Vilém Flusser
Kommunikologie weiter denken
Die »Bochumer Vorlesungen«
Fischer e-books
Vilém Flusser,geboren 1920, gestorben 1991, emigrierte 1939 über London nach São Paulo. 1963 wurde er Dozent für Wissenschaftsphilosophie, 1964 Professor für Kommunikationstheorie an der Universität São Paulo. Im Fischer Taschenbuchverlag sind erschienen »Kommunikologie« (FTV 13389) sowie »Medienkultur« (FTV 13386).
Anlässlich seiner ersten Gastprofessur in Deutschland im Jahr 1991 an der Ruhr-Universität Bochum wollte Vilém Flusser seine Kulturkritik im Angesicht der neuen Medien noch einmal grundlegend durchdenken. Eine Neufassung seines medientheoretischen Hauptwerks, der Lehre von der menschlichen Kommunikation, sollte daraus hervorgehen. Es musste bei den Vorlesungen bleiben. Wenige Monate spät er starb er bei einem Verkehrsunfall. Im _Vilém_Flusser_Archiv sind die Bochumer Vorlesungen zu einem konzentrierten Text redigiert worden.
© S.Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2008
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Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-401030-4
Beispielsweise basiert das Buch Gesten auf Vorlesungsmanuskripten.
Lediglich zu seinem Vortrag vor dem Stiftungsrat, der einer Antrittsvorlesung entsprach, gab es ein ausformuliertes, sorgfältig auf seiner mechanischen Schreibmaschine getipptes Manuskript.
Vilém Flusser, Bochumer Vorlesungen 1991 (http://www.flusser-archive.org/fllusserstream/play_chapterfile.php?audiofile=ogg/kulturkritikIII2a04.ogg&textfile=txt/kulturkritikIII2a04.txt&au_id=195&chapter_id=16), 8:35–9:18. Künftig auch über: http://www.Flusser-archive.org
Zwischenzeitlich hieß der Verlag kurz Immatrix Publications.
Genaue Angaben dazu in der Bibliographie.
Darin verarbeitet sind die Manuskripte »Umbruch der menschlichen Beziehungen« und »Vorlesungen zur Kommunikologie«.
Stefan Bollmann, Editorisches Nachwort, in: Vilém Flusser, Kommunikologie, hg. von Stefan Bollmann und Edith Flusser (Frankfurt/M.: Fischer, 1998), S.353–355, hier S.355.
In der ersten Zeit mit tatkräftiger Unterstützung durch den Philosophen und Medientheoretiker Nils Röller, der heute in Zürich lehrt.
Vilém Flusser, Bochumer Vorlesungen 1991, hg. von Silvia M. Wagnermaier und Siegfried Zielinski (http://www.flusser-archive.org/index.php, 2005).
Vilém Flusser bei seinem Vortrag zur »Kommunikologie als Kulturkritik II« am 22. Juni 1991 in Bochum. (http://www.flusser-archive.org/flusserstream/play_chapterfile.php?audiofile=ogg/kulturkritikII3a02.ogg&textfile=txt/kulturkritikII3a02.txt&au_id=427&chapter_id=15#, 8:05–9:40).
Randbemerkungen, Erläuterungen.
Vom englischen Wort pixel (Kurzform von picture und element) für Bildelement, Bildpunkt.
Kunst des Sterbens.
Wörtlich: »Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir.« Dieser Satz von Seneca (Epistulae morales 106, 2) wird allerdings als frühe Kritik des Schulwesens interpretiert.
»Nicht für die Schule, sondern für das Leben leben wir.«
Undankbare Menge.
Unwissende Menge.
Diesen Satz spricht Faust in: Johann Wolfgang Goethe, Faust I (1806).
Der Westdeutsche Rundfunk ist der für das kulturelle Hoheitsgebiet zuständige Sender, in dem Bochum liegt.
Universalmathematik.
»Meine Gestaltung«.
»Ich bilde keine Hypothesen.«
Aus dem Englischen: Splitter, Span.
Überfülle.
Vgl. die Schriften des Anthropologen Marshall Sahlins, z.B. Poor Man, Rich Man, Big Man, Chief: Political Types in Melanesia and Polynesia. Comparative Studies in Society and History 5 (1963): 285–303.
Aus dem Englischen: Ausstellung, Schau.
Aus dem Englischen, von to plot, zeichnen; hier: vom Computer gesteuertes Zeichengerät.
Vgl. u.a. Karl H. Pribram, Languages of the Brain. Experimental Paradoxes and Principles in Neuropsychology (1971).
»Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen«, heißt es in Ludwig Wittgensteins Tractatus Logico-Philosophicus (1918).
Eine Textzeile aus Shakespeares The Tempest (IV/1, 156–157), gesprochen vom Zauberer Prospero, die im Weiteren lautet: »…and our little life/Is rounded with a sleep.« (In der Übersetzung von Christoph Martin Wieland: »Wir sind solcher Zeug, woraus Träume gemacht werden, und unser kleines Leben endet sich in einen Schlaf.«)
Omar Khayyám, Rubáiyát LXXIII, in: Rubáiyát of Omar Khayyám. Six Plays of Calderßn, translated by Edward Fitzgerald (London/New York: J.M.Dent/E.P. Dutton, 1935), S.21. (Diese Übersetzung stammt aus der Reisebibliothek Flussers und befindet sich im _Vilém_Flusser_Archiv an der Universität der Künste Berlin.)
Umschrift von ישלי.
Luis Buñuel und Salvador Dali, 1929.
»Die Welt ist mir geschehen.«
Lebende Natur im Gegensatz zu nature morte, der toten Natur.
Aus: Christian Morgenstern, »Das Gebet«.
Georg Wilhelm Friedrich Hegel, 1806/07.
»Sei allem Abschied voran, als wäre er hinter dir, wie der Winter, der eben geht.« Aus: Rainer Maria Rilke, »Sonett an Orpheus«, Zweiter Teil, XIII.
The Tempest (vgl. Fußnote 20).
Vom Englischen to scan für absuchen, abtasten, rastern, durchsuchen, lesen.
Im brasilianischen Portugiesisch gebräuchlich; es bedeutet »der mächtigste Mann« (von mandar, befehlen, und a chuva, der Regen).
Wörtl.: eine Bildoberfläche erzählen, das Bild in eine Erzählung transformieren.
Im Buch Mose (Genesis), Kapitel 1, Verse 1–25, heißt es wiederholt: »Und Gott sah, dass es gut war.«
Aus: Ovid, Metamorphosen: Die Schöpfung (Das goldene Zeitalter). Eine wörtliche Übersetzungsvariante lautet: »Keine drohenden Worte wurden auf aufgestellten Gesetzestafeln gelesen, und nicht fürchtete die flehende Menge das Antlitz ihres Richters, sondern sie war(en) ohne Richter sicher.«
Zur größeren Ehre Gottes; auch Wahlspruch der Jesuiten.
Eine Abwandlung von »Navigare necesse est, vivere non est«, dem Motto, das Heinrich dem Seefahrer zugeschrieben wird. Dieses Motto ist dem Buch Die Schrift. Hat Schreiben Zukunft? (1987) vorangestellt.
Klar und deutlich zu erfassen; vgl. dazu René Descartes, Meditationes de prima philosophia (1641).
Aus: Gertrud Stein, »Sacred Emily« (1913), in: Geography and Plays (1922).
Schöpfung aus nichts.
1440, wörtl.: Über die belehrte Unwissenheit.
Wörtl.: es steht geschrieben.
Wörtl.: Übereinstimmung des Verstandes mit dem Seienden.
Wörtl.: Mitwirkung Gottes.
Wörtl.: Naturphilosophie, vgl. Isaak Newton, Philosophiae Naturalis Principia Mathematica (1686).
Diese Zeilen spricht Mephistopheles in: Johann Wolfgang Goethe, Faust I (1806).
Marcel Duchamp, 1915–1923.
Augere heißt wörtlich vermehren und wird nicht mit der Bedeutung gründen verwendet. Inaugurieren wird im Sinne von initiieren verwendet.
Ara bedeutet wörtlich Altar oder Erhöhung.
Beides ist zu übersetzen mit kraft, vermöge.
Zu diesem Autor und Buch konnten keine Angaben eruiert werden.
Aus: »Die Internationale«, dt. Text von Emil Luckhardt (1910).
Angelus Silesius (eigentl. Johannes Scheffler), Cherubinischer Wandersmann (1675), Buch 3, 228.
Eichmann in Jerusalem: A Report on the Banality of Evil (1963).
Vgl. dazu »Das Manifest der Kommunistischen Partei«, 1847, verfasst von Karl Marx und Friedrich Engels. Im Original heißt es »das Gespenst des Kommunismus«.
Ferdinand Raimund, »Das Hobellied«, aus dem Bühnenstück Der Verschwender (1834).
Faust zu Mephistopheles in: Johann Wolfgang von Goethe, Faust I (1806).
Zur größeren Ehre Gottes.
Auguste und Louis Lumière, L’arrivée d’un train à la gare de la Ciotat (1896).
Diesen Begriff konnten wir im Griechischen nicht finden.
»Das Höhlengleichnis«, aus Platons Politeia (ca. 370 v.Chr.), Pol 514a–517a.
Rainer Maria Rilke, »Schlußstück« aus: Das Buch der Bilder (1898–1906).
Martin Heidegger, Holzwege (1935–1946, Erstpublikation 1950).
Martin Heidegger (1927).
Von Steina und Woody Vasulka 1971 gegründetes Künstlerkollektiv (Center for video, music, dance, performance, film + literature).
Sergej Eisenstein (1925).
Flusser spricht an dieser Stelle in seinem Vortrag von der Arbeit Woody Vasulkas. Er verwechselt ihn hier mit dem polnischen Video- und Filmkünstler Zbigniew Rybczynski. Tatsächlich beschreibt er Rybczynskis Videoarbeit Steps (1987).
Fred Forest, Art sociologique. Video (Paris: Coll. 10/18, 1977).
»Die Franzosen sind recht groß in …«
Hanns Braun, Hier irrt Goethe – unter anderen. Eine Lese von Anachronismen von Homer bis auf unsre Zeit (München: Heimeran, 1937).
Beispielsweise in Fights, Games, and Debates (1960) setzte sich der Mathematiker mit Spieltheorie auseinander.
Ludus tonalis (1942) ist der Name einer Klavierkomposition von Paul Hindemith.
Fjodor Michailowitsch Dostojewski, Der Spieler (1866).
Wörtl.: »die Spiele der Liebe und des Zufalls«.
Flusser übersetzt frei aus dem »Abendlied I.« von Vítězslav Hálek (1853–1874), tschechisch: »Večerní písně I.«, část šestá, básně LI.
Friedrich von Schiller, »Der Taucher« (1797).
»Was ihr den Geist der Zeiten heißt, das ist im Grund der Herren eigener Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln«, Faust zu Wagner, in: Johann Wolfgang von Goethe, Faust I (1806).
Omar Khayyám, Rubáiyát XLIX, S.18 (vgl. Fußnote 21).
Würde man darauf wetten, dass Gott existiert, würde man nichts verlieren, falls es ihn nicht gibt, allerdings alles gewinnen, falls er existiert, so lautet Blaise Pascals Argument für den Glauben an Gott. (Vgl. Pensées, 1669).
Vgl. u.a. Gottfried Wilhelm Leibniz, Principes de la Nature et de la Grace fondés en Raison – Monadologie (1714).
Dieses Buch blieb unvollendet. Die vorhandenen Texte sind unter dem Titel »Menschwerdung« in dem Band Vom Subjekt zum Projekt. Menschwerdung von Stefan Bollmann und Edith Flusser herausgegeben worden.
Die lateinische Redewendung »de te fabula narratur« bedeutet: »Die Geschichte wird über dich erzählt«, »du bist gemeint«.
Dieser Slogan zur Besiedlung des nordamerikanischen Westens wird dem US-amerikanischen Zeitungsverleger und Präsidentschaftskandidaten (1872) Horace Greeley zugeschrieben.
Diese Welt, Diesseits.
Die kommende Welt, Jenseits.
Der Text, des unzählige Male vertonten Liedes zur Begrüßung des Sabbat »Lecha Dodi«, stammt aus dem 16. Jahrhundert und ist von Scholomo Alkabez. Heinrich Heine hat den Text fälschlicherweise Jehuda ha-Levi zugeschrieben (Romanzero, 1851).
Die Umschriften aus dem Hebräischen variieren leicht.
Üblicherweise mit »Komm, mein Freund« übersetzt.
Der Satz stammt von Seneca (vgl. Fußnote 4).
Dritte Bitte aus dem »Vaterunser«, Matthäus-Evangelium (Mt 6,9-13) und Lukas-Evangelium (Lk 11,2ff.).
Das Originalzitat lautet: »Le cœur a ses raisons que la raison ne connaît pas. « (»Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt.«) und stammt aus Blaise Pascals unvollendet gebliebenen Pensées [Gedanken], 1669.
Beide Zitate stammen aus der erwähnten Korrespondenz mit David Flusser vom 25.11.1990.
Vgl. dazu: Silvia Wagnermaier, Nomadisch (1972–1980), in: absolute Vilém Flusser, hg. von Nils Röller und Silvia Wagnermaier (Freiburg: Orange Press, 2003), S.110–119, hier S.110.
Vgl. A consumida consumidora. Comentario 51, Rio de Janeiro (1972): 35–46, hier S.35.
Eine vollständige Bibliographie von Flussers Buchpublikationen findet sich im Anhang. Unter dem Titel Kommunikologie sind die Vorlesung zur Frage »Was ist Kommunikation?« und die Fragmente des Buchprojekts »Umbruch der menschlichen Beziehungen?« gebündelt.
Am 2. März 1989 hielt Flusser am Kernforschungszentrum in Karlsruhe einen Vortrag mit diesem Titel, der als Grundlage für einen frühen philosophisch orientierten Hypertext in Deutschland verwendet wurde. Verantwortlich für dieses Projekt war Bernd Wingert, der 2007 Soft- und Hardware der Applikation dem _Vilém_Flusser_Archiv an der Universität der Künste Berlin für die Forschung schenkte. Vgl. auch: Knuth Böhle, Urich Riehm, Bernd Wingert, Vom allmählichen Verfertigen elektronischer Bücher. Ein Erfahrungsbericht (Frankfurt/M.: Campus Verlag, 1997).
Lingua e realidade und Da religiosidade sind bislang nur auf Portugiesisch erschienen.
Da Língua Portugesa. Revista Brasileira de Filosofia 40 (1960): 560–566.
A Vaca, in: Estado de São Paulo.Suplemento Literário, 12.9.1961, keine Seitenangabe. Unter dem Titel »Maschinenbau« findet sich eine leicht veränderte deutsche Version dieses Textes in dem Buch Angenommen.
Dieses Motto ist u.a. dem Buch Die Schrift. Hat Schreiben Zukunft? vorangestellt.
V. Flusser, Schreiben für Publizieren, S.1. (Wird bei Texten Flusser keine Angabe von Publikationsjahr und -ort gemacht, handelt es sich um nicht veröffentlichte Texte, die sich im _Vilém_Flusser_Archiv an der Universität der Künste Berlin befinden.)
V. Flusser, Textkritik und Occams Klinge. Merkur. Zeitschrift für europäisches Denken 443 (Januar 1986): 71–75, hier S.75.
Es handelt sich dabei um Flussers erstes Buchmanuskript, das er 1957 in deutscher Sprache fertigstellt und das bislang unpubliziert geblieben ist.
Das Schreiben von Flusser datiert vom 3.10.1964. Geantwortet hat Herr Wittig am 21.4.1970.
Anfrage Flussers bei Rowohlt, 12. 9.1957.
Der Aufsatz erschien im Pariser Verlag Maison Mame. Eine deutsche Publikation liegt bislang nicht vor.
Flusser 1991 in seiner 2. Vorlesung zur »Kommunikologie als Kulturkritik« (http://flusser-archive.org/flusserstream/play_chapterfile.php?audiofile=ogg/kulturkritikII2b04.ogg&textfile=txt/kulturkritikII2b04.txt&au_id=423&chapter_id=15), 9:13–9:56.
Dinah Flusser arbeitete auch noch in New York, München, London und Den Haag.
V. Flusser, Schreiben für Publizieren, S.2.
Absage des Lektors Dr. Richterscheid vom 3.6.1958.
Dr. Richterscheid an Flusser, 29.8.1958.
Vgl. dazu: Norval Baitello, Flussers Völlerei. Wie der nulldimensionale Raum die anderen Dimensionen verschlingen kann. Über die Verschlingung der Natur, die Treppe der Abstraktion, die Auflösung des Willens und die Weiblichkeit (Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König, 2007).
Flusser am 21.10.1964.
Vilém Flusser, Eine Sprachpraxis, S.6.
S.294–297.
Ibid., S.297
Vgl. dazu: Videointerview mit Edith Flusser, geführt von Silvia Wagnermaier und Marcel Marburger am 12. Oktober 2006 in der Flusser-Bibliothek, damals an der Kunsthochschule für Medien Köln. Die Videoaufzeichnung befindet sich im _Vilém_Flusser_Archiv an der Universität der Künste Berlin.
V. Flusser, Textkritik und Occams Klinge. Merkur. Zeitschrift für europäisches Denken 443 (Januar 1986): 71–75, hier S.72.
Dr. Dieter Lutz, Verlag W. Kohlhammer, an V. Flusser am 9.11.1966.
Suche nach der neuen Kultur. Brasilien als Modell für die künftige menschliche Gesellschaft, 29.9.1966, S.20; Brasilianisch ist anders. Was in dem südamerikanischen Land aus dem Portugiesischen wird, 5.11.1966; Wie philosophiert man in Brasilien. Dargestellt an drei brasilianischen Denkern, 3.1.1967, S.14; Nach einer Reise durch die weiße Welt. Ein Brasilianer kehrt zurück, 7.4.1967, S.32; Die Tropen, 24.8.1967, S.16; Sind Übersetzungen möglich, 26.10.1967; Hinweis auf Unsterblichkeit. Gespräche vor dem Tod des Guimarães Rosa, 5.1.1968; Ungeduld und Geschichte. Aus brasilianischer Sicht, 24.4.1969; Brasilia spiegelt den Widerspruch, 3.1.1970, alle in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurt am Main.
V. Flusser, Textkritik und Occams Klinge. Merkur. Zeitschrift für europäisches Denken 443 (Januar 1986): 71–75, hier S.71.
V. Flusser an Harry Pross, 14.10.1990.
Kein Argument für die Würmer. Wieland Bauder im Gespräch mit Vilém Flusser, in: Heaven Sent 1 (Juni 1991): 8–10, Zitat: S.8.
Hans Joachim Müller, Der Philosoph als fröhlicher Wissenschaftler. Ein Porträt des unakademischen Denkers Vilém Flusser, in: Die Zeit 12, 15.3.1991.
Aleida Assmann, Rezension zu Flussers »Die Schrift«. Poetica. Zeitschrift für Sprach- und Literaturwissenschaft 20 (1988):284–288.
Harry Pross, Programmierte Magie. Süddeutsche Zeitung, 28./29. Januar 1984, S.151.
Harun Farocki, Vilém Flusser: Das Universum der technischen Bilder. Zelluloid 24 (1987): 77–80, Zitat: S.80. Zuvor erscheint dieser Artikel unter dem Titel: Das Universum ist leer: Zu Vilém Flussers Philosophie der technischen Bilder. Der Falter 12 (1986).
Rötzer schreibt später außerdem das Nachwort zu Dinge und Undinge (München: Hanser Verlag, 1993) und veröffentlicht zahlreiche Texte Flussers in der online-Zeitschrift Telepolis.
Friedrich Balke, Sola Pictura. Überlegungen zu Vilém Flussers Buch »Die Schrift«. KRR 1718 (1988): 107–108.
V. Flusser, Textkritik und Occams Klinge. Merkur. Zeitschrift für europäisches Denken 443 (Januar 1986): 71–75, hier S.75.
Ibid.
Flusser an art, 14.2.1981 und art an Flusser, 8.5.1981.
Frau Weigel von der Agentur Liepmann an Flusser, 27.7.1981. Sie bittet Flusser, »Doppelspurigkeit« zu vermeiden: »Inzwischen ist ›Nachgeschichte‹ von Suhrkamp zurückgekommen mit der Bemerkung, dass das Manuskript dem Verlag bereits im letzten Jahr von einer ›Dame aus Köln‹ angeboten wurde.«
Die Flusser-Nummer erscheint im März 1992.
Naturalmente (1979), Pos-Historia (1983), Filosofia da Caixa Preta (1985).
Sommer-Serie: Philosophie statt Fußball, 1. Teil: Vilém Flusser, Das Politische im Zeitalter der technischen Bilder. Falter 26 (1990): 12–13.
V. Flusser in: Bochumer Vorlesungen 1991, Kapitel »Kommunikologie als Kulturkritik II«(http://www.flusser-archive.org/flusserstream/play_chapterfile.php?audiofile=ogg/kulturkritikII2b05.ogg&textfile=txt/kulturkritikII2b05.txt&au_id=424&chapter_id=15#), 0:36–1:01.
Flusser, Brief an Heidi Paris, 22.3.1988.
Peter Gente an Flusser, 5.4.1988.
Flusser an Volker Rapsch am 7.7.1991.
Helge Malchow an Flusser am 9.7.1991.
European Photography, zwischenzeitlich kurz Immatrix Publications, der Verlag von Andreas Müller-Pohle, publiziert neben der Zeitschrift European Photography ausschließlich diesen Autor. Auch Stefan Bollmann gründete seinen Verlag aus Begeisterung für Vilém Flusser und dessen Werk.
Flusser an Hans Paeschke, 27.7.1990.
Brief von Hans Paeschke an Vilém Flusser, 12.8.1990.
Vgl. dazu Fußnote 5 dieses Textes.
Flusser an Andreas Müller-Pohle am 12.4.1986.
Müller-Pohle an V. Flusser am 17.4.1986.
Vgl dazu: Eva Hohenberger, Von der Austreibung des Lesens. Vilém Flussers »Die Schrift« als Diskettenausgabe. Zelluloid 30 (1990): 59–62, die sich als einzige Rezensentin der Diskettenausgabe widmete.
Bis dato gibt es keine »Verfilmung« von Flussers Szenarien.
Flusser an Abraham Moles am 7.9.1990.
Toward a Theory of Video (For the International Video Exhibit, Salerno 1982), S.3.
Die Rekapitulationstheorie wird auch Biogenetische Grundregel oder Biogenetisches Grundgesetz genannt und stammt aus dem Jahr 1866.
Flusser, »Ontogenese wiederholt Phylogenese«, in: Vom Subjekt zu Projekt. Menschwerdung (Frankfurt/Main: Fischer 1998), S.165–168, hier S.167.
Vgl. E. Haeckel, Natürliche Schöpfungsgeschichte (1868).
Flusser an Milton Vargas am 28.8.1991. Hier wird die Übersetzung aus dem brasilianischen Portugiesisch von Edith Flusser zitiert, in: Stefan Bollmann, »Editorisches Nachwort«, in: Flusser, Vom Subjekt zu Projekt. Menschwerdung, S.277–284, hier S.283.
V. Flusser an Stefan Bollmann am 19.9.1990. Das Zitat findet sich auch im editorischen Nachwort zu V. Flusser, Vom Subjekt zum Projekt. Menschwerdung (Frankfurt/Main: Fischer 1998), 277–284, hier S.281.
V. Flusser an Felix Breisach am 14.10.1990.
Vilém Flusser, Bochumer Vorlesungen, Menschliche Kommunikation III (http://www.flusser-archive.org/flusserstream/play_chapterfile.php?audiofile=ogg/MenKommIII2a04.ogg&textfile=txt/MenKommIII2a04.txt&au_id=364&chapter_id=18#) 6:45–7:55.
Flusser, »Das zwanzigste Jahrhundert«, S.121.
V. Flusser, Toward a Theory of Video (For the International Video Exhibit, Salerno 1982), S.2.
Vgl. dazu Sabine Müller und Carl-Ludwig Rettinger an V. Flusser am 8.11.1991. »So können wir allerdings im Moment noch nicht DM 3000.– für die Fernsehrechte bezahlen«, heißt es in dem Schreiben, »die gleichzeitig noch von den Verlagen beansprucht werden.«
Zit. nach einem Interview, das Frank Engelmann am 21.10.1996 mit Edith Flusser führte. Das Interview findet sich im Anhang seiner Diplomarbeit »Die Theorie der Fotografie bei Vilém Flusser. Die künstlerischen Gebrauchsweisen der Fotografie als Paradigma seiner Philosophie«, Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt/Main, März 1997.
Friedrich A. Kittler
Die Ruhr-Universität Bochum, betongewordene Trutzburg eines verflossenen Reformgeistes, lag in der Frühlingssonne. Vilém Flussers Gastsemester begann. Aber wie um daran zu erinnern, dass Bochum in Westfalen und Westfalen in Bauernhand gelegen hatte, empfing die philologische Fakultät ihren hohen Gast außerhalb der eigenen Mauern. Auf einem grünen Hügel, der sanft zu den Mäandern der Ruhr abfiel, stand seit alters ein Bauernhof, den die Ruhr-Universität renoviert und für Festakte reserviert hatte. Der Kontrast konnte größer nicht sein: Verflossene Wagenräder und Sensen, Pflugscharen und Eggen schmückten einen Vorlesungssaal, in dem Flusser das Ende aller Geschichte und den Siegeszug der Computertechnik zu verkünden gedachte.
Man schrieb das Sommersemester 1991. Edith Flusser hatte ihren Mann viele Male schon vom provenzalischen Robion nach Deutschland und zurück gefahren, aber immer nur auf Kongresse oder in Wissenschaftszentren. Seine Bücher waren erschienen und sogar eine Festschrift. Aber von den verschiedenen Gastprofessuren in Europa und Nordamerika, die sie ihm zuschrieb, konnte keine Rede sein. In Deutschland, dessen Denker Flusser doch geprägt hatten, blieb er ein Fremder, prophetisch, verstörend, unakademisch. Umso größer war seine Freude über die Gastprofessur, die Bochum ihm ein ganzes Semester lang anbieten konnte. Flusser ging auf seinen 71. Geburtstag zu; es sollte der letzte werden. Noch im Herbst desselben Jahres, bei Nacht zwischen Prag und Eger unterwegs, traf Flusser der Tod. Und als hätte er ihn schon vor Augen, fiel damals im Bauernhof, vor versammelter Professorenschaft, ein Wort, das seinen Hörern durchs Mark ging: Abkratzen nannte Flusser nicht nur, was ihm bevorstand, sondern ihn auch bewogen hatte, unsere Einladung überhaupt anzunehmen.
Pythagoras, den Flusser so entschieden über Picasso stellte, soll einmal gesagt haben, zwischen Alten und Jungen sei es nicht leicht. Ihre Schönheit könnten Eltern, auch wenn sie es sehnlich erhofften, den Kindern doch nicht zwingend weiterschenken. Ihre Macht müssten die Alten, auch wenn sie an ihr hingen, doch einmal an Jüngere übergeben. Nur Bildung, auf griechisch paideía, die Sache mit den Kindern, sei anders: Die Alten geben, die Jungen nehmen, aber keine Seite verliert.
Genauso, aber strenger als Pythagoras, dachte Flusser, schon weil er den eigenen Tod beim Namen nannte. Seine »Bochumer Vorlesungen« richteten sich zugleich an junge Studenten und technische Medien, also an die Nachwelt. Dass ein Tonband mitlief, überbrückte zu seiner Freude jene Trennung zwischen Geistes- und Naturwissenschaften, der Flussers letzte Vorlesungen den Kampf ansagten. Nur die Hoffnung, sie bald gedruckt zu sehen, sollte sich noch lange nicht erfüllen. Deshalb konnten ganze Generationen von Studenten seither kommen und gehen, ohne von Flusser als einem Gründerhelden heutiger Medienwissenschaft mehr als Gerüchte gehört zu haben. Denn so gesammelt und gerafft wie die »Bochumer Vorlesungen« schien ihm selber kaum eines der Bücher, die auf Deutsch erschienen waren und noch erscheinen sollten.
Kaum dass Flusser die Brille über die Stirn geschoben hatte, sprach er frei. Aus dem Bart des Propheten kamen Worte wie Blitze, weil sie immer auch Urteile waren. Sie wagten, das Reden von Demokratie eine Demagogie zu nennen; sie verstummten nicht wie Wittgenstein vor dem, was man nicht sagen kann. Denn Flusser ging es zuerst und zuletzt darum, einer neuen, nämlich alphanumerischen Elite ihren Begriff, ja mehr noch ihre Ehre zu geben. Bei aller Achtung vorm Namen seines jüdischen Gottes war Flussers Botschaft keine Mystik, sondern Algebra: die Zahl, wie sie in Computeralgorithmen die Grenzen unserer Sprachen übersteigt. Und das zu einer Zeit, wo die Ruhr-Universität genug damit getan zu haben glaubte, ihre Theaterwissenschaft um eine Film- und Fernsehwissenschaft zu erweitern. Zu einer Zeit, wo auch Flussers Freunde und Bewunderer unter hochtechnischen Medien vor allem eigene Video-Installationen und Computer-Animationen verstanden.
Ich weiß nicht, ob Vilém Flusser je einen Algorithmus geschrieben oder auch nur abgeschrieben hat. Aber er war von ihnen hingerissen wie nur Orakel und Propheten von ihren Göttern. Flussers Vater hatte an einem deutschsprachigen Prager Gymnasium Mathematik gelehrt und, als der Direktor das Bildnis Masaryks gegen ein Hitlerfoto auswechselte, vergebens protestiert. Das mag den Sohn bewogen haben, von seinem großen Vorbild, nämlich der Phänomenologie, immer dort abzuweichen, wo Husserl die moderne Algebra wieder an lebensweltliche Böden rückzubinden suchte (was bekanntlich ein Wortsinn von »religio« ist). Weit davon entfernt, in ihr eine Krise des europäischen Geistes zu sehen und den Ursprung der Geometrie im fruchtbaren Nilschlamm auszumachen, blickte Flusser gerade von dieser Algebra her auf Ur- und Vorgeschichte zurück. In seinen Augen war schon der homo erectus ein Computer. Ganz wie Flusser selbst prozessierte, speicherte und übertrug er etwas, das sich schlichtweg nicht vererben lässt: Sprache, Kultur, Information. So schlagend bewährte sich der Medienhistoriker einmal mehr als rückwärtsgewandter Prophet.
Man darf heute wohl sagen, dass wir medienhistorisch weiter sind. So viele neue Einzelheiten sind ans Licht gekommen, so manche Fehler richtiggestellt und so große Schneisen durch die Jahrtausende geschlagen, dass Deutschlands Medienwissenschaft heute weltweites Ansehen genießt. Aber wenn es erlaubt ist, ein Wort anzuwenden, das Blaise Pascal von Peter von Blois übernahm: Wir sehen nur deshalb weiter als Riesen, weil wir als Zwerge auf ihren Schultern sitzen. Wenn Flusser nicht nur die Brille über seine hohe Stirn schob, sondern sich mitten im Vortrag zu voller Größe aufrichtete, mochte der Bochumer Stiftungsrat etwas davon ahnen.
Flusser selber wusste, wen und was er unseren Ohren weitergab: »Alle Personen, mit denen ich in Prag verbunden war, sind gestorben. Alle. Die Juden in den Lagern, die Tschechen im Widerstand, die Deutschen in Stalingrad.«
Editorische Vorbemerkung der Herausgeber
Von Ende Mai bis Ende Juni 1991 hatte Vilém Flusser an der Ruhr-Universität Bochum auf Einladung Friedrich Kittlers eine Gastprofessur inne. In diesem Rahmen hielt er Lehrveranstaltungen zu den Themenkomplexen »Kommunikationsstrukturen«, »Phänomene der menschlichen Kommunikation« und »Kommunikologie als Kulturkritik«. Ausdrücklich vermerkt er in seiner Antrittsvorlesung vom 31. Mai 1991 die Anwesenheit eines seiner Verleger, der in Deutschland sein Werk herausbringen sollte, und er äußert den Wunsch, dass diese Vorlesungen umgehend auch als Buch erscheinen mögen. Studierende fertigten im Auftrag der Universität Tonaufzeichnungen auf damals handelsüblichen analogen Kassettenrecordern an. Anders als bei seinen Vorlesungen in Frankreich und Brasilien, zu denen Flusser im Vorhinein umfangreiche Manuskripte angefertigt hatte, die zum Teil später publiziert wurden,[1] sprach er in Bochum frei.[2] Von seiner Rede und dem Dialog mit dem Publikum erwartete sich der als spontan und leidenschaftlich geltende Kulturphilosoph ein noch beweglicheres Denken. Wenig bescheiden formulierte er es für die Studierenden in Bochum: »Das ist schrecklich unbefriedigend, was ich Ihnen da erzähle. Sie sind Zeugen – das ist nicht oft, ich möchte das doch nicht untertreiben – Sie sind Zeugen einer Philosophie in fieri. Ohne mir etwas anzumaßen, ich glaube, so ungefähr muss es ausgeschaut haben, als Hegel nach Berlin berufen wurde oder als Husserl nach Göttingen kam, oder, [...] der Vergleich ist besser: als der Bergson an die Akademie kam, oder als Bachelard an der Sorbonne vorlas.«[3] Vilém Flusser, der wenige Monate später bei einem Autounfall ums Leben kam, hinterließ seine letzten Vorlesungen wie ein kulturkritisches Vermächtnis – über fünfzig Stunden Aufzeichnungen von seiner Rede, die Transkription umfasst neunhundert Seiten.
Zum Zeitpunkt seiner »Bochumer Vorlesungen« waren im deutschsprachigen Raum bereits zwei Werkausgaben Flussers auf den Weg gebracht. Andreas Müller-Pohle begann mit seinem Verlag European Photography[4] 1983 mit Für eine Philosophie der Fotografie eine auf zehn Bände angelegte Werkausgabe, die mit dem 2006 erschienenen Band Vom Zweifel vorläufig abgeschlossen wurde.[5] Von Stefan Bollmanns Ausgabe der Werke Flussers wurden sechs auf den Markt gebracht. Nach der finanziellen Abwicklung des Bollmann-Verlags übernahm Fischer diese Veröffentlichungen. Versuche, die »Bochumer Vorlesungen« Flussers in Buchform herauszubringen, gab es einige. Sie scheiterten an unterschiedlichen Schwierigkeiten, soweit wir wissen nicht an der Finanzierung. Flusser war zu diesem Zeitpunkt bereits bekannt und etabliert. In den frühen 1990er Jahren, zur Zeit der massenhaften Durchsetzung des Internets in den post-industriellen Ländern, gab es nicht nur prinzipiell ein recht großes Interesse an medienphilosophischen und -kritischen Schriften. Eine neue Generation von Designern, Intellektuellen und Künstlern, die mit den telematischen Kulturtechniken aufzuwachsen begann, war begeistert von konstruktiven Visionen zu den neuen Technologien. Flusser wurde wesentlich in dieser Perspektive eines Neuerers wahrgenommen.
Ausschlaggebend dafür, dass die Vorlesungen nicht unmittelbar veröffentlicht wurden, war sicher in erster Linie das Material selbst und sein Zustand. Die Aufzeichnungen waren umfangreich, aber gleichwohl nicht vollständig. Es fehlten ganze Tonkassetten, einzelne Passagen waren versehentlich überspielt worden, und im Text selbst gab es erhebliche inhaltliche Redundanzen, sowohl hinsichtlich bereits publizierter Schriften als auch thematische Überschneidungen, welche die einzelnen Kurse der »Bochumer Vorlesungen« betrafen. Eine elektronische Transkription der vorhandenen Aufzeichnungen existierte nicht. Es gab lediglich einen Stapel schlechter Kopien der auf elektrischer Schreibmaschine abgetippten Vorträge. Die freie mündliche Rede Flussers während der Vorlesungen ließ zudem von vornherein an eine Publikation nur als erneuter Niederschrift denken, also eine aufwendige Neuedition der vorhandenen Texte. Damit hätte man allerdings die Schwierigkeiten der oft engen Verflechtungen von Fragen und Diskussionen mit dem Vortrag und seinem Verlauf noch nicht gelöst.
Fünf Jahre nach dem Tod Flussers merkte Stefan Bollmann im Nachwort des 1996 von Edith Flusser und ihm herausgegebenen Bandes Kommunikologie[6] an, dass von einer Publikation der »Bochumer Vorlesungen« Neues zu erwarten wäre, und er stellt eine Veröffentlichung in Aussicht.[7] Bis zum Zeitpunkt einer ersten Veröffentlichung als elektronische Netzedition vergingen noch weitere neun Jahre.
1998 schenkte Edith Flusser den Nachlass ihres Mannes der Kunsthochschule für Medien Köln zur weiteren Betreuung. Unter der Leitung von Siegfried Zielinski wurde dort das _Vilém_Flusser_Archiv aufgebaut,[8] die wissenschaftliche Projektarbeit übernahm verantwortlich Silvia Wagnermaier.
Das Archiv verstand sich von vornherein nicht als Verlag, sondern als eine Forschungseinrichtung, die publizistische Projekte anderer unterstützt oder solche in Kooperation entwickelt. Ihr ging es vor allem darum, das Denken Flussers für die nächsten Generationen von Intellektuellen lebendig und entwickelbar zu halten. In einem sehr unmittelbaren Sinn gehört für uns dazu, die Präsenz des dialogisierenden Denkers aus Prag auch denen zugänglich zu machen, die ihn nicht erleben konnten – zumindest in einem nicht auratischen Sinn, soweit es eben durch technische Reproduktionen möglich ist. Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte »Intermediale Editionsprojekt« ging zudem davon aus, dass nicht nur der Wechsel zwischen verschiedenen Sprachen für Flusser charakteristisch war, sondern auch das Springen zwischen unterschiedlichen medialen Praxen und Ausdrucksformen, das er gern noch viel intensiver betrieben hätte, als es ihm zu Lebzeiten technisch und ökonomisch möglich war.
Die systematische Rekonstruktionsarbeit begann mit der Digitalisierung des vorhandenen Tonmaterials und der Herstellung einer korrekten Umschrift desselben. Daneben ging es laufend darum, Lücken im vorhandenen Material zu schließen. Sehr hilfreich wurden die Tonaufnahmen Vila Richters, einem der ehemaligen Hörer der »Bochumer Vorlesungen«. Er brachte seine privaten Audiomitschnitte von einigen Vorlesungen 2003 in das Flusser-Archiv und stellte sie für die Bearbeitung zur Verfügung. Seine Aufzeichnungen waren von erheblich besserer Qualität als die vorhandenen und ermöglichten es, fehlende Vortragspassagen zu ergänzen und manche der Lücken zu verkleinern oder ganz zu schließen. Nach wie vor sind allerdings die vorhandenen Aufzeichnungen nicht ganz vollständig.
2005 konnte die Netzedition Bochumer Vorlesungen 1991 online gestellt werden[9] und ist seitdem ständig verfügbar. In einer eigens dafür konzipierten Programmierung David Links wurde das gesamte Audio- und Textmaterial eingepflegt und online synchronisiert. So können die Vorträge und Diskussionen mit den Studierenden über die Homepage des _Vilém_Flusser_Archivs abgerufen, gleichzeitig gehört und gelesen werden. Über eine Suchfunktion können einzelne Begriffe abgefragt und so der umfangreiche Korpus gezielt studiert werden.