KEVIN HEARNE
GETRICKST
DIE CHRONIK DES EISERNEN DRUIDEN 4
Aus dem Amerikanischen
von Friedrich Mader
Für Alan O’Bryan,
der sich meinen Wortergüssen stellt
und sie tapfer in ordentliche Bahnen lenkt.
Er ist ein herausragender Alpha-Leser
und ein echter Freund.
Und alles ganz ohne Tricks.
Die für die Handlung wichtigsten Götternamen
sind in VERSALIEN gesetzt
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Hobbit Presse
www.hobbitpresse.de
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Tricked« im Verlag Ballantine Books, New York
© 2012 by Kevin Hearne
Für die deutsche Ausgabe
© 2016 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung
Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten
Umschlag: Birgit Gitschier, Augsburg
Photo-Illustration: © Gene Mollica
Datenkonvertierung: Dörlemann Satz, Lemförde
Printausgabe: ISBN 978-3-608-96134-8
E-Book: ISBN 978-3-608-10938-2
Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.
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Epilog
Danksagung
Glossar mit Hinweisen zur Aussprache
Der beste Trick meines Lebens war, dass ich mir selbst beim Sterben zuschaute. Und das gelang mir durchaus virtuos – nicht das Zuschauen natürlich, sondern das Sterben.
Der Schlüssel zu einem starken Tod ist eine letzte verbale Äußerung voller Kraft und Schmerz, die nicht im Geringsten von Angstschreien und Gewinsel um Gnade beeinträchtigt wird. Dieser Rat stammte von meinem Vater und war so ziemlich das einzige Restschnipsel seiner Klugheit, das sich in all den Jahren in meinem Kopf festgesetzt hatte. Er starb bei dem Versuch, Kühe zu stehlen.
Heute wäre das ein schändliches Ende, doch im Irland vor der christlichen Zeitrechnung war es ehrenhaft und mannhaft, bei einem Rinderraub umzukommen – so der Name für diese Art von Diebstahl. Ehe mein Vater aufbrach und von seinem Schicksal ereilt wurde, muss ihn allerdings eine dunkle Vorahnung gestreift haben, denn er teilte mir all seine Anschauungen über ein angemessenes Ableben mit. Ich werde nie seine letzten Worte vergessen: »Ein Mann darf sich nicht vor seinem Tod in die Hose machen, mein Sohn, sondern erst hinterher. Denk dran, Junge, damit du dich nicht blamierst wie ein Weib, wenn deine Zeit kommt. So, und jetzt zieh ab und geh im Moor spielen.«
Wie so viele Regeln für Tapferkeit und Männlichkeit ließ sich die Anleitung meines Vaters für einen respektablen Abgang auf eine schlichte Parole reduzieren: Stirb zornig und mit maximaler Lautstärke. (Ein stiller Tod kam ohnehin nicht in Frage; so sang- und klanglos durfte der letzte Druide der Welt seine letzte Reise einfach nicht antreten.)
Bei meinen sporadischen Anfällen von Morbidität hatte ich schon gelegentlich über meine Todesart spekuliert. Ich stellte mir vor, dass es irgendwo auf einer städtischen Straße passieren würde, wo ich – abgeschnitten von der Kraft der Erde – keine Chance hatte, den nächsten Sonnenaufgang zu erleben. Gleichzeitig hoffte ich als Schauplatz für meinen letzten Atemzug auf eine coole Stadt mit einem Wahnsinnsnamen wie Kathmandu, Bangkok oder von mir aus auch Climax, Michigan. Auf keinen Fall hätte ich damit gerechnet, dass sich das Ganze in einem vertrockneten Nest namens Tuba City abspielen würde.
Tuba City liegt in Arizona, im südwestlichen Teil des Navajo-Gebiets, auf einer Hochebene aus rotem Sandstein, die keinerlei wirtschaftlichen Nutzen hat. Die erste Frage, die ich – mit Ausnahme von »Wo sind die Tubas?« – beim Anblick dieser Stadt stellte, war: »Wieso lebt hier jemand?« Abgesehen von der kargen Schönheit der roten Felsen ist Tuba City ein praktisch baumloser und staubiger Ort mit einem auffallenden Mangel an modernen Annehmlichkeiten zweifelhafter Art wie etwa Golfplätze und Selbstbedienungsrestaurants. Immerhin verfügt er über einen Stausee und einige Weideflächen in einer Schlucht, doch ansonsten ist es ein Rätsel, warum neuntausend Seelen dort eine Adresse haben.
Am nördlichen Ende der Stadt, wo die BIA Road die Indian Route 6220 kreuzt, ragt ein großer weißer Wasserturm aus der Wüste. Er blickt auf ein paar verfallene Wohnwagen am äußersten Ortsrand, und danach kommt nichts mehr außer felsigem Hochland mit vereinzelten Sträuchern, die in einer Handbreit sandigem Boden tapfer ums Überleben kämpfen. Als Eule war ich mit einem winzigen Fernglas in den Klauen zur Turmspitze geflogen. Jetzt lag ich getarnt in menschlicher Gestalt flach auf dem Bauch und spähte nach Nordosten hinaus in die Ödnis, wo der Tod auf mich wartete.
Der Tod war unvermeidlich. Die MORRIGAN hatte ihn in einem Wachtraum vorhergesehen, und solche Visionen hat sie nur, wenn die Lage ernst und unausweichlich ist, etwa als hätte Darth Vader mit abgrundtiefer Stimme gesprochen: »Es ist deine Bestimmung.« Und ich hatte es wohl nicht anders verdient. In letzter Zeit hatte ich mich ziemlich danebenbenommen und, im Nachhinein betrachtet, auch ziemlich blöd. Weil ich es nicht über mich brachte, mein Wort zu brechen, hatte ich Leif Helgarson nach Asgard gebracht, damit er THOR töten konnte. Das schaffte er auch, doch dummerweise blieben dabei noch einige weitere ASEN auf der Strecke, und wir verwandelten ODIN in sabberndes Gemüse. Jetzt gierten die restlichen ASEN danach, mich über die Klinge springen zu lassen, ebenso wie mehrere Donnergötter, die THORS Hinscheiden als persönlichen Affront und Verstoß gegen alles Donnerhafte begriffen.
Nachdem sie flammende Trauerkähne für ihre Toten gebaut und Rache geschworen hatten – manche Leute bereiten sich auf die Vergeltung vor wie auf ein All-You-Can-Eat-Büfett –, sandten die ASEN TYR und VIDAR nach den Überlebenden unseres Trupps aus. Ich hatte keine Ahnung, wo PERUN und ZHANG GUO LAO untergetaucht waren, und genauso wenig wusste ich, ob Hrym und den Frostriesen die Flucht aus Asgard gelungen war. Leif war außer Gefahr, weil die ASEN mit eigenen Augen gesehen hatten, wie THOR ihm mit seinem Hammer Mjöllnir den Schädel zerschmettert hatte. Dank der besonderen Heilkräfte eines Vampirs und der sorgfältigen Pflege von Dr. Snorri Jodursson hatte Leif überlebt, auch wenn noch nicht abzusehen war, ob er sich jemals wieder ganz erholen würde.
Ich hingegen war alles andere als außer Gefahr, weil es Menschen gab, um die ich mich kümmern musste. PERUN konnte die nächsten hundert Jahre als Adler durch die Gegend fliegen und sich den ASEN auf diese Art entziehen. Und ZHANG GUO LAO, so hatte ich gehört, konnte sich sogar völlig unsichtbar machen, wenn er still dastand. Auch er hatte also dank seiner Ninja-Fähigkeiten nichts von ihnen zu befürchten. Ich konnte zwar in irgendein nettes Gefilde wechseln – sogar zusammen mit Oberon und Granuaile –, doch das hatte einen entscheidenden Nachteil: Ohne echten Kontakt zu den Elementargeistern konnte Granuaile ihre Ausbildung zur Druidin nicht fortsetzen. Und die Welt braucht dringend mehr Druiden. Also stand ich vor der Wahl, auf der Erde zu bleiben und zu sterben oder der Erde den Rücken zu kehren und zuzulassen, dass sie langsam zugrunde ging – was letztlich auch keine Lösung war, weil allen mit der Erde verbundenen Gefilden das gleiche Schicksal drohte.
So beschloss ich, zu bleiben und zu sterben. Und zwar mit Pauken und Trompeten.
Sobald sie wussten, nach wem sie fragen mussten, spürten mich TYR und VIDAR recht schnell auf. Vor ein paar Monaten hatte ich auf ziemlich spektakuläre Weise meine Tarnung auffliegen lassen, als ich AENGHUS ÓG umbrachte, daher konnte inzwischen praktisch jeder mit paranormalen oder übernatürlichen Fähigkeiten die beiden Götter auf Arizona verweisen. Sie verfolgten mich bis hinauf nach Tuba City und hatten als Verstärkung fünf Donnergötter mitgebracht: UKKO aus Finnland, INDRA aus Indien, LEI GONG aus China, RAIJIN aus Japan und SHANGO aus Nigeria. Allesamt äußerst mächtige, bei ihren Völkern beliebte Gottheiten, wenngleich nur wenige Sagen ihren Verstand und Scharfsinn hervorhoben.
INDRA zum Beispiel war eine reichlich schillernde Figur und zweifellos zurzeit der Mächtigste dieser Bande. Er stand im Ruf, die Damenwelt zu lieben, eine Neigung, an der ich nichts auszusetzen fand. Allerdings hatte er sich damit einmal gewaltige Scherereien eingehandelt. Er legte die Frau eines Zauberers flach, der natürlich sofort spitzkriegte, dass INDRA in sein Revier vorgedrungen war, und eine Strafe über ihn verhängte, die Dante alle Ehre gemacht hätte: Da der Donnergott an nichts anderes denken konnte als an Vaginas, wünschte ihm der betrogene Ehemann tausend Vaginas an den Leib. Damit bedeckt musste INDRA längere Zeit herumlaufen, bis KRISHNA sich seiner erbarmte und zur Abmilderung des Urteils alle Vaginas in Augen verwandelte. Trotzdem, wenn man an die vielen Termine beim Optiker denkt …
»Zusammen haben sie vielleicht so viel Hirn wie ein Kleiber«, bemerkte die MORRIGAN. Sie saß in Gestalt einer Schlachtenkrähe neben mir auf dem Wasserturm, um sich zu vergewissern, dass ich genauso »starb«, wie sie es vorhergesehen hatte. Anfangs hatte diese Vision meines Todes uns beiden große Sorgen gemacht – ihr, weil sie damit ihren Eid gebrochen hätte, mich am Leben zu halten, und mir aus … naheliegenderen Gründen. Dann fiel mir der Plan ein. Diesen hatte ich schon gefasst, bevor mir die MORRIGAN von ihrer Vision erzählte, doch erst da kam ich auf die Idee, dass dieser Plan ihre Vision meines Todes erfüllen konnte, ohne dass ich deswegen ins Gras beißen musste. Jetzt beobachteten wir mit leisem Amüsement, wie jemand, der mir aufs Haar glich, die ihn umzingelnden Donnergötter beschimpfte und behauptete, sie seien allesamt dem geschwollenen roten Hinterteil eines Pavians entsprungen. Die Donnergötter schleuderten einen Blitz nach dem anderen auf ihn, doch sosehr sie sich auch abmühten, er stand völlig unbeeindruckt in einer Schlammpfütze.
»Unterschätz sie nicht, MORRIGAN«, erwiderte ich. »Immerhin haben sie mich gefunden.«
»Aber erst nachdem du diese alberne Kopie von dir losgeschickt hast. Und selbst dann haben sie eine Woche dafür gebraucht. Also schön: Zusammen haben sie so viel Hirn wie zwei Kleiber.«
Der Atticus O’Sullivan, den sie angriffen, war eine nahezu perfekte Nachbildung. Die Tätowierungen an seiner rechten Seite waren exakt wie meine gestaltet. Die rote Mähne mit den leichten Locken hätte prachtvoll in der Sonne geglänzt, wenn es nicht wie aus Kübeln gegossen hätte, und der Spitzbart prangte charaktervoll an seinem Kinn. Er bewarf sie mit Schmähungen in bestem Irisch, und in den Taschen seiner Jeans steckten meine Brieftasche und mein Handy. Um seinen Hals baumelte eine Silberkette mit einem Eisenamulett, das auf beiden Seiten je fünf rechteckige Anhänger und an der Rückseite einen Fulgurit aufwies, der ihn vor den Blitzen schützte. Der Fulgurit war echt, doch das Amulett und die Anhänger waren bloß eine Art Modeschmuck. Allerdings hielt er Fragarach in der rechten Hand – den echten Fragarach, keine Attrappe –, um dem Ganzen zusätzliche Authentizität zu verleihen.
Dennoch, ein intelligenter Gegner hätte sich nicht hinters Licht führen lassen. Dieser Atticus hatte weder Oberon oder Granuaile an seiner Seite, noch wirkte er einen einzigen druidischen Bindezauber – was diese Kerle aber sowieso nicht mitbekommen hätten. Sie waren zu sehr mit dem Versuch beschäftigt, ihn elektrisch zu grillen.
»Was denken die sich eigentlich?«, fragte die MORRIGAN. »Wenn die vorigen hundert Blitzschläge nichts gebracht haben, dann klappt es bestimmt mit dem hundertersten?«
»Diese Strategie würde voraussetzen, dass sie zählen können«, sagte ich, »was eher unwahrscheinlich ist, wenn sie so viel Hirn haben wie zwei Kleiber.«
»Auch wieder wahr«, räumte die MORRIGAN ein.
Schließlich gebot TYR, der nordische Gott des Zweikampfs, den Donnergöttern Einhalt und näherte sich meinem Double mit einem Schild und einer Axt. ODINS Sohn VIDAR, der mit einem Langschwert bewaffnet war, folgte ihm auf dem Fuß. Die Donnergötter schwebten herab auf das schlammige Gelände hinter dem falschen Atticus, um ihm jeden Fluchtweg abzuschneiden.
Der arme TYR wusste offenbar nicht Bescheid über Fragarach. Kein Wunder. Wer in Asgard gesehen hatte, wie ich ihn einsetzte, war unmittelbar danach gestorben, daher hatte ihm niemand erzählen können, dass mein uraltes Feenschwert durch Schilde und Rüstungen schnitt wie durch Mozzarella. Als mein Doppelgänger angriff, duckte sich TYR hinter seinen Schild, um den Hieb zu parieren und sofort mit der Axt zurückzuschlagen. Doch er parierte den Hieb auf andere Weise als beabsichtigt, nämlich mit dem ganzen Körper, der in zwei Teile zerschnitten wurde, als Fragarach durch den Schild, den Unterarm und den Rumpf fuhr. Alle – auch mein Double – erschraken beim Anblick des Asengottes, der vor ihren Augen in zwei Hälften zerfiel.
VIDAR, der Gott der Rache, erholte sich als Erster von dem Schock. Mit dem Ruf »Für ODIN!« stieß er dem gut aussehenden irischen Burschen sein Langschwert in die ungeschützte linke Seite und durchbohrte dabei einen Lungenflügel und vielleicht sogar die Leber. Der Mann, der so überzeugend in meine Rolle geschlüpft war, schrie seinen Schmerz auf eindringliche Weise hinaus: »Garr! Ark! Oahh!« Noch einmal wollte er mit Fragarach zum Schlag ausholen, doch schon war alle Kraft aus seinen Gliedmaßen gewichen. Mit einem schmatzenden Geräusch riss VIDAR sein Schwert heraus, und der unechte Druide sackte in den Schlamm.
Anscheinend reichte ihr Wissen über Druiden zumindest so weit, dass sie es nicht dabei bewenden ließen. Sie wollten verhindern, dass ich eine Wunde heilte, die für jeden anderen tödlich gewesen wäre. Also stürzten sich alle auf den leblos Daliegenden und hackten ihn mit sämtlichen verfügbaren gigantischen, göttlichen Phalluswaffen in Stücke, bis nichts Heilbares mehr übrig war.
»Puh«, ächzte ich. »Was für eine Sauerei. Dein Auftritt, Schlachtengöttin.«
»Ja, bringen wir’s hinter uns.« Mit diesen Worten stürzte sich die MORRIGAN vom Turm und schoss wie ein Pfeil durch den Regen hinab.
Just in diesem Augenblick beendete VIDAR das Gemetzel und reckte brüllend die Faust in den Himmel. »Die Rache ist meiiiin!«
Ich schnaubte gedämpft auf meinem Aussichtspunkt. »Träum weiter.«
Die MORRIGAN ist an sich schon eine unheimliche Gestalt, aber wenn ihr der Sinn danach steht, kann sie diesen Gruseleffekt bis zum Anschlag aufdrehen. Dann glühen ihre Augen rot, und in ihre Stimme stehlen sich bedrohlich schwingende Obertöne in einer Frequenz, die sofort Schüttelfrost, flüssigen Stuhlgang und leise Angstschreie auslöst. Zumindest auf normal Sterbliche wirkt ihre Stimme so. Götter ertragen sie ein bisschen besser. Trotzdem zucken sie zurück. Ungefähr zwanzig Meter vor der Gruppe von Göttern verwandelte sich die MORRIGAN in ihre menschliche Gestalt, eine gertenschlanke Verführerin mit milchweißer Haut und rabenschwarzem Haar, und schritt auf sie zu.
»Ich bin gekommen, um den Druiden zu holen.« Ihre Stimme dröhnte und klirrte.
Wie erwartet fuhren die Götter zusammen und gingen geduckt in Abwehrhaltung. Selbst als sie bemerkten, dass die MORRIGAN unbewaffnet und sogar nackt war, entspannten sie sich nicht. Vielleicht hatten sie also doch ein wenig Verstand. Die MORRIGAN musste nicht bewaffnet oder angezogen sein, um ihnen ernsten Schaden zuzufügen. Der Blick von INDRAS tausend Augen wanderte über sie, allerdings eher nicht, um nach versteckten Waffen Ausschau zu halten.
»Wer bist du?«, fragte SHANGO.
Trotz der Distanz und des Gewitterlärms waren sie problemlos zu hören. Um sich gegenseitig einzuschüchtern, hatten sie alle auf Gott-Surround-Sound mit zusätzlichem Hall von der Wolkendecke geschaltet.
»Ich bin die MORRIGAN, die keltische Schlachtengöttin.« Furchtlos trat sie auf sie zu. »Kraft meiner Berufung erhebe ich Anspruch auf den Schatten des Druiden sowie auf sein Schwert.«
»Sein … sein Schwert?«, stotterte VIDAR. »Es gehört mir, ich habe es im Kampf erobert!« Sein Einwand kam ein wenig zu spät, denn die MORRIGAN hob es bereits auf.
»Dieses Schwert ist das rechtmäßige Eigentum der TUATHA DÉ DANANN. Der Druide hat es uns gestohlen.« Eleganterweise ließ sie unerwähnt, dass sie mir bei diesem Diebstahl geholfen hatte.
»Und ich habe ihn besiegt. Deshalb gehört es jetzt mir«, entgegnete VIDAR.
»Vorsicht, kleiner Gott.« Die Stimme der MORRIGAN knisterte so bedrohlich, dass die Luft vor Elektrizität zu beben schien. »Verwechsle mich nicht mit deinen WALKÜREN. Du hast den Druiden erschlagen und damit dein Volk gerächt, wie es dein Recht war, doch hüte dich, gegen die Rechte der TUATHA DÉ DANANN zu verstoßen.«
VIDAR kochte vor Wut. Es passte ihm überhaupt nicht, dass ihn eine nackte Frau vor all diesen Macho-Donnergöttern herunterputzte. Wenn er sich das gefallen ließ, würde er entscheidende Testosteron-Punkte einbüßen. War er trotzdem schlau genug, die Sache auf sich beruhen zu lassen? Seine Kiefermuskeln mahlten, und er winkte mit der linken Hand. »Gib mir das Schwert, Weib, oder ich nehme es mir.«
Nein, er war nicht schlau genug.
Mit einem breiten, bösen Lächeln ging die MORRIGAN nun ihrerseits in Verteidigungshaltung, Fragarach hoch über dem Kopf erhoben. »Dann komm und hol es dir.«
Jetzt saß er in der Falle, die er sich selbst gestellt hatte. Trotzdem hatte er den Schlüssel dazu noch immer in der Hand. Er brauchte die MORRIGAN nur auszulachen und zu rufen: »Das war bloß ein Scherz. Was kümmert mich dein Feenschwert? Nimm es und verschwinde.« Dann konnte er als Held nach Asgard zurückkehren und den Laden vielleicht sogar übernehmen. Wenn er in Gladsheim Einzug hielt und vor den verbliebenen Asen erklärte: »Ich hab den Typen gekillt, der FREYR und TYR abgemurkst und ODIN zum Krüppel gemacht hat«, würden sie ihn feiern und ihn wahrscheinlich sogar mit einer Orgie belohnen. Bloß eins durfte er nicht: auf den Macho in seinem Kopf hören und sich auf den Kampf mit einer Göttin einlassen, deren größte Macht darin bestand zu bestimmen, wer in einer Schlacht starb.
Er hielt sich doch nicht aus irgendeinem Grund für unbesiegbar, oder? Hatte er nicht begriffen, dass alle altnordischen Prophezeiungen inzwischen null und nichtig waren, weil die NORNEN und zahlreiche Götter, die erst im Endkampf Ragnarök hätten fallen sollen, nicht mehr lebten? Er war nicht mehr dazu bestimmt, im letzten blutigen Gerangel den Fenriswolf zu töten. Wenn mein Ausflug nach Asgard und TYRS niedergemetzelte Leiche etwas bewiesen, dann wohl die Tatsache, dass die ASEN jetzt jederzeit vom Tod ereilt werden konnten.
Aber keine Chance, der Vollpfosten ging zum Angriff über. »Für ODIN!« Anscheinend setzte er darauf, dass ihm das Glück bringen würde, weil es schon bei dem Druiden so gut geklappt hatte. Dummerweise war die MORRIGAN nicht abgelenkt und stand auch nicht auf dem falschen Fuß wie das Atticus-Double. Zudem gebot sie nicht nur über ihre göttliche Macht, sondern auch über die gesamte Kraft der Erde. Als VIDAR mit seinem Schwert gegen sie ausholte, wich sie so schnell nach rechts aus, dass mein Auge nicht folgen konnte. Als kaum erkennbarer Schemen wirbelte sie um seinen Schild herum, riss Fragarach mit beiden Händen zur Seite und mähte mit solcher Heftigkeit quer durch seinen Rumpf, dass die obere Hälfte fünfzehn Meter weit davonsegelte, während die untere noch einen Schritt machte und dann torkelnd zusammenbrach. Als VIDARS Kopf und Schultern mit einem feuchten Geräusch auf die Erde klatschten, ging die MORRIGAN wieder in Stellung. Ihre Haltung ließ keinen Zweifel an ihrer Kampfbereitschaft.
Doch die Donnergötter hatten nicht die Absicht, sie anzugreifen. Stattdessen stießen sie ein kollektives »Ahhh« aus und spendeten ihr donnernden Applaus für diese spektakuläre Darbietung.
»Ausgezeichneter Hieb«, meinte SHANGO.
»Du hast ihn gewarnt und dann nicht lange gefackelt«, fügte LEI GONG hinzu.
»Makellose Ausführung, eines großen Samurais würdig.« RAIJIN nickte beifällig.
»Fabelhafte Gewandtheit und wunderschame Stärke.« INDRA unterstrich seinen Kommentar mit einem donnernden Rülpsen.
»Der volle Wahnsinn!« UKKO grinste durch seinen Bart. Obwohl er mir ans Leder wollte, fand ich ihn irgendwie sympathisch.
»Also hat niemand sonst etwas dagegen, dass ich Fragarach mitnehme?«, fragte die MORRIGAN.
Alle Donnergötter schüttelten den Kopf und beteuerten, dass sie ihn ruhig behalten solle.
»Ich muss jetz gehen«, erklärte INDRA. »Aber vorher hätte ich noch eine Frage. Kannss du uns verschichern, dass dieser Mann wirklich völlig tot ist?« Er deutete auf die Fleischfetzen am Boden, die mir einmal geähnelt hatten. Durch die plötzliche Bewegung geriet er ein wenig ins Wanken, und ich begriff, dass sein leichter Sprachfehler auf Trunkenheit zurückzuführen war. Einige seiner tausend Augen waren schon geschlossen, andere blinzelten heftig, um nicht zuzufallen. Die Legenden stimmten also: INDRA hatte eine Schwäche für Soma. »Er hat sich abfällig geäußert über – börp – meineschgleichen«, fügte er hinzu, als wäre das eine ausreichende Erklärung dafür, warum sie den unechten Atticus zerhäckselt hatten. INDRA hatte manche Stücke von ihm sogar mit seiner gewaltigen Keule zu Brei geklopft.
»Er ist ganz und gar tot«, erwiderte die MORRIGAN. »Sein Schatten hat dieses Gefilde bereits verlassen.«
»Dann bin ich übertscheugt, dass der Gerechigkeit Genüge getan ist«, sagte INDRA. »Es war mir ’n Vergnügen, dich kennentschulernen, MORRIGAN. Vielleicht könnten wir beide in einer günssigeren Stunde …«
Die Augen der MORRIGAN blitzten rot auf.
INDRA verstummte. Nur seine vielen Augen blinzelten. »Nichs für ungut.« Er verabschiedete sich und erhob sich in die Lüfte. Nach einigen flüchtigen Höflichkeiten entschwebten auch die anderen Donnergötter hinauf zu den Gewitterwolken, und die MORRIGAN blieb allein mit den Überresten des Gemetzels zurück. Während der Regen das Blut von ihrem Körper und von Fragarach wusch, ließ sie den Blick über den Schauplatz des Kampfes gleiten und begann schallend zu lachen.
Mein Glückwunsch, krächzte die Stimme der MORRIGAN in meinem Kopf. Das war neu. Weder sie noch einer der anderen TUATHA DÉ DANANN hatten bisher eine Fähigkeit zur telepathischen Kommunikation mit Menschen an den Tag gelegt. Was hatte sich da verändert? Du hast deinen eigenen Tod überlebt, fuhr sie fort. Fünf Donnergötter werden die Nachricht von deinem Hingang in alle Pantheons der Welt hinaustragen, und du wirst endlich die Freiheit genießen, ein langweiliges Leben zu führen.
Konnte sie umgekehrt auch meine Gedanken hören? Abgemacht, bin dabei!, sagte ich, als würde ich mit Oberon sprechen. Im Moment klingt Langeweile einfach nur großartig!
Anscheinend verstand sie mich bestens. Die MORRIGAN deutete mit der Spitze von Fragarach auf die zerhackten Stücke des falschen Atticus. Bist du sicher, dass dieser einheimische Gott wiederaufersteht?
Absolut, antwortete ich. COYOTE kann man nicht umbringen. Na ja, irgendwie schon, wie man sieht. Aber er kommt einfach immer wieder. Das war der Kern des Plans, den ich mit COYOTE geschmiedet hatte: dass er meine Gestalt annahm und an meiner Stelle starb, während ich ihm im Gegenzug einen Gefallen für das Reservat tat. Einen ziemlich großen Gefallen.
Dieser zerfleischte Körper wird sich neu bilden?, fragte die MORRIGAN.
Nein. Mit COYOTES Magie ist es wie mit unserem Gestaltwandeln. Sie pfeift auf das Gesetz von der Massenerhaltung.
Wie alle alten Traditionen.
Genau. Er wird in einem frischen Körper wieder erscheinen – noch dazu brandneu eingekleidet. Wie er das macht, weiß ich nicht. Vielleicht hat er unten in der Ersten Welt eine Lagerhalle voller Reservegehirne und Ersatzkörperteile und ist Großabnehmer bei Levis. In Nordamerika streiften viele Versionen von COYOTE herum, allerdings war das Modell des Navajo-Stamms eines der ältesten und mächtigsten.
Vorsicht, Siodhachan. Wie immer redete mich die MORRIGAN mit meinem irischen Namen an. Trickster-Gottheiten sind nur selten besonders hilfsbereit. Du wirst einen hohen Preis zahlen müssen für seinen Dienst.
Klar, das ist mir bewusst. Hab ich alles im Voraus mit COYOTE ausgehandelt.
Nein, ich will damit sagen, dass das nicht alles sein wird, erwiderte sie.
Kann ich mir nicht vorstellen. Bei unseren Gesprächen habe ich genau angegeben, wo die Grenzen meiner Gegenleistung liegen.
Mag sein, Siodhachan. Ich mache dich nur darauf aufmerksam, dass Trickster so eine Art haben, Abmachungen zu unterlaufen. Sei auf der Hut.
Das bin ich. Danke, dass du mitgespielt hast.
Durch mein Fernglas bemerkte ich, wie die MORRIGAN im Regen ein Achselzucken andeutete. War doch amüsant. Und noch amüsanter wird es, wenn ich BRIGHID die Nachricht überbringe.
Bestimmt freut sie sich, wenn sie von meinem Tod hört, sagte ich. Sie war nicht gerade erbaut, als ich ihren Antrag abgelehnt habe.
Die MORRIGAN stieß ein volles, kehliges Lachen aus. Ja, ich erinnere mich.
Was machst du mit Fragarach?, fragte ich.
Ich gebe ihn MANANNAN MAC LIR. Vermutlich wird er überrascht sein und dann ein Jahr lang in Erinnerungen an die alten Zeiten schwelgen, in denen wir solche Waffen geschmiedet haben.
Besteht eine Chance, dass ich das Schwert danach zurückbekomme?
Nein, antwortete die MORRIGAN mit fester Stimme. Denn dann würden dir sogar die Donnergötter mit ihrem Erbsengehirn auf die Schliche kommen. Nein, du musst es aufgeben, damit du sicher bist. Außerdem hast du noch das andere.
Ja, das stimmt. Moralltach, die Große Wut, konnte nicht durch Rüstungen und Schilde schneiden, doch er tötete mit einem einzigen Hieb. Ich hatte mit eigenen Augen gesehen, wie diese Magie gegen THOR wirkte. Trotzdem war mir dieses Schwert nicht so teuer wie Fragarach, der mir schon jetzt zu fehlen begann. Doch die MORRIGAN hatte recht. Wenn ich alle davon überzeugen wollte, dass ich wirklich abgetreten war, musste ich auf ihn verzichten.
Die Haltung der MORRIGAN veränderte sich, und ich war dankbar, weil ich noch hier oben auf dem Wasserturm und sie so weit weg war, dass ich sie nur mit dem Fernglas richtig sehen konnte.
Komm zu mir, Siodhachan. Die Stimme in meinem Kopf klang auf einmal rauchig und schokoladensüß wie die eines nächtlichen DJs.
Ähm … warum?
Gerade habe ich einen Gott getötet. Das möchte ich mit Sex im Schlamm, Blut und Regen feiern.
Da machte es klick in meinem Kopf. Nachdem wir vor zwei Monaten – auf ihr Drängen hin und ziemlich ausdauernd – miteinander gevögelt hatten, hatte sie in einer ur-keltischen Sprache Bindungen erzeugt und damit mein von einem Dämon zerkautes Ohr geheilt. Ohne Zweifel hatte sie dabei auch ihr Bewusstsein mit meinem verknüpft. Ich war nicht unbedingt scharf darauf, ihr erneut Gelegenheit zu solchen Mätzchen zu bieten. Wow, ein verlockendes Angebot, sagte ich. Leider muss ich mich mit COYOTE treffen, wenn er zurückkommt.
Ach, so bald schon? Bist du sicher? Ihre linke Hand streichelte über ihren Körper, und mein Blick folgte ihr wie gebannt. Wenn es darum geht, das Verlangen eines Mannes zu wecken, kann kein Sukkubus der MORRIGAN das Wasser reichen. Das wusste ich, weil mich mein Eisenamulett vollständig gegen Sukkubi schützte, während es den Luststrahl, den die Göttin jetzt auf mich richtete, lediglich abzuschwächen vermochte. Ohne das Amulett hätte ich ihr schon als williger Sklave zu Füßen gelegen. Auch so war ich kaum noch Herr meiner Sinne und fühlte mit großer Verlegenheit und Beklemmung, wie stark sie mich körperlich anzog. Manche Leute mögen so was vielleicht, aber ich persönlich bin kein Freund von Ständern im Regen.
Es tut mir leid, log ich, ich habe ihm mein Wort gegeben. Vielleicht könntest du einen der Sterblichen hier beglücken.
Die halten doch nichts aus, bemerkte die MORRIGAN mürrisch.
Dann hol dir zehn oder mehr. Zwanzig, wenn du willst. Du kannst sie aussaugen wie diese kleinen Saftbeutel und sie dann wegwerfen. Der Vergleich ließ mich zusammenzucken. Bevor mich die Schuldgefühle überwältigen konnten, sagte ich mir, dass ich der Saftbeutel sein würde, wenn ich sie nicht von mir ablenkte.
Mhmmm. Zwanzig Männer im Schlamm. Klingt köstlich. Sie zog ihre Lust von mir ab und sandte sie in alle Richtungen wie den Ruf einer Sirene.
Ich seufzte vor Erleichterung. Gern geschehen. Bis demnächst. Zerknirscht dachte ich an die Männer, die bald eintreffen würden, um der MORRIGAN zu Willen zu sein. Keiner von ihnen würde ungeschoren davonkommen, und es bestand sogar die Gefahr, dass einige von ihnen ins Visier der Ermittler gerieten, die den gewaltsamen Tod von Atticus O’Sullivan untersuchten. Da es sich um einen Mord auf Bundesgebiet handelte, war damit zu rechnen, dass das FBI den Fall übernahm. Im Schlamm würde kein Mangel an Spuren und Beweisen herrschen, vor allem, nachdem die MORRIGAN ihren Spaß mit allen angelockten Männern gehabt hatte, und es würde aussehen, als wäre ich von einem Mob oder einer Sekte hingerichtet worden. Eine fantastische Vorstellung, wie ich fand.
Ich ließ das Fernglas zurück und verwandelte mich wieder in eine Eule, um nach Süden zu meinem Hotel zu fliegen. Im Regen zu fliegen ist nicht unbedingt angenehm, aber ich musste so schnell wie möglich weg von hier.
Sobald ich sicher in meinem Zimmer angekommen war, begrüßte ich meinen Wolfshund Oberon, der gerade im Fernsehen eine Folge von Mystery Science Theater 3000 guckte. Dann nahm ich eine kalte Dusche und dachte an Teddybären, Baseball und diese kleinen elastischen Luftschlösser, die man für Kindergeburtstage mieten kann – an alles, bloß nicht mehr an die MORRIGAN.
Da es immer besser ist, wenn man den Abfluss bei jemand anders mit Hundehaaren verstopft, kam ich auf die Idee, auch Oberon zu waschen. Sein letztes Bad lag schon eine ganze Weile zurück, und ich wusste nicht, wann sich so eine Gelegenheit wieder bieten würde.
»Hey, Oberon«, rief ich, als ich die Wanne für ihn volllaufen ließ, »Zeit für dein Bad!«
›Tatsächlich?‹ Er klang zweifelnd. ›Hast du eine gute Geschichte auf Lager?‹ Oberon hielt beim Baden nur dann still, wenn ich ihm eine Geschichte erzählte – über reale historische Persönlichkeiten. Von Märchen und Feensagen wollte er nichts hören.
»Ich erzähl dir die Geschichte eines Mannes namens Francis Bacon.«
›Bacon? Bacon wie Speck?‹ Er kam so schnell angeschossen, dass er die scharfe Kurve ins Bad nicht kriegte und unbeholfen gegen den Türrahmen knallte, bevor er platschend in die Wanne sprang und mich von oben bis unten vollspritzte, nachdem ich mich gerade fertig abgetrocknet hatte.
›Ach, das wird klasse! Ich weiß jetzt schon, dass mir dieser Mann gefallen wird. Mit so einem Namen muss er ja ein Genie gewesen sein. War er ein Genie?‹
»Ja, das war er.«
›Wusste ich’s doch! Für so was habe ich einfach einen Riecher. Hoffentlich endet die Geschichte nicht damit, dass er in Stücke gehackt und über einen Salat gestreut wird. Das wäre tragisch, und eine Geschichte über Speck sollte doch erhebend sein.‹
»Jedenfalls war Francis Bacon für viele Menschen sehr inspirierend.« Ich goss Oberon Wasser über den Rücken. »Er ist der Vater der modernen Empirie, das heißt der naturwissenschaftlichen Methode. Vor ihm haben alle Leute nur mit Ketten von logischen Fehlschlüssen argumentiert oder einfach lauter geplärrt als die anderen. Und wenn doch Fakten angeführt wurden, dann nur solche, mit denen sie ihre Vorurteile bestätigen oder ihre Absichten fördern konnten.«
›Machen das die Leute nicht immer noch so?‹
»Mehr als je zuvor. Aber Bacon hat uns beigebracht, Experimente durchzuführen, die verifizierbar und wiederholbar sind. Damit hat er den Menschen einen Weg aufgezeigt, wie sie vorgefasste Meinungen loswerden können. Damit sie zu Wahrheiten finden, die frei von politischen und religiösen Dogmen sind.«
›Bacon ist der Weg und die Wahrheit. Hab verstanden.‹
Während ich Oberon das Fell einseifte, erklärte ich ihm, wie man Hypothesen aufstellt und sie durch Kontrollen überprüft. Beim Abspülen betonte ich die Bedeutung des Sicherheitsaspekts.
»Zu große Gefahren sollte man bei Experimenten allerdings nicht eingehen. Bacon ist bei einem seiner Experimente fast erfroren und dann an einer Lungenentzündung gestorben.«
›Na klar! Bacon muss erhitzt werden. Das wusste ich schon, trotzdem danke für die Erinnerung.‹
Ich liebe meinen Hund.
Frühstück ist mein Ding. Ding ist ein Ausdruck, über den ich normalerweise die Nase rümpfe. Ich betrachte ihn als Krücke für die chronisch Konfusen, als klaren Hinweis darauf, dass jemand nicht weiß, wovon er eigentlich redet. Entsprechend vermeide ich ihn geflissentlich, so wie Cheerleader Schachwettbewerbe. Doch in diesem Fall halte ich ihn für angebracht, weil es schlicht kein passendes Wort gibt, das den genauen Charakter meiner Gefühle vermitteln würde. Sicherlich könnte ich sagen, dass ich Frühstücken mit einer bestimmten asexuellen Zuneigung betrachte, mit einem genussvollen Gusto, der schon ein wenig über bloßes Sehnen hinausgeht, aber noch lange kein Schmachten ist – verbale Gehirnakrobatik, in der sich Federfuchser wie Charles Dickens gern ergingen. Aber niemand spricht oder denkt heute mehr so. Man sagt einfach schnell: Frühstück (oder Stadionrock oder Autofahren) ist mein Ding, und die Leute wissen gleich, was gemeint ist.
Oberon teilt meine Schwäche fürs Frühstück, weil es für ihn gleichbedeutend ist mit irgendeiner Sorte heißem, fetten Fleisch. Mit dem kulinarischen Kunstwerk eines Omeletts kann er ebenso wenig anfangen wie mit dem sublimen Wohlgeschmack von Petersilienkartoffeln oder einem Glas frisch gepresstem Orangensaft. Trotzdem lassen wir uns nach dem Aufwachen immer Zeit für ein paar Eierkuchen.
›Ach du grüne Neune‹, bemerkte Oberon gähnend, während er gleichzeitig die Hinterbeine streckte. ›Ich glaube, ich brauche einen halben Yak und eine Elektrowinde, damit mir heute Morgen nicht die Augen zufallen.‹
Wo soll ich denn einen halben Yak hernehmen?
›Von der anderen Hälfte natürlich, du Dussel! Hund 1, Druide 0.‹
Ach, du möchtest mitzählen? Heute hast du keine Chance gegen mich.
›Träumen ist erlaubt, Atticus.‹
Tuba City hat leider keine große Auswahl an Speiselokalen zu bieten. Es gibt ein paar Kettenrestaurants mit Fastfood, und dann ist da noch Kate’s Café. Dort aßen die Einheimischen, also fuhren wir ebenfalls hin, nachdem wir Granuaile ein paar Türen weiter in ihrem Hotelzimmer abgeholt hatten.
Nach dem Betreten von Kate’s Café sieht man eine Kasse und einen Wartebereich; rechts davon eine lange, weiße Theke mit Barhockern und dahinter ein Fenster zur Küche. Über dem Küchenfenster hängt an einer altmodischen Markise die Speisekarte, auf der in roten Plastiklettern Gerichte und Preise angezeigt werden. Wenn man an der Theke vorbeigeht, kommt man zu einem als Essbereich fungierenden länglichen Raum mit metallgrauen Plastikbänken und Tischen. Die Wände sind dunkelorange gestrichen, ungefähr in der Farbe von Sandstein mit viel Eisenoxid drin. Ich tarnte Oberon, und er quetschte sich auf einer Seite unter einen Tisch, während Granuaile und ich uns auf der anderen niederließen.
›Wenn du mir eins von diesen Blindenhund-Halstüchern besorgen würdest, könnte ich für alle sichtbar rumlaufen und hätte es bequem‹, seufzte Oberon.
Aber dann müsste ich mich blind stellen, das wäre unangenehm.
›Unangenehm ist, dass ich mich unter den Tisch zwängen muss. Kann ich nicht einfach ein Schmeck- oder ein Riechhund sein?‹
Ich lächelte. Fehlender Geschmacks- oder Geruchssinn gilt bei Menschen nicht als Behinderung.
›Als ob ich das nicht wüsste. Menschen riechen fast gar nichts. Hey, ich glaube, hier gibt es ziemlich gute Wurst. Ich rieche Huhn und Apfel!‹
Hm, kann ich mir nicht vorstellen. Bestimmt haben sie bloß tiefgefrorene Bratwürste oder Frikadellen wie überall.
›Nein, dieser Geruch lässt sich nicht nachmachen!‹
Ich seh es nicht auf der Speisekarte.
›Dann steht es eben nicht auf der Speisekarte! Aber ich sag dir, die haben Apfelhuhnwurst!‹
Eine schleppende, leicht amüsierte Stimme unterbrach uns. »Ihr habt beide recht. Hier gibt’s keine Apfelhuhnwurst, aber sie is’ trotzdem hier.« Ein magerer Navajo mit schwarzem Cowboyhut spähte um die Ecke der Theke. In seiner Hand baumelte eine braune Papiertüte mit großzügigen Fettflecken.
›Heilige Lassie, steh mir bei! Es ist COYOTE mit einer Tüte Leckerli!‹
»Hi, COYOTE.« Ich grinste ihn an. »Setz dich zu uns.« Wie ich konnte COYOTE Oberon verstehen, doch nach seiner Bemerkung, dass wir beide recht hatten, musste ich mich fragen, ob er nicht auch meine Seite des Gesprächs hörte. Es war eine unerfreuliche Vorstellung, dass er vielleicht meine Gedanken lesen konnte. Oder lag es bloß an meiner Paranoia? Es war schließlich nicht schwer für ihn, aus Oberons Seite des Gesprächs zu schließen, was ich gesagt hatte.
»Mach ich glatt«, sagte er. Dann begrüßte er Granuaile und ließ dabei seinen ganzen Charme spielen. »Guten Morgen, Miss Druidin. Schön, dass ich dich endlich kennenlerne.« COYOTE hatte Granuaile schon einmal gesehen, doch zu diesem Zeitpunkt hatte sie sich gerade mit dem Elementargeist Sonora ausgetauscht und von COYOTES kurzem Besuch überhaupt nichts mitbekommen.
»Oh, ähm. Ich bin noch keine Druidin. Nenn mich einfach Caitlin.« Sie wirkte ein wenig gehemmt, aber das war verständlich. COYOTE war der erste Unsterbliche, dem sie begegnete.
»Caitlin?« COYOTE musterte mich mit zusammengekniffenen Augen und schob sich vorsichtig auf einen Sitz, um nicht gegen Oberon zu stoßen. »Du hast doch gesagt, sie heißt Granuaile.«
»Stimmt, aber im Moment benutzen wir andere Namen.« Früher hatte ich mich immer ein wenig an seine Sprechweise angepasst, hatte die Wörter gedehnt und am Ende Konsonanten weggelassen. Das war jetzt nicht mehr nötig. Es hätte mir keinen weiteren Vorteil gebracht, da unsere Abmachung bereits stand. »Wir sind untergetaucht, verstehst du. Wenn du mich weiter Mr. Druide nennst, hättest du dir gestern die Anstrengung mit der Inszenierung meines Todes gleich schenken können. Ab heute musst du mich mit Reilly ansprechen.« Granuaile und ich waren jetzt die Geschwister Reilly und Caitlin Collins. Dank meinem Anwalt in Tempe konnten wir das mit gefälschten Führerscheinen und Ausweisen belegen.
»Ach, scheiß drauf, Mr. Druide. Ich red dich garantiert nich’ anders an.«
›Gut gebrüllt, COYOTE! Für mich bleibt er auch immer Atticus. Sag mal, was hast du da in dieser Tüte?‹
»Ich glaub, dein Hund hat Hunger. Ich darf ihm doch was zum Knabbern geben, oder?« Er deutete auf die Tüte.
»Na klar. Ich finde das sehr aufmerksam. Und er bestimmt auch.«
»Hab ihm ja versprochen, dass ich ihm was mitbringe, wenn wir uns wiedersehen.«
›Genau, und ob! Danke, COYOTE!‹
Aber friss leise.
›Keine Sorge, Atticus. Ich fresse flüsterleise. Und ich hab mir eine Portion Speck verdient, weil mein Adjektiv zwei Silben mehr hat als deins, ganz zu schweigen von der Alliteration.‹
Ich grinste. Einverstanden. Du bist der beste Hund aller Zeiten.
›Du rockst mir den Pelz. Damit steht es Hund 3, Druide 0.‹
Was? Wieso hast du auf einmal zwei Punkte mehr?
›Ich hatte mit der Wurst recht, und COYOTE nennt dich nicht Reilly.‹
Okay, aber ich hatte auch recht mit der Wurst. Also steht es 3:1.
COYOTE nahm die Würste aus der Tüte und legte sie auf die Bank neben sich, wo Oberon sie bequem erreichen konnte. In diesem Augenblick erschien die Kellnerin, die unsere Bestellung entgegennehmen wollte, und wir drei redeten ununterbrochen, um das Schmatzen und Knirschen zu übertönen, das Oberon produzierte. Trotzdem bekam sie es irgendwie mit und beäugte uns unsicher, weil sie den Urheber dieser saftigen Laute nicht ausmachen konnte und nicht sicher war, ob sie besorgt oder gar beleidigt sein sollte.
COYOTE bestellte je vier Portionen Speck, Wurstfrikadellen und Schinken, dazu Kaffee.
»Möchten Sie auch Eier und Toast?«, erkundigte sich die Kellnerin.
»Nein, zum Teufel, bleib mir bloß weg mit dem Scheiß«, erwiderte COYOTE, bevor ihm einfiel, wo er war. Schnell fügte er hinzu: »’tschuldigung, is’ mir bloß so rausgerutscht. Nein danke, meine ich natürlich.«
Granuaile bat um einen prächtigen Stapel Pfannkuchen, und ich bestellte ein flockiges Omelett mit Käse, Paprikaschoten, Zwiebeln und Pilzen, dazu Bratkartoffeln und trockenen Weizentoast. Außerdem orderte ich drei Portionen Bonus-Speck für Oberon.
Die Kellnerin bemühte sich um einen ungerührten Gesichtsausdruck, trotzdem war ihr anzumerken, dass sie uns für die schrägsten Gäste hielt, die sie je bedient hatte – und vielleicht sogar für pervers, weil einer von uns ständig diese Schlabbergeräusche erzeugte. Das beunruhigte mich. Schließlich wollte ich mich unauffällig verhalten, und was wir da veranstalteten, war so ziemlich das Gegenteil davon. Und wenn nun die Leute vom FBI im Zuge ihrer Ermittlungen hier vorbeischauten und nach seltsamen Leuten fragten? Sicher war es nur noch eine Frage der Zeit, bis der Schauplatz des Kampfes entdeckt wurde. Was, wenn in der Lokalzeitung ein Bild von mir abgedruckt wurde und mich die Kellnerin erkannte? Nachdem sie gegangen war, verlieh ich meinen Bedenken Ausdruck.
COYOTE lachte mich aus. »Mit denen vom FBI redet hier in der Gegend keiner. Weil, es is’ nämlich so: Wenn die Feds was wollen, kriegen sie’s nich’ von uns, außer wir sollen ihnen den Weg aus’m Reservat beschreiben. Da sind wir dann sehr hilfsbereit.«
»Okay, wie du meinst. Du musst es ja wissen.«
»Yep.« COYOTE schnappte sich zwei Servietten und wischte höflich die Bank ab, da Oberon seine Apfelhuhnwürste inzwischen verspeist hatte.
»Also, du hast deinen Teil der Vereinbarung gestern hervorragend eingehalten«, sagte ich. »Wir haben abgemacht, dass ich als Gegenleistung ein wenig Erde für dich bewege, vorausgesetzt, niemand kommt dabei körperlich, emotional oder wirtschaftlich zu Schaden.«
»Stimmt genau, Mr. Druide. Möchtest du die Details hören?«
»Raus damit.«
»Na schön. Wenn du dich hier in der Stadt umschaust – oder von mir aus im ganzen Reservat –, was siehst du dann?«
»Haufenweise roten Stein und Hirten. Hier und da ein paar Häuser, aber irgendwie ist unklar, womit die Leute ihren Lebensunterhalt bestreiten.«
»Stimmt genau. Hier findet man keine Arbeit. Wir können ein Kasino aufmachen oder ein Bergwerk. Da gibt’s die Jobs. Dummerweise gehören die Bergwerke alle großen Konzernen, die für Aktionäre Gewinn bringen sollen. Unser Stamm is’ denen scheißegal. Für die zählt nur der Profit. Und sobald sie unser Land leer geräumt haben, ziehen sie weiter und plündern die Nächsten aus. Es gibt keine Perspektive für eine nachhaltige Zukunft. Deswegen hab ich mir was einfallen lassen.«
Die Kellnerin brachte COYOTESmeinen