Patricia Koelle
Das Geheimnis der Grashüpfer
Ein Inselgarten-Roman
Roman
FISCHER E-Books
Patricia Koelle ist eine Berliner Autorin mit Leidenschaft fürs Meer – und fürs Schreiben, in dem sie ihr immerwährendes Staunen über das Leben, die Menschen und unseren sagenhaften Planeten zum Ausdruck bringt. Bei FISCHER Taschenbuch erschienen bisher, neben Romanen und Geschichten-Sammlungen, die Ostsee-Trilogie und die Nordsee-Trilogie. ›Die Zeit der Glühwürmchen‹, ›Das Lächeln der Libellen‹, ›Die Träume der Bienen‹ sowie ›Das Geheimnis der Grashüpfer‹ gehören zu ihrer Inselgärten-Reihe.
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de
Als Maja das Haus ihrer Großeltern in in der Prignitz erbt, hat sie zwar eine Menge Träume, doch zu wenig Mut, sie zu verwirklichen. In einer alten Truhe entdeckt sie Erinnerungen an ihren Großvater, die Maja auf die Insel Usedom führen. Dort trifft sie auf eine ältere Dame, die sich nicht mehr allein um Haus und Garten kümmern kann. Sie macht Maja das Angebot, auf der Insel zu bleiben und sich darum zu kümmern. Doch was wird aus dem Haus ihrer Großeltern? Über das Online-Magazin »Merlins Garten« erfährt sie von der jungen Altenpflegerin Nelly, die sich mit einem eigenen Seniorenheim selbständig machen möchte. Die beiden Frauen lernen sich kennen und merken bald, dass sie sich gegenseitig helfen können. Und dass ein Neuanfang oft dann möglich ist, wenn man am wenigsten damit rechnet …
Originalausgabe
Erschienen bei FISCHER E-Books
© 2021 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main
© Patricia Koelle 2021.
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Michael Gaeb
Lektorat: Susanne Kiesow
Covergestaltung: www.buerosued.de
Coverabbildung: Mauritius Images/Christian Bäck und www.buerosued.de
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-491424-4
Für alle, deren Träume so lebendig bleiben, dass diese sich noch ändern können.
Und für alle, die das Lied des Sommers nie aus den Ohren verlieren.
Lenzerwische, Prignitz
2017
Vor fünfzig Jahren hatte Maja die Stufen vor der Haustür meist mit einem Satz übersprungen, so leicht schien das Leben und so eilig hatte sie es gehabt hinauszukommen in den Garten, wo der Tag für sie bereit war.
Damals hatte nur dieser eine lange neue Tag Bedeutung gehabt, der sich mit der aufgehenden Sonne aus den Elbwiesen erhob. Kein Gestern. Kein Morgen. Nur das Jetzt. Der geheimnisvolle große Fluss lag für alle unerreichbar hinter dem metallenen Zaun, doch das grüngoldene wispernde Reich des Gartens und der Wiesen mit ihren zahllosen Blüten und Bewohnern wartete immer auf Maja. Deshalb nahm sie die Treppe vor lauter Ungeduld oft mit einem großen Sprung. Wenn sie es übertrieb, kam sie unten zu heftig auf, mit einem Ruck, der in den Knien und Fußgelenken schmerzte und ihren Kopf durchrüttelte. Einmal hatte sie sich dabei sogar in die Zunge gebissen.
»Bist halt kein Grashüpfer, Kind«, hatte Elsie dann mit sanftem Tadel und einem Lächeln gesagt. »Auch wenn der Opa dir das in den Kopf gesetzt hat.« Und dann hatte sie Maja über die Haare gestrichen und halb zu sich selbst gesagt: »Aber ich habe das früher auch so gemacht.«
»Und jetzt nicht mehr, Elsie?«
»Nein. Jetzt nicht mehr.«
Doch Maja hatte einmal durch das Fenster gesehen, wie Elsie es heimlich doch getan hatte. Wahrscheinlich, weil Frühling war und auch Elsie es nicht erwarten konnte, die ersten Pusteblumen zu finden.
Mittlerweile aber war Elsie achtundneunzig und sprang schon sehr lange nicht mehr. Und Maja schwang gerade die Sichel, um den überwucherten Weg für Elsies neuen Rollator freizumachen.
Mit der Sichel umzugehen war sie noch gewohnt. Das war nicht der Grund, warum ihr heute ähnlich zumute war wie damals, als wäre sie viel zu unsanft auf dem Boden gelandet und der harte Ruck hätte alle ihre Knochen und ihr Hirn schmerzhaft erschüttert.
Es lag vielmehr daran, dass vorgestern ihr endgültig letzter Arbeitstag gewesen war.
Ein halbes Leben lang war sie wie ihre Kolleginnen Tag für Tag mit ihrem kleinen Auto für den ambulanten Pflegedienst durch die Stadt gefahren und hatte sich um betagte Menschen gekümmert. Viele davon betreute sie seit Jahren, hatte mit ihnen gelitten und gelacht, geweint und gescherzt, ihnen Neuigkeiten erzählt, sie gewaschen, frisiert und verbunden, hatte ihnen zugehört und unendlich viel von ihnen gelernt.
Und jetzt war sie Frührentnerin. Mit achtundfünfzig, weil ihr Rücken einfach nicht mehr mitmachte. Maja hatte es so lange wie möglich hinausgeschoben, aber nun ging es nicht mehr. Es reichte noch für den Alltag und dafür, Elsie zu helfen, aber eben nicht mehr für den Dienst. Maja war längst nicht die Einzige unter den Altenpflegerinnen, der es so ging. Es war weder schlimm noch ungewöhnlich, aber sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, war schwer.
»Ich werde mich schon noch daran gewöhnen«, sagte sie zu dem Rotkehlchen, das zwischen den Brennnesseln hervorhüpfte und sie fragend ansah. »Schließlich habe ich ein Riesenglück. Ich habe Sebastian!« Wärme erfüllte sie, als sie an ihren Mann dachte und an die Liebe in seinen Augen, als er ihr gestern nachgewinkt hatte.
»Ich möchte übers Wochenende zu Elsie fahren«, hatte sie zu ihm gesagt. »Ist das in Ordnung für dich?«
Er hatte von seinen Büchern aufgesehen und den Stift aus der Hand gelegt. Er widmete ihr immer seine volle Aufmerksamkeit, auch nach all den Jahren. »Natürlich, mein Engel. Ich weiß doch, dass du jetzt Hummeln im Hintern hast. Fahr nur, es wird dir guttun. Und Elsie auch. Ich hole dich dann am Montag ab.«
»Das wäre wunderbar! Ich freu mich drauf.« Sie hatte ihn geküsst und war voller Dankbarkeit. Weil er da war. Immer. Weil sie sich nach all den Jahrzehnten so gut kannten, dass sie einander nichts mehr erklären mussten.
Sebastian hatte sich wieder in seine Studien vertieft. Er war ein wenig älter als Maja und schon seit zwei Jahren pensioniert. Historiker war er und hatte an der Uni gelehrt. Nun schrieb er an einem Buch und war immer noch glücklich und ausgefüllt.
Finanziell hatten sie auch nur selten Sorgen.
Doch anders als Sebastian fühlte Maja sich eben nicht ausgefüllt, schon nach einem Tag nicht mehr. Sie hatte jede Menge Projekte für diese neue Zeit geplant, aber sie war es doch gewohnt, sich nützlich zu machen und gebraucht zu werden! Die Kinder waren schon lange aus dem Haus. Nun war da eine Leere, die ihr Angst machte, auch wenn sie zuversichtlich war, dass sie irgendwie damit fertigwerden würde.
Im Augenblick half es, den Brennnesseln zu Leibe zu rücken, die den alten Plattenweg überwucherten. Der Garten war erschreckend verwildert. Sie hatte seit Jahren nie genug Zeit und Kraft dafür übrig gehabt. Das Grundstück war einfach zu weitläufig, und Maja war viel zu selten hier gewesen. Ihre Großmutter war gern unabhängig und immer noch wunderbar allein zurechtgekommen, mit der Hilfe einer Frau aus dem Dorf, die stundenweise ins Haus kam. Nachdem Elsie sich aber nun endlich bereit erklärt hatte, ihren Stock beiseitezustellen und den Rollator zu benutzen, sollte sie damit auch wenigstens diesen einen Weg wieder benutzen können. Zeit hatte Maja nun ja, und die Kraft musste sie sich eben einteilen, auch wenn es ihr seltsam vorkam.
Seltsam, weil sie hier in ihrem alten Paradies innerlich prompt wieder zum Kind wurde, sobald sie es betrat. Irgendein geheimnisvoller Prozess verschluckte die Zeit, die dazwischenlag. Hier war sie nicht älter geworden, egal, was der Spiegel und das Stechen in ihrer Wirbelsäule behaupteten. »Etwas läuft da schief mit dem Altern«, erklärte sie dem Rotkehlchen. »Äußerlich klappt es, aber innen funktioniert es nicht. Sogar Elsie geht das so. Hat sie gesagt.«
»Weißt du, Kind, ich komme mir so albern vor mit dem Stock, und mit dem Rollator erst recht«, hatte ihre Großmutter gerade vorhin mit einem verlegenen Lächeln erklärt. »Ich habe doch genau hier als kleines Mädchen mit meinem Reifen gespielt. Bin Roller gefahren, da auf dem Weg, und hab da hinten bei den Johannisbeeren meinen Puppen Kuchen serviert. Und später hab ich mit Clemens getanzt, bei Mondlicht, auf der Wiese und unten am Fluss. Auch wenn er nicht mehr da ist, ich fühle mich noch ganz genauso. Nur die Beine machen nicht mehr mit.«
»Stell dir halt vor, der Rollator wäre dein Roller«, hatte Maja mit einem Kloß im Hals vorgeschlagen. »Ich mach jetzt den Weg frei, dann wirst du sehen, wie flott du damit bist.«
Elsie hatte gelacht. Ihr Lachen klang auch nicht alt. »Na, dann mach mal, Kind.«
Dass Elsie sie aus alter Gewohnheit mitunter immer noch »Kind« nannte, trug wohl dazu bei, dass Maja sich hier selbst immer so jung fühlte, sogar heute, als frischgebackene Frührentnerin. Vielleicht auch, dass Maja nie »Oma« zu ihr gesagt hatte oder »Opa« zu Clemens. Darauf hatten sie sich geeinigt, als Majas Eltern vor so langer Zeit im Elbsandsteingebirge verunglückt waren. Maja war während jenes Urlaubs ihrer Eltern bei Elsie und Clemens gewesen. Und da war sie dann geblieben.
»Aber wenn Mama und Papa nicht mehr da sind, dann kann ich doch auch keinen Opa und keine Oma haben«, hatte Maja gesagt, sechsjährig und verstört, weil alles so falsch und durcheinander war. Ihre eine Welt war zerbrochen. Doch die andere war unerschütterlich. Elsie hatte sie fest in den Arm genommen. »Dann sagst du jetzt einfach Elsie und Clemens«, sagte sie. »Das ist immer noch eine Familie. Maja, Clemens und Elsie.«
An ihre Eltern konnte sich Maja nur dunkel erinnern. Ein Lachen, eine Geste, Beine in Strumpfhosen mit einer Laufmasche, der Geruch von Tabak, das Kratzen von Barthaaren beim Gutenachtkuss. An die Wohnung in Cottbus jedoch nicht. Ihr Zuhause war hier in der Prignitz gewesen, im Grunde schon immer. In dem großen alten Haus hinter dem Elbdeich mit den unzähligen Zimmern, den roten Klinkern und den alten Balken unter dem ausladenden Dach, unter das einfach alles passte. Nicht nur all die Mitbringsel aus Clemens’ Seefahrerzeit hatten hier reichlich Platz. Auch Trauer und Glück und Geborgenheit, erzählte Geschichten und Streiche, Kaffeegäste und Freunde und Feste, reiche Ernten und unzählige Haustiere, junge und alte Menschen, Erinnerungen, ein bisschen Strenge, Hoffnungen, Liebe und Träume. Es gab drinnen Stürme und natürlich auch draußen, wenn die Herbstwinde über den Deich fuhren, wie sie es auch jetzt bald wieder tun würden. Dann seufzte das Haus ein wenig, denn es war sogar noch viel älter als Elsie, und ruckelte sich gemütlich zurecht wie eine brütende Henne. Die Balken knackten, die Dielen erzählten von früher, und die Kälte blieb vor der Tür. Das Haus fürchtete sich nie vor dem Winter.
Aber ich vielleicht, zum ersten Mal, dachte Maja, während sie wieder die Sichel schwang. So viele lange, dunkle Tage, und das ohne die gewohnte Arbeit.
»Wie das wohl wird?«, fragte sie das Rotkehlchen, das immer noch neben ihr her hüpfte und nach aufgestörten Käfern Ausschau hielt. Auch eine Bachstelze flog heran, saß einen Augenblick mit wippendem Schwanz auf dem Weg, wo Maja die Steine bereits befreit hatte, und verschwand dann über die Wiese. Wohl wegen der Katze, die nun hinter den Sonnenblumen hervorschlich. Sie war dreifarbig. Eine Glückskatze! Maja hatte sie noch nie gesehen, aber es gab viele Katzen in der Gegend, immer wieder andere. Mäuse huschten genug umher, trotz der vielen Greifvögel. Vor allem, seit der Deich rückverlegt worden war und die Elbe wieder die Freiheit besaß, die Auen zu überfluten, gewann hier eine Vielzahl an Lebewesen ihren Lebensraum zurück.
Der Wind pflückte goldene Blätter von den Weiden und ließ sie ins Gras trudeln. Ein Schwarm Zugvögel näherte sich vom Fluss her und kreiste über dem Haus. Dass es schon so herbstlich war, hatte Maja in der Stadt gar nicht bemerkt. Eigentlich mochte sie diese Jahreszeit sehr – das klare Licht, die satten Farben, die leichte Wehmut in dem Wissen, wie kostbar jeder warme, bunte Tag war.
Dieses Jahr war es anders. Sie wollte sich an das klammern, was gewesen war, und wusste doch, dass das nichts half und gar nicht gut war. Clemens wäre enttäuscht von ihr. Er hatte sie anderes gelehrt.
»Kind! Komm! Pause!«, rief Elsie von der Terrasse her und hob etwas mühevoll einen Krug.
»Ich komme gleich!« Maja wischte die Sichel im Gras sauber. Wenn sie morgen ein ebenso langes Stück des Weges bewältigte und dann alles fegte, würde ihre Großmutter wieder bis zu dem Platz kommen, wo das Herz des Gartens schlug.
»Ich bin da schon lange nicht mehr gewesen«, hatte Elsie gestern leise gesagt, und Maja hatte sich geschämt, dass sie nicht eher auf dem Rollator bestanden hatte. Dass Elsie mit dem Stock so gar nicht mehr zurechtkam, war ihr nicht bewusst gewesen, vor lauter Papierkram und Abschiedsfeiern bei der Arbeit.
Aber Elsie hatte den Rollator ja nie gewollt. Nun sollte der Garten sie so sehr locken, dass sie sich an das neue Hilfsmittel gewöhnte. Wenn das keine Motivation war, was dann?
Das schräge Licht der Herbstsonne wärmte die roten Steinfliesen auf der Terrasse, die so alt waren wie das Haus. Maja hatte darauf Laufen gelernt und kannte jeden einzelnen Riss, in dem sich Moos breitmachte. Auch die hölzernen Möbel hatten scheinbar ewig gehalten. Jetzt fingen sie an zu splittern, und das eine Tischbein wies eine weiche Stelle auf. Holzwürmer? Ich muss mich darum kümmern, dachte Maja.
Es gab hier viel, um das man sich kümmern musste, aber eigentlich war es nie anders gewesen. So war das mit alten Häusern, die schon jede Menge erlebt hatten. Und mit den Menschen war es genauso.
»Morgen gehen wir zusammen in den Garten, Elsie«, sagte Maja.
»Vielleicht, Kind«, sagte ihre Großmutter vage. »Trink erst mal dein … dein Blätterwasser.« Sie schob Maja das Glas hin und lehnte sich zufrieden zurück. Sie hatte kalten Kräutertee gemacht, mit Eiswürfeln darin, so wie Maja es mochte. Nur das richtige Wort war ihr wieder einmal nicht eingefallen. Sie hatten sich beide daran gewöhnt. In Elsies Alter konnte man daraus wirklich kein Problem mehr machen. Sie fand dann immer ein anderes Wort, und Maja wusste meistens sofort, was sie meinte. Oft fand sie Elsies Wort sogar besser als das eigentliche.
Da Elsie so zufrieden aussah, entspannte sich auch Maja. Sie war angenehm müde von der Gartenarbeit. Die half hervorragend gegen Grübeln. Auch das hatte sie fast vergessen. Seit ihrem Abschied vom Pflegedienst hatte sie sich nicht mehr so gut gefühlt.
Nun ja, das war noch nicht lange her. Erschreckend lang erschien dagegen die Zeit, die sich vor ihr erstreckte. Obwohl die Herbstsonne noch so viel Wärme in sich trug, überlief Maja ein Frösteln. Ihr ging es ja schon wie ihren Senioren! Wie oft hatten diese von der Furcht vor dem Winter erzählt. Nicht nur, weil die Kälte in verschiedenen Knochen schmerzte, sondern weil mit Winterbeginn auch immer die Angst kam, dass sie nie wieder einen Sommer sehen würden, dass der vergangene tatsächlich der unwiderruflich letzte für sie gewesen war. Maja hatte sich dann gewünscht, sie könne ihnen diese Angst nehmen, könne die ganze kalte Jahreszeit ungeschehen machen und den Frühling auf der Stelle herbeizaubern.
Sie hätte ihnen allen einen Garten gegönnt, in dem es auch bei Frost und in den ganz kurzen Tagen blaue und leuchtend rote Beeren gab, wo der gelbe Winterjasmin durchweg von Dezember bis März blühte und die Schneeforsythie gleich nach Weihnachten, wo sich die Winterlinge im Januar durch die Schneedecke arbeiteten und im Februar die Schneeglöckchen, und wo die Wiese im März zu einem Teppich aus zartvioletten Elfenkrokussen wurde. Ein Blick aus dem Fenster würde ihnen zeigen, dass das Leben nicht vorbei war, dass es auch im Winter andauerte und jeder Morgen es wert war, begrüßt zu werden.
Elsie hatte das genau so beschrieben, als Maja sie vor Jahren gefragt hatte, ob sie vielleicht zu ihr in die Stadt ziehen wollte, wo sie nicht allein wäre. Oder lieber in ein Seniorenheim, wo sie Freunde finden und mit ihnen über ihre Angst sprechen könnte.
»Aber Kind«, hatte Elsie gesagt, »ich habe keine Angst! Hier nicht. Hier, wo mich das Rotkehlchen besuchen kommt und das Eichhörnchen. Und die Rosen, die blühen noch im November, und die Stockrosen auch manchmal. Etwas blüht immer – wie sollte ich da Angst haben oder mich allein fühlen? Nein, solange ich noch irgendwie zurechtkomme, rühre ich mich hier nicht vom Fleck! Außerdem ist Clemens hier. Hier gehöre ich hin.«
Clemens war da schon lange tot, aber Maja wusste genau, was Elsie meinte. Auch sie spürte den Großvater überall. Im Flur, wenn die Treppe unter ihren Schritten knarrte. Im Gartenhaus, wenn sie ein Werkzeug suchte. Beim Einschlafen, wenn die alten Balken knarzten und sich manchmal anhörten wie seine Stimme beim Vorlesen. Und vor allem im Garten, dort, wo das bronzene Schiff stand und die Lilienblüten und die Grashüpfer von Liebe sangen.
O ja, Clemens war hier, und Elsie gehörte hier ebenfalls hin, daran war nicht zu rütteln. Und das war gut so, denn einen anderen Gedanken hätte Maja kaum ertragen können. Zum Glück war ihre Großmutter so rüstig wie viele ihrer Generation. Nichts konnte sie erschüttern. Sie hatte den Krieg durchgestanden, die Mauer überlebt und den Tod ihres geliebten Mannes verkraftet. Das bisschen Alter konnte ihr noch lange nichts anhaben. Erst in letzter Zeit fiel es ihr schwerer, die Worte zu finden, die sie suchte, sich daran zu erinnern, was gestern gewesen war, und das Gleichgewicht zu halten.
Wenigstens habe ich jetzt mehr Zeit für Elsie, dachte Maja, auch wenn ihr die anderen Patienten fehlen würden. Zu einigen hielt sie noch Kontakt, und eine Weihnachtsüberraschung wollte sie auch vorbereiten.
»Du warst heute so fleißig«, sagte Elsie. »Du solltest noch ein bisschen ans Wasser hinuntergehen. Das tut dir gut. Ich sehe doch, dass du Kummer hast.«
»Es ist kein großer Kummer, Elsie. Nur, ein Abschied macht nun mal traurig. Das geht vorbei.«
»Nein«, sagte Elsie, »das geht nicht vorbei. Nie. Aber es gehört dazu. Die Freude über das, was war, auch. Wie die dunklen Rosen und die hellen.«
Maja stand auf und umarmte sie. »Da hast du recht. Und deine Rosen sind immer noch die schönsten, die ich je gesehen habe.«
»Ja. Clemens hat sie gepflanzt. Und die alten hat er gerettet. Für mich.«
»Ja. Für dich. Ich weiß noch, wie er sich jeden Morgen, wenn er nach dem Frühstück hinausging, zuerst darum gekümmert hat. Ich finde, diesen Sommer waren sie besonders schön.«
»Ja. Sie erinnern sich auch. Geh ein bisschen ans Wasser, Kind.« Elsie schloss die Augen mit einem Lächeln und verfiel in eines ihrer häufiger werdenden Nickerchen. Maja legte ihr eine Decke über die Knie und ging ums Haus. Es gab keine Wand, an der nicht eine Rose rankte. Dunkelrote, orangefarbene, rosafarbene, goldgelbe, weiße oder pfirsichfarbene. Immer noch schwer vor Blüten hingen die Ranken in die Fenster und über die vielen Bänke, die für eventuelle Gäste an der sonnenwarmen Wand standen. Auch damit musste sich Maja bald befassen. Die Ranken mussten angebunden werden, die verwelkten Blütenköpfe abgeschnitten.
Doch Majas Rücken schmerzte. Heute würde sie es nicht mehr schaffen, also befolgte sie Elsies Rat, ging zum Gartentor hinaus und stieg auf den Deich, hinter dem die Elbe auf sie wartete, der breite Fluss aus Licht, der so nahe war und den sie dennoch erst nach dem Mauerfall kennengelernt hatte. Dabei hatte Clemens sie als Baby vor dem Mauerbau noch mit Elbwasser getauft.
Vom ersten Tag an war der funkelnde Fluss ihr Freund, Ratgeber und Trostbringer gewesen, in jeder Lebenssituation.
Oben auf dem Deich, als Silhouette vor dem Himmel, der sich bereits leicht orange färbte, saß die Glückskatze und putzte sich.
Maja mochte es, wie man zuerst nur diesen hellen, weiten Himmel sah, wenn man auf den Deich stieg. Dann, wenn man auf der Krone stand, breitete sich die ganze Elbaue vor einem aus. Von hier blickte man noch nicht auf den Fluss. Dafür war das Gras wie ein grünes Meer, in das der Wind Wellen drückte. Wolkenschatten wanderten darüber hinweg wie dicke Schafe. In der Ferne grasten braune Kühe. Hier und da standen Weiden oder eine Reihe alter Eichen.
Das Gras war nicht nur einfach grün, es wirkte bei jedem Licht anders. Durch die vielen Wildpflanzen, die hier gediehen, gab es auf der weiten Fläche alle Farbschattierungen. Von Hellgelb bis Dunkelgrün, Orangerot bis Rostrot, hier und da ein Hauch von Blau. In der Ferne verschwammen die Farben wie zu einem Aquarellgemälde. Maja konnte sich niemals daran sattsehen. Sie hockte sich für einen Augenblick zu der Katze und kraulte sie, dann lief sie los.
Es wanderte sich gut hier oben auf dem neuen Deich. Rechts lagen alte Häuser und Höfe, jeder mit seinem eigenen Charakter. Leider verfiel eine große Zahl von ihnen, vor allem die Nebengebäude. Die Dächer einiger Scheunen bestanden nur mehr aus nackten Balken, von anderen standen bloß noch einzelne Wände, aus denen Hölzer wie Rippen staken und der Lehm bröckelte. Es tat Maja weh, das zu sehen. Am liebsten hätte sie jedes dieser Gebäude gerettet. Was für ein Glück, dass Elsie ihr Haus niemals aufgegeben hatte! »Es ist ein Teil von mir. Ich bin hier geboren. Wir gehören zusammen und haben immer gut miteinander gelebt, auch in schweren Zeiten. Es war meine erste große Liebe, vor Clemens. Und jetzt ist es die einzige Liebe, die mir geblieben ist«, hatte sie erklärt.
Aber es war Clemens gewesen, der dem Haus den Namen »Elbschwarm« gegeben hatte, wie es auf dem Schild über der Tür stand. »Denn kaum hatte ich Elsie kennengelernt, war sie schon mein großer Schwarm«, erklärte er mit einem Augenzwinkern, wenn ein Gast danach fragte, und küsste Elsie. »Und sie und das Haus waren unzertrennlich.«
»Ich habe den Namen nur akzeptiert, weil es so gut zu den Schwärmen der Zugvögel passt, die bei uns in der Elbaue Rast machen«, erwiderte Elsie, die jedes Mal rot wurde, wenn Clemens das sagte.
Früher, noch lange vor Elsies Geburt, war das Haus eines der typischen Hallenhäuser der Prignitz gewesen, in denen einst nicht nur die Wohnstuben der Bauern, sondern auch die Ställe und der Heuboden untergebracht waren. So wärmte man sich gegenseitig.
Später dann war das nicht mehr üblich, die Tiere wurden ausgelagert, die Vorratshaltung auch, und die Häuser nach und nach umgebaut.
Als Elsie dort aufwuchs, war es immer noch ein Bauernhof mit Feldern und Vieh. Er gehörte ihrer Mutter. Ihr Vater war bei der Polizei und hatte in den Hof eingeheiratet. Für die Landwirtschaft interessierte er sich kaum, auch wenn er es anfangs versuchte. Aus dem Ersten Weltkrieg jedoch kehrte er mit einem kaputten Bein und einem schlecht geheilten Lungendurchschuss zurück, und so war es Elsies Mutter, eine tüchtige Frau, die mit Hilfe einiger Angestellter die Arbeit verrichtete. Elsie, die ein Jahr nach seiner Heimkehr geboren wurde, war der ganze Stolz ihres Vaters, der sich mehr als die Mutter, die wenig Zeit hatte, um sie kümmerte. Als Elsie siebzehn war, wurde die Mutter, die mit ihren Kräften am Ende war, krank und starb.
»Lass uns das Haus verkaufen, Elsie«, hatte ihr Vater damals gesagt, der immer öfter in Depressionen verfiel. Elsie war da bereits sehr selbständig, und er fühlte sich noch hilfloser in Bezug auf die Arbeit als zuvor schon.
»Ich habe eine ganze Nacht darüber nachgedacht«, hatte Elsie Maja gestanden. »Und dann bin ich hinunter an den Fluss gegangen. Der Mond schien. Ich fühlte mich furchtbar allein, aber als ich das Licht auf dem Wasser und den Wiesen sah, und wie der Fluss so ruhig und ungestört seinem Weg folgte, da wusste ich, ich könnte es schaffen mit dem Haus! Was ich nicht konnte, war fort von hier zu gehen. In der Ferne sah ich eine dieser verfallenden Scheunen wie ein Gerippe vor dem Himmel stehen. Das konnte ich nicht zulassen, nicht bei uns!«
Also krempelte Elsie die Ärmel hoch, setzte sich mit anderen Landwirten und ihren Angestellten zusammen und fasste einen Plan. Ein Großteil des Viehs wurde verkauft, einige Felder verpachtet und das Haus weiter umgebaut und renoviert. Nun gab es Zimmer, wo einst die Ställe gewesen waren, und auch oben, anstelle des Heubodens. Elsie strich Wände und sammelte in der Umgebung Möbel, die nicht mehr gebraucht wurden, und dann vermietete sie diese Zimmer. An Menschen, die sich von der Stadt erholen wollten, und an Menschen, die in der Gegend für eine Weile arbeiteten. Es sprach sich herum, wie heimelig es bei Elsie war, wie lecker die Verpflegung und wie schön die Landschaft, und die Zimmer waren bald meistens belegt. Elsie hatte ihr Auskommen. Das Haus war gerettet, auch wenn ihr Vater die Fremden nicht gerne sah. Selbst, als er schließlich starb und seine Rente wegfiel, kam sie zurecht.
Maja war voller Dankbarkeit, dass Elsie niemals aufgegeben hatte. Nicht auszudenken, wenn sie nicht hier hätte aufwachsen können und den »Elbschwarm« das gleiche Schicksal ereilt hätte wie viele dieser Höfe! Jetzt folgte sie dem Deich bis hin zu dem Pfad, der mitten durch die Auenwiesen hinunter zur Elbe führte. Er war so schmal, dass man ihn kaum sah, wenn man nicht wusste, dass er da war, so lang waren jetzt die Gräser.
Elsie hat es damals so viel schwerer gehabt als ich, dachte Maja. Sie hat nicht gewusst, wie es weitergehen sollte. Dann hat sie einen Plan gefasst und eine Entscheidung getroffen. Und ich bin bedrückt, nur weil für mich ein neuer Lebensabschnitt anfängt und ich noch nicht weiß, wie er aussehen wird?
Doch Jahrzehnte eines Berufs, den sie mit Leidenschaft ausgeübt hatte, waren nicht so einfach abzustreifen wie ein altes Kleidungsstück.
Am Anfang des Pfades stand ein Fahrrad. Maja zögerte. Sie hatte sich darauf gefreut, am Wasser allein zu sein, aber nun war sie einmal hier und mochte nicht umkehren.
Ihre Socken in den Sandalen waren nass vom abendlichen Tau, als sie unten ankam. Auf ihrem Lieblingsplatz, der Landzunge, die in den Fluss hineinragte, stand eine große, schlanke Silhouette. Der Mann blickte neugierig den Fluss erst hinab, dann hinauf. Maja nickte ihm höflich zu, als er sie bemerkte, und bückte sich, um ihre Schuhe und Socken auszuziehen. Sie ließ beides stehen und watete ein kleines Stück ins Wasser. Es roch nach der wilden Kamille, die hier überall wuchs. So vertraut war dieser Duft nach Kindheitssommern, und auch das Wasser fühlte sich an wie eine verständnisvolle Berührung. Ich kenne dich, schien es ihr zu sagen, alles wird gut.
»Schön hier, nicht wahr?«, sagte der Mann, der unbemerkt näher getreten war. Maja blickte zu ihm auf. Er war ungefähr in dem Alter ihres Sohnes Luca. Unwillkürlich lächelte sie ihn an. Er erinnerte sie ein wenig an Sebastian in dem Alter. Sie waren oft zusammen hier gewesen, kurz nachdem sie sich kennengelernt hatten. Sebastian wusste, wie gern sie hier war. Ihm hatte es auch gefallen. Es war ein schöner Beginn ihrer gemeinsamen Geschichte gewesen. Er hatte sofort begriffen, was Maja an dieser Landschaft immer wieder aufs Neue verzauberte, so vertraut sie auch war. Schließlich änderte diese sich ständig.
»Ich weiß«, sagte Maja. »Ich bin hier aufgewachsen.«
»Ach, wirklich?« Der Fremde kam noch einen Schritt näher. »Ich mache eine Tour durch die Prignitz und bin auf dem Elberadweg unterwegs. Hinter jeder Biegung erscheint mir alles noch schöner. Was für eine faszinierende Gegend! Ich studiere Biologie, wissen Sie. Ich habe noch nirgendwo anders eine solche Vielfalt von Wildkräutern gesehen. Und Insekten. Da zum Beispiel!«
Er hockte sich hin und ließ eine knallbunte Raupe auf seine Hand klettern. Sie war so groß wie sein Finger, trug ein gebogenes Horn am Hinterteil und am ganzen pechschwarzen Körper ein wildes Flecken- und Streifenmuster in Weiß und Rot.
»Wissen Sie zufällig, was für eine Art das ist? Ich denke, eine Art Schwärmer. Aber welche?«
»Das ist die Raupe vom Wolfsmilchschwärmer«, sagte Maja, die hier oft genug Raupen gesammelt hatte, um später den Puppen beim Schlüpfen zuzusehen. »Sie fressen die giftige Wolfsmilch, um selbst giftig für Vögel zu werden. Raffiniert.«
Diese Art Nachtfalter war schon vor langer Zeit eingewandert, doch jetzt wieder selten geworden, weil es kaum noch das passende Biotop für sie gab. Die bizarren Raupen waren die realen Drachen ihrer Kindheit gewesen, vor denen sie sich nie gefürchtet hatte, denen aber immer etwas Mystisches anhing.
»Aha, danke!« Der Mann setzte das Tier sanft zurück. »Sagen Sie, wenn Sie sich hier auskennen – warum nennt man die Gegend eigentlich die Lenzer Wische?«
»Wische ist das niederdeutsche Wort für Wiese. Der Ort Lenzerwische hat seinen Namen erst vor einigen Jahren durch den Zusammenschluss mehrerer Gemeinden erhalten. Im Grunde aber ist dieses ganze Gebiet zwischen Löcknitz und Elbe, das wie eine Insel zwischen den Flüssen liegt, die Lenzer Wische.«
»Aha, verstehe. Und noch eine Frage: Ich habe vor einer Weile ein Schild gesehen, das auf einen sogenannten ›Bösen Ort‹ hinwies. Können Sie mir sagen, was es damit auf sich hat? Das scheint mir so gar nicht in die Gegend zu passen.«
Maja setzte sich auf einen angeschwemmten Baumstamm. Ihr wissensdurstiger Gesprächspartner folgte ihrem Beispiel. »Der Name bezieht sich auf einen Ort, an dem die Elbe an einer verengten Stelle eine fast rechtwinklige Biegung macht. Die davon geplagten Binnenschiffer haben den Namen geprägt. Dazu kommt, dass dies bei Hochwasser eine sehr kritische Stelle war. 2002 musste man mit vielen Sandsäcken darum kämpfen, dass der Deich hielt, denn dort drückte die Elbe nicht nur seitlich, sondern auch frontal darauf. Sie können sich vorstellen, was da für Kräfte am Werke waren! Drei Jahre später begann man, einen Plan umzusetzen, von dem schon vorher eine Zeitlang die Rede war. Der alte Deich wurde rückverlegt, um dem Wasser mehr Raum zu geben. Das heißt, man hat landeinwärts einen neuen gebaut, und als er fertig war, hat man den alten an mehreren Stellen durchbrochen.«
»Ich habe davon gelesen. Man hat die Gelegenheit zugleich genutzt, um ein Naturschutzgroßprojekt zu verwirklichen. Das wollte ich mir gerne ansehen.«
»Ja, die Feuchtwiesen und auch die Auenwälder wurden durch das Trockenlegen für die landwirtschaftliche Nutzung in großen Teilen zerstört. In den späten sechziger Jahren hat man das Gebiet hier mit enormem Aufwand entwässert, um die Erträge zu steigern. Mein Großvater war darüber sehr traurig.«
»Aus gutem Grund. Mit den Feuchtwiesen ging ein wichtiges Biotop für viele Pflanzen und Lebewesen verloren. Es gibt zu viele Orte, an denen das geschehen ist. Das ist so schade.« Er runzelte die Stirn.
»Ja. Aber hier ist es zum Glück tatsächlich gelungen, es wiederherzustellen. Es wird natürlich dauern, ehe sich der Baumbestand erholt, aber man pflanzt nach und nach etwas an. Es wurden über eine Million Tonnen Erde bewegt, ist das nicht beeindruckend? Als es 2013 das schlimme Hochwasser gab, konnte der Wasserspiegel dadurch um fast einen halben Meter abgesenkt werden. Ich war damals nicht oft hier, aber wenn, war es wohltuend zu sehen, wie sich alles veränderte und was der Mensch wieder in Ordnung bringen kann, wenn er nur möchte.«
»Ja, ein Lichtblick!«, sagte er. »Ich habe auf den Schildern gesehen, dass die Elbtalaue Lebensraum für über hundertfünfzig Vogelarten ist und außerdem zehn Amphibienarten nachgewiesen wurden, sogar sechs von der Roten Liste. Zum Beispiel die Rotbauchunke. Das nenne ich einen Erfolg! Aber die Herde Wildpferde, die ich glaubte, gesehen zu haben, war sicher eine Halluzination, oder?«
Maja lächelte. »Nein, das sind tatsächlich Wildpferde. Die Rasse nennt sich Liebenthaler Wildlinge. Sie dienen der Landschaftspflege und sollen auf dem Gebiet eine halboffene Weidelandschaft erhalten.«
»Und gleichzeitig haben sie ein schönes Leben. Großartig!«
Maja und der Fremde sahen noch eine Weile auf den Fluss, dann stand er auf. »Vielen Dank für Ihre Auskünfte. Ich will Sie nicht weiter belästigen. Ich muss auch weiter. Wenn ich irgendwann Lehrer bin, werde ich meinen Schülern von diesem gelungenen Projekt erzählen. Das macht wirklich Hoffnung.«
»Ja, tun Sie das. Alles Gute weiterhin!«
Maja sah ihm nach. Er war so voller Schwung und Begeisterung. Sein Berufsleben würde erst beginnen. Sie konnte sich noch erinnern, wie sich das anfühlte. Das war erschreckend lange her. Wie sehnte sie sich nach dieser Aufbruchsstimmung!
Aber ging das noch in ihrem Alter?
Sie warf einen Kiesel ins Wasser, wie sie es früher getan hatte, und tröstete sich damit, dass sich wenigstens noch dieselben Ringe ausbreiteten. Doch, man konnte immer etwas bewegen, man musste nur damit anfangen.
Im Wasser lag noch mehr Sommerwärme, als sie angenommen hatte. Das Ufer war sandig hier am Rand, erst oben auf der Landzunge lag der Kies, zwischen dem Wolfsmilch und Kamille wucherte, Labkraut, Königskerze und wilder Thymian. Der Sand hatte eine wärmere Farbe als an der See, und doch musste Maja, während sie ihre Zehen darin bewegte, unversehens an Usedom denken. Seltsam, warum gerade heute? Das war so ewig her. Sie musste lange überlegen. Fünfundvierzig Jahre! Sie war dreizehn gewesen, als Clemens sich plötzlich nicht mehr in der Lage sah, in den Ferien dorthin zu fahren. Er hatte gesundheitliche Gründe vorgeschoben, aber sie hatte das Gefühl gehabt, dass da mehr dahintersteckte. Er wollte einfach nicht mehr. Zumindest hatte sie sich das damals eingebildet und war ein wenig wütend auf ihn gewesen. Dann aber wurde der Sommer an der Elbe so schön, dass sie ihren Ärger vergessen hatte. Im nächsten Jahr war kaum noch die Rede davon, dass sie in früheren Jahren Sommer für Sommer auf die Insel an der Ostsee gefahren waren.
Clemens’ Argument, dass es ihm dort zu voll geworden war, war nicht von der Hand zu weisen. Die ganze DDR schien damals an der Ostsee Urlaub zu machen. Es war günstig, und viele Alternativen gab es ja nicht. Man bekam nicht immer einen Platz in einem der Ferienheime, aber Clemens hatte dort jemanden von früher gekannt, der zwei Zimmer in einer Privatwohnung vermietete. Das war ein Glücksfall. Frau Zwicken war die Cousine eines früheren Kriegskameraden von ihm. Der Kamerad war im Krieg gefallen, erzählte Clemens, aber sie hatten sich schon in ihrer Jugend gekannt und viel schöne Zeit zusammen auf Usedom verbracht. Er fuhr gern dorthin, um sich an diesen Helmut zu erinnern und an die guten alten Zeiten.
Usedom, das war Softeis und Planschen im Wasser. Clemens, der Maja auf seinem Rücken trug und in die Wellen warf, wo es flach war, und sie vor Vergnügen quietschte. Usedom war Sandburgen bauen und Elsie, die ihr die Schultern und die Nase eincremte und den Sand aus den Haaren kämmte.
Abends auf dem Balkon spielten sie Rommé und Mau-Mau. Und Schummellieschen. Clemens konnte wunderbar schummeln. Elsie überhaupt nicht. Maja versuchte, von Clemens zu lernen, aber beim Schummeln gelang ihr das nur selten. Dafür brachte er ihr andere Dinge bei. Viele andere Dinge. Aber erst zu Hause, nicht auf Usedom. Dort war er, wenn sie nicht gerade herumalberten, ungewöhnlich still und schweigsam.
»Der Clemens muss sich mal entspannen. Dafür ist Urlaub ja gedacht«, hatte Elsie erklärt, wenn Maja sich wunderte oder beschwerte. »Lass ihn einfach in Ruhe.«
Als Maja älter wurde und die Geschichte von dem gefallenen Kriegskameraden hörte, dachte sie sich, dass Clemens die Erinnerung an seinen Freund gewiss manchmal traurig machte, und dann brachte sie ihm ein Stück Kuchen von ihrem Taschengeld, drückte ihn und ließ ihn in Frieden.
Zurück an der Elbe erzählte er dafür umso mehr. Zum Beispiel von den Grashüpfern, die er so mochte, dass er sogar ein Kinderbuch darüber geschrieben und gezeichnet hatte, nachdem er nicht mehr zur See fuhr. Die Zeichnungen waren sehr schlicht, da Clemens kurz vor Ende seiner Kapitänslaufbahn bei einem Sturm zwei Finger verloren hatte, als er sich in einem Tau verfangen hatte. Dennoch oder vielleicht gerade dadurch besaßen sie einen eindringlichen Charme. Maja liebte das Buch vom kleinen Grashüpfer Tim.
Das Konzert der Grashüpfer begann meist gerade dann so richtig, wenn sie aus den Ferien zurückkehrten. Überall hüpfte es plötzlich, flirrte und sprang und trällerte. Meist waren sie so schnell, dass man die kleine Gesellschaft auf der Wiese und unter den Blättern nur huschen sah, und schon waren sie wieder fort. Kobolde waren es, flüchtige Wesen, die Maja neckten und in die Irre führten, wenn sie sie zu fangen versuchte.
Auf Usedom war sie seither nie wieder gewesen. Erst war da ihre Ausbildung, dann Clemens, der immer kränker wurde, und schließlich hatte sie Sebastian kennengelernt. Mit ihm fuhr sie dorthin, wo er alte Handelswege erforschen konnte, und das war nicht an der Ostsee. Die Hanse interessierte ihn kaum, über die wusste man schon so viel, fand er.
Auch jetzt und hier sprangen jede Menge Grashüpfer in den Kräutern umher und fingen die letzte Wärme der Sonne zwischen den aufgeheizten Steinen ein. Maja hockte sich hin und sah ihnen zu. Einer sprang über ihren Fuß und blieb einen Augenblick vor ihr sitzen. Eine Goldschrecke, wenn sie sich richtig erinnerte.
»Wo hängen denn die Grashüpfer ihre Puppen auf?«, hatte sie Clemens einmal gefragt. Damals hatte Elsie ihr gerade gezeigt, wie die Raupen sich verpuppten und später aus den Puppen ein Schmetterling schlüpfte. Maja fand es unendlich spannend, wie aus diesem kleinen braunen Ding etwas so Schönes entstehen konnte.
»Grashüpfer verpuppen sich nicht. Aus den Eiern schlüpfen kleine Larven, die sehen schon fast so aus wie die erwachsenen Grashüpfer. Sie häuten sich einige Male, während sie größer werden. Wenn ihnen die alte Haut zu eng wird, streifen sie sie einfach ab. Darunter tragen sie eine neue, die besser zu ihnen passt. So verändern sie sich mindestens fünfmal, bevor sie die letzte Haut ablegen und richtige Grashüpfer mit Flügeln werden.«
Eigentlich ist das einfacher, als sich mit einem Mal so sehr zu verwandeln wie die Schmetterlinge. Man muss nur mehr Geduld haben, dachte Maja. Ich habe schon so oft eine alte Haut abgelegt und mich verwandelt. Damals, als Mama und Papa verunglückt sind. Dann, als ich mit der Schule fertig war und Altenpflege gelernt habe. Und dann wieder, als ich Sebastian geheiratet habe, und später, als ich Mutter wurde. Jetzt muss es mir eben noch einmal gelingen. Jetzt muss ich meine Berufshaut ablegen. Das wäre das fünfte Mal. Danach müsste ich eigentlich meine Flügel bekommen.
Wenn Grashüpfer flogen, starteten sie nicht vom Boden aus. Sie sprangen erst ganz hoch, und oben dann breiteten sie ihre Flügel aus.
Maja musste also nur den Mut finden zu springen – doch wohin?
Die Sonne verschwand hinter den Weiden, aber ein letzter Glanz des Tages lag noch silbrig blau auf dem Wasser. Das Konzert der Grashüpfer schwoll an, ein Fisch sprang mit einem Platschen, doch davon abgesehen herrschte rundherum Ruhe. Gemächlich zog der Fluss seines Weges. Die Kräuter dufteten. In Maja wurde es still.
Es war einfach zu schön hier, um traurig zu sein.
Für die Grashüpfer war es bestimmt auch nicht einfach, sich aus ihren alten Häuten zu schälen. Doch all jenen, die hier am Elbufer in den neu belebten Wiesen ihre Stimmen erhoben, war es gelungen.
Die Herbstsonne schien auf Majas Nase und weckte sie. Zuerst telefonierte sie mit Sebastian, weil die Nacht ohne ihn so lang gewesen war. Dann lief sie barfuß zum Fenster, öffnete es weit und lehnte sich hinaus. Draußen funkelte der Tau auf dem Gras. Die feinen silbernen Spinnfäden des Altweibersommers glänzten in der Luft. Es roch würzig nach fallenden Blättern und reifen Äpfeln.
Elsie schlief jetzt immer ein wenig länger, in der Küche rührte sich noch nichts. Maja hätte ihrer Großmutter gern einen Tee ans Bett gebracht, aber Elsie lehnte das jedes Mal strikt ab. »Ich kann noch sehr gut aufstehen. Damit fangen wir gar nicht erst an«, sagte sie dann oft.
Dafür aber mochte sie es, wenn Maja ihr abends noch etwas vorlas, wenn sie bereits im Bett war. Am liebsten aus der neuen Zeitschrift »Mervins Garten«, die Elsie abonniert hatte. Es war das einzige Abonnement, das sie je abgeschlossen hatte. »Diese Leute verstehen etwas von Gärten und wie sie sein sollen, wenn man darin glücklich sein möchte, und die Pflanzen und Tiere auch«, sagte sie.
Zwar spürte man deutlich, dass es nicht mehr Sommer war, aber es war trotzdem ein milder, windstiller Morgen. Maja konnte nicht widerstehen. Sie griff in eine Dose, die stets auf dem Tisch bereitstand, stieg im Schlafanzug aus dem Fenster und lief zum Karpfenteich, am alten Birnbaum vorbei, um dessen abgestorbenen Stamm großzügig eine Rose wucherte. Der herbsüße Duft der letzten dunkelroten Blüten folgte ihr. Die Wolken spiegelten sich auf der stillen Oberfläche, und darunter bewegten sich wie Geister die grauen Silhouetten der Karpfen. Es sah aus, als würden sie durch die Wolken schwimmen.
»Rico!«, rief sie leise und klopfte sachte an das Holz des kleinen Stegs, der ins Wasser ragte. Es dauerte nur einen Wimpernschlag, bis das große Maul ihres Lieblingskarpfens sich an der Oberfläche öffnete. Sie warf erst ihm einen Krümel zu, dann auch den anderen. Rico zählte schon beinahe zwanzig Jahre, die anderen sechs waren alle unterschiedlich groß und alt. Sie waren Nachkommen der Karpfen, die es schon in Majas Kindheit und lange davor hier gegeben hatte. Rico war ihr spezieller Freund, dem sie manchen Kummer geklagt und viele Freuden erzählt hatte. Jetzt kam er ganz nahe heran. Sie hatte stets den Eindruck, dass er ihr gerne zuhörte. Wie ihre Stimme wohl klang, wenn man ihr von unter dem Wasser lauschte? Wahrscheinlich wie ein ungleichmäßiges Gluckern.
Als die Krümel alle waren, griff Maja nach der Schaufel, die unter dem Sommerflieder steckte, und grub ein paar Regenwürmer aus. Sie bildete sich ein, einen Ausdruck der Zufriedenheit auf Ricos Gesicht zu sehen, als er schließlich gesättigt davonzog, seine Familie im Schlepptau. Maja setzte sich auf den Steg und ließ die Füße in das erfrischende Wasser hängen.
»Wenigstens manche Dinge ändern sich nicht«, sagte sie. »Hab einen schönen Tag, Rico.«
Am Ufer blühten violette Astern, die sich im Wasser spiegelten. Das war jetzt blau, die Wolken hatten sich verzogen. Seit Maja denken konnte, war der Himmel im Karpfenteich das Erste, was sie morgens aus ihrem Fenster betrachtet hatte. Als sie klein war, hatte sie dazu noch auf eine Kiste klettern müssen.
Jetzt aber fuhr ein Wind heran, und Maja fröstelte. In der Küche hörte sie Elsie heißes Wasser aufsetzen. Rasch lief sie zurück, stieg durch das Fenster zurück ins Zimmer und zog sich an. Ihre Füße prickelten vom kalten Wasser. Jetzt war sie hellwach.
»Hast du gut geschlafen, Elsie?«, fragte sie, als sie in die Küche kam. Vorsichtig umarmte sie ihre Großmutter, die so schmal und zerbrechlich geworden war. Maja freute sich, wie geschickt Elsie das Frühstücksgeschirr auf dem Tablett ihres Rollators zum Tisch fuhr. Rasch half sie decken.
»Ja, Liebes, du auch?«
»Na klar, bei dir immer. Auch wenn ich Sebastian vermisse.«
Elsie nickte. »Ich weiß, wie das ist. Ich vermisse Clemens immer noch jeden Morgen und jeden Abend, nach all den Jahren. Und dazwischen genauso.«
»Ich vermisse ihn auch, Elsie.« Maja schraubte das Honigglas auf und legte den Löffel daneben, schluckte wieder gegen den Kloß in ihrem Hals an. »Magst du heute mit mir rauskommen in den Garten? Du kannst den Weg entlangfahren, soweit ich ihn schon freigemacht habe, und mir dann Gesellschaft leisten, während ich den Rest mache.«
»Ich freue mich drauf«, sagte Elsie. »Aber du fängst am besten schon an, ich komme dann ein wenig später nach. Ich muss erst ein bisschen verdauen und mich ausruhen.« Doch ihr Honigbrötchen aß sie mit Appetit.
So arbeitete sich Maja wenig später den Plattenweg entlang. Es tat ihr leid, neben dem wuchernden Gras auch Löwenmäulchen, Astern und Sonnenbraut aus den Ritzen herausziehen zu müssen, doch sie sammelte vorher die Samen in einer Tüte, um sie später zu verstreuen, und im Übrigen blühte ja immer noch genug. Wenigstens waren der Mohn und der Fingerhut schon vertrocknet, und auch hier gab es viele Samen, die sie ernten konnte.
Sie war ein gutes Stück vorangekommen, und es fehlte nicht mehr viel zu ihrem Etappenziel, als sie den Rollator auf den Platten rattern hörte. Sie sprang auf und lief Elsie entgegen. Sie war erleichtert, wie sicher diese sich mit dem neuen Hilfsmittel bewegte. Aber Elsie kam trotzdem nur langsam vorwärts, denn sie blieb immer wieder stehen und sah sich um. Ein glückliches Lächeln lag auf ihrem Gesicht.
»Wie schön, Kind! Ich war so lange nicht mehr hier. Ich hätte auf dich hören und viel eher dieses wunderbare … Auto benutzen sollen. Jetzt kann ich alle meine … Liebsten wiedersehen.« Meine Freunde, hatte sie sagen wollen. So hatte sie die früher schon genannt, die Levkojen und die Ringelblumen und alles, was hier blühte. Aber »meine Liebsten« klang noch besser, fand Maja.
Als sie zusammen wieder dort angekommen waren, wo Maja gerade einen großen Haufen Grünschnitt aufgeschichtet hatte, setzte sich Elsie gemütlich auf den Rollator und sah Maja bei der Arbeit zu. Licht fiel durch die Bäume und ließ Sonnenflecken über ihr Gesicht tanzen.
»Es ist für mich sogar nach mehr als neunzig Jahren noch ein Wunder, was der Frühling und der Sommer so fertigbringen, jedes Mal wieder«, sagte sie.
Maja richtete sich auf. »Wirklich, Elsie? Ist es tatsächlich noch so für dich? Das macht mir Mut. Weißt du, ich habe von so vielen meiner Patienten gehört, dass sie eigentlich schon alles gesehen und gar keine Lust mehr haben, noch länger zu leben. Ich konnte manche gar nicht mehr dazu bringen, sich noch über etwas zu freuen oder zu staunen. Sie sagten, alle, die sie gekannt haben, seien schon tot, und das Dasein wäre überhaupt nur noch mühsam und langweilig.«