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Inhaltsübersicht
Über Stephan Roth
Prof. Dr. Stephan Roth hat nach dem Studium an der Universität Aachen an der Städtischen Klinik in Düren im Rheinland seine Facharztausbildung absolviert. Als Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft ging er dann zwei Jahre an die Universitäten in Paris, Rennes und die Harvard University in Boston und arbeitete danach sechs Jahre an der urologischen Universitätsklinik in Münster als leitender Oberarzt. 1997 wurde er dann von der Universität Witten/Herdecke an die Universitätsklinik für Urologie in Wuppertal berufen, die er seit 23 als Direktor leitet. 2015 war er Präsident der Deutschen Gesellschaft für Urologie.
Impressum
»Blase gut – alles gut« erscheint hier in einer aktualisierten Neuausgabe und wurde zunächst 2021 bei BOD publiziert.
Ein Imprint der Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.
Redaktion: Dr. Peter Schäfer
Covergestaltung: buxdesign|Lisa Höfner
ISBN 978-3-426-46334-5
Anmerkungen
1
Siehe Clasen, A., 2020.
2
Siehe Lovley, D.R., 1987.
3
Siehe Hofrichter, A., 2019.
4
Siehe Miley, J., 2018.
5
Siehe Jonkers, H., 2016.
6
Siehe Pilehvar, S., 2010.
7
Siehe Kevdes, J., 2018.
8
Siehe Peyronnet, B., et al., 2019.
9
Siehe Steers, W.D., 2007.
10
Siehe Subak, L.L., et al., 2009.
11
Siehe Parks, T., 2010.
12
Siehe Nappi, R.E., 2012, siehe auch Hanna-Mitchell, A.T., 2016.
13
Siehe Haider, K.S., et al., 2018.
14
Siehe Persson, R., 2015.
15
Scheidet man beispielsweise mehr als ein Drittel der Tagesmenge in der Nacht aus, ist das auffällig. Dann kann eine Herzschwäche oder nächtliches Schnarchen mit Atemaussetzern zugrunde liegen.
16
Siehe Huang, A.J., 2019.
17
Siehe Arya, L.A., et al., 2000.
18
Siehe Dallosso, H.M., 2004.
19
Siehe Opisso, E., 2013.
20
Siehe Hotta, H., 2019.
21
Siehe Kegel, A.H., 1948.
22
Siehe Junginger, B., 2014.
23
Beispielhaft sei hier die Anticholinergic Cognitive Burden Scale aus Indianapolis (USA) aufgeführt. Online unter https://americandeliriumsociety.org/files/ACB_Handout_Version_03–09–10.pdf.
24
Siehe Brendler, C.B., 1989.
25
Siehe Evans, R.J., 2005.
26
Gemeint ist das Präparat Vesoxx®.
27
Siehe Schoendorfer, N., 2018.
28
Das Heilpflanzengemisch enthält unter anderem das Liliengewächs Kaiserkronenzwiebel und Hiobstränensamen.
29
Siehe Dong-dong, X., 2018.
30
Siehe Tellenbach, M., 2013.
31
Siehe Opisso, E., 2013.
32
Siehe Gungor, Ugurlucan, F., 2013.
33
Siehe Tanagho, E., 2010.
34
Siehe Hassouna, M.M., 2000.
35
Siehe Baerheim, 1992.
36
Siehe Pinggera, G. M., et al., 2005.
37
Siehe Witte, F., 2018.
38
Siehe Donders, G., et al., 2014.
39
Siehe Cheng, C.L., et al., 2018.
40
Siehe Matarazzo, M.G., et al., 2018.
41
Präparate zur Regeneration und Stabilisierung der Vaginalflora nach Prof. Dr. Werner Mendling, Deutsches Zentrum für Infektionen in Gynäkologie und Geburtshilfe.
42
Siehe Schwenger, E.M., 2015.
43
Siehe Stapleton, 2011.
44
Siehe Gágyor, I., 2015. Eine Studie in der Schweiz hat ähnliche Ergebnisse gezeigt. 253 Frauen wurden entweder mit einem Antibiotikum oder »nur« mit einem Schmerzmittel behandelt. Nach drei Tagen waren 54 Prozent der Frauen mit Schmerzmitteln geheilt, während dies bei 80 Prozent der Frauen mit einem Antibiotikum der Fall war, siehe hierzu Kronenberg, A., 2017. Zwar war in dieser Studie die antibiotische Therapie der rein symptomatischen Schmerztherapie deutlich überlegen, aber dennoch: Wenn man die Betroffenen darüber aufklärt, wie die Erfolgschancen sind und dass es länger dauern kann, erscheint der Versuch durchaus gerechtfertigt.
45
Siehe Gágyor, I., 2015.
46
Huttner, A., 2018.
47
Gemeint ist das Präparat Canephron®.
48
Wagenlehner, F., 2018.
49
Gágyor, I., 2015.
50
Siehe Leitfaden für die alltägl. Praxis, Medizin Report aktuell Nr. 474885 in Uro-News 4/2020.
51
Siehe Beerepoot, 2012.
52
Gemeint ist das Präparat OM-89 (Uro-Vaxom®).
53
Siehe Carrión-Lopez, P., et al., 2020.
54
Siehe Yang, B., 2016.
55
Gemeint ist das Mittel StroVac®.
56
Alraek, T. / Baerheim, A., 2003.
57
Kranjcec, 2014.
58
Gemeint ist eine Kombination von Hyaluronsäure und Chondroitinsulfat (Instillamed®).
59
Gemeint ist der Wirkstoff Acimethin®.
60
Siehe Pagonas, 2012.
61
Siehe Passaro, 2017.
62
Siehe Castello, 1996, und Wall, 1990.
63
Siehe McDonald, D., 1959.
64
Siehe Levine, 2001.
65
Siehe McDonald, D., 1959.
66
Siehe Lo, T.S., 2014.
67
Siehe Lee et al., 2012.
68
Siehe Hollyer, I., et al., 2019.
69
Beispielsweise von den von der Deutschen Gesellschaft für Urologie ausgebildeten »Assistenten zur urologischen Kontinenztherapie«.
So Prof. Maurer vom Allergie-Centrum der Charité in Berlin, siehe Grätzel von Grätz, P., 2011.
83
Siehe Ishii, K. 2003.
84
Siehe Lu, N.T., et al., 2015.
85
Siehe Theoharides, T.C., 2008.
86
Siehe Wang, B.L., et al., 2012.
87
Siehe Hollman, P.C., 1997.
88
Siehe Starks, C.M., 2010.
89
Siehe Rodriguez-Mateos, A., et al., 2014, siehe auch Shen, X.F., 2016.
90
Siehe Kandhare, A.D., et al., 2016.
91
Siehe Graefe, E.U., 1999.
92
Siehe Schoendorfer, N., et al., 2018.
93
Gemeint ist das Präparat Urox®.
94
Siehe Carneiro, D.M., et al., 2014.
95
Siehe Woinicz, D., 2012, siehe auch Das, G., 2017, und Gründemann, C., 2014.
96
Siehe Todd, D.A., 2015, und Awortwe, C., 2015.
97
Siehe Snowden, R., 2014.
98
Siehe Bhatwalker, S.B., et al., 2019, siehe Harjai, K., et al., 2009.
99
Nach Lawson, L.D., 2018.
100
Siehe Lachmann, G., 1994.
101
Siehe Scheffler, L., et al., 2019.
102
Siehe Mirondo, R., 2016.
103
Siehe Feng, X., 2019.
104
Siehe Geetha, R.V., 2011.
105
Siehe Malik, T.A., 2017, und More, N.V., 2017.
106
Siehe Chen, C.M., et al., 1995.
107
Siehe Liu, F., 2012, und Porru, E., 2018, wie auch Wang, K., 2017, und auch Zhu, M., 2007.
108
Siehe Xu, X., 2001.
109
Siehe Tenner, C., et al., 1971.
110
Siehe Mulvey, M.A., et al., 2001.
111
Siehe Anderson et al., 2003.
112
Siehe Lüthje, P., et al., 2016.
113
Siehe Bishop, B.L., et al., 2007.
114
Siehe Wei, Y., 2015.
115
Liu, H., et al., 2004.
116
Veranič, P., et al., 2009.
117
Erman, A., et al., 2017.
118
Siehe Sakkas, et al., 2016.
119
Siehe Sibbritt, D.W., et al., 2014.
120
Siehe Ebani, V.R., 2018.
121
Um die Zellen der Blase für die Bestrahlung empfindlicher zu machen, kombiniert man heute die Bestrahlung mit einer Chemotherapie, wenn es das Alter und insbesondere die Nierenfunktion zulassen. Man bezeichnet diese Therapie als trimodale Therapie.
122
Ratner, V., 2015.
123
Siehe Messing, E., 1978.
124
Siehe Ratner, V., 2015.
125
Siehe Ratner, V., 2015.
126
Siehe Hanno, P.M., 1978, und Parsons, C.L., 1980.
127
Siehe Hanno, P.M., 1978.
128
Siehe Petersdorff, W., von 2019.
129
Leider haben nur noch sehr wenige operativ spezialisierte Urologen genügend Erfahrung, diese komplexe operative Maßnahme mit einer akzeptablen Komplikationsrate durchzuführen.
130
Siehe Wahlers, B.C. / Glimm, A.M., 2008.
131
Siehe Henderson, J.W., et al., 2018.
132
Siehe DeFoor, W.R., 2018.
133
Siehe Marcelissen, T., et al., 2019.
134
Siehe Lucas, M.G., et al., 2012.
135
Siehe Cody, J.D., et al., 2012.
136
Siehe EAU Guidelines 2020.
137
Siehe Vaughan, C.P., 2016.
138
Siehe Syan, R., et al., 2016.
139
Siehe Dumoulin, C., 2014.
140
Siehe Ferreira, C.W.S., 2017.
141
Siehe Richmond C.F., 2016, siehe auch Dmochowski, R., 2019.
142
Siehe Robert, M., 2013.
143
Siehe Greulich, R., 2010.
144
Modifiziert nach Robert, M., 2013.
145
Siehe Greulich, R., 2010.
146
Siehe Galloway, N.T., 1999.
147
Siehe Lim, J., 2017.
148
Siehe Liu, Z., 2017.
149
Siehe Reisenauer, C., 2013.
150
Siehe NICE, 2006.
151
Siehe Kirchin, V., 2012.
152
Siehe FDA, 2018.
153
Siehe Aragon, I.M., 2018.
Ich widme dieses Buch meiner lieben Frau Dr. Gabi Roth, unserer Tochter Theresa und meinen Söhnen Maël und Yannig mit den Schwiegertöchtern Anna und Madeleine.
Raus aus der Tabuzone!
Es ist wie so oft: Wenn alles funktioniert, nimmt man ein Organ kaum wahr. Aber wehe, die Selbstverständlichkeit wird gestört. »Ich habe meine Blase nicht mehr im Griff«, sagte eine Patientin, bei der der Drang zur Entleerung so plötzlich und schnell auftrat, dass sie nicht mehr das Haus verlassen wollte. Die junge Frau mit den wiederkehrenden Entzündungen der Blase fügte drastisch hinzu: »Meine Blase vertreibt meinen Mann.«
Nichts fürchten wir so sehr wie Kontrollverlust. Beim Gehirn ist es die Demenz, bei den Knochen die kaputte Hüfte, beim Herz der Infarkt – und bei der Blase?
Sich in der Öffentlichkeit beim Trinken zu verschlucken und dann prustend die eigenen Kleider zu bespritzen, ist peinlich. Aber die Kontrolle über die Blase zu verlieren, ist eine Katastrophe. Dann rückt nämlich dieses Organ, das am liebsten totgeschwiegen wird, ins Zentrum und beherrscht alles Denken und Tun.
Doch nicht nur der unkontrollierte Urinverlust ist eine Sache, mit der wir nichts zu tun haben wollen. Eine Blasenentzündung ist zwar keine Nierenkolik, aber sie zerstört die Tage, weil sich dann alles nur noch um die Krankheit dreht.
Oder nehmen wir das Problem des Blitzpinkelns. Eine Betroffene prägte dieses Wort, als ich mit ihr sprach. Wer eine entfesselte Blase hat, verspürt immer wieder ganz plötzlichen, regelrecht überfallartigen Harndrang. Einkäufe werden nicht mehr danach ausgerichtet, was man braucht, sondern wo man im Notfall eine Toilette findet.
Viele Menschen werden nachts aus dem Bett getrieben, der eigene Schlaf und der des Partners werden dabei gestört. Wer nachts mal muss, ist auf dem Weg zum Bad dem Risiko ausgesetzt, zu stürzen und dabei eine erzwungene Blasenentleerung zu erleiden. Schläfrigkeit und Dunkelheit begünstigen solche Stürze.
Wer glaubt, all dies sei selten, der irrt. Funktionsstörungen der Blase gehören geschlechterübergreifend zu den häufigsten Beschwerden.
Es ist gesellschaftsfähig, über Rhythmusstörungen des Herzens zu sprechen. Aber wer redet am Stammtisch oder im Freundeskreis über seine Blasenbeschwerden? Dabei hätten wir Menschen ohne das Speichervermögen von Blase und Darm wohl kaum die Evolution überstanden. Wir wären Opfer unseres Geruchs geworden, andere Lebewesen und Jäger hätten uns mit Leichtigkeit aufspüren und erlegen können.
Leider machen wir uns zu selten klar, wie nützlich unser tabuisiertes Organ ist. Wenn etwa der Urin blutig ist, womöglich ganz ohne Schmerzen, ist das ein wichtiges Warnsignal, denn bösartige Tumoren der Blase werden immer häufiger und gehören inzwischen zu den häufigsten zehn Krebserkrankungen des Menschen. »Das wird mein Arzt schon hinbiegen«, hörte man früher. Heute suchen die Betroffenen Zweitmeinungen.
Mehr als die Hälfte meines nunmehr 64-jährigen Lebens habe ich beruflich mit ungetrübter Begeisterung als Facharzt für Urologie verbracht, davon die letzten 24 Jahre als Leiter einer der größten Urologischen Universitätskliniken in Deutschland. In der Klinik behandeln wir vordringlich Notfälle von Männern, Frauen und Kindern – von Nierensteinen, Harnsperren, blutenden Blasentumoren bis zu schwerwiegenden Entzündungen. Auch die Behandlung bösartiger Erkrankungen von Nieren, Blase und Prostata wird immer häufiger. Viele Betroffene können mit einem operativen Eingriff geheilt werden. Aber genau darin liegt der Unterschied zu den oft lang andauernden Funktionsstörungen der Blase, die das Leben entweder zur Qual machen oder den Alltag zerstören.
Aber ist das ein Grund, darüber ein Buch zu schreiben? Leider erlebe ich immer wieder, dass das für den Patienten verfügbare Zeitfenster zur sorgfältigen Analyse eines gesundheitlichen Problems immer kleiner wird. Es ist nicht nur eine Frage der ärztlichen Erfahrung und Patientenfürsorge, es ist auch ein gesundheitspolitisches Problem. Warum der Zeit- und Effektivitätsgedanke so übermächtig geworden ist und damit eine geduldige und forschende Problemlösung verloren geht, kann an dieser Stelle nicht erörtert werden.
Gleiches trifft für Therapieversuche zu. Häufig müssen mehrere Ansätze kombiniert werden, um einen spürbaren Effekt zu erzielen. Die eine Wunderpille, die sofort und durchschlagend alle Probleme beseitigt, gibt es leider viel zu selten.
So wird es immer wichtiger, dass sich die Betroffenen im Sinne einer Selbstfürsorge über ihre Beschwerden und Erkrankungen informieren. Leider ist das Internet gerade bei medizinischen Fragen oft ein schlechter Ratgeber, weil es für die Ratsuchenden immer schwerer wird, zwischen Information und verkaufsorientierter Anzeige zu unterscheiden. Deshalb ist es mir ein besonderes Anliegen, die Betroffenen mit dem in diesem Buch gesammelten Wissen zu unterstützen. Ich freue mich, wenn dieses Buch Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, hilft, zum Experten für ein wichtiges Organ unseres Körpers zu werden. Nur wer seinen Körper gut kennt, kann verantwortungsbewusst mit ihm umgehen.
Beim Schreiben dieses Buches haben mir meine dreißig Jahre Berufserfahrung und die wissenschaftliche Neugierde geholfen. Grundlage waren aber die unzähligen Patientenschicksale, die mich immer wieder herausgefordert haben. Ich habe gemerkt, dass es oft die einfachen Fragen und Verfahren sind, mit denen eine Blasenfunktionsstörung erkannt werden kann.
Ich wünsche mir, dass das oft vergessene, tabuisierte oder totgeschwiegene Problem der Blasenfunktionsstörungen auf mehr Verständnis stößt.
Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, wünsche ich eine lockere, ganz unverkrampfte Lektüre dieses Navigators durch die Geheimnisse, Erkrankungen und Funktionsstörungen der Harnblase. Ich habe mich bemüht, keine Frage über unser Wunderorgan offenzulassen.
Stephan Roth
1. Kleine Kulturgeschichte der Harnblase
Wie Harnschauen, Urinbatterien und Pinkelplatten unsere Welt geprägt haben
Bevor wir unsere Expedition in die Geheimnisse der Harnblase antreten, möchte ich Sie in eine kleine Kulturgeschichte unseres unterschätzten Organs entführen. Trotz oder vielleicht wegen der andauernden Tabuisierung dieses lebenswichtigen Körperteils ist es eine der unterhaltsamsten Kulturgeschichten der Welt.
Urinwäscher in der Antike
Seit einigen Jahren ist die Sensation perfekt, denn mit Urin wird man in Zukunft Geld verdienen! Urin wird als Rohstoff zur Energiegewinnung und Herstellung von Baustoffen nutzbar werden.
Was unglaublich erscheint, gab es schon im alten Rom vor zweitausend Jahren. Die Berufsgruppe der Fullonen (Urinwäscher) wurde mit der Herstellung ihres eigenen Waschmittels wohlhabend. Die Urinwäscher stellten große Gefäße auf, in die sich die Römer entleerten, und sammelten den Urin. Aber statt den frischen Urin zu nutzen, ließen sie ihn verfaulen, also durch Bakterien zersetzen. Sie setzten diesem alten Urin Asche, Wasser und Seifenkraut hinzu und weichten die Schmutzwäsche darin einige Tage ein. Um die Schmutzteile mechanisch zu lösen, wurde die durchweichte Wäsche danach mit den Händen und Füßen gestampft und gewrungen, denn Waschmaschinen gab es noch nicht.
Diese Arbeit war nicht nur hart und geruchsintensiv, sondern auch gefährlich. Denn die Bakterien bildeten aus dem Harnstoff im frischen Urin Ammoniak, der ätzend wirkt. Jeder, der einmal den Urin bei einer Blasenentzündung gerochen hat, kennt diesen stechenden Geruch, der durch das Ammoniak entsteht. Deshalb war die Haut der Urinwäscher an den Händen und Füßen oft entzündet und die Lungenschleimhaut vom Einatmen der Dämpfe gereizt.
Heute kann man den Reinigungseffekt von Ammoniak chemisch erklären. Denn das durch die Bakterien gebildete Ammoniak ist basisch, es zieht also saure Wasserstoffteilchen an und bindet sie. Dadurch zerfallen größere Moleküle wie Fette und Eiweiße in kleinere Bruchstücke, die einfach abzuwaschen sind. Wer dieses Phänomen, dass nur der alte und verfaulte Urin reinigend wirkt, zuerst beobachtet und daraus die richtigen Schlussfolgerungen gezogen hat, wissen wir nicht. Aber diese Kulturtechnik machte die Urinwäscher reich.
Ein noch heute bekannter Ausspruch geht im Übrigen auf die Zeit der Urinwäscher zurück. Weil sie viel Geld verdienten, kam Kaiser Vespasian im ersten nachchristlichen Jahrhundert auf die Idee, von ihnen Steuern zu verlangen. Auf den Protest, auch von seinem eigenen Sohn, sich mit einem solchen Berufsstand abzugeben, soll er seinem Sohn eine Münze gezeigt und gefragt haben, ob die Münze riechen würde. Als dieser verneinte, sagte er ihm: »Und doch stammt sie vom Urin – es stinkt nicht.« Heute wird Vespasian mit der verkürzten Version »Geld stinkt nicht« zitiert.
Harnschau im Mittelalter: ein Spiegel der Gesundheit
Heutzutage ist das Stethoskop, mit dem man das Körperinnere abhört, das berufliche Erkennungszeichen der Ärzte. Im Mittelalter war es ein kolbenförmiges Glas zur Harnbeschau, die sogenannte Matula.
Diese Harnschau galt als unfehlbare diagnostische Methode zur Erkennung fast aller Krankheiten und war damals die wichtigste ärztliche Tätigkeit. Man schloss aus dem Geruch, der Farbe und der Beschaffenheit des Urins auf die Säftemischung des Blutes. Man unterschied zwanzig Urinfarben – von kristallklar über kamelhaarweiß, brombeerrot und fahlgrün bis schwarz. Die Beschaffenheit wurde als dünn, mittelmäßig oder dickflüssig eingeordnet. Außerdem suchte man nach bestimmten Teilchen wie Bläschen, Fetttröpfchen und sandartigen, blattartigen oder linsenartigen Niederschlägen.1
Diese Harnschau verkam im Lauf der Zeit zu einer Urinwahrsagerei, weil man alles, was den menschlichen Körper betraf, wie in einem Spiegel ablesen zu können glaubte. Erst Ende des 18. Jahrhunderts wurde es mit der weiterentwickelten Naturwissenschaft möglich, genaue und überprüfbare Methoden der Urinanalyse zu entwickeln.
Urin-Spende beim Gerben im Mittelalter
Die Verarbeitung von Tierhäuten ist eine der ältesten Kulturleistungen der Menschheit. Doch die heutigen Fachkräfte für Lederherstellung und Gerbereitechnik weisen eher selten darauf hin, wie man im Mittelalter bei der Lederbearbeitung genau vorging.
Da Tierhäute im Rohzustand nicht verarbeitet werden konnten, musste das Leder durch Gerbung hergestellt werden. Hierzu wurden die Häute eingesalzen, um ihnen die Feuchtigkeit zu entziehen und den Fäulnisvorgang zu vermeiden. Dann wurden die Häute mehrere Tage getrocknet, anschließend gewaschen, danach die Haare mit Urin gelöst und mit stumpfen und rundlichen Schabern entfernt. Damit die Gerber ausreichend Urin hatten, ließen sie vor ihren Werkstätten Töpfe für Passanten aufstellen.
Brennstoff Urin
Wenn man Feuersteine gegeneinanderschlägt, erhält man Funken. Um damit ein Feuer zu entzünden, ist der Funke jedoch zu kurzlebig, er muss auf einer leicht entzündlichen Unterlage aufgefangen werden. Hierzu diente schon früher die filzartige Gewebestruktur des Zunderschwammes, eines heute unter Naturschutz stehenden Pilzes, der auf abgestorbenen Buchen und Birken wächst. Es gibt keinen Survivalkurs, in dem er nicht erwähnt wird.
Bei diesem Pilz wird die holzige, graue Kruste entfernt, damit die innere Zunderschicht freigelegt wird. Wird dieser schwammartige Lappen mit Nitrat versetzt, entflammt er noch leichter. Heutzutage kann das durch eine gesättigte Lösung aus Wasser und Kaliumnitrat erfolgen. Früher hat man dies gemacht, indem man den Zunderschwamm in Urin gelegt und dann getrocknet hat. Denn Urin hat genügend Stickoxidverbindungen, Phosphate und Harnstoff, die sich hervorragend entzünden.
Vielleicht wurde diese besondere Eigenschaft des Urins entdeckt, wenn die Feuerstelle abends mit Urin gelöscht wurde – aber am nächsten Morgen umso leichter zu entzünden war. Der Zunder selbst brennt übrigens nicht. Er ist eine stark glimmende Gewebeschicht, auf die dann trockenes Gras oder andere leicht entflammbare Materialien gelegt werden. Der Zunder kann eventuell sogar mehrfach genutzt werden.
Das Geheimnis der Stradivari-Geigen
Die Geigen von Antonio Stradivari (1644–1737) sind Millionen Euro wert, und schon viele Geigenbauer haben versucht, das Geheimnis des besonderen Klangs zu lüften. Als wissenschaftlich nachvollziehbar gilt, dass das besondere Klima zur damaligen Zeit einen Einfluss auf das Holz und dessen Schwingungsfähigkeit hatte. Alle anderen Einflussfaktoren sind unbewiesen, so auch die Frage des besonderen Lacks.
Dieser Lack soll auf einer geheimen Rezeptur basiert haben, die möglicherweise noch nicht einmal Stradivari selbst kannte. Denn er bezog den Lack von einem Apotheker, der sich sehr gut mit zwei Substanzen auskannte, nämlich mit Polysacchariden (auch als »Vielfachzucker« bekannt) und Boraxsalzen. Die Boraxsalze verweben dabei die Zuckermoleküle zu einem Netz. Die wichtigste Zutat soll jedoch Jungfrauenurin gewesen sein. Ob das stimmt, wird man nie mehr feststellen können, Antonio Stradivari und der Apotheker haben das Geheimnis mit ins Grab genommen.
Urin als Farbstoff
Aus dem Urin indischer Kühe, die ausschließlich mit Blättern des Mangobaumes gefüttert werden, ließ sich Indischgelb herstellen, ein sehr gefragtes Pigment.
Dafür mussten die Tiere dursten, damit sich der Urin mit der Konzentration dunkelgelb verfärbte. Nach dem Verdampfen des Wassers blieb vom Urin ein gelbbrauner Rückstand übrig. Das so hergestellte Pigment wies eine sehr hohe Lichtbeständigkeit auf und eignete sich zum Lasieren. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Herstellung aus Tierschutzgründen verboten. Heute sind Imitationen im Handel erhältlich.
Die Entdeckung des Testosterons
Der Begriff Hormon wurde erst 1905 geprägt und abgeleitet vom griechischen horman (für »antreiben«, »anregen«, »in Bewegung setzen«) – man glaubte nämlich ursprünglich, dass alles durch das Nervensystem geregelt würde. Doch mit den Hormonen, den biochemischen Botenstoffen in unserem Körper, änderte sich die Sicht auf unseren Körperkreislauf.
Auf der Suche nach dem männlichen Geschlechtshormon beschrieb bereits im Jahre 1911 ein gewisser A. Pézard, dass der Kamm eines kastrierten Hahnes wuchs, wenn man ihm einen Extrakt aus Hoden spritzte – und zwar proportional zur verabreichten Dosis.
Dieser Kapaunenkamm-Test und ähnliche Tiermodelle waren in den folgenden zwanzig Jahren ein Prüfmodell für verschiedene Stoffe auf der Suche nach dem männlichen Geschlechtshormon. Man isolierte sie in großer Menge aus Tierhoden und dem menschlichen Harn.
Aber erst 1931 gelang es dem Biochemiker Adolf Butenandt, das erste männliche Hormon zu identifizieren, das Androsteron. Er nutzte hierfür seine Zusammenarbeit mit der in Berlin ansässigen Firma Schering-AG, und man sammelte 15000 bis 25000 Liter Urin von Berliner Polizisten. Es gelang Butenandt, hieraus fünfzehn Milligramm Androsteron zu gewinnen. Erst später fand man heraus, dass im Hoden das zehnfach potentere Testosteron produziert wird, das nach Verstoffwechselung im Organismus als Androsteron ausgeschieden wird.
Erst drei Jahre später gelang es dem Schweizer Chemiker Leopold Ruzicka, Androsteron chemisch zu synthetisieren, wofür er gemeinsam mit Butenandt im Jahre 1939 den Chemie-Nobelpreis erhielt.