Thomas Hürlimann
Nietzsches Regenschirm
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Thomas Hürlimann, 1950 in Zug geboren, studierte Philosophie in Zürich und Berlin. Er ist Verfasser zahlreicher Theaterstücke, Erzählungen und Romane, zuletzt ›Vierzig Rosen‹ (2006). Sein Roman ›Der große Kater‹ wurde mit Bruno Ganz in der Hauptrolle verfilmt. Für sein Schaffen wurde Hürlimann mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. dem Rauriser Literaturpreis (1982), dem Joseph-Breitbach-Literaturpreis (2001), dem Jean-Paul-Preis (2003), dem Thomas-Mann-Preis (2012) und dem Hugo-Ball-Preis (2014). Er ist Korrespondierendes Mitglied der Bayerischen Akademie der Künste und Mitglied der Akademie der Künste Berlin. Seine Werke wurden in 21 Sprachen übersetzt. Thomas Hürlimann lebt in Berlin.
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Wenn Nietzsche wanderte, hatte er einen roten Regenschirm dabei. Er hatte ihn dabei, als er im Sommer 1881 in Sils Maria zu einer folgenschweren Wanderung aufbrach. Und er hatte ihn auch dabei, als er an der Jahreswende 1888/89 in Turin auf der Piazza Carlo Alberto ein Pferd umarmte und zusammenbrach. Der rote Regenschirm wird dann wohl auf dem Platz liegengeblieben sein. Denn, so Thomas Hürlimann, wer sich einem Pferd an den Hals wirft, läßt den Schirm fallen … ›Nietzsches Regenschirm‹ folgt den Spuren des großen Philosophen von Sils Maria bis Turin und entzündet, ausgehend vom Bild des Regenschirms, ein wahres Feuerwerk an Geschichten und Ideen. Thomas Hürlimanns erzählerischer Spaziergang ist ein im besten Sinn witziger Text, der (auto-)biographisches Erzählen mit dem Erzählen von Philosophiegeschichte verbindet und uns so geistreich wie unterhaltsam das lehrt, was am Anfang allen Philosophierens steht: das Staunen.
Covergestaltung: hißmann, heilmann, hamburg
Coverabbildung: istockphoto / Stock vector © George Peters
Erschienen bei FISCHER E-Books
© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2015
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ISBN 978-3-10-403739-4
Für Bruno Hitz
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich bin kein Experte, und daß ich trotzdem vor Ihnen auftrete, muß ich mit einem Fragment Nietzsches über den »schauspielerischen Instinkt« rechtfertigen; es lautet: »Der Literat ist wesentlich Schauspieler – er spielt nämlich den ›Sachkunden‹, den ›Fachmann‹.« Sachkundiger und Fachmann in Anführungszeichen.
Um wenigstens als Schauspieler zu bestehen, behelfe ich mir mit einem Requisit aus dem Fundus des Nationalmuseums, einem roten Regenschirm, und ich werde Ihnen eine Figur vorstellen, die sich perfekt für eine Tragödie eignet. Oder für eine Komödie? Die Figur ist der Philosoph Friedrich Nietzsche. »Der Wanderer und sein Schatten« heißt eine seiner Schriften. Sie könnte auch heißen: Der Wanderer und sein Schirm. Aber nicht nur die Tatsache, daß dieser Wanderer mit seinem Schirm unterwegs war, gibt mir das Recht, das Thema Schirm mit Nietzsche zu verbinden – er selbst hat diese Verbindung hergestellt, und zwar in einem Satz, der durch ein Colloquium und einen Text von Jacques Derrida berühmt geworden ist:
»›Ich habe meinen Schirm vergessen.‹«
Wohin der Satz gehört, weiß man nicht. Er fand sich in den ungedruckten Fragmenten und wurde in der großen Nietzsche-Ausgabe von Colli und Montinari unter der Ziffer 12, 175 herausgegeben. Der Satz steht völlig für sich allein, ohne Zusammenhang mit einem Entwurf oder Text, und er ist, was ihn von fast allen anderen Fragmenten / Schnipseln / Splittern unterscheidet, in Anführungszeichen gesetzt. »Vielleicht ein Zitat«, sagt Derrida.
»›Ich habe meinen Schirm vergessen.‹«
Ein vergessener Schirm in einem vergessenen Satz – wir werden darauf zurückkommen. Jetzt wird es allerdings Zeit, sich mit dem Wanderer und seinem Schirm auf den Weg zu machen. Er beginnt im Sommer 1881 in Sils Maria und endet an der Jahreswende 1888/89