Alison Walsh

Sterne über Paris

Roman

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Tina Thesenvitz

Knaur e-books

Inhaltsübersicht

Über Alison Walsh

Alison Walsh ist freiberuflliche Lektorin und Mutter von drei Kindern. Sterne über Paris ist ihr erster Roman. Mit ihrer Memoir, in der sie das Leben von Müttern in Irland anhand ihrer eigenen Familie beschreibt, eroberte sie die vordersten Plätze der irischen Bestsellerlisten.

Impressum

© 2012 Alison Walsh

eBook-Ausgabe 2014

Knaur eBook

© 2014 Knaur Taschenbuch Verlag Ein Unternehmen der Droemerschen Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. GmbH & Co. KG, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

Redaktion: Dr. Gisela Menza

Covergestaltung: ZERO Werbeagentur, München

Coverabbildung: © Larry Dale Gordon / Gettyimages; © Nikada / Gettyimages

ISBN 978-3-426-42121-5

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»Ehe: Das ist, als ob man verspräche, für den Rest seines Lebens auf einem Bein zu stehen, oder?«

 

Anthony Thwaite (Freund von Philip Larkin, The Observer, Juni 2010)

Prolog

November 2006

Die Kiste war länglich in einem warmen Mahagoniton, und in der Mitte befand sich eine Einlegearbeit in Form einer Rose aus Messing; die Oberfläche war von Kratzern übersät. Camille erinnerte sich nun daran, als sie sie vorsichtig auf den Küchentisch legte. Sie hatte einst einen Ehrenplatz auf dem Schreibtisch im Schlafzimmer ihrer Mutter eingenommen, bis Camille eine Flasche mit Nagellackentferner darüber verschüttet hatte, so dass der Lack sich löste und Blasen warf, eine dicke gelbe Narbe auf der melasseschwarzen Oberfläche. Als Kate sie danach gefragt hatte, hatte sie geleugnet, obwohl sie ihre Mutter sonst nie anlog. Kate fand es sowieso immer heraus.

Sie fuhr mit den Händen über die rissige Oberfläche der Kiste, die glatte Kühle der Messingrose, und suchte dann in ihrer Jeanstasche nach dem Schlüssel, den ihre Mutter ihr heute Nachmittag gegeben hatte. Kate hatte ihn schwungvoll aus ihrer Morgenmanteltasche hervorgeholt, einen winzigen Messingschlüssel, der an einem langen roten Seidenband hing. »Damit ich ihn nicht verliere«, hatte Kate gesagt, eindeutig erfreut über ihre Weitsicht. Camille steckte den Schlüssel ins Schloss und drückte es auf. Der Deckel sprang auf und konnte die Briefe, die in die Kiste gestopft worden waren, nicht mehr halten, so dass sich ein Strom aus cremefarbenen Umschlägen auf die graugelbe Wachstuchdecke ergoss, die auf dem Tisch lag. Die Umschläge waren schwer und teuer, und Camille erkannte die säuberliche Schrift ihres Vaters, die blaue Tinte des Füllers, den er in der Brusttasche seines Anzugs aufbewahrte und in der Bank oder an seinem Schreibtisch hervorzog, während die Lesebrille auf seiner Nase saß.

Camille sammelte sie zusammen und legte einen Umschlag auf den anderen, bis das Bündel umzufallen drohte. Die Summe der Liebe ihres Vaters zu ihrer Mutter. »Lies sie, dann wirst du verstehen«, hatte Kate gesagt. Camille griff hinüber, zog den oberen Brief vom Stapel und wog ihn in ihrer Handfläche. Dabei fiel ihr ein winziges braunes Rechteck ins Auge. Es schaute vom Grund der Kiste heraus, und Camille zog daran, zerrte es hin und her in dem Versuch, es loszubekommen. Als es sich nicht rühren wollte, ging sie zu der Schublade unter der Mikrowelle und wühlte darin herum, bis ein Brieföffner zum Vorschein kam, den sie in die enge Lücke zwischen dem unteren Brett und der Seite der Kiste einführte; sie drückte den Öffner nach unten, bis sich der Boden mit einem Knirschen schnappend hob.

Camille legte den Brieföffner beiseite und zog an dem braunen Rechteck, bis ein großer Umschlag unter dem Brett auftauchte. Der Poststempel besagte Paris VII, und der Brief war in geschwungener schwarzer Tinte adressiert an Mlle Kate O’Brien. Camille starrte eine Weile darauf. Dann nahm sie den Umschlag und legte ihn auf den Tisch, drehte ihn um und versuchte, die Worte zu entziffern, die auf der Rückseite standen, etwas wie »Zurück an Absender – wie man so sagt …« Was sollte das heißen?

Sie blickte hinein. Die Anzahl der Aerogramme in dem Umschlag war durch die Last des Brettes niedergedrückt worden, doch ihre rot-blauen Ränder lagen noch säuberlich übereinander, zusammengebunden mit einem roten Gummiband. Sie zog sie hervor und blätterte sie durch. Dabei sah sie, dass sie alle von Kate und an dieselbe Person geschrieben waren, außer dem letzten Brief, der ganz unten steckte. Auf diesem waren Name und Adresse von einem wütenden Gekritzel mit rotem Kugelschreiber fast unleserlich gemacht, und der Druck des Stifts war so stark gewesen, dass kleine Löcher in dem dünnen Papier entstanden waren. Camille hob ihn ins Licht, das durch das Küchenfenster fiel, und blickte durch das Rot hindurch. Dieselbe Adresse wie auf dem großen braunen Umschlag, »Mlle Kate O’Brien«, und es sah aus wie dieselbe schwungvolle Schrift. Camille dachte einen Augenblick mit dem Brief in der Hand nach.

Ihre Mutter hatte ihr auch eine Nachricht gegeben, die auf ein Blatt gekritzelt war, auf dem oben das Logo des Carraig Golf Club stand. »Deine Anweisungen«, hatte sie trocken bemerkt, als sie Camille die dreifach gefaltete Nachricht überreichte. Ich werde am Anfang beginnen, dachte Camille, überrascht darüber, wie spinnenhaft Kates Schrift geworden war; die kleinen Buchstaben neigten sich jetzt leicht nach rechts und wackelten auf der Seite. Du wirst alt, dachte sie, während sie zu lesen begann.

 

Carraig, 22. November 2006

Meine liebe Camille,

ich wollte Dir diese Briefe nach meinem Tod geben oder zumindest Norman bitten, sie Dir zu geben, weil ich es ja nicht mehr könnte, oder? Aber ich erkenne, dass Du sie vielleicht früher brauchen wirst. Also jetzt. Lies sie und lerne, wie man so sagt.

Wenn Du sie liest, wirst Du sehen, dass ich Deinen Vater innig geliebt habe, aber auch, dass ich andere Hoffnungen und Träume hatte, genauso wie Du. Hoffnungen für mich und was mein Leben bedeuten könnte. Und diese Hoffnungen und Träume wurden niemals erfüllt. Nicht wirklich. Und obwohl ich jetzt sehe, dass es egal ist, dass das Leben, das ich schließlich hatte, reicher und bedeutsamer war, als ich jemals hätte erhoffen können, hielt es mich nicht davon ab, Bitterkeit zu empfinden. Ich fühlte mich betrogen, dessen beraubt, was mir von Rechts wegen zugestanden hätte – ein Leben voll Glanz, die Art Leben, die ich hier in Carraig niemals hätte haben können.

Und ja, Camille, ich habe es an Deinem armen Vater ausgelassen – er war nicht interessiert genug oder reich genug oder aufregend genug. Indem ich ihn heiratete, hatte ich mich für weniger entschieden, als mir zustand, und ich war nicht bereit, ihn das vergessen zu lassen. Wie viel Zeit habe ich darauf verschwendet, mich nach diesem Phantasieleben zu sehnen, das ich für mich geschaffen hatte, und dabei mein eigenes Leben wegzuwünschen.

Mach nicht denselben Fehler, Camille. Louis liebt Dich, und Du liebst ihn, und Ihr habt Euch zusammen ein wunderbares Leben aufgebaut. Genauso wie ich, selbst wenn es mir erst bewusst wurde, als es zu spät und Dein Vater mir entglitten war. Natürlich hast Du Träume für Dein eigenes Leben, und Du musst sie auch leben! Du hast Dich den Kindern gewidmet, und nun ist es Zeit, an Dich selbst zu denken. Wie sehr ich mir wünsche, ich wäre so eine gute Mutter gewesen, so aufmerksam und liebevoll! Tu etwas für Dich, Camille, und dann bitte Louis, zurückzukommen, denn er verdient etwas Besseres – das tut Ihr beide.

Und nun werde ich Dich lassen, weil etwas Gutes im Fernsehen kommt und ich genug geplappert habe.

In Liebe,

Deine alte Mum

 

Bitte Louis, zurückzukommen. Camille las den Satz mehrere Male, bis das laute Quietschen der Haustür, die sich öffnete, sie so erschreckte, dass sie den Brief auf den Tisch fallen ließ.

»Mum? Bist du da?«

»In der Küche«, rief Camille, schob die Briefe zurück in die Kiste und machte den Deckel zu, drückte fest den Inhalt hinunter und drehte den Schlüssel im Schloss um. Als ihre Tochter zur Küchentür hereinkam, die Tasche über der Schulter, und verkündete, dass sie nicht zum Essen komme, weil sie ins Kino gehe, war die Kiste unters Sofa geschoben worden, verdeckt von einem Stapel alter Irish Times.

Als Lily das Haus verlassen hatte, wartete Camille darauf, dass ihre Mutter zu ihrem nachmittäglichen Bridgespiel ging, und spöttelte ungeduldig, während Kate versuchte, die Haustür zuzuziehen. »Himmel, Mum, lass es«, murmelte sie bei sich. »Ich mache es schon.« Schließlich sagte ein festes Poltern Camille, dass es Kate endlich gelungen war, sie zu schließen, doch sie wartete trotzdem noch auf das Knirschen von Schritten auf dem Kies, um sicherzugehen, dass sie fort war.

Camille ließ sich auf das durchhängende alte Sofa fallen. Sie legte die Füße auf Ambis weichen, haarigen Rücken, und der Hund sah sie vorwurfsvoll an. »Ich gehe nachher mit dir Gassi, okay?«, sagte sie, und bei diesen Worten ließ er den Kopf auf die Pfoten fallen und seufzte. Sie zog die Kiste unter dem Sofa hervor, öffnete sie und nahm nach einem Augenblick das kleine Bündel Luftpostbriefe heraus. Sie nahm einen Brief von oben und begann zu lesen.

Dublin / Carraig, Herbst 2006

1

September 2006

Als Camille die Küche betrat, höhlte ihre Mutter ein gekochtes Ei aus und hackte auf die gesprenkelte weiße Oberfläche ein. Dabei summte sie vor sich hin, und Zigarettenrauch kräuselte sich zur Decke empor. Die Lautstärke der Musik, die aus dem CD-Player auf der Küchentheke kam, war ohrenbetäubend, Jacques Brels gallisches Winseln erfüllte die Küche. Er sang, dass er nichts zu bieten habe als die Liebe, und Camille musste einen Stachel der Verärgerung unterdrücken, als sie hinüberging, um es leiser zu stellen. Kate liebte französische Musik, je dramatischer, desto besser, doch das ganze nasale Gejammer machte Camille verrückt. Sie weiß das, dachte Camille bei sich, und doch besteht sie verdammt noch mal darauf.

»Hast du was dagegen, Mum?«, fragte sie schärfer als beabsichtigt. Um die Geste abzumildern, beugte sie sich zu ihr und küsste sie auf die Wange, die nach Rauch und gepresstem Puder roch. Sie wischte sich die Lippen mit dem Handrücken ab.

Kate sah von der Zeitung auf und lächelte schräg. »Dachte, es könnte passen, angesichts des Anlasses. Ein bisschen romantische Musik.«

Camille sah sie einen Augenblick verständnislos an. »Was? O ja.«

Gestern war ihr zwanzigster Hochzeitstag gewesen, ihrer und Louis’. Ihre Smaragdhochzeit, wie ihre Tochter Lily ihr kundgetan hatte, was passend schien: Sie hatte an ihrem Hochzeitstag ein hellgrünes Kleid getragen, Kates Verlobungskleid. Lily hatte auf dem Thema Grün bestanden, und sie hatte es nicht übers Herz gebracht, nein zu sagen und wie unendlich lächerlich es sei, und deshalb nur genickt und gelächelt, während unterschiedliche Beispiele von grünem Essen und Trinken vorbereitet wurden; sie hatte es sogar zugelassen, dass Lily ihr ein smaragdgrünes Band um den Kopf legte, an dem Kleeblätter sanft auf Federn hüpften, wenn sie nickte, und hatte Umarmungen und Küsse und Glückwünsche entgegengenommen. Louis hatte sich geweigert, bei der Idee mit dem Grün mitzumachen. »Das ist unwürdig«, hatte er hinter seiner Irish Times gegrummelt. Stattdessen hatte er Flip-Flops getragen, die seine weißen und haarigen Zehen offenbarten. Bist du nicht ein bisschen alt für den kalifornischen Bummelantenlook?, hatte sie gedacht, als er in der Septembersonne hinter dem Grill stand.

Camilles Füße taten vor Kälte auf den feuchten, glitschigen Küchenkacheln weh, und sie ging direkt zur Kaffeemaschine, die Augen vom Schlaf immer noch halb geschlossen. Sie blickte durch das schmierige Schiebefenster hinaus auf den Rasen darunter, wandte den Rücken dem grauen Sofa zu, dessen Kissen mit alten Jagdszenen bestickt waren, auf denen nun eine Patina aus Ruß und Nahrung lag von all dem Essen und Trinken, auch wenn es ausdrücklich verboten war; Abfall aus Lego, Zeitungen und dem Pappraumschiff, das im Bau war und das man nach dem Willen ihres Sohnes Aidan nicht anrühren durfte, bis er genau das richtige Star-Wars-Logo gefunden hatte, um es vorne aufzukleben, bedeckten den Küchenboden.

»Du bist früh auf.« Sie versuchte, den verärgerten Ton aus ihrer Stimme zu halten. Sie war um diese Zeit nicht an Gesellschaft gewöhnt. Kate blieb normalerweise in ihrem Zimmer, nachdem sie ihrem ältlichen Teekocher eine Tasse lauwarmen Tee abgerungen hatte.

»Nein, eigentlich nicht. Du hast verschlafen«, gab Kate hinter ihr zurück, und Camille drehte sich zu ihr um, die Augen auf den Telegraph und ihr gekochtes Ei gerichtet. Selbst wenn sie sich auf etwas anderes konzentrierte, wirkte ihr Gesicht gespielt überrascht, mit geweiteten Augen, die von einem lebhaften blauen Eyeliner umrahmt wurden, die Lippen eine verschmierte purpurrote Wunde, deren Ränder sich in den Winkeln verloren.

»Ach, Scheiße.« Camille sah auf die Großvateruhr. »Himmel noch mal.«

»Achte auf deine Worte, Camille.« Kates Ton klang streng.

»Ja, Mum«, erwiderte Camille müde. Ich bin natürlich erst vierzig, und du korrigierst verdammt immer noch meine Wortwahl. Sie drückte auf den Schalter der Kaffeemaschine und lief zur Küchentür.

»Du hast einen Brief bekommen.«

Camille wandte sich um, und Kate nickte in Richtung des Stapels auf dem Tisch, einem Flyer von Lidl mit Sonderangeboten und einem braunen recycelten Umschlag, von dem Camille wusste, dass er vom Finanzamt stammte. Und da lag auch ein dünner blauer Umschlag mit einer französischen Briefmarke drauf.

»Oh.« Sie ging hinüber zum Tisch und nahm ihn, balancierte ihn in ihrer Handfläche. Der Poststempel besagte Paris XI, und er war adressiert an Mlle Camille Devaney, ihr Mädchenname.

»Willst du ihn nicht aufmachen?« Kates Stimme klang scharf, und als Camille sie ansah, lag ein halbes Lächeln auf ihrem Gesicht.

»Später«, antwortete Camille nur, drehte sich um und verließ die Küche. Dabei knallte sie die Tür hinter sich zu. Diese blöde Kuh, dachte sie, als sie, mit dem Rücken an das Rauchglas der Tür gepresst, dastand und die Augen eine Sekunde geschlossen hielt. Als sie sie wieder aufmachte, sah sie auf den Umschlag und auf die Kritzelei darauf.

Sie steckte ihn in ihre Jackentasche, während sie am Fuß der Treppe stand und mit widerhallender Stimme hinaufrief: »Louis, Lily, Aidan, es ist spät.«

Zehn Minuten und eine Tasse Kaffee später rief sie wieder, bis es Viertel nach acht war und sie mit Aidans in einem Pyjama steckender Gestalt belohnt wurde, die die Treppe herunterschlurfte.

»Aidan, beeil dich«, schimpfte sie, »und hol Lily und Dad aus dem Bett, ja?« Die Tür schwang auf und wieder zu, als sie in die Küche ging, um die Pausenbrotdosen aus der Geschirrspülmaschine zu holen. Sie schüttelte den Kopf, als sie die Linie aus Erdnussbutter an der Innenseite von Aidans Spiderman-Dose kleben sah, und kratzte mit dem Fingernagel daran herum. Dann wühlte sie im Kühlschrank und holte ein Joghurt hervor. Es war nur einen Tag über dem Verfallsdatum. Das musste gehen.

 

»Hi.« Louis stand hinter ihr, und sie fuhr zusammen.

»Himmel, hast du mich erschreckt.«

»Auch dir einen guten Morgen.« Er beugte sich vor und küsste sie auf die Wange, gerade als sie den Kopf abwandte, um das Brot zu schmieren, und sein Kuss landete auf ihrem Ohr.

»Gut geschlafen?«

»Ja, super. Und du?«

»Gut, danke.«

Es entstand eine Pause, in der er neben ihr stand und ihr dann eine Hand auf die Schulter legte. »Spät ins Bett gekommen?«

Sie nickte. »Na ja, du kennst ja Maggie.«

 

Louis war um elf ins Bett gegangen und hatte Camille und Maggie in ihren Liegestühlen im Patio allein gelassen; es war dunkel, und die Reste des Champagners standen zwischen ihnen.

»Zwanzig Jahre, Süße«, Maggie hatte Camilles Knie getätschelt, »das ist lebenslänglich.«

»Du bist ja nur eifersüchtig«, hatte Camille mit geschlossenen Augen gemurmelt. Jemand hatte Van Morrison im Hintergrund aufgelegt, Veedon Fleece, Louis’ Lieblingssong. Als die Worte »Come here, my love« durch die Terrassentüren wehten, wurde ihr ein wenig weinerlich zumute, und sie hatte einen Kloß im Hals. »And I will lift my spirits high for you …« Sie schüttelte den Kopf. Ich bin nur ein bisschen betrunken, das ist alles.

»Ich bin nicht eifersüchtig.« Maggie hatte sich in ihrem Liegestuhl umgesetzt, beugte sich auf der Suche nach Zigaretten zur Seite, zündete sich eine an und nahm einen tiefen Zug. »Nicht jetzt, da ich den Richtigen getroffen habe.«

Camille hatte ihre beste Freundin, die sich wieder zurückgelehnt und jetzt auch die Augen geschlossen hatte, scharf angeschaut; auf ihrer blassen Haut waren vereinzelte Sommersprossen zu sehen, und ihre dunklen Locken lagen wie ein Heiligenschein um ihr Gesicht. Sie sah immer noch wie ein Mädchen aus, unverändert seit dem ersten Tag, als sie sich in Paris kennengelernt hatten. Der Richtige war Shay, so breit wie groß und die Ärmel seines T-Shirts hochgerollt, damit man seine Armmuskeln auch sah. Er hatte während der ganzen Party neben Maggie gestanden, sich nie mehr als ein paar Zentimeter von ihr entfernt aufgehalten, wie ein Wachhund, eine Dose Carlsberg in der fleischigen Hand.

»Ich freue mich für dich, wirklich.« Camille hatte die Hand nach ihr ausgestreckt und die ihre gedrückt, in der Hoffnung, dass man ihr die Lüge verzeihen möge.

»Und ich freue mich für euch beide«, hatte Maggie erwidert. »Weißt du, dass ich dich immer beneidet habe? Du schienst einfach alles zu haben. Dieses Haus …« Sie hatte mit der Hand auf das Haus hinter ihnen gezeigt, dessen solide viktorianische rote Ziegel mit Efeu bedeckt waren, der sich gerade zum selben warmen Rotbraun verfärbte wie der hölzerne Rahmen des Sommerhauses, das Louis für den Anlass soeben gestrichen hatte. »Ich meine, wer sonst hat schon einen Flaggenmast, um Gottes willen?« Sie hatte gelacht. Die ramponierte Trikolore von Kates Großvater war immer noch sichtbar, ein zerfetztes Stück aus Grün, Weiß und Orange hing noch von dem abblätternden, weiß gestrichenen Flaggenmast. Kate sagte, er habe sie zu jedem Osterfest entfaltet, um die Nachbarn zu ärgern, von denen viele noch am britischen Empire hingen, während er aus voller Kehle die irische Nationalhymne sang. Sie hatte es klagend gesagt, doch Camille wusste, wie sehr ihre Mutter ihren Großvater liebte. Er hatte sie schließlich großgezogen, als ihre Mutter fortlief und ihr Dad nicht lange danach auch wegging, aus Gründen, die niemals zur Gänze erklärt wurden. Großvater war eine Legende und wurde von allen geliebt, mit denen er in Kontakt kam. Niemand nannte ihn bei seinem Namen, von dem Camille glaubte, dass er Austin lautete, sondern einfach nur »Grandpa«.

»Es ist eine Illusion«, hatte Camille trocken bemerkt. »Es ist alles bis auf die Grundmauern verrottet.« In der vorigen Woche hatte Louis mit dem Kostenvoranschlag für die Beseitigung des Hausschwamms gewedelt, dreißigtausend, eine so hohe Summe, dass sie sich in Panik an die Kehle gefasst hatte. Das Efeumuster auf den Buntglasverkleidungen im Eingang war ein Original von jemand schrecklich Berühmtem, und es war nun so verblasst, dass es nur noch aus einer Reihe von blassgrünen Flecken auf beiden Seiten der abblätternden Eingangstür bestand. Der abgetretene Axminster-Teppich in der Diele war einst von einem fröhlichen, lebhaften Blau mit einem Muster von Matisse gewesen, auf den Grandpa unglaublich stolz gewesen war und durch den man nun die Unterlage sehen konnte.

»Vielleicht«, hatte Maggie erwidert. »Aber manchmal ist Aussehen wichtig. Apropos«, sie atmete laut aus und stieß eine Rauchwolke in Camilles Richtung, »ich habe Louis immer für sehr sexy gehalten, weißt du das eigentlich? Das heißt, für so einen ollen Knacker.«

Camille brach in Gelächter aus. »Du bist unverschämt, weißt du das?«

»Ich sag’s ja nur.« Maggie grinste.

Camille verschränkte die Arme vor der Brust. War er sexy? Sie hatte ihn in letzter Zeit nicht mehr richtig angeschaut. Er war schon immer groß gewesen und war jetzt schwerer geworden, sein Bauch drückte gegen den Stoff seiner Hemden, seine Schultern waren mit Fett gepolstert. Sein Haar, das so tintenschwarz war wie Lilys, hatte reinweiße Stellen rund um den Schädel, so dass er aussah wie ein Maulwurf. Nur sein Gesicht blieb mehr oder weniger unverändert, die lange Nase, das kräftige Kinn, Augen so dunkel, dass sie fast schwarz wirkten. Kate hatte ihn als »dunkelhäutig« bezeichnet, als sie ihn das erste Mal gesehen hatte. Camille hatte ein Lachen unterdrücken müssen. Kate hatte zu viele Western angeschaut, in denen der Böse immer dunkelhäutig war.

»Aber ernsthaft, Camille. Du und Louis … na ja, ich will diese Beständigkeit auch mit Shay.«

Camille schlug die Augen auf. Sie sah, dass Maggie sich in ihrem Liegestuhl vorbeugte und sich für ihr Thema erwärmte; in der Dunkelheit sah man die Spitze der Zigarette glühen.

Camille hatte sich in ihrem Stuhl gerührt und gespürt, wie der Knoten der Sorge in ihrem Magen fester wurde. Wir hatten Krach, hatte sie Maggie erzählen wollen. Und es war ganz allein meine Schuld.

 

Sie war an jenem Morgen erschrocken aufgewacht, Spucke lief ihr das Kinn hinunter aufs Kissen, ihr Traum klammerte sich immer noch an sie, sogar, als sie in den Sonnenschein geblinzelt hatte, der unter den Vorhängen hereinströmte, und das Rauschen der Dusche hörte. Er war es gewesen, dessen war sie sich sicher, seine Jeans, die schwarze Lederjacke, der Lockenkopf. Sie hatte zwanzig Jahre nicht mehr an ihn gedacht, konnte ihn nicht mal deutlich sehen, wenn sie versuchte, sich an ihn zu erinnern, und doch war er hier, in ihren Träumen.

Sie war sich nicht sicher, was das bedeutete, doch der Rest des Tages schien dann aus dem Gleichgewicht zu geraten. Sie war reizbar und nicht bei sich, verbarg das durch einen Anfall von Putzwahn, zerrte den Staubsauger hinter sich her, knallte damit gegen die Türrahmen, als sie von Zimmer zu Zimmer ging, und haute die Bürste auf den Parkettboden. Sie nahm nicht mal wahr, wie die Zeit verging, bis die Uhr eins schlug und ihr klarwurde, dass sie nur noch eine halbe Stunde hatte, um sich für die Party fertig zu machen.

Louis hatte seine Autoschlüssel in die Tasche gesteckt und an der Kommode gestanden, als Camille mit tropfnassen Haaren aus dem Bad gestürmt kam. Sie umklammerte den oberen Teil ihres ergrauenden Handtuchs um ihren feuchten Körper, und es war um ihren Hintern geflattert und hatte ein Dreieck aus weißem Bauch und etwas blassingwerfarbenes Schamhaar enthüllt.

»Bist du noch nicht fertig?« Louis hatte sie fragend angesehen.

»Nein. Bis jetzt hatte ich noch keine Zeit, mich anzuziehen.« Ihre Stimme hatte schrill geklungen, als sie an ihm vorbeistreifte, eine Bürste von der Kommode nahm, deren rosafarbene Oberfläche mit Cremes, dem Inhalt von Louis’ Hosentaschen und einer Schachtel mit Bohrerspitzen bedeckt war, die Louis dort vergessen hatte, als er versuchte, ein Bild aufzuhängen. Dort stand auch ein gerahmtes Foto, das sich leicht zu einer Seite neigte. Darauf war ihr Gesicht zu sehen, blass mit dunklen Schatten unter den Augen. Sie hatte ein Bündel im Arm, und eine winzige Nase spähte über den dicht gewickelten Decken hervor. Das Lächeln auf ihrem Gesicht war unsicher, ihre Augen glasig.

Sie hatte die Bürste durchs Haar gezogen, so dass Wassertröpfchen flogen, wie bei einem Hund, der sich trockenschüttelte.

»Aber du weißt doch, dass Großtante Greta in Carraig wartet.« Er hatte auf die Uhr geblickt. »Ich schätze, sie ist schon seit zwanzig Minuten dort. Sie wird in ihrem Pelzmantel vor Hitze kochen.«

Camille hatte dem Drang widerstanden, laut aufzulachen bei dem Bild von Greta in ihrem schäbigen Pelz, wie sie unter der heißen Sonne briet. Es war leichter, sich zu ärgern, es als Ausrede zu nutzen, um die Sorge abzulassen, die schon den ganzen Morgen an ihr genagt hatte. Sie hatte sich heiß und immer noch schmuddelig gefühlt, sogar nach der Dusche, und in ihrem Magen hatte die Angst gesummt. »Warum holst du sie nicht ab? Du brauchst doch nur fünf Minuten.«

»Ich muss zu Colman, um mir seinen Grill zu borgen.« Louis hatte die Hände in die Taschen seiner Shorts gesteckt und auf seine Füße gestarrt, wie er es immer tat, wenn er versuchte, sich nicht in einen Streit hineinziehen zu lassen.

»Verdammt noch mal, kannst du sie nicht auf dem Weg abholen?« An diesem Punkt hatte Camille nackt vor dem Schrank gestanden und die Kleider auf den Bügeln durchwühlt; ihre Brüste waren auf ihrem gerundeten Bauch gehüpft, während sie Bügel auf der Eisenstange hin und her schob. Sie hatte ein paar der am wenigsten fleckig aussehenden Teile ausgewählt und sie über ihre Schulter aufs Bett geschmissen. »Hör zu, ich habe den ganzen verdammten Morgen damit verbracht, dafür zu sorgen, dass dieses Haus respektabel aussieht, was eine schwere Aufgabe ist, glaube mir. Und du hast im Garten rumgepusselt.«

»Ich habe den Pavillon aufgestellt.« Seine Stimme hatte kurz angebunden und angespannt geklungen.

»Ja, während die Kanapees verbrannt sind, auf die du achten solltest. Und wo ist eigentlich der verdammte Champagner?« Sie hatte sich den schwarzen BH über die Schultern gezerrt, gezogen und gezupft und geflucht, als er sich weigerte, ihre Brüste zu bedecken. Fluchend zog sie ihn aus und ihr Höschen an, bevor sie es noch mal probierte.

»Manchmal kannst du wirklich eine richtige Zicke sein, Camille«, sagte er ruhig, ehe er das Zimmer verließ und die Tür leise hinter sich schloss.

Da hatte sich Camille aufs Bett gesetzt, ihr feuchter Hintern hatte ihr einziges anständiges schwarzes Kleid benetzt, und sie hatte geweint, heiße Tränen liefen ihr die Wangen hinunter. Sie war eine Zicke, hatte sie gedacht, als sie sich im Schrankspiegel betrachtete. Ihr Haar war immer noch von jenem blassen Rotblond wie früher und ohne eine Spur Grau. »Das liegt in der Familie«, hatte Dad über sein eigenes sandfarbenes Haar gescherzt und ihre Mähne zerzaust, die eine Kopie seiner eigenen war. Doch das Gesicht unter den fedrigen Fransen war nun rötlich, geplatzte Äderchen breiteten sich über beide Wangen aus und ließen ihr Kinn und ihre Nase fleckig aussehen. Als ob sie eine Whiskytrinkerin wäre. Ihr Kinn war weich und hing leicht hinab wie ein altes Sofa, das seine Sprungfedern verloren hat. Nur ihre hellgrünen Augen blieben dieselben, lebhaft und tanzend. »Tu as de beaux yeux«, hatte er oft zu ihr gesagt, wenn er sie gebannt mit seinen anschaute, die ganz blassblau waren. Sie befingerte die Kerben an beiden Seiten ihres Mundes, die bis hinunter zum Kinn verliefen, und verzog das Gesicht.

»Nichts ist vollkommen«, hatte sie zu Maggie gesagt.

2

Es tut mir leid, wollte sie jetzt zu Louis sagen, als er am Tisch saß, sich seinen Shreddies widmete, die Packung in Aidans Schale schüttete und ihn drängte, alles aufzuessen.

»Ich mag keine Shreddies. Ich mag nur Weetabix.«

»Shreddies sind dasselbe. Sie sind Weizen«, sagte Louis und hob die Schachtel, um Milch in Aidans Schale zu gießen.

Aidan zog die Schale weg, und die Milch spritzte auf den Tisch. »Um Himmels willen«, murmelte Louis und stand auf, wobei er seinen Stuhl laut über die Fliesen schaben ließ. »Ist irgendwo ein Tuch?« Er begann ein paar von der Party übrig gebliebene Teller aus dem Becken zu heben, und auf seinem Gesicht lag ein angeekelter Ausdruck.

»Hier.« Camille reichte ihm ein Tuch, mit dem sie die Theke abgewischt hatte. »Ich räum die da später weg.«

Louis sagte nichts, sondern wischte Aidans verschüttete Milch auf. »Wo sind deine Shreddies?«

»Ich hab sie weggetan, ich will Weetabix.« Aidans Ton klang weinerlich. »Ich esse immer Weetabix.«

»Zum Teufel noch mal. Gut, dann iss doch deine verdammten Weetabix.« Louis zog seinen Stuhl an den Tisch und begann mit gebeugten Schultern zu essen.

Man hörte ein paar Minuten lang nichts als Kaugeräusche, während die Morgenrituale befolgt wurden, zum Brummen der Nachrichten im Radio, dem alltäglichen Aufzählen von Toten an Orten in Dublin, von denen sie noch nie gehört hatte, Gangstern, die sich an Orten, die auf »… town« endeten, in die Luft gesprengt hatten, die genauso gut auf dem Mars hätten liegen können, was ihre Ähnlichkeit mit Carraig anging, mit seinen sich windenden belaubten Gassen, die hinunter zum Meer führten, seinen schmalen Straßen, an denen schöne viktorianische Häuser so wie ihres standen. Sie sah zum Fenster hinaus zu dem schlappen Netz auf dem alten Tennisplatz, der nun überwuchert war von Unkraut und Quecken. Kate und Lily hatten früher gerne gespielt, als Lily noch klein gewesen war, und so getan, als ob sie in Wimbledon wären; sie hatten das Ergebnis ausgerufen, während Lily versuchte, den Ball mit dem Rand ihres hölzernen Schlägers übers Netz zu schaufeln. Sie hörte Gesprächsfetzen, Kate, die Lily von den Tennispartien ihrer Kindheit erzählte, den langen Sommernachmittagen, den glänzenden weißen Tennisröcken, der Limonade unter der schottischen Pinie. Bei ihr klang es wie etwas aus Wiedersehen in Brideshead, doch Camille wusste, dass es nicht ganz so glamourös gewesen sein konnte. Grandpa hatte allem Anschein nach edle Schäbigkeit bevorzugt.

Der Nachrichtensprecher bezeichnete gerade jemanden als »den Gardai bekannt«, als sie sich erinnerte, wo sich der vom Wind gefegte Platz befand. Die Place St. Sulpice. Dort hatte er immer auf sie gewartet, vorm Eingang zur Kirche, er rauchte im Schatten und zuckte erschrocken zusammen, wenn sie von hinten auf ihn zurannte, ihn umarmte, bevor er sie an sich zog und die Wärme seiner knochigen Brust auf die Weichheit ihrer Brüste traf, sogar unter den Schichten ihrer Winterkleidung. Ihre Küsse waren heiß und klebrig. Es gab Feuchtigkeit und Wärme, wenn ihre Lippen sich trennten und wieder aufeinandertrafen, als ob sie miteinander verschmelzen wollten, sie pressten sich aufeinander, stießen ineinander, während sie sich gegenseitig übers Haar strichen und das Gesicht streichelten. Sie schob ihre kalten Hände gegen seine Brust, bis er quiekte »Arrête, arrête, je te dis!« und die ganze Zeit lachte. Sie entzog sich ihm, und dann lächelte er und nahm sie bei der Hand, während sie über den Platz ins Chez Max gingen. Sie setzten sich auf die klapprigen Stühle, legten einen gefalteten Bierdeckel unter den kippelnden Resopaltisch und bestellten eine Karaffe von dem Rotwein, der so herb wie Schmirgelpapier war und den der Besitzer der Bar auf den Tisch knallte, wobei ein Hauch von Rasierwasser ihre Nase streifte. Ihre Freunde kamen einer nach dem anderen zur Tür herein, Fremde in dieser eisigen, schönen Stadt, die plauderten und lachten und Wein tranken. Ab und zu berührten sie beide einander, ein Streifen der Hand hier, eine Hand, die aufs Knie gelegt wurde, da, der Code, die Signale von etwas Unausgesprochenem, das jedoch so klar wie der Tag war.

Der Gedanke daran ließ Camille jetzt blutrot werden. Sie wandte den Kopf ab, um sich zu vergewissern, dass niemand ihren Gesichtsausdruck gesehen hatte. Es war, als ob sie erwartet hätte, dass sie alle dort saßen, sie ansahen, darauf warteten, dass sie den Film erklärte, der gerade in ihrem Kopf abgelaufen war. Doch sie waren alle in ihre eigene Welt vertieft, Louis beugte sich über die Zeitung, Aidan ließ ein Star-Wars-Raumschiff über den Tisch fahren. »Darth Vader, du bist nicht mein Vater«, stimmte er an und wurde mit einem scharfen Blick von seinem Vater belohnt. Lily schmierte sich einen Hauch von Margarine auf ihren Toast. Das dunkle Haar fiel ihr ins Gesicht, und sie nickte schweigend, während Kate einen leisen Monolog über steigende Hauspreise fortsetzte: »Ich weiß nicht, wann das je enden wird. Jedes Mal, wenn ich in die Irish Times schaue, sind sie wieder ein bisschen gestiegen. Es ist einfach ein Wahnsinn.«

»Du hast recht, Granny«, stimmte Lily, wie immer taktvoll, zu.

»Nimmst du den Recycelmüll mit?« Camilles Stimme war lauter als beabsichtigt.

Louis’ Antwort klang gedämpft, da er versuchte, einen Löffel voll Müsli hinunterzuschlucken. »Das mache ich am Samstag, wenn Aidan Gaelic Football hat.« Er zerzauste Aidan das Haar, und dieser sah zu ihm, ohne zu lächeln.

»Ich mag keinen Gaelic Football.«

»Ich weiß, aber versuch es einfach, ja?« Dann, freundlicher: »Es wird eine gute Übung sein.«

»Ich dachte, du hättest ihn ins Auto gebracht«, beharrte Camille. Sie hatte den Karton am Vorabend in den Flur gestellt, so dass er die Haustür versperrte, damit Louis ihn nicht vergaß.

Sie wurde mit einem schuldbewussten Blick belohnt. »Ähm, ich dachte, ich nehme heute das Rad, wenn das in Ordnung ist. Ich brauche frische Luft. Und ich muss mich entspannen, wenn ich die Grundstimmung von Caravaggio einem Haufen von Kunstgeschichtsstudenten im ersten Jahr erklären soll.« Er lächelte.

»Okay, wenn du es also bis Ende der Woche machen könntest, weil er sich sonst nämlich ansammeln wird«, sagte Camille nun und hasste dabei den herrischen Ton ihrer Stimme. Wann hatte sie sich jemals ums Recyceln gekümmert? Es herrschte Schweigen am Küchentisch, und als sie sich umdrehte, starrten alle sie stumm an. »Aidan, geh nach oben und zieh deine Uniform an, sei ein lieber Junge«, brachte sie hervor, ehe sie ins Bad wuselte und sich aufs Klo setzte, den Kopf an die Bademäntel gelehnt, die an Haken an der Wand hingen. Sie atmete die muffigen Gerüche ein, die Mischung aus Staub und Schweiß, und schloss für einen Moment die Augen. Es lag etwas Beruhigendes in den warmen Stoffen, der Geruch der O’Reillys. Ihr Herz verlangsamte sich wieder, das Zittern ihrer Hände legte sich. Sie riss ein Blatt Toilettenpapier von der Rolle ab und putzte sich lautstark die Nase, dann saß sie, die Hände auf den Knien, da. Von hier waren die Geräusche der anderen nur schwach zu hören. Louis wühlte in der Garderobe und fluchte leise, als er seinen Fahrradhelm aus dem Gewirr aus Schuhen und Schirmen zog, und rief dann »Bis später«, bevor die Haustür hinter ihm zuschlug.

»Einen schönen Tag«, rief Camille hinterher, deren Stimme durch die Bademäntel gedämpft klang. Ich gehe in einer Minute, sagte sie sich. Ich brauche nur eine Sekunde, um mich zu sammeln. Wieder schloss sie die Augen. Ihr Kopf fühlte sich schwer an, und sie versuchte, gegen den Drang zu schlafen anzukämpfen. Sie zog die Jacke fester um sich gegen den Luftzug, der durch das winzige Fenster über der Toilette hereinkam, und spürte die scharfe Ecke des Umschlags an ihren Rippen. Sie zog den Brief aus der Tasche und sah wieder auf Name und Adresse – »Mlle Camille Devaney«. Irgendwie sah der Brief dadurch jugendlich aus, ein Brief von einem eifrigen Brieffreund aus Frankreich. Sie drehte ihn um, und dort standen in deutlichen Buchstaben sein Name und seine Adresse. Zuerst der Nachname wie bei den Franzosen üblich.

Lilys Stimme klang plötzlich laut auf der anderen Seite der Tür. »Ich gehe nur bis zur Hauptstraße mit dir, du Zwerg, dann muss ich weg. Ich habe um halb neun eine Vorlesung.« Camille schob den Brief wieder in ihre Tasche. Sie konnte hören, wie der Reißverschluss an Aidans Anorak zugezogen und der Spiderman-Ranzen auf seine Schultern gehievt wurde, während er dastand und seine Arme zweifellos aus den zu kurzen Ärmeln herausschauten. Der Anorak wies ein Orange auf, das den Augen weh tat und sich mit seinem flammend roten Haar biss, doch er war im Laden hartnäckig geblieben. »Orange ist eine fröhliche Farbe«, hatte er gesagt, sich die Jacke unter den Arm geklemmt, war damit zur Kasse marschiert, hatte sie auf die Theke gelegt und sich erwartungsvoll zu ihr umgedreht. Sie hatte keine andere Wahl gehabt, als sie zu kaufen. »Aidan O’Reilly, die menschliche Fackel«, hatte Lily ihn getauft.

»Kann ich mit dir zum College kommen, Lily? Ich mag nicht in die Schule.«

»Nein, Zwerg. Du musst am Anfang anfangen, zuerst einen Haufen lernen. Sonst ist das College nur ein Haufen Geschwafel.«

»Was ist Geschwafel?«

»Zeug, das Zwerge wie du nicht begreifen«, erwiderte Lily, und Camille wusste, sie würde das Wort später wieder hören. Aidan sammelte Wörter wie andere Fußballaufkleber, klebte sie sorgfältig in sein Album im Kopf, polierte sie und feilte an ihnen, bevor er sie mit Schwung und nicht immer im richtigen Zusammenhang wieder hervorholte.

»Was ist ein Depp, Lily?«, fragte er nun.

»Warum willst du das wissen, Zwerg?«

»Declan Farrell hat mich neulich einen Deppen genannt, weil ich den Ball nicht ins Netz kicken konnte.« Aidans Ton klang nüchtern, doch Camille konnte ihn vor sich sehen, wie er in seinem neongrünen Shirt am Rand stand und darauf wartete, dass ihn jemand den Ball kicken ließ, nur um ihn dann vollkommen danebenzuschießen, als man ihn ihm reichte. Armer Aidan. »Es wird gut für ihn sein«, hatte Louis beharrt, als Camille gefragt hatte, ob er glaube, dass Gaelic Football wirklich so eine tolle Idee sei.

»Ein Depp ist ein cooler Typ, wusstest du das nicht?«

Es herrschte Schweigen, während Aidan das verdaute und sich vielleicht fragte, ob er die Erklärung seiner Schwester akzeptieren sollte. »Sein Gesicht sah nicht nett aus, als er das gesagt hat«, meinte er.

»Nur weil er neidisch ist, weil du eindeutig cooler bist als er.« Lilys Ton klang jetzt munter. »Also, Zwerg, lass uns los.« Sie zog jetzt am Riegel der Haustür und fluchte leise. »Mum? Die Tür klemmt wieder.«

»Okay. Warte.« Camille hievte sich von der Toilette hoch. Obwohl der Deckel herunter war, spülte sie und ließ Wasser laufen, als ob sie auf dem Klo gewesen wäre, und vermied es, in den Spiegel zu blicken. Sie öffnete die Garderobentür, nahm ihren Mantel vom Haken, legte ihn sich über die Schultern und lächelte dabei die Kinder an. »Alles klar?«

Der Blick in Lilys dunklen Augen wirkte zweifelnd. »Mum, du siehst … ich weiß nicht … gestresst aus. Geht es dir gut?«

»Ich? Mir geht es gut, brauche nur etwas mehr Schlaf. Die ganze Aufregung gestern.« Camille versuchte, munter zur Flurtür zu gehen, schob ihren Fuß gegen den unteren Teil, während sie gleichzeitig fest am Riegel zog, bis er sich quietschend und ächzend löste. Sie müsste Louis dazu bringen, ihn zu reparieren, dies der langen Liste von kaputten Gegenständen hinzufügen, die seine Aufmerksamkeit erforderten, aber wahrscheinlich nie bekommen würden.

»Ha, wenn du Granny-Tänze und Singsang aufregend nennst! Ehrlich, diese ganzen Balladen gestern, es war unglaublich retro.« Norman, Kates »männlicher Gast«, wie sie ihn verschämt bezeichnete, hatte damit angefangen, war auf der Bank unter dem Bogen aus Rosen hin und her geschaukelt, hatte sein Glas mit Smithwicks in der Luft geschwenkt und dabei »I met my love by the gasworks wall …« angestimmt. Seine Stimme hatte rauh geklungen, seine Wangen waren gerötet, während er sich für sein Lied erwärmte und ein Chor aus Partygästen einstimmte. »Dirty old town, dirty old town.« Lily hatte sich geschämt. Doch Lily schämte sich zurzeit ständig, was völlig normal war, wie Camille fand.

Camille zupfte nun am glänzend schwarzen Haar ihrer Tochter und sah dann in den Nieselregen, der angefangen hatte zu fallen. »Frechdachs. Warte, bis ich meinen Regenmantel geholt habe, dann können wir zusammen gehen.« Sie versuchte, nicht zu eifrig zu klingen, für den Fall, dass Lily nur die Schultern zuckte und sagte, sie sei in Eile, doch diese lächelte sie an und erwiderte: »Klar. Ich habe jede Menge Zeit. Dr. O’Sullivan kommt immer zu spät.«

Camille lief wieder in die Garderobe und suchte nach ihrer Windjacke. Sie beeilte sich, damit Lily sich nicht eines Besseren besann. Es war jämmerlich, doch sie vermisste ihre täglichen Wege zur Schule. Sie erinnerte sich an die zwölfjährige Lily, die auf der Schwelle stand und deren Ranzen zu groß für ihre schmalen Schultern war. »Ich will heute Morgen alleine gehen, Mum.« Und dann, fast lautlos: »Alle anderen Mädchen lachen mich aus, weil ich mit meiner Mum in die Schule komme.«

Camille hatte widersprechen, sagen wollen: Unsinn, du bist noch zu klein. Doch der Ausdruck in Lilys Augen hatte sie davon abgehalten, eine Mischung aus Entschuldigung und Herausforderung. »Natürlich, Süße.« Und sie hatte sie gehen lassen, war auf der Schwelle stehen geblieben und hatte ihr nachgesehen, wie sie alleine die Auffahrt entlangging, den Ranzen über eine Schulter geworfen. Aber du bist zu klein, beharrte die Stimme in ihrem Kopf weiter.

Die Tränen waren später gekommen, im Café des Schwimmbads, nach ihren morgendlichen vierzig Bahnen, ein plötzlicher Ausbruch über ihrem Cappuccino und ihrem Scone. Sie hatte in ihrer Windjacke nach einem Taschentuch gesucht und so laut hineingeschneuzt, dass die Kellnerin ihr auf die Schulter getippt hatte. »Alles okay bei Ihnen?« Camille hatte heftig genickt. Ich werde nicht mehr gebraucht. Sie fühlte sich peinlich berührt, als sie in dem nach Chlor riechenden Mief geweint hatte, die Krümel ihres Scones waren trocken in ihrem Mund gewesen.

Erst später war ihr klargeworden, warum sie so weinerlich geworden war, und da musste sie sich keine Sorgen mehr darüber machen, dass sie überflüssig sein könnte.

3

Sie gingen die Auffahrt entlang, und Aidan blieb alle paar Meter stehen, um Kastanien im Kies aufzusammeln; mit einem Fuß stampfte er auf die grüne, stachlige Hülle und ließ die glänzende Kastanie in ihrem weichen weißen Futter herausspringen. Sie und ihr Bruder David hatten in seinem Alter genau dasselbe gemacht, dachte Camille. Sie verbrachten den ganzen Nachmittag unter der Kastanie. David warf Stöcke hinauf ins Laub und schrie, wenn eine Kaskade aus Grün auf den Kies fiel. Sie packten die braunen Kastanien in Plastiktüten und gaben damit an, wie viele sie gesammelt hatten; danach vergaßen sie sie, da sie sie ganz hinten hinter den Mantelständer gestopft hatten, und entdeckten sie trocken und eingeschrumpft Monate später wieder.

Lily ging vor Camille. Sie sah auf ihre Tochter in ihren schwarzen, hautengen Jeans, ihren violetten Converse-Turnschuhen, den Schal lässig um den Hals geknotet. Sie war klein und jungenhaft, ganz anders als ihre breitere, blasshäutige Mutter. Einmal hatte Camille sie beobachtet, wie sie im Garten bei Kate stand und plauderte, während Kate ihre Hortensien abschnitt, und ganz plötzlich war ihr bewusst geworden, wie ähnlich sie sich sahen. Sie empfand einen Stich der Eifersucht, als sie sie beide sah, schmalhüftig, mit ihren Storchenbeinen. Einmal beugte sich Lily zurück und lachte über einen von Kates Scherzen, und Camille musste sich zurückhalten, um nicht zu ihnen zu gehen und zu fragen, was denn so verdammt komisch sei.

Lily sprach jetzt über ihre Schulter, und Camille bemühte sich, bei dem Geplapper mitzuhalten. Sie hatte offenbar etwas verpasst und versuchte, ein Wort aufzufangen, das ihr sagen würde, worum es ging. So war es zurzeit oft. Jemand redete, und sie schien sich einfach nicht konzentrieren zu können. Während sich die Lippen bewegten, entschwebte sie einfach und wurde erst durch den empörten Gesichtsausdruck des anderen oder ein lautes »Camille, du hörst ja gar nicht zu« wieder zurückgeholt. Sie versuchte, aufmerksam dreinzuschauen. »… also, Dermot hat gefragt, ob ich am Wochenende nach Donegal zu seiner Familie mitkommen möchte …«

»Ach ja? Oh, das ist ja nett«, erwiderte Camille unverbindlich. Sie war eine Expertin in Unverbindlichkeit mit Lily. Sie hatte es auf die harte Weise gelernt. »Hör auf, nachzubohren, Mum«, sagte Lily immer, als ob Camille mit ekligen Zahninstrumenten in der Hand vor ihr stünde.

»Und? Kann ich fahren?«

Nein, kannst du nicht, wollte Camille sagen, weil du Sex mit ihm haben und vielleicht schwanger wirst und dein Leben dann vorbei sein wird, und wird er Kondome dabeihaben, und wie ernst meinst du es überhaupt mit ihm? Du kannst nicht, weil du dann richtig erwachsen sein wirst, und dafür bin ich noch nicht bereit.

»Sicher«, hörte sie sich antworten und beglückwünschte sich für ihren gleichgültigen Ton. Sie konnte ja wohl kaum nein sagen. Und dann beiläufig: »Ist es eine Familienfeier?«

»Nein, es fährt eine große Gruppe aus dem zweiten Geschichtsjahr hin. Aber keine Sorge, ich werde vernünftig sein.«

Camille lachte und zog ihre Tochter in einer Umarmung an sich. »Das weiß ich doch, Süße.« Lily hatte eine beeindruckende Sammlung aus bunten Stiften und eine Wandtabelle. Sie hatte Schuhputzzeug und ein Tagebuch mit einer Seite für jeden Tag, in das sie etwas schrieb, anders als Camille, die nach Papierfetzen suchte, auf die sie Notizen kritzelte, die sie sofort verlor. Lilys Weihnachtsgeschenk für sie letztes Jahr war ein piepsender Autoschlüsselfinder gewesen. Camille war leicht eingeschnappt gewesen.

Und wenn sie daran dachte, wie sie in Lilys Alter gewesen war, mit ihrer lockigen Dauerwelle und den langen Ohrringen, völlig ahnungslos über das, was in der Welt vorging. Lily schien so viel mehr auf der richtigen Wellenlänge zu liegen, vielleicht zu sehr, dachte Camille manchmal. Die Mädchen heutzutage hatten alle Informationen, die sie brauchten, das ganze Gerede über Kondome und Erektionen und Geschlechtskrankheiten, über die schlaueste Art, Prüfungen zu schaffen und die Karriere vorwärtszubringen, und doch, wenn es ums Emotionale ging oder um die praktischen alltäglichen Entscheidungen, die im Leben getroffen werden mussten, waren sie nicht bereiter, als sie es gewesen war.

»Ich habe dir die Grunddinge gegeben, Süße«, hatte ihr Dad ihr eines Tages im Januar gesagt, als sie am Kai entlanggegangen waren; der Wind ließ ihre Augen tränen und die Nasen laufen, er war eisig und bitter, die Wolken waren violett und hingen tief über dem Leuchtturm. Er hatte sich die Nase mit seinem Taschentuch geputzt, ein lautes Hupen, und sie hatte laut auflachen wollen, wusste aber die Feierlichkeit des Augenblicks zu achten. »Und es liegt nun an dir, sie zu nutzen, dir dein eigenes Leben aufzubauen und deinen eigenen Lichtern zu folgen. Ich wünschte bei Gott manchmal, dass ich immer neben dir stehen könnte, doch das steht leider nicht in der Arbeitsplatzbeschreibung.« Seine Augen hatten den Horizont abgesucht, während er sprach, und bevor sie antworten konnte, hatte er »Seehunde!« gebrüllt, und sie hatte dorthin geblickt, wohin sein Finger zeigte, zu dem glatten braunen Kopf, der im Wasser hüpfte.

Ihre eigenen Lichter waren schwach und unregelmäßig geworden, hatten geflackert, anstatt kontinuierlich zu brennen, doch galt das nicht für alle anderen auch? Einmal, dachte sie, habe ich geglaubt, dass mein Leben so werden könnte, wie ich es wollte. Und es hat nicht funktioniert. Aber wie konnte sie zu Lily sagen, dass man, wenn man jung ist, sich als Herr des Universums fühlt und dann erkennt, dass man so gut wie nichts kontrollieren kann, dass man eigentlich nur »ein Korken, der auf dem Meer des Lebens hüpft«, ist, wie ihr Dad Jim es ausdrückte. Es passiert so langsam, dass man es nicht mal merkt, und dann, eines Tages, steht man da und fragt sich, was genau geschehen ist mit dem Leben, das man so sorgfältig geplant hatte.

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