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Fußnoten

schon in der ersten Nacht weckte uns das Dröhnen schwerer Flugzeuge] Zwischen 1.30 und 2.00 Uhr des 21.8.1968 landeten die beiden ersten sowjetischen Militärflugzeuge auf dem Prager Flugplatz Ruzyně. Nachdem die mitgeführten Soldaten das Flughafengebäude besetzt hatten, begann kurz nach 2.00 Uhr eine Luftoperation, in deren Folge kurzgetaktet insgesamt 120 Maschinen landeten.

Um sieben Uhr früh … ein Freund … Wir sind besetzt] Siehe Anmerkung

Prager Totentanz] Hier von Böll in übertragener Bedeutung gebraucht. – Der »Totentanz« ist eine Bild-Text-Komposition, in der das späte Mittelalter seinen Todesvorstellungen Ausdruck verliehen hat. In den Bildteilen werden Menschen jeden Alters und Standes dargestellt, die einen Reigen mit Toten tanzen, von denen sie gepackt und weggerafft werden. Die ihnen korrespondierenden, erläuternden Verse lassen die dem Tod Verfallenen mit ihren Partnern Zwiegespräche halten. Der Prager Totentanz, zwischen 1441 und 1447 entstanden, muss wohl als der älteste im Original mit Bild und Text erhaltene Totentanz angesehen werden; er befindet sich als Beilage in zwei vom Nationalmuseum sowie der Bibliothek des Metropolitankapitels in Prag aufbewahrten Hussiten-Bibeln.

Wahlkarneval in Chicago] Im August 1968 kam es während des Parteitags der Demokratischen Partei zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei wegen des Vietnamkrieges; dabei gab es zahlreiche Verletzte und diverse Verhaftungen, darunter auch von prominenten Intellektuellen und Künstlern, etwa die Songwriterin Judy Collins (vgl. dazu insgesamt auch: Jerry Rubin: Do it! Scenarios für die Revolution. Vorwort Eldridge Cleaver. Reinbek 1971).

unseres Hotelzimmers] Siehe Anmerkung

sie trieben uns 23 Jahre und einige Monate zurück] Hinweis Bölls auf die letzten Kriegsmonate, auf die Zerstörungen einerseits und – vor allem – auf das, was er 1985 in seinem Brief an meine Söhne oder vier Fahrräder den »totalen Terror des Herrn Innenministers Himmler« genannt hatte.

an und aus. Der Junge] an und aus. / Der Junge Z1; D5.

Der Junge] Gemeint ist René Böll, der seine Eltern auf der Reise begleitete. Siehe auch Stellenkommentar zu 129.

und die Sowjetregierung] die Sowjetregierung Z1; D5.

Um das Wenzelsdenkmal, vor dem Museum] Die Reiterfigur des Fürsten und späteren Heiligen Herzog Wenzel – umgeben von den Landesheiligen Ludmilla, Prokop, Agnes und Adalbert – steht auf dem nach ihm benannten zentral gelegenen Platz in der Prager Innenstadt vor dem Gebäude des Nationalmuseums.

Diese dritte Kraft] Anspielung auf das in der linken, marxistischen Theorie, insbesondere im sogenannten ›westlichen (Neo-)Marxismus‹, verbreitete Theorem eines dritten Weges zwischen orthodoxem Kommunismus (in den Staaten des real existierenden Sozialismus) und Kapitalismus. Dieses Denken, das auf Überlegungen von Georg Lukács, Karl Korsch, Antonio Gramsci u. a. zurückgeht, ist dann auch in Jugoslawien unter Marschall Josip Broz Tito oder 1956 in Ungarn unter Imre Nagy realpolitisch umzusetzen versucht worden. Es geht nicht zuletzt um eine sozialistische Demokratie des Alltags, eine direkte Demokratie, um Fragen der (Arbeiter-)Selbstverwaltung und Räteprinzipien sowie – außenpolitisch – um eine Loslösung von der UdSSR. Vor allem in den Studentenbewegungen 1966 bis 1968 wurden diese Gedanken vielfältig diskutiert – Im Gespräch mit Christian Linder, Drei Tage im März, 1975 äußerte Böll zu dieser in seinem Verständnis das Denken in Dualismen überschreitenden Reflexionsfigur: »[...] ich meine auch, ich hätte immer versucht, das Dritte zu sehen und darzustellen. Und nichts wird, man muß schon sagen: von der reaktionären Presse und öffentlichen Meinung so sehr diffamiert wie das Dritte. [...] Nehmen Sie Kapitalismus und Sozialismus: das eine ist nicht mehr rein und das andere auch nicht, und es fällt doch auf, daß die kapitalistischen und die sozialistischen Mächte, da, wo sie die systematische Macht haben, nichts so sehr hassen wie das Dritte, ob es nun vage beschrieben wird oder präzise wie Ende der sechziger Jahre in der Tschechoslowakei« (Heinrich Böll: Werke [Kölner Ausgabe]. Bd. 24. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2009, S. 545–546). – Vgl. auch Bölls Äußerung: »Ich würde mich eher als trinitarisch verstehen, jetzt nicht im rein theologisch-abstrakten Sinne, sondern im Sinne des konkret Dritten, auch des politisch dritten Weges« (a.a.O., S. 545).

Ob’s] Ob es Z1; D5.

Moskowitismus] Hier so viel wie ›Moskaufreundlichkeit‹ im Sinne der Sympathie für die sowjetische Politik.

der Vertrauensstand des Jahres 1953 erreicht] Anspielung Bölls auf die ›fünf Tage im Juni‹ 1953, als vor allem in (Ost-)Berlin gegen die von der SED verkündeten wirtschaftlichen Planvorgaben Hunderttausende Arbeiter (die Zahlen schwanken zwischen 400000 und 1,5 Millionen) protestierten. In die Geschichte eingegangen ist vor allem der 17. Juni, als die Ereignisse eskalierten und – nach Verhängung des Ausnahmezustands und Einführung des Kriegsrechts – sowjetische Truppen und Panzereinheiten, insgesamt 16 Divisionen, zum Einsatz kamen.

Dubček] Siehe Anmerkung

Svoboda] Siehe Anmerkung

riefen; die tschechoslowakische Flagge … Französischen Revolution.] riefen. Rest fehlt Z1; D5.

und mit ihnen zu diskutieren.] und um mit ihnen zu diskutieren Z1; D5.

nur noch roten!«, und das klang] nur noch roten«, es klang Z1; D5.

Hemingway und Fontane, beides Kriegsberichterstatter] Nach seiner Highschool-Ausbildung bewarb sich Ernest Hemingway, entgegen der eigentlichen Neigung, in den Krieg zu ziehen, bei der Redaktion des Kansas City Star, für den er ein halbes Jahr tätig war, ehe er – gemeinsam mit zwei Freunden – als Rotkreuzhelfer (Ambulanzfahrer) 1918 nach Italien zu seinem Kriegseinsatz kam. In biografischer Perspektive bildet diese Zeit den Hintergrund von Hemingways frühem Roman, A Farewell to Arms (1929). Am 19. Januar 1919 kehrte Hemingway schwer verletzt in die Staaten zurück. In der Folge arbeitete er für amerikanische und kanadische Zeitungen, um – seit Mitte der zwanziger-Jahre in Paris – schließlich seine Schriftstellerkarriere zu starten. – Theodor Fontane trat, nach einer Ausbildung zum Apotheker und längeren Reisen nach England 1844, dann wieder während der 1850er Jahre und einem zunächst gescheiterten Versuch, als freier Schriftsteller zu arbeiten, 1860 eine Festanstellung bei der Kreuzzeitung an, für die er u. a. als Kriegsberichterstatter aus Dänemark 1864 Artikel schrieb; im September 1870 berichtete er für die Vossische Zeitung aus Frankreich. Erst 1877 gelang es Fontane, diese Tätigkeit aufzugeben und als freier Schriftsteller zu arbeiten.

Práce] Name der tschechoslowakischen Gewerkschaftszeitung, die seit 1945 in Prag erscheint: Prace: eesky denik v eeskych rukou.

»ivre«] Frz. ›betrunken‹.

Schwejk] Siehe Anmerkung

Hus] Jan Hus, Märtyrer und tschechischer Nationalheiliger. Hus, der in Prag um 1386 ein Theologiestudium aufgenommen hatte, wurde mit der Lehre des Oxforder Theologieprofessors und erstem Übersetzer der Bibel in die englische Sprache, John Wyclif, bekannt und geprägt durch dessen konservative Frömmigkeit und Ablehnung aller kirchlichen säkularen Herrschaft und allen Besitzes. Gegen Hus erfolgte im Zusammenhang mit seiner Kritik am Verkauf von Kreuzzugsablässen zur Finanzierung des Kriegszuges gegen Ladislaus von Neapel, aber auch durch seine 1410 gehaltenen Verteidigungsreden der Lehre Wyclifs die Androhung der Verhängung des Kirchenbanns (Exkommunikation), die 1412 verkündet und auf ganz Prag ausgedehnt wird. Nachdem er Prag verlassen hatte, betätigte sich Hus zunächst als Volksprediger und verfasst zugleich sein Hauptwerk De ecclesia (1413), in dem er die Ordnung der Römischen Kirche infrage stellte. Während Hus sich zur Verteidigung seiner Lehren auf dem Konzil in Konstanz befand, wurde er am 28. November 1414 – trotz zuvor gewährtem freien Geleit – gefangen genommen und am 5. Juni 1415 der Prozess gegen ihn eröffnet. Als Ketzer aus dem geistlichen Stand gestoßen, wurde Hus am 6. Juli 1415 in Konstanz verbrannt.

gäb’ es] gäbe es Z1; D5.

dantoneske sowjetische Marschälle – aber die meisten sind wohl doch Napoleoniden.] Georges-Jacques Danton, Revolutionsführer in der Französischen Revolution, Justizminister und Mitglied des Wohlfahrtsausschusses, galt als kluger Taktiker in der Politik, der sich äußeren Gegebenheiten und Änderungen anzupassen verstand; so lehnte er z. B. 1793 innenpolitisch die Praxis des »Terreur« und außenpolitisch, um die Errungenschaften der Revolution nicht unnötig aufs Spiel zu setzen, eine Fortsetzung der Kriegspolitik ab, ja versuchte, mit dem feindlichen Ausland Friedensverhandlungen aufzunehmen, woraufhin er vom Wohlfahrtsausschuss ausgeschlossen wurde. – Böll weist hier auf einen Gegensatz von klugem, politisch-taktischem Verhalten einerseits (= dantonesk) und auf Macht und absolutem Gewaltanspruch fixiertem Verhalten andererseits der Generalität (= Napoleoniden) hin.

wie den deutschen Soldaten] wie einst den deutschen Soldaten Z1; D5.

wie einst den deutschen Soldaten ... einmarschierten] Anspielung auf den Einmarsch deutscher Truppen in Prag am 15. März 1939 und am 14. Juni 1940 in Paris, was in beiden Fällen kampflos vonstattenging.

Brot ist immer noch auch ein Zeichen] Siehe hierzu die Frankfurter Vorlesungen, KA 14, S. 192.

kollaborieren] Aus dem Frz. ›mit dem Feind zusammenarbeiten‹.

fraternisieren] Aus dem Frz. ›sich verbrüdern, vertraut werden‹.

Das war nicht] Es war nicht Z1; D5.

draußen zu bringen] draußen bringen Z1; D5.

gab’s Alkohol] gab es Alkohol Z1; D5.

Ein tschechischer Dichter …. »Die Ironie ist tot«, sagte er, als er sich verabschiedete. Der Schwejk in seinen Augen war erloschen] Gemeint ist Bohumil Hrabal, siehe Anmerkung S. 83.

Kafkas Geburtshaus] »Zum Turm« an der Ecke Karpfengasse/Enge Gasse in Prag, wo Franz Kafka am 3. Juli 1883 als erster Sohn des Kaufmanns Hermann Kafka und seiner Frau Julie zur Welt kam. Die Familie lebte dort bis Mitte Mai 1885. Das Haus wurde 1902 abgerissen und durch ein neues ersetzt.

ich hoffe, in Prag.] ich hoffe in Prag. Z1; D5.

In der Hotelhalle klärte mich jemand über die Dialektik der Humanität auf] Entsprechend Bölls Aufzeichnungen ist damit Jaroslav Plichta gemeint, siehe S. 60.

Quisling] Siehe Anmerkung

1956 in Ungarn] Siehe Anmerkung

kommunistischen Regime] KP-Regime Z1; D5.

nicht rückwärts] nicht rückwärts D5.

Dogma der Unfehlbarkeit des Zentralkomitees] Gemeint ist damit das bereits von Wladimir Iljitsch Lenin der kommunistischen Partei (und kommunistischen Bewegung insgesamt) im Blick auf die Strukturen der Partei zugesprochene Prinzip des ›demokratischen Zentralismus‹, das heißt eine strikt hierarchisch gegliederte, mit dem Parteichef an der Spitze stehende Organisation, die die wissenschaftliche Weltanschauung des Marxismus/Leninismus (theoretisch und praktisch) umzusetzen gedenkt. Dieses Prinzip wurde von Josef Stalin in der Sowjetunion während der späten zwanziger- und dann der dreißiger-Jahre zum uneingeschränkten, absolutistischen Dogma ausgeformt – mit den bekannten Folgen: den »Säuberungsprozessen«, dem Ausschalten aller parteiinternen und -externen Kritiker, der Errichtung von Arbeitslagern usw.

Konferenz von Čierna] Zwischen dem 29. Juli und 1. August 1968 fand in Čierna das letzte bilaterale Treffen der KPČ mit der KPdSU statt, auf Wunsch der KPČ auf tschechoslowakischem Boden. Dabei wurde von der sowjetischen Führung gefordert: die Parteimacht über die Massenmedien wiederherzustellen, ein Gesetz für das Verbot von ›antisozialistischen‹ Organisationen zu verabschieden, die führende Rolle der KP uneingeschränkt wiederherzustellen, die Führerrolle nach Lenin’schem Vorbild zu festigen und schließlich die radikalen Reformer aus allen wichtigen politischen und wirtschaftlichen Ämtern und Funktionen zu entlassen. Für die Sowjets allerdings ergebnislos, weil der Widerstand der Reformkräfte in der tschechoslowakischen Regierung bereits zu stark war.

Enzyklika Humanae vitae] Am 25. Juli 1968 von Papst Paul VI. verkündete Enzyklika über Ehe und Geburtenregelung. Die deutsche Übersetzung erschien vollständig in der Süddeutschen Zeitung, Nr. 186 vom 3./4. August 1968, S. 10–11.

jenes sakramentalen Realismus] eines sakramentalen Realismus Z1; D5.

die ich im Jahre 1961 kennengelernt hatte] Anspielung Bölls auf seine auf Einladung durch den tschechoslowakischen Schriftstellerverband zustande gekommene zweieinhalbwöchige Reise nach Prag im Juni 1961. Erste Planungen hatte es bereits 1959 gegeben, als unter dem Datum vom 8. Mai 1959 eine von Svaz Čs. Spisovatelů, Ivan Skála und Vlastimil Maršiček gezeichnete Einladung im Namen des Schriftstellerverbandes an Böll geschickt wurde. Damals hatte Böll in zwei Interviews für tschechoslowakische Zeitschriften, Kultura und Literární noviny, Auskunft über sein Werk und aktuelle politische Vorgänge gegeben; größere Auszüge daraus wurden auch in den DDR-Zeitungen Neue Zeit (Berlin), 10. August 1961, S. 4 sowie National-Zeitung (Berlin), 16. August 1961 publiziert. Um welche beiden Funktionäre es sich dabei konkret handelt, konnte nicht ermittelt werden.

Goldstückers] Siehe Anmerkung

Černík] Oldřich Černík (1921–1994) war einer der ›Architekten‹ des Prager Frühlings und Ministerpräsident von 1968 bis 1970.

auffordern – und: Kompromisse zu schließen] auffordern und Kompromisse zu schließen Z1; D5.

Straße] Straße Z1; D5.

schönsten Gedichte] Böll bezieht sich hier auf Bertolt Brechts Lied Am Grunde der Moldau, mit dem er sein 1943 in der Emigration in Anlehnung an Hašeks Schwejk-Roman verfasstes Stück Schwejk im Zweiten Weltkrieg enden ließ: »Es wechseln die Zeiten. Die riesigen Pläne / Der Mächtigen kommen am Ende zum Halt. / Und gehen sie einher auch wie blutige Hähne / Es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt. // Am Grunde der Moldau wandern die Steine / Es liegen drei Kaiser begraben in Prag. / Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine. / Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag« (Bertolt Brecht: Werke. Große kommentierte Frankfurter und Berliner Ausgabe. Hrsg. von Werner Hecht, Jan Knopf, Werner Mittenzwei, Klaus Detlef Müller. Bd. 7: Stücke 7. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1991, S. 252).

fotografieren] photographieren Z1; D5.

Hradschin ... am Belvedere vorbei] Hradschin, Burg im Norden Prags auf der linken Moldauseite; ihre Errichtung begann um 880 unter der Dynastie der Přemysliden; nach zahlreichen Umbauten fand die Prager Burg in der Zeitspanne von 1753–1775 zu ihrer heutigen klassizistischen Außenform; seit der Gründung der Tschechoslowakei 1918 symbolisiert sie den Staat und seinen Regenten. – Südwestlich des Hradschin befindet sich das Loretoheiligtum; um die Rekatholisierung des Landes zu unterstützen, ließ die Fürstin Lobkovicz von Giovanni Battista Orsi dieses kirchliche Denkmal zu Beginn des 17. Jahrhunderts errichten; in der Mitte des Heiligtums befindet sich die Loretokapelle mit einer aus Lindenholz gefertigten Madonna, die eine Nachbildung der Madonna aus der »Santa Casa« aus dem italienischen Loreto ist. – Das Renaissanceschloss Belvedere liegt nordöstlich der Prager Burg; es wurde Mitte des 16. Jh. auf Geheiß von Ferdinand I. für dessen Frau errichtet.

ins Getto, zur Synagoge, zum Faust-Haus] Bereits im 10. Jahrhundert waren jüdische Geschäftsleute in Prag ansässig, im 13. Jahrhundert wurden jüdische Siedlungen nordöstlich des Karlsplatzes gegründet, die 300 Jahre später als Getto bezeichnet wurden; seit den Sanierungsmaßnahmen im Jahre 1893 heißt dieser Stadtteil Josefov; historisch bedeutsame Denkmäler und Bauten, darunter zahlreiche Synagogen – wie die Altneusynagoge, die älteste europäische Synagoge im gotischen Stil (erbaut Ende des 13. Jahrhundert) – erinnern an das ehemalige Getto. – Das sog. ›Faust-Haus‹, an der Südseite des Karlsplatzes gelegen, ist ein Bau aus der Spätrenaissance, wo zeitweilig der engl. Alchemist Edward Kelley wohnte, der von Kaiser Rudolf II. nach Prag geholt wurde, um Gold herzustellen. Der Volksmund verbindet das Haus mit der Legende um Doktor Faustus.

Ignatius-Kirche] Am rechten Moldauufer gelegener, von Carlo Lurago in den Jahren 1665 bis 1670 im Barockstil errichteter Kirchenbau; seit 1671 befindet sich am vorderen Giebel eine Statue des heiligen Ignatius; den viereckigen Turm und die Säulenhalle fügte Ignaz Bayer Ende des 17. Jahrhunderts hinzu.

Hus-Denkmal] Zum 500. Todestag von Jan Hus 1915 in der Prager Altstadt errichtetes Denkmal. – Zu Hus siehe auch Anmerkung S. 140.

Ein junger Mann, offenbar Westdeutscher … Lust am Leben] Böll lässt an dieser Stelle undeutlich, dass es sich bei dem ›jungen Mann‹ um seinen Sohn René handelt. Offenbar suchte er zu vermeiden, die für die Ereignisse signifikante Situation zu pointiert auf die Familie abzubilden, zum einen wohl auch zur Wahrung der Authentizität der Schilderung, zum andern, um in der Dramatik der Situation ein unmittelbar betroffenes Familienmitglied nicht effekthaft zu exponieren. René Böll selbst war während des Aufenthalts mehrfach mit seiner Kamera unterwegs. Einige der dabei entstandenen Fotografien wurden beim Abdruck des Artikels mit in den Druck aufgenommen, wodurch indirekt auf René Böll als dem hier Gemeinten hingedeutet ist.

Fotografieren] Photographieren Z1; D5.

Teynkirche] Teyn-Kirche Z1.

Teynkirche] Die Teynkirche im Nordosten Prags wurde in den Jahren 1365 bis 1511 erbaut und galt seit Beginn des 15. Jh. als Hauptkirche der in Prag ansässigen Utraquisten, des gemäßigten Flügels der Hussiten; im 17. Jh. kam es zur Rekatholisierung; als Wahrzeichen der Teynkirche gelten ihre beiden, Adam und Eva genannten, 80 Meter hohen Türme.

Ein junger Tscheche] Ein Tscheche Z1; D5.

geknipst?« – »Ja«] geknipst?« »Ja« Z1; D5.

jungen Tschechen] Tschechen Z1; D5.

Er trug ein breites Lederarmband … drum herum.] Fehlt Z1; D5.

Seltsam, irgendwie, ja, irgendwie war »man«] Seltsam: irgendwie war »man« Z1; D5.

an, es waren alte Routiniers für trouble aller Art] an, daß es alte Routiniers waren für trouble aller Art Z1; an, daß es alte Routiniers waren für Trouble aller Art D5.

kakanisch] (Alt-)österr.; Adj. zu Kakanien, von Robert Musil geprägte Bezeichnung der österreichisch-ungarischen Monarchie, von k.u.k. = ›kaiserlich und königlich‹ abgeleitet.

Manchmal] manchmal Z1; D5.

Fauteuil] Frz. ›Armstuhl‹, ›Lehnsessel‹.

Der Korrespondent des Stern] D.i. Erich Kuby, siehe Anmerkung zu S. 80.

Dienstagabend] Dienstag abend Z1; D5.

Standard-Erzählungen meiner Frau] Siehe hierzu die Erzählung Annemarie Bölls in: Kühn: Auf dem Weg zu Annemarie Böll. Eine biographische Skizze: »Der Beruf des Vaters brachte für die Familie zwei Vergünstigungen ein. Die erste: Freifahrten, zum Beispiel ins ferne Trier, wo ihr Kölner Großvater zeitweise arbeitete. Die zweite: man konnte Ferien im kleinen Bahnhof machen. Der lag, einsam zwischen zwei Dörfern, an der Strecke von Pilsen nach Marienbad und weiter nach Karlsbad. Im bescheiden dimensionierten Warteraum, der im Sommer nicht genutzt wurde, richtete es sich die Familie Čech ein; auch die anliegenden Räume konnten, gemeinsam mit dem Stationsvorsteher, genutzt werden. Zwischen Morgenzug und Abendzug konnten die Geschwister ungefährdet auch auf dem Bahnsteig spielen. Und Felder ringsum und Wälder …« (Dieter Kühn: Auf dem Weg zu Annemarie Böll. Eine biographische Skizze. Berlin: Heinrich-Böll-Stiftung 2000, S. 19).

Ihr Vater ... in Pilsen] Eduard Čech (1867–1916) war Oberkommissär der k.u.k. [kaiserlich und königlichen] österreichischen Staatsbahnen in Pilsen.

Bozena Nemcova] Božena Němcová Z1; D5.

Božena Němcová] Božena Němcová (1820–1862), tschechische Schriftstellerin; seit 1848 aktive Teilnehmerin an der nationalen Bewegung. Němcová verfasste viel gelesene Prosaschriften, in denen auf romantisch-sentimentale Art das Volksleben dargestellt wird; ihre sozialkritischen Werke wurden maßgebend für die realistische Prosa; zudem war sie Herausgeberin tschechischer und slowakischer Märchen- und Sagensammlungen. Einen Auszug aus ihrem 1855 publizierten Roman Babička (Die Großmutter) nahm Böll in Mein Lesebuch auf (Heinrich Böll: Mein Lesebuch. Frankfurt a.M.: Fischer 1978 [Fischer-TB, 2077], S. 23–29).

Im Abteil … hübscher ausgesehen.] Fehlt Z1; D5.

Für Tomáš Kosta zum 60.
(1985)

Es standen die Panzer am Ufer der Moldau

walzten ratlose Unfreie über keimende Hoffnung

Klein waren die Großen und groß die Kleinen

vergingen die Nächte und kam doch kein Tag

Wenn wechseln die Zeiten, so hilft nur Gewalt

und blieben doch groß die gewaltlosen Kleinen

hielten den Keim in geballter Faust

verlosch nicht die Kerze hinter schützender Hand

Es stehen die Panzer am Ufer der Moldau

wie zittern die Großen vor Kerze und Keim

Musik, ein Wort schon versetzt sie in Panik

eine Zeile und sie geben Panzer-Alarm

 

Tomáš Kosta, der Leiter des Bund-Verlages in Köln, gehörte zu den aus der ČSSR nach der Okkupation 1968 emigrierten Intellektuellen.

Ein Rückblick 50 Jahre danach
von René Böll

Im August 1968 reisten meine Eltern und ich auf Einladung des tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes nach Prag. Wir kamen am Abend des 20. August an und wurden Augenzeugen der Invasion der Truppen einiger – nicht aller – Staaten des Warschauer Paktes. Ich erinnere mich noch gut, höre den Ausruf »Wir sind besetzt« an unserer Hoteltür am Morgen des 21. August wie heute, und weiß ebenfalls noch sehr gut, dass wir über den Sinn dieser Aussage zunächst rätselten. Wir dachten, die Personen, die uns empfangen wollten, hätten keine Zeit, bis wir nach dem Türöffnen erfuhren, dass die Besetzung der ČSSR stattgefunden hatte. Wir hatten zwar das Brummen der Flugzeuge in der Nacht gehört, aber uns nichts dabei gedacht.

Die Truppenbesatzung bedeutet das Ende des sogenannten »Prager Frühlings«, das heißt des Demokratisierungsversuchs der Regierung unter Alexander Dubček.

Wir blieben bis zum 25. August in Prag, besuchten Oppositionelle, mein Vater gab Interviews in »illegalen« Sendern. Ich erinnere mich an Begegnungen mit den entsetzten Kollegen, Treffen im Hotel und in privaten Wohnungen, auch an die Angst der Kollegen um uns, die Aufforderung sofort abzureisen. Ich erinnere mich, wie das Hotel immer leerer wurde, fast keine Ausländer mehr da waren. Ich fotografierte und sammelte Flugblätter, die den Widerstand der Bevölkerung dokumentierten. Als bildender Künstler interessierten mich die fantasievoll gestalteten Blätter besonders und ich ließ mir den Text von Passanten übersetzen.

Ähnlich wie Ende des Zweiten Weltkriegs kam es zu Kämpfen um den Rundfunk. Der Zusammenstoß von Rundfunkmitarbeitern mit sowjetischen Soldaten forderte fünfzehn Todesopfer und endete mit der Besetzung des Rundfunks, ich erlebte diese Kämpfe um den Rundfunk an der Seite der Tschechen mit, stand daneben, als ein Panzer explodierte und ausbrannte.

… die Geburt seiner Tochter Annemarie (Maria Anna Edeltrud; ›Mizzi‹) mitteilt.

 

 

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