Das Inselmädchen

Sina Beerwald

Das Inselmädchen

Ein Sylt-Roman

Knaur eBooks

Inhaltsübersicht

Über Sina Beerwald

Sina Beerwald, 1977 in Stuttgart geboren, hat sich bislang mit siebzehn erfolgreichen Romanen, darunter historische Romane und Sylt-Erlebnisführer, einen Namen gemacht. Sie ist Preisträgerin des NordMordAward und des Samiel Award. Die Strandvilla und Das Dünencafé waren auf der Shortlist beim LovelyBooks Leserpreis. 2008 wanderte sie mit zwei Koffern und vielen Ideen im Gepäck auf die Insel Sylt aus und lebt dort seither als freie Autorin.

 

 

 

 

Für Lauris

1. Buch

Kapitel 1

12. August 1931

Konnte das wahr sein?

Moiken stand auf der Terrasse ihres Dünencafés und schirmte die Augen gegen die Sonne ab, um die junge Dame in Badekleidung am Flutsaum besser erkennen zu können.

Mit zusammengekniffenen Augen blickte Moiken über die mit Fahnen und Wimpeln geschmückten Ringwälle aus Sand, die rund um die Strandkörbe von den Sommerfrischlern errichtet worden waren, um das Urlaubsrefugium kenntlich zu machen.

Kein Zweifel, das war wirklich Frieda, die sich jetzt seitlich in den Wind drehte, um ihre blonden, schulterlangen Haare an den Seitenpartien einzudrehen und im Nacken festzustecken. Die Zeit der langen Zöpfe war längst vorbei.

Ihre Tochter hatte sich in den vergangenen vier Jahren zu einer jungen Frau entwickelt, entsprechende weibliche Rundungen ausgebildet, und sie trat mit einer Courage auf, von der Moiken mit siebzehn Jahren nur hatte träumen können.

Erst gestern war Frieda noch ein kleines Mädchen gewesen, ihr Inselmädchen, ihre kleine Frieda, die gern an der Hand ihrer Mutter geblieben war und niemals allein ans Wasser gegangen wäre.

Frieda wollte doch nicht etwa ohne Begleitung schwimmen gehen? Sie wusste doch, wie gefährlich das war!

»Warum starrst du so lange aufs Meer?«, rief Henriette aus dem Pavillon, wo sie die Kuchen und Törtchen in die Glastheke stellte.

Moiken gab keine Antwort, denn angesichts der Wahrheit würde Henriette nur wieder lachen und sagen, dass Frieda schließlich kein kleines Kind mehr sei und sie sich als Mutter nicht immer so viele Sorgen machen solle.

Skeptisch beobachtete Moiken ihre Tochter, die ein paar langsame Schritte am Flutsaum entlangging und es sichtlich genoss, wie die auslaufenden Wellen ihre Knöchel umschmeichelten.

Eigentlich war Frieda die Vernunft in Person, und eigentlich müsste sie sich keine Gedanken um ihre Tochter machen.

Eigentlich.

Moiken seufzte innerlich auf.

Die Angst um Frieda war allgegenwärtig und fest in ihrem Mutterherz verankert, seitdem sie als Säugling so schwer erkrankt gewesen war.

»Moiken?«, rief Henriette. »Ziehen doch wieder dunkle Wolken auf? Sollen wir lieber nicht öffnen?«

Nein, dachte sie. Dunkle Wolken entdeckte sie keine. Zumindest nicht am Himmel. Aber in ihr drin warfen sie Schatten auf ihre Seele.

Wann war sie überhaupt zuletzt unbeschwert und frei von Sorgen gewesen? Jedenfalls nicht, seitdem Bernhard auf dem Hindenburgdamm tot zusammengebrochen war, bei der Eröffnungsfeier das Attentat auf Adam verübt worden war und sie unter dem Helm des kostümierten Soldaten die flammend roten Haarspitzen erkannt hatte.

»Alles ist gut, wir öffnen!«, rief sie zurück.

Ja, dachte sie, alles war gut. Zumindest redete sie sich das Tag für Tag ein. Henriette war stets pünktlich und mit vollem Arbeitseifer zur Stelle und hatte nicht nur die Abläufe im Café, sondern auch die schwierigen Gäste im Griff, sodass am Ende alle zufrieden waren.

Heute war nach sechs Wochen der zweite Tag in Folge, an dem es endlich nicht wie aus Eimern schüttete oder der Wind die Stühle umwarf. Stattdessen ließ sich sogar die Sonne blicken.

So einen unfassbar schlechten Sommer hatte Moiken noch nie auf der Insel erlebt, denn der Wind trieb die Regenwolken nicht wie sonst schnell weiter zum Festland.

Zum Festland, mit dem die Insel seit vier Jahren durch den Damm verbunden war. Ein Jahrhundertbauwerk, das Bernhard das Leben gekostet und ein Attentat auf Adam zur Folge gehabt hatte.

Adam hatte die Schussverletzung überlebt, und ein mutmaßlicher Täter mit roten Haaren und ohne Alibi war verhaftet und verurteilt worden, doch der Mann hatte seine Unschuld beteuert – genau wie Henriette, die zum fraglichen Zeitpunkt im Dünencafé mit Vorbereitungen beschäftigt gewesen war und Emma dafür als Zeugin hatte. Seit dem Revisionsurteil war der mutmaßliche Täter allerdings aus Mangel an Beweisen wieder auf freiem Fuß.

Wenn nur nicht immer diese Zweifel an Henriettes Unschuld in ihr aufkämen, dachte Moiken. Was, wenn Emma Henriette ein falsches Alibi gegeben hatte?

Diese Vermutung hielt sich in ihren Gedanken so hartnäckig wie die dunklen Wolken, schließlich ging es für Emma um den Tod ihres Halbbruders, der nicht ungesühnt bleiben sollte, und Henriette war bis heute ganz offen der Überzeugung, dass Adam Schuld am Tod ihres Sohnes trug, weil er Bernhard trotz seines schlechten Gesundheitszustands auf die Dammbaustelle getrieben hatte. Seite an Seite hatte sie mit Henriette darum gekämpft, Bernhard ins Leben zurückzuholen.

Moiken warf einen Blick auf ihre kleine goldene Armbanduhr.

Noch zwanzig Minuten bis zur Öffnung. Sicherlich würden die Sommerfrischler gleich Schlange stehen – angesichts des Wetters schien es heute jeden der rund viertausend Badegäste, die sich derzeit in Westerland aufhielten, an den Strand getrieben zu haben –, aber der Sonnenschein sollte für Frieda noch lange kein Grund sein, sich allein in die hohen Wellen stürzen zu wollen.

Nein, nicht wieder in Angst verfallen, mahnte sie sich selbst. Sie musste darauf vertrauen, dass sich Frieda nur ein wenig die Beine erfrischen wollte.

»Ich kann ja verstehen, dass du die Sonne da draußen genießen möchtest«, rief Henriette, »aber wenn du gleich öffnen willst, dann solltest du jetzt die Stühle auf der Terrasse aufstellen, andernfalls müssen die Gäste ihren Kuchen im Stehen verzehren.«

Moiken beschloss, auf die Vernunft von Frieda zu vertrauen, und besann sich auf ihre Verpflichtungen.

Am nächstgelegenen Tisch klappte sie den blauen, grünen und roten Stuhl auf, wischte mit dem Lappen über die Sitzflächen und rieb die salzverkrustete Sandschicht von der gelben Tischplatte, bis die Farbe wieder in der Sonne leuchtete.

Routinemäßig ging sie zur nächsten Sitzgruppe.

Ihre innere Unruhe wollte jedoch nicht weichen. Wie unter Zwang warf sie einen prüfenden Blick über die Schulter zum Flutsaum hin.

Genau in diesem Moment ging Frieda ins Meer hinein, das Wasser reichte ihr bereits bis zur Hüfte. Verdammt! Hätte sie doch nur auf ihr Bauchgefühl gehört!

»Ich bin gleich wieder da!«, rief sie kurz entschlossen, ließ die verdutzte Henriette zurück und eilte über die hölzerne Promenade an den Strand.

»Frieda! Frieda, warte!« Am Strand herrschte zu viel Trubel, zudem das Meeresrauschen – unmöglich, dass Frieda die Rufe hörte. Mühsam bahnte sich Moiken einen Weg zwischen den Sommerfrischlern hindurch.

»Frieda, warte! Frieda, nicht!«

Aus einer Strandburg heraus feuerte eine Gruppe junger Männer und Frauen ihren Strandlauf an und prostete ihr zu. Es war die Harmlosen GmbH, wobei es sich bei der GmbH um eine Gesellschaft mit besonderen Hintergedanken handelte. Beides eine Unverfrorenheit. Der Name und das Verhalten.

»Frieda! Frieda!«

Endlich! Ihre Tochter drehte sich um und kam schnell aus dem Wasser.

»Mutter, was ist passiert?«

Moiken blieb in gebeugter Haltung vor ihrer Tochter stehen, die Hände auf die Oberschenkel gestützt, und rang nach Luft. »Das fragst du mich? Wie kommst du nur darauf, allein schwimmen zu gehen?«, stieß sie hervor.

Frieda machte eine erstaunte Miene. »Weil das Wetter heute endlich mal schön ist? Außerdem ist die Nordsee heute so ruhig, wie man sie nur selten erlebt. Das musste ich doch ausnutzen.«

»Frieda, ich bin entsetzt über deine Unvernunft! Wie alt bist du? Wie oft habe ich dir erklärt, dass das Meer immer heimtückisch ist, bei jedem Wetter.«

»Mutter, bitte, ich kann schwimmen. Das hast du mir beigebracht, und ich bin in der Tat alt genug, um die Gefahr einschätzen zu können. Sieh dir doch die sanften Wellen an. Die sind definitiv harmloser als die dort drüben.« Mit einem Kopfnicken deutete sie auf die feuchtfröhliche Gruppe der Harmlosen GmbH. »Oder wäre es besser gewesen, du hättest mich in deren Strandburg angetroffen?«

Die jungen Männer johlten und pfiffen, weil sie den Grund des Strandlaufs erkannt hatten, der ihnen offenkundig gefiel.

»Natürlich nicht! Du sollst nicht allein schwimmen gehen, darum geht es.«

»Du hast ja nie Zeit, und meine Freundinnen müssen heute arbeiten – und wer weiß, wie lange das schöne Wetter anhält. Bestimmt nicht lange. Ich hätte in männlicher Begleitung schwimmen gehen können, aber das wäre dir auch wieder nicht recht gewesen.«

»In männlicher …« Moiken verschlug es die Sprache. »Wie kommst du denn plötzlich auf solche Gedanken?«

»Nun ja, wie soll ich sagen …« Eine leichte Röte flog auf Friedas Wangen. »Der Gedanke läge nahe.«

Moiken wurde warm ums Herz, und der Ärger verflog augenblicklich. Ihre Tochter hatte sich verliebt. Was für eine schöne Nachricht an diesem sonnigen Tag, mitten am Strand.

Andererseits – Frieda war doch erst siebzehn. Ein wenig hätte sie sich mit der Auswahl ihres zukünftigen Ehemanns ja noch Zeit lassen können. Aber wenn er eine gute Partie war?

»Jetzt bin ich aber neugierig. Magst du mir den Herrn mal vorstellen?«

In Friedas Blick zeigte sich Erleichterung, und sie lachte aus voller Kehle. »Ich bin mir sicher, du wirst ihn mögen. Du kennst ihn nämlich. Schon lange. Ich habe dir bereits als Kind gesagt, dass ich ihn eines Tages heiraten werde.«

»Unseren Portier? Frieda! Ich dachte, die Sache mit Matthis hätte sich längst erledigt. Ich habe dir schon damals klipp und klar erklärt, dass du als Hotelerbin nicht den Portier heiraten kannst.«

»Diese Sache …«, entgegnete Frieda betont ruhig, »nennt sich Liebe.«

»Das ist doch nur eine Schwärmerei aus Kindertagen. Außerdem ist Matthis sechsundzwanzig und damit neun Jahre älter als du.«

»Richtig – und deshalb weiß er auch, was er will. Er hat auf mich gewartet, all die Jahre, bis ich nun alt genug für eine Verlobung bin. Wir lieben uns.«

»Eine Verlobung?« Moiken fühlte sich so überrumpelt, als sei sie von einer Welle überrollt worden. Sie wusste nicht mehr, wo ihr der Sinn stand. Nur eines war ihr klar. »Das kommt gar nicht infrage! Das sollte auch Matthis wissen. Er kennt die Regeln.« In ihrem Ärger kam ihr noch eine weitere Frage in den Sinn. »Seit wann werde ich eigentlich von meiner eigenen Tochter hintergangen, wenn ihr euch bereits verlobt habt?«

»Nein, so war das nicht gemeint. Wir haben uns noch nicht verlobt, und wir haben uns bisher auch nur einmal ohne dein Wissen verabredet. Letzte Woche. Da ist nichts passiert – gar nichts! Wir haben uns nur an den Händen gehalten. Aber wir sind uns einfach sicher, dass wir zusammengehören und jetzt unsere Zeit gekommen ist. Du kannst Matthis fragen, es war mir sehr wichtig, vor einem nächsten Treffen mit dir zu sprechen. Ich habe bisher nur keinen geeigneten Moment gefunden, und jetzt war das sicher auch nicht ideal, aber es musste heraus.«

»In der Tat, der Strand ist wirklich kein geeigneter Ort, um so etwas zu besprechen. Abgesehen davon stehe ich unter Zeitdruck.« Sorgenvoll blickte sie über den sonnengelben Strand und seine fröhlichen Besucher hinweg zu ihrem blauen Pavillon am Ende der hölzernen Promenade, wo Henriette unterdessen die restlichen farbenfrohen Stühle aufgeklappt und die Blumen auf die Tische gestellt hatte. »Aber ganz gleich, wie die Lage ist, ich verbiete mir jedwede Liaison zwischen meinen Angestellten und erst recht mit höhergestellten Personen des Hauses.« Es tat ihr weh, diese Worte auszusprechen, denn sie mochte Matthis wirklich sehr – aber so waren nun einmal die Regeln.

»Ich kann mich sehr gut an das Gespräch erinnern, als du mir erklärt hast, dass ich nicht den Portier heiraten könne. Da war ich elf Jahre alt, und ich dachte, du hast das gesagt, weil du meine Gefühle für reine Schwärmerei gehalten hast. Aber seit diesem Tag ist meine Liebe zu Matthis nur noch größer geworden. Außerdem galt deine Regel für Leopold und Wilma auch nicht.«

Moiken seufzte innerlich auf. Mit dem alten Portier und der ehemaligen Küchenvorsteherin hatte Frieda ein überaus passendes Argument parat, denn die beiden hatten als Ehepaar ihr gesamtes Leben in der Strandvilla verbracht, und auch heute lebten sie noch unter diesem Dach und sahen recht munter ihrem neunzigsten Geburtstag entgegen.

»Die beiden sind eine Ausnahme. In jeglicher Hinsicht. Sie kamen noch unter deinem Vater als junges Ehepaar in die Strandvilla.«

»Siehst du, mein Vater kannte solche Regeln nicht. Also sind Matthis und ich auch eine Ausnahme.«

»Nein, das seid ihr nicht!«, entgegnete sie harscher als gewollt, weil sie sich mit der Situation vollkommen überfordert fühlte. Als sie dann auch noch die Tränen in Friedas Augen sah, spürte sie den Schmerz ihrer Tochter, als sei es ihr eigener, denn sie kannte ihn nur zu gut.

»Frieda, das ist nun wirklich kein Thema, das wir noch länger am Strand diskutieren sollten. Außerdem müsste ich längst wieder bei Henriette sein.«

Frieda folgte ihrem Blick, und angesichts der Gäste, die bereits in Scharen über den Holzsteg zum Dünencafé pilgerten, sagte sie: »Wir können gern heute Abend weiterreden. Ich habe jetzt auch nicht so viel Zeit, ich muss in einer Stunde wieder bei Carl in der Druckerei sein.«

Ein Gespräch. Auf Anhieb wusste Moiken nicht, wie sie auf den Vorschlag ihrer Tochter reagieren sollte. Da gab es nichts zu reden. Es war schließlich eine alte Weisheit, dass sich Arbeit und Liebe nicht vertrugen. Andererseits wollte sie nicht so hart zu ihrer Tochter sein.

Was also tun? Immerhin wusste sie jetzt endgültig, warum sie der Lehre von Frieda in der Druckerei zugestimmt hatte, nachdem Carl sich tatsächlich bereit erklärt hatte, eine Frau auszubilden. Nicht auszudenken, wenn Matthis und Frieda ständig miteinander zu tun hätten, da würde sich doch keiner mehr auf seine Aufgaben konzentrieren können.

»Also, was ist nun?«, hakte Frieda nach. »Treffen wir uns heute Abend? Gemeinsam mit Matthis?«

Moiken fühlte sich unter Druck gesetzt. Der Blick hin zu ihrem Dünencafé tat sein Übriges. »Ich kann das jetzt nicht entscheiden. Es wird gleich die Hölle los sein. Aber nach sechs Wochen Dauerregen wird es auch dringend Zeit für Umsatz.«

»Mutter, du weichst mir aus«, mahnte Frieda.

Gut erkannt, dachte Moiken. »Frieda, versteh mich bitte richtig. Ich schätze Matthis sehr, aber dein Ehemann muss Geld mitbringen, damit die Zukunft der Strandvilla gesichert ist. Die wirtschaftlichen Zeiten sind schwierig, das dürfte auch dir nicht entgangen sein. Die Hotels sind in den vergangenen Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen. Die Konkurrenz ist groß. Es wird Zeit, dass du einen Einblick in die Buchhaltung der Strandvilla erhältst, damit du siehst, was allein der laufende Betrieb an Kosten verschlingt, wie viele Bedienstete ich schon hätte entlassen müssen und wie viele Renovierungsarbeiten liegen geblieben wären, wenn da nicht Adams Geld gewesen wäre. Verstehst du das denn nicht?«

»Doch, ich verstehe. Du lässt nicht mit dir reden und bringst es tatsächlich fertig, mir meine große Liebe zu verbieten, nach all dem, was du wegen deiner Mutter mit Boy erleiden musstest!«

»Das ist nicht zu vergleichen!«, fuhr sie auf. »Hier geht es um die Zukunft der Strandvilla.«

»Ach, und um meine nicht?«, erwiderte Frieda bitter enttäuscht.

Moiken hielt inne, weil Friedas Einwand sie schmerzhaft an ihre eigene Vergangenheit erinnerte, aber dann besann sie sich wieder auf ihr gegenwärtiges Ziel. »Doch, natürlich«, besänftigte sie ihre Tochter. »Aber als Hotelerbin sollte dir die Zukunft der Strandvilla besonders am Herzen liegen«, sagte sie und machte damit einen letzten verzweifelten Ansatz, ihre Tochter an die wesentlichen Dinge zu erinnern. »Oder willst du das Hotel nicht erben?«

»Doch. Im Gegensatz zu Emma kann ich mir nämlich sehr gut vorstellen, die Strandvilla eines Tages weiterzuführen.«

»Siehst du«, entgegnete Moiken erleichtert, und ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Es war doch gut gewesen, das Gespräch nicht auf die lange Bank zu schieben, damit Frieda verstand, dass es nicht in erster Linie um ihre private Zukunft, sondern um die Verantwortung für ein großes Erbe ging.

»Wenn du dein Erbe eines Tages antrittst, musst du bedenken, dass deine Halbschwester monatlich einen prozentualen Anteil aus den Einnahmen erhält. Gleiches gilt für Adam, sollte ich vor ihm versterben. Dieses Geld musst du erübrigen können, was in schlechten Zeiten schwierig werden kann. In Konsequenz müsstest du die Strandvilla verkaufen oder besser gleich einen Mann mit Geld heiraten. Frieda, du bist die zukünftige Hotelerbin. Du musst standesgemäß heiraten. Stell dir nur vor, wer alles Schlange stehen wird.«

Friedas Blick glitt über den Strand hinweg, hin zur Villa auf der hohen Düne. Wieder spiegelten sich Tränen in ihren Augen, und sie schüttelte langsam den Kopf. »Ich werde keinen anderen Mann so lieben können wie Matthis.«

»Ich kann verstehen, dass du Matthis sehr magst«, entgegnete sie sanft, um besser auf ihre Tochter einwirken zu können, »aber du musst vernünftig sein – so wie ich.«

»Ach? Du willst mir ein Vorbild sein?«, platzte es aus Frieda heraus. Vorbei war es mit ihrer Beherrschung. »Sieh dich doch an, wohin dich deine Vernunft gebracht hat! Du bist kreuzunglücklich mit Adam und liebst Boy bis heute. Es tut mir leid, Mutter, aber so ein Leben möchte ich nicht führen. Ich werde für mein Glück kämpfen – und wenn es sein muss, auch gegen deinen erklärten Willen.«

Kapitel 2

Noch am selben Tag

Nach einem langen Arbeitstag ging Moiken erschöpft über die Promenade in die Strandvilla zurück. Im Dünencafé waren sie förmlich überrannt worden. Die Schoko-Dünen waren innerhalb kürzester Zeit ausverkauft gewesen, aber zum Glück hatten sich die Gäste mit der leckeren Kuchenauswahl trösten lassen.

Grete hatte den Ansturm vom Küchenfenster der Strandvilla aus beobachtet und sechs Kuchen zusätzlich backen lassen, ansonsten hätten sie schon nach zwei Stunden keinen Krümel mehr gehabt.

Grete hatte immer alles im Blick. Was für ein Glücksfall, ihr damals in Berlin begegnet zu sein, dachte Moiken, während sie die Stufen zum Eingangsportal hinaufstieg.

Grete hatte es in den vergangenen vier Jahren zur Küchenvorsteherin gebracht, sie wollte unter keinen Umständen zurück in die Großstadt, und auch Moiken wollte Grete nicht mehr missen.

Letzteres galt auch für Matthis. Er war ein wundervoller Portier, den sie nicht verlieren wollte.

Sie zog die schwere Eingangstür auf, und sogleich fiel ihr Blick auf die Rezeption, wo Matthis gerade mit einem Gast gesprochen hatte, der sich für den hervorragenden Service bedankte und seine Buchung für das nächste Jahr eintragen ließ.

Matthis hatte sich wirklich sehr gemausert. Vom blondschopfigen Zeitungsjungen in fadenscheiniger Kniebundhose zum eleganten Portier mit einer sehr charmanten Ausstrahlung. Sie konnte schon verstehen, weshalb sich ihre Tochter in diesen Mann mit dem treuen Blick aus großen blauen Augen und dem unwiderstehlichen Lächeln verliebt hatte. Er war immer guter Laune und nicht aus der Ruhe zu bringen.

Einen besseren Nachfolger für Leopold hätte sie sich nicht wünschen können, dachte Moiken, während sie im Hintergrund stehen blieb – genau an der Marmorsäule, an der sie damals ausgeharrt hatte, als die Revolutionäre mit entsicherten Gewehren die Strandvilla gestürmt hatten, um das Haus nach Waffen und Kriegstreibern zu durchsuchen.

Es war allein der Geistesgegenwart von Matthis zu verdanken gewesen, dass er dem kriegsversehrten Offizier gerade noch rechtzeitig durch den Hintereingang zur Flucht verholfen hatte, ansonsten würde sie jetzt nicht mehr hier stehen.

Tatsächlich hatte sie also nicht nur Adam ihr Leben zu verdanken, sondern auch Matthis. Ein bedeutender Grund, weshalb es ihr schwerfiel, ihm die Liebe zu Frieda zu verbieten.

Moiken wartete noch einen Moment, bis sich der Gast auf sein Zimmer verabschiedet hatte, denn nun stand ein schwieriges Gespräch an, das ihr schon seit Stunden schwer im Magen lag.

»Guten Abend, gnädige Frau«, begrüßte Matthis sie gewohnt charmant und ganz so, wie er es von Leopold übernommen hatte. Sie hatte es aufgegeben, ihm zu erklären, dass sie nicht mit Gnädige Frau angesprochen werden wollte – denn die Alternative wäre Frau von Baudissin gewesen. Darauf konnte sie jedoch angesichts der Scherben ihrer Ehe dankend verzichten.

»Guten Abend, Matthis. Wie war der Tag? Gab es besondere Vorkommnisse?«, begann sie ebenfalls wie gewohnt.

»Es gibt wichtige Neuigkeiten und eine dringende persönliche Sache, die ich mit Ihnen besprechen muss.«

Oh, dachte Moiken, er bringt das Gespräch von selbst darauf. Einerseits fühlte sie Erleichterung, andererseits war da die Ungewissheit, was nun folgen würde. Er war vorbereitet, bestimmt hatten Frieda und er unterdessen miteinander gesprochen.

Nur, was hatten sie beschlossen? Was, wenn die Liebe zwischen den beiden so groß war, dass er kündigen wollte?

Der Gedanke durchlief sie siedend heiß, so als sei sie in eine Wanne mit zu heißem Wasser gestiegen.

»Dann fangen wir doch am besten mit der persönlichen Sache an …«, entgegnete sie äußerlich beherrscht und fügte bedächtig hinzu: »Ich habe heute von Frieda gewisse Dinge erfahren. Ich nehme an, es geht darum?«

»Ja«, sagte Matthis leise. »Es tut mir leid, aber ich liebe Ihre Tochter von ganzem Herzen.«

»Und ich nehme an, Sie wissen, wie ich dazu stehe?«

Schmerz spiegelte sich in Matthis’ Augen wider, und sie wusste genau, was er empfand. Sie kannte diese Hilflosigkeit zur Genüge, diese traurige Wut und das beißende Unverständnis, weshalb eine Liebe nicht sein durfte.

»Das weiß ich«, erwiderte Matthis, und dann schwieg er. Er sortierte die Unterlagen auf dem Tresen in eine andere Reihenfolge, so als gäbe es nichts Dringlicheres zu erledigen.

»Und was gedenken Sie zu tun?«, fragte Moiken vorsichtig und überlegte, wie sie reagieren sollte, falls Matthis ihr seine Kündigung anbot.

Um welchen Preis sollte sie Matthis in der Strandvilla halten? Wäre es möglich, die Liebe der beiden doch zuzulassen? Mit der leisen Hoffnung, dass Frieda sich am Ende für einen anderen Mann entscheiden würde?

»Ich habe mit Frieda gesprochen …«, begann Matthis und räumte die Unterlagen wieder an ihren ursprünglichen Platz zurück. »Und wir haben eine Entscheidung getroffen.«

Moiken hielt den Atem an. Es war, als ob eine hohe Welle auf sie zurollen würde. Unaufhaltsam, kurz davor, sie zu überrollen.

»Und die wäre …?«

»Wir werden unsere Liebe zugunsten der Strandvilla aufgeben. Ich habe Frieda davon überzeugt. Es ist besser so.«

Überrascht suchte Moiken nach Worten. »Das ist … damit habe ich ehrlich gesagt nicht gerechnet. Ich freue mich sehr über diese ausgesprochen vernünftige Entscheidung. Das rechne ich Ihnen wirklich hoch an, Matthis. Ich versichere Ihnen, wenn Sie der Strandvilla die Treue halten, wird es Ihnen ein Leben lang an nichts fehlen.«

Matthis brachte kein Wort hervor und nickte stattdessen. Der Schmerz war ihm anzusehen, aber sein Blick zeugte von Entschlossenheit.

Angesichts dieser so schnell getroffenen Entscheidung war die Liebe wohl doch nicht so groß gewesen – zumindest nicht von seiner Seite aus, dachte Moiken erleichtert. Bei Frieda würde es hoffentlich auch nur ein paar Wochen dauern, bis sie Matthis wieder unbefangen begegnen konnte. Das wünschte sie den beiden jedenfalls.

Sich ohne Schmerz ansehen zu können – das war ihr mit Boy nie gelungen. Ein ganzes Leben lang nicht.

»Es gibt auch noch Geschäftliches zu besprechen«, hob Matthis an, und sie war ihm dankbar, dass er den Themenwechsel herbeiführte.

»Ja richtig, schießen Sie los«, gab sie sich betont munter, denn sie wollte ihm nicht offenbaren, dass sie in Gedanken noch bei ihrer Tochter war. Sie hatte durchaus ihre Zweifel, dass Frieda diese Entscheidung mit ganzem Herzen getroffen hatte.

Ob sie jetzt weinend in ihrem Zimmer saß? Oder machte sie sich wieder zu viele Sorgen um ihre Tochter? Vielleicht würde auch Frieda unerwartet schnell über den Schmerz hinwegkommen, weil sie die große Liebe mit einer kindlichen Schwärmerei verwechselt hatte, und am Ende würde auch sie glücklich über diese vernünftige Entscheidung sein?

»Schießen ist das richtige Stichwort«, entgegnete Matthis und reichte ihr das Blatt mit der Bekanntmachung der Schießübungen des Militärs. »Ich habe die Gäste bereits informiert.«

 

Bekanntmachung

betreffend

Schießübungen

auf der Insel Sylt

Am 19., 20. und 21. August 1931
von Uhr bis 18 Uhr und von 20 Uhr bis 22 Uhr
finden Abkommschießen
und am 25. und 26. August von 8 bis 18 Uhr
Kaliberschießen mit Batterien nach See zu statt.

An diesen Tagen weht auf der Galerie des Leuchtturms
Rotes-Kliff und auf dem Signalmast des Gebäudes
der Marine-Nachrichtenstelle auf dem Westellenbogen
in der Nähe des Leuchtturms List-West
ein roter Doppelstander (Internationale Flagge »B«).

Bei Dunkelheit wird an den bezeichneten
Stellen ein rotes Licht gesetzt.

Besondere Absperrmaßnahmen werden nicht getroffen.
Den Anweisungen von Wachfahrzeugen ist
im eigenen Interesse Folge zu leisten.

Jeder Aufenthalt während der Zeit des Schießens in den
auf der beigefügten Karte näher bezeichneten Gebieten
ist polizeilich verboten.

Schleswig, den 11. August 1931

Der Regierungspräsident

 

»Mich wundert, dass diese militärischen Übungen von den Großmächten geduldet werden. Im Versailler Vertrag stand etwas anderes.« Sie machte diese Bemerkung, ohne bei der Sache zu sein, denn sie überlegte, besser gleich nach ihrer Tochter zu sehen. Andererseits erforderte die Besprechung mit Matthis noch etwas Zeit.

»Ich weiß auch nicht. Die Seeflugzeuge wurden ja gemäß dem Versailler Vertrag zerstört«, entgegnete Matthis, »außerdem wurden auf dem Ellenbogen Entfestungsarbeiten durchgeführt, einzelne Baracken verkauft und der militärische Nachlass versteigert. Aber mir behagt auch nicht, dass einige Befestigungsanlagen belassen wurden, um die Ausbildung des Militärs weiterhin zu ermöglichen – mit Genehmigung der Alliierten. Und jetzt diese Schießübungen …«

»Hoffentlich nur für den Verteidigungsfall!« Moiken verzog den Mund. »Wobei auch Verteidigung Krieg bedeutet, und davon habe ich wahrlich genug gehabt. Lassen wir das Thema, ich mag gar nicht daran denken.«

»Und ich will nicht wissen, wo uns diese Wirtschaftskrise noch hinführt …«, ergänzte Matthis.

Moiken war unterdessen in Gedanken schon wieder bei Frieda. »Matthis, ich muss Sie doch noch einmal etwas Persönliches fragen. Sie sagten vorhin, dass Sie beide die Entscheidung getroffen hätten, aber zugleich erwähnten Sie, dass Sie meine Tochter lieben und dass Sie sie überzeugt hätten. Wie darf ich das verstehen?«

»Nicht so, wie es sich vielleicht anhört«, sagte Matthis schnell. »Ich liebe Frieda, das gebe ich offen zu, aber ich habe Ihre Tochter an die gebotene Vernunft erinnert, und dann hat mir Frieda beigepflichtet, dass eine Beziehung nicht möglich ist. Ich gebe auch zu, es schmerzt uns beide, aber davon wollen wir uns nicht leiten lassen. Es wird ein wenig dauern, bis wir uns unbefangen in die Augen sehen können, aber wir sind dazu gewillt. Als Freunde werden wir uns immer sehr schätzen – und mögen –, so viel steht fest, aber eben nicht als Paar.«

»Ich bin ehrlich beeindruckt und erleichtert«, gab Moiken zu.

»Das freut mich«, antwortete Matthis mit einem Lächeln. »Die Vernunft geht vor, und wir möchten Ihnen außerdem keine Schwierigkeiten bereiten, die allgemeine Lage ist schon trostlos genug.« Matthis reichte ihr die Sylter Zeitung und deutete auf eine Annonce. »Die Pension Meeresfrieden muss zwangsversteigert werden.«

»Meine Güte, schon wieder eine Zwangsversteigerung. Wie viele hatten wir davon schon dieses Jahr?«

Matthis hob die Schultern. »Ich würde sagen, dreißig oder vierzig. Ich habe aufgehört zu zählen. Ich finde das angesichts von nur rund dreitausend Einwohnern in Westerland ziemlich erschreckend. Vor dem Krieg kamen knapp dreißigtausend Sommerfrischler nach Westerland, in dieser Saison werden wir vielleicht mit Ach und Krach zwanzigtausend erreichen. Und diese wenigen Gäste verteilen sich auf zu viele Betten, die Herbergen sind doch in den vergangenen Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen.«

»Wohl wahr. Die Pensionsinhaber unterbieten sich gegenseitig, und bei diesem ruinösen Wettbewerb um die Gäste kommen gerade einmal die Selbstkosten heraus. Das Ergebnis sieht man ja.« Mit einem Kopfnicken deutete sie auf die Zeitung, und dabei fiel ihr Blick auf die Wetteraussichten, die ebenfalls nichts Gutes verhießen. »Dazu dieses miese Sommerwetter. Nur zwei schöne Tage, und jetzt ist wieder endloser Regen gemeldet. Das ist ja wirklich zum Davonlaufen. Im Durchschnitt sind unsere Gäste statt drei Wochen nur elf Tage lang geblieben. Diese Einnahmen fehlen einfach. Stellen Sie sich vor, ich könnte zu den Gästen sagen: Sie haben drei Wochen gebucht, das muss auch bezahlt werden – Ihr Problem, wenn Sie früher abreisen. Undenkbar, aber schön wäre es. Zudem war das Dünencafé jetzt sechs Wochen lang geschlossen – und das in den umsatzstärksten Monaten, eine Katastrophe!«

»Das Wetter kann ja nicht für immer schlecht bleiben«, beruhigte Matthis sie.

»Es hängt ja nicht allein am Wetter. Unsere gesamte deutsche Wirtschaft ist in der Krise. Reparationszahlungen, Arbeitslosigkeit, die Unfähigkeit der Politiker …« Sie brach ab, weil ein Ring um ihre Brust lag, der sich mit jedem Wort fester zuschnürte.

»Es wird schon alles bald besser werden«, bekräftigte Matthis ganz nach Leopolds Art. »Ich setze große Hoffnungen auf Hitler. Er verspricht einen Rückgang der Arbeitslosenzahlen, wirtschaftliche Stabilität sowie Ordnung und Sicherheit auf den Straßen.«

Moiken holte tief Luft, sodass der Ring um ihre Brust förmlich zerbarst. »Ausgerechnet dieser Hitler? Der kann doch mit seinem Radau-Goebbels nichts als Unruhe stiften und große Reden schwingen. Überhaupt wird der mit seiner NSDAP nie an die Macht kommen, da kann er noch so viel versprechen.«

»Verzeihung, gnädige Frau, ich würde Ihnen gern beipflichten, aber die Zahlen sprechen leider eine andere Sprache. Die NSDAP hat immerhin bei der letzten Reichstagswahl von allen Parteien die meisten Stimmen erhalten, selbst die SPD kam nur auf unter tausend. Ginge es allein nach unserer Insel, wäre Hitler jetzt schon an der Macht. Es wird auch im übrigen Reich nicht mehr lang dauern, bis die Leute ihm zujubeln. Hindenburg ist alt, seine Tage sind in jeglicher Hinsicht gezählt, und dieser Hitler hat einfach das Zeug zum Führer.«

»Gott bewahre!«, rief sie aus und wollte noch einen Satz hinzufügen, als sie Adams Stimme im Foyer hörte.

»Wovor soll Gott uns bewahren?«, rief er.

Ihr Ehemann kam neugierig näher. Jener Mann, der seinerzeit der erste Gast in ihrem Dünencafé gewesen war. Jener Mann, dessen Charme sie nicht widerstehen konnte. Jener Mann, dem sie ihr Leben zu verdanken hatte, weil er sie aus dem Eis gerettet hatte. Jener Mann, von dem sie geglaubt hatte, dass mit ihm alles besser werden würde.

Ein Mann, dem sie die Schuld an Bernhards Tod gab.

Ihrem Ehemann.

Sein charismatisches Lächeln war geblieben, nur mit dem Unterschied, dass ihr Herz darauf längst nicht mehr reagierte, seitdem sie begreifen musste, dass ihm der Dammbau – sein Lebenswerk – über alles ging. Womöglich sogar über das Leben anderer, das würde sich nie mehr mit Sicherheit klären lassen.

Aus gutem Grund hob sie zu einer Notlüge an. »Vor weiterem Regen soll Gott uns bewahren. Matthis hat mir gerade die Wetteraussichten vorgelegt«, setzte sie zur Bekräftigung hinzu.

»Du hast mal wieder fromme Wünsche«, frotzelte Adam und schüttelte den Kopf. Seine dunklen, leicht welligen Haare waren im vergangenen Jahr deutlich ergraut, überhaupt schien ihn die Vollendung des Jahrhundertbauwerks einige Lebensjahre gekostet zu haben. Rund um die leicht eingefallenen Wangen hatte seine Haut das Aschgrau des Alters angenommen, doch seiner gepflegten Erscheinung tat das keinen großen Abbruch.

Der gute Grund für die Notlüge war der Umstand, dass Adam gleich zum Diner mit ein paar Herren in der Strandvilla verabredet war, die sich allesamt sehr für Hitlers Parteiprogramm interessierten, mit dem er ebenfalls sympathisierte. Darum wusste sie aus Erfahrung, dass ihre Meinung über Hitler nur wieder einen Streit provozieren würde, auf den sie nach diesem nervenaufreibenden Tag gut verzichten konnte.

»Manchmal hat man eben fromme Wünsche«, sagte sie mit einem Schulterzucken. Alle anderen Wünsche waren ohnehin tief in ihrem Herzen verborgen, dachte sie im Stillen.

»Als ob der Regen schuld an der wirtschaftlichen Misere ist«, lachte Adam. »Seit wann bist du so naiv? Die hohe Arbeitslosigkeit und die vielen Pleiten sind das Problem, und der Einzige, der uns aus dieser Wirtschaftskrise retten kann, ist nicht ein wohlgesinnter Wettergott, sondern Adolf Hitler, unser künftiger Führer. Das werden auch diese Kommunisten noch einsehen müssen. Übrigens, meine Freunde aus der NSDAP-Ortsgruppe sind gerade eingetroffen, und stell dir vor, nach der gestrigen Sitzung fanden sie die Reifen ihrer Fahrräder zerstochen vor. Was für ein kindisches Benehmen von der KPD. Als ob sie uns damit einschüchtern könnten.« Er lachte.

»Deine Freunde? Uns?«, horchte Moiken auf. »Bist du etwa der Partei beigetreten?«

Adam setzte eine geheimnisvolle Miene auf. »Sagen wir es mal so, meine Freunde sind auf dem besten Weg dazu, mich davon zu überzeugen. Und weißt du, warum? Der derzeitige Ortsgruppenleiter würde sogar freiwillig zurücktreten, wenn ich die Zügel in die Hand nehmen würde. Das wollen wir heute Abend besprechen. Sie suchen einen Mann mit Charisma und Durchsetzungskraft. Man hält große Stücke auf mich, und ich bin durchaus an dem Amt interessiert, wie du dir denken kannst. Ich will dazu beitragen, dass diese Wirtschaftskrise ein Ende nimmt.«

Moiken schwieg. Ja, das konnte sie sich denken. Aber aus anderen Gründen. Seit dem Ende des Dammbaus fehlte ihm eine Aufgabe, die ihn erfüllte – für die man ihn bewunderte und wegen der man zu ihm aufschaute.

In der Strandvilla würde er immer nur die zweite Geige spielen, auch wenn ihm das Hotel zur Hälfte gehörte, das war ihm klar. Sie hielt die Fäden in der Hand, was die Verwaltung und Gästebetreuung anging, und dieses Zepter würde sie nicht freiwillig hergeben.

Adam war zudem sehr schlecht auf den derzeitigen Reichspräsidenten zu sprechen, seitdem Hindenburg ihm für das Jahrhundertbauwerk lediglich mit einem feuchten Händedruck gedankt und der Damm auch noch dessen Namen erhalten hatte. Leider genug gute Gründe für Adam, ernsthaft in diese Partei einzutreten und sogar den Vorsitz der Ortsgruppe übernehmen zu wollen.

Aber bei der nächsten Wahl würde sich diese Episode wohl erledigt haben, weil die NSDAP niemals die erforderlichen Stimmen erhalten würde. Hoffentlich.

»Wenn deine Freunde schon da sind, was machst du dann noch hier?«, fragte sie spitz.

»Das kann ich dir sagen. Grete hat nur Veuve Cliquot, Heidsieck, Roederer und ein paar Flaschen Rotwein bereitstellen lassen. Haben wir denn nichts Anständiges mehr im Weinkeller?«

Unfassbar, dachte Moiken. Wenn es nach ihr ginge, würde sie den Herren Apfelessig anbieten. Laut sagte sie: »Bester Champagner und Rotwein sind ja wohl angesichts der derzeitigen Lage eine sehr ansehnliche Auswahl.«

Theatralisch verdrehte Adam die Augen. »Was wollen wir denn mit Champagner? Ein guter alter Whiskey muss her!«

»Dann geh doch selbst in den Weinkeller! Du weißt, wo die wertvollen Flaschen lagern, und hast den Schlüssel zu diesem separaten Bereich.«

»Du weißt genau, dass ich keinen Fuß in dieses Spinnengewölbe setze, außerdem müsste ich meinen Schlüssel erst oben aus dem Büro holen.«

Moiken entfuhr ein Seufzer. Sie griff in ihre Handtasche und reichte den Schlüssel an Matthis weiter. »Bring ihn bitte zu Grete. Sie soll den Herren einen schönen alten Whiskey …«

Weiter kam sie nicht, da das Telefon läutete. »Gehen Sie nur, Matthis, damit die Herren nicht verdursten. Ich übernehme das Gespräch.«

Matthis nahm den Schlüssel entgegen und entfernte sich mit einer leichten Verbeugung, während Moiken nach dem Telefonhörer griff – dankbar, das Gespräch mit ihrem Ehemann nicht länger fortsetzen zu müssen.

»Die Strandvilla auf Sylt, herzlich willkommen. Sie sprechen mit Moiken von Baudissin.«

»Ein Gespräch aus Berlin. Ich verbinde«, hörte sie die Dame von der Vermittlung sagen, und dann erklang auch schon die Stimme ihrer Tochter aus dem Apparat.

»Hallo, Mutter!«

»Emma! Ist was passiert?«

Selbst Adam, der sich bereits abgewandt hatte, blieb stehen und sah fragend über die Schulter zurück.

Aber nicht etwa aus Sorge.

Auf Emma war er noch schlechter zu sprechen als auf den Reichspräsidenten – nicht nur, weil Emma die Arbeitsbedingungen auf dem Damm in seinen Augen zu Unrecht mit Fotos in der Zeitung angeprangert hatte, sondern vor allem, weil sie ihn trotz seines Freispruchs weiterhin als Mörder ihres Halbbruders bezeichnete.

»Es ist alles in Ordnung«, sagte Emma und ließ ein Lachen erklingen. »Ich wollte dir nur mitteilen, dass ich jetzt einen eigenen Apparat habe und zum Telefonieren nicht mehr ins Adlon muss.«

Moiken atmete tief durch. »Das freut mich sehr für dich. Aber zum Plaudern sind solche Gespräche doch viel zu teuer. Schreib mir lieber einen Brief.« Vor allem, weil ich Adam im Nacken habe, setzte sie im Stillen hinzu und hoffte, das Gespräch schnell beenden zu können – obwohl sie von Herzen gern mit ihrer Tochter gesprochen hätte. Schließlich ließ die nur alle paar Monate per Brief etwas von sich hören.

Seit vier Jahren führte Emma das Atelier in Berlin allein, doch ob es gut lief, vermochte Moiken kaum zu beurteilen. Einerseits machte Emma immer wieder ihrem Ärger Luft, wie schwer es sei, als Frau in ihrem Beruf akzeptiert zu werden, andererseits betonte sie, dass die Auftragslage gut sei.

»Ich wollte dir aber persönlich sagen, dass ich nächste Woche zu Besuch komme.« Mit ihrer fröhlichen Stimme übertrug sich Emmas breites Lächeln.

»Uns? Besuchen?« Vor Überraschung brachte Moiken keinen vernünftigen Satz heraus. Am besten hätte sie den Mund ganz gehalten, denn das Stichwort uns ließ Adam natürlich aufhorchen.

»Dich und meinen Vater natürlich. Nicht Adam«, betonte Emma, und Moiken hoffte, dass es nicht bis zu den Ohren ihres Ehemanns vorgedrungen war. Er machte keine Anstalten, sich zurückzuziehen.

»Emma, das Wetter ist zurzeit sehr schlecht hier …«, hob sie an und flehte innerlich, Adam möge sich endlich zu seinen Herren gesellen, damit sie offen mit ihrer Tochter reden konnte. Auch darüber, wo Emma übernachten wollte.

In Boys Fotoatelier gab es nur dieses einfache Bett in einer Kammer, die zugleich als Lager für Requisiten diente. Wie gern hätte sie ihrer Tochter ein Zimmer in der Strandvilla angeboten, es wären sogar mehrere frei, aber angesichts von Adams Einstellung Emma gegenüber gliche dieser Plan einem Himmelfahrtskommando.

»Ich bin doch keine Sommerfrischlerin«, protestierte Emma. »Ich reise also nächste Woche Samstag an, und keine Sorge, ich werde mich von der Strandvilla fernhalten und bei meinem Vater übernachten. Kannst du ihm Bescheid sagen?«

Moiken schluckte. Das wäre eine Gelegenheit, mal wieder unverfänglich mit Boy ins Gespräch zu kommen.

Da er noch kein Telefon besaß, wäre es wirklich sinnvoll, sie würde die fünfzig Meter bis zu seinem Atelier gehen, damit Emma nicht extra ein Telegramm schicken und das Geld dafür bezahlen musste.

Aber fünfzig Meter waren zu einer großen Entfernung geworden, seitdem sie den Vorstellungen von einer gemeinsamen Zukunft abgeschworen und mit Boy die Abmachung getroffen hatte, sich künftig aus dem Weg zu gehen.

Fünfzig Meter.

Die Entfernung zwischen zwei Lebenswelten, in denen es außer der erwachsenen gemeinsamen Tochter keine Berührungspunkte mehr gab.

Wenn sich ihre Wege durch Zufall kreuzten, was selten geschah, so tauschten sie ein paar höfliche Worte aus, die sich um das Wetter, die Arbeit oder Emma drehten, jedoch niemals um die große Liebe, die sie einst füreinander empfunden hatten. Oder immer noch empfanden?

»Freust du dich denn gar nicht?«, fragte Emma. Da erst bemerkte Moiken, wie sehr sie in Gedanken versunken gewesen war.

»Doch, doch, natürlich«, sagte sie schnell. »Ich werde Matthis zu deinem Vater schicken, damit er Bescheid erhält. Ich habe leider viel zu tun. Wir sollten jetzt wirklich Schluss machen. Auf bald dann!«

»Warte, ich wollte noch fragen …«, hörte sie Emma sagen, aber da hatte Moiken bereits den Hörer auf die Gabel gelegt.

Adam sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Wenn ich das deinen Worten richtig entnommen habe, will deine Tochter auf die Insel kommen?«, fragte er lauernd.

»Nein, nein«, entgegnete sie schnell. »Sie hat sich angesichts des schlechten Wetters anders entschieden. Das soll Matthis ihrem Vater ausrichten.« Die Lüge ging ihr glatt von den Lippen, und sie konnte Adam dabei sogar in die Augen sehen. Graugrüne Augen, in die sie sich vor gut zehn Jahren verliebt hatte.

Diese Zeiten waren jedoch längst vorbei, dessen war sich ihr Mann bewusst, doch seine Eifersucht war ungebrochen, obwohl die Ehe in Scherben lag. In seiner Vorstellung war sie sein Besitz – genau wie die Strandvilla.

Er musste nicht erfahren, dass Emma zu Besuch kam, und erst recht nicht, dass sie bei ihrem Vater übernachtete. Adam würde alles tun, um jeglichen Kontakt zwischen seiner Ehefrau und dem Mann, den er zu seinem Feindbild erklärt hatte, zu unterbinden.

»Das freut mich, Moiken, denn ich will Emma wirklich nicht in meiner Nähe haben, das ist dir hoffentlich klar. Aber mich erstaunt zugleich, dass sie sich vom Wetter abhalten lässt, sie ist doch keine Sommerfrisch…«

Weiter kam er nicht.

Von draußen drang Lärm herein.

Männergebrüll.

Da schien eine ganze Horde unterwegs zu sein.

»Was ist da los?«, fragte Moiken erschrocken. »Wo genau kommt das her?«

»Von der Promenade. Den Parolen nach zu urteilen, sind ein paar Kommunisten unseren SA-Männern in die Arme gelaufen und erhalten jetzt ihre verdiente Abreibung. Das muss ich mir ansehen!«

»Warte!« Moiken eilte ihrem Ehemann hinterher auf die Terrasse, wo sie vom ersten Stock aus freien Blick auf die handgreifliche Auseinandersetzung hatten.

Vor der Musikmuschel waren tatsächlich die beiden verfeindeten Parteigruppen aufeinandergetroffen.

Mit Fäusten, Schlagstöcken und allem, was im Umfeld als Waffe zweckentfremdet werden konnte, gingen sie aufeinander los. Es flogen Steine, Blumenkübel und sogar Stühle vom nahe gelegenen Café, wobei die SA-Männer in der Überzahl und deshalb im Vorteil waren.

»Weiter so!«, rief Adam. »Nieder mit den Kommunistenschweinen!«

Moiken packte ihren Mann am Arm, sodass er die Hände nicht mehr vor dem Mund zum Trichter formen konnte. »Bist du wahnsinnig geworden? Misch dich da nicht ein!«

»Aber natürlich! Das ist meine Bürgerpflicht. Ich habe viel zu lange den Mund gehalten!« Adam riss sich los und feuerte erneut die SA-Männer an. »Für Hitler! Für die Partei! Schlagt sie zu Brei!«

Moiken griff ihrem Mann unter den Oberarm, um ihn von der Terrasse zu ziehen, als sie aus dem Augenwinkel sah, wie aus der Gruppe der Kommunisten ein Stein auf sie zugeflogen kam.

Reflexartig ging sie in Deckung, doch für Adam war es zu spät.

Der Stein traf ihn am Kopf. Sofort war sein Gesicht blutüberströmt.

Stöhnend sank er in die Knie, blieb jedoch bei Bewusstsein. Ungläubig fasste er nach seiner Verletzung und betrachtete seine blutrote Hand. »Diese Dreckskommunisten«, keuchte er. »Hast du gesehen, welches von diesen Schweinen es gewesen ist?«, keuchte er.

»Nein«, sagte sie, und es war die Wahrheit. Zugleich bemerkte sie, dass Adams Verletzung kein Mitleid in ihr erregte, obwohl diese schlimm aussah.

Mit seinen Anfeuerungsrufen hatte er den Steinwurf provoziert, und wenn sie sich nicht rechtzeitig geduckt hätte, wäre sie an seiner Stelle verletzt worden. »Soll ich den Arzt rufen?«, fragte sie sachlich.

»Ja! Aber nicht den Nachfolger von Dr. Nicolas, dieser Quacksalber steckt mit dem Pack unter einer Decke. Ruf Dr. Emmerich an! Der ist in der richtigen Partei.« Adam nestelte sein Taschentuch hervor und presste es auf die Wunde. »Das werden mir diese feigen, hinterhältigen Kommunistenschweine noch büßen«, stieß er hervor. »Alle zusammen!«

Mühsam rappelte er sich auf und verharrte einen Moment in gebeugter Haltung. Dabei schien es, als würde neue Kraft in ihn fließen, und er wandte sich der Promenade zu.

»Heil Hitler«, skandierte er – seine Hand mit dem blutigen Taschentuch in Richtung seiner Feinde ausgestreckt.