Thomas Brussig
Leben bis Männer
Roman
FISCHER E-Books
Thomas Brussig, 1964 in Berlin geboren, hatte 1995 seinen Durchbruch mit dem Roman ›Helden wie wir‹. Es folgten u.a. ›Am kürzeren Ende der Sonnenallee‹ (1999), ›Wie es leuchtet‹ (2004) und das Musical ›Hinterm Horizont‹ (2011). Seine Werke wurden in 30 Sprachen übersetzt. Thomas Brussig ist der einzige lebende deutsche Schriftsteller, der sowohl mit seinem literarischen Werk als auch mit einem Kinofilm und einem Bühnenwerk ein Millionenpublikum erreichte. Zuletzt erschien von ihm der Roman ›Das gibts in keinem Russenfilm‹ (2015).
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Einer packt aus. Mehr als zwanzig Jahre war er der Stratege am Rand, im Training ein harter Knochen, auf dem Platz ein Erlöser. Sein Verein hieß einst ›Tatkraft Börde‹, sein Beruf ist Fußballtrainer. Jetzt zieht er vom Leder, und es gibt kein Halten: Weil einer seiner Spieler vor Gericht gestellt wurde, hat die Mannschaft den Aufstieg nicht geschafft. Nach ›Helden wie wir‹ und ›Am kürzeren Ende der Sonnenallee‹ hat Thomas Brussig nun den Aufschrei eines Menschen aus der Provinz aufgezeichnet. ›Leben bis Männer‹ ist der Monolog eines Mannes, der ein enger Verwandter des Kontrabassisten von Patrick Süskind sein könnte. Ein Fußballtrainer aus der Provinz rechnet ab. Ein leidenschaftlicher Monolog voll absurder Volten und mitreißender Komik - das ostdeutsche Pendant zum ›Kontrabass‹ von Patrick Süskind.
Erschienen bei FISCHER E-Books
© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2015
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ISBN 978-3-10-403761-5
Ein Fußballtrainer kommt aus den Umkleideräumen auf die Bühne, die einen Fußballacker darstellt. Der Trainer ist über fünfzig, hat kurze krumme Beine und einen Bierbauch.
Er schleppt ein riesiges Netz voller Fußbälle auf dem Rücken. Vor seiner Brust baumelt eine Trillerpfeife.
Plötzlich hält er inne, lauscht und schaut zum Himmel.
Ruhig mal! Hörn Sie? Die Autobahn! Kein Lüftchen, und ganz weit die Autobahn – ruhig! Da! – Nachher wird schwer was runterkommen. Im Radio haben sie gesagt, wechselnde Bewölkung. Aber wenn ich die Autobahn hör, bei Windstille, dann kommt was runter, und nicht zu knapp. In spätestens anderthalb Stunden. Wenns Training losgeht. Das erste Training mit der neuen Mannschaft. Und dann gleich Regen.
Er wirft die Bälle ab und beginnt ganz nebenbei das Spielfeld für das Training vorzubereiten; Grasballen eintreten, die Tore aufstellen, Tornetze aus dem Geräteraum schaffen und an den Toren anbringen, Eckfahnen einschlagen, Kreide einfüllen und Linien kreiden, Bälle aufpumpen usw.
Noch nie n Trainer gesehen? Bitte, ich hab nichts zu verbergen. Seh ich aus wie einer, der was zu verbergen hat?
Meine Dame, zugucken gerne – aber nicht einmischen! Frauen und Fußball ist immer prekär. Je emanzipierter, um so schlimmer. Abseits, Libero – das kann man ihnen noch erklären. Irgendwann begreifen sie es sogar. Aber Frauen verstehen nie, wieso Fußball.
Ich bin absolut kein Frauenfeind. Aber Frauen und Fußball – nee. Kennen Sie auch nur eine Fußballtrainerin? Nennen Sie mir nur eine einzige, und ich halte meinen Mund. Es gibt Fußballtrainer, die nie Fußball gespielt haben – Uruguay ist sogar mal Weltmeister geworden mit einem, der nie Fußball gespielt hat. Das ist alles möglich, aber daß ne Frau Fußballtrainer ist – ausgeschlossen. schreit Heiko steht! normal Oder vor Gericht. Schon bei der Scheidung ist ne Frau als Richter schlimm, kann ich Ihnen sagen, aber wenn sogar bei diesen sogenannten Mauerschützenprozessen – das muß man sich mal vorstellen! Die hat doch keine Ahnung, wies zugeht in ner militärischen Einheit, mit Befehl und … So ne Richterin weiß doch nicht mal, was Vergatterung bedeutet. Wenn ichs Ihnen sage! Fragen Sie irgendeine Frau, was Vergatterung bedeutet. Nein, nicht irgendeine – fragen Sie die klügste Frau, die Sie kennen, was Vergatterung bedeutet. Ich garantiere Ihnen: Keine weiß es. Sie glauben, daß sies wissen, aber sie wissens nicht. Und so was darf dann Urteile sprechen. Die versteht doch überhaupt nicht, was es heißt, daß ein Mann an seinen Platz gestellt wird und seine Pflicht zu erfüllen hat. Versteht die nicht. Ein Trainer versteht so was sofort. Und wenn einer rübermachen wollte, wußte der doch, was ihn erwartet. Ist meine Ansicht. Gab auch andere Wege. Mußte doch nicht so nen armen kleinen Grenzsoldaten in Konflikte stürzen. Hätte jeden treffen können. Wehrpflicht, Fahneneid, Befehle – da hatte man keine Wahl als kleiner Grenzsoldat. Da wurden nun mal welche erschossen. Ich sage: leider. Aber die Prozesse, Jahre später – die machten doch keinen mehr lebendig. Und dann ne Frau. Keine Ahnung von Vergatterung. Aber wenn dann die Mutter von dem Vollidioten, ich nenn ihn jetzt mal so, von diesem Vollidioten, der sich unbedingt erschießen lassen wollte – leider! –, wenn also die Mutter vor Gericht erschien, dann können Sie sich doch denken, wie das lief. Die Richterin sieht die Mutter … Dann hatte doch so n kleiner Grenzsoldat verloren, der konnte sich doch gar nicht begreiflich machen mit Befehl und Vergatterung … Ich weiß, wovon ich rede. Ich hab selbst mal in so nem Gerichtssaal gesessen. Nicht auf der Bank, sondern als ganz unbeteiligter, unvoreingenommener Zuschauer. Aber als ich mitgekriegt habe, daß da ne Frau als Richter – also da wars aus. Ich bin kein Frauenfeind, aber es gibt einfach Grenzen. Gibt ja auch keine Fußballtrainerin. schreit Heiko steht! normalbrülltnormal