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© 2021 Hannelore Deinert
Herstellung und Verlag:
BoD: Books on Demand GmbH, Norderstedt.
Cover-Idee: Hannelore Deinert
Cover-Herstellung: Horst Deinert

ISBN 978-3-7557-0700-4

Inhaltsverzeichnis

Erster Teil

Warum hast Du uns verlassen?

Zweiter Teil

Endlich Zuhause

Vorneweg:

Jörg behauptet gern, dass seine Frau Betty ein Angsthase sei. Das mag ja stimmen, aber, um bei der Wahrheit zu bleiben, in gewissen Situationen kann sie auch über sich hinauswachsen. Was allerdings nicht sehr oft passiert.

Ein kleines Beispiel dafür war die Sache mit der Ratte. Dazu muss man wissen, Betti fürchtet Ratten mehr, als sie sich vor fetten Nacktschnecken graust, also grenzenlos. Jedenfalls schloss Jörg, als er eine große Ratte in seine Garage flitzen sah, flink das Garagentor. Die Ratte war gefangen, aber was nun? Man konnte sie nicht einfach in der geschlossenen Garage verhungern lassen, das wäre unmenschlich gewesen. Außerdem brauchte man die Gartengeräte, die sich in der Garage befanden.

Sie erschlagen ging auch nicht, das widersprach Jörgs Naturell, außerdem wäre das nicht so einfach gewesen, denn für eine Ratte gab es unendlich viele Möglichkeiten sich zwischen und hinter all den Geräten zu verstecken. Aber, fiel ihnen ein, es gibt zum Glück ja auch Lebendfallen.

In einem örtlichen Metallwarengeschäft bekam Jörg eine. Er stellte sie umgehend, bestückt mit einem schönen Stück Käse, mitten in der Garage auf.

Ein Tag verging und es passierte nichts, die Ratte interessierte sich kein bisschen für den Käse, obwohl der bereits anfing stark zu riechen. Aber da war sie noch, was man an den herumliegenden Knötchen sehen konnte. Jörg ersetzte das Käsestück durch einen Speckstreifen, in der Hoffnung, der würde der Ratte besser schmecken.

Und tatsächlich, am nächsten Tag, es bereits der vierte, saß sie endlich in der Falle.

Schön und gut, aber was nun, wohin mit ihr? Betty und Jörg waren sich einig, die Ratte musste weggebracht werden, möglichst weit weg. Irgendwohin ins Feld.

Jörg stellte die Falle mit der Ratte ganz ohne Handschuhe und sichtbaren Ekel auf der Gartenmauer ab und holte seine Satteltasche, mit der er die Ratte transportieren wollte. Betty zwang sich derweil, die Ratte anzusehen, sie sah ihre dünnen Vorderfüßchen, die sich am Gitter festhielten, sah den aufgerichteten, feinbehaarten, geschmeidigen Körper, die zitternden Barthaare, die dunklen Knopfaugen, die sie ängstlich anschauten, sah die rosigen, kleinen Ohren und im Nu wurde aus ihrer Angst und dem Ekel Mitgefühl für ein hilflosen, gefangenes Wesen. Betty erkannte mit einem Mal, dass dieses überaus verrufene, gefürchtete und verhasste Tier so wie jedes andere Tier auch war, wie eine Maus zum Beispiel -vor huschenden Mäusen graute es Betty übrigens auch- oder wie ein Marder oder ein Eichkätzchen.

Jörg kam mit der Satteltasche zurück, hängte sie über den Gepäckträger, versenkte die Ratte mitsamt der Falle darin und ab ging es Richtung Gersprenz, zum Naturschutzgebiet.

Die Gersprenz verzweigt außerhalb des Orts mehrmals, wodurch kleine Inseln entstehen, die weitgehend der Natur überlassen sind. Dorthin wollten sie die Ratte bringen, dort war der rechte Ort für sie.

Auf einem Feldweg folgten sie dem Bachlauf, soweit das Auge reichte Äcker und Wiesen, auf denen Pferde, Kühe und Schafe weideten. Der Bachlauf war von hohen, mächtigen Eichen und dichten Sträuchern gesäumt, hier war es gut, hier würde sich eine Ratte gut fühlen. Eile tat Not, sie musste sich in ihrem dunklen, wackligen Verlies schrecklich ängstigen.

Jörg holte die Falle mit der Ratte aus seiner Satteltasche und ging damit zum dicht mit Brennnesseln und Wildpflanzen bewachsenen Hang, aber bevor er das Gittertürchen öffnen konnte, bemerkte Betty einen kreisenden Habicht über ihnen. „Siehst du den Greifvogel dort oben?“, meinte sie besorgt. „Hier scheint sein Jagdrevier zu sein. Lass uns lieber ein Stückchen weiterfahren.“

Also gut, ein Stückchen weiter, schließlich gab es hier überall auf der Uferböschung wildes Pflanzengewirr, in dem sich eine Ratte verstecken und Rattenfreunde finden konnte, hier konnte sie auch baden und schwimmen, hier war der ideale Ort, irgendwo musste sie ja hin. Als Jörg endlich das Gittertürchen öffnete, sahen sie zu, wie die Ratte flink im Pflanzengewirr verschwand.

„Viel Glück, Ratte“, wünschte ihr Betty. „Viel Glück in deiner neuen Heimat.“

Wahrscheinlich waren Bettys und Jörgs Fürsorge völlig für die Katz, die Ratte wird wahrscheinlich über kurz oder lang Opfer ihrer fremden Umgebung geworden sein. Aber der Versuch zu helfen zählt ja auch und bedarf keines Erfolges oder einer Rückmeldung.

Dieses kleine Vorkommnis jedoch verrät ein wenig über Bettys und Jörgs Gesinnung, die zur folgenden Geschichte erheblich beigetragen hat. Nur geht es da um ganz andere Dimensionen, da geht es um Menschen.

Erster Teil

Warum hast Du uns verlassen?

Die Wohnungsbesichtigung

Als eines Tages im Frühjahr ein schwarzer, junger Mann an der Haustür der Eheleute Anton klingelte und fragte, ob die angebotene Wohnung noch zu haben sei, da musste sich Betty, die die Haustür geöffnet hatte, erst einmal fangen. Mit allem hatte sie gerechnet, nur nicht mit einem Schwarzen. Schon wollte sie sagen: „Sorry, die Wohnung ist bereits vergeben“, aber diese billige, fadenscheinige Ausrede wollte ihr einfach nicht über die Lippen kommen. Sie ließ den jungen Mann eintreten und ging ihm mit mulmigem Bauchgefühl voran, hinauf zur angebotenen Dachwohnung.

Die Wohnung war in keinem guten Zustand. Zwar hatten die Vormieter, um sich das Renovieren zu ersparen, eine Küchenzeile mit guten Geräten, einem Herd mit einer Anzugshaube, eine Spülmaschine, einen Kühlschrank mit Gefrierfach und im Bad eine gute Waschmaschine und einen Wäschetrockner zurückgelassen, aber leider waren sie starke Raucher gewesen. Trotz langem Lüften stank es immer noch nach kaltem Rauch und die Wände, die Decken und die Kunststoff-Fensterrahmen waren fleckig gelb. Die Fenster ließen sich vor Dreck kaum öffnen und der Korkboden war von den Krallen ihres großen Hundes, der oft allein war, übel zerkratzt. Zwar schämten sich die Antons die Wohnung in diesem desolaten Zustand anzubieten, aber die Erfahrung hatte ihnen gezeigt, dass Mieter im Allgemeinen die Gestaltung ihrer vier Wände gern selbst, nach eigenem Geschmack vornehmen.

Betty begleitete Herrn Dominque, so hatte sich der junge Schwarze vorgestellt, durch die vier Räume und zeigte ihm die Küche mit der Küchenzeile und das Bad mit der Waschmaschine und dem Wäschetrockner, ab der Mitte hatten die Außenwände eine Schräge. Im größten Raum, dem Wohnraum, befand sich an der Südseite ein großes Fenster, eine Glastür führte auf einen schmalen Balkon hinaus, von dem aus in einem Vorgarten ein kleiner Weiher zu sehen war, hinter einem Holzzaun und einer Straße befanden sich inmitten von Gärten Einfamilienhäuser. Schon einige Leute waren dagewesen, hatten sich aber nach der Besichtigung nicht mehr gemeldet. Man konnte sich denken weshalb.

Herr Dominque aber zeigte sich wenig beeindruckt von dem desolaten Zustand der Wohnung, im Gegenteil. Als Betty mit ihm auf dem kleinen Balkon stand, erkundigte er sich nach Kindergärten, Schulen, Spielplätzen, Sport- und Musikvereinen im Ort, das sei ihm wegen seiner Kinder wichtig, meinte er. Betty war beeindruckt von so viel vorausschauenden und fürsorglichen Weitblick, den er an den Tag legte. Als er nach den hiesigen Einkaufsmöglichkeiten fragte und Betty ihm sagte, dass man im Hofladen des Bauernhofs, der praktisch in Sichtnähe liege, erntefrisches Obst und Gemüse kaufen könne, schien ihm das sehr zu gefallen.

„Darf ich fragen, Herr Dominque, wie viele Kinder sie haben und wie alt sie sind?“, wollte Betty wissen, als sie wieder in der Wohnung waren. „Nun, ich habe drei Mädchen“, meinte Herr Dominque verlegen lächelnd und schaute Betty, wie ihr schien, besorgt an. Betty versuchte ihren leichten Schrecken zu überspielen und meinte: „Wenn ein wenig Leben ins Haus kommt, schadet das nicht, die Wohnung ist groß genug, nicht wahr. Einen großen Park mit einem Spielplatz zum Austoben gibt es ja auch in der Nähe. Wie alt sind Ihre Töchter denn, Herr Dominque?“

„Nun, meine Älteste wird im September sechs Jahre alt, sie heißt Anna. Die Zwillinge werden im Juli zwei Jahre.“ Herr Dominque schaute Betty prüfend an und fuhr dann rasch fort: „Derzeit wohnen wir in Bremen, aber sobald die Kündigungszeit meines jetzigen Arbeitsvertrages beendet sein wird, in drei Monaten etwa, werde ich in Isenberg eine Stelle als technischer Qualitätsprüfer antreten, da hätte ich meine Familie gern mitgenommen. Meine Frau hat übrigens Medizintechnik studiert und wenn die Kinder einmal soweit sein werden, wird sie hier, im Frankfurter Raum, bestimmt eine passende Arbeit finden. Es würde mich aufrichtig freuen, Frau Anton, wenn ich die Zusage für die Wohnung bekäme.“

Betty fand den jungen Mann durchaus sympathisch, er machte einen intelligenten Eindruck und hatte eine gute, deutsche Aussprache, man vergaß schnell, dass er ein Schwarzer war. Er sei kein Flüchtling, betonte Herr Dominque, vor zehn Jahren sei er nach Deutschland gekommen, um zu studieren.

Betty geleitete ihn nach unten, um ihn zu verabschieden. An der Haustür beteuerte er noch einmal, wie glücklich er wäre, wenn er den Zuschlag für die Wohnung bekäme. Betty versprach, sobald eine Entscheidung gefallen sein wird, sich auf jeden Fall bei ihm zu melden. Dann schaute sie ihm nach, wie er jugendlich leichtfüßig die Haustreppe hinab lief, wahrscheinlich, vermutete sie, voll froher Hoffnung auf eine Zusage. Er stieg in einen dunklen Personenwagen und fuhr weg.

Zweifel.

Eine dunkelhäutige Familie? Wie würden die Leute in der Straße das aufnehmen?

Die meisten waren alteingesessen und sehr konservativ. Menschen die aus Afghanistan, Syrien oder Afrika vor Krieg und Elend geflüchtet sind und in Europa das gelobte Land sahen, machten ihnen Angst. Sie wirkten in ihren exotischen Gewändern, ihrem Aussehen, ihrer Sprache und mit ihrer Musik befremdlich. Man begegnete immer mehr von ihnen auf den Straßen und den Märkten. Viele Eltern sahen es mit Sorge, wenn immer mehr dunkelhäutige und fremdwirkende Kinder in die Klassen ihrer Kinder und in die Kindergärten kamen, sie befürchteten, das könnte das Lernen ihrer Kinder beeinträchtigen. Manche beobachteten mit Misstrauen und Unmut die Bemühungen der Gemeinde, für die Migranten Unterkünfte zu bauen, im Nachbarort wurde eine leer stehende Kaserne für sie um- und ausgebaut. Natürlich hoffte man, dass, wenn ihre Heimatländer befriedet sein werden, sie wieder dorthin zurückkehrten, wo sie hingehörten. Einige Leistungs- und Arbeitswillige konnten ja bleiben, das wäre okay. „Wie viele Flüchtlinge kann sich ein kleines Land, ein Sozialstaat wie das unsere eigentlich leisten?“, fragte man sich. „Haben wir nicht selbst genug Arbeitslose, Obdachlose und Hilfsbedürftige? Und, last but not least, kam mit der Flüchtlingsflut nicht auch übles, arbeitsscheues Gesindel ins Land? Von Islamischen Terroristen, die demokratische Länder als kapitalistische Feinde ansehen, die bekämpft und unterworfen werden müssen, einmal ganz abgesehen. Sollten noch mehr grauenhafte Anschläge mit vielen Opfern und Verletzten, wie es sie in Europa und Deutschland schon viele gab, passieren? Man musste praktisch jederzeit und allerorts mit so etwas rechnen, die Angst vor islamisch aussehenden Migranten war also durchaus begründet. Hilfsbereitschaft und Toleranz hatten auch ihre Grenzen, vor allem wenn sie ausgenutzt wurden. Betty kannte in ihrem persönlichen Umfeld viele Leute, die nicht nur um ihre Sicherheit besorgt waren, auch dass ihr Lebensstandard wegen allzu vieler Migranten beeinträchtigt werden könnte. Man liest so einiges im Internet und macht so seine Beobachtungen.

Betty und Jörg berieten sich lange, schließlich schickten sie Herrn Dominque, nachdem sich kein anderer ernsthafter Interessent für ihre Wohnung gefunden hatte, eine E-Mail. Sie baten ihn darin, falls er noch an der Wohnung interessiert sei, das Formular, das sie ihm zuschicken werden, sorgfältig auszufüllen, zu unterschreiben und zurückzusenden. Zudem müsse er die Kontoauszüge seiner drei letzten Gehälter, gern auch als Kopien, und die schriftliche Genehmigung beifügen, dass sie sich, die Vermieter, eine Schufa-Auskunft über ihn einholen dürfen. Das sei eine übliche, vorsorgliche Notwendigkeit.

Schon eine Woche später lagen die gewünschten Papiere vor. Alles war soweit paletti, bis auf eine Kleinigkeit, der junge Kameruner hatte nämlich die höchste Steuerstufe, was bei einem Familienvater von drei Kindern nicht gut möglich sein konnte. Der gute Mann hatte allem Anschein nach vergessen zu erwähnen, dass er gar nicht verheiratet ist, was man bei drei Kindern hatte annehmen müssen. Er hatte gelogen, nicht direkt, aber er hatte Betty und Jörg im Glauben belassen, verheiratet zu sein. Betty war betroffen und enttäuscht, weniger dass Herr Dominque, Vater von drei Kindern, nicht verheiratet war, das war nicht schön, viel schwerer wog, dass er nicht ehrlich war. Derweil hatte er einen so sympathischen Eindruck gemacht.

Jörg bat Herrn Dominque telefonisch um Aufklärung. Herr Dominque gestand reumütig, dass er zwar nicht mit der Mutter seiner Kinder verheiratet sei, aber so innig mit ihr verbunden, als wäre er es. Für eine Hochzeit sei bisher keine Gelegenheit gewesen, denn die allernächsten Verwandten sollten dabei sein und die Reise nach Deutschland wäre sehr teuer. Aber er und seine Frau beabsichtigen das Versäumte möglichst bald nachzuholen. Na toll.

Immerhin, das klang durchaus glaubwürdig, die Antons waren geneigt, Herrn Dominque zu glauben. Ihre Familie und Freunde aber warnten sie. „Wer einmal lügt, dem traut man nicht, auch wenn er die Wahrheit spricht“, hieß es. „Wer weiß, vielleicht kommt seine ganze afrikanische Sippe angereist und nistet sich bei euch ein. Afrikanische Familien sind im Allgemeinen sehr groß und eine Hochzeit wäre ein guter Anlass zu kommen. Und sind sie erst einmal da, dann bekommt man sie nicht mehr los, zumal wenn kleine Kinder da sind. Die glauben doch, dass Deutschland das Schlaraffenland sei, wo einem die Weintrauben in den Mund wachsen und die gebratenen Tauben durchs Fenster direkt auf die Teller fliegen.“

„Nun, ja“, dachten sich die Antons, „bei unserem Kameruner liegt es wohl ein wenig anders. Er hatte inzwischen bestimmt kapiert, dass einem in Deutschland nichts geschenkt wird und dass ein Sozialstaat vornehmlich auf Leistung beruht. Wie sonst hätte er mit seiner Verlobten -zumindest verlobt musste er mit ihr sein- in den zehn Jahren, in denen sie nun in Deutschland sind, trotz Sprachbarrieren und rassistischem Gegenwind, dem sie zweifellos ausgesetzt waren, und trotz ihrer drei Kinder studieren können. Dazu gehört ein eiserner Wille. Herr Dominque und seine Verlobte hatten immerhin ein Drittel ihres Lebens in Deutschland verbracht und wollten zweifellos nützliche Mitglieder der deutschen Gesellschaft sein oder werden, das hatten sie ausreichend bewiesen. Außerdem musste man ihnen zugutehalten, dass sie noch jung waren, beide um die dreißig Jahre, und sicher noch unerfahren in amtlichen Dingen. Solche Menschen muss man unterstützen, alles andere wäre kleinlich und dumm.

Als sich die Antons zu dieser Einsicht durchgerungen hatten, machten sie den Mietvertrag mit Paskal Dominque klar. Seine Verlobte, sie hieß Karen Manelly, und die Kinder Anna, Lisa und Marie Dominque wurden als Mitbewohner eingetragen.

In vier Wochen sollten sie kommen, nicht viel Zeit, um die Wohnung von einem Malermeister renovieren zu lassen. Zum Glück fand sich einer, der bereit war sofort mit der Arbeit zu beginnen. Er rückte mit einer kleinen Gruppe Handwerkern an, die Wände wurden mit einer Speziallösung mehrmals abgewaschen und mit den gewünschten Farben geweißt, Antons hatten sie über das Telefon erfragt. Anna wünschte sich ein rosa Zimmer, also wurde eine Wand ihres zukünftigen Zimmers, es war das kleine Zimmer mit dem Dachfenster, mit einem kräftigen Rosa versehen. Es sah besser aus wie befürchtet. Die Türrahmen wurden gestrichen, der hässliche Korkboden durch ein strapazierfähiges Laminat ersetzt und neue Dachfenster eingebaut. Währenddessen putzte Betty die Küche mehrmals mit einer extra starken Lauge, nahm sich die verdreckten Fenster gründlich vor und putzte das Bad und den Balkon. Sie putzte eine Woche lang von morgens bis zum abends und schlief während der Spätnachrichten vor dem Fernseher, auf der Couch erschöpft ein. Jörg behandelte die besonders verschmutzte Kloschüssel, die Dusche und die Badewanne mit einem extra starken Mittel nach und bekam alles einigermaßen hin. Er besorgte eine vernünftige Wendeltreppe zum Dachboden hinauf, den er in Ordnung gebracht hatte und jetzt eventuell von den Kindern zum Spielen und Toben benutzt werden konnte. Für das Streichen des Treppenhauses reichte die Zeit nicht mehr, das sollte später nachgeholt werden. Das war sowieso besser, denn beim Einzug würde man beim Transport der Möbel durch die enge Treppenflucht Schäden kaum verhindern können.

Zuletzt verfasste Betty eine Hausordnung, was erfahrungsgemäß für eine harmonische, tolerante Hausgemeinschaft unabdingbar ist. Beispielsweise wurde darin festgelegt, wer wann und wie oft die Straße zu fegen hatte und so weiter. Betty rahmte sie hübsch ein und hing sie gut sichtbar vor der Treppe zur Mietwohnung hinauf auf.

Die Renovierung hatte sich gelohnt, nach vier Wochen sah die Wohnung freundlich, hell und einladend aus. Die Antons waren erschöpft und um einige Tausender erleichtert, aber auch stolz und glücklich. Schließlich war es ein gutes Gefühl sein Haus von oben bis unten in guter Ordnung zu wissen.

Betty gab vorsorglich bei den Nachbarn Bescheid, dass nun eine farbige Familie in ihre Dachwohnung einziehen wird, eine Familie mit tadellosem Leumund. Das fanden alle nach einer kleinen Schrecksekunde in Ordnung.

Der besondere Mieter.

Dann kamen sie. Betty beobachtete hinter dem Vorhang des Küchenfensters verborgen, ihre Neugier zwang sie dazu, wie zuerst Herrn Dominques dunkler Personenwagen vor dem Haus anhielt, es war ein in die Jahre gekommener Audi, wie Jörg sie aufgeklärt hatte. Sie sah, wie eine schokobraune, vollschlanke, junge Frau ausstieg und ihr drei ebenfalls schokobraune Kinder folgten. Die zwei Kleinen waren, wie von Herrn Dominque erwähnt, unübersehbar Zwillinge. Die junge Frau hatte ein rundes, recht hübsches Gesicht und kurzes, krauses Haar, dass eine eigenartige Gelbfärbung hatte, was Betty ausgesprochen unschön fand.