Editorische Notiz
Die Originalausgabe des ersten und des zweiten Teils des vorliegenden Romans erschien 1941 unter dem Titel »Az igazi« bei Révai in Budapest, auf deutsch 1948 unter dem Titel »Der Richtige« im Scholle Verlag, Wien. Der dritte Teil wurde vom Autor noch in Budapest konzipiert, aber erst im italienischen Exil 1948 fertiggestellt. Er erschien erstmals 1980 unter dem Titel »Judit … é az utóhang« im Griff Verlag, München, in ungarischer Sprache. Auf deutsch war er – ohne den »Nachklang (Utóhang)« des Autors – zusammen mit dem ersten und dem zweiten Teil bereits 1949 unter dem Titel »Wandlungen der Ehe« im J. P. Toth Verlag in Hamburg veröffentlicht worden.
ERSTER TEIL
Du, schau dir mal den Mann dort an. Nein, warte, jetzt nicht, dreh dich zu mir und laß uns plaudern. Ich möchte nicht, daß er herschaut und mich sieht, ich möchte nicht, daß er mich grüßt. Jetzt kannst du dich wieder umdrehen … Der Kleine, Untersetzte im Pelzmantel mit dem Marderkragen? Aber nein. Der dort, der Große, Bleiche im schwarzen Mantel, der jetzt mit dem mageren blonden Konditoreifräulein redet. Jetzt kauft er kandierte Orangenschalen. Komisch, mir hat er nie kandierte Orangenschalen mitgebracht.
Was mit mir los ist? … Nichts. Warte, ich muß mir die Nase putzen.
Ist er weg? Sag’s mir, wenn er weg ist.
Jetzt zahlt er? … Was hat er für eine Brieftasche? Schau gut hin, ich selbst mag nicht hinsehen. Ist es eine aus braunem Krokodilleder? … Ja? Siehst du, das freut mich.
Warum? Einfach so. Na ja, die Brieftasche habe ich ihm geschenkt, zum vierzigsten Geburtstag. Das war vor zehn Jahren. Ob ich ihn geliebt habe? … Da fragst du etwas Schwieriges. Ja, ich glaube, ich habe ihn geliebt. Ist er jetzt weg? …
Gut, daß er gegangen ist. Warte, ich will mir die Nase pudern. Sieht man, daß ich geweint habe? … Blöd, aber so ist man eben. Noch immer bekomme ich Herzklopfen, wenn ich ihn sehe. Ob ich sagen kann, wer das war? Natürlich, Liebes, es ist kein Geheimnis. Das war einmal mein Mann.
Du, laß uns Pistazieneis bestellen. Ich verstehe nicht, warum man sagt, im Winter könne man kein Eis essen. Ich komme am liebsten im Winter in diese Konditorei, um Eis zu essen. Manchmal denke ich, man kann alles, ganz einfach, weil es möglich ist, es braucht gar nicht gut oder sinnvoll zu sein. Aber seit ich allein lebe, komme ich im Winter überhaupt gern hierher, zwischen fünf und sieben. Ich mag diesen roten Salon mit dem Mobiliar aus dem letzten Jahrhundert, die alten Konditoreifräuleins, die Spiegelfenster und das Großstädtische des Platzes davor, die Leute, die ein und aus gehen. Etwas Warmes ist in alldem, ein Hauch von Jahrhundertwende. Und hier gibt es den besten Tee, hast du es gemerkt? …
Ich weiß, heute gehen die Frauen nicht mehr in die Konditorei, sondern ins Espresso, wo alles rasch abgewickelt wird und man sich nicht bequem hinsetzen kann, der Kaffee kostet vierzig Fillér, und zu Mittag ißt man einen Salat, das ist die neue Welt. Ich hingegen gehöre noch zur alten Welt, ich brauche noch diese feine Konditorei mit ihrem Mobiliar, ihren Seidentapeten und ihren alten Gräfinnen und Erzherzoginnen und Spiegelschränken. Ich sitze nicht täglich hier, wie du dir wohl denken kannst, aber im Winter schaue ich ab und zu herein, es ist ein angenehmer Ort. Früher haben wir uns oft hier getroffen, mein Mann und ich, zur Teezeit, nach sechs, wenn er aus dem Büro kam.
Ja, auch jetzt ist er aus dem Büro gekommen. Zwanzig nach sechs, das ist seine Zeit. Noch heute kenne ich jeden seiner Schritte so genau, als lebte ich sein Leben. Um fünf vor sechs klingelt er nach dem Diener, sein Mantel und Hut werden abgebürstet, man hilft ihm hinein, dann macht er sich auf den Weg, läßt den Wagen vorausfahren und folgt zu Fuß, um frische Luft zu schöpfen. Er hat zuwenig Bewegung, deshalb ist er so blaß. Vielleicht auch aus anderen Gründen, was weiß ich. Ich weiß es nicht, weil ich ihn nie sehe, nie mit ihm rede, seit drei Jahren nicht mehr. Ich mag die zartbitteren Scheidungen nicht, bei denen die Ehehälften Arm in Arm aus dem Gericht kommen, im berühmten Stadtwäldchen-Restaurant gemeinsam zu Mittag essen, aufmerksam und liebevoll miteinander, als wäre nichts geschehen, bis dann nach erfolgter Scheidung und erfolgtem Mittagessen jeder seinen Weg geht. Ich bin eine Frau von anderen Sitten und anderem Temperament. Ich glaube nicht daran, daß Mann und Frau nach der Scheidung gute Freunde bleiben können. Eine Ehe ist eine Ehe, und eine Scheidung ist eine Scheidung. So sehe ich das.
Und du, was meinst du? Allerdings warst du ja nie verheiratet.
Siehst du, ich glaube nicht, daß etwas, das die Menschen erfinden und dann jahrtausendelang bedenkenlos wiederholen, eine reine Formalität ist. Für mich ist die Ehe wirklich etwas Heiliges. Und die Scheidung halte ich für ein Sakrileg. So bin ich erzogen worden. Aber ich glaube das auch aus anderen Gründen, nicht nur, weil mich meine Erziehung und meine Religion dazu zwingen. Ich glaube es, weil ich eine Frau bin und die Scheidung für mich ebensowenig eine leere Formalität ist wie die Zeremonie auf dem Standesamt und in der Kirche, die Körper und Seelen endgültig bindet. Und genauso werden bei der Scheidung die Schicksale endgültig getrennt und auseinandergerissen. Als wir uns scheiden ließen, bildete ich mir keinen Augenblick ein, mein Mann und ich könnten »Freunde« bleiben. Er war natürlich nach wie vor höflich und aufmerksam und auch großzügig, so wie es Sitte und Brauch verlangen. Ich hingegen war weder höflich noch großzügig, sogar den Flügel habe ich mitgenommen, ja, so richtig rachelüstern; am liebsten hätte ich die ganze Wohnung eingepackt, samt Vorhängen und allem. Im Augenblick der Scheidung bin ich zu seiner Feindin geworden, und das bleibe ich auch, solange ich lebe. Mich braucht er nicht zu einem freundschaftlichen Abendessen ins Stadtwäldchen einzuladen, ich bin nicht gewillt, die reizende Frau zu spielen, die zu ihrem Exmann in die Wohnung geht, um nach dem Rechten zu sehen, weil der Diener die Wäsche stiehlt. Meinetwegen mag man ihm alles stehlen, und wenn ich eines Tages höre, er sei krank, dann gehe ich trotzdem nicht hin. Warum? … Weil wir geschieden sind, versteh’s doch. Damit kann man sich nicht abfinden.
Wart mal, das will ich doch zurücknehmen, das mit der Krankheit. Ich möchte nicht, daß er krank wird. Da würde ich ihn doch besuchen, im Sanatorium. Was lachst du? … Lachst du mich aus? Du meinst, ich hoffe, er würde krank, und ich könnte ihn besuchen? Na klar hoffe ich das. Solange ich lebe, werde ich hoffen. Aber sehr krank soll er doch nicht werden. Wie bleich er war, hast du gesehen? … Seit ein paar Jahren ist er immer so bleich.
Ich erzähle dir alles. Hast du Zeit? Ich habe sehr viel Zeit, leider.
Da kommt schon das Eis. Weißt du, es war so, daß ich nach dem Internat in einem Büro arbeitete. Da schrieben wir uns noch, oder? Du bist zwar gleich nach Amerika gegangen, aber eine Zeitlang schrieben wir uns doch noch, drei, vier Jahre lang, glaube ich. Ich erinnere mich, daß zwischen uns eine ungesunde, dumme Backfischliebe war, von der ich jetzt nachträglich nicht sehr viel halte. Offenbar kann man nicht ohne Liebe leben. Damals liebte ich also dich. Außerdem wart ihr reich, wir hingegen waren der Mittelstand, drei Zimmer, Küche, Eingang vom Hinterhaus her. Ich blickte zu dir auf … und unter jungen Leuten ist eine solche Bewunderung schon eine Art Gefühlsbeziehung. Auch ich hatte ein Fräulein, aber bei uns bekam sie das Badewasser second hand, sie mußte nach mir baden. Solche Einzelheiten sind sehr wichtig. Zwischen Armut und Reichtum gibt es erschreckend viele Schattierungen. Und innerhalb der Armut, was meinst du, wie viele Schattierungen es nach unten gibt? … Du bist reich, du kannst nicht wissen, was für ein riesiger Unterschied zwischen monatlich vierhundert und monatlich sechshundert besteht. Zwischen monatlich zweitausend und zehntausend ist der Unterschied nicht so groß. Ich weiß, wovon ich rede. Bei uns zu Hause gab es monatlich achthundert. Mein Mann hatte monatlich sechstausendfünfhundert. Daran mußte man sich gewöhnen.
Bei ihnen zu Hause war alles ein bißchen anders als bei uns. Wir wohnten in einer Mietwohnung, sie in einer Mietvilla. Wir hatten einen Balkon mit Geranien, sie einen kleinen Garten mit zwei Blumenbeeten und einem alten Nußbaum. Wir hatten einen gewöhnlichen Eisschrank, für den wir im Sommer Eisblöcke kauften, während es bei meinen Schwiegereltern einen kleinen elektrischen Kühlschrank gab, der auch hübsche regelmäßige Eiswürfel herstellte. Wir hatten ein Mädchen für alles, sie ein Ehepaar, Diener und Köchin. Wir hatten drei Zimmer, sie vier, das Entree eingerechnet eigentlich fünf. Sie hatten eben ein Entree, mit hellen Chiffonbezügen an den Türen, wir hatten bloß einen Flur, in dem auch der Eisschrank stand, ein dunkler Pester Flur mit Bürstenablage und altmodischem Garderobenständer. Bei uns gab es ein Dreiröhrenradio, und dieser Apparat, den Vater auf Raten gekauft hatte, »fing« Sendungen, wie es ihm gerade gefiel; sie hingegen hatten ein schrankartiges Möbel, Radio und Grammophon zugleich, das die Schallplatten automatisch abspielte und wechselte und mit dem man sogar Japan hören konnte. Ich war nach dem Prinzip erzogen, daß man sich durchs Leben schlagen muß. Er war nach dem Prinzip erzogen, daß man vor allem leben muß, fein, gesittet, geregelt, weil das am wichtigsten ist. Das sind riesige Unterschiede. Aber damals wußte ich das noch nicht.
Zu Beginn unserer Ehe sagte mein Mann eines Tages beim Frühstück: »Diese malvenfarbenen Bezüge im Eßzimmer sind ein bißchen ermüdend. Sie sind so laut wie fortwährendes Geschrei. Schau dich doch in der Stadt um, meine Liebe, und such auf den Herbst neue Bezüge.«
Zwölf Stühle, die man mit einem weniger »ermüdenden« Stoff neu beziehen sollte. Ich blickte ihn verwirrt an und dachte, er mache Spaß. Aber keineswegs, er las die Zeitung und blickte ernst vor sich hin. Es war klar, daß er sich überlegt hatte, was er sagte, und daß ihn die Malvenfarbe tatsächlich irritierte. Ich will ja auch nicht leugnen, daß sie ein bißchen gewöhnlich war. Meine Mutter hatte sie ausgesucht, es waren ganz neue Bezüge. Nachdem er aus dem Haus gegangen war, mußte ich weinen. Ganz begriffsstutzig war ich ja nicht, ich wußte genau, was er hatte sagen wollen … Etwas, das man direkt und unverblümt nicht sagen konnte, nämlich daß zwischen seinem und meinem Geschmack ein Unterschied bestand, daß ich aus einer anderen Welt kam, auch wenn ich alles konnte, alles gelernt hatte und so wie er zum Mittelstand gehörte. Bloß war um mich herum alles eine Nuance anders, einen Hauch anders gefärbt, als ihm lieb und vertraut war. Der Bürgerliche ist für solche Schattierungen viel empfänglicher als der Aristokrat. Der Bürgerliche muß sich bis zu seinem Lebensende bestätigen. Der Aristokrat hat sich schon bestätigt, als er zur Welt gekommen ist. Der Bürgerliche ist gezwungen, sich fortwährend etwas zuzulegen oder zu bewahren. Mein Mann gehörte nicht mehr zu der Generation, die sich Dinge zulegt, und zur zweiten, der bewahrenden Generation gehörte er eigentlich auch nicht mehr. Davon hat er einmal gesprochen. Er las ein deutsches Buch, und er sagte, in diesem Buch habe er die Antwort auf die große Frage des Lebens gefunden.
Ich mag solche »großen Fragen« nicht – mir scheint, um einen Menschen herum gibt es immer Tausende von kleinen Fragen, und nur das Ganze, als ein Gesamt, ist wichtig –, und ich fragte ein bißchen spöttisch: »Meinst du im Ernst, daß du dich schon völlig kennst?«
»Aber sicher«, sagte er. Und er blickte mich durch seine Brille so offenherzig an, daß ich meine Frage bereute.
»Ich bin ein Künstler, bloß habe ich kein Objekt. Das kommt bei Bürgerlichen häufig vor. Es ist das Ende einer Familie.«
Dann sprach er nie mehr davon.
Ich verstand ihn damals nicht. Er schrieb nicht, er malte nicht, er machte keine Musik. Er verachtete Dilettanten. Aber er las viel, »systematisch« – so sagte er –, ein bißchen zu systematisch für meinen Geschmack. Ich las mit Leidenschaft, nach Lust und Laune. Er las, als erfülle er eine heilige Pflicht. Hatte er einmal ein Buch angefangen, so hörte er nicht auf, bis er damit fertig war, auch wenn es ihn ärgerte oder langweilte. Das Lesen war für ihn sakrosankt, er verehrte das gedruckte Wort wie die Priester ihre heiligen Texte. Und genauso hielt er es mit der Malerei, mit dieser Gesinnung ging er ins Museum, ins Theater, ins Konzert. Zu alldem hatte er eine echte Affinität. Er hatte zu allem Seelischen eine Affinität. Meine Affinität galt nur ihm.
Bloß hatte er kein »Objekt«. Er leitete die Fabrik, reiste viel, beschäftigte auch Künstler und bezahlte sie besonders gut. Doch er achtete sehr darauf, seinen Geschmack, der viel feiner war als der Geschmack der meisten seiner Angestellten und Berater, niemandem aufzuzwingen. Er versah jeden seiner Sätze mit einem Schalldämpfer, stets schien er sich zartfühlend und höflich für etwas zu entschuldigen, scheinbar ratlos und hilfebedürftig. Daneben konnte er bei wichtigen Entscheidungen, in geschäftlichen Angelegenheiten, auch starrköpfig sein.
Weißt du, was er war? Eine ganz seltene Erscheinung. Ein Mann.
Aber nicht in der Art des theatralischen Amoroso. Nicht so, wie man von einem Boxchampion sagt, er sei männlich. Seine Seele war männlich, nachdenklich und konsequent, unruhig, suchend und mißtrauisch. Auch das wußte ich damals noch nicht. Man findet so etwas nur mit großer Mühe heraus.
Im Internat haben wir so etwas nicht gelernt, du und ich, was? …
Vielleicht sollte ich damit beginnen, daß er mir eines Tages seinen Freund vorstellte, Lázár, den Schriftsteller. Kennst du ihn? … Hast du seine Bücher gelesen? … Ich habe sie alle gelesen. Habe sie geradezu durchwühlt, als steckte in seinen Büchern ein Geheimnis, das auch das Geheimnis meines Lebens war. Doch am Ende habe ich keine Antwort gefunden. Für solche Geheimnisse gibt es keine Antwort. Nur das Leben antwortet, manchmal auf völlig überraschende Art. Zuvor hatte ich von diesem Schriftsteller keine einzige Zeile gelesen. Sein Name war mir zwar ein Begriff, aber ich wußte nicht, daß mein Mann ihn persönlich kannte, daß sie Freunde waren. Eines Abends kam ich nach Hause, und da waren mein Mann und der Schriftsteller. Und etwas ganz Seltsames fing an. Es war der Augenblick, im dritten Jahr unserer Ehe, als mir zum erstenmal bewußt wurde, daß ich meinen Mann nicht kannte. Ich lebte mit einem Menschen zusammen und kannte ihn nicht. Hatte manchmal gedacht, alles von ihm zu wissen, und dann stellte sich heraus, daß ich von seinen wirklichen Freuden, Vorlieben und Sehnsüchten keine Ahnung hatte. Weißt du, was die beiden an jenem Abend machten? …
Sie spielten.
Aber auf eine so seltsame, beunruhigende Art!
Sie spielten nicht etwa Rommé, keineswegs. Meinem Mann waren mechanische Vergnügungen wie das Kartenspiel sowieso zuwider. Vielmehr spielten sie ein so groteskes und ein bißchen unheimliches Spiel, daß ich anfangs kein Wort verstand und beklommen ihre Reden anhörte, als wäre ich unter Verrückte geraten. In der Gesellschaft dieses Menschen war mein Mann ganz verändert.
Ich kam also im dritten Jahr unserer Ehe eines Abends nach Hause und fand im Wohnzimmer meinen Mann und einen fremden Herrn vor, der freundlich zu mir trat, auf meinen Mann deutete und sagte: »Grüß Gott, Ilonka. Du bist mir nicht böse, daß ich Péter mitgebracht habe, nicht wahr? …«
Und er zeigte auf meinen Mann, der aufstand und mich verlegen ansah. Ich dachte, die sind verrückt geworden. Aber sie kümmerten sich nicht groß um mich.
Der Fremde sagte noch, während er meinem Mann auf die Schulter klopfte: »Wir sind uns auf der Arénastraße begegnet. Stell dir vor, er wollte gar nicht stehenbleiben, der Trottel, er hat bloß gegrüßt und ist weitergegangen. Das habe ich natürlich nicht zulassen können. Ich habe zu ihm gesagt: ›Péter, alter Esel, du bist doch nicht etwa verstimmt?‹ Dann habe ich ihn am Arm gepackt und mitgebracht. Na, Kinder«, sagte er und breitete die Arme aus, »umarmt euch. Ich gestatte sogar ein Küßchen.«
Du kannst dir denken, wie ich mich gefühlt habe. Mit Hut, Handschuhen und Tasche stand ich mitten im Zimmer wie ein benommenes Schaf und starrte die beiden an. Meine erste Regung war, zum Telephon zu laufen und den Hausarzt oder die Ambulanz zu rufen. Oder die Polizei.
Doch da trat mein Mann zu mir, küßte mir verlegen die Hand und sagte mit gesenktem Kopf: »Es sei alles vergessen und vergeben, Ilonka. Ich freue mich, daß ihr zwei glücklich seid.«
Dann setzten wir uns zum Abendessen an den Tisch. Der Schriftsteller saß an Péters Platz und gab Anweisungen, als wäre er der Hausherr. Mich duzte er. Das Dienstmädchen dachte natürlich auch, wir hätten den Verstand verloren, und ließ vor Schreck die Salatschüssel fallen. An dem Abend erklärten sie mir das Spiel nicht. Weil es gerade der Witz war, daß ich nichts begriff. So hatten sie es ausgemacht, als sie auf mich warteten, und sie spielten perfekt, wie zwei professionelle Schauspieler. Das Spiel ging so, daß ich mich schon vor vielen Jahren von Péter hatte scheiden lassen und diesen Schriftsteller, den Freund meines Mannes, geheiratet hatte. Péter war beleidigt auf und davon und hatte uns alles zurückgelassen, die Wohnung, samt Möbeln und allem. Jetzt war also der Schriftsteller mein Mann, und er hatte Péter auf der Straße angetroffen, ihn am Arm genommen und gesagt: »Jetzt sei doch nicht so, was geschehen ist, ist geschehen, komm zu uns zum Abendessen, auch Ilonka möchte dich gern wiedersehen.« Und so ist Péter mitgekommen. Und jetzt sind wir alle drei in der Wohnung beisammen, in der ich früher mit Péter gelebt habe, und wir sitzen freundschaftlich beim Abendessen, der Schriftsteller ist mein Mann, er schläft in Péters Bett, er hat in meinem Leben Péters Platz eingenommen … Verstehst du? Das spielten sie wie die Verrückten.
Das Spiel hatte aber auch seine Feinheiten.
Péter spielte, er sei gehemmt, weil ihn die Erinnerungen quälten. Der Schriftsteller spielte, er sei übertrieben locker, weil die Situation im Grunde auch ihn befangen machte und weil er Péter gegenüber Schuldgefühle hatte. Deshalb wäre er so laut und jovial. Ich spielte … nein, ich spielte gar nichts, ich saß bloß zwischen den beiden und starrte sie abwechselnd an, während sie, zwei erwachsene, intelligente Menschen, diesen Blödsinn von sich gaben. Am Ende verstand ich natürlich die Schattierungen des Spiels und machte bei diesem seltsamen Gesellschaftsvergnügen mit. Ich verstand aber auch noch etwas anderes.
Ich verstand, daß mein Mann, von dem ich gedacht hatte, er sei ganz mein, mit Haut und Haar, wie man sagt, mit allen Geheimnissen seiner Seele, daß dieser Mann überhaupt nicht mein war, sondern ein Fremder, der durchaus Geheimnisse hatte. Es war, als hätte ich etwas über ihn erfahren, zum Beispiel daß er im Gefängnis gewesen war oder daß er sich krankhaften Leidenschaften hingab, etwas, das überhaupt nicht zu dem Bild paßte, das ich mir in den vorangegangenen Jahren im Herzen von ihm gemacht hatte. Ich verstand, daß mein Mann nur in einer bestimmten Hinsicht mein Vertrauter war, sonst aber ein so rätselhafter, fremder Mensch wie dieser Schriftsteller, den er auf der Straße aufgegabelt und mitgebracht hatte, um dann ein bißchen gegen mich und über meinen Kopf hinweg mit ihm ein aberwitziges, unverständliches Spiel zu spielen. Ich verstand, daß mein Mann noch eine andere Welt hatte, nicht nur die, in der ich mit ihm lebte.
Und ich verstand, daß dieser Mensch, dieser Schriftsteller, Macht über die Seele meines Mannes besaß.
Sag mir, was ist Macht? … Es wird so viel darüber geschrieben und geredet. Was ist politische Macht, woran liegt es, daß ein Mensch seinen Willen auf Millionen zu übertragen vermag? Und worin besteht unsere Macht, unsere weibliche Stärke? In der Liebe, sagst du. Mag sein. Ich habe hin und wieder meine Zweifel. Nein, ich leugne die Liebe nicht, gar nicht. Sie ist die größte Kraft auf Erden. Und doch habe ich manchmal das Gefühl, daß die Männer, die uns lieben, weil sie nicht anders können, die ganze Sache auch ein bißchen verachten. In jedem richtigen Mann ist eine Zurückhaltung, als würde er einen Bereich seines Wesens, seiner Seele vor der geliebten Frau verschließen, als würde er sagen: »Bis hierher, Liebes, und nicht weiter. Hier, im siebten Zimmer, will ich allein sein.« Die dummen Frauen regen sich darüber auf. Die klugen sind traurig, dann werden sie neugierig, und dann finden sie sich damit ab.
Und was ist die Macht, die Macht eines Menschen über die Seele eines andern? Was für eine Macht hatte dieser unglückliche, unruhige, intelligente, furchterregende und doch auch unvollkommene, verletzte Mann, dieser Schriftsteller, über die Seele meines Mannes?
Denn diese Macht besaß er, eines Tages erfuhr ich das, eine unheilvolle, unbedingte Macht. Viel später einmal sagte mein Mann, der Freund sei in seinem Leben der »Augenzeuge«. Er versuchte mir das zu erklären. Er sagte, im Leben eines jeden Menschen gebe es einen Augenzeugen, den man von Jugend auf kenne, und dieser andere sei stärker, und man setze alles daran, um das Schlechte, das in einem ist, vor diesem ungnädigen Richter geheimzuhalten. Der Augenzeuge glaubt einem nicht. Er weiß etwas, das andere nicht wissen. Man wird zum Minister ernannt, man bekommt den Nobelpreis, doch der Augenzeuge lächelt nur. Glaubst du das auch? …
Und er sagte auch noch, man mache im Leben alles ein wenig mit Blick auf diesen Augenzeugen, er sei es, den man überzeugen, dem man etwas beweisen wolle. Die Karriere, die großen Anstrengungen des Lebens unternehme man vor allem seinetwegen. Kennst du die heikle Situation, wenn der junge Ehemann seiner Frau »den« Freund vorstellt, den großen Kumpel, und wie er dann aufgeregt die Wirkung beobachtet, ob die Frau dem Freund gefällt, ob er die Wahl billigt? … Der Freund gibt sich natürlich wichtigtuerisch zuvorkommend, aber insgeheim ist er immer eifersüchtig, denn in jedem Fall ist er es, der von der Frau aus einer Gefühlsbeziehung verdrängt wird, er, der Freund. So irgendwie sahen sie mich an jenem Abend. Nur war ihnen das auch weitgehend klar, denn die beiden wußten etliches, von dem ich damals noch keine Ahnung hatte.
Immerhin hörte ich an dem Abend aus ihren Gesprächen heraus, daß diese beiden Komplizen, mein Mann und der Schriftsteller, über die Beziehungen zwischen Frauen und Männern, über die Beziehungen zwischen den Menschen etwas wußten, wovon mein Mann nie mit mir sprach. Als ob ich es nicht wert wäre, in alles eingeweiht zu werden.
Sowie der seltsame Gast nach Mitternacht gegangen war, stellte ich mich vor meinen Mann hin und fragte ganz offen: »Du verachtest mich ein wenig, nicht wahr?«
Er sah mich durch den Rauch seiner Zigarette müde zwinkernd an, als habe er an einem Zechgelage teilgenommen und müßte sich jetzt in Katerstimmung meine Vorwürfe anhören. Tatsächlich hatte dieser Abend, da mein Mann zum erstenmal den Schriftsteller mitgebracht und mit ihm dieses komische Spiel gespielt hatte, einen übleren Nachgeschmack als eine durchzechte Nacht. Wir waren beide müde und auf eine irgendwie bittere Art bedrückt.
»Nein«, sagte er ernst. »Ich verachte dich nicht, überhaupt nicht. Wie kommst du darauf? Du hast Verstand und starke Instinkte«, sagte er mit Nachdruck.
Mir war das nicht geheuer. Wir saßen uns am abgeräumten Tisch gegenüber – statt nach dem Essen in den Salon hinüberzuwechseln, hatten wir den ganzen Abend am Tisch gesessen, zwischen Haufen von Zigarettenstummeln und leeren Flaschen, denn der Gast war ein »Tischsitzer« –, und ich sagte mißtrauisch: »Ich habe Verstand und Instinkte, ja. Aber wie denkst du über meinen Charakter und meine Seele?«
Ich spürte, daß diese Frage ein bißchen pathetisch klang. Mein Mann schaute mich aufmerksam an. Aber er antwortete nicht.
Als ob er sagen wollte: »Das ist mein Geheimnis. Begnüge dich damit, daß ich deinen Verstand und deine Instinkte anerkenne.«
So irgendwie fing es an. An diesen Abend dachte ich noch lange.
Der Schriftsteller kam selten zu uns. Auch mit meinem Mann traf er sich nicht oft. Aber wenn sie sich doch einmal begegnet waren, merkte ich es, so wie die eifersüchtigen Frauen an ihren Männern sofort den Duft eines flüchtigen Abenteuers ausmachen, den Parfumdunst spüren, der von einer weiblichen Berührung auf der Haut des Mannes zurückgeblieben ist. Selbstverständlich war ich auf den Schriftsteller eifersüchtig, und anfänglich lag ich meinem Mann in den Ohren, er solle ihn doch wieder einmal zum Essen mitbringen.
Aber er wollte nicht und war verlegen. »Er geht nicht unter die Leute«, sagte er und blickte an mir vorbei. »Er ist ein Sonderling. Ein Schriftsteller. Er arbeitet.«
Ich merkte aber, daß sie sich doch manchmal trafen. Ich sah sie zufällig von der Straße her in einem Kaffeehaus, und da spürte ich zum erstenmal einen krankhaften, wilden Schmerz, als verletzte mich jemand mit einem spitzen Gegenstand, mit einem Messer oder einer Nadel. Sie sahen mich nicht, denn sie saßen in einer Nische des Kaffeehauses, mein Mann sagte etwas, und sie lachten beide. Sein Gesicht war wieder so fremd, so anders als zu Hause, anders, als ich es kannte. Ich ging rasch weiter und spürte, daß ich blaß geworden war. Mir war ganz seltsam zumute.
»Bist du verrückt«, dachte ich, »was willst du? … Dieser Mann ist sein Freund, ein berühmter Schriftsteller, ein merkwürdiger, intelligenter Mensch. Es ist nichts dabei, daß sie sich gelegentlich treffen. Was willst du von ihnen? … Warum klopft dein Herz? … Hast du Angst, daß sie dich nicht als dritte mitspielen lassen, bei einem ihrer bizarren Spiele? … Hast du Angst, daß sie dich für zuwenig intelligent oder gebildet halten? Bist wohl eifersüchtig?«
Darüber mußte ich lachen. Aber das wilde Herzklopfen hörte nicht auf. Mein Herz raste wie damals, als ich den Kleinen erwartete und ins Sanatorium mußte. Ich lief weiter, so rasch ich konnte, mit dem Gefühl, daß sie mich betrogen, von etwas ausschlossen. Mein Verstand sah zwar alles ein und fand es in Ordnung. Mein Mann wollte nicht, daß ich diesen seltsamen Fremden traf, den nur er kannte, weil sie gemeinsam jung gewesen waren. Auch sonst war er ja nicht besonders mitteilsam. Und doch hatte ich das Gefühl, ein bißchen hereingelegt zu werden. An dem Abend kam mein Mann zu gewohnter Zeit nach Hause, und ich hatte immer noch Herzklopfen.
»Wo warst du?« fragte ich, als er mir die Hand küßte.
»Wo ich war?« Er blickte in die Luft. »Nirgends. Ich bin gleich nach Hause gekommen.«
»Du lügst«, sagte ich.
Er sah mich lange an. Dann sagte er gleichgültig, fast schon gelangweilt: »Stimmt. Das habe ich vergessen. Ich habe unterwegs Lázár getroffen. Wir sind in ein Kaffeehaus gegangen. Ja, das habe ich vergessen. Hast du uns dort gesehen?«
Seine Stimme klang ehrlich, ruhig und erstaunt. Ich schämte mich.
»Verzeih mir«, sagte ich. »Es ist ein ungutes Gefühl, nichts von diesem Menschen zu wissen. Ich glaube, er ist nicht wirklich dein Freund. Der meine auch nicht, nicht unser Freund. Laß ihn, geh ihm aus dem Weg«, bat ich.
Mein Mann sah mich neugierig an: »Aber nein«, sagte er und rieb an seiner Brille herum, so sorgfältig wie immer, »Lázár braucht man nicht aus dem Weg zu gehen. Der drängt sich nicht auf.«
Und er erwähnte diesen Menschen nicht mehr.
Jetzt wollte ich aber alles wissen, was Lázár betraf. Ich las seine Bücher, ein paar fand ich in der Bibliothek meines Mannes, mit seltsamen handschriftlichen Widmungen versehen. Was an ihnen seltsam war? … Sie waren so … wie soll ich sagen … so ehrfurchtslos … nein, das ist nicht das richtige Wort … sie waren so merkwürdig höhnisch. Als ob der Autor den Adressaten der Widmung verachtete, aber auch seine eigenen Bücher und sich selbst, weil er diese Bücher schrieb. Da war etwas Herabsetzendes, Bitteres und Trauriges in diesen Widmungen. Etwas wie: »Ja, ja, ich kann nicht anders, aber ich identifiziere mich nicht damit.« Für mich waren bis dahin die Schriftsteller eine Art weltliche Priester. Und in seinen Büchern redete dieser Mann so ernst zur Welt! … Ich verstand nicht alles, was er schrieb. Es war, als würde er mich, die Leserin, nicht für wert befinden, alles zu erfahren … Übrigens war das etwas, worüber sowohl unter den Kritikern als auch unter den Lesern viel gesprochen wurde. Wie alle berühmten Leute wurde auch dieser Schriftsteller von vielen abgelehnt. Er selbst äußerte sich nie über seine Bücher oder über die Literatur. Hingegen wollte er alles wissen. Eines Abends kam er zu uns, und ich mußte ihm erklären, wie man Hasenpfeffer macht … Hast du schon so etwas gehört? … Ja, Hasenpfeffer. Ich mußte ihm alles sagen, und dann mußte auch noch die Köchin hereingerufen werden. Danach redete er, und zwar sehr interessant, von Giraffen. Er redete von allem möglichen, denn er wußte viel; bloß von der Literatur sprach er nie.
Die spinnen alle ein wenig, sagst du? … So etwas dachte ich auch. Doch dann bin ich zur Überzeugung gelangt, daß die Sache, wie alles im Leben, nicht so einfach ist. Sie spinnen nicht, sondern sie sind unglaublich prüde.
Und dann kam Lázár nicht mehr. Wir lasen nur noch seine Bücher und Artikel. Manchmal wurde er mit Politikern und berühmten Frauen in Zusammenhang gebracht, aber das war alles ziemlich vage. Die Politiker schworen, daß der große Mann ihrer Partei angehöre, die Frauen rühmten sich, das seltene wilde Tier an die Kette gelegt zu haben. Doch am Ende verkroch sich das wilde Tier in seine Höhle. Es vergingen Jahre, ohne daß wir ihn sahen. Was er in dieser Zeit tat? … Ich weiß es nicht. Er lebte. Las. Schrieb. Vielleicht zauberte er auch. Darüber will ich dann noch etwas sagen.
Es vergingen fünf Jahre. Ich habe acht Jahre mit meinem Mann zusammengelebt. Der Kleine wurde im dritten Jahr geboren. Ein Junge, ja. Ich habe dir seine Photographie geschickt. Ein wunderschönes Kind, ich weiß. Dann habe ich nicht mehr geschrieben, weder dir noch sonst jemandem, ich lebte nur noch für das Kind. Es gab niemanden mehr für mich, weder in der Nähe noch in der Ferne. Man darf nicht so sehr lieben, niemanden darf man so sehr lieben, nicht einmal das eigene Kind. Jede Liebe ist wild gewordener Egoismus. Ja nun, als das Kind geboren wurde, brach unser Briefwechsel ab. Du warst meine einzige Freundin, aber auch dich brauchte ich nicht mehr. Die zwei Jahre mit dem Kind waren das Glück auf Erden, eine Art ekstatischer Ruhe und Besorgtheit. Ich wußte, daß das Kind nicht lange leben würde. Woher ich das wußte? … So etwas weiß man einfach. Wir spüren alles, unser ganzes Schicksal. Ich wußte, daß ein solches Glück, so viel Schönheit und Liebe, wie dieser kleine Junge in sich vereinte, mir nicht zukamen. Ich wußte, daß er sterben würde. Schilt mich nicht, verdamm mich nicht. Ich weiß es besser. Doch jene zwei Jahre waren das Glück. Er starb an Scharlach. Drei Wochen nach seinem zweiten Geburtstag, im Herbst.
Sag, warum sterben kleine Kinder? Hast du je darüber nachgedacht? Ich nämlich schon, viel und oft. Aber Gott antwortet nicht auf solche Fragen.
Ich habe im Leben nichts zu tun, also denke ich darüber nach. Ja, auch jetzt noch. Solange ich lebe. Diesen Schmerz überwindet man nie. Der Tod eines Kindes, das ist der einzige echte Schmerz. Jeder andere Schmerz ist nur eine Annäherung. Du kennst das nicht, ich weiß. Und siehst du, ich weiß gar nicht, ob ich dich dafür beneiden oder bemitleiden soll … Ich glaube, ich bemitleide dich.
Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn nicht im dritten Jahr das Kind geboren wäre. Und vielleicht wäre es auch anders gekommen, wenn es am Leben geblieben wäre. Vielleicht … Denn das Kind ist zwar das größte Wunder, der einzige Sinn des Lebens, aber machen wir uns nichts vor, und so will ich dir auch gleich sagen, daß ich nicht glaube, ein Kind könne lösen, was es zwischen zwei Menschen an versteckten Spannungen und unerledigten Verwicklungen gibt. Aber lassen wir das. Eines Tages wurde also das Kind geboren, es lebte zwei Jahre, dann ist es gestorben. Mein Mann und ich blieben noch zwei Jahre zusammen, dann haben wir uns scheiden lassen.
Heute bin ich sicher, daß wir uns im dritten Jahr getrennt hätten, wenn nicht das Kind dazwischengekommen wäre. Wieso? … Weil ich da schon wußte, daß ich mit meinem Mann nicht leben kann. Es ist etwas vom Schmerzlichsten, wenn man jemanden liebt und nicht mit ihm leben kann.
Warum? … Er hat es einmal gesagt, als ich unbedingt von ihm wissen wollte, was zwischen uns nicht richtig sei. Er sagte: »Du verlangst von mir, daß ich auf meine Menschenwürde verzichte. Das kann ich nicht. Lieber sterbe ich.«
Ich verstand ihn gleich, und ich sagte: »Stirb nicht. Besser, du lebst und bleibst ein Fremder.«
Denn wenn er etwas sagte, tat er es auch, so war er. Vielleicht tat er es nicht sofort, sondern er sagte etwas und führte es nach Jahren aus. Andere reden einfach so daher, von Plänen und Möglichkeiten, nach dem Abendessen, beiläufig, um es dann gleich wieder zu vergessen. Mein Mann hingegen war konsequent. Er schien an seine Worte gebunden, und was er einmal gesagt hatte, ließ er nicht mehr los. Wenn er sagte: »Lieber sterbe ich«, so mußte ich wissen, daß dieser Mensch tatsächlich eher sterben würde, als sich mir zu ergeben. Das war sein Charakter und sein Schicksal … Zuweilen ließ er im Gespräch ein paar Worte fallen, urteilte über einen Menschen, erwähnte einen Plan, und dann vergingen Jahre, in denen er nicht davon redete, bis ich eines Tages merkte, daß der Mensch, den er verurteilt hatte, aus unserem Leben verschwunden war, daß der Plan, den er nebenbei erwähnt hatte, Wirklichkeit geworden war. Im dritten Jahr wußte ich bereits, daß wir große Probleme miteinander hatten. Mein Mann war zwar höflich, zärtlich, und er liebte mich auch. Er betrog mich nicht, er hatte keine anderen Frauen. Und doch … du, schau jetzt nicht her, ich glaube, ich werde rot … Und doch fühlte ich mich in den ersten drei und den letzten zwei Jahren unserer Ehe nicht so wie seine Frau, sondern … na ja. Sicher, er liebte mich. Aber gleichzeitig duldete er mich auch einfach nur, in seiner Wohnung, in seinem Leben. Es war etwas von freundlicher Nachsicht an ihm, als müsse er sich damit abfinden, daß auch ich dort lebte, im dritten Zimmer. Weil das eben die Ordnung der Dinge war. Er sprach gern und aufmerksam mit mir, nahm die Brille ab, hörte mich an, gab mir Ratschläge, machte zuweilen auch einen Spaß, oder wir gingen ins Theater, und ich sah, wie er mit verschränkten Armen und zurückgelegtem Kopf ein bißchen spöttisch, ein bißchen skeptisch den Leuten zuhörte. Denn auch den anderen Menschen ergab er sich nicht ganz. Er hörte sie ernst und verantwortungsbewußt an und gab dann eine Antwort, aber in seiner Stimme war ein leicht mitleidiger Ton, ein Wissen darum, daß in den menschlichen Angelegenheiten auch immer ein Anteil an Unbeholfenheit, Leidenschaft, Lüge und Verdrängung ist, so daß man nicht alles für wahr zu halten braucht, auch dann nicht, wenn jemand in gutem Glauben redet. Das durfte er den Leuten natürlich nicht sagen, und deshalb betrachtete er sie mit wohlwollender Überheblichkeit, mit Ernst und Skepsis, wobei er zwischendurch lächelnd den Kopf schüttelte, als wollte er sagen: »Bitte, fahren Sie ruhig fort. Ich weiß, was ich weiß.«
Du hast mich vorhin gefragt, ob ich ihn geliebt habe. Ich habe an seiner Seite viel gelitten. Aber ich bin sicher, daß ich ihn geliebt habe, und ich weiß auch, warum … Weil er traurig und einsam war und ihm niemand helfen konnte, nicht einmal ich. Doch wieviel Zeit mußte vergehen, wieviel Leiden, bis ich das begriff! Lange glaubte ich, er verachte mich, er schaue auf mich herab. Doch in dieser Haltung war noch etwas anderes. Dieser Mensch war im Alter von vierzig Jahren so einsam wie ein Einsiedler in der Wüste. Wir lebten in der Großstadt, auf großem Fuß, hatten viele Bekannte, einen weiten Gesellschaftskreis. Und waren einsam dabei.
Nur einmal im Leben, während eines Augenblicks, habe ich ihn von einer anderen Seite gesehen. Ich meine den Moment, als das Kind geboren war und dieser bleiche, traurige, einsame Mann ins Zimmer gelassen wurde. Er trat verlegen ein, als befürchtete er eine allzu menschliche, irgendwie peinliche Szene. Er blieb vor der Wiege stehen, beugte sich unsicher vor, wie es seine Gewohnheit war, die Arme auf dem Rücken verschränkt, äußerst behutsam. Ich war sehr müde, aber ich beobachtete ihn genau. Er beugte sich über die Wiege, und da erhellte sich für einen Augenblick das bleiche Gesicht, wie von innen erleuchtet. Aber er sagte nichts, sondern blickte lange und reglos auf das Kind, vielleicht zwanzig Minuten lang. Dann trat er zu mir, legte mir die Hand auf die Stirn und blieb wortlos so stehen. Er schaute mich nicht an, sondern starrte zum Fenster hinaus. Der Kleine war an einem nebligen Oktobermorgen zur Welt gekommen. Eine Zeitlang stand mein Mann noch an meinem Bett und strich mir mit heißer Hand über die Stirn. Dann begann er mit dem Arzt zu reden, als wäre die Sache nunmehr erledigt, so daß man zu anderem übergehen konnte.
Aber jetzt weiß ich, daß er in dem Augenblick, vielleicht das erste und das letzte Mal in seinem Leben, glücklich war. Vielleicht war er sogar bereit, etwas von dem Geheimnis preiszugeben, das er Menschenwürde nannte. Solange das Kind lebte, redete er anders mit mir, vertraulicher. Ich spürte zwar, daß ich immer noch nicht ganz zu ihm gehörte, daß dieser Mann mit sich rang, daß er einen inneren Widerstand, das merkwürdige Geflecht aus Hochmut, Angst, Kränkung und Mißtrauen zu überwinden suchte, weil es ihn hinderte, so zu sein wie andere Menschen. Um des Kindes willen wäre er bereit gewesen, sich mit der Welt zu versöhnen … Bis zu einem gewissen Grad. Für eine gewisse Zeit. Solange das Kind lebte, beobachtete ich mit wilder Hoffnung, wie dieser Mann mit seinem Charakter kämpfte. Wie ein Dompteur mit einem wilden Tier. Dieser wortkarge, stolze, traurige Mann bemühte sich, vertrauensvoll, bescheiden und demütig zu sein. Zum Beispiel brachte er Geschenke heim, kleine Geschenke. Es war zum Weinen. Denn er hatte eigentlich Hemmungen, Kleinigkeiten zu schenken. An Weihnachten und zum Geburtstag bekam ich von ihm immer etwas Edles, Kostspieliges, eine schöne Reise, einen Pelz, ein neues Auto, Juwelen … Nie aber war es so, wie ich es gern gehabt hätte, daß er einfach für zwanzig Fillér gebratene Kastanien mitbrachte. Verstehst du? … Oder Kandiszucker, oder was weiß ich. Jetzt aber war es so. Er war sehr großzügig, es mußte der beste Arzt, das schönste Kinderzimmer her, und auch diesen Ring habe ich damals von ihm bekommen … Ja, er ist wertvoll … Aber es kam auch vor, daß er mit verlegenem Lächeln ein feingehäkeltes Kinderjäckchen und ein Mützchen aus dem Seidenpapier wickelte. Er legte die Sachen auf den Kinderzimmertisch, lächelte schuldbewußt und ging rasch hinaus.
Wie gesagt, in solchen Augenblicken hätte ich weinen mögen. Vor Freude, voller Hoffnung. Und noch aus einem anderen Gefühl: aus Angst. Daß er es nicht schaffen würde, daß er den Kampf mit sich selbst nicht gewinnen könnte, daß wir es alle nicht schaffen würden, er nicht, das Kind nicht und ich auch nicht … etwas stimmte nicht. Aber was? … Ich betete, ging in die Kirche. Gott, hilf uns! sagte ich. Aber Gott weiß, daß nur wir selbst uns helfen können.
Das war sein ganz eigener Kampf, solange das Kind lebte.
Siehst du, jetzt bist du auch schon beunruhigt. Du fragst, was mit uns los war, was das für ein Mann war … Schwierige Frage, Liebes. Ich habe mir acht Jahre lang den Kopf darüber zerbrochen. Und auch seit wir geschieden sind, denke ich darüber nach. Manchmal meine ich die Antwort zu kennen. Doch jede Theorie ist verdächtig. Ich kann dir nur die Symptome schildern.
Du fragst, ob er mich geliebt habe … Ja, schon. Aber im Grunde glaube ich, daß er nur seinen Vater und sein Kind geliebt hat.
Zu seinem Vater war er zuvorkommend und ehrerbietig. Er besuchte ihn jede Woche. Meine Schwiegermutter aß einmal wöchentlich bei uns zu Mittag. Schwiegermutter, übles Wort! Diese Frau, die Mutter meines Mannes, war eins der vornehmsten Wesen, denen ich je begegnet bin. Als mein Schwiegervater starb und diese reiche, stolze Frau in der großen Wohnung allein blieb, da fürchtete ich, sie würde uns zur Belastung werden. Man ist voller Vorurteile. Denn diese Frau war rücksichtsvoll und hatte Takt. Sie zog in eine kleine Wohnung und fiel niemandem zur Last, sie erledigte den Kleinkram des Alltags allein, umsichtig und klug. Sie verlangte weder Mitleid noch Beistand. Selbstverständlich wußte sie etwas von ihrem Sohn, was ich nicht wissen konnte. Nur die Mütter kennen die Wahrheit. Sie wußte, daß ihr Sohn zärtlich, respektvoll und aufmerksam war, bloß … Liebte er sie nicht? Schrecklicher Gedanke. Aber lassen wir ihn doch zu, denn an der Seite meines Mannes habe ich gelernt – wir beide hatten es von Lázár –, daß die ungeschminkte Wahrheit eine reinigende, schöpferische Kraft hat. Zwischen Mutter und Sohn gab es nie Streit, nie eine Meinungsverschiedenheit. »Liebe Mutter«, sagte der eine, »Lieber Sohn«, antwortete die andere. Handkuß und Höflichkeitsrituale, aber kein vertrauliches Wort. Sie waren nie lange allein im selben Zimmer; einer von beiden stand immer auf und ging unter einem Vorwand hinaus, oder sie riefen jemanden zu sich herein. Sie hatten Angst, miteinander allein zu bleiben, als hätten sie dann sofort etwas besprechen müssen, und das wäre schiefgegangen, sehr schief, das Geheimnis, von dem sie beide nicht sprechen durften, wäre aufgedeckt worden. So ein Gefühl war das. Ob es wirklich so war? … Ja, so war es.
Ich hätte sie gern miteinander ausgesöhnt. Aber sie hatten ja gar keinen Streit! Manchmal tastete ich mich ganz vorsichtig, so wie man eine Wunde berührt, an diese Beziehung heran. Doch bei der ersten Berührung begannen sie erschrocken von etwas anderem zu reden. Was hätte ich auch sagen können? … Es gab nichts Handfestes, an dem Vorwürfe oder Klagen festzumachen gewesen wären. Hätte ich sagen können, daß Mutter und Sohn einander irgendwie schlecht behandelten? Nein, denn beide »erfüllten ihre Pflicht«. Das war ihr Alibi. Namenstage, Geburtstage, Weihnachten, all die größeren und kleineren Familienfeste wurden pflichtschuldigst gefeiert. Mütterchen bekam ein Geschenk, und Mütterchen brachte ein Geschenk mit. Mein Mann küßte ihr die Hand, und sie küßte ihn auf die Stirn. Mütterchen nahm am Familientisch den Ehrenplatz ein, und alle redeten respektvoll zu ihr, über die Angelegenheiten der Familie oder der Welt, und nie wurde diskutiert, sondern man hörte sich an, wie Mütterchen ihre Meinung leise, gemessen und höflich vorbrachte, und redete dann von anderem. Immer von anderem, leider … Ach, diese Familienfestessen! Diese Gesprächspausen! Dieses Über-anderes-Reden, dieses höfliche Verstummen. Ich konnte ihnen nicht sagen, konnte es zwischen Suppe und Fleisch, zwischen Geburtstag und Weihnachten, zwischen Jugend und Alter nicht sagen, daß sie immer von anderem redeten. Ich konnte nichts sagen, denn mein Mann redete auch mit mir »von anderem«, sein Schweigen und Verstummen machten auch mich leiden, so wie meine Schwiegermutter, und manchmal dachte ich schon, wir seien beide schuld daran, sie und ich, weil wir zu unverständig waren, weil wir das Geheimnis seiner Seele nicht erforscht und die Aufgabe nicht gelöst hatten, die einzige wahre Aufgabe des Lebens. Wir verstanden uns nicht auf diesen Mann. Sie hatte ihm das Leben geschenkt, ich hatte ihm ein Kind geschenkt … was kann eine Frau noch geben? … Du meinst, mehr nicht. Ich weiß es nicht. Eines Tages begann ich zu zweifeln. Ich will dir das jetzt erzählen, da wir uns getroffen haben und ich ihn gesehen habe, und ich spüre, wie sich das Ganze wieder in mir staut, so daß ich es jemandem erzählen muß, ich denke ja sowieso an nichts anderes. Also, ich erzähle es jetzt. Ermüdet es dich nicht? Hast du noch eine halbe Stunde Zeit? Vielleicht schaffe ich es.
Es war wohl so, daß er uns beide achtete und wahrscheinlich auch liebte. Aber weder seine Mutter noch ich verstanden uns auf ihn. Das war die Niederlage unseres Lebens.
Du sagst, auf die Liebe brauche man sich nicht zu »verstehen«? Da täuschst du dich, meine Beste. Das habe auch ich lange Zeit gesagt, habe es als Anklage in die Welt hinausgeschrien. Liebe ist da oder ist nicht da, worauf müßte man sich »verstehen«? Was ist ein Gefühl wert, hinter dem bewußte Absicht steckt? … Du, wenn man älter wird, erfährt man, daß sich die Dinge anders verhalten, daß man sich auf das alles »verstehen« muß. Daß man alles erlernen muß, selbst die Liebe. Ja, auch wenn du den Kopf schüttelst und lächelst. Wir sind Menschen, und alles geschieht durch unseren Verstand. Auch unsere Gefühle und Regungen werden uns erst über den Verstand erträglich und unerträglich. Einfach zu lieben genügt nicht.
Aber wir wollen nicht streiten. Ich weiß, was ich weiß. Ich habe dafür einen hohen Preis gezahlt. Welchen Preis? … Das Leben, Liebes, das ganze Leben. Daß ich jetzt mit dir hier sitze, in dieser Konditorei im roten Salon, und daß mein Mann für jemand anderen kandierte Orangenschalen kauft. Überrascht mich gar nicht, daß er jetzt kandierte Orangenschalen mitbringt. Sie hatte in allem einen gewöhnlichen Geschmack.
Wer? … Na ja, die andere Frau. Ich mag ihren Namen nicht aussprechen. Die er dann geheiratet hat. Hast du nicht gewußt, daß er wieder geheiratet hat? … Ich dachte, die Nachricht sei bis zu dir, bis nach Boston gedrungen. Siehst du, so naiv ist man. Denkt, die eigenen Angelegenheiten seien weltbewegende Ereignisse. Als das alles passierte, die Scheidung, die Heirat meines Mannes, geschahen gerade große Dinge in der Welt, Länder wurden auseinandergeschnitten, es wurde zum Krieg gerüstet, und eines Tages brach der Krieg dann aus … Nicht überraschend, denn wie auch Lázár gesagt hatte: etwas, worauf sich die Menschen mit aller Kraft, mit Ausdauer, Voraussicht und Umsicht vorbereiten – auf einen Krieg etwa –, tritt schließlich auch ein. Mich aber hätte es nicht erstaunt, wenn in jenen Monaten die Zeitungen auf der ersten Seite in großen Lettern von meinem Privatkrieg berichtet hätten, von meinen Schlachten, Rückschlägen, kleinen Siegen und überhaupt von der Kampffront, wie es damals mein Leben war … Doch das ist eine andere Geschichte. Bei der Geburt unseres Kindes waren wir noch weit davon entfernt.
Vielleicht könnte ich es so ausdrücken, daß mein Mann in den zwei Jahren, in denen das Kind lebte, mit mir und mit der Welt Frieden schloß. Noch keinen echten Frieden, eher eine Art Waffenstillstand, fürs erste. Er wartete und beobachtete. Und bemühte sich, in seiner Seele Ordnung zu schaffen. Denn die Seele dieses Menschen war rein. Ich habe dir schon gesagt, daß er ein Mann war. Aber er war auch noch etwas anderes: ein Herr. Natürlich nicht so ein Kasinotyp, der sich duelliert oder sich selbst erschießt, weil er seine Spielschulden nicht bezahlen kann. Karten spielte er gar nicht. Einmal sagte er, ein wirklicher Herr rühre keine Karten an, denn ehrliches Geld sei nur das, was man mit eigener Arbeit verdient habe. In diesem Sinn war er ein Herr. Also höflich und geduldig mit den Schwächeren. Streng und standesbewußt gegenüber den Gleichgestellten. Das war für ihn überhaupt die höchste Stufe, die ein Mensch erreichen kann; die gesellschaftlich höherstehenden Ränge erkannte er nicht an. Nur die Künstler ehrte er. Er sagte, Künstler seien die Kinder Gottes, die sich das schwerste Los ausgesucht hätten. Sonst aber ließ er keinen höheren Stand gelten.
Und da er ein Herr war, bemühte er sich nach der Geburt des Kindes, die erschreckende, bedrückende Fremdheit in seiner Seele aufzulösen und sich mir und dem Kind zu nähern, auf rührende Art. Wie wenn ein Tiger beschließt, von morgen an Vegetarier zu werden und in die Heilsarmee einzutreten. Ach Gott, wie schwer es ist, zu leben und Mensch zu sein! …