Am Tatort bleibt man ungern liegen

Jörg Maurer

Am Tatort bleibt man ungern liegen

Alpenkrimi

FISCHER E-Books

Über Jörg Maurer

Jörg Maurer ist Nr.-1-Bestsellerautor und wurde als Autor von zwölf Kriminalromanen wie auch als Kabarettist mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Kabarettpreis der Stadt München, dem Agatha-Christie-Krimi-Preis, dem Publikumskrimipreis MIMI und dem Radio-Bremen-Krimipreis. Jörg Maurer stammt aus Garmisch-Partenkirchen. Nach dem Studium der Germanistik und Theaterwissenschaften arbeitete er als Lehrer, dann als Kabarettist, bis er sich dem Schreiben zuwandte.

 

Die Webseite des Autors: www.joergmaurer.de

Weitere Titel des Autors: www.fischerverlage.de

Über dieses Buch

Ein schöner Fassadenschmuck war das alte Feuerrad am Holzhaus der Rusches im idyllisch gelegenen Kurort. Aber jetzt liegt Alina Rusche tot in ihrem Garten, erschlagen vom herabgestürzten Rad. Kommissar Jennerwein ist überzeugt, dass es kein Unfall, sondern Mord war. Doch warum musste die Putzfrau sterben? Hatte sie bei ihrer Arbeit Dinge erfahren, die gefährlich waren? Jennerwein befragt pikierte Honoratioren und redselige Ladenbesitzer. Als der Direktor der KurBank zugibt, dass Alina für ihn geputzt hat, führt die Spur direkt in den legendär sicheren Schließfachraum. Hier ruhen versteckt und verriegelt genügend Geheimnisse, für die sich ein Mord lohnt. Der gesamte Kurort gerät in Aufregung, denn Jennerwein ermittelt in alle Richtungen. Das einzige, was er dabei nicht erahnt, ist der nächste Tatort…

 

»Unterhaltung auf hohem Niveau.«

Hessischer Rundfunk

Impressum

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

© 2019 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

 

Covergestaltung: www.buerosued.de

Coverabbildung: Mauritius Images

Abbildung Schlüssel: Shutterstock/STILLFX

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-490940-0

Was war dieser 25. August doch für ein idealer Tag zum Wandern! Die Bergwände raschelten wie feines Silberpapier, die Sonne räkelte sich genießerisch über der schroffen Runserkopfspitze. Der Himmel war so verlockend blau wie Großmutters feine Heidelbeermarmelade. Ich überlegte mir, ob ich heute vielleicht nicht doch eine Tour auf das Hintere Trettachhorn unternehmen sollte: den herrlichen Hundsgrat hinauf, mit der atemberaubenden Aussicht auf die Oberen Schwemmingerhügel, dann auf der Eiblstätter Alm eine Pause machen, auf der Terrasse eine Maß frische Geißenmilch zischen, und weiter, immer höher … Wirklich verführerisch!

 

Doch dann fiel mir ein, dass ich dieses Wochenende ja noch eine Auftragsarbeit zu erledigen hatte. Das örtliche Geldinstitut feierte gerade sein hundertjähriges Bestehen, und eine alte Bekannte, die dort in der Marketingabteilung arbeitete, hatte mich gebeten, einen kleinen Artikel zur Festschrift der KurBank beizutragen.

»Ach ja, und damit Sie wissen, worüber Sie schreiben, kommen Sie doch am Wochenende vorbei und schauen Sie sich im ganzen Gebäude einmal um. Samstag um zehn?«

Am Montag sollte der Beitrag fertig sein. Ich musste da hin. Ein kurzer Blick noch zu den silbernen Wänden der Runserkopfspitze. Ja, schön wäre es schon gewesen, aber versprochen ist versprochen.

 

»Wir fangen am besten mit dem Allerheiligsten an, dem Schließfachraum im Keller. Sie werden es gleich spüren. Von dem geht eine Aura der Solidität und Bonität aus. Sie kennen ja unseren Slogan: Sicher ist sicher! Ich fand allerdings Durch die Bank gut! besser.«

Sie sperrte mir auf, wir betraten den Raum, in dem es markant nach Reinigungsmitteln roch. Ich fand auch Durch die Bank gut! nicht so besonders.

»Sie dürfen sich solange umsehen, wie Sie wollen, heute kommen keine Kunden. Schnuppern Sie ein bisschen von der diskreten Atmosphäre.«

Ich schnupperte. Scheuermittel mit Zitronenduft. Und Essig. Durch die Bank. Aber die Schließfächer strahlten tatsächlich etwas ganz und gar Solides aus.

»Hier, sehen Sie, unser Rückzugskabinett.«

Vom Schließfachraum führte eine augenscheinlich gepanzerte Tür in ein separates Zimmerchen mit Tisch, zwei harten Stühlen und einem bequemen, einladenden Büffelledersofa. Hier saßen also die russischen Oligarchengattinnen und betasteten ihre unbezahlbaren Fabergé-Eier. Oder sie holten sich Nachschub für den abendlichen Spielbankbesuch.

»Es ist von innen abschließbar und hat ein sogenanntes W30-Zertifikat.«

Fragender Blick meinerseits: ///???–?(!)///

»W30 ist der Widerstandszeitwert, der beschreibt, wie lange der Täter braucht, um eine Sicherheitseinrichtung zu überwinden«, erklärte Frau Weißgrebe stolz. »Das bedeutet in diesem Fall, dass die Tür einem gewaltsamen Angriff von außen mindestens dreißig Minuten standhalten muss. Ich geh

W30. Widerstandszeitwert. In dieser Zeit konnte also Warwara Matrjona Tschertschessowka die Polizei rufen und auch das Ei nochmals intensiv betrachten. Ich setzte mich auf das Sofa, musterte das einzige Bild an der Wand, ein düsteres, patziges Ölgemälde des ersten Bankdirektors von anno dunnemals, und stellte mir vor, was sich hier schon alles abgespielt haben mochte.

 

Als ich den kleinen Panikraum mit dem gemütlichen Sofa verließ und das eigentliche Tresorareal wieder betrat, fiel es mir auf den ersten Blick auf: Alle der etwa achthundert Schließfachtüren standen einen Spalt offen. Sie mussten inzwischen aufgesprungen sein. Die Gleichmäßigkeit der vielen identischen Winkel deutete darauf hin, dass hier keine menschliche Hand im Spiel gewesen war. Ich lag nicht falsch, denn wie ich später erfuhr, waren die Schließmechanismen durch einen Fehler im internen Betriebssystem kurzzeitig außer Kraft gesetzt worden. Ausgerechnet die digitale, als todsicher gepriesene Zusatzsicherung hatte zu der sperrangelweiten Offenlegung allergeheimster Geheimnisse geführt. Und noch viel später erfuhr ich, dass es am Datum lag, dem 25. August 2018. Die binäre Darstellung dieses Datums (1011111101011100010100010) brachte manche nicht mehr ganz taufrische Computer dazu verrücktzuspielen. Denn diese Zeichenkette war gleichzeitig auch der Befehl, alle Funktionen des Rechners auf die Werkseinstellungen zurückzusetzen.

 

Ich blickte mich um. Es herrschte absolute Stille. Ich war ganz allein. Natürlich kam es überhaupt nicht in Frage, die Situation auszunutzen. Auf keinen Fall. Nicht im Traum

 

War da nicht ein Geräusch gewesen? Hastig legte ich die Hülle wieder in den Schuber und steckte diesen in das Schließfach zurück. Fingerabdrücke abwischen? Nein, wozu: Der

 

Dann klopfte es an der Türe.

»Ist so weit bei Ihnen alles in Ordnung?«

Es war Frau Weißgrebe. Hastig drückte ich die restlichen Schließfächer zu und öffnete die Tür.

»Schön ist es hier unten«, sagte ich zu ihr, etwas atemlos. »Wenn man nur wüsste, was für dunkle Geheimnisse hier schlummern!«

Ich lachte hölzern. Sie blickte mich gespielt verschwörerisch an.

»Sie können auch gerne einmal in ein leeres Fach reinschauen.«

»Ja, freilich, sehr gerne, warum auch nicht.«

Sie sperrte № 307 auf. Ich wusste, dass  307 leer war. Ich hatte ja vorhin einen Blick hineingeworfen.

»Aha. Ja, so. Sehr interessant«, fuhr ich fort, so überrascht wie möglich, und dann, nur um etwas zu sagen: »Ich habe sie mir größer vorgestellt, die Fächer.«

»Wir haben natürlich auch geräumigere. Aber die sind leider alle belegt.«

Auch das wusste ich. Eines davon hatte ich vorher genauer

»Die Schließfächer werden übrigens in Litern gemessen«, erläuterte Frau Weißgrebe weiter. »Es gibt 1-Liter-Schließfächer, für ein paar Blatt Papier und einige wenige Goldmünzen, 10-Liter-Schließfächer für aufwendigere Hinterlassenschaften. Wir Bankmenschen sagen immer: Je kleiner die Schließfächer, desto größer die Geheimnisse.«

»Das kann ich mir denken.«

»Wollen Sie sich noch ein wenig umsehen?«

»Danke, nein. Ich glaube, für die Festschrift habe ich jetzt genug recherchiert. Schreiben muss ichs ja auch noch.«

Zusammen mit Frau Weißgrebe verließ ich den Raum. Ich hatte mir alles in allem Einblick in etwa ein Dutzend Bankfächer verschafft. Es war so viel interessantes, überraschendes und aufwühlendes Material dabei, dass es eine wahre Sünde gewesen wäre, keinen Roman darüber zu schreiben.

Am heißesten Tag des Jahres hatte sich Ansgar Perschl auf der Straßenterrasse des Bistros einen Latte bestellt, war auf die Toilette gegangen und hatte beim Zurückkommen feststellen müssen, dass sich inzwischen ein Mann auf seinen Stuhl gesetzt hatte. Breitbeinig lümmelte er da in seinem hellen Anzug, eine Hand hing lässig über die Lehne, mit der anderen stützte er sich an dem Plastiktisch ab, als ob er ihn gerade ein Stückchen weggeschoben hätte. Tatsächlich waren der Speisekartenständer und die Zuckerdose umgefallen, die ersten gierigen Wespen interessierten sich schon für die Brösel. Perschl überlegte. War das nicht genau der gutgekleidete Mann, den er vorhin die Straße heraufkommen gesehen hatte? Perschl hatte den feinen Zwirn schon von weitem bemerkt. Er arbeitete als Verkäufer in einem renommierten örtlichen Trachtenmodenhaus und hatte deshalb den Blick für textile Feinheiten. Auch die Kopfbedeckung des Mannes fiel ihm auf. Das war kein stinknormaler Strohhut für zwofuchzig, das war ein echter, sündteurer Panamahut aus feinster Toquilla-Faser. Perschl nickte dem Mann kurz, aber freundlich zu, der reagierte nicht darauf. Auch gut, sein Problem, dachte Perschl. Gutgekleidet und unfreundlich, so haben wirs gern. Die Bedienung erschien, Perschl bestellte noch einen weiteren Latte, sie wiederum fragte den schweigsamen Mann im Panamahut:

Perschl blickte kurz auf. Der Mann hatte die strahlend weiße Kopfbedeckung tief ins Gesicht gezogen. Unter dem Jackett trug er eine Weste und ein viel zu dickes Leinenhemd. Er war überhaupt zu warm gekleidet für diese Hitze. Die Ärmel waren ihm verrutscht, blinkende Manschettenknöpfe kamen zum Vorschein. Die Bedienung wiederholte ihre Frage noch zweimal, stupste ihn dann kurz an.

»Hallo, der Herr!«

Es war eine kleine Berührung mit dem ausgestreckten Zeigefinger, eher ein symbolischer Fingerzeig, doch der Mann kippte nach dem Stups mit dem Oberkörper langsam nach hinten an die Stuhllehne und schien jetzt nachdenklich in die Ferne zu starren. Perschl war kein Mediziner, er kannte sich eher mit Fasern, Garnen und Zwirnen aus, aber er sah sofort, dass diesem Mann der Lebensfaden endgültig durchschnitten worden war.

 

Gerade in diesem Kurort, der an allen Ecken und Enden mit praller Lebensfreude und durchgehender touristischer Bespaßung warb, war die Rate der spektakulären Tode besonders hoch. Allein von der Schneefernerscharte sprangen pro Jahr ein Dutzend Lebensmüde die achthundert Meter hinunter in die Tiefe, sie reisten extra deswegen an, dabei hatte die Bergwacht, die sie bergen musste, genug zu tun mit den vielen verunglückten Halbschuhtouristen, Sonntagsbergsteigern und irren Extremsportlern.

»Jessas!«, entfuhr es der Fronitzer Karin, die ihren unheilbringenden Stupsefinger jetzt erschrocken zurückzog.

Ein paar Bistrogäste und Straßenpassanten versuchten, Erste Hilfe zu leisten, aber auch der gerufene Notarzt konnte nichts anderes als den Tod feststellen. Hitzschlag. Der Mann

»Servus Perschi«, sagte er zu dem Herrenoberbekleidungsfachverkäufer. »Bleib noch einen Moment da, ich brauche dich als Zeugen.«

Perschi jedoch konnte wenig zum Fall beitragen, er hatte nichts weiter gesehen, als dass der Mann plötzlich als Toter dagesessen hatte. Auch sonst kannte ihn niemand, nicht einmal die Bedienung, die Fronitzer Karin, die sonst eigentlich ziemlich alle kannte.

»Wann hat er denn den Hitzschlag bekommen: schon beim Hergehen oder erst im Sitzen?«

Darauf wusste der Notarzt keine Antwort. Er und die Rettungssanitäter machten Anstalten, ihre Siebensachen einzupacken und den Abflug zu machen.

»Ja, nehmt ihr den nicht mit?«, fragte die Fronitzer Karin entgeistert und deutete auf die Leiche.

»Nein, Tote dürfen wir nicht mitnehmen«, erwiderte der Notarzt. »Ich muss aber jetzt wirklich, ich habe noch einen Einsatz.«

»Ich habe schon einen Bestatter angerufen«, versetzte Hölleisen. »Er kommt gleich.«

»Und bis dahin?«, rief die Fronitzer Karin verzweifelt. »Wenn der noch lange so dasitzt, vertreibt er mir am Ende die ganze Kundschaft! Können wir ihn nicht hineinziehen, mitsamt seinem Stuhl?«

»Von mir aus«, erwiderte Hölleisen gutmütig.

Zuvor durchsuchte er die Taschen des gutgekleideten

»Aus welcher Richtung ist er denn gekommen?«

»Von da«, erwiderte der und zeigte die Straße hinunter.

»Ja, mit einer Plastiktüte«, sagte die Fronitzer Karin.

»Aha«, sagte Hölleisen. »Und wo ist die jetzt?«

»Keine Ahnung.«

Er blickte sich auf dem Fußweg um. Nirgendwo war eine Plastiktüte zu sehen. Auch nicht unter dem wackligen Kaffeehaustisch oder auf der Straße.

»Voll oder leer?«, fragte Hölleisen.

»Was: voll oder leer?«, fragte die Bedienung zurück.

»Die Plastiktüte.«

»Eher voll.«

»Bist du sicher?«

»Ja, das sieht man doch. Sie flattert nicht so. Es zieht sie nach unten. Das müsstest du als Polizist eigentlich wissen.«

Hölleisen fächelte sich Luft zu. Verdammte Hitze. Er befragte noch ein paar Leute im Bistro. Niemand kannte den Toten. Niemand hatte eine Plastiktüte gesehen. Nachdem er mitgeholfen hatte, den Mann im Panamahut ins halbwegs kühle Innere zu ziehen, warf er noch einen Blick auf ihn. Er saß jetzt da wie der Seniorchef des alteingesessenen Etablissements, der beim Geldzählen eingeschlafen war. Und selig davon träumte, wie er es ausgeben könnte. Kreuzfahrten, Segeltörns, Spielbanken. Einige der Schaulustigen schossen Fotos. Viele twitterten und facebookten, Selfies gingen um die Welt.

 

Ein kleiner Dicker und ein großer Hagerer stellten ihre Koffer ab und versuchten, vom Gehweg aus einen Blick auf die Leiche zu erhaschen. Sie waren vom nahegelegenen Bahnhof gekommen, hatten augenscheinlich eine lange Reise hinter sich,

»Was um des Himmels und meiner seligen Vorfahren willen mag da nur geschehen sein?«, fragte der Hagere.

»Es hat einen Toten gegeben«, antwortete der Dicke. »Ich tippe auf Hitzschlag. Das sieht man sofort. Im Erste-Hilfe-Kurs haben wir das in der ersten Stunde durchgenommen.«

»Alle Wetter! Ein Toter! Welch ein Schauspiel. Es ist wohl ein Gaukler, der unbewegliche Figuren darstellt. Ich muss schon sagen: sehr originell! Kannst du dich an die herrlichen lebenden Statuen in den Straßen von Barcelona erinnern? Alle paar Meter wurde ich einer solchen Figur ansichtig. Herzöge, Päpste, Ritter und Caballeros in prächtigen Rüstungen! Aber hier in diesem kleinen Flecken, da hätte ich solche Attraktionen durchaus nicht erwartet – und dann gleich ein Toter!«

»Lieber Herr, ich vermute, der Mann ist wirklich muerto. Mausemuerto.«

»Soviel ich weiß, ist ein Toter am schwierigsten darzustellen«, fuhr der Hagere unbeirrt fort. »Wenn ich nur an die berühmten Totendarsteller aus Kastilien denke. Miguel de la Cruz war so einer. Als er dann wirklich starb, sah er nicht halb so tot aus wie als prächtige ›Wasserleiche‹ auf dem Marktplatz von Salamanca.«

 

Hölleisen verabschiedete sich von Perschl und der Fronitzer Karin. Er ging ein Stück die Straße hinunter, die der Mann nach Angaben von Perschl gekommen war. Nach ein paar Metern betrat er den frisch renovierten Laden der Metzgerei

»Alles rennt zur Eisdiele gegenüber«, sagte die Kallingerin vorwurfsvoll.

»Ich kann doch auch nichts dafür.«

»Für was?«

»Für die Hitze.«

Hölleisen beschrieb den Mann.

»Ja, der ist vorbeigekommen«, sagte die Kallingerin mürrisch. Sie hatte eher gehofft, dass der Polizeiobermeister zwei, drei Leberkäsesemmeln kaufen würde. »Was ist mit dem?«

»Hat der eine Plastiktüte dabeigehabt?«

Sie überlegte.

»Keine Ahnung. Vielleicht. So genau habe ich nicht hingeschaut. Ich pack dir noch eine Leberkäsesemmel ein. Geht aufs Haus.«

Er fragte noch in ein paar anderen Geschäften nach. Schließlich wurde er fündig.

»Ja, an den kann ich mich erinnern«, sagte der Schuhhändler Mayser. »Vor allem an die Plastiktüte. Das war keine von einem guten Geschäft, sondern eine alte, zerknitterte, richtig verhaute. Mit Löchern drin. Eine Supermarkttüte. Und verschmutzt. Die hat gar nicht zu dem Mann und seiner eleganten Kleidung gepasst.«

 

Hölleisen biss in die Leberkäsesemmel. Er steckte sie wieder zurück ins Papier. Bei Hitze schmeckten die einfach nicht. Dann zog er seinen Block heraus und fertigte eine Skizze der Straße und ihrer Geschäfte an. Er zeichnete Markierungen ein: Bis dorthin hatte man den Mann noch mit Tüte gesehen, dann ohne. Hölleisen ging den Weg zwischen diesen beiden

 

Endlich ist er weg, der Bulle, dachte die Frau mit den blonden, kurzen Locken, die bisher still und unauffällig auf der anderen Straßenseite gestanden hatte. Genauso unauffällig und eher schlendernd überquerte sie die Straße. Ihr Ziel war der Supermarkt, den sie durch den Vordereingang betrat, um gleich darauf in die Tiefgarage hinunterzusteigen. Dort wartete eine aufgeklappte Aschentonne. Ein großes Schild wies darauf hin, dass illegale Abfallentsorgung hart bestraft werden würde. Das Schild war mehrsprachig, auf Tschechisch klang es am härtesten. Die Frau sah sich um. Dann fischte sie eine Plastiktüte aus der Aschentonne. Es war eine unauffällige, löchrige und popelige Plastiktüte. Sie klopfte sie ab, klemmte sie unter den Arm, blickte sich nochmals um, ging wieder hinauf und verschwand in der flirrenden Hitze.

Alina Rusche war Putzfrau. Sie hörte die vielen verhüllenden Begriffe wie Perle, Aufwärterin, Zugeherin, Scheuermagd oder Stundenfrau nicht so gern. Lediglich den liebevollen Austro-Ausdruck Lurchkatz ließ sie sich noch gefallen. (Als Lurch wird in Österreich ein Schmutzgebinde aus Staub, Flusen und Haaren bezeichnet. Wirklich putzig.) Auch ihr Mann Tomislav, mit dem sie gerade beim Frühstück saß, war sozusagen vom Fach. Neben seinen diversen Hausmeistertätigkeiten im Kurort hatte er einen Halbtagsjob beim Autohaus Schuchart. Dort bestand seine Arbeit zwar zu neunzig Prozent darin, verschiedenste Arten von Bröseln aus den Rücksitzritzen von Mercedessen herauszusaugen. Aber niemand sagte mehr Innenreiniger, Tomislav wurde vielmehr Aufbereiter oder car detailer gerufen.

 

Sie saßen sich wie jeden Morgen an dem kleinen Küchentisch gegenüber.

»Nun, meine liebe Indoordetailerin«, scherzte Tomislav und warf seiner Frau einen neckischen Blick zu, »darf ich dir noch etwas Tee nachschenken?«

Alina nickte und reichte ihm die leere Tasse über den Tisch. Dabei lächelte sie und legte den Kopf leicht schräg, was die dezente Hakenhaftigkeit ihrer Nase noch betonte. Tomislav schenkte ein.

»Orange Pekoe, fair geerntet, fleischiges Blatt, genau eineinhalb Minuten gezogen«, sagte Tomislav.

Jetzt versuchte er, das Frühstücksei zu köpfen. So geschickt er beim Handwerken war, dachte Alina, so ungeschickt stellte er sich hierbei an. Er brauchte mehrere Anläufe dazu. 1789 hätte er damit in Paris als Scharfrichter keinen Job bekommen.

»Gehst du heute zu Nolte?«, fragte Tomislav.

»Ja, ich glaube, das ist mein erster Kunde.«

Sie erhob sich. Am Kühlschrank hing ein Blatt mit einer Excel-Tabelle, in der die Termine eingetragen waren.

»Um neun muss ich da sein. Warum fragst du?«

»Bei dem sollte ich wieder mal den Rasen mähen. Legst du ihm einen Zettel hin? Dass ich das diese Woche noch mache? Ich habe ihm schon eine Mail geschickt, aber er hat nicht darauf reagiert.«

Alina nickte. Manche Kunden hatten sie gemeinsam, bei einem ganz besonderen hatten sie sich sogar kennengelernt, vor Jahren, sie als Lurchkatz, er quasi als Lurchkater. Tomislav sah auf die Uhr und erhob sich ebenfalls. Er musste früher los als sie, sie konnte sich noch ein bisschen Zeit lassen. Er küsste sie auf die Wange. Zärtlich umfasste sie seinen Nacken mit der Hand und streichelte ihn eine Weile. Er war ein guter Mann. Trotz alledem.

 

Als die Tür ins Schloss fiel, ging sie ins Bad, um zu duschen. Bei Nolte, dem jungen Mann mit der wohlklingenden tiefen Stimme, musste sie erst in einer Stunde sein. Nolte, das waren zwei Zimmer, Küche, Bad, Blumen gießen, auf keinen Fall was am Computer machen, Geld liegt auf dem Tisch.

 

Ein kleines, ovales Fensterchen warf spärliches Licht in den Speicher, sie wischte die Glasscheibe mit einem Ärmel sauber. Dann schaute sie hinunter auf den wilden Bauerngarten, in dem Bohnen und Kartoffeln wucherten. Für den war Tomislav zuständig, er hatte auch den Hühnerstall gebaut. Tomislav saugte inzwischen wahrscheinlich schon die ersten Cornflakes aus Rücksitzritzen heraus. Er war ohne Zweifel ein braver Ehemann, der sich rührend um sie kümmerte. Superfürsorglich, superliebevoll, supertreu. Sie seufzte, verließ den Speicher und machte sich ausgehfertig.

 

Zu den meisten Wohnungen ihrer Kunden hatte sie den Schlüssel, auch zu der von Nolte. Manchmal kam sie sich vor wie ein Klischeeeinbrecher, der einem Comicheft entsprungen war. Nur der Ringelpulli mit Häftlingsnummer drauf fehlte noch. Sie betrat die Wohnung, schritt am Bücherregal vorbei, streifte einige der ihr bekannten Titel mit den Fingern. Niemand aus ihrer ganzen Kundschaft wusste, dass sie studiert hatte und Doktorandin dieses abgelegenen Faches war. Das hätte nur zu Mitleidsreaktionen geführt, einer reflexartig angebotenen Tasse Kaffee und einem Gespräch über das Thema, ob man nicht doch was machen konnte. Auch mit diesem seltenen Fach. Aber man konnte nichts machen. Nicht mit Mitte dreißig. Und sie wollte jetzt auch gar nicht mehr, sehr zum Unverständnis ihrer garstigen Familie. Vor allem die unverschämte Tante Mildred behauptete immer wieder, sie hätte

»Ich werde mein Geld schon noch bekommen!«, war ihr letzter Satz gewesen, bevor Tomislav sie hinausgeworfen hatte.

 

Die Wohnung von Nolte war schnell erledigt, er war selten zu Hause und schmutzte deshalb kaum. Sie stellte die Packung Halstabletten auf den Tisch, die sie ihm besorgen sollte, nahm die zerknitterten Scheine und steckte sie in die Tasche. Dann schrieb sie den Zettel, um den Tomislav sie gebeten hatte. Bei der nächsten Adresse gab es wiederum nichts Steuerfreies auf die Kralle, natürlich nicht, es handelte sich um ein angesehenes Geldinstitut. Das wäre was gewesen, wenn sie ausgerechnet hier Schwarzgeld bekommen hätte! Sie betrat die KurBank durch den Hintereingang, vorher musste sie einen Code eingeben, sie hatte den Geburtstag ihrer Oma als Zugangsberechtigung gewählt. Alina wusste, dass der Filialleiter Pit Schelling in seinem Büro jetzt sehen konnte, dass sie das Gebäude betrat. Auf seinem Computer blinkte dann ALINA RUSCHE ENTERING BUILDING auf. Sie schloss die Tür und stieg die Treppe hinauf zum Putzkämmerchen. Als sie wieder herauskam, hatte sie sich in ein Blaues Mädchen verwandelt. Normalerweise wurden die Türsteherinnen im Bayreuther Festspielhaus so bezeichnet. Die, die Eintrittskarten kontrollierten, Programmhefte verkauften, die Besucher in den Zuschauerraum und gegebenenfalls wieder raus ließen. Und den ganzen Tag Richard Wagner hörten. Da putze

»Autsch!«, rief sie und zog die Hand wieder heraus.

Aus einer kleinen Wunde quoll ein winziger Tropfen Blut, sie hatte sich geritzt. Sie hielt den Finger an den Mund, suchte nach einem Pflaster. Dann hörte sie Geräusche draußen auf dem Gang. Ihr Handy summte. Tomislav hatte ihr eine SMS geschickt: Hab dich lieb.

Vier Tage später war Alina Rusche tot. Sie lag im offenen Sarg, man hatte sie in ihrem besten Kleid aufgebahrt, einem modischen Glockenrock, der die Figur betonte, auch im Liegen. Sie trug dazu passende Schuhe, cremefarbene Pumps mit Absatz. Das war bei einer Aufbahrung eigentlich nicht üblich, denn Schuhwerk erinnerte doch allzu deutlich an dessen momentane und auch künftige Funktionslosigkeit. Bestattet wurde gewöhnlich barfuß oder wenigstens strumpfsockig, es sei denn, die Verstorbenen wünschten sich ausdrücklich etwas anderes. Aber wird man, wenn man zur Feder greift, um seinen letzten Willen zu Papier zu bringen, einen Vermerk machen, dass man in Schuhen bestattet werden will? In den bequemen Sandaletten oder Hausschuhen? Kann da ein geschickter Jurist nicht sogar im Streitfall eine Unzurechnungsfähigkeit herausleiern, die schließlich, salvatorische Klausel hin oder her, das ganze Testament in Frage stellt? Alina Rusche hatte in ihrem Testament jedenfalls auf Pumps bestanden, und irgendwie passte es auch zu ihr. Sie gab überhaupt alles in allem eine schöne Leiche ab. Sogar die kleine Narbe an ihrer Stirn leuchtete und gab ihr etwas Würdevolles, Gesalbtes.

 

Eine frische Brise kam auf und kecke Windstöße umspielten Alinas Locken, lösten sogar eine Haarsträhne, hoben sie übermütig

»So jung! Mitten aus dem Leben!«, sagte ein kräftiger Mann um die vierzig, Typ Naturbursche, Bademeister und Fitnesstrainer, der seine Basecap abgenommen hatte.

»Sie liegt da, als ob sie noch leben würde!«, fügte ein stiller, kleiner Mann in der ersten Reihe hinzu.

»Aber sag einmal, kann sich eine Putzfrau so einen Aufwand überhaupt leisten?«, flüsterte die Hofer Uschi ihrer Nachbarin, der Weibrechtsberger Gundi, zu.

»Ja, freilich«, flüsterte die Weibrechtsberger Gundi zurück. »Mir hat sies einmal erzählt, im Pilateskreis. Ein bisschen was hat sie gespart. Und ihre Verwandten sollen ja so eklig zu ihr gewesen sein. Denen wollte sie eins auswischen. Nichts sollten die kriegen, nichts. Rein gar nichts.«

»Wie: auswischen?«

Die Weibrechtsberger Gundi sah sich um, kam dann ganz nah ans Ohr der Hofer Uschi.

»Das ist so: Wenn du testamentarisch verfügst, dass der Tierschutzverein alles bekommt, kriegen die Verwandten vorher immer noch den Pflichtteil. Aber wenn du eine bestimmte Summe für deine Beerdigungskosten ausgibst, verstehst du: Sarg, Leichenschmaus, Musik, Trauerredner, Pipapo, dann wird das alles von der Erbmasse abgezogen. Zehn- oder zwanzigtausend sind da schnell beieinander. Wenn du es geschickt anstellst und recht pompös feierst, vielleicht sogar noch Schulden deswegen aufnimmst, dann schauen die Verwandten mit dem Ofenrohr ins Gebirge. Und ärgern sich tierisch.«

»Das geht wahrscheinlich nicht. Dass du immer so übertreiben musst!«

Die Hofer Uschi schüttelte den Kopf. Dann blickte sie sich um und raunte der Weibrechtsberger Gundi zu:

»Aber wenn die Alina alles für die Leich’ verjuxt hat, dann ist für ihren geliebten Tomislav doch auch nichts mehr übriggeblieben!«

Die Weibrechtsberger Gundi lächelte nachsichtig.

»Der? Der wird schon nicht leer ausgegangen sein. Die hat doch sicher schwarz gearbeitet, die Verstorbene, das machen doch die alle aus der Reinigungsbranche –«

»Pssst!«, zischte es über den Sarg hinweg aus der anderen Seite des Trauerkreises.

 

Der Nachteil bei einer kleinen, ausgewählten Truppe von Trauergästen war, dass man nicht anständig ratschen konnte. Und was gab es Schöneres, als angesichts der Ewigkeit und der Wucht des Todes zu ratschen. Das Schweigen der beiden Ratschkathln hielt deswegen nicht lange an.

»Das sind doch unmöglich ihre echten Haare!«, flüsterte die Weibrechtsberger Gundi und deutete auf den Kopf der Verstorbenen. »Das muss eine Perücke sein. Ich meine: bei den Verletzungen!«

»Kann man die auch von der Erbmasse abziehen?«

»Ich bin natürlich kein Jurist, aber das glaube ich jetzt wieder weniger.«

»Aber ich bin Jurist«, sagte der Mann im Trenchcoat, der neben ihnen stand. »Eine Perücke kann man in der Tat abziehen. Und jetzt hören Sie endlich mit dem Gequatsche auf«,

»Meinen Sie? Auch eine teure Echthaarperücke?«

Der Jurist sagte nichts darauf, sandte nur einen strengen, fast bösartigen Blick. Die beiden Ratschkathln zogen beleidigte Schnuten. Und bewegten sich schließlich ein paar Schritte von ihm weg.

»Man wird doch noch über die Verstorbene reden können«, maulte die Weibrechtsberger Gundi. Sie deutete zu dem, der sich als Jurist bezeichnet hatte. »Weißt du, wer das ist?«

»Keine Ahnung. Noch nie gesehen.«

»Komisch ist das schon. Dass die Alina einen Juristen gekannt hat.«

»Vielleicht hat sie bei ihm geputzt.«

»Würdest du denn zur Beerdigung von deiner Putzfrau kommen?«

»Ich hab ja gar keine. Bis ich der alles erkläre, mach ichs selber.«

»Aber sagen wir einmal.«

Von allen Seiten ertönten jetzt die vorwurfsvollen Psst!s, mahnende Blicke streiften sie, die beiden schwiegen schließlich. Aber es arbeitete schwer in ihnen. Das konnte man an den Zuckungen ihrer Lippen ablesen. Nach einiger Zeit kam eine stärkere Brise auf und zupfte am Glockenrock von Alina Rusche, obwohl sie eigentlich windgeschützt im Aufbahrungssarg lag. Der Wind wurde stärker, er trug etwas Feuchtigkeit mit sich und benetzte nicht nur die Wangen der Trauergesellschaft, sondern auch die der Verstorbenen mit einem nebelnassen Schleier. Doch der Spuk war bald wieder vorüber, und die mächtige Sonne verwischte alle Spuren auf Haut und Kleidung.

 

»So spät, und immer noch scheint die Sonne.«

»Uhren tragen bei Beerdigungen bringt Unglück!«, flüsterte ihr die Hofer Uschi ins Ohr.

Der kleine Dicke und der große Hagere hatten sich inzwischen von dem Bistro entfernt, in dem die Fronitzer Karin bediente. Der kleine Dicke trug die Koffer. Alle zwanzig Meter blieb er stehen und blickte auf die Orientierungs-App seines Handys, die die beiden durch Raum und Zeit und somit auch durch die Straßen des Kurorts leitete.

»Da vorne müsste unsere Herberge sein«, sagte er.

Der Hagere nickte versonnen. Sein Bart war zerzaust, sein Gesicht sonnengebräunt, er hatte die Augen weit aufgerissen und deutete begeistert über die Hausdächer hinweg in die Ferne.

»Sieh, nur, Sancho«, sagte er. »Betrachte die ehrwürdigen Alpen! Sind sie nicht herrlich!? Es ist wahrlich ein Bollwerk der Natur, das sich wuchtig in unermessliche Höhen schwingt, Wind und Wetter trotzend, den Göttern so nah!«

Sancho zog ein verdrießliches Gesicht.

»Es ist ein Steinhaufen, Herr, der einfach im Weg rumsteht. Eine Ansammlung von Kalk, Lehm und Muschelschalen, nichts weiter. Ein Hindernis für jeden Wanderer und obendrein jahrhundertelang ein riesiger Hemmschuh für den Handel.«

Der Hagere drehte sich und deutete auf einen bewaldeten Hügel.

»Es sind magere Latschen und übelriechendes Fichtelholzkraut. Eine ausgemergelte Vegetation, die sich gerade mal so eben am Leben hält. Da strotzt nichts, das kannst du mir glauben, Herr.«

»Du kannst einem wirklich alles verderben, Sancho«, murrte der Hagere mit betrübtem Blick und steckte sich eine schlanke Puro-Caliqueño-Zigarre an.

 

Niemand achtete auf die beiden, es schien so, als ob sie für die meisten gar nicht sichtbar wären. Sie stellten ihre Koffer im Hotel Alpenrose ab.

»Und dann die Luft!«, fuhr der Hagere fort, als sie wieder auf die Straße traten. »Man kann sie trinken, sie schmeckt wie leichter Schaumwein aus unserer Heimat, der glühendheißen La Mancha. Ganz zu schweigen von den unzähligen Bergen des Alpenlandes, der ehrwürdigen Graukammerspitze, dem stolzen Gerbersattel, der kühn bei allen Wettern dräuenden Molberwand …«

»Ihr fangt ja schon wieder von diesen Steinhaufen an, Herr. Sie fordern Todesopfer im Wochentakt. Sie verstellen den Bewohnern die freie Sicht in die Ferne, sie engen die Gedanken ein, erzeugen ewigen Schatten und drücken aufs Gemüt …«

»Wegen solch dunkler Betrachtungen sind wir nicht hierher ins oft gepriesene Werdenfelser Land geritten, sondern wegen den verehrungswürdigen Damen und den tollkühnen Abenteuern, die ich zu bestehen erhoffe –«

»Wir sind nicht geritten, edler Herr, wir sind mit der Regionalbahn gefahren, mit dem Bayernticket, und das war teuer genug, für die paar Kilometer.«

»Lasst uns einchecken, Herr«, sagte Sancho.

Als Franz Hölleisen die Dienststelle wieder betrat, hatte er die Plastiktüte schon so gut wie vergessen. Er legte Protokolle ab, ordnete Polizeiberichte und beschäftigte sich mit anderem Bürokram. Dazu summte und pfiff er eingängige Sommerhits. Sie waren aus den achtziger Jahren, aber immerhin aus denen des zwanzigsten Jahrhunderts. Wegen der tropischen Temperaturen hatte er die Fenster und Türen zum Garten geöffnet. Hinter dem Polizeirevier erstreckte sich eine saftige Wiese, an die sich der sogenannte Schmugglerhügel anschloss. Die Grenze zu Österreich war nicht weit. Hölleisen blickte hinaus aufs Grün, auf die miteinander schwatzenden und aneinanderschlagenden Garbbeutelgräser, auf die blühenden Prachtkerzen und Scharfen Hahnenfüße, die dazwischen in verwirrender Farbenpracht in die Höhe schossen. Hölleisen lächelte. Wie viele Polizisten mochten da wohl schon hinausgeschaut und sich ihre Inspirationen geholt haben, wenn sie bei Ermittlungen nicht mehr weitergekommen waren! Auch Kommissar Jennerwein hatte die Angewohnheit, auf die Sibirische Wieseniris und den Gewöhnlichen Natternkopf zu starren und dabei die Stirn mit Daumen und Mittelfinger zu massieren. Genau so hatte der Chef damals den Fall mit dem abgeschossenen dänischen Skispringer Åge Sørensen gelöst. Und den mit der Almhütte, auf der ein Fortbildungsseminar

 

Hölleisen riss sich von der üppigen Botanik und den nostalgischen Erinnerungen los und wandte sich wieder seinen Protokollen zu. Gleich am Morgen ein leichter, glimpflich ausgegangener Fahrradunfall, zwei mittlere Schlägereien, diverse Beleidigungen und eine Fahrgeldprellerei bei einem Taxifahrer. Dann eben der Mann im Strohhut. Hölleisen kam eine Idee. Er griff zum Telefon und rief den Notarzt an.

»Hallo Hölli, was willst du denn schon wieder wissen?«

»Ich habe noch eine Frage zu dem Hitzschlag.«

»Frag nur.«

»Kündigt sich sowas nicht an? Hätte man das nicht sehen müssen?«

»Meist sieht man das nicht. Du gehst auf der Straße, und von einer Sekunde zur anderen ist es aus mit dir. Memento mori, verstehst du. Vor allem, wenns heiß ist. Wenn du zu lange in der Sonne gelegen bist und wenn du nichts getrunken hast.«

»Aber gestorben ist er auf dem Stuhl?«

»Vielleicht war ihm vorher unwohl. Er geht noch eine Zeitlang, es wird ihm immer übler, Herzrasen, Sterne vor den Augen, er will ein Glas Wasser trinken, aber zu spät. Wo er jetzt genau mit dem Sterben angefangen hat, das kann man nicht mehr rekonstruieren. Ist das wichtig?«

»Greift sich so einer nicht an die Brust? Stöhnt nicht? Röchelt nicht?«

»Nein, ein Sekundentod ist ein schöner, unauffälliger Tod. Habt ihr denn herausbekommen, wer er ist?«

»Nein, bisher noch nicht. Aber danke für die Auskunft.«

Hölleisen schnitt ein unzufriedenes Gesicht. Dann widmete er sich wieder seinen Akten. Ruhestörung schon vor

»Hallo Hölli. Was ist denn jetzt mit dem Herrn im Strohhut? Kommt da bald jemand?«

Hölleisen sprang entgeistert von seinem Stuhl auf.

»Was soll das heißen! Hat ihn noch niemand abgeholt?«

»Sonst würde ich nicht anrufen.«

Hölleisen räusperte sich entschuldigend.

»Ich verstehe. Ja, wenn das so ist. – Die Beerdigungsinstitute haben wahrscheinlich Hochbetrieb.«

»Was kann ich denn da dafür?«

»Sitzt er immer noch im Flur?«

»Nein, ich habe ihn in die Speisekammer gezogen. Da ist es nicht so warm.«

»Einen Kühlraum habt ihr nicht?«

»Wir sind ein Bistro und keine Dorfmetzgerei. Also, auf die Dauer kann der da nicht sitzen bleiben!«

»Weißt du, das ist nicht unbedingt Polizeiarbeit.«

»Wessen Arbeit ist es dann?«

»Ja, wie gesagt –«

»Hat er denn keine Verwandten?«

»Das versuche ich grade rauszubekommen.«

»Ist doch wahr. Jedes Mal, wenn ich in die Speisekammer gehe, sitzt der da.«

»Gruseliger wäre es doch, wenn er nicht mehr dasitzen würde. So Zombie-mäßig, verstehst. Also, Fronitzerin, du weißt: Ich tu mein Möglichstes.«

 

Polizeiobermeister Franz Hölleisen legte auf und starrte noch eine Weile kopfschüttelnd auf seine Schuhspitzen. Er musste unbedingt die Identität dieses Mannes herausbekommen.

»Neurasthenischer Tremor. Es ist ganz interessant, das mal an sich selbst zu beobachten.«