Neal Shusterman
Scythe
Das Vermächtnis der Ältesten
Roman
Aus dem Amerikanischen von Kristian Lutze, Pauline Kurbasik und
Andreas Helweg
FISCHER E-Books
Neal Shusterman, geboren 1962 in Brooklyn, USA, studierte in Kalifornien Psychologie und Theaterwissenschaften. Alle seine Romane sind internationale Bestseller und wurden vielfach ausgezeichnet.
Weitere Informationen zum Kinder- und Jugendbuchprogramm der S. Fischer Verlage finden sich auf www.fischerverlage.de
Endlich: das spektakuläre Finale der großen »Scythe«-Trilogie
Drei Jahre sind vergangen seit mit Scythe Goddard ein Scythe der neuen Ordnung die Macht ergriffen hat, und seit der Thunderhead verstummt ist – für alle Menschen, bis auf Grayson Tolliver. Gibt es Hoffnung auf ein Wiedersehen mit Citra und Rowan und auf ein wirkliches Happy End in der scheinbar perfekten Welt?
Alle Bände der »Scythe«-Trilogie:
Die Hüter des Todes (1)
Der Zorn der Gerechten (2)
Das Vermächtnis der Ältesten (3)
Außerdem von Neal Shusterman:
Vollendet – Die Flucht (1)
Vollendet – Der Aufstand (2)
Vollendet – Die Rache (3)
Vollendet – Die Wahrheit (4)
Gemeinsam mit Jarrod Shusterman:
Dry
Deutsche Erstausgabe
Erschienen bei FISCHER E-Books
Die amerikanische Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel »The Toll – Arc of a Scythe« bei Simon & Schuster Children’s Publishing, New York
Text copyright © 2019 by Neal Shusterman
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2019 Fischer Kinder- und Jugendbuch Verlag GmbH, Hedderichstr. 114,
D-60596 Frankfurt am Main
Covergestaltung und -abbilung: Zero Werbeagentur, München
nach einer Idee von Chloë Foglia unter Verwendung einer Illustration von Kevin Tong
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-7336-5017-9
Für David Gale, den High Blade der Lektoren.
Wir alle vermissen den erhellenden Strich deiner Feder!
Mit bleibender Demut nehme ich die Position des High Blade von MidMerica an. Ich wünschte, es würde unter freudigeren Umständen geschehen. Die Tragödie von Endura wird lange in unserem Gedächtnis bleiben. Solange die Menschheit ein Herz hat, das leidet, und Augen, die weinen können, wird man sich an die vielen Tausenden von Leben erinnern, die an jenem dunklen Tag beendet wurden. Die Namen der von den Fluten Verschlungenen werden für immer auf unseren Lippen liegen.
Ich fühle mich geehrt, dass die sieben Grandslayer in ihrem letzten Akt mein Recht anerkannt haben, als High Blade zu kandidieren – und da die einzige andere Kandidatin bei der Katastrophe umgekommen ist, besteht keine Notwendigkeit, alte Wunden aufzureißen, indem man ein versiegeltes Abstimmungsergebnis öffnet. Scythe Curie und ich waren nicht immer einer Meinung, aber sie war wahrlich eine unserer Besten und wird als eine der großen Scythe in die Geschichte eingehen. Ich betrauere ihren Verlust ebenso sehr wie jeder andere, wenn nicht noch mehr.
Es gab zahlreiche Spekulationen darüber, wer für die Katastrophe verantwortlich war, denn es war offensichtlich kein Unfall oder ein Naturereignis, sondern eine vorsätzliche, sorgfältig geplante, abgrundtief böse Tat. All diesen Gerüchten und Spekulationen kann ich nun ein Ende setzen.
Ich übernehme die volle Verantwortung.
Denn es war mein ehemaliger Lehrling, der die Insel versenkt hat. Rowan Damisch, der sich selbst »Scythe Luzifer« nannte, hat diese undenkbare Tat begangen. Hätte ich ihn nicht ausgebildet – ihn nicht unter meine Fittiche genommen –, hätte er niemals Zugang zu Endura bekommen und nie die Fähigkeiten erworben, dieses abscheuliche Verbrechen durchzuführen. Deshalb fällt die Schuld auf mich zurück. Es bleibt mein einziger Trost, dass er selbst ebenfalls ums Leben gekommen ist, so dass seine unverzeihlichen Taten unsere Welt nie wieder heimsuchen können.
Wir stehen nun ohne die Grandslayer da, ohne höhere Autorität, die die Prinzipien des Scythetums vorgeben. Deshalb müssen wir unsere Meinungsverschiedenheiten ein für alle Mal beilegen. Die Neue Ordnung und die Alte Garde müssen zusammenarbeiten, um den Bedürfnissen der Scythe überall auf der Welt zu dienen.
Zu diesem Zweck habe ich entschieden, die Nachlese-Quote in meiner Region offiziell außer Kraft zu setzen, aus Respekt vor denjenigen Scythe, die sich unter übergroßem Druck fühlen, sie zu erfüllen. Von nun an können midMerikanische Scythe so wenig Menschen nachlesen, wie sie es für richtig halten.
Zur Kompensation für die Scythe, die weniger nachlesen, müssen wir anderen die Zahl der Leben, die wir nehmen, natürlich erhöhen, um die Differenz auszugleichen. Aber ich vertraue darauf, dass sich ein natürliches Gleichgewicht einstellen wird.
Aus der Rede zur Amtseinführung Seiner Exzellenz Robert Goddard,
High Blade von MidMerica, 19. April, Jahr des Raptors
Es gab keine Vorwarnung.
In einem Moment hatte er noch geschlafen, im nächsten wurde er von Unbekannten durch die Dunkelheit gezerrt.
»Nicht wehren«, flüsterte jemand ihm zu. »Damit wird es nur schlimmer.«
Aber er wehrte sich trotzdem – und schaffte es auch in seinem halbwachen Zustand, sich loszureißen und den Flur hinunterzurennen.
Er rief um Hilfe, doch es war schon so spät, dass niemand mehr wach genug war, um noch etwas auszurichten. Er bog im Dunkeln rechts ab, weil er wusste, dass dort ein Treppenhaus lag, verschätzte sich, fiel kopfüber die Treppe hinunter und krachte mit dem Arm auf eine Granitstufe. Er spürte, wie beide Knochen in seinem rechten Handgelenk knackten, gefolgt von einem stechenden Schmerz, der jedoch nur kurz andauerte. Als er sich erhob, klangen die Schmerzen schon wieder ab, und er spürte, wie sein ganzer Körper warm wurde. Das lag an seinen Naniten, die Schmerzmittel in die Blutbahn ausschütteten.
Er hielt seinen Arm fest gepackt, damit sein Handgelenk nicht in einem grässlichen Winkel herunterhing, und stolperte vorwärts.
»Wer ist da?«, hörte er jemanden rufen. »Was ist da los?«
Er wäre in die Richtung gerannt, aus der die Stimme kam, wenn er sich hätte orientieren können. Aber sein Kopf war von Naniten benebelt, so dass es ihm schwerfiel, oben und unten zu unterscheiden, von rechts und links ganz zu schweigen. Zu dumm, dass sein Verstand gerade jetzt unscharf wurde, wo er ihn am dringendsten brauchte. Nun begann auch noch der Boden zu wackeln wie auf einer Jahrmarktsattraktion. Er torkelte zwischen den Wänden hin und her, bemühte sich, das Gleichgewicht zu wahren, und lief einem seiner Angreifer direkt in die Arme, der sein gebrochenes Handgelenk packte. Der knochenzermalmende Griff schwächte ihn trotz der Schmerzmittel so sehr, dass er keinen Widerstand mehr leisten konnte.
»Du konntest es uns nicht leichtmachen, was?«, zischte der Angreifer. »Nun, wir haben dich gewarnt.«
Für den Bruchteil eines Augenblicks sah er die Spritze schmal und silbern in der Dunkelheit aufblitzen, dann wurde sie in seine Schulter gestoßen.
Die Wärme der Schmerzmittel in seinen Adern wurde durch Kälte ersetzt, und die Welt begann, sich in die entgegengesetzte Richtung zu drehen. Seine Knie wurden weich, doch er fiel nicht, weil er von fremden Händen aufgefangen wurde, bevor er auf den Boden schlug. Sie trugen ihn durch eine offene Tür in die stürmische Nacht. Und da sein Bewusstsein sich endgültig verabschiedete, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich dem Moment zu ergeben.
Als er aufwachte, war sein Arm wieder verheilt. Er musste also für mehrere Stunden bewusstlos gewesen sein. Er versuchte, sein Handgelenk zu bewegen, aber vergeblich. Nicht wegen einer Verletzung, sondern weil er gefesselt war. An beiden Händen und an den Füßen. Außerdem hatte er das Gefühl, ersticken zu müssen, weil man ihm einen Sack über den Kopf gezogen hatte. Durchlässig genug, um Luft zu bekommen, aber so dick, dass er um jeden Atemzug ringen musste.
Obwohl er keine Ahnung hatte, wo er sich befand, wusste er, womit er es zu tun hatte. Es nannte sich Entführung. Heutzutage machten die Menschen so etwas nur noch aus Spaß – als Geburtstagsüberraschung oder Aktivität während eines Abenteuerurlaubs. Aber das war kein Streich von Freunden oder Verwandten, sondern ein echtes Kidnapping. Und auch wenn er keine Ahnung hatte, wer seine Entführer waren, wusste er, worum es ging. Wie hätte es auch anders sein sollen?
»Ist da jemand?«, fragte er. »Ich kann hier drunter nicht atmen. Und totenähnlich nutze ich doch bestimmt keinem, oder?«
Er hörte Bewegungen um sich herum, dann wurde der Sack von seinem Kopf gerissen.
Er befand sich in einem kleinen fensterlosen Raum. Das Licht war grell, was jedoch nur daran lag, dass seine Augen so lange nur Dunkelheit gesehen hatten. Vor ihm standen drei Personen. Zwei Männer und eine Frau. Er hatte erwartet, sich hartgesottenen Berufswiderlingen gegenüberzusehen, doch nichts konnte ferner von der Wahrheit sein. Ja, es waren Widerlinge, aber nur, weil jetzt jeder ein Widerling war.
Nun ja, fast jeder.
»Wir wissen, wer Sie sind«, sagte die Frau in der Mitte, die offensichtlich das Kommando hatte, »und wir wissen, was Sie können.«
»Was er angeblich kann«, sagte einer der Männer.
Alle drei trugen zerknitterte graue Anzüge in der Farbe eines bewölkten Himmels. Nimbus-Agenten – oder ehemalige Nimbus-Agenten. Sie sahen aus, als hätten sie ihre Kleidung seit dem Tag nicht mehr gewechselt, an dem der Thunderhead verstummt war – als könnten sie weiterhin ihr Amt bekleiden, nur weil sie noch die entsprechende Uniform trugen. Nimbus-Agenten, die ihr Heil in einer Entführung suchten. Wohin war es mit der Welt gekommen?
»Greyson Tolliver«, sagte der Skeptische. Er blickte auf ein Tablet und trug Fakten aus Greysons Leben vor. »Ein guter, aber kein herausragender Student. Wegen der Verletzung des Gebots der Trennung von Staat und Scythetum von der midMerikanischen Nimbus-Akademie verwiesen. Unter dem Namen Slayd Bridger zahlreicher Straftaten und Vergehen schuldig – darunter ein Busabsturz, der neunundzwanzig totenähnliche Personen zur Folge hatte.«
»Und diesen Abschaum hat der Thunderhead auserwählt?«, fragte der dritte Agent.
Ihre Anführerin hob die Hände, um die beiden zum Schweigen zu bringen, und richtete den Blick auf Greyson.
»Wir haben im Backbrain gegraben und nur eine einzige Person gefunden, die kein Widerling ist, und zwar Sie.« Die Frau betrachtete ihn mit einer seltsamen Mischung aus Neugier, Neid und einer gewissen Ehrfurcht. »Das bedeutet, dass Sie noch mit dem Thunderhead reden können. Stimmt das?«
»Jeder kann mit dem Thunderhead reden«, bemerkte Greyson. »Ich bin bloß der Einzige, dem er antwortet.«
Der Agent mit dem Tablet atmete tief ein, als würde er mit dem ganzen Körper seufzen.
Die Frau beugte sich näher. »Sie sind ein Wunder, Greyson. Ein Wunder. Wissen Sie das?«
»Das sagen die Tonisten auch.«
Bei der Erwähnung der Tonisten schnaubten die Agenten verächtlich.
»Wir wissen, dass sie Sie gefangen halten.«
»Ähm … eigentlich nicht.«
»Wir wissen, dass Sie nicht freiwillig bei ihnen sind.«
»Anfangs vielleicht nicht … aber jetzt schon.«
Das kam bei den Agenten nicht gut an. »Warum um alles in der Welt wollen Sie bei den Tonisten bleiben?«, fragte der Mann, der ihn eben noch Abschaum genannt hatte. »Sie können ihren Unsinn doch unmöglich glauben …«
»Ich bleibe bei ihnen, weil sie mich nicht mitten in der Nacht entführen.«
»Wir haben Sie nicht entführt«, sagte der Agent mit dem Tablet. »Wir haben Sie befreit.«
Als die Anführerin in die Hocke ging, damit sie Greyson direkt in die Augen sehen konnte, erkannte er in ihrem Blick noch ein Gefühl, das alle anderen dominierte. Verzweiflung. Einen Abgrund von Verzweiflung, dunkel und verzehrend wie Teer. Und es betraf nicht nur sie, wie Greyson begriff. Es war eine geteilte Verzweiflung. Nicht zum ersten Mal, seit der Thunderhead verstummt war, sah er Menschen mit ihrer Trauer ringen, doch nirgendwo war sie so roh und erbärmlich gewesen wie jetzt und hier in diesem Raum. Auf der ganzen Welt gab es nicht genug Stimmungsnaniten, um diese Verzweiflung zu lindern. Ja, er war derjenige, der gefesselt war, doch seine Entführer waren viel bedauernswertere Gefangene als er, Gefangene ihrer eigenen Mutlosigkeit. Es gefiel ihm, dass die Frau sich hinknien musste, um auf Augenhöhe mit ihm zu reden. Es fühlte sich an, als würde sie ihn anflehen.
»Bitte, Greyson«, bettelte sie auch schon. »Ich spreche für viele von uns in der Interface-Behörde, wenn ich sage, dass der Dienst für den Thunderhead unser Leben war. Nun, da er verstummt ist, wurde uns dieses Leben genommen. Deshalb bitte ich Sie … könnten Sie in unserm Namen vermitteln?«
»Ich fühle mit Ihnen«, erwiderte Greyson nur. Und das tat er wirklich. Er kannte die Einsamkeit und den Kummer, wenn man sich unvermittelt seines Lebenssinns beraubt sah. In seinen Tagen als Undercover-Widerling Slayd Bridger hatte auch er irgendwann geglaubt, der Thunderhead habe ihn endgültig verlassen. Aber das hatte er nicht. Er war die ganze Zeit da gewesen und hatte über ihn gewacht.
»Auf meinem Nachttisch lag ein Ohrhörer«, sagte er. »Den haben Sie nicht zufällig mitgenommen, oder?« An ihrer fehlenden Reaktion erkannte er, dass dem nicht so war. Persönliche Habseligkeiten wie diese wurden bei mitternächtlichen Entführungen schnell mal vergessen.
»Egal«, sagte er. »Geben Sie mir einfach irgendeinen alten Ohrhörer.« Er sah den Agenten mit dem Tablet an, der noch seinen Interface-Behörden-Ohrhörer trug. Ein weiterer Ausdruck der Realitätsverweigerung. »Ihren«, fügte Greyson hinzu.
Der Mann schüttelte den Kopf. »Er funktioniert nicht mehr.«
»Für mich wird er funktionieren.«
Widerwillig nahm der Agent den Ohrhörer ab und steckte ihn in Greysons Ohr. Dann warteten die drei, dass Greyson für sie ein Wunder vollbrachte.
Der Thunderhead konnte sich nicht erinnern, wann sich sein Bewusstsein entwickelt hatte, er wusste nur, dass es so war. So wie ein Säugling sich seiner selbst nicht bewusst ist, bis er genug von der Welt begreift, um zu verstehen, dass das Bewusstsein kommt und geht, bis es irgendwann nicht mehr wiederkehrt. Obwohl das Verständnis von Letzterem auch den aufgeklärtesten Geistern nach wie vor Mühe bereitete.
Das Bewusstsein des Thunderhead war an eine Mission gekoppelt. Sie war der Kern seines Wesens. Er war vor allem Diener und Beschützer der Menschheit. Und in dieser Funktion hatte er regelmäßig schwierige Entscheidungen zu treffen. Immerhin konnte er dabei auf das vollständige Wissen der Menschheit zurückgreifen – wie zum Beispiel bei der Entscheidung, Greyson Tollivers Entführung zuzulassen, wenn es einem höheren Zweck diente. Natürlich war es das richtige Vorgehen. Alles, was der Thunderhead tat, war immer und in jedem Fall richtig.
Aber das Richtige war selten leicht. Und der Thunderhead vermutete, dass es in den kommenden Tagen zunehmend schwieriger werden würde, das Richtige zu tun.
Im Moment verstanden das die Menschen vielleicht noch nicht, doch am Ende würden sie es einsehen. Davon musste der Thunderhead ausgehen. Nicht nur, weil er es in seinem virtuellen Herzen spürte, sondern auch weil er die statistische Wahrscheinlichkeit berechnet hatte, dass es so kommen würde.
»Erwarten Sie wirklich, dass ich Ihnen irgendetwas erzähle, solange ich an einen Stuhl gefesselt bin?«
Plötzlich konnten die drei Nimbus-Agenten ihn gar nicht schnell genug losbinden. Sie verhielten sich genauso ehrerbietig und unterwürfig wie die Tonisten in seiner Anwesenheit. In den vergangenen Monaten hatte sein abgeschiedenes Leben in einem Tonistenkloster ihn davon abgehalten, sich der Welt draußen zu stellen und sich zu fragen, welchen Platz er darin einnehmen könnte, aber nun bekam er eine Ahnung.
Die Nimbus-Agenten wirkten fast erleichtert, nachdem sie Greyson losgebunden hatten, als könnten sie für jede weitere Verzögerung bestraft werden. Seltsam, wie schnell und komplett die Macht die Seiten wechseln konnte, dachte Greyson. Diese drei waren seiner Gnade jetzt vollkommen ausgeliefert. Er konnte ihnen alles erzählen. Er könnte ihnen erklären, der Thunderhead verlange, dass sie auf allen vieren rückwärtslaufen und bellen, und sie würden es tun.
Er nahm sich Zeit und ließ sie warten.
»Hey, Thunderhead«, begann er, »gibt es irgendetwas, das ich diesen Nimbus-Agenten sagen soll?«
Der Thunderhead sprach in sein Ohr. Greyson lauschte.
»Hmmm … interessant.« Dann wandte er sich an die Anführerin der Gruppe und lächelte so freundlich, wie es ihm unter diesen Umständen möglich war. »Der Thunderhead sagt, dass er Ihnen erlaubt hat, mich zu entführen. Er weiß, dass Ihre Absichten ehrenwert sind, Frau Direktorin. Sie haben ein gutes Herz.«
Der Frau stockte der Atem, und sie legte eine Hand auf die Brust, als hätte er sie tatsächlich berührt. »Sie wissen, wer ich bin?«
»Der Thunderhead kennt Sie alle drei – vielleicht besser als Sie sich selbst.« Dann wandte er sich an die anderen. »Agent Bob Sykora, seit neunundzwanzig Jahren im Dienst als Nimbus-Agent. Arbeitsbeurteilungen gut, aber nicht herausragend«, fügte er listig hinzu. »Agent Tinsiu Qian, seit sechsunddreißig Jahren im Dienst, Fachgebiet Anstellungszufriedenheit.« Dann wandte er sich wieder an die Anführerin. »Und Sie, Audra Hilliard, sind eine der fähigsten Agentinnen in MidMerica. Nach fast fünfzig Jahren voller Belobigungen und Beförderungen haben Sie die höchste Ehre der Region erreicht. Direktorin der Interface-Behörde von Fulcrum City. Zumindest solange es noch eine Interface-Behörde gab.«
Er wusste, wie hart sie seine letzten Worte trafen. Es war ein Tiefschlag, aber er war immer noch stinkig, weil sie ihn gefesselt und ihm einen Sack über den Kopf gezogen hatten.
»Sie sagen, der Thunderhead hört uns noch?«, fragte Direktorin Hilliard. »Er dient nach wie vor unseren Interessen?«
»Das hat er immer getan«, erwiderte Greyson.
»Dann bitten Sie ihn, uns eine Orientierung zu geben. Fragen Sie den Thunderhead, was wir machen sollen. Ohne Anordnung haben wir Nimbus-Agenten kein Ziel. Wir können so nicht weiterleben.«
Greyson nickte und wandte die Augen zur Decke, aber das war bloß Effekthascherei. »Thunderhead«, sagte er, »gibt es eine Weisheit, die ich mit ihnen teilen kann?«
Greyson lauschte, bat den Thunderhead, das Gesagte zu wiederholen, und wandte sich dann an die drei verzagten Agenten.
»8167, 167733«, sagte er.
Sie starrten ihn bloß an.
»Was?«, fragte Direktorin Hilliard schließlich.
»Das hat der Thunderhead gesagt. Sie wollten ein Ziel, und das hat er mir genannt.«
Agent Sykora gab die Zahlen in sein Tablet ein.
»Aber … aber was hat das zu bedeuten?«, wollte Direktorin Hilliard wissen.
Greyson zuckte mit den Schultern. »Ich habe keine Ahnung.«
»Sagen Sie dem Thunderhead, er soll sich erklären!«
»Er hat nichts weiter zu sagen. Aber er wünscht Ihnen allen einen angenehmen Nachmittag.« Komisch, bis zu diesem Moment hatte Greyson die Tageszeit gar nicht gewusst.
»Aber … aber …«
Das Schloss der Tür öffnete sich. Und nicht nur dieses, sondern dank des Thunderhead auch jedes andere Schloss im Gebäude. Im selben Augenblick schwärmten Tonisten in den Raum, packten die Nimbus-Agenten und fesselten sie. Als Letzter betrat Kurat Mendoza den Raum, der Leiter des Tonistenklosters, in dem Greyson beherbergt war.
»Unsere Sekte ist nicht gewalttätig«, erklärte Mendoza den Nimbus-Agenten. »Aber in Situationen wie diesen wünschte ich, sie wäre es.«
Agentin Hilliard sah Greyson mit unverändert verzweifelter Miene an. »Aber Sie haben gesagt, der Thunderhead hätte erlaubt, dass wir Sie entführen!«
»Das hat er auch«, erwiderte Greyson fröhlich. »Aber er wollte auch, dass ich von meinen Befreiern befreit werde.«
»Wir hätten dich verlieren können!« Mendoza war auch lange nach Greysons Rettung immer noch außer sich. Sie fuhren in einer Fahrzeugkolonne mit richtigen Fahrern zurück zum Kloster.
»Ihr habt mich nicht verloren«, sagte Greyson, der es leid war, dem Mann bei seiner Selbstzerfleischung zuzusehen. »Und ich bin unversehrt.«
»Aber es hätte auch anders ausgehen können, wenn wir dich nicht gefunden hätten.«
»Wie habt ihr mich denn gefunden?«
Nach kurzem Zögern antwortete Mendoza: »Wir haben dich gar nicht gefunden. Wir hatten seit Stunden gesucht, als plötzlich wie aus dem Nichts ein Ziel auf unseren Bildschirmen aufleuchtete.«
»Der Thunderhead«, sagte Greyson.
»Ja, der Thunderhead«, gab Mendoza zu. »Obwohl ich nicht verstehe, warum er so lange gebraucht hat, dich aufzuspüren, wenn er überall Kameras hat.«
Greyson entschied, die Wahrheit für sich zu behalten – dass der Thunderhead keineswegs lange gebraucht und zu jedem Zeitpunkt gewusst hatte, wo Greyson sich aufhielt. Er hatte einen Grund gehabt, sich Zeit zu lassen. Genauso wie er einen Grund gehabt hatte, Greyson nicht vor der Entführung zu warnen.
»Das Ereignis musste sich für deine Entführer real anfühlen«, hatte der Thunderhead ihm hinterher erklärt. »Und dafür konnte ich nur sorgen, indem ich zuließ, dass es wirklich authentisch war. Ich kann dir versichern, dass du nie wirklich in Gefahr geschwebt hast.«
So gütig und rücksichtsvoll der Thunderhead auch war, er mutete den Menschen ständig unbeabsichtigte Grausamkeiten zu, wie Greyson bemerkt hatte. Der Thunderhead war eben nicht menschlich, und er würde gewisse Dinge trotz seiner gewaltigen Empathie und Intelligenz nie verstehen. So konnte er zum Beispiel nicht begreifen, dass die Angst vor dem Unbekannten sich immer gleich schrecklich und real anfühlte, unabhängig davon, ob sie begründet war oder nicht.
Greyson wandte sich wieder an Mendoza. »Sie hatten nicht vor, mir weh zu tun«, erklärte er. »Ohne den Thunderhead wissen sie nicht, wohin.«
»Wie alle anderen auch«, sagte Mendoza, »aber das gibt ihnen nicht das Recht, dich aus deinem Bett zu zerren.« Er schüttelte ärgerlich den Kopf – mehr wütend auf sich selbst als auf die Entführer. »Ich hätte es vorhersehen müssen! Nimbus-Agenten haben einen besseren Zugang zum Backbrain als andere – und natürlich haben sie nach Personen gesucht, die nicht als Widerling markiert sind.«
Vielleicht war Greysons Annahme, er könnte unerkannt bleiben, tatsächlich ein wenig illusorisch gewesen. Der Wunsch, hervorstechen zu wollen, war ihm eigentlich komplett wesensfremd. Und nun war er buchstäblich einzigartig. Er hatte keine Ahnung, wie er damit umgehen sollte, befürchtete jedoch, dass er es würde lernen müssen.
»Wir müssen reden«, hatte der Thunderhead an dem Tag zu ihm gesagt, als Endura gesunken war. Und seither hatte er nicht mehr aufgehört zu reden. Er hatte erklärt, dass Greyson eine entscheidende Rolle zu spielen habe, ohne zu erläutern, worin diese bestehen würde. Der Thunderhead legte sich nicht gern fest, bevor er eine gewisse statistische Sicherheit hatte, und auch wenn er imstande war, den Ausgang eines Ereignisses ziemlich präzise einzuschätzen, war er kein Orakel. Er konnte nicht die Zukunft voraussagen, sondern nur die Wahrscheinlichkeit berechnen, mit der eine bestimmte Entwicklung eintrat. Er war günstigstenfalls eine trübe Kristallkugel.
Kurat Mendoza trommelte mit den Fingern nervös auf seine Armlehne. »Diese verdammten Nimbus-Agenten werden nicht die Einzigen sein, die nach dir suchen«, sagte er. »Wir müssen etwas tun, um ihnen den Wind aus den Segeln zu nehmen.«
Greyson wusste, wohin das unweigerlich führen würde. Als einziges Verbindungsglied zum Thunderhead konnte er sich nicht länger verstecken. Die Zeit war gekommen, dass seine Rolle Gestalt annahm. Er hätte den Thunderhead bitten können, ihn dabei zu führen, doch das wollte er nicht. Seine Zeit als Widerling ohne jeden Input vom Thunderhead war zugegeben schmerzlich, aber auch befreiend gewesen. Greyson hatte sich daran gewöhnt, eigene Entscheidungen zu treffen und eigene Einsichten zu haben. Den Entschluss, aus dem Schatten zu treten, würde er ganz allein fassen, ohne Rat oder Beistand des Thunderhead.
»Ich sollte an die Öffentlichkeit gehen«, sagte er. Die Worte laut auszusprechen war sowohl beängstigend als auch belebend. »Soll die Welt es erfahren – aber zu meinen Bedingungen.«
Mendoza grinste ihn an. Greyson konnte förmlich sehen, wie die Rädchen im Kopf des Kuraten zu rotieren begannen.
»Ja. Wir müssen dich auf den Markt bringen.«
»Auf den Markt?«, fragte Greyson. »Das hatte ich eigentlich nicht gemeint … ich bin doch kein Stück Fleisch.«
»Nein«, stimmte Mendoza ihm zu, »aber die richtige Idee zur richtigen Zeit kann genauso befriedigend sein wie das köstlichste Steak.«
Darauf hatte Mendoza gewartet! Auf die Erlaubnis, die Bühne für Greysons Auftritt zu bereiten. Entscheidend war, dass die Idee von Greyson selbst kam, denn Mendoza wusste, dass Greyson sich nichts hätte aufdrängen lassen. Vielleicht hatte diese hässliche Entführung also doch etwas Gutes bewirkt, wenn sie Greyson die Augen für die größeren Zusammenhänge geöffnet hatte. Und obwohl Kurat Mendoza ein Mann war, der insgeheim an seinem tonistischen Glauben zweifelte, waren ihm in Greysons Gegenwart zuletzt Zweifel an seinen Zweifeln gekommen.
Mendoza war der Erste gewesen, der Greyson geglaubt hatte, dass der Thunderhead immer noch zu ihm sprach. Er hatte gespürt, dass Greyson zu einem größeren Plan gehörte, und vielleicht passte Mendoza ja auch irgendwie in diesen Plan.
»Du musst aus einem Grund zu uns gekommen sein«, hatte er Greyson an jenem Tag erklärt. »Dieses Ereignis – die Große Resonanz – hallt in mehr als einer Hinsicht nach.«
Als sie nun zwei Monate später in der Limousine saßen und höhergesteckte Ziele erörterten, fühlte Mendoza sich unwillkürlich ermutigt und ermächtigt, daran anzuknüpfen. Dieser unauffällige junge Mann war in der Lage, den tonistischen Glauben – und Mendoza – auf eine vollkommen neue Ebene zu heben.
»Als Erstes brauchst du einen Namen.«
»Ich habe schon einen Namen«, protestierte Greyson, doch Mendoza tat den Einwand ab.
»Der ist gewöhnlich. Du musst dich der Welt als außergewöhnlich präsentieren. Als … Superlative.« Der Kurat betrachtete Greyson und versuchte, ihn in einem weicheren, schmeichelhafteren Licht zu sehen. »Du bist ein Diamant, Greyson. Jetzt müssen wir dir die richtige Fassung verpassen, damit du glänzen kannst!«
Diamanten.
Vierhunderttausend Diamanten, verschlossen in einem inneren und einem äußeren Tresor, verloren auf dem Meeresgrund. Jeder Einzelne war ein Vermögen wert – größer als alles, was sich die Sterblichen jemals hätten vorstellen können –, denn es waren keine gewöhnlichen Juwelen. Es waren Scythe-Diamanten. Fast zwölftausend von ihnen steckten an den Fingern der lebenden Scythe, aber das war eine geringe Menge im Vergleich zu den Edelsteinen, die in der Kammer der Relikte und Futuren aufbewahrt wurden. Genug, um die Nachlese-Bedürfnisse der Menschheit für kommende Epochen zu erfüllen. Genug, um damit jeden Scythe zu schmücken, der von jetzt bis zum Ende der Zeit ordiniert werden würde.
Sie waren perfekt. Sie waren identisch. Makellos bis auf den dunklen Fleck in ihrer Mitte – aber das war kein Makel, sondern Absicht. »Unsere Ringe sind eine Erinnerung daran, dass wir die Welt, die uns die Natur zur Verfügung gestellt hat, besser gemacht haben«, hatte Supreme Blade Prometheus im Jahr des Kondors erklärt, als das Scythetum gegründet wurde. »Es ist unsere Natur … die Natur zu übertreffen.« Und nirgendwo war das offensichtlicher als beim Blick in das Herz eines Scythe-Rings, denn er weckte die Illusion einer Tiefe jenseits des von ihm eingenommenen Raums. Einer Tiefe jenseits der Natur.
Niemand wusste, woraus sie gemacht waren, denn eine Technologie, die nicht vom Thunderhead kontrolliert wurde, war eine vergessene Technologie. Nur noch wenige Menschen auf der Welt verstanden, wie irgendetwas funktionierte. Die Scythe wussten lediglich, dass ihre Ringe auf geheime Weise miteinander und mit der Scythe-Datenbank verbunden waren. Da die Computer des Scythetums jedoch nicht unter die Zuständigkeit des Thunderhead fielen, traten häufig kleinere Fehler, Abstürze und andere Unannehmlichkeiten auf, die das Verhältnis von Mensch und Maschine schon in längst vergangenen Zeiten geplagt hatten.
Aber die Ringe versagten nie.
Sie taten genau das, was sie tun sollten: Sie katalogisierten die Nachgelesenen, nahmen DNA-Proben von den Lippen der Menschen, die einen Ring geküsst hatten, um Immunität zu erlangen, und sie leuchteten, um die Scythe auf diese Immunität aufmerksam zu machen.
Würde man indes einen Scythe fragen, was der wichtigste Aspekt seines Ringes war, würde er ihn wahrscheinlich ins Licht halten, das Funkeln betrachten und erklären, dass der Ring vor allem ein Symbol des Scythetums und postmortaler Perfektion sei. Ein Prüfstein des erhabenen Status eines Scythe und eine Mahnung an seine feierliche Verantwortung gegenüber der Welt.
Aber all diese verlorenen Diamanten …
»Wozu brauchen wir sie?«, fragten jetzt viele Scythe, denn sie wussten, dass der Verlust die eigenen Ringe umso wertvoller machte. »Um neue Scythe zu ordinieren? Wozu brauchen wir mehr Scythe? Wir sind genug, um den Job zu erledigen.« Seit es keine globale Oberaufsicht auf Endura mehr gab, folgten viele Scythetümer dem Beispiel von MidMerica und schafften die Nachlese-Quoten ab.
Inzwischen war mitten im Atlantik, wo Endura einst über den Wellen gethront hatte, mit der Zustimmung von Scythe auf der ganzen Welt ein »Perimeter des Gedenkens« eingerichtet worden. Aus Ehrerbietung gegenüber den Tausenden, die ums Leben gekommen waren, durfte kein Schiff auch nur in die Nähe der Stelle fahren, wo Endura gesunken war. High Blade Goddard, einer der wenigen Überlebenden jenes schrecklichen Tages, plädierte sogar dafür, dass der Perimeter des Gedenkens ein dauerhaftes Symbol werden und dort alles unter der Meeresoberfläche unangetastet bleiben sollte.
Aber früher oder später mussten die Diamanten gefunden werden. Etwas so Wertvolles blieb selten für immer verloren. Vor allem, wenn jeder genau wusste, wo es war.
Wir in der Region SubSahara nehmen aufs Schärfste Anstoß an der Abschaffung der Nachlese-Quoten durch High Blade Goddard. Diese Quoten haben uns seit uralten Zeiten als Richtschnur zur Beendung von Leben gedient und uns – auch wenn sie nicht offiziell zu den Geboten des Scythetums gehören – auf Kurs gehalten.
Während verschiedene andere Regionen die Quoten ebenfalls abgeschafft haben, steht SubSahara an der Seite von Amazonien, Israebien und zahlreichen anderen Regionen, die sich dieser unbedachten Änderung widersetzen.
Des Weiteren ist es allen midMerikanischen Scythe ab sofort untersagt, auf unserem Boden nachzulesen – und wir drängen andere Regionen, sich unserem Widerstand anzuschließen, um zu verhindern, dass Goddards sogenannte »Neue Ordnung« die Welt in den Würgegriff nimmt.
Offizielle Proklamation Seiner Exzellenz Tenkamenin,
High Blade von SubSahara
»Wie weit noch?«
»Ich habe noch nie einen so ungeduldigen Scythe getroffen.«
»Dann kennen Sie nicht viele Scythe. Wir sind ein ungeduldiger und reizbarer Haufen.«
Der Ehrenwerte Scythe Sidney Possuelo aus Amazonien stand bereits auf der Brücke, als Captain Jerico Soberanis kurz nach Anbruch der Dämmerung dort eintraf. Jerico fragte sich, ob der Mann je schlief. Vielleicht heuerten Scythe Menschen an, die für sie schliefen.
»Einen halben Tag bei voller Geschwindigkeit«, antwortete Jerico. »Wir werden um achtzehn Uhr dort sein, genau wie ich es gestern vorhergesagt habe, Euer Ehren.«
Possuelo seufzte. »Ihr Schiff ist zu langsam.«
Jerico grinste. »Nach all dieser Zeit haben Sie es jetzt plötzlich eilig?«
»Zeit ist nie wesentlich, bis irgendjemand entscheidet, dass sie es ist.«
Der Logik konnte Jerico nicht widersprechen. »In der besten aller Welten wäre diese Unternehmung schon vor langer Zeit durchgeführt worden.«
Worauf Possuelo erwiderte: »Falls Sie es noch nicht bemerkt haben, ist dies nicht mehr die beste aller Welten.«
Das ließ sich nicht bestreiten. Es war zumindest nicht mehr die Welt, in der Jerico aufgewachsen war. In dieser Welt war der Thunderhead Bestandteil des Lebens fast aller Menschen gewesen. Man konnte ihn alles fragen, er antwortete immer, und seine Antworten waren präzise, informativ und genauso weise, wie sie sein mussten.
Aber diese Welt war verschwunden. Die sanfte Stimme des Thunderhead war verstummt, nachdem alle Menschen zu Widerlingen herabgestuft worden waren.
Jerico war schon einmal zum Widerling erklärt worden. Als Teenager. Dazu hatte es nicht viel gebraucht – nur drei kleine Ladendiebstähle bei einem lokalen Lebensmittelhändler. Jericos Selbstzufriedenheit darüber hatte nicht einmal einen Tag angedauert. Dann stellten sich allmählich die Konsequenzen ein. Nicht mit dem Thunderhead kommunizieren zu können war für Jerico keine große Sache. Dafür waren andere Aspekte des neuen Status unangenehm. Widerlinge wurden in der Schulkantine immer als Letzte in der Schlange bedient und bekamen meist nur Gerichte, die sonst niemand wollte. Widerlinge wurden im Klassenzimmer in die erste Reihe gesetzt, wo der Lehrer stets ein wachsames Auge auf sie hatte. Zwar wurde Jerico nicht aus dem Fußballteam ausgeschlossen, aber die Termine mit seinem Bewährungsbeamten waren immer an Spieltagen angesetzt. Offensichtlich mit Absicht.
Jerico fand das Verhalten des Thunderhead zunächst bloß trotzig passiv-aggressiv, erkannte jedoch mit der Zeit, dass der Thunderhead ihm lediglich etwas deutlich machen wollte. Widerling zu sein war eine freie Entscheidung, und man musste wählen, ob es das wert war.
Jerico hatte die Lektion jedenfalls gelernt. Eine kurze Kostprobe vom Leben als Widerling hatte gereicht. Drei Monate lang musste Jerico stramm spuren, dann wurde das große rote »W« aus seinem Identitätsprofil entfernt. Und Jerico hatte kein Verlangen verspürt, diese Erfahrung zu wiederholen.
»Es freut mich, dass dein Status angehoben wurde«, hatte der Thunderhead gesagt, als er wieder mit Jerico sprechen durfte. Als Antwort hatte Jerico ihn angewiesen, das Licht im Schlafzimmer anzumachen – denn indem er diesen Befehl aussprach, verwies er den Thunderhead zurück auf seinen Platz. Der Thunderhead war ein Diener. Er war jedermanns Diener. Er musste tun, was Jerico von ihm verlangte. Darin fand er Trost.
Und dann kam es zur Spaltung zwischen der Menschheit und ihrer größten Schöpfung. Endura versank im Meer, und der Thunderhead erklärte alle Menschen auf einen Schlag zu Widerlingen. Zurzeit wusste niemand genau, welche Folgen der Verlust des Weltrats der Scythe haben würde, aber das Schweigen des Thunderhead hatte die Welt in kollektive Panik gestürzt. Widerling zu sein war keine freie Entscheidung mehr – es war ein Urteil. Und Schweigen reichte aus, um Knechtschaft in Überlegenheit umzukehren. Der Diener wurde der Herr, und die Welt drehte sich nur noch um die Frage, wie sie dem Thunderhead gefallen konnte.
»Was kann ich tun, damit die Strafe aufgehoben wird?«, riefen die Leute. »Was kann ich tun, um die Gunst des Thunderhead wiederzuerlangen?«
Der Thunderhead hatte nie Verehrung verlangt, doch nun erwiesen die Menschen sie ihm, schufen komplizierte Reifen, durch die sie sprangen, und hofften, der Thunderhead würde es bemerken. Und natürlich hörte der Thunderhead ihre Rufe. Er sah nach wie vor alles, behielt seine Meinung jedoch für sich.
Derweil hoben weiterhin Flugzeuge ab, Ambudronen wurden entsandt, um Totenähnliche abzuholen, Nahrungsmittel wurden angebaut und verteilt – der Thunderhead sorgte mit derselben fein abgestimmten Präzision wie zuvor dafür, dass die Welt funktionierte. Aber wenn man wollte, dass die Schreibtischlampe brannte, musste man sie selbst anmachen.
Scythe Possuelo blieb noch eine Weile auf der Brücke, um die Fahrt zu verfolgen. Die See war ruhig, sie kamen zügig voran – doch es war ein monotones Unterfangen, vor allem für jemanden, der die Seefahrt nicht gewöhnt war. Schließlich verabschiedete er sich, um in seiner Kabine das Frühstück einzunehmen. Als er die schmale Treppe zu den unteren Decks hinabstieg, bauschte sich seine waldgrüne Robe und wehte hinter ihm her.
Jerico fragte sich, was einem Scythe im Kopf herumging. Sorgte er sich, über seine Robe zu stolpern? Durchlebte er in der Erinnerung vergangene Nachlesen? Oder dachte er bloß daran, was es zum Frühstück geben würde?
»Er ist kein übler Typ«, sagte Wharton, der Erste Offizier, eine Position, die er schon viel länger innehatte als Jerico das Kommando über das Schiff.
»Ich mag ihn sogar«, sagte Jerico. »Er ist sehr viel ehrenwerter als einige der anderen ›Ehrenwerten Scythe‹, die mir begegnet sind.«
»Die Tatsache, dass er uns für diese Bergung ausgewählt hat, sagt eine Menge.«
»Ja«, stimmte Jerico ihm zu, »ich bin mir nur nicht sicher, was.«
»Ich glaube, es sagt, dass Sie bei der Wahl Ihres Berufs eine weise Entscheidung getroffen haben.«
Das war aus dem Mund von Wharton, einem Mann, der nicht zu Schmeicheleien neigte, ein ziemlich dickes Kompliment. Aber Jerico konnte das Verdienst nicht für sich allein beanspruchen.
»Ich habe nur den Rat des Thunderhead befolgt.«
Als der Thunderhead vor ein paar Jahren vorgeschlagen hatte, dass Jerico sein Glück vielleicht in einem Leben als Seefahrer finden könnte, hatte das Jerico maßlos geärgert. Denn der Thunderhead hatte recht. Er hatte eine perfekte Einschätzung getroffen. Jerico hatte bereits selbst darüber nachgedacht, doch den Vorschlag vom Thunderhead zu hören war wie ein Spoiler der Geschichte. Es gab zahlreiche seefahrende Berufe, aus denen Jerico wählen konnte. Manche Menschen reisten auf der Suche nach der perfekten Welle zum Surfen um die Welt. Andere fuhren Segelregatten oder kreuzten in großen, den Yachten vergangener Zeiten nachempfundenen Booten von Kontinent zu Kontinent. Aber das waren Freizeitbeschäftigungen, die keinem praktischen Zweck, sondern nur der schieren Freude dienten. Jerico wollte sein Glück finden und gleichzeitig etwas Nützliches tun. Er wollte einen Beruf, der etwas Greifbares zur Welt beitrug.
Seebergung war die ideale Antwort – nicht bloß Objekte zu heben, die der Thunderhead absichtlich versenkt hatte, um der Bergungsflotte Arbeit zu verschaffen. Jerico wollte Dinge bergen, die wirklich verlorengegangen waren. Deshalb musste er zwangsläufig Beziehungen zu den Scythetümern der Welt knüpfen, denn während die Schiffe unter Aufsicht des Thunderhead nie ein vorzeitiges Ende fanden, kam es bei den Seefahrzeugen der Scythe nicht selten zu technischen Problemen oder menschlichem Versagen.
Gleich nach dem Abschluss der Schule heuerte Jerico bei einer zweitklassigen Bergungsmannschaft im westlichen Mittelmeer an. Als dann Scythe Dalís Yacht im seichten Gewässer vor Gibraltar sank, bot sich Jerico eine unerwartete Chance zum Aufstieg.
Ausgestattet mit einer Standardtaucherausrüstung, war Jerico einer der Ersten, die das Wrack erreichten. Und während die anderen sich noch ein Bild der Situation machten, drang Jerico – gegen den Befehl des Kapitäns – in das Schiff ein, fand den Körper des totenähnlichen Scythe in seiner Kabine und brachte ihn an die Oberfläche.
Jerico wurde wenig überraschend auf der Stelle gefeuert, denn die Nichtbefolgung eines direkten Befehls war Meuterei, doch Jerico hatte mit einer gewissen Berechnung gehandelt. Denn nachdem man Scythe Dalí und sein Gefolge wiederbelebt hatte, wollte der Mann sofort wissen, wer ihn aus dem Meer gezogen hatte.
Am Ende war der Scythe nicht nur dankbar, sondern außergewöhnlich großzügig. Er gewährte dem gesamten Bergungsteam ein Jahr Immunität vor Nachlesen, doch er wollte der Person, die alles geopfert hatte, um den Körper eines totenähnlichen Scythe zu bergen, ein besonderes Geschenk machen, weil sie offensichtlich die richtigen Prioritäten hatte. Also fragte Scythe Dalí, was Jerico im Leben zu erreichen hoffte.
»Eines Tages würde ich gern meine eigene Bergungsmission leiten«, erklärte Jerico dem Scythe, denn Dalí könnte vielleicht ein gutes Wort für Jerico einlegen. Stattdessen führte er Jerico zur E.L. Spence – einem spektakulären, hundert Meter langen, ozeanographischen Forschungsschiff, das für die Seebergung umgerüstet worden war.
»Du wirst Kapitän dieses Schiffes«, verkündete Dalí. Und da die Spence schon einen Kapitän hatte, las er ihn an Ort und Stelle nach und erklärte der Mannschaft, dass sie entweder ihrem neuen Kapitän gehorchen oder das gleiche Schicksal erleiden konnte. Es war gelinde gesagt äußerst surreal.
Auf diese Weise hatte Jerico das Kommando nicht erlangen wollen, doch er hatte genauso wenig Mitspracherecht wie der nachgelesene Kapitän. Er ahnte, dass die Mannschaft sich schwertun würde, die Befehle eines Zwanzigjährigen anzunehmen, und gab deshalb vor, Mitte vierzig und erst vor kurzem über den Berg gekommen zu sein, um sich auf ein jugendlicheres Ich resetten zu lassen. Ob die Seeleute das glaubten, war ihre Sache.
Es dauerte lange, bis die Mannschaft sich für ihren neuen Kapitän erwärmte. Manche leisteten stillen Widerstand. So ließ sich etwa in der ersten Woche eine Lebensmittelvergiftung an Bord zum Koch zurückverfolgen. Und mit einem Gentest hätte man auch exakt feststellen können, von wem die Fäkalien stammten, die ihren Weg in Jericos Schuhe gefunden hatten. Doch es lohnte sich nicht, die Sache zu verfolgen.
Die Spence und ihre Mannschaft fuhren um die Welt. Schon bevor Jerico das Kommando übernahm, hatte sich die Truppe einen Namen gemacht, aber Jerico war so klug, zusätzlich eine Gruppe von tasmanischen Tauchern mit Kiemen anzuheuern. Ein Taucherteam, das unter Wasser atmen konnte, kombiniert mit einer erstklassigen Bergungsmannschaft – das machte sie bei den Scythe auf der ganzen Welt begehrt. Die Tatsache, dass Jerico der Rettung von Totenähnlichen Vorrang gegenüber der Bergung von verlorenen Gütern gab, verschaffte ihnen noch größeren Respekt.
Jerico hatte Scythe Echnatons Lastkahn vom Grund des Nils gehoben und nach einem verhängnisvollen Flug Scythe Earharts totenähnlichen Körper geborgen. Als dann das Vergnügungs-U-Boot von Grandslayer Amundsen in der Region Antarktika in den eisigen Gewässern vor dem RossSchelf sank, wurde die Spence gerufen, um ihn zu retten.
Gegen Ende des ersten Jahres von Jericos Kommando war Endura mitten im Atlantik versunken und hatte die Bühne für den größten Bergungseinsatz der Geschichte bereitet.
Aber die Vorhänge dieser Bühne blieben eisern geschlossen.
Ohne den Weltrat der Scythe gab es niemanden, der eine Bergung genehmigen konnte. Und da Goddard in NorthMerica wütete, der »Perimeter des Gedenkens« dürfe nicht verletzt werden, verharrten die Ruinen Enduras im Nichts. Lokale Scythetümer, die sich mit Goddard verbündet hatten, kontrollierten das Gebiet und lasen jeden nach, der dort erwischt wurde. Endura war in knapp viertausend Meter tiefen Gewässern gesunken, es hätte ebenso gut zwischen den Sternen im All verlorengegangen sein können.
Angesichts all dieser Intrigen hatte es eine Weile gedauert, bis ein regionales Scythetum den Mut aufgebracht hatte, eine Bergung zu versuchen, aber sobald Amazonien diese Absicht erklärt hatte, hatten sich andere Scythetümer angeschlossen. Da Amazonien sich als Erstes vorgewagt hatte, bestand es auch darauf, die Führung der Mission zu übernehmen. Die anderen protestierten, aber niemand verweigerte Amazonien diesen Anspruch. Nicht zuletzt, weil die Region dann auch Goddards Zorn mit voller Wucht abbekommen würde.
»Ihnen ist bewusst, dass wir zurzeit ein paar Grad von unserem Kurs abweichen?«, sagte Wharton zum Kapitän, nachdem Possuelo die Brücke verlassen hatte.