sah es nur, wenn sein Mund sich zu einer bösen Lache verzerrte, wie bei «Ha-ha-ha, ha-ha-ha, das zahl ich dir heim!» Wenn dieser Junge, der eigentlich ein ganz netter Junge war, Lust auf Süßes gehabt und tubenweise Zahnpasta gegessen hätte, dann wäre dieser Zahn genauso grau gewesen wie jetzt, aber er hätte sich keine Sorgen um das Loch zu machen brauchen, und die übrigen Zähne hätten sich dem grauen farblich angepasst und wären nicht so aufgefallen. Norys Zähne waren manchmal ein bisschen gelb, fand sie, aber dann bekam sie einen Rappel, putzte sie alle einzeln nacheinander und kriegte sie wieder ziemlich weiß. Auf Fotos sahen sie sowieso weiß aus, was sie froh machte.

Die Moral der Geschichte von dem in Zauberwasser getunkten Kind war: Niemand ist hundertprozentig unsterblich. Außer Gott, für diejenigen, die an Gott glauben. Die Moral der Geschichte von dem Maler war: Man weiß nie, wer dereinst berühmt und talentiert sein wird, also soll man sich nicht entmutigen lassen, und Handfeuerwaffen sollten verboten sein. Die Moral der Geschichte von den grauen Zähnen war: Manchmal, wenn man versucht, etwas Gutes zu tun, tut man stattdessen etwas Schlechtes.

7. Fabeln im Auto

Von Äsops Fabeln kam der Gedanke, dass es eine Moral gab, aber einige waren völlig sinnlos. Vor dem Schlafengehen lasen Norys Eltern ihr abwechselnd vor, also an einem Abend ihre Mutter, am nächsten ihr Vater. In jener ersten Septemberwoche hörte Nory ihrer Mutter bei 101 Dalmatiner zu und ihrem Vater bei Äsops Fabeln. Ganz oft schlief er gleich nach den ersten Minuten Vorlesen ein. Man merkte, wenn er kurz vorm Eindösen war, weil er dann anfing, die Wörter hastiger vor sich hin zu murmeln, und schließlich verstummte. Murmel, Pause, murmel, Schluss. Und es gerieten ihm auch Sätze in die Geschichte, die mit gar nichts etwas zu tun hatten. Wenn Nory ihn dann am Arm stupste, schreckte er hoch, kniff ganz fest die Augen zu, riss sie weit auf und fuhr auf einer anderen Seite fort. Dann verlor sich seine Stimme ganz allmählich wieder in einem Gebrabbel. «Sewards volk ihma ihma ihma Kartusch ihma ihma Barcelona ihma ihma ihma.» Manchmal las er seitenlang so, es war ganz unglaublich, wie er Zinnober um Zinnober völlig bezugslosen Unsinns in die Geschichte mischte. «Und die Kanister könnten auch ein bisschen Grundierung vertragen», sagte er einmal, mitten in der Geschichte von der Krähe und den Steinen. Nory schrieb es auf und erzählte es allen beim Frühstück. Wenn die Geschichte gut war, schlief Norys Vater lange nicht so schnell ein, wie wenn sie gerade ein bisschen langweilig war. Dann half kein Stupsen mehr, und schließlich musste sie sagen: «Papa, du bist müde, stimmt’s?»

«Wie kommst du denn darauf?», fragte Norys Vater dann tief aus seinem Gedöse heraus.

«Also, zum einen hat das Buch gewackelt.»

«Es hat gewackelt?»

«Ja.»

Und dann sagte Norys Vater: «Na, das wär’s dann wohl für heute», klappte das Buch zu und sagte gute Nacht. Wenn er das nächste Mal mit Lesen dran war, erinnerte er sich an nichts mehr, was er gelesen hatte. Dann blätterte er mehrere Seiten durch und sagte: «Haben wir das schon gelesen? Haben wir das schon gelesen?» Nory wusste es meistens noch, weil ihr Gedächtnis bei Sachen, die ihr vorgelesen wurden, nicht allzu löchrig war. Dass Norys Mutter einschlief, während sie Nory vorlas, kam sehr selten vor. Manchmal schlief Nory ein, wenn sie ihren Puppen vorlas, aber fast nie, wenn ihr vorgelesen wurde.

An einem Abend schaffte Norys Vater es, drei Fabeln von Äsop am Stück vorzulesen, die es einfach nicht so brachten. Äsop hatte einen sehr schlechten Tag zum Fabelschreiben erwischt. Vielleicht war das Wachs nicht glatt genug gewesen, sodass er sich nicht richtig konzentrieren konnte. Norys Vater nickte nach ungefähr zehn Minuten Lesen ein und schlief, bis Norys Mutter ihn weckte, indem sie hereinkam, um Nory zu kükeln und ihr ein GW zu bringen. Diese Kürzel standen für «küssen und knuddeln» und «ein Glas Wasser». Am nächsten Tag fuhren sie nach Wisbech, um sich das Peckover House anzusehen, ein Herrenhaus, und unterwegs kam Nory auf die Idee, dass jeder von ihnen sich eine Fabel ausdenken sollte, damit es im Auto etwas zu tun gab.