Nachrichten aus einem unbekannten Universum

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Inhaltsverzeichnis

Å så svinger vi på seidelen igjen – hei skå l!

 

Für Solo und Loy

Vorgestern.

Was war noch gleich vorgestern?

Drei Männer in einer Bar. Berlin, Radisson Hotel, morgens um vier, bei der Verkostung geistiger Getränke. Genau genommen ist es ein Jahr her, dass die drei dort saßen. Dennoch scheint es mir, als habe sich das folgende Gespräch erst vor zwei Tagen zugetragen.

 

»Sag mal, deine Recherchen für den Schwarm«, meint Hannes, »hast du die eigentlich jemals alle verwerten können?«

Hannes ist Herausgeber der Wissenschaftszeitschrift PM. Ein Mann mit einem Glas in der Hand und einem Ansinnen.

»Einen Teil davon«, sage ich. »Zehn bis 20 Prozent.«

»Also 80 Prozent brachliegendes Wissen. Schade drum. Hättest du nicht Lust, mal was für uns zu schreiben? Eine Fingerübung. Du müsstest nur in deine Unterlagen schauen. Was Schönes über die Meere.«

Auch ich halte ein Glas in der Hand. Männer, die einander zuprosten, sind grundsätzlich generös gestimmt.

»Klar«, sage ich. »Was soll’s denn sein? Tiefseetechnik? Wasserkraftwerke? Meeresströmungen? Riesenwellen? Korallenriffe? Evolution, Entstehung des Lebens, Mikroorganismen, kambrische Artenvielfalt? Oder doch lieber Haie?«

»Ja, genau. Genau das.«

»Was

Hannes zögert. »Vielleicht schreibst du ja nicht nur einen Artikel. Ich dachte eher an eine Serie. An drei oder vier Folgen.«

Ich lasse den Gedanken zirkulieren.

»Gut«, sage ich. »Warum nicht.«

»Das sind unterm Strich 50 bis 60 Manuskriptseiten«, meint Helge und nippt versonnen an seinem Wodka Martini. Helge ist der Verleger von Kiepenheuer & Witsch. »Ein ordentlicher Packen Papier. Aber ob das wirklich für ein Buch reicht?«

Helge tut so, als müsse er darüber nachdenken, die Sache überschlafen. Aber ich kenne meinen Freund. Ich weiß, dass der Samen im Acker seiner Vorstellungskraft bereits die allerschönsten Blüten treibt. »Du meinst, ein Begleitbuch zum Schwarm?«

»So was in der Art.«

»Ein Bändchen, dünn und handlich.«

»Ja, wegen der Fragen, die so oft gestellt werden: Wie viel im Schwarm ist real? Was ist Wirklichkeit, was ist Fiktion? Ich könnte ein paar Antworten geben. So, dass es zur nächsten Leipziger Buchmesse auf dem Markt ist.«

»Du weißt, wann Leipzig ist? Wir reden von einem Jahr.«

»Ist doch nur ein Bändchen. Maximal 150 Seiten. Kein Problem.«

Wir trinken noch was. Wodka ist ein bemerkenswertes Zeug. Es besteht aus Getreide, Alkohol und großen Mengen Problemlöser. In dieser Nacht ist nichts ein Problem. Hannes findet die Idee gut, Helge findet sie gut, ich finde sie gut. Also schustere ich auf Bierdeckeln und Servietten ein Inhaltsverzeichnis zusammen.

Es wird lang.

Es wird länger.

Eigentlich,

Nein, falsch. Erst müsste man erzählen, wie das ganze Wasser auf die Erde kam! Also mit der Entstehung unseres Planeten beginnen, dann das Leben porträtieren, sein Werden und Wirken, die wechselseitige Einflussnahme von Evolution und Umwelt, und so weiter, und so fort, bis in unsere Zeit. Das Buch würde einen ersten Teil haben, der in der Vergangenheit spielt, einen weiteren, der sich mit der Gegenwart auseinandersetzt, und einen dritten für die Zukunft. Natürlich wäre es wichtig, ein möglichst lückenloses Panorama des heutigen Lebens im Meer zu entwerfen und die komplizierten Abhängigkeitsgeflechte zu entwirren, die schon in einem einzigen Wassertropfen …

Genau. Es wird notwendig sein, Wasser an sich unter die Lupe zu nehmen. Und Meeresströmungen. Und Ebbe und Flut, die durch den Einfluss des Mondes …

Interessant. Wie sähe die Erde eigentlich aus, wenn es keinen Mond gäbe? Sie hätte wahrscheinlich eine andere Atmosphäre, weil …

Stichwort Atmosphäre. Ich muss unbedingt ein Kapitel über Mikroorganismen schreiben, die Sauerstoff freisetzen, den sie mit Hilfe von Sonnenlicht …

Sonne. Weltraum. Galaxien. Gibt’s auf anderen Planeten eigentlich auch Ozeane? Könnte sich dort Leben entwickelt haben? Außerirdisches Leben, das aussieht wie die Kreaturen aus dem Kambrium und …

Kambrium! Ein Kapitel übers Kambrium muss rein. Da gab es richtige Monster: Anomalocaris zum Beispiel, die kambrische Entsprechung des Weißen Hais …

Ach

»Das ist kein Bändchen«, bemerkt Helge trocken. »Das ist ein Epos.«

»Macht nix. Ich schreibe das.«

»Bist du sicher? Wir reden von einem Jahr. Die Buchmesse ist sozusagen übermorgen.«

»Er hat doch seine Recherchen«, sagt Hannes sanft.

»Ja, eben. Ich schaffe das. Ich schreibe das! Bis übermorgen ist noch jede Menge Zeit. Gleich morgen lege ich los.«

Alle freuen sich.

»Na dann. Prost.«

Nun, drauf getrunken ist besiegelt. So gut wie Tinte unterm Vertrag. Vorgestern also gab ich ein Versprechen, das man nur morgens um vier in einer Bar geben kann.

 

Vorgestern.

Was war noch gleich vorgestern?

Der Urknall!

Vorgestern ist das Universum einem Punkt entsprungen, vor rund 13,7 Milliarden Jahren. So wenigstens stellt es sich uns dar. Es dehnte sich aus und erzeugte die Erde, auf der wir leben. Das war, nach kosmischen Maßstäben, gestern. Es prägt unsere heutige Existenz, als sei es eben erst geschehen. Vor nicht ganz einer Sekunde hat dann die Menschheit ihr »Cogito ergo sum!« in die Welt geschmettert.

Vor zwölf Monaten, die mir vorkommen wie zwei Tage und zugleich wie eine halbe Ewigkeit, habe ich den ersten Satz des nachfolgenden Kapitels geschrieben.

Aus den ursprünglich vorgesehenen 150 sind in dieser Ausgabe fast 650 Seiten geworden: eine Chronik der Meere und unserer Herkunft. Es ist die Geschichte, die ich mein Leben lang erzählen wollte, mir selbst und anderen. Sie

Nein, Nachrichten aus einem unbekannten Universum versteht sich nicht als der Weisheit letzter Schluss. Den kann und wird es niemals geben. Vielmehr habe ich versucht, den Großteil aller bisher erzählten Geschichten über die Meere und unsere Rolle auf Erden in eine aktuell gültige Version zu fassen. In der Schule haben wir gelernt, dass Lehrerwissen absolutes Wissen ist. Doch Wissenschaft kann niemals absolut sein. Sie ist die Kunst der Annäherung. Sie definiert nicht, sondern kreist ein, zieht keine Trennlinien, sondern schafft Übergänge, kennt keine Dogmen, sondern Entwicklungen. Sie kann nichts

Nein, Sie werden in diesem Buch nicht die absolute Wahrheit finden, sondern eine Geschichte von hoher Wahrscheinlichkeit, die vorläufige Essenz weltweiten Forschens. Beispielsweise erhebt keine Jahreszahl auf der geologischen Zeitachse, die sich im Anhang dieses Buches findet, Anspruch auf Absolutheit. Beim Blick ins Internet werden Sie feststellen, dass der Beginn der Erdzeitalter variiert, dass bisweilen sogar ganz neue Zeitalter hineingelangen, so wie erst kürzlich das Ediacarium. Suchen Sie bitte erst gar nicht nach ultimativen Daten, Sie würden keinen Erfolg haben. Mit jeder neuen Erkenntnis verändert sich die Skala. Die Zeitaltertabelle im Anhang gibt wieder, worauf sich in diesen Tagen das Gros der Fachleute einigt. Vielleicht haben Sie die Diskussion um den Tyrannosaurus Rex mitbekommen. Fast monatlich wird das Bild der Riesenechse korrigiert. Mal ist er ein fußlahmer Aasfresser, dann wieder ein schneller Läufer und aktiver Jäger, sogar einen Pflanzenfresser wollen Experten in ihm ausgemacht haben.

Es wird gerne behauptet, das Internet verdumme die Menschen, weil dort jeder etwas anderes zur selben Sache sage. Das stimmt keineswegs. De facto hat auch schon vor dem Internet jeder etwas anderes behauptet, nur bekamen wir in der Schule wenig davon mit. Wir hatten nicht die Möglichkeit des Vergleichs, lediglich eine Bezugsperson, die heilige Wahrheiten verkündete. Heute können

Das Panorama, vor dem sich unsere Geschichte abspielt, hat Unschärfen, ohne Zweifel.

Aber genau darum ist es so prachtvoll anzuschauen. Einige der lebendigsten Bilder aller Zeiten haben Impressionisten gemalt. Die Motive Claude Monets, Alfred Sisleys, Camille Pissarros oder Auguste Renoirs werden präzisiert durch die Phantasie des Betrachters, nicht durch den akkuraten Strich. Moderne Welterklärung ähnelt solchen Bildern, in denen nichts starr, sondern alles in Bewegung begriffen scheint. Viele Menschen fühlen sich dadurch verunsichert. Ich finde es ermutigend. Ist es nicht viel spannender, am Prozess der Erkenntnis teilzuhaben, als sich mit rohrstockstarren Fakten herumschlagen zu müssen? In der Bewegung liegt die Veränderung, in der Veränderung die Chance, in der Unschärfe die künftige Wahrheit. All unser Wissen über das Aussehen und Verhalten lebender und längst verschwundener Arten, über Naturereignisse, über das Kausalitätengeflecht in der Natur, über unsere Rolle und die Zukunft unserer Spezies lebt, atmet und entwickelt sich, häutet sich mitunter, wächst, durchläuft Stadien der Metamorphose, gewinnt an Kontur. Jeder ist eingeladen, diesen Prozess mitzuverfolgen – und mitzugestalten. Durch seine Neugier, seine Offenheit, seine Ideen.

Dies ist kein Lehrbuch. Kein Manifest. Es trägt keine Botschaften vor sich her. Es ist ein Thriller. Denn nichts anderes ist die Erdgeschichte, als eine ungeheuer spannende Story voller Wendungen und Überraschungen. Nichts in dieser Geschichte ist wirklich kompliziert, und schon gar nicht ist es langweilig. Es gibt nur Leute, die es gerne kompliziert und langweilig hätten. Jeder von uns kennt

Nachrichten aus einem unbekannten Universum will eigentlich nur eines: unterhalten und Lust machen auf mehr. Lesen Sie dieses Buch, wie Sie wollen. Kreuz und quer oder in einem Rutsch. Die meisten Kapitel funktionieren für sich.

Mein Vorschlag wäre jedoch, gemeinsam zurückzureisen, so nah wie möglich an den Punkt null, um uns von dort mit der Zeit treiben zu lassen. Zwischendurch können Sie ruhig mal die Augen schließen und ein Nickerchen machen oder mit Freunden telefonieren, wenn wir durch physikalische und chemische Untiefen reisen, etwa im Kapitel über die Handtasche der Evolution. Manche dieser Exkursionen sind nicht zu vermeiden, aber vielleicht haben Sie ja gerade an so was Spaß. Beispielsweise an der Frage, wie es in einer Protozelle vor 3,5 Milliarden Jahren ausgesehen haben könnte. Falls Ihnen da jedoch zu viele Ionen, Isotope, Makromoleküle, Zucker und Fette, Säuren und Basen unterwegs sind, schalten Sie einfach ab. Ich wecke Sie schon, wenn die richtig guten Geschichten kommen. Niemand gibt hinterher Noten. Wir sind auf einer Reise, und reisen soll entspannen.

Hin und wieder tauchen Begriffe im Buch auf, die erst später ausführlich erklärt werden. Oder aber Sie lesen einen schon erklärten Begriff und fragen sich: Verdammt, was war das jetzt nochmal? Blättern Sie nicht zurück, sondern vor. Im Glossar sollten Sie eigentlich fündig werden. Möglicherweise werden Sie aber über ein bestimmtes Thema sehr viel mehr wissen als ich und Kenntnis von ganz neuen Forschungsergebnissen haben, die zum Zeitpunkt,

 

Vorgestern.

Was war noch gleich vorgestern?

Richtig. Der Urknall.

Über den weiß man nicht so viel. Eigentlich nur, dass er aller Wahrscheinlichkeit nach stattgefunden hat. Für die ersten paar Sekunden nach dem Big Bang gibt es ganz ansehnliche Modelle. Der Moment selbst, das Entstehen des Universums – die so genannte Singularität –, bleibt im Rahmen bekannter physikalischer Gesetze unerklärbar. Was vorvorgestern geschah, unmittelbar vor der Expansion von Raum, Zeit und Materie, und warum es überhaupt geschah, kann derzeit niemand sagen. Ich habe jedenfalls nicht den blassesten Schimmer.

Aber ich kann Ihnen erzählen, was gestern passiert ist.

Gestern

Regenzeit

Vielleicht blickte sie auch einfach voller Stolz auf ihr Werk, ohne sich zu Höherem berufen zu fühlen. Sicher, dieser Membransack mit dem Supermolekül im Kern hatte sich als Husarenstück erwiesen, auf das man sich durchaus was einbilden konnte. Aber dreieinhalb Milliarden Jahre nichts als Einzeller? Keine komplexeren Lebensformen, keine Beine, Zähne und Augen oder wenigstens was Kriechendes mit einem halbwegs erkennbaren Vorne und Hinten? Warum bloß hat sich die Evolution so lange Zeit gelassen, bevor sie daranging, das Experiment Leben fortzusetzen – um dann hastig immer komplexere Organismen zu entwerfen, als sei ihr plötzlich eingefallen, dass die Fertigstellungstermine überschritten sind: Hier bitte, der Auftragszettel, ich hatte für Anfang Kambrium einen Tyrannosaurus Rex bestellt. Was, Sie sind erst bei Muscheln und Schnecken? Jetzt aber dalli!

In der Geschichte des Lebens liest man nichts von Auftraggebern. Man kann die Frage darum auch anders stellen. Warum hat die Evolution überhaupt komplexeres Leben hervorgebracht? Denn einen Trend zur Komplexität im Sinne eines erkennbaren Fortschritts gibt es in der Natur eigentlich nicht, auch wenn wir es gerne so hätten und manches danach aussieht. Menschen sind intelligenter

Zum besseren Verständnis hilft es, die Evolution als das zu begreifen, was sie ist: ein einfallsreiches Opfer der Umstände, weit davon entfernt, Wesen mit Beinen, Zangen, Stielaugen oder Armani-Krawatten zu erschaffen, wie es ihr gerade passt. Zellen zur Serienreife zu entwickeln war eine schöpferische Meisterleistung, unbestritten. Doch was immer die Evolution bis heute unternahm, geschah als Folge vorgegebener Bedingungen. Und die diktierte der Planet – launisch wie eine Diva, mal unberechenbar bis destruktiv, dann wieder ein Muster an Fürsorge. Mitunter forderte er dem Leben Lösungen ab, die ihn selber nachhaltiger veränderten, ohne je Zweifel an seiner Autorität aufkommen zu lassen. Immer waren es klimatische, geologische und kosmische Einflüsse, die der Evolution Handlungsbedarf abforderten. Dass sie rund drei Milliarden Jahre lang erfolgreich Einzeller produzierte, verdient angesichts dessen uneingeschränkte Bewunderung. Denn an Versuchen, sich des aufkeimenden Lebens mit allen nur erdenklichen Tricks wieder zu entledigen,

Langsam.

Gehen wir erst mal zurück, weit zurück, noch vor den Urknall. Was sehen Sie? Richtig, nichts. Erstens, weil es noch kein Universum gibt, zweitens, weil eben dieser Umstand das sofortige Ende Ihrer Existenz nach sich zieht. Der Mensch bemisst sich nun mal nicht allein nach Höhe, Breite und Länge. Auch aus Dauer ist er gemacht, so wie alle Materie. Zeit existierte aber vor dem Urknall nicht, oder sagen wir, sie war noch nicht geschlüpft. Und ohne Zeit kein Zeitreisender.

Dann plötzlich, vor etwa 13,7 Milliarden Jahren, geschieht etwas so Unfassbares, dass selbst Stephen Hawking in schwitzende Erklärungsnot gerät: Aus dem blanken Nichts expandieren Raum und Zeit und dehnen sich rapide aus. So vieles vollzieht sich in derart schneller Folge, dass alleine die ersten drei Sekunden im Leben des jungen Universums Bücher füllen. Vorsicht allerdings, wenn Sie nun glauben, damals sei einfach mehr los gewesen. Wir haben allen Grund zur Annahme, dass die Zeit selbst mit weit höherer Geschwindigkeit dahinraste als heute. Stellen Sie sich einfach einen Film im Zeitraffer vor. Sie sehen dieselbe Handlung wie in Originalgeschwindigkeit, nur dass alles dreimal schneller vonstatten geht. Das flottere Abspieltempo ist vergleichbar einer höheren Zeitgeschwindigkeit, ohne dass die Personen im Film dadurch in Stress gerieten. Für sie vollzieht sich alles ganz normal. Vielmehr würden sie – vorausgesetzt, sie wären sich ihrer filmischen Existenz bewusst – beim Blick auf uns Zuschauer den Eindruck gewinnen, in unserer Welt geschähe alles dreimal so langsam wie in ihrer. Zeit

Ob ein Vorgang als schnell oder langsam, eine Zeitspanne als schier endlos oder besonders kurz empfunden wird, hat also ausschließlich mit der Perspektive des Beobachters zu tun – anders gesagt mit jemandem, der in der Lage ist, Zeit überhaupt zu messen. Da unabhängige Beobachter bis heute Geschöpfe der höheren Mathematik sind, müssen wir uns mit uns selbst begnügen und im Hinblick auf ein Menschenleben feststellen, dass drei Milliarden Jahre eine verdammt lange Zeit sind. Wo wiederum niemand zugegen ist, um ein Zeitmaß anzulegen, erübrigen sich Begriffe wie »schnell« oder »langsam«. Dauer wird irrelevant. Drei Sekunden oder drei Milliarden Jahre machen keinen Unterschied. Die Zeit bemisst sich nicht in Einheiten, sondern einzig an der Fülle der Ereignisse. Ein Effekt übrigens, den wir gut an uns selbst beobachten können. In Fällen großer Langeweile – etwa bei Festreden angehender Schwiegerväter oder Antworten von Politikern auf klar gestellte Fragen – empfinden wir zehn Minuten als quälende Öde. Ein Abend beim Flirt vergeht hingegen wie im Flug. So betrachtet sind drei Milliarden Jahre Zellentwicklung vielleicht ein Klacks, hingegen drei Sekunden, in denen die Grundvoraussetzungen für das ganze zukünftige Universum geschaffen wurden, eine Ewigkeit. Es wäre sinnlos, von einem Mittagsschläfchen der Evolution zu sprechen, bloß weil sie es den größten Teil der Erdgeschichte bei Bakterien

Zurück zum Urknall. Raum und Zeit breiten sich weiter aus, und das Universum kühlt ab. Auch Abkühlung ist ein relativer Begriff. Immer noch 5.000 Grad Celsius ist es heiß, eine Temperatur, bei der Elektronen wild hin und her schießen, allerdings langsam genug, um dem Bann positiver Anziehungskräfte zu erliegen. Als Folge beginnt je ein Elektron ein einzelnes Proton zu umkreisen, und das Wasserstoffatom entsteht.

Vorher war das Universum unendlich dicht und homogen gewesen. Jetzt wird die Materie durchlässig, und Licht kann sich ungehindert von Materie ausbreiten. Mehr noch: Seitdem die Photonen, die Lichtteilchen, sich zwischen den festen Teilchen hindurchwinden können, müssen sie diese nicht mehr ständig anrempeln und auseinanderreißen. Erstmals kann sich Materie zu dauerhaften Strukturen zusammenballen. Wasserstoff bildet Wolken, die immer größer und mächtiger werden, bis sie unter ihrem eigenen Gewicht in sich zusammenstürzen. Sterne entstehen, Brennöfen, in deren Innerem ungeheurer Druck herrscht, sodass der Wasserstoff im Innern zu Helium verschmilzt. Drei solcher Heliumkerne verbinden sich zu Kohlenstoff. Der Kohlenstoffkern nimmt weiteres Helium auf und wird zu Sauerstoff. Damit sind die wesentlichen Bestandteile des heutigen Universums versammelt, und der Weltraum lichtet sich.

Mit zunehmender Abkühlung verwandeln sich weite Teile des Alls in öde Wüsten. So viel Leere, so wenig freie Atome, die sich im interstellaren Raum treffen. Was dennoch zueinander findet, wird vom harten Ultraviolett des Sternenlichts gleich wieder getrennt. In den Gaswolken hingegen herrscht das andere Extrem. So dicht sind die Materieteilchen dort gepackt, dass weder ultraviolettes noch anderes Licht eindringen kann. Darum sind die Wolken

Neugeborene sind unberechenbar. So stürzen viele der jungen Sterne unter ihrer eigenen Anziehungskraft unaufhaltsam in sich zusammen, bis ihre Masse sich nicht weiter verdichten kann. Ihnen bleibt nur eines: fulminant zu zerplatzen. Die Explosionen schleudern heißes Sternengas ins All und mitten hinein in träge Wasserstoffwolken, die noch aus der Zeit des Urknalls stammen und die schwereren Elemente aus den verendeten Sternen dankbar in sich aufnehmen. In Milliarden embryonaler Galaxien trifft erstmals Wasserstoff auf Sauerstoff. Ununterbrochen verbinden sich die beiden Elemente, bis sich auf der Oberfläche gefrorener Staubkörner Moleküle einer völlig neuen Art gebildet haben.

Wasser.

Flott vergehen neun Milliarden Jahre. Sterne werden geboren, Galaxien entstehen, die sich wie kosmische Räder zu drehen beginnen. Die Kinderstube des frühen Universums lässt zu wünschen übrig, ein einziges Gedränge ist das. Auch unsere Galaxis balgt sich um die besten Plätze, kollidiert mit anderen Galaxien, macht sich breit und bezieht Prügel. Einer der vielen Zusammenstöße erzeugt schließlich eine materiereiche Dunkelwolke. Vielleicht hat die Explosion eines nahen Sterns geholfen, jedenfalls kollabiert die Wolke und zündet einen neuen Brennofen in ihrem Zentrum, unsere Sonne. Was der Verschmelzung entgeht, vornehmlich mit Staub durchsetztes Gas, kreist um das neugeborene heiße Zentrum. Es ist die Zentrifugalkraft dieser Rotation, die das Gas-Materie-Gemisch davor bewahrt, auch noch von dem jungen Stern verschluckt zu werden. Stattdessen treibt es hinaus und bildet eine riesige, flache Scheibe aus Gesteins-

Eine Scheibe mit einer Achse.

Die Sonnenachse.

Auch Wasser treibt in dem solaren, sich drehenden Nebel, zu Eis gefroren. In der Nähe der Achse allerdings, wo die Temperatur 1.200 Grad Celsius beträgt, kann es nicht überdauern. Nur im Innern von Gesteinskörnern hat es Bestand, an ihrer Oberfläche verdampft es. Der innere Ring, der sich um die Sonne gelegt hat, ist steinig, und ganz allmählich fügen sich die Steine zusammen, Stück für Stück, beginnend mit winzigen Staubpartikeln, die kollidieren und aneinander haften bleiben. Blitze zucken in dem wirbelnden Staubgemisch. Zu immer größeren Klumpen ballt sich die Materie, es entstehen Milliarden von Felsen, groß wie Asteroiden, und jeder strebt zum anderen.

Gälte es, das ultimative Liebeslied zu schreiben, müsste es der Gravitation gewidmet sein. Ein einziges Zueinander-hingezogen-Sein! Knapp eine Million Jahre, nachdem unser Stern geboren wurde, sind aus dem achsnahen Staub 30 Kleinplaneten entstanden, Günstlinge der Sonne, die sie in konzentrischen Bahnen umkreisen, Rivalen auf zu engem Raum. Natürlich kommen sie einander in die Quere. Sie verlassen ihre Bahnen, bewegen sich in Ellipsen aufeinander zu, kollidieren mit Zehntausenden von Stundenkilometern. Nur die Großen überstehen den Zusammenprall und verleiben sich die kleineren ein. 100 Millionen Jahre lang geht das so, dann verzeichnet der innere Ring vier vorläufige Sieger. Drei davon begnügen sich mit ungeliebten Provinzen, deren zwei der Sonne sehr nahe sind und die andere fern, auf vierter Position. Vier Hauptkonkurrenten, um einander eine Zukunft abzutrotzen, die nur einem vorbehalten ist. Dem dritten Planeten. Unserer Erde.

Anfangs

Theia schlägt auf, ein marsgroßer Asteroid. Trümmer schießen in den Weltraum. Für die Dauer von 24 Stunden bildet sich ein saturnartiger Ring aus Schutt um den Planeten. Dann stürzen die meisten der Brocken zurück auf die junge Erde, vereinen sich mit ihr und fügen der neuen Welt Masse hinzu. Andere ballen sich im Schwerefeld zusammen und bilden fortan die Interessengemeinschaft Mond. So sind wir an unseren Trabanten gekommen. Durch Krawall im All.

Was das Ende hätte werden können, wird zu einem Anfang.

Nach der Karambolage mit Theia stabilisiert sich unser Planet, größer und mächtiger denn je. Allerdings müssen weitere 500 Millionen Jahre verstreichen, bis der Glutball, den wir heute so komfortabel bewohnen, eine halbwegs stabile Kruste gebildet hat. Ein unablässiges Bombardement kosmischer Projektile verhindert jeden Zusammenschluss organischer Moleküle, beschert der Erde dafür aber ihren inneren Aufbau. Elemente verschiedenen Gewichts gelangen mit Asteroiden und Meteoriten auf die Oberfläche, das schwere Eisen sammelt sich, der Masseanziehung folgend, im Erdkern, leichtere Materie formt sich zu Schichten, die den Kern ummanteln. Gewaltige Mengen Gas bahnen sich ihren Weg aus dem feurigen Brei

Aus den Tiefen des Weltraums kommt neues Wasser.

Es entstammt den äußeren Schichten, wo eine sphärische Wolke aus Materieteilchen, Körnchen und Brocken das gesamte Sonnensystem wie eine Schale umgibt. Während im inneren Ring der Konkurrenzkampf tobte, haben sich auch dort, fern von der Sonnenwärme, Planeten gebildet. Große Trümmer sind von ihrem Bau übrig geblieben, die zu gleichen Teilen aus Felsen und Eis bestehen: Kometen. Nun rasen sie heran und ersetzen das beim Zusammenprall mit Theia verloren gegangene Wasser. Die Dampfhülle verdichtet sich aufs Neue, bis sie wie eine Decke über dem Planeten liegt. Je dichter die Decke wird, desto weniger kann die Hitze der ständigen Explosionen entweichen. Der Planet kocht in sich selber. Seine Oberfläche beginnt zu schmelzen, bis gleißend rote Lava alles überzieht. 1.260 Grad Celsius herrschen an der Oberfläche, der Luftdruck beträgt einhundert Atmosphären. Zwei Ozeane bedecken den Planeten. Einer aus Wasserdampf und darunter einer aus flüssigem Gestein, der den Dampf allmählich absorbiert. Wann immer jetzt Felsbrocken einschlagen, fügen sie der Hülle keinen neuen Wasserdampf hinzu, weil die Lava ihn im selben Augenblick verschluckt.

Dann werden die Geschosse weniger.

Schon einmal, gleich nach ihrer Entstehung, hatte die Erde eine dünne Atmosphäre besessen, aber damals war der Planet kleiner und leichter gewesen. Seine Gravitation hatte nicht ausgereicht, um die Gashülle gegen die fortgesetzten Sonnenstürme zu verteidigen, die damals auf den Planeten einwirkten. Instabil, wie die junge Atmosphäre war, hatte der Zusammenprall, aus dem der Mond hervorging, sie schließlich ins All geschleudert. Jetzt sah die Sache

Es begann zu regnen.

Beziehungsweise, Regen kann man das nicht nennen.

Es schüttete!

Kein Fernsehsender würde sich trauen, diesen Wetterbericht zu bringen. Über 300 Grad Celsius war dieser Regen heiß, die Temperatur, bei der Wasser kondensiert, wenn ein Druck von 100 Atmosphären herrscht. Es regnete weiter, Jahrtausende lang, das ultimative Hundewetter. Alles Wasser aus der Atmosphäre fiel auf die Oberfläche. Anderthalb Milliarden Billionen Tonnen rauschten hernieder. Nach dem ersten großen Niederschlag kühlte sich die Erde ab, Wolken entstanden, neuer Regen setzte ein. Und wieder Wolken. Und Regen. Wolken. Regen. Tag für Tag, Jahr für Jahr.

Jahrmillionen lang.

Wasser, muss man sagen, ist ein molekulares Gedränge ohne Beispiel, schlimmer als die ersten hundert Reihen bei einem Robbie-Williams-Konzert. Eigentlich war es nur entstanden, weil dem Sauerstoff zu seinem Glück zwei Elektronen fehlten. Als er in die urzeitlichen Wolken gelangte, suchte er sich darum zwei Wasserstoffatome, und ein janusköpfiges Molekül entstand, die eine Seite negativ, die andere positiv aufgeladen. Ein Wassermolekül, dessen Protonen- und Elektronenpaare dazu neigen, ihre Gegenstücke in anderen Wassermolekülen anzuziehen und Brücken zu bauen. Diese Wasserstoffbrücken sind sehr viel schwächer als die Verbindungen zwischen Atomen in einem Molekül. Große Hitze kann sie

Nennenswerte Gebirge gab es damals noch nicht, die Erde erinnerte mit ihren Kraterfeldern an den Mond, und so geriet der ganze Planet gleichmäßig unter Wasser, bis nur noch die höchsten Vulkangipfel herauslugten. Zudem wuschen die Niederschläge Kohlendioxid aus der Atmosphäre, das mit der erstarrenden Lava reagierte und die darin gebundenen Mineralien freisetzte. So nämlich kam das Salz ins Meer – und nicht durch den Salzstreuer, von dem mein Vater mir weiszumachen suchte, er sei einem Matrosen ins Wasser gefallen, als der sein Frühstücksei würzen wollte. Geglaubt habe ich das schon damals nicht, bloß dass ich mit sechs Jahren keine bessere Theorie entgegenzusetzen hatte.

Ein Urozean entstand, bar jeden Lebens.

Niemand hätte darin baden wollen. Er war kochend heiß, im Schnitt dreieinhalb Kilometer tief und ein hauchdünner Film, verglichen mit dem Radius des Planeten, der sich auf immerhin sechseinhalbtausend Kilometer bemaß. Sein Wasser entstammte den Himmelskörpern des inneren Rings ebenso wie den Kometen aus der fernen Kälte. Alter und Herkunft beider Wasserarten waren verschieden. Einige der Moleküle waren noch vor dem Sonnensystem entstanden, irgendwo im interstellaren Raum. Zu Eiskörnern gefroren trieben sie in den äußeren Regionen des Solarnebels, bevor sie hierhergelangten. Aber was immer sie einmal waren und woher sie stammten, jetzt vermischte sich alles.

Es

An den Vulkanflanken nagte die Erosion. Der Regen spülte Basalt ins Wasser, das sich rund um die feurigen Inseln ablagerte und den Meeresboden sedimentierte. Immer neues Material folgte nach, bis die noch dünne Erdkruste unter dem Gewicht von Millionen Tonnen Sediment einbrach und schmolz. Ein Teil der Schmelze trieb zurück nach oben, durchsetzte nachdrängende Sedimentschichten und verband sich mit ihnen zu einem Stoff, der das Antlitz der Welt grundlegend verändern sollte. Granit entstand, leichter als Basalt, dafür von äußerster Härte. Ganze Platten formten sich aus dem neuen Gestein, manche von den Ausmaßen der Schweiz, andere nicht größer als ein Kinderspielplatz. Vorerst noch unter Wasser gelegen, folgten sie schließlich den Gesetzen des Auftriebs und strebten zur Oberfläche, einfach weil sie leichter waren als der Meeresboden. So erhoben sich vor vier Milliarden Jahren die ersten Inseln aus dem Meer, die nicht vulkanischen Ursprungs waren.

Mit ihrem Erscheinen endet die Ära des Urozeans.

Ein neuer Kreislauf aus Erosion und Landentstehung begann und setzte sich Millionen Jahre lang fort. Kilometerdicke Sedimentschichten legten sich über basaltenen Meeresboden, die leichteren Granitinseln wuchsen und begannen an ihrer schwereren Umgebung zu zerren. Schließlich riss die Kruste rund um die Inseln auf. Land trennte sich unwiederbringlich vom Meeresboden. Endlos wiederholte sich dieser Prozess, immer wieder brach die noch dünne Meereskruste ein, neue Schmelze verband sich mit Sediment, die granitenen Schollen wuchsen und wuchsen, bis sie einander in die Quere kamen. Weil keine wich, wurden sie von den langsam wandernden ozeanischen Platten ineinandergedrückt und verbanden sich zu einer einzigen, gewaltigen Landmasse in Äquatorhöhe.

In den Tiefen des Ozeans jedoch regte sich etwas.

Moleküle reckten und streckten sich, beschnupperten einander und schlossen Freundschaft. Schon mit dem Auftreten der ersten Splitter Kenorlands, vor vier Milliarden Jahren, war der Natur eine neue Mitarbeiterin zuteilgeworden. Geduldig hatte sie abgewartet, bis der schlimmste Trümmerhagel aus dem All nachließ. Immer noch wurde scharf geschossen im erdhistorischen Wilden Westen, stürzten Asteroiden ins Meer und auf die Inseln, manche winzig, andere von der Größe Mallorcas oder Siziliens. Doch aus den schlimmsten Flegeljahren schien die Erde raus zu sein. Die neue Mitarbeiterin schaute sich um, mit prüfendem Blick und voller Tatendrang. Nachdem sie die Überzeugung gewonnen hatte, dass der Erschaffung von Leben nichts mehr im Wege stand, machte sie sich an die Arbeit. Sie hieß Evolution, und sie hatte ein paar höchst elegante Ideen in petto.

Wie jede elegante Dame brachte sie ihre Handtasche mit.