Mahmoud Al-Zein
Der Pate von Berlin
Mein Weg, meine Familie,
meine Regeln
Knaur e-books
Mahmoud Al-Zein wuchs im vom Bürgerkrieg zerissenen Beirut auf und kam Anfang der Achtzigerjahre als Kriegsflüchtling nach Deutschland. Hier stieg er im Kreis des Al-Zein-Clans schnell an dessen Spitze auf und schrieb schon bald als »Pate von Berlin« Schlagzeilen. Al-Zein wurde 2003 wegen Drogenhandels zu einer Haftstrafe verurteilt, kehrte der Kriminalität den Rücken und setzt sich heute im Kreis seiner Familie dafür ein, dass die jüngere Generation aus seinen Fehlern lernt.
»Mit Ausnahme von Personen des öffentlichen Interesses wurden die Namen
der hier Geschilderten aus Sicherheitsgründen geändert.«
© 2020 Droemer eBook
Ein Imprint der Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit
Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.
Covergestaltung: Isabella Materne, München
Coverabbildung: Jan Kopetzky Photography
ISBN 978-3-426-45971-3
»Reichen die Wurzeln tief, muss man den Wind nicht fürchten.«
(Libanesisches Sprichwort)
Dezember 2003, Berlin: Schwarze Wolken, Donner, schneidender Wind. Regen durchdringt mein Jackett, der Orkan bläst mich fast um, ich bin nass bis auf die Haut. Aber ich laufe weiter. Der Sturm hält mich nicht auf. Im Gegenteil. Ich bin der einsame Kämpfer, der sich dem Tosen der Naturgewalten entgegenstellt und mit ihnen tanzt, statt sie zu fürchten. Das war ich immer, und ich werde es bei jedem Unwetter aufs Neue. Mit jeder Regenböe, die mir ins Gesicht peitscht, wird mein Schritt entschlossener und mein Kopf klarer. Das war mein Ziel, als ich raus bin: klarkommen nach dem Ärger der letzten Wochen – der Messerstecherei im Jungle Club, den tödlichen Schüssen auf den SEK-Beamten Krüger, den Skandalschlagzeilen, die den Ruf meiner Familie in den Dreck gezogen haben. Al-Zein. Dieser Name steht in Berlin für Macht, Stärke und Einfluss. Irgendwann schrieb die Presse mal über mich, ich hätte in der Stadt mehr zu sagen als der Oberbürgermeister. Viele nennen mich »El Presidente« oder »Pate von Berlin«. Ich selbst habe mir solche Titel nicht ausgedacht. Sie bedeuten mir nichts. Für mich zählt nur, dass ich meinen Weg gehe, meinen Prinzipien treu bleibe und meinen Einfluss geltend mache. Um Dinge zu regeln, für Ruhe zu sorgen und Frieden zu schaffen. In meiner Familie, unter meinen Brüdern, für Berlin. Meist erreiche ich mein Ziel, doch auch mir entgleiten manche Situationen und geraten außer Kontrolle. Wenn das passiert, warte ich auf das nächste Unwetter, werfe mich voll hinein und denke nach. So wie jetzt.
Während sich die Straßen von Kreuzberg mit Pfützen füllen und die Gossen in reißende Ströme verwandeln, gehe ich mit mir selbst ins Gericht. Was habe ich falsch gemacht? Was nicht gesehen, wo die Kontrolle verloren? Die Spaziergänge durch den Regen sind ein Ritual, das mir hilft, aufzutanken und Kraft zu sammeln. Regen spült Probleme weg. Wenn er mich einmal durchgewaschen hat, kann ich wieder ruhig schlafen und von vorne anfangen.
Als ich nach einer Stunde im Unwetter meine Wohnung in der Großbeerenstraße erreiche, fühle ich mich durchgefroren, aber gestärkt. Ich bin bereit, die Dinge ins Reine zu bringen. Noch ahne ich nicht, dass die Uhr tickt. Dass Kripo und Presse bereits meinen Sturz vorbereiten. Dass schon bald Polizeihubschrauber über meinem Haus kreisen und Einsatzkräfte den Eingang umstellen werden, um mich zu verhaften. Wie es dazu kommen wird? Auch das ahne ich noch nicht. So ganz habe ich die Regeln in Deutschland nie verstanden. Weil sie mir nie jemand beigebracht hat. Oder weil sie nicht meine eigenen sind.
(1982–1987)
»Shu fi?« – »Was geht?«
Die Männer meiner Familie haben mir grundlegende Werte vermittelt – dass man nur auf dem rechten Weg siegreich sein kann; dass das Unrecht, das man anrichtet, irgendwann zu einem zurückkommt; was falsch und was richtig ist. Diese Lehren prägten mein Leben von Anfang an. Allerdings dauerte es eine Weile, bis mir klar wurde, was sie im Kern bedeuten. Ich musste es erst herausfinden. Und zwar ohne die Hilfe meiner Familie. Auf die harte Tour.
Eine Menschenansammlung wie die vom 10. April 1982 hatte der Flughafen von Beirut in seiner knapp 30-jährigen Geschichte selten erlebt. Alle waren da und brüllten durcheinander – meine Jungs, meine Eltern, meine Geschwister. Mittendrin im Tumult meine Frau und ich – beide 16 Jahre alt. Wir waren der Grund für den Menschenauflauf. Unsere Freunde und Familien waren gekommen, um sich von uns zu verabschieden. Weil wir in den Urlaub fliegen wollten. Oder besser: in den Urlaub fliegen sollten. Zu Al-Ammu, meinem Onkel väterlicherseits, nach Deutschland. In den letzten Wochen hatte mir mein Vater ununterbrochen in den Ohren gelegen.
»Du musst endlich mal raus aus Beirut«, hatte er gesagt. »Du musst abschalten, zur Ruhe kommen, sonst bringst du dich noch selbst um. Ein Urlaub in Deutschland wird dir und deiner Frau guttun.«
Normalerweise hörte ich nicht auf meine Eltern. Wir stritten zwar ständig, aber am Ende machte ich trotzdem immer, was ich wollte. Das hieß in meinen Jugendjahren, dass ich entweder mit Baumaterialien handelte, zerstörte Häuser wiederherrichtete oder mit einer kleinen Miliz, die ich zusammen mit meinen Brüdern und Freunden aufgestellt hatte, unsere Lebensräume verteidigte. All das war nötig. Seit Mitte der Siebziger herrschte Bürgerkrieg im Libanon. Meine Heimatstadt Beirut versank in Chaos und Anarchie. Muslime gegen Christen, Nationalisten gegen Internationalisten, Schiiten gegen Sunniten, Palästinenser gegen Israelis … Es gab endlos viele Gruppen, die sich in jenen Jahren im Libanon gegenseitig bekämpften. Ich kannte es kaum anders. Es war so, seit ich elf oder zwölf war. Zu Beginn des Bürgerkriegs hatte ich miterlebt, wie das Haus meiner Eltern zerstört wurde, wie man Menschen auf offener Straße geköpft, erschossen und angezündet hatte, wie die Stadt vom Militär in einen muslimischen Westteil und einen christlichen Ostteil getrennt worden war. Meine Familie war muslimisch. Eine Woche lang waren wir bei Bekannten im Ostteil untergetaucht, dann in ein verlassenes Strandbad im Westen der Stadt geflohen, das zum Auffangbecken der meisten muslimischen Kriegsgeschädigten geworden war.
Es war ein karges, gesetzloses und gefährliches Leben, das für uns Straßenkinder von da an den Alltag prägte. Die Erwachsenen waren dermaßen mit Überleben beschäftigt, dass unsere Ausbildung und Schule zur Nebensache wurden. Vielmehr half ich meinem Vater, seine Geschäfte wieder aufzunehmen – er hatte eine Holzfabrik und handelte mit persischen Teppichen –, während ich mir nebenbei meine eigenen aufbaute. Weil es in Beirut offiziell nichts gab, wurde unter der Hand mit allem gehandelt. Man konnte gutes Geld machen, besonders wenn man Beziehungen ins Ausland hatte. Die hatte ich. Ein Freund meines Vaters, ein Christ aus Zypern, versorgte mich mit Baumaterialien, Maschinen, Türen und Fenstern, die ich für den Wiederaufbau von zerstörten Häusern verkaufte oder selbst verarbeitete.
Das war die eine Seite meines Beiruter Alltags. Die zweite war die Miliz. Nachmittags traf ich mich mit den Männern aus dem Viertel und der Umgebung am Strand. Insgesamt waren wir vielleicht 250 Mann. Wir hatten eine große Kaserne und ein Schiff von den Palästinensern. Unsere Truppe gehörte zur Marine der Fatah, der »Bewegung zur nationalen Befreiung Palästinas«. Allerdings waren wir die meiste Zeit auf uns selbst gestellt. Wir rüsteten uns für den Widerstand, richteten Stützpunkte in verlassenen Häusern ein, schoben Wache, kauften Waffen, hatten Maschinengewehre, Handgranaten, Kanonen. An so was zu kommen war damals in Beirut nicht schwer. Weil jeder mit allem handelte, gab es einen blühenden Schwarzmarkt. Außerdem wurde viel geschmuggelt. So ist das nun mal im Krieg.
Trotz aller Einschränkungen und Härten mochte ich mein Leben. Aus heutiger Sicht ist das wahrscheinlich schwer zu verstehen, aber ich kannte es nicht anders: Schießereien, Kämpfe, Verfolgungsjagden, dann wieder Party, Freunde und ein Hoch auf das Leben, Hamdulillah! Alles war in Bewegung, das Dasein ein ständiges, aufregendes Ringen von Spannung und Entspannung. Angst hatte ich selten. Jedem Kampf, den es auszufechten galt, stellte ich mich bereitwillig. Kämpfen lag mir im Blut, ich suchte förmlich die Auseinandersetzung mit unseren Gegnern. Für mich dienten Konflikte dazu, die Dinge ins Reine zu bringen, Fronten zu klären, mich selbst zu beweisen. Außerdem ging es darum, unseren eigenen hart erstrittenen oder wiederaufgebauten, aber nach wie vor von Zerstörung bedrohten Lebensraum zu verteidigen. Ich fühlte mich unbesiegbar.
Meinen Eltern erzählte ich wenig darüber, was ich den ganzen Tag trieb, aber sie bekamen trotzdem vieles heraus. Ich bereitete ihnen zunehmend Sorge. Im Herbst 1981 beschloss mein Vater, dass es Zeit war, mir Vernunft beizubringen. Ohne mein Wissen traf er seine Entscheidung: »Wir verheiraten Mahmoud, dann muss er Verantwortung übernehmen und macht keinen Blödsinn mehr.«
So heiratete ich meine Cousine. Ich kannte und mochte sie. Wir dachten nicht viel darüber nach, was es bedeutete, Eheleute zu sein oder welche Verantwortung das Jawort mit sich brachte. Heiraten war ein üblicher Schritt auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Alle taten es, also auch wir. Das war der Lauf der Dinge. Die Hochzeitsfeier war schnell organisiert. Es gab keine lange Verlobungsphase, keine Einladungskarten, keine aufwendigen Vorbereitungen. Stattdessen wurde mittels Mundpropaganda im Viertel verbreitet: »Mahmoud heiratet, nächste Woche ist Hochzeit.« Damit war die Sache offiziell. Die Feier gestalteten wir im Rahmen unserer begrenzten Möglichkeiten. Wir richteten eine Lagerhalle her, die mein Vater und ich mit aufgebaut hatten, bemalten die Wände neu, schleppten von überall Tische und Stühle heran, bauten ein Podium für Musiker und Sänger auf, kümmerten uns um reichlich Essen und Getränke.
Am Tag der Hochzeit hatte sich die nüchterne Halle in einen Festsaal verwandelt. Tee, Kaffee und Dschallab flossen in Strömen, die Tische bogen sich unter Tellern und Schüsseln mit Couscous, Sambusak, Muhammara und gegrilltem Fleisch. Das ganze Viertel war auf den Beinen. Die Jungs von der Miliz feuerten zum Jawort mit ihren Kalaschnikows und AK-47 in die Luft. Beim anschließenden Fest spielten und sangen befreundete Musiker einen Mix aus türkischen, kurdischen und arabischen Liedern, den ich bis heute als die Musik meines Lebens empfinde, wir tanzten im Kreis bis tief in die Nacht. Es war eine rauschende Feier. Doch sie ging vorbei. Danach ging das Leben einfach weiter – weiter wie zuvor.
Damals war es mir nicht bewusst, aber eigentlich war ich zu diesem Zeitpunkt nicht bereit für eine Ehe. Ich war jung, es herrschte Krieg, ich wollte mich nicht binden, eine Familie gründen und Verantwortung übernehmen. Die Hoffnung meines Vaters, dass ich durch die Hochzeit ruhiger werden würde, erfüllte sich nicht. Eher trat das Gegenteil ein. Ich wurde noch wilder. Daran konnte auch die Tatsache nichts ändern, dass meine Frau im Frühjahr 1982 schwanger wurde. Denn ihre Schwangerschaft konnte den Krieg nicht aufhalten – und ebenso wenig meine Bereitschaft, zu kämpfen. So kam es zu jenem schicksalhaften Vorfall, der meinem Leben eine völlig neue Richtung geben sollte.
Ein paar Tage nachdem ich erfahren hatte, dass meine Frau und ich unser erstes Kind erwarteten, wurde die Kaserne unserer Fatah-Miliz am Strand bombardiert. Bombenangriffe waren damals in Beirut und Umgebung nichts Ungewöhnliches, aber dies war das erste Mal, dass es einen der Stützpunkte meiner Truppe traf. Bis zum Angriff war es ein geschäftiger Abend. Die Bewohner von Beirut gingen am Strand spazieren, grillten, musizierten oder fuhren mit ihren Autos die Küstenstraße entlang, als sich plötzlich das Dröhnen von Kampffliegern näherte. Dann wurden auch schon Bomben abgeworfen. Sie schlugen auf dem Kasernengelände ein, und sofort brach Tumult los. Passanten rannten um ihr Leben, Autofahrer sprangen aus ihren Wagen und ließen sie achtlos auf der Straße stehen, sogar zwei Kameraden von der Miliz, die einen Jeep mit einer Kanone auf der Ladefläche bewachten, nahmen reflexartig Reißaus und brachten sich in Sicherheit.
Ich selbst nahm die Angst und Panik der anderen Menschen wie durch einen Schleier wahr. Nachfühlen konnte ich sie nicht. Ich wäre nicht im Traum auf die Idee gekommen, mich zu verstecken. Für mich gab es in diesem Moment nur eines: meine rasende Wut. Ich wollte Rache nehmen für den feigen Angriff auf unser Hauptquartier, koste es, was es wolle.
In der Mitte der Küstenstraße rannte ich schreiend und fluchend zwischen den verlassenen Autos hindurch, lud im Laufschritt meine Kalaschnikow durch und feuerte auf die am Himmel davonjagenden Kampfflieger. Das war natürlich völlig sinnlos. Die Jets waren viel zu schnell und zu massiv, als dass ich sie mit einem einfachen Maschinengewehr hätte vom Himmel fegen können. Aber darum ging es auch gar nicht. Wäre ich ohne Waffe unterwegs gewesen, hätte ich den Piloten Steine, Büchsen oder was auch immer hinterhergeworfen, einfach nur, um etwas gegen die Eindringlinge zu unternehmen. Daran, dass ich mich durch meine Schießerei in Lebensgefahr brachte, verschwendete ich keinen Gedanken. Meine Wut war übermächtig. Ich folgte ihr blind.
Dann war das Magazin der Kalaschnikow auf einmal leer. Aber meine Wut brodelte noch immer. Als ich mich hastig umsah, fiel mein Blick auf den Jeep, den meine Kameraden bei ihrer übereilten Flucht hatten stehen lassen. Und auf die Kanone auf der Ladefläche. Ich sprang auf den Wagen, machte die Kanone feuerbereit und schoss drauflos. In den Himmel, den Angreifern hinterher, ins Nichts. Die Schüsse kamen schnell und heftig, ich musste mich am Abzug festhalten. Da die Kanone für die Flugabwehr konzipiert war, war sie für meine Zwecke viel besser geeignet als das Maschinengewehr. Aber die Flieger waren schon zu weit weg, um sie noch zu erreichen. Ein Glück, sage ich heute, doch damals zählte für mich nur der nächste Schuss. Wieder feuerte ich so lange, bis die Munition durch war. Danach herrschte Stille. Der Rauch verwehte, die Menschen kamen nach und nach aus ihren Verstecken, meine Wut legte sich.
Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Auch mein Vater und mein Onkel Al-Ammu, der gerade aus Deutschland zu Besuch war, waren unter den Passanten, die sich nach den Bombeneinschlägen hinter einer Mauer in Sicherheit gebracht hatten. Von dort aus beobachteten sie meinen Wutrausch, sahen, wie ich mein Leben in Gefahr brachte. Danach waren sie sich einig: »Der Junge muss so schnell wie möglich hier raus. Der bringt sich sonst um.«
Es war Al-Ammu, der mich dazu überredete, ihn in Deutschland zu besuchen. Eigentlich hatte ich keine Lust auf diese Reise. Ich hatte doch alles. Meine Jungs, meine Geschäfte, mein schönes, wildes Leben. Was sollte ich im Ausland? Mir war zwar klar, dass seit einigen Jahren viele Libanesen nach Nordeuropa auswanderten, um den Wirren des Bürgerkriegs zu entkommen – auch Akhi, mein großer Bruder, und Al-Ammu hatten sich nach Deutschland abgesetzt, weil ihnen die Luft im Libanon zu dünn geworden war –, aber ich selbst hatte nie das Gefühl, wegzuwollen. Für mich zählte nur eines: Beirut und seine Bewohner brauchten mich. Das hieß, ich konnte hier nicht weg. Auch nicht vorübergehend. Ende der Diskussion.
Es gab damals nicht viele Leute, die mich von dieser Überzeugung hätten abbringen können. Al-Ammu war einer der wenigen. Er war ein Mensch von Format und Autorität, in meiner Familie genoss er hohes Ansehen. Auch bei mir. Seit ich denken kann, hatte mich seine Fähigkeit beeindruckt, Dinge zu regeln. Wenn er, ein hochgewachsener Mann mit Schnurrbart, schwarzem Sakko und scharfem Blick einen Raum betrat, verstummten die Menschen, und wenn er seine tiefe Stimme erhob, hörten sie zu. Das imponierte mir. So wollte ich auch sein. Bevor Al-Ammu nach Deutschland ausgewandert war, hatte er in Beirut oft Streitereien zwischen Gruppen und Familien geschlichtet, also Blutvergießen verhindert. Wie man hörte, tat er jetzt das Gleiche in Nordrhein-Westfalen, wo er inzwischen lebte. Darüber hinaus war er ein guter Diplomat. So schaffte er es nach langen Gesprächen schließlich doch, mich zu einer Reise nach Deutschland zu überzeugen: »Hör mal, Junge, du musst auch mal was anderes sehen von der Welt. Außerdem kannst du dann deinen großen Bruder besuchen und deiner schwangeren Frau etwas Abwechslung bieten. Sieh es als eine Art verspätete Flitterwochen. Nach drei Wochen bist du wieder zurück.«
Es war vor allem das letzte Argument, das mich überzeugte. Klar, ich würde ja wiederkommen. Es war nur ein Urlaub. Ein vorübergehender Verwandtenbesuch im Ausland. Mehr nicht. Also stimmte ich der Reise zu. Wir kümmerten uns um Flugtickets und gingen zum Amt, um ein »Laisser-passer«, einen Passierschein, für mich und meine Frau zu beantragen. Er war einen Monat lang gültig und legitimierte uns innerhalb dieses Zeitraums zur Ausreise aus dem Libanon und zur Einreise in die Deutsche Demokratische Republik, die DDR. Was das bedeutete, war mir damals nicht klar. Ich wusste wenig über die politischen Verhältnisse in Deutschland, und weil mein Interesse an dieser Reise in erster Linie den Besuchen bei meinen Verwandten galt, setzte ich mich auch nicht näher damit auseinander. Erst später verstand ich, dass wir für Westdeutschland damals überhaupt keine Visa bekommen hätten. Dass die Möglichkeit einer unkomplizierten Einreise in die DDR via Passierschein den guten Beziehungen der Sowjetländer zum Libanon geschuldet war. Dass Ostberlin damals von zahlreichen libanesischen Flüchtlingen als Nadelöhr nach Westdeutschland genutzt wurde, weil die ostdeutschen Grenzer ihren Freunden aus dem Libanon im Gegensatz zur eigenen Bevölkerung keine Probleme beim Übertritt nach Westberlin machten. Aber all das musste ich auch nicht wissen. Um solche Dinge kümmerte sich mein Onkel. Meine Frau und ich mussten nur noch losfahren.
So konzentrierten wir uns an jenem denkwürdigen 10. April des Jahres 1982 ganz auf den Abschied am Flughafen. Auf die aufgekratzten Zurufe und guten Wünsche unserer Brüder und Schwestern, auf das »Gute Reise« und »Allah segne euren Weg« unserer Eltern, auf das »Komm bald wieder« meiner Cousins und Freunde. Niemand schien zu ahnen, dass es keine Wiederkehr geben würde. Ich tat es definitiv nicht.
Auch als wir zum Flugzeug gingen, hatte ich andere Sorgen, als mir über die Rückreise Gedanken zu machen. Es war mein erster Urlaub überhaupt und meine erste Reise in der Luft. Wir flogen nicht mit einem großen Passagierflieger, wie sie heute auf Linienflügen eingesetzt werden, sondern mit einer kleinen Propellermaschine, in die maximal 30 Leute reinpassten. Mit einer Mischung aus Skepsis und Entschlossenheit stiegen wir die kleine Klappleiter zur Tür rauf, drehten uns noch einmal um und winkten unseren Leuten zu, die auf dem heißen Asphalt in der Nachmittagssonne standen und zu uns hochsahen. Dann duckten wir uns in den Innenraum des Flugzeugs – gespannt auf das, was vor uns lag, aber ohne zu wissen, dass wir in diesem Moment unser altes Leben für immer hinter uns ließen.
Fliegen war Anfang der Achtzigerjahre noch viel unüblicher als heute. Dementsprechend aufgeregt war ich. Angst hatte ich zwar nicht, aber dass ich das Rumpeln, Scheppern und Heulen der Triebwerke beim Start vertrauenerweckend fand, kann ich trotzdem nicht behaupten. Als wir während des Flugs dann auch noch von einem Luftloch zum nächsten schaukelten, bereute ich es endgültig, dass ich mich von meinem Onkel hatte bequatschen lassen. Ich war froh, als wir endlich wieder festen Boden unter den Füßen hatten.
An die Ankunft am Zentralflughafen der DDR in Berlin-Schönefeld erinnere ich mich kaum. Auch von der Taxifahrt zum Grenzübergang Friedrichstraße, an dem nur Ausländer, aber keine DDR-Bürger nach Westberlin einreisen konnten, habe ich nur wenige verschwommene Bilder in Erinnerung: von grauen, schnurgeraden Straßen, auf denen zwar kaum Autos fuhren, diejenigen, die es doch taten, aber wie aufgezogen, ohne Kurven und Schlenker dem Fahrweg folgten. Der Übertritt nach Westberlin war erstaunlich unkompliziert. Im Gegensatz zu Reisenden aus dem Westen, die an der Grenze oft gefilzt, verhört und drangsaliert wurden, hatten wir Libanesen nichts zu befürchten. Abgesehen davon, dass ich mögliche Schikanen sowieso nicht verstanden hätte. Schließlich sprach ich kein Wort Deutsch.
Nachdem wir das Labyrinth aus Gängen und Kontrollposten durchschritten und den Ausgang des Bahnhofs Friedrichstraße auf der Westseite hinter uns gelassen hatten, liefen wir direkt meinem großen Bruder und seiner Familie in die Arme. Akhi, seine Frau und seine Kinder hatten geduldig am Ausgang gestanden und auf uns gewartet. Die Wiedersehensfreude war riesig. Wir hatten uns seit Monaten nicht gesehen. Gemeinsam fuhren wir in die Pariser Straße, wo Akhi mit seiner Familie in einem Quartier für Asylbewerber lebte. Ihre Wohnung war groß genug, um meine Frau und mich für die Zeit unseres Aufenthalts mit zu beherbergen. Wir luden das Gepäck ab, genossen ein reichhaltiges Willkommensmahl, das die Frau meines Bruders extra für unsere Ankunft vorbereitet hatte, und tauschten die jüngsten Neuigkeiten aus.
Danach ging es auch schon los. Berlin wartete darauf, entdeckt zu werden. Mein großer Bruder und ich machten uns auf den Weg. Genau wie wir es früher in Beirut getan hatten. Akhis Weggang aus Beirut hatte ein Loch in meinen Beiruter Alltag gerissen. Wir waren immer Partner gewesen. Er war der große Bruder, der auch in unübersichtlichen Situationen einen klaren Kopf behielt, ich der Draufgänger, der vor keiner Herausforderung zurückschreckte. So ergänzten wir uns perfekt und machten jedes Gebiet, das wir betraten, im Handumdrehen zu unserem eigenen.
So war es jetzt wieder. Es fühlte sich an, als wären wir nie getrennt gewesen. An der Potsdamer Straße sammelten wir bei einem weiteren Asylbewerberwohnheim zwei Cousins und ein paar Freunde ein, die ebenfalls aus dem Libanon nach Berlin gezogen waren. Dann gingen wir zum Kurfürstendamm mit seinen Leuchtreklamen und dem imposanten Europa-Center, erkundeten die Billard-Bars, arabischen Restaurants und Cafés an der Lietzenburger Straße, bahnten uns unseren Weg durch den Dschungel der fremden Stadt, die ihr wahres Gesicht erst jenseits der ordentlichen Fassaden und nach Einbruch der Dunkelheit zu zeigen schien. Nie werde ich vergessen, wie sehr dieser erste Streifzug durch die Stadt mich beeindruckte.
Das war es also, das Revier, in dem sich mein Bruder eine neue Existenz abseits des Krieges aufbauen wollte. Wenn ich heute an meine ersten Tage im Westberlin der Vorwende zurückdenke, erscheinen sie mir wie flackernde Bilder aus einer anderen Welt. Die Stadt hatte damals noch nicht viel mit dem Ort zu tun, der sie heute ist. Westberlin war eine Insel, umgeben von einer Mauer, geprägt von einer düsteren, immer etwas begrenzten Atmosphäre. Aber das empfand ich in diesen Apriltagen des Jahres 82 noch nicht so. Nach Beirut mit seinen zerstörten Häusern und verbarrikadierten Straßen kam mir Berlin vor wie ein Ort grenzenloser Möglichkeiten.
Allerdings erkannte ich schon nach kurzer Zeit, dass hinter den blinkenden Neonlichtern ein eigener Krieg ausgetragen wurde. Es war kein Krieg um ein Land, eine Religion oder eine Heimat. Es war der Krieg der Straße. Er äußerte sich zunächst nur unterschwellig. In bösen Blicken, ausweichenden Gesten und diskreten Hinweisen meines Bruders: »Von dem Laden da drüben hältst du dich besser fern, Mahmoud, die Jungs, die dort rumhängen, machen nur Ärger.« Ich hörte auf ihn. Das hier war sein Revier. Noch wusste ich nicht, dass es schon bald auch meins werden würde.
Eigentlich sollte Berlin keine Endstation sein, sondern nur die erste Etappe unserer Reise. Der ursprüngliche Plan war, dass Al-Ammu uns vom Bahnhof Zoo abholen und mit nach Nordrhein-Westfalen nehmen sollte, um uns seinerseits seine neue Heimatstadt zu zeigen. Doch nach einer Woche ständiger Verschiebungen sah es schlecht aus. Um von Westberlin nach Westdeutschland zu kommen, hätten wir mit einem Interzonenzug durch die DDR fahren müssen. Dafür brauchte man ein Transitvisum, das wir mit unseren libanesischen Passierscheinen nicht bekamen. Ich für meinen Teil hätte mich wahrscheinlich trotzdem in den Zug gesetzt, aber mein Onkel winkte ab: »Junge, du kennst dieses Land noch nicht, das können wir vergessen.«
Natürlich hatte er recht. Die Kontrollen an der DDR-Grenze waren streng, und gerade Fahrten von Westberlin galten als heikle Angelegenheit, weil auf diesem Weg immer wieder DDR-Bürger in den Westen abhauten. Ich verstand die komplizierte Situation im geteilten Deutschland damals nicht, aber ich akzeptierte, dass die Fahrt nach Nordrhein-Westfalen ausfiel. Al-Ammu war enttäuscht, ich konnte damit leben. Berlin war aufregend genug, um mich bei Laune zu halten. Es gab immer was zu tun.
Schon nach wenigen Tagen kannte ich die meisten Bewohner im Asylbewerberheim an der Pariser Straße, und auch der Kiez meines Bruders, die Lietzenburger Straße, der Ku’damm und die Martin-Luther-Straße waren mir schnell vertraut. Jeden Tag gingen wir aus, trafen unsere Cousins, tranken Tee, zockten Billard, gingen essen. Für Sehnsucht nach Nordrhein-Westfalen war da wenig Zeit. Für Heimweh nach dem Libanon auch nicht. Wir riefen trotzdem alle drei Tage von einem alten Wählscheibentelefon bei meinen Eltern in Beirut an. In der Regel waren die Telefonate kurz. Erstens weil sie teuer waren, zweitens weil wir nicht viel bereden mussten. »Alles in Ordnung. Uns geht’s gut. Wie läuft’s bei euch? Was treiben die Geschwister, die Freunde, die Nachbarn?« Mehr gab es bei den ersten vier, fünf Gesprächen nicht zu sagen.
Doch dann kam nach etwa zwei Wochen der sechste Anruf. Diesmal war alles anders. Mein Vater kam hörbar aufgebracht an den Apparat, erzählte irgendwas von »Lage eskaliert«, »Israel einmarschiert«, »Beirut dicht«.
Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, was er meinte. Damals gab es kein Internet, wo wir den Bericht hätten nachprüfen können. Wir hatten nicht mal einen Fernseher. Unsere einzige Informationsquelle war das Telefon, um das sich nun nicht nur ich und meine schwangere Frau, sondern auch Akhi und seine Familie drängten und versuchten, die Worte meines Vaters einzuordnen. Eigentlich hätte man die Änderung der Lage vorausahnen können. Neben dem libanesischen Bürgerkrieg hatten sich in den vorhergehenden Monaten auch die Spannungen zwischen Israel und den Palästinensern stetig verschärft. Ein israelischer Angriff auf Beirut im Sommer 81 hatte zu einer Reihe von Vergeltungsattacken und Anschlägen auf israelische Behörden und Politiker geführt, die nun mit einem Feldzug beantwortet wurden, bei dem Israel bis nach Beirut vorgedrungen war. Meine Heimatstadt stand also mal wieder unter Beschuss.
Völlig außer sich berichtete mein Vater, Teile des Flughafens seien zerstört worden, der nun bis auf Weiteres geschlossen sei. Nichts ging mehr. Keine Starts, keine Landungen, keine Aussicht auf baldige Wiederaufnahme des Betriebs. Verdammt. So viel zu unserer baldigen Rückkehr. Wir hörten unseren Eltern angespannt zu und versuchten, sie zu beruhigen. Uns interessierte zunächst nur, ob es ihnen gut ging, ob sie gesund und unverletzt waren. Erst nachdem sie immer wieder glaubhaft beteuerten, sich in Sicherheit zu befinden, wurde uns nach und nach klar, was die neue Situation für uns bedeutete. Der in einer Woche geplante Rückflug nach Beirut war hinfällig, so viel war sicher. Das bedeutete für uns, dass es von einem Moment auf den anderen kein Zurück mehr gab.
Die folgenden Tage in Berlin glichen nur noch vordergründig den vorhergegangenen. Noch immer zog ich mit meinem Bruder los, um die Stadt zu erobern und die Regeln der Straßen rund um den Ku’damm auszuloten, und noch immer trafen wir Bekannte, um zu feiern, zu essen und mit vollen Händen mein Urlaubsgeld auszugeben. Aber ein Teil der Unbeschwertheit, die ich in den Tagen nach der Ankunft in Deutschland verspürt hatte, war verflogen. Wir riefen jetzt täglich bei unseren Eltern an, um den neuesten Stand aus Beirut zu erfragen, allerdings immer ohne Aussicht auf Veränderung. Politische Verhandlungen liefen ins Leere, Vereinbarungen über Waffenstillstände wurden gebrochen, Beirut blieb umstellt von israelischen Truppen und abgeschnitten von der Außenwelt. Der Tag unseres Rückflugs verstrich, ohne dass ein Propellerflugzeug mit meiner Frau und mir an Bord von Berlin in Richtung Libanon abhob. Mein Urlaubsgeld wurde immer knapper, ohne dass es Aussicht auf Nachschub gab. So vergingen erst Tage, dann Wochen. Schließlich liefen unsere Passierscheine ab. Sie waren ja nur für einen Monat gültig gewesen. Damit saßen wir endgültig fest, konnten einerseits nicht mehr nach Hause, durften aber eigentlich auch nicht mehr in Westberlin bleiben. Die eingemauerte Inselstadt war zur Falle geworden.
Nachdem Al-Ammu von unserer gescheiterten Rückreise hörte, kam er sofort nach Berlin. Im Gegensatz zu allen anderen ließ er sich nicht aus der Ruhe bringen. Wie immer strahlte er die besonnene Gelassenheit aus, die ihn zu der Autoritätsperson machte, die er für unsere Familie und darüber hinaus darstellte. In einer ruhigen Minute nahm er mich beiseite und sagte: »Komm, setz dich zu mir, Junge.«
Ich tat es. Al-Ammu legte mir die Hand auf die Schulter, sah mich mit einem ernsten, durchdringenden Blick an und sprach: »Hör mir gut zu. Was du jetzt brauchst, ist eine Ausbildung. Geh zur Arabischen Schule, da lernst du was. Außerdem braucht ihr Sicherheit: Beantragt Asyl.«
»Asyl? Was meinst du damit?«
Ich wusste damals tatsächlich nicht, was Asyl war. Zwar lebten wir bei meinem Bruder im »Asylbewerberheim«, aber was dieser Begriff bedeutete, hatte ich mich nie gefragt. Nicht zuletzt, weil ich kein Deutsch verstand.
»Pass auf, Mahmoud«, sagte Al-Ammu. »Akhi, seine Familie, ich: Wir sind hier in Deutschland Gäste. Asylanten. Eigentlich will man uns hier nicht haben. Um uns in diesem Land etwas aufbauen zu können und respektiert zu werden, müssen wir doppelt hart arbeiten und um jede Anerkennung kämpfen. Der erste Schritt zu dieser Anerkennung ist ein Asylantrag, alles andere kommt später. Glaub mir, auch mit dem Antrag hast du wenig, aber ohne ihn hast du gar nichts.«
Die Worte meines Onkels trafen mich unvorbereitet. Trotz der veränderten Lage hatte ich bisher nicht darüber nachgedacht, was ein längerer Aufenthalt in Deutschland für einen Fremden wie mich für Herausforderungen mit sich brachte. Eigentlich hatte ich ja noch immer nicht vor, dauerhaft in Berlin zu bleiben. Dass mir gar nichts anderes übrigblieb, wurde mir erst in diesem Gespräch mit Al-Ammu bewusst. Hinzu kam die Erkenntnis, dass es hier deutlich schwerer werden würde, mir eine Existenz aufzubauen, weil jetzt Regeln und Hürden vor mir lagen, die ich weder kannte noch verstand. Meine Lust, mich über irgendwelche Anträge oder was auch immer noch mehr an dieses Land zu binden, als es das Schicksal ohnehin getan hatte, hielt sich in Grenzen. Andererseits: Was sollten wir machen? Meine Frau war schwanger, der Flughafen in Beirut dicht, unsere Passierscheine abgelaufen. Uns blieb überhaupt keine andere Wahl als Al-Ammus Aufforderung Folge zu leisten. Wenn ein Asylantrag die Grundlage dafür war, dass ich uns etwas aufbauen konnte, dann besorgten wir uns eben einen. Danach würde ich uns den Respekt, den wir verdienten, schon erkämpfen, daran zweifelte ich keine Sekunde.
An einem Morgen im Juli 1982 fuhren wir mit der S-Bahn nach Spandau, um bei der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber in der Motardstraße vorzusprechen. Für mich war das damals kein besonders denkwürdiges Gespräch. Immer noch war ich einigermaßen blauäugig. Ich ahnte ja nicht, dass dies nur der erste von zahllosen solcher Termine war. Formulare wurden ausgefüllt, Papiere hin- und hergeschoben und alle möglichen Dinge gefragt, die ich nicht verstand. Das Ergebnis der Prozedur war, dass man uns ein Dokument ausstellte, auf dem zu lesen war: »Aussetzung zur Abschiebung (Duldung)«. Als ich das Papier zum ersten Mal in der Hand hielt, hatte ich das Gefühl, der Sicherheit, von der mein Onkel gesprochen hatte, ein Stück näher gekommen zu sein. Wie man sich irren kann.
Die Duldung war für drei Monate gültig und bedeutete, dass wir Sozialhilfe bekamen und vorerst in Berlin bleiben konnten, ohne befürchten zu müssen, direkt abgeschoben zu werden. Eigentlich passte diese Maßnahme gar nicht zu unserem Fall. Wohin hätte man uns abschieben sollen? In den Libanon konnten wir wegen des Krieges nicht, ein anderes Land hätte uns sowieso nicht reingelassen. Im Grunde war das Duldungsdokument nur eine Festschreibung unserer Staatenlosigkeit. Wir standen ohne libanesischen Pass da, bekamen aber auch keinen deutschen. Für uns hieß das: Stillstand. In jeglicher Hinsicht. Weil Duldungen nur für das ausstellende Bundesland galten, durften wir Berlin ohne Genehmigung der Ausländerbehörde ab sofort nicht mehr verlassen. Darüber hinaus war uns auch noch verboten zu arbeiten, weil das Dokument nur eine »vorübergehende Aussetzung zur Abschiebung« darstellte. Streng genommen war das Einzige, was wir tun konnten, abzuwarten, dass unser Asylantrag bewilligt wurde. Beziehungsweise die Duldung nach drei Monaten zu erneuern. Es sollte nur zur zweiten Variante kommen. Immer wieder. Über Jahrzehnte. Bis heute.
Weil die Wohnung meines Bruders auf Dauer zu eng war, vor allem, wenn man bedachte, dass meine Frau unser erstes Kind erwartete, wies man uns eine Unterkunft im Asylbewerberwohnheim an der Potsdamer Straße zu. Mit dem Umzug kehrte allmählich eine Art Alltag ein. Jetzt hatten wir unsere eigene Adresse, unsere eigenen Nachbarn, unseren eigenen Wirkungsbereich. Pläne schmieden lohnte sich angesichts unserer unsicheren Lage nicht, aber ich tat es trotzdem. Tatenlos in der Ecke herumzusitzen und abzuwarten ist nicht mein Ding. Man kann mir alles wegnehmen – Geld, Rechte, Essen –, aber meine Energie und mein Drang, etwas zu tun, verlassen mich nie. Als junger Mann waren sie umso größer. So versuchte ich in Berlin allen widrigen Umständen zum Trotz das Gleiche, was ich zuvor im kriegszerstörten Beirut getan hatte: Ich baute mir eine Existenz aus dem Nichts auf. Meine Aufgabe: Fuß fassen in der neuen, wenn auch unfreiwilligen Heimat. Mein Ziel: Meiner Frau, meinem ersten Kind und mir selbst ein gutes Leben ermöglichen.
Damit war ich bald mehr als ausgelastet. Nicht nur, weil ich mir als Neuankömmling in Berlin einen Status erkämpfen musste, auch weil ich nicht der Einzige war, der in der Stadt um ein gutes Leben rang. Es gab viel Konkurrenz. Wo es Konkurrenz gibt, gibt es Revierkämpfe. Der Krieg der Straße, von dem ich in meiner Zeit hier zwar schon das eine oder andere mitbekommen hatte, der in meiner Rolle als Urlauber aber nicht mein eigener gewesen war, holte mich sehr schnell ein.
Al-Ammus Ratschlag, dass ich mich um meine Ausbildung kümmern sollte, geriet spätestens in Vergessenheit, nachdem er wieder nach Nordrhein-Westfalen abgereist war. Zwar meldete ich mich, seiner Empfehlung folgend, an der Arabischen Schule an, aber ich langweilte mich dort schon nach der ersten Woche wie verrückt. Der Unterricht war trocken, viel zu theoretisch, schien nichts mit meinem eigenen Leben zu tun zu haben. Die deutsche Sprache, die ich tatsächlich gerne besser verstanden hätte, wurde nur jeweils eine Stunde pro Schultag unterrichtet. Ganz ehrlich: Für so was musste ich nicht in die Schule gehen. Da bekam ich mehr mit, wenn ich mich ins Leben stürzte und in freier Wildbahn herumtrieb. Von einem Tag zum anderen ging ich nicht mehr zum Unterricht. Stattdessen wurde die Straße meine Schule. Dort machte ich meine eigene Ausbildung, hier verstand ich, wie Berlin tickte.