Simon Sebag Montefiore
Jerusalem
Die Biographie
Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff
FISCHER E-Books
Simon Sebag Montefiore, geboren 1965, studierte Geschichte am Gonville und Caius College der Universität Cambridge. ›Katharina die Große und Fürst Potemkin: Eine kaiserliche Affäre‹ war für den Samuel Johnson, den Duff Cooper und den Marsh Biography Preis nominiert. Sein hoch gelobtes Buch ›Stalin – Am Hof des Roten Zaren‹ wurde mit dem History Book of the Year Prize der British Book Awards ausgezeichnet, für ›Der junge Stalin‹ erhielt er den Los Angeles Times Book Prize for Biography, den Costa Biography Prize, den Bruno Kreisky-Preis für politische Literatur und den Grand Prix de la Biographie Politique. Ebenfalls verfasste er den Roman ›Sashenka‹. Montefiores Bücher wurden in über fünfunddreißig Sprachen übersetzt. Simon Sebag Montefiore ist Mitglied der Royal Society of Literature und lebt mit seiner Frau, der Romanautorin Santa Montefiore, und ihren beiden Kindern in London.
www.simonsebagmontefiore.com
Covergestaltung: hißmann, heilmann, hamburg / Anna Lena Witte
Coverabbildung: Interfoto / Alamy
© 2011 Simon Sebag Montefiore
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-402809-5
Die ägyptischen Pharaonen strebten damals die Herrschaft über Kanaan an, es ist allerdings nicht klar, ob sie sie tatsächlich erlangten. Möglicherweise benutzten sie diese Keramiken, um die widerspenstigen Herrscher ihrer Feinde zu verfluchen oder ihren Ambitionen Ausdruck zu verleihen. Die Theorien über diese Fragmente haben sich mehrfach verändert und zeigen, dass die Archäologie ein ebenso interpretatives wie wissenschaftliches Fach ist. Lange glaubte man, die Ägypter hätten diese Vasen oder Figuren zerschlagen, um die darauf genannten Orte zu verfluchen oder zu verwünschen – daher sind sie als Verwünschungstexte bekannt.
Sie gehören zu den 380 babylonischen Briefen auf Tontafeln, geschrieben von Lokalfürsten an den häretischen Pharao Amenophis IV. (1380–1334 v.Chr.), der anstelle des traditionellen Pantheons ägyptischer Götter die Verehrung der Sonne einführte und sich Echnaton oder Achenaton nannte. Das königliche Archiv seines Außenministeriums, das Haus der Korrespondenz des Pharaos, wurde 1887 in seiner neuen Hauptstadt Achetaton, heute El-Amarna, südlich von Kairo entdeckt. Eine Theorie vermutet, dass die Habiru die frühen Hebräer/Israeliten waren, aber dieses Wort taucht zu dieser Zeit im gesamten Nahen Osten als Bezeichnung für Marodeure auf – es bedeutet im Babylonischen schlicht »Vagabund«. Möglicherweise stammten die Hebräer von einer kleinen Gruppe Habiru ab.
Die Schöpfung taucht in der Genesis zweimal auf: in 1,1–2,3 und in 2,4–25. Es gibt zwei Stammbäume Adams, zwei Sintflutschilderungen, zwei Eroberungen Jerusalems, zwei Erzählungen, wie Gott Jakob in Israel umbenannte. Außerdem gibt es viele Anachronismen wie die Anwesenheit der Philister und Aramäer in der Genesis, als sie noch gar nicht in Kanaan eingetroffen waren. Kamele tauchen viel zu früh als Lasttiere auf. Experten nehmen an, dass die frühen Bücher der Bibel von verschiedenen Autorengruppen verfasst wurden, von denen eine den Schwerpunkt auf den kanaanitischen Gott El legte, die andere auf den einen Gott der Israeliten, Jahwe.
Als der Tempel in Jerusalem stand, durfte nur der Hohepriester einmal im Jahr die vier Buchstaben JHWH aussprechen, und noch heute ist es Juden verboten, sie in den Mund zu nehmen; sie sagen lieber Adonai (Herr) oder lediglich HaShem (der unaussprechliche Name).
Das Eindringen der Israeliten in Kanaan ist ein wahres Schlachtfeld komplexer, meist nicht belegbarer Theorien. Der Sturm auf Jericho, bei dem Josuas Posaunen die Stadtmauern einstürzen ließen, scheint aber wohl ein Mythos zu sein: Jericho war älter als Jerusalem. (Die Palästinenserbehörde feierte 2010 das 10 000-jährige Bestehen der Stadt – obwohl das Datum willkürlich gesetzt ist). Zeitweise war Jericho jedoch nicht bewohnt, und es gibt keine Indizien für eingestürzte Stadtmauern. Die Eroberungshypothese ist kaum wörtlich zu nehmen, da die Kämpfe (wie im Buch Josua geschildert) gewöhnlich auf einem kleinen Gebiet stattfanden. Bethel bei Jerusalem ist eine der wenigen im Buch Josua eroberten Städte, die tatsächlich im 13. Jahrhundert v.Chr. zerstört wurden. Möglicherweise waren die Israeliten wesentlich friedlicher und toleranter, als sie behaupteten.
Wie das Wort »Philister« dank der Bibel in den Sprachgebrauch eingegangen ist, um (trotz ihrer hoch entwickelten Kultur) Kulturlosigkeit zu bezeichnen, fanden auch die Menschen aus Gat, die »Gits«, Eingang in die englische Umgangssprache als Bezeichnung für Trottel. Die Philister gaben aber auch dem Land ihren Namen: Palästina.
Damals war die Schleuder kein Kinderspielzeug, sondern eine schlagkräftige Waffe: Inschriften in Beni Hasan, Ägypten, zeigen Kämpfer mit Schleudern neben Bogenschützen. Königliche Inschriften in Ägypten und Assyrien belegen, dass Kämpfer mit Schleudern als reguläre Einheiten zu den Armeen der Antike gehörten. Man nimmt an, dass geübte Kämpfer mit der Schleuder eigens geglättete Steine in der Größe von Tennisbällen mit Geschwindigkeiten von 150 bis 250 Stundenkilometern schießen konnten.
War David ein Kriegername oder ein Königsname? Die Bibel erzählt die Goliat-Geschichte zweimal, und in der zweiten Version nennt sie den jungen israelitischen Helden Elhanan: War das Davids richtiger Name?
Es handelt sich um die archäologische Fundstelle, an der die meisten Grabungen der Welt durchgeführt wurden. Die gegenwärtigen Grabungen an der Quelle unter Leitung von Professor Ronny Reich sind die zwölften an dieser Stelle und förderten die kanaanitischen Festungsanlagen zutage, die im 1. Kapitel beschrieben sind. Der englische Archäologe Charles Warren entdeckte einen Schacht, der vom Ophel an die Quelle hinunter führte. Lange glaubte man, Menschen hätten diesen Schacht angelegt und die Jerusalemer hätten mit Eimern Wasser daraus geschöpft. Neueste Grabungen führten jedoch zu völlig anderen Erkenntnissen: Warrens Schacht war offenbar natürlich entstanden. Das Wasser floss in ein Becken, das Menschen in den Felsen gehauen und mit einem mächtigen Turm und massiven Mauern umgeben hatten.
Die Größe der Stadt Davids ist gegenwärtig Gegenstand heftiger Debatten: Minimalisten behaupten, sie sei lediglich die kleine Zitadelle eines Stammesfürsten gewesen, Maximalisten sehen sie dagegen als die Reichshauptstadt traditioneller Bibelschilderungen. Bis man die Tel-Dan-Inschrift entdeckte, vermuteten extreme Minimalisten sogar, David habe nie existiert, da es außer der Bibel keinerlei archäologische Belege gebe. Als Dr. Eilat Mazor 2005 erklärte, sie habe König Davids Palast entdeckt, wurde dies weithin bezweifelt. Ihre Ausgrabungen legten aber offenbar tatsächlich ein großes öffentliches Gebäude aus dem 10. Jahrhundert v.Chr. frei, das zusammen mit den kanaanitischen Festungsanlagen und Terrassenbauten Davids Zitadelle gebildet haben dürfte.
Die sogenannte Absalomsäule im Kidrontal wurde erstmals 1170 n.Chr. von Benjamin von Tudela erwähnt, stammt aber nicht aus dem 10. Jahrhundert v.Chr. Vielmehr handelt es sich um ein Grabmal aus dem 1. Jahrhundert n.Chr. In der Nähe dieser Säule beteten im Mittelalter die Juden, die aus der Stadt und sogar von der Westmauer verbannt waren. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es üblich, dass Juden im Vorübergehen die Säule bespuckten oder mit Steinen bewarfen, um ihren Abscheu gegen Absaloms Untreue auszudrücken.
Angeblich plünderte der Makkabäerkönig Johannes Hyrkanus einige Jahrhunderte später das Grab Davids, um einen fremden Eroberer auszuzahlen. Zweihundert Jahre danach entdeckten Arbeiter, die im Kreuzfahrerstaat den Saal auf dem Berg Zion renovierten, in dem Jesus das letzte Abendmahl einnahm, einen Raum, den sie für das Grab Davids hielten. Seither wird er von Juden, Christen und Muslimen verehrt. Wo David aber tatsächlich begraben wurde, ist weiterhin nicht bekannt.
Wo befand sich das Allerheiligste? Diese Frage ist heute von politischer Brisanz und stellt eine unlösbare Herausforderung für jedes israelisch-palästinensische Friedensabkommen über eine Teilung Jerusalems dar. Es gibt dazu zahlreiche Theorien, abhängig von der Größe des Tempelberges, der unter Herodes dem Großen erweitert wurde. Die meisten Experten glauben, dass es sich auf dem Felsen im islamischen Felsendom befand. Manche vertreten, die rätselhafte gelbe, gewundene Höhle sei ursprünglich um 2000 v.Chr. eine Grabhöhle gewesen, woran offenbar auch Volksüberlieferungen erinnern: Rückkehrer aus dem babylonischen Exil fanden um 540 v.Chr. dort angeblich den Schädel des Jebusiters Araunah. Die Mischnah, in der die mündlichen Überlieferungen der Juden im 2. Jahrhundert n.Chr. zusammengestellt wurden, bezeichnet diese Höhlung als Grab des Abgrunds, das aus Angst vor einem Grab in der Tiefe angelegt worden sei. Die Muslime nannten sie den Brunnen der Seelen. Juden und Muslime glauben, dass an dieser Stelle Adam geschaffen wurde und Abraham beinahe Isaak geopfert hätte. Wahrscheinlich wählte Kalif Abd al-Malik diese Stelle 691 n.Chr. zumindest teilweise für den Felsendom aus, um einen islamischen Nachfolgebau des Tempels zu schaffen. Juden halten den Felsen für den Grundstein des Tempels.
Die Bibel führt Megiddo, Gezer und Hazor als Speicherstädte Salomos an. In den Debatten des 21. Jahrhunderts vertreten revisionistische Archäologen, angeführt von Professor Israel Finkelstein, es handele sich hier um Paläste syrischen Stils, die hundert Jahre später erbaut worden seien; demnach hätte Salomo dort keine Bauten geschaffen. Andere Archäologen stellen die revisionistische Datierung in Frage. Die Schwarz-Rot-Keramiken, die an diesen Stätten gefunden wurden, stammten aus dem späten 10. Jahrhundert v.Chr., also grob aus der Zeit der Regentschaft Salomos und der Invasion Pharao Scheschonqs neun Jahre nach dem Tod des Königs; und faszinierende neue Analysen der Gebäude deuten darauf hin, dass es sich tatsächlich um riesige Stallungen aus dem 10. Jahrhundert handelt und sie somit plausible Indizien für Salomos Kavallerie und mediterranen Pferdehandel sind.
Die Könige von Israel und Juda kämpften gemeinsam gegen den rebellischen Moabiterkönig Mescha, der auf einer Stele erklärte, er habe seinen Sohn geopfert und die Eindringlinge erfolgreich zurückgeschlagen. Nahezu 3000 Jahre später zeigte ein Beduine 1868 einem deutschen Missionar einen schwarzen Basaltstein, der einen archäologischen Wettlauf zwischen Preußen, Frankreich und England auslöste: Mit Intrigen bemühten sich ihre Agenten, diesen prestigeträchtigen Preis an sich zu bringen. Ein Beduinenstamm versuchte, den Stein zu zerstören, aber letztlich gewann Frankreich. Das Ringen hatte sich gelohnt. Teilweise widerspricht Mescha der Bibel, teilweise bestätigt er sie und gibt zu, dass die Israeliten Moab erobert hatten; aber er erklärt, er habe gegen König Ahab rebelliert und Israel und Juda besiegt – das er (nach der neuesten Übersetzung) »Haus Davids« nennt, was wieder einmal Davids Existenz erhärtet. Anschließend brüstet er sich, er habe aus einer eroberten israelitischen Stadt »die Gefäße Jahwes« erbeutet. Das ist die erste Erwähnung des israelitischen Gottes außerhalb der Bibel.
Die Bibel stellt König Jehu von Israel als Herrscher dar, der Jahwe wiedereinsetzte und die Götzenbilder Baals zerschmetterte. Allerdings interessiert sich die Bibel stärker für seine Beziehung zu Gott als für die Machtpolitik, die inzwischen von der Archäologie aufgedeckt wurde: Wahrscheinlich hatte Jehu Unterstützung aus Damaskus, da der dortige König Hazal die Stele in Tel Dan im Norden Israels hinterließ, auf der er sich brüstete, die früheren Könige des Hauses Israel und des Hauses David besiegt zu haben – ein weiterer Beleg, dass König David existierte. Aber Jehu musste auch Vasall des assyrischen Königs Salmanassar III. werden. Auf dem Schwarzen Obelisken, der in Nimrod gefunden wurde und sich heute im British Museum befindet, macht Jehu einen Kniefall vor Salmanassar, der mit geflochtenem Bart, Diadem, bestickten Gewändern und Schwert vor dem geflügelten Symbol assyrischer Macht sitzt, während ein Höfling ihm mit einem Sonnenschirm Schatten spendet. »Ich erhielt Silber, Gold, eine goldene Schale, eine goldene Vase, goldene Eimer, Zinn, einen Stab, Jagdspeere«, sagt Salmanassar. Dieser kniende Jehu ist die erste historische Abbildung eines Israeliten.
Die alten jüdischen Gemeinden im Iran und Irak beanspruchen, von den zehn Stämmen Israels abzustammen, die von den Assyrern und später von den Babyloniern deportiert wurden. Neueste genetische Forschungen belegen, dass diese Juden tatsächlich vor etwa 2500 Jahren von den anderen jüdischen Gemeinden getrennt wurden. Die Suche nach diesen verschwundenen Israeliten hat jedoch unzählige Phantasien und Theorien hervorgebracht: Die zehn Stämme wurden an diversen unwahrscheinlichen Orten »entdeckt«, unter den Ureinwohnern Nordamerikas wie auch in England.
Vor den Mauern der Davidsstadt und des Tempelbergs entstanden zwei neue Vororte: Maktes im Tyropöontal, das zwischen Berg Moriah und dem Westhügel verlief, und Misne auf dem eigentlichen Westhügel, das heutige jüdische Viertel. Hochrangige Einwohner wurden in der Umgebung der Stadt beigesetzt: »Das ist [das Grab] des […]jahu, des königlichen Hausverwalters«, heißt es auf einem Grab im Dorf Siloam. »Hier ist weder Gold noch Silber, nur seine Gebeine und die seiner Sklavenfrau – verflucht sei jeder, der dieses Grab öffnet.« Der Fluch wirkte nicht: Das Grab wurde geplündert und ist heute ein Hühnerstall. Bei dem königlichen Hausverwalter könnte es sich tatsächlich um Hiskias Höfling gehandelt haben, den Jesaja für den Bau einer prachtvollen Grabstätte kritisierte: Der Name der Inschrift könnte »Schebnajahu« lauten.
Jacob Eliahu, Sohn zum Protestantismus konvertierter Juden, tauchte 1880 im Alter von 16 Jahren mit einem Schulfreund der Länge nach durch den Siloatunnel. Beide waren fasziniert von der biblischen Geschichte im 2. Buch der Könige 20,20: »Was mehr von Hiskia zu sagen ist und alle seine tapferen Taten und wie er den Teich und die Wasserleitung gebaut hat, durch die er Wasser in die Stadt geleitet hat, siehe, das steht geschrieben in der Chronik der Könige von Juda.« Jacob tauchte von einem Ende des Tunnels, sein Freund vom anderen, und beide tasteten sich an den alten Meißelspuren entlang. Sobald die Spuren die Richtung änderten, war Jacob klar, dass er die Stelle erreicht hatte, an der die beiden Bautrupps aufeinander getroffen waren, und dort entdeckte er die Inschrift. Als er am anderen Ende auftauchte, stellte er fest, dass sein Freund schon lange aufgegeben hatte; und er erschreckte die einheimischen Araber, die glaubten, in dem Tunnel gebe es einen Dschinn oder Drachen. Als er seinem Schulleiter von der Entdeckung erzählte, sprach die Geschichte sich herum; ein griechischer Händler schlich sich in den Tunnel und schnitt die Inschrift grob heraus, die dabei zerbrach. Die osmanische Polizei erwischte ihn jedoch, und heute befindet die Inschrift sich in Istanbul. Jacob Eliahu schloss sich den evangelikalen amerikanischen Kolonisten an und wurde von der Gründerfamilie der Kolonie, den Spaffords, adoptiert. Als Jacob Spafford unterrichtete er an ihrer Schule und lehrte seine Schüler alles über den Tunnel, erzählte ihnen aber nie, dass er der Junge war, der die Inschrift entdeckt hatte.
Im 1. und 2. Buch Mose gibt es Hinweise auf Kindesopfer, unter anderem Abrahams Bereitschaft, Isaak zu opfern. Menschenopfer wurden lange mit kanaanitischen und phönizischen Ritualen in Verbindung gebracht. Wesentlich später schrieben römische und griechische Geschichtsschreiber diese heimtückische Praxis den Karthagern zu, die von den Phöniziern abstammten. Man fand jedoch nur sehr wenige Indizien, bis zwei französische Kolonialbeamte Anfang der 1920er Jahre auf einem Feld in Tunesien ein Tofet mit vergrabenen Urnen und Inschriften entdeckten. Sie waren mit den Buchstaben MLK (wie Molok, Opfer) versehen und enthielten verbrannte Kinderknochen und die vielsagende Botschaft vom Vater eines Opfers: »Dem Baal gelobte Bomilcar diesen Sohn von seinem eigenen Fleisch. Möge er ihn segnen!« Möglicherweise stammen diese Funde aus der Zeit Manasses, was diese biblischen Geschichten plausibel machen würde. Aus Molok (Opfer) wurde in der Bibel »Moloch«, der Inbegriff des grausamen Götzen, und später in der westlichen Literatur, vor allem in John Miltons Paradise Lost, einer der gefallenen Engel des Satans. Das Hinnomtal in Jerusalem (auch: Gehenna genannt) wurde nicht nur zur Hölle, sondern auch zum Ort, in den Judas seine unrechtmäßig erworbenen 30 Silberlinge investierte; im Mittelalter gab es dort große Beinhäuser.
Josias Reformen stellten einen entscheidenden Schritt in der Entwicklung des Judentums dar. Im Hinnomtal fand man in einem Grab aus jener Zeit zwei winzige silberne Schriftrollen: In das Innere war der priesterliche Segen aus Numeri 6,24ff. graviert, der bis heute Teil des jüdischen Gottesdienstes ist: »Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir.«
Höflinge lebten und arbeiteten oberhalb der Davidsstadt. Dort fand man in einem Haus, das Archäologen als Haus der Tonsiegel bezeichnen, ein Archiv mit 45 Tonsiegeln, die bei der Zerstörung der Stadt durch Brand gehärtet wurden. Offenkundig handelte es sich um ein Sekretariat des Königs. Ein Tonsiegel trägt die Inschrift: »Gemarja Sohn des Schafan«; so hieß laut Jeremia der Schreiber König Jojakims. Im Laufe der Krise starb König Jojakim, ihm folgte sein Sohn Jojachin.
Vom Tempel wurden keine Überreste gefunden – bis auf den winzigen granatapfelförmigen Elfenbeinkopf eines Zepters oder Stabs, wie er bei Prozessionen verwendet wurde; er stammt aus dem 8. Jahrhundert und trägt die Inschrift: »Dem Haus der Heiligkeit gehörend« (manche behaupten allerdings, dieses Fragment sei nicht echt). Jeremia lieferte eine erstaunlich genaue Beschreibung: Nebukadnezars Gefolgsleute schlugen ihr Hauptquartier am Mitteltor der Stadt auf, um Juda zu verwalten; die im Buch Jeremia genannten Namen bestätigt ein Text, der in Babylon gefunden wurde. Nebukadnezar setzte einen königlichen Minister, Gedalja, als Marionettenherrscher in Juda ein, da Jerusalem aber in Trümmern lag, regierte er von der nördlich gelegenen Stadt Mizpa aus und wurde von Jeremia beraten. Als Judäer gegen Gedalja rebellierten und ihn töteten, musste Jeremia nach Ägypten fliehen, wo er von der Bildfläche verschwand.
Zwischen 586 und 400 v.Chr. bearbeiteten und kollationierten die mysteriösen Autoren der Bibel, Schreiber und Priester, die in Babylon lebten, die fünf Bücher Mose, im Hebräischen Thora genannt, und kombinierten die verschiedenen Überlieferungen über Gott, Jahwe und El. Die sogenannten Deuteronomisten erzählten die Geschichte neu und überarbeiteten das Gesetz, um die Unzulänglichkeit der Könige und die Überlegenheit Gottes zu zeigen. Außerdem bezogen sie Geschichten ein, die von Babylon inspiriert waren, wie die Sintflut, die große Ähnlichkeit mit dem Gilgamesch-Epos hat, die Ursprünge Abrahams im nahen Ur und natürlich den Turmbau zu Babel. Das Buch Daniel entstand über einen langen Zeitraum: Einige Teile wurden eindeutig in der Frühzeit des Exils geschrieben, andere erst später. Ob Daniel eine historische Figur ist oder aus mehreren zusammengesetzt wurde, weiß man nicht. Allerdings ist das Buch Daniel voller historischer Ungereimtheiten, die Archäologen anhand von Indizien aufklärten, die sie im 19. Jahrhundert bei Ausgrabungen in Babylon fanden.
Eines von Kyrus’ Toleranzedikten, das man später als Inschrift auf einem Zylinder fand, trug ihm den Beinamen Vater der Menschenrechte ein; eine Kopie steht heute am Eingang zum Gebäude der Vereinten Nationen in New York. Aber er war durchaus kein Liberaler. Als die lydische Hauptstadt Sardis rebellierte, ließ er Tausende der Einwohner töten. Kyrus glaubte an Ahura Mazda, den persischen Gott des Lebens, der Weisheit und des Lichts, in dessen Namen der Prophet der arischen Perser, Zarathustra, das Leben zum Kampf zwischen Wahrheit und Lüge, Feuer und Dunkelheit erklärt hatte. Es gab jedoch keine Staatsreligion, sondern nur diese polytheistische Vision von Licht und Dunkel, die mit dem Judentum (und später dem Christentum) nicht unvereinbar war. Von dem persischen Wort für Himmel – paridaeza – leitet sich unser Wort »Paradies« her, und ihre Priester, die Magier, standen Pate für unser Wort »Magie« und für die drei Weisen aus dem Morgenland, die angeblich die Geburt Christi voraussagten.
Diese Zahl ist eine biblische Übertreibung. Viele Tausende entschieden sich, als Juden im Irak und Iran zu bleiben. Die jüdische Gemeinde Babylons blieb unter den Seleukiden, Parthern und Sassaniden bis zum Abbasidenkalifat und ins Mittelalter hinein groß, reich und mächtig. Babylon entwickelte sich bis zur Mongoleninvasion zu einem nahezu ebenso bedeutenden Zentrum jüdischer Führungsstärke und Gelehrsamkeit. Unter osmanischer und unter britischer Herrschaft erholte sich die jüdische Gemeinde wieder. Aber in den 1880er Jahren begannen in Bagdad (dessen Bevölkerung angeblich zu einem Drittel jüdisch war) Verfolgungen, die unter den Haschemitenkönigen noch zunahmen. Im Irak gab es 1948 etwa 120 000 Juden. Im Iran lebten 1979, als der Schah gestürzt wurde, noch 100 000 Juden. Der überwiegende Teil beider Gemeinden emigrierte nach Israel. Heute gibt es im Iran noch 25 000 Juden und im Irak nur noch 50.
Darius überfiel Zentralasien östlich des Kaspischen Meeres, unternahm Vorstöße nach Indien und Europa, griff die Ukraine an und annektierte Thrakien. Er baute seine prunkvolle Residenzstadt Persepolis im Südiran, förderte den Zoroastrismus und die Verehrung Ahuramasdahs, führte die erste Weltwährung (den Dareikos) ein, baute eine Marine aus Griechen, Ägyptern und Phöniziern auf und schuf das erste funktionierende Postwesen auf der 2700 km langen Königsstraße von Susa nach Sardes, an der er im Abstand von 25 km Poststationen errichten ließ. Die Leistungen seiner 30-jährigen Regentschaft machten ihn zum Augustus des Perserreiches. Aber selbst Darius stieß an seine Grenzen. Kurz vor seinem Tod 486 v.Chr. unternahm er einen Vorstoß nach Griechenland und wurde in der Schlacht bei Marathon 490 v.Chr. geschlagen.
Die Samaritaner entwickelten bereits ihren eigenständigen halbjüdischen Kult auf der Basis eines Judentums, das vor der Einführung der neuen babylonischen Regeln entstand. Unter den Persern regierte in Samaria Sanballats Dynastie als Statthalter. Da sie von Jerusalem ausgeschlossen waren, bauten sie einen eigenen Tempel auf dem Berg Gerizim und begannen eine Fehde mit den Juden und Jerusalem. Wie alle Familienstreitigkeiten beruhte auch diese auf dem Hass über geringfügige Differenzen. Die Samaritaner wurden zu Bürgern zweiter Klasse, die von den Juden als Heiden verachtet wurden; daher war auch Jesu Enthüllung so überraschend, dass es so etwas wie einen »guten Samariter« gab. Heute leben noch etwa tausend Samaritaner in Israel: Lange nach der Abschaffung des jüdischen Opferkults opfern Samaritaner auch im 21. Jahrhundert noch jährlich das Passahlamm auf dem Berg Gerizim.
Tanach bezeichnet im Hebräischen die drei Teile der Heiligen Schrift, »Weisungen«, »Propheten« und »Schriften«, die bei den Christen später als Altes Testament bezeichnet wurden.
Josephs jüdische Familie war gemischter Herkunft und stammte möglicherweise von Tobias dem Ammoniter ab, der gegen Nehemia opponiert hatte. Sein Vater Tobias war ein mächtiger Mann im Umfeld Ptolemäus’ II. – laut Papyrusarchiv eines Hofbeamten namens Zenon machte er Geschäfte mit dem König – und verwaltete ausgedehnte Landgüter in Amnon (im heutigen Jordanien).
Antiochus gehörte der zweiten großen Dynastie an, die aus der Aufteilung des Alexanderreiches durch dessen Generäle hervorgegangen war. Als Ptolemäus I. sich sein Königreich Ägypten sicherte, unterstützte er Antiochus’ Vorfahren Seleukos, einen Offizier Alexanders des Großen, die Herrschaft über Babylon zu übernehmen. Seleukos war ebenso begabt wie Ptolemäus, eroberte den größten Teil der asiatischen Territorien Alexanders und trug daher den Titel König von Asien. Er herrschte über ein Gebiet von Griechenland bis an den Indus, wurde aber auf dem Höhepunkt seiner Macht ermordet. Der Familie war Coele-Syrien zugesagt worden, aber Ptolemäus weigerte sich, das Gebiet zu übergeben: Die Folge waren hundert Jahre lange Kriege um Syrien.
Es war das Zeitalter des Kriegselefanten. Seit Alexander der Große von seinem Indienfeldzug mit einem Elefantenkorps zurückgekehrt war, waren diese gepanzerten Dickhäuter zu den renommiertesten (und teuersten) Waffen eines jeden makedonischen Königs geworden, der etwas auf sich hielt – auch wenn sie häufig statt des Gegners ihre eigene Infanterie zertrampelten. Im Westen kämpften unterdessen die Karthager, Nachfahren der Phönizier aus Tyrus, und die Römer um die Vorherrschaft auf dem Mittelmeer. Hannibal, der brillante karthagische Feldherr, unternahm mit seinen Elefanten eine Invasion über die Alpen nach Italien. Antiochus setzte indische Elefanten ein, die Ptolemäer afrikanische Elefanten und Hannibal eine kleinere, inzwischen ausgestorbene Art aus dem Atlasgebirge in Marokko.
Manche Historiker nehmen an, dass Simon der Gerechte in Wirklichkeit unter Ptolemäus I. regierte. Die Quellen sind widersprüchlich, aber höchstwahrscheinlich war es Simon II., der zur Zeit Antiochus’ des Großen die Stadtbefestigungen wiederaufbaute, den Tempel instand setzte und eine große Zisterne auf dem Tempelberg anlegte. Sein Grab befindet sich nördlich der Altstadt im palästinensischen Viertel Sheikh Jarrah. In osmanischer Zeit fand dort alljährlich ein »jüdisches Picknick« statt, eines der Feste, das Muslime, Juden und Christen in der Zeit vor dem Nationalismus gemeinsam begingen. Heute ist das Grab ein jüdisches Heiligtum und steht im Zentrum israelischer Pläne, in der Nähe eine Siedlung zu bauen. Aber wie so viele Stätten in Jerusalem ist auch diese Grabstätte ein Mythos: Sie ist weder jüdisch noch die Ruhestätte Simons des Gerechten. Vielmehr entstand sie 500 Jahre später und ist das Grab der Römerin Julia Sabina.
Die jüdischen Hauptfeiertage – Passah, Wochenfest und Laubhüttenfest – befanden sich noch in der Entwicklung. Passah war das Frühlingsfest, das nun die beiden älteren Feste des ungesäuerten Brots und des Exodus miteinander verband. Nach und nach ersetzte Passah das Laubhüttenfest als jüdisches Hauptfest in Jerusalem. Als Sukkot hält sich das Laubhüttenfest bis heute; jüdische Kinder bauen dann eine mit Früchten dekorierte Laubhütte. Den Tempeldienst teilten sich die Leviten, also Nachfahren des Stammes Levi, und die Priester, also Nachfahren Aarons, des Bruders von Moses, die eine Untergruppe der Leviten bildeten.
Jason flüchtete wieder und suchte Zuflucht bei dem Tobiadenfürsten Hyrkanus, der ihn unterstützte. Hyrkanus herrschte seit vierzig Jahren über weite Teile Jordaniens und blieb auch noch ein Verbündeter der Ptolemäer, als sie Jerusalem verloren. Er führte Feldzüge gegen die Araber und baute in Araq e-Emir eine luxuriöse Burg mit schönen Schnitzereien und Ziergärten. Als Antiochus Ägypten eroberte und Jerusalem wieder einnahm, sah Hyrkanus keinen Ausweg mehr: Der letzte der Tobiaden beging Selbstmord. Heute sind die Ruinen seines Palastes in Jordanien eine Touristenattraktion.
Das Buch Daniel ist eine Sammlung von Schilderungen, die teils aus dem babylonischen Exil, teils aus der Zeit der Verfolgungen durch Antiochus stammen: Die Episode des Feuerofens beschreibt vielleicht seine eigenen Torturen. Daniels neue Vision eines geheimnisvollen »Menschensohns« inspirierte Jesus. Der Märtyrerkult lebte in den frühen Jahrhunderten des Christentums erneut auf.
Die korrekte Bezeichnung für seine Dynastie lautet Hasmonäer, der Einfachheit halber bezeichne ich sie in diesem Buch als Makkabäer. Die Makkabäer wurden im Mittelalter zusammen mit König Artus und Karl dem Großen zum Prototyp christlichen Rittertums. Karl »Martell« – der Hammer –, der die Araber 732 in der Schlacht von Tours besiegte, Richard Löwenherz im 12. Jahrhundert und Edward I. (1272–1303) stellten sich als späte Makkabäer dar. Später malte Rubens Judas Makkabäus, und Händel widmete ihm ein Oratorium. Die Makkabäer inspirierten vor allem Israel, wo zahlreiche Fußballvereine nach ihnen benannt sind. Als Chanukka-Helden gelten sie bei Juden traditionell als Freiheitskämpfer gegen einen völkermörderischen Tyrannen, einen Vorläufer Hitlers. Inspiriert vom heutigen Kampf zwischen amerikanischer Demokratie und dschihadistischem Terrorismus vertreten manche eine andere Sicht, nach der die Griechen die Zivilisierten waren, die gegen die fanatisch-religiösen Makkabäer als einer Art jüdischer Taliban kämpften.
Dieser neue Hohepriester gehörte nicht einmal der von Zadok abstammenden Dynastie Onias an. Der rechtmäßige Erbe war Onias IV., aber er flüchtete nun mit seinen Anhängern nach Ägypten und fand Aufnahme bei König Ptolemäus VI. Philometer. Philometer erlaubte ihm, an der Stätte eines nicht mehr genutzten ägyptischen Heiligtums in Leontopolis im Nildelta einen jüdischen Tempel zu bauen. Dort schuf Onias sein eigenes Jerusalem, das noch heute Tell al-Jahudiya, Hügel der Juden, heißt. Diese jüdischen Fürsten wurden in Ägypten mächtige Generäle. Onias’ Tempel blieb bestehen, bis Titus ihn 70 n.Chr. zerstören ließ.
VIII(Physkon)14IIII