Friedbert Stohner | Anu Stohner
Luna-Lila
Der allergeheimste Pony-Plan
FISCHER E-Books
Anu Stohner wurde 1952 in Helsinki geboren und lebt als freie Autorin und Übersetzerin in Altlußheim am Rhein. Für ihre Übersetzungen aus dem Finnischen, Schwedischen und Englischen wurde sie mehrfach ausgezeichnet – und ihre Bücher, u.a. ›Der kleine Weihnachtsmann‹ und ›Robert und die Ritter‹, sind einfach Kult!
Friedbert Stohner, 1951 geboren, lebt als Autor und Lektor in Altlußheim am Rhein. Nach dem Philosophiestudium schlug er zunächst eine akademische Laufbahn ein. Dann war er in leitenden Positionen in verschiedenen Kinder- und Jugendbuchverlagen tätig und baute ab 1993 das Hanser Kinderbuchprogramm auf.
Weitere Informationen zum Kinder- und Jugendbuchprogramm der S. Fischer Verlage finden sich auf ww.blubberfisch.de und www.fischerverlage.de
Wilma und ihre unsichtbare beste Freundin Luna-Lila wundern sich kein bisschen, als Schweini, der Monsterhund, eines Morgens verschwunden ist. Als dann allerdings auch noch die süßeste Stute vom Ponyhof fehlt, glauben die zwei nicht mehr an Zufall. Doch da ist es schon zu spät: Wilma und Luna-Lila stecken bereits mittendrin in einem neuen Abenteuer – diesmal mit echten, vermissten und sogar mit unsichtbaren Ponys.
Der zweite Band der frechen Mädchenbuchserie von Anu und Friedbert Stohner – für beste Freundinnen mit und ohne Rosa-Allergie!
© 2016 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main
Covergestaltung: Carolin Liepins, München, unter Verwendung einer Illustration von Pe Grigo
Coverillustration und Titelschriftzug: Pe Grigo
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-7336-0261-1
Aber nur die harmlosen und ein bisschen witzigen. Die finsteren und unheimlichen schauen sie natürlich nicht!
Wen es interessiert, wie die komische Geschichte genau geht: Sie steht in »Luna-Lila – Das allergrößte Beste-Freundinnen-Geheimnis«.
Wer wissen will, wie das war: Es steht auch in dem Luna-Lila-Buch »Das allergrößte Beste-Freundinnen-Geheimnis«.
»Quatsch mit Soße!«, sagte Luna-Lila. »Ponys verschwinden nicht einfach spurlos.«
»Aber Marie hat’s doch erzählt«, sagte Wilma. »Vorgestern Abend hat sie’s ganz normal in seine Box im Stall gebracht, und gestern Morgen war’s verschwunden.«
Marie war das Stallmädchen auf dem Ponyhof, auf den Wilma so gern Ponys schauen ging. Zu ihrem Geburtstag würde sie Reitstunden geschenkt bekommen, aber bis dahin waren es leider noch fast drei Wochen. Wilma hatte am 11. November Geburtstag, dem Martinstag.
»Aber nachmittags war’s dann wieder da, oder?«, fragte Luna-Lila und schaute an die Decke, als gäbe es da wer weiß was zu entdecken.
»Warum fragst du, wenn du’s sowieso weißt?«, fragte Wilma zurück. »Das war ja gerade das Unheimliche: dass es plötzlich draußen auf der Koppel gestanden hat, wo es vorher spurlos aus dem Stall verschwunden war.«
»Ponys verschwinden nicht einfach spurlos«, sagte Luna-Lila.
Und jetzt hatte Wilma genug. Sie haute auf die Pony-Silbermähne-Bettdecke, dass es Luna-Lila neben ihr mindestens eine Handbreit in die Höhe katapultierte.
»Du willst es nicht verstehen!«, schimpfte sie. »Aber egal, dann geh ich eben allein!«
»Ich dachte, Aylin kommt mit«, sagte Luna-Lila, nachdem sie wieder sicher auf ihrem Prinzessinnenpo saß.
Aylin ging mit Wilma in dieselbe Klasse, und sie waren allerbeste Freundinnen. Oder eigentlich waren sie alle drei allerbeste Freundinnen: Wilma, Aylin und Luna-Lila.
»Kommt sie auch! Weil sie nämlich eine richtige allerbeste Freundin ist! Also zum letzten Mal: Kommst du mit zum Ponyhof oder nicht?«
Das mit der richtigen allerbesten Freundin war fies, und das wusste Wilma natürlich. Aber warum musste Luna-Lila auch solche Zicken machen? Das bisschen Regen draußen war doch kein Grund, zu Hause zu bleiben! Sie waren doch nicht aus Zucker!
Luna-Lila hatte kurz die Augenbrauen gehoben wie manchmal Wilmas Mama, aber sie sagte nichts. Sie machte nur ihr hochnäsiges Du-liebe-Güte-was-man-sich-als-Prinzessin-alles-anhören-muss-Gesicht. Luna-Lila konnte viele solche Gesichter, aber für Wilma war das eins der nervigsten. Sie holte schon aus, um wieder auf die Bettdecke zu hauen, dann merkte sie, dass Luna-Lila doch was sagen wollte, und wartete noch ab.
Luna-Lila schaute ihr fest in die Augen und sagte: »Ich hab Nein gesagt.«
Wenn es einen Satz gab, mit dem man Wilma auf die Palme bringen konnte, dann war es genau der. Mama sagte ihn manchmal, und dagegen konnte sie nichts machen. So redeten Erwachsene eben, wenn sie einem was verbieten wollten und eigentlich selbst nicht wussten, warum. Aber von einer ihrer Freundinnen musste sie sich so was nicht gefallen lassen. Nicht mal von einer ihrer allerbesten, und wenn die hundertmal Prinzessin war!
»Sag das nie wieder!«, fuhr sie Luna-Lila an. »Sag das …«
Sie hielt mitten im Satz inne, denn genau da bewegte sich wie von Geisterhand die Tür, und ihr kleiner Bruder Nils steckte den Kopf ins Zimmer.
»Streitest du dich mit jemand?«, fragte er.
»Nein!«, fauchte Wilma. Der Nervbolzen hatte ihr gerade noch gefehlt.
»Ich hab’s doch genau …«
Weiter kam Nils nicht, dann sah er, dass Wilma ihren Pony-Silbermähne-Wecker wie ein Wurfgeschoss packte, und sein Kopf verschwand noch schneller, als er aufgetaucht war.
»Ich hab Nein gesagt!«, schrie Wilma ihm durch die geschlossene Tür hinterher.
Danach stellte sie den Wecker zurück, und für ein paar Sekunden war es im Zimmer mucksmäuschenstill. Wilma und Luna-Lila schauten einander an, und hinterher hätte keine von ihnen sagen können, wer zuerst lachte. Sie wussten nur noch, dass sie lange nicht aufhören konnten und irgendwann japsend nebeneinander auf dem Rücken lagen.
»Und jetzt?«, fragte Wilma, als sie wieder sprechen konnte.
»Gehen wir von mir aus zum Ponyhof«, seufzte Luna-Lila.
»Und der Regen?«, fragte Wilma.
»Ist ja wohl dein Problem und nicht meins«, sagte Luna-Lila.
Das gab den zweiten Lachanfall, und der dauerte noch einmal fast genauso lang wie der erste.
Klar, der Regen war deshalb nicht Luna-Lilas Problem, weil sie eine Geheimprinzessin und unsichtbar war, und wer unsichtbar ist, wird eben auch nicht nass. Geheim war Luna-Lila, seit Wilma zur Schule ging, also schon eine ganze Weile, denn inzwischen war sie in der zweiten Klasse. Vorher hatten Mama und Papa es witzig gefunden, dass Wilma eine zickige kleine Prinzessin als Freundin hatte, von der sie dachten, dass es sie gar nicht gab und Wilma sie nur erfunden hatte. Aber als die Schule anfing, hieß es plötzlich, Schulmädchen hätten keine erfundenen Freundinnen mehr, sonst würden sie von den anderen ausgelacht. Seitdem tat Wilma so, als wäre Luna-Lila nicht mehr da, und der Einzige, der’s ihr nicht glaubte, war die kleine Nervensäge Nils. Darum lief er auch immer mit gespitzten Ohren herum. Er wollte die beiden unbedingt erwischen, und bestimmt hatte er sich auch jetzt nicht wirklich verjagen lassen. Wahrscheinlich stand er noch vor der Tür und lauschte oder linste sogar durchs Schlüsselloch.
»Wetten, er ist noch da?«, flüsterte Wilma, als sie sich die letzten Lachtränen aus den Augen gewischt hatte.
»Er braucht mal wieder einen Denkzettel«, flüsterte Luna-Lila zurück.
»Machst du’s oder ich?«, fragte Wilma.
»Bin schon unterwegs.«
Mit diesen Worten stand Luna-Lila auf und ging leise in Richtung Tür. Im Unterschied zu Wilma konnte sie das ganz offen tun, denn selbst wenn Nils durchs Schlüsselloch linste, konnte er sie ja nicht sehen. Vor der Tür blieb sie kurz stehen und nickte zu Wilma hin. Er ist da, sollte das heißen. Luna-Lila konnte zwar nicht durch Türen schauen, aber sie besaß Ohren, mit denen sie wahrscheinlich auch Läuse auf Nils’ Kopf hätte atmen hören. Nils hatte zwar keine Läuse auf dem Kopf, aber er selber atmete natürlich.
Luna-Lila zwinkerte Wilma zu, dann riss sie die Tür auf und machte schnell einen Schritt zur Seite, damit Nils freie Bahn hatte. Er kam mit einem solchen Schwung ins Zimmer geschossen, dass er nach dem Erstbesten griff, woran er sich festhalten konnte. Es war Wilmas Schreibtischstuhl, der nur leider Rollen hatte, von denen eine ein bisschen klemmte. Nils kurvte noch ein Stück durchs Zimmer, dann bewegte sich die Rolle gar nicht mehr, und er segelte über den Stuhl hinweg ins Regal mit Wilmas Kuscheltieren.
Zum Glück war das Regal an der Wand festgedübelt, sonst hätte das Ganze böse ausgehen können. So hockte Nils nur verdutzt auf dem Hosenboden, und der Schreibtischstuhl stand mit den verflixten Rollen nach oben neben ihm. Dass von den vielen Kuscheltieren nur zwei aus dem Regal gefallen waren, war ein kleines Wunder. Schildi, die Schildkröte, lag neben Nils auf dem Rücken, und Rosi, das rosa Hasenmädchen mit den Klimperaugen, saß auf Nils’ Schoß.
Nils selbst betastete die Beule, die auf seiner Stirn zu wachsen begann, und wartete auf das Donnerwetter, das gleich auf ihn niedergehen würde. Statt eines Donnerwetters kam aber was viel Schlimmeres. Wilma zeigte auf Rosi mit den Klimperaugen und sagte:
»Aber Nilsilein, wenn du mit ihr spielen willst, brauchst du’s doch nur zu sagen!«
Erst jetzt bemerkte Nils das Hasenmädchen überhaupt. Er starrte es an, als wäre es ein schleimiger kleiner Alien, dann packte er es, schmiss es in die Ecke hinter der offen stehenden Tür und rannte aus dem Zimmer. Hätte er der fliegenden Rosi hinterhergeschaut, hätte er gesehen, wie sie plötzlich mitten in der Luft anhielt und dann langsam auf ihren Platz im Regal zurückschwebte. Luna-Lila hatte sie aufgefangen, darum. Aber vielleicht wäre ein schwebendes Hasenmädchen für den armen Nils auch zu viel gewesen.
»Du kannst sie dir jederzeit ausleihen!«, rief Wilma noch in den Flur, aber da knallte schon die Tür zu Nils’ Zimmer.
»Jetzt heult er sich bei Schweini aus, und die zwei schwören Rache«, sagte Luna-Lila, die auch Schildi ins Regal zurückstellte.
Schweini war Nils’ erfundener Monsterhund, zu dem Mama und Papa nichts sagten, weil Nils ja noch in den Kindergarten ging. Er durfte Schweini nur nicht mehr dorthin mitnehmen, seitdem sie sich zusammen in der Hecke beim Sandkasten versteckt und Schweini so entsetzlich geknurrt hatte, dass ein paar Kinder hinterher nächtelang nicht schlafen konnten. Angeblich hatte Nils nichts gegen das Knurren machen können, aber das war Mama und Papa egal. Ein Geknurre, vor dem sich andere Kinder zu Tode erschreckten, kam für sie so oder so nicht in Frage.
Und ja, Luna-Lila hatte recht: Normalerweise hätte Nils sich bei Schweini ausgeheult, und die beiden hätten Rache geschworen, obwohl Schweini ein solcher Dödel von einem Monsterhund war, dass man sich vor seiner Rache ganz bestimmt nicht fürchten musste. Aber diesmal konnte sich Nils nicht bei Schweini ausheulen. Der war nämlich seit dem Morgen spurlos verschwunden. Nur darum war Nils überhaupt bei Wilma aufgetaucht. Weil er darüber so traurig war und ihr von seinem Kummer erzählen wollte. Nicht, um sie mit Luna-Lila zu erwischen. Dafür, dass er dann Stimmen gehört hatte, konnte er schließlich nichts. Es war alles nur richtig dumm gelaufen, und das Dümmste war, dass er jetzt eine ganze Weile warten musste, bis er wieder mit Wilma reden konnte.
Denn bis Nils sich abgeregt hatte, waren Wilma und Luna-Lila längst auf dem Weg zum Ponyhof. Von seinem Kummer ahnten die beiden ja nichts.
Als Wilma und Luna-Lila auf dem Ponyhof ankamen, wartete Aylin schon bei der großen Koppel. Der Regen hatte zum Glück fast aufgehört, und ein bisschen spickte sogar die Sonne hinter den Wolken hervor. Nur auf ihren Lieblingsplatz oben auf dem kleinen Hügel, von dem aus man zum Stall und den anderen Gebäuden hinüberschauen konnte, würden sich die Mädchen nicht setzen können. Dazu waren das Gras zu nass und der Boden zu kalt. Schließlich war schon Oktober.
»Mann, seid ihr zwei Trödelliesen!«, rief Aylin, als sie ihre beiden Freundinnen kommen sah.
Das heißt, eigentlich sah sie nur eine, weil Luna-Lila für sie genauso unsichtbar war wie für alle anderen Menschen außer Wilma. Sie wusste nur, dass Luna-Lila dabei war, weil Wilma es ihr gesimst hatte. Erst als die beiden näher kamen, sah sie auch den kleinen rosa Blümchenanstecker an Wilmas Anorak.
Das Blümchen war das Luna-Lila-Zeichen, falls Aylin mal nicht schon vorher Bescheid wusste, und rosa war es deshalb, weil Luna-Lila in Wirklichkeit Luna-Rosa hieß. Sie wollte nur nicht so genannt werden, weil sie Rosa nicht ausstehen konnte. Auch über das rosa Blümchen hatte sie erst gemosert, aber da war Wilma hart geblieben. Was sie für Anstecker trage, sei ja wohl ihre Sache, hatte sie gesagt, und irgendwann hatte Luna-Lila schließlich Ruhe gegeben.
»An mir hat’s nicht gelegen«, sagte Wilma.
»Tut mir ja auch leid«, sagte Luna-Lila kleinlaut, und Wilma fragte sich bestimmt zum hundertsten Mal, was Aylin an sich hatte, dass Luna-Lila in ihrer Anwesenheit zur sanftesten Person der Welt wurde. Schon dass sie sich, ohne zurückzupampen, »Trödelliese« nennen ließ, war ja eigentlich nicht zu glauben. Aber Wilma war es recht. Sie hatte die beiden erst vor ein paar Wochen miteinander bekannt gemacht, und ein bisschen bange war ihr schon gewesen, dass sie sich vielleicht nicht so gut verstanden.
»Schon gut«, sagte Aylin, die Luna-Lila zwar nicht sehen, aber ganz normal hören konnte. Wie überhaupt Luna-Lila zwar unsichtbar, aber nicht unhörbar war. Sie suchte sich nur aus, von wem sie gehört werden wollte, und hielt in Anwesenheit aller anderen lieber den Mund.
Aylin zeigte jetzt auf die kleine Birkengruppe ziemlich weit hinten auf der großen Koppel, wo die Ponys standen, und fragte: »Seht ihr die?«
»Die Ponys?«, fragte Luna-Lila.
»Mann, wen denn sonst? Oder siehst du da auch Giraffen, oder was?«, blaffte Aylin sie an.
»Giraffen – sind das die schwarzweiß gestreiften?«, fragte Luna-Lina seelenruhig.
»Nein, Mann! Die schwarzweiß gestreiften sind …«
Aylin verstummte mitten im Satz, weil sie merkte, dass Luna-Lila sie reingelegt hatte. Aber sie wusste auch, dass sie selbst schuld war. Sie hätte Luna-Lila wirklich nicht so anzublaffen brauchen.
»Entschuldigung, war nicht so gemeint«, sagte sie. »Ich hab mich nur so aufgeregt.«
»Bloß, weil wir uns ein bisschen verspätet haben?«, mischte sich jetzt Wilma ein.
»Nein, Ma…«
Fast wäre es wieder passiert, aber diesmal merkte es Aylin rechtzeitig.
»Nein«, wiederholte sie seufzend.
Danach schloss sie die Augen und atmete mit hängenden Armen dreimal tief durch. Aylin war Judoka, und das war eine der Übungen vorm Kämpfen, damit man nicht so aufgeregt war und vor Übereifer was Falsches machte. Wilma und Luna-Lila kannten das schon und warteten.
»Los, kommt, wir setzen uns auf den Zaun, dann erzähl ich euch alles!«, sagte Aylin, als sie sich beruhigt hatte.
Der Zaun war nass, aber sie berührten ihn ja nur oben auf der schmalen Kante, da machte das nicht so viel.
»Also«, begann Aylin, die zwischen Wilma und Luna-Lila saß. »Wenn ihr noch mal zu den Ponys schaut und nachzählt, seht ihr, dass wieder eins fehlt …«
»Marylou«, sagte Luna-Lila.
»Das hast du so schnell gesehen?«, staunte Aylin.
Denn es stimmte tatsächlich. Dabei waren es zwölf erwachsene Ponys, die auch noch dicht beieinanderstanden, und Aylin selbst hatte eine ganze Weile gebraucht, bis sie die auch nur durchgezählt hatte.
»Ich bin nur in Giraffen schlecht«, sagte Luna-Lisa so ernst, dass Wilma erst kichern musste, als Aylin schon weitererzählte. Sie fing sich dafür einen kleinen Stups mit dem Ellbogen ein, aber man merkte, dass Aylin es nicht wirklich ernst meinte.
»Marylou war’s auch, die gestern Morgen im Stall gefehlt hat, hat Marie erzählt …«
»Du hast mit ihr gesprochen?«, fragte Wilma.
»Vorhin, als ich gekommen bin, hab ich sie drüben auf dem Hof getroffen. Jedenfalls, gestern war Marylou mittags, als Marie nach dem Essen auf die Koppel kam, wieder da.«
»Und jetzt ist es schon nach drei«, sagte Wilma.
»Dabei hat sie doch das Fohlen, und Marie sagt, eine Ponymama, die ihr Fohlen allein lässt, das gibt’s eigentlich gar nicht …«
Aylin hörte sich plötzlich an, als müsste sie gleich weinen, und sie war echt keine Heulsuse. Eher das genaue Gegenteil. Jedenfalls konnte sich Wilma nicht erinnern, sie schon mal weinen gesehen zu haben. Aber klar, Marylou war schon immer ihr Lieblingspony, und seit sie Fohlenmama war, war sie’s noch viel mehr. Das Fohlen selbst stand ein Stück von den erwachsenen Ponys entfernt unter einer der Birken, aber es kam nicht zu ihnen her. Manchmal machte es das und ließ sich streicheln, aber heute nicht. Wilma legte Aylin den Arm um die Schultern.
»Und hat sie sonst noch was gesagt?«, fragte Luna-Lila so sanft, als hätte sie Angst, Aylin zu erschrecken.
»Nur was ganz Komisches«, sagte Aylin mit ein bisschen rauer Stimme. »Als ich wissen wollte, wie sie sich das mit Marylou erklärt. Da hat sie erzählt, sie hätte nachts nicht richtig schlafen können, weil fast Vollmond ist und der genau in ihr Fenster scheint. Da wäre sie aufgestanden und hätte rausgeschaut und Marylou gesehen, wie sie mit einem Reiter auf dem Rücken über die große Koppel jagt. Richtig unheimlich wäre das gewesen, weil der Reiter so gummimäßig gelenkig ausgesehen hätte, und hinter den beiden wäre auch noch ein Hund hergewetzt, wie sie in ihrem ganzen Leben noch keinen gesehen hat. Unglaublich hässlich war der, sagt sie, und zum Schluss, wie Marylou mit dem gelenkigen Reiter glatt über den Zaun gesprungen ist, hat er’s auch versucht und ist voll gegen das oberste Brett gedonnert. Hinterher ist er dann unterm Zaun durchgekrochen und genauso im Wald verschwunden wie vorher Marylou mit dem Reiter.«