Cover

Nicholson Baker

Zimmertemperatur

Roman

Aus dem Englischen von Eike Schönfeld

Rowohlt E-Book

Inhaltsübersicht

Über Nicholson Baker

Nicholson Baker, geboren 1957 in Rochester/New York, studierte an der Eastman School of Music und am Haverford College, Pennsylvania. Für sein Buch «Der Eckenknick» erhielt er 2002 den National Book Critics Circle Award. Baker ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Maine.

 

Weitere Veröffentlichungen:

Rolltreppe oder Die Herkunft der Dinge

Vox

Norys Storys

U & I – Wie groß sind die Gedanken?

Die Fermate

Checkpoint

Der Eckenknick

Haus der Löcher

Der Anthologist

Über dieses Buch

Der junge Vater Mike sitzt im Schaukelstuhl und gibt seiner sechs Monate alten Tochter Flo die – zimmerwarme – Flasche. Flo nuckelt, Mike sinniert. Zeigt sich wahre Liebe nicht am besten in kleinen Dingen? Macht nicht erst deren Vertrautheit ein Heim bewohnbar, eine Liebe lebenswert?

Nicholson Baker erzählt die erste Liebes- und Lebensgeschichte aus der Perspektive scheinbar banaler Alltagsdinge. Hintersinnig, befremdlich schön und hinreißend komisch.

 

Auch «Zimmertemperatur» handelt wie Nicholson Bakers berühmter erotischer Roman «Vox» von Liebe und Intimität – wenn auch in ganz anderer Art. Und er ist ein erneuter Beweis für die überbordende, lustvolle Phantasie eines der originellsten amerikanischen Erzähler.

 

«Ein bezauberndes Buch.» (Wiener Zeitung)

 

«Seine atemberaubenden Volten sind fast zu schön, um wahr zu sein.» (Frankfurter Rundschau)

 

«‹Zimmertemperatur› ist ein Weltbejahungsbuch, wie es wahrscheinlich nur ein frischgebackener Vater schreiben kann. Alle Episoden sind in jenem leicht schwebenden humorvollen Ton verfasst, der keine unlösbaren Konflikte kennt, der nichts Unversöhnlich-Schroffes stehenlassen kann.» (Die Zeit)

Impressum

Die Originalausgabe erschien 1990 unter dem Titel «Room Temperature» bei Grove Weidenfeld, New York.

 

Redaktion Thomas Überhoff

 

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Januar 2014

Copyright © 1993 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

«Room Temperature» © 1984, 1990 by Nicholson Baker

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages

Umschlaggestaltung any.way, Walter Hellmann,

unter Verwendung eines Nudogramms von Anton Stankowski

Schrift DejaVu Copyright © 2003 by Bitstream, Inc. All Rights Reserved.

Bitstream Vera is a trademark of Bitstream, Inc.

ISBN Printausgabe 978-3-499-13649-8 (1. Auflage 1995)

ISBN E-Book 978-3-644-03231-6

www.rowohlt.de

ISBN 978-3-644-03231-6

Für Alice

Ich stellte ein Glas in Tennessee …

Wallace Stevens

1

Ich saß im Schaukelstuhl und gab unserer sechs Monate alten Floh ihr Nachmittagsfläschchen. Patty war bei der Arbeit. Ich hatte die Rollos halb herabgezogen: Das Sonnenlicht verlieh dem steifen Stoff die leuchtende Frittierfettfarbe eines glasierten Doughnut. Noch schwach sichtbar waren die Klebespuren eines der langen Abdeckstreifen von vor einem Jahr, die wir wegen eines Hurrikans, aus dem dann doch nichts geworden war, aufgeregt über die Scheiben geixt hatten. Darunter, auf dem Fensterbrett, lag eine Metalltube mit Pilzsalbe; ihr verschrumpelter Schwanz war eingerollt wie der eines Skorpions, ihr mit Scotch-Tape geflickter pharmazeutischer Rumpf samt der getippten Information darauf erstrahlte so im Sonnenlicht, dass ich nur den ansonsten banalen, nun jedoch plötzlich wieder exotischen Namen des verschreibenden Kinderarztes, «Dr. Momtaz», darauf erkennen konnte. Die Rollogriffe, offenbar mit gewöhnlicher Drachenschnur umwickelte Ringe, schnitten Segmente des fernen Horizonts zu näherer Betrachtung heraus: den Teil eines Wasserturms, einen strahlend weißen Schweißstrumpf aus Dampf, der träge aus einem der drei Schornsteine jenseits des Wassers irgendwo in Charlestown stieg, und einen rotierenden, häschenförmigen Entlüftungsaufsatz auf einem zwölfstöckigen Altersheim in North Quincy, dessen Dellen und Unebenheiten zinnerne Blendkorpuskel zu mir herübersandten. Etwa einen Kilometer entfernt waren ein paar dunkle Vögel, ich glaube, weder Möwen noch Krähen, unterwegs nach Boston. Ihr Flug erinnerte mich stark an etwas, und wie sie mit langsamem Flügelschlag vom Himmel unter dem einen Rollo zum Himmel unter dem nächsten zogen, wurde mir bewusst, dass die Bewegung ihrer Flügel, während sie sich mal hierhin, mal dorthin wandten und dabei große Windmassen bezwangen, auffallend den schlagenden Ohren eines kleinen Hundes ähnelte, der in aufgeregtem Zickzack über ein Feld flitzte. Ich war äußerst beglückt, dass der Anblick einiger weit entfernter stummer Vögel mich an die klaffende Ausgelassenheit eines Hündchens erinnern konnte: Das schien ein eher kniffliger, verquerer Vergleich von der Sorte, bei der die beiden Dinge drohen, in mancher Hinsicht nicht disparat genug zu sein, dass die Verknüpfung richtig funktioniert – so als würde man sagen, die Sonne sei in gewisser Weise wie der Mond. Andere, noch weiter entfernte Vögel hockten reglos vor dem Dunst wie Körnchen grobgemahlenen Pfeffers. Ja, die gesamte Außenwelt, jedenfalls soweit ich sie sehen konnte, wirkte heute ungewöhnlich gut und gleichniswürdig – reiner, klarer, farbgesättigter: Am Tag davor hatte ich den Sonnenschutz von den Fenstern genommen, weil es mit der Hitze für dieses Jahr vorbei zu sein schien.

Ebenfalls aufgrund des Wetters trug ich erstmals seit Monaten einen Pullover, den Patty mir zum Geburtstag geschenkt hatte: ein braunes Ungetüm, das von vielfältigen Fugeninversionen und Augmentationen des gängigen Zopfmusters strotzte und mithin prall gefüllt mit isolierenden Luftpolstern war und dessen Korona aus leichteren äußeren Fasern sich anderthalb Zentimeter oder mehr von dem grob versponnenen und befriedigend grifffreundlichen Gewebe abkräuselte, welches die eigentliche Struktur darunter bildete, sodass der Pullover, und damit auch ich, sein Träger, ohne eine ersichtliche äußere Begrenzung in den Raum ringsum überging, so wie Stimmgabeln und Gummibänder in ihrem verschwommenen Vibrieren scheinbar ihr materielles Sein in den unsichtbaren Ton verwandeln, den sie erzeugen; ein maschinell hergestellter Pullover, offenbar aber mit in den numerisch kontrollierten Nadellauf einprogrammierten Xenakis’schen Ruckern und Ungenauigkeiten produziert, die sich in meinen Augen, anders als die Kettenschläge und Bleichflecken, welche an den Fertigungsstraßen für neue Antikmöbel zur Anwendung kommen, reizvoll von den unregelmäßigen großmütterlichen Wechseln zwischen gespannter Aufmerksamkeit und unwilligem Sich-gehen-Lassen bei Treffen von historischen Gesellschaften unterschieden, durch die sich Handgestricktes gemeinhin ausweist. Patty hatte ihn mir bei einem Versand bestellt; wenn ich mein Gewicht leicht auf dem Schaukelstuhl verlagerte, flößte mir die stumme, wollige Masse des Pullovers ein besonders väterliches und haushaltsvorstandsmäßiges Gefühl ein – wenngleich es ja Patty war, die drei Tage pro Woche in einer Werbeagentur arbeitete, im Gegensatz zu meinen zweien als Texter für eine medizinisch-technische Firma, und somit für unsere Krankenversicherung sorgte. Ich sah beglückt, wie behaglich Floh mit dem Kopf in meiner Armbeuge dalag, weil sie aufgrund der Höhe des ganzen Garns nichts von meiner gestrafften Ellbogensehne merkte, die sie stützte.

Wie ein schrillender Trompeter hielt sie das Fläschchen mit einer Hand; die andere wanderte umher: auf der Suche nach Texturen, nach denen meines Pullovers natürlich, aber auch nach einer Falte und dem nippelartigen Hubbel eines Druckknopfs auf ihrem gestreiften Strampler, nach ihrem Haar und Ohr und insbesondere nach den erhabenen Unzen- und Kubikzentimeter-Markierungen, die ins Plastik ihres Evenflo-Fläschchens gegossen waren wie die Bruchteile des Bechermaßes, das dereinst auf Erdnussbuttergläsern so nützlich für die Übung der Fertigkeit des Fingerlesens beim Essen gewesen war. Die erhabenen Konturen der «1/3» und «3/4» auf den Erdnussbuttergläsern wirkten, so erinnerte ich mich, als Linsen und bündelten das Licht, indem sie sekundäre Cashmere-Bilder (nicht Schatten) ihrer selbst durch die Dickte des Glases und auf den brauneren Zylinder der Erdnussbutter darin projizierten. Bilder, die oft einfacher abzulesen waren als die gegossenen Markierungen selbst, welche sich nur teilweise durch Glanzlichter abzeichneten. Meine Mutter erzählte meiner Schwester und mir, dass sie, als sie uns stillte, Erdnussbutter immer direkt aus dem Glas mit einem Teelöffel aß, und vielleicht hatte sie später aufgrund dieser mütterlichen Gelüste nichts dagegen, wenn ich mit einem vollen Glas und einem Teelöffel nach oben ging, wo ich meine Plastikmodelle baute. (Ich «frisierte» die Modelle, indem ich die nicht maßstabsgerechten verchromten Hälften der Motorblöcke und Auspuffanlagen von Funny Cars und Dragsters auf die Tragflächen von Kampfflugzeugen klebte.) Die Erdnussbutter schmeckte so intensiv, dass mir davon die Augen tränten, und das klaustrophobische Gefühl in der Glottis, immer wieder kurz vor dem Ersticken an mehreren übergroß ausgestochenen Haufen zu sein, barg ein reizvolles Risiko, wenngleich ich es zuweilen vorzog, einen einzelnen Teelöffel voll ganz langsam abzuessen und ihn zwischendurch einen Augenblick lang auf der Zeitung abzulegen, wenn ich beide Hände brauchte (um beispielsweise eine Hälfte eines Druckluftzufuhrstutzens von der Parkplatzgittergussform mit Maschinenteilen, an der er befestigt war, abzulösen, indem ich ihn hin und her bog, bis das Plastik schließlich weiß wurde und nachgab); jedes Mal, wenn ich dann den Löffel aus dem Mund nahm, hinterließ meine Oberlippe eine frische aerodynamische Form darauf, die meine ohnehin schon große Wertschätzung der nach hinten gezogenen Tragflächen und Cockpitkanzeln noch verstärkte. Und wenn ich das Modell zu Ende hybridisiert hatte – wenn die letzte McPherson-Strebe deutlich sichtbar an die Seite eines Jetrumpfes geklebt war, wo ihre ornamentale Nützlichkeit nicht unterging, wie es der Fall war, wenn sie in der uninteressanten Stockcar-Karosserie, deren Teile ich verwendete, verborgen war –, gestatteten mir die Reste der Erdnussbutter hinten in meinem Rachen, das frikative Röhren einer rippenbrechend engen Kurve beim Testflug über der Golden Encyclopaedia noch überzeugender zu simulieren: Und das wiederum trug zu dem Gefühl bei, dass der Name Skippy zu der Erdnussbutter passte: k-Laute waren während und nach einem großen Löffel voll für den Mund etwas ganz Natürliches. Und dann, runde achtzehn Jahre später, nicht lange nachdem Pattys Urin sich im Plastikröhrchen eindeutig rosa gefärbt hatte, bat sie mich, ich möge doch auf dem Heimweg noch ein kleines Glas Erdnussbutter mitbringen. Und ob ich mochte! Vor jenem Tag hatte ich sie nie auch nur das leiseste Interesse an Erdnussbutter äußern hören. Auch ich hatte lange keine mehr gegessen. Ich stieß einen Teelöffel vertikal in das neue Sechs-Unzen-Glas, das ich ihr ausgesucht hatte, und ließ das Arrangement mitten auf dem Küchentisch stehen, damit sie es dort vorfand, wenn sie vom Duschen kam; und dann verwarf ich diese Übervorbereitung, zog den Löffel wieder heraus, strich seine C-förmige Spur glatt und setzte den Deckel fest darauf, damit sie denken konnte, das Siegel sei gar nicht erbrochen, weil sie vielleicht (wie ich jedenfalls Jahre zuvor) Wert auf das Vergnügen legte, selbst als Erste in dieser Mondoberfläche zu buddeln. Wahrscheinlich würde sie ohnehin ein Messer nehmen und sich ein Sandwich machen wollen, dachte ich. Ich legte den Löffel in die Spüle. Doch eine halbe Stunde später traf ich sie, eine Zeitschrift aus dem Flugzeug durchblätternd, an, das offene Glas neben sich auf der Coucharmlehne und einen Teelöffel verkehrt herum im Mund. Tränen traten mir in die Augen. «Direkt aus dem Glas, Baby!», sagte ich. Bald hatte sie ein Bauchprofil, so schön bernouillesk wie meine Skippy-Löffel beim Modellbauen, und ich begann, möglicherweise beeinflusst von jener Anekdote bei Shakespeare über die Fee, die wie «vom üppigen Spiel des Windes der Segel schwanger Leib zu schwellen schien», mir vorzustellen, wie sie in einem schimmernden Leotard und mit festgezurrten Beinen in einem Windkanal lag, ihrer Kuppel eine aufreizende Streichmassage verabreichte und einem Techniker zurief, er solle ihr von Zeit zu Zeit die Lippen mit einem Labello bestreichen, während ich, ein vielversprechender junger Ingenieur, der an der nächsten Generation von Airbus-Tragflächen arbeitete, die unerklärliche Auftriebshöhe analysierte, die ihr der Floh-Hügel in der Luft des grollenden Tunnels verschaffte, indem ich durch das Rauchgitter Leuchtgase pumpte und beobachtete, wie deren Strahllinien aufwärts zogen und sich verwoben, wobei die Laminierung durch den kleinen Wirbel ihrer Schamhaare unterbrochen wurde und sich dann zu kunstvollen Lassoformen und Bienenkörben induzierten Flusses ausfächerte, die nach nur wenigen Minuten Fluggeschwindigkeitswind die gesamte Forschungsapparatur in besorgniserregenden Resonanzen zum Klappern und Beben brachten.

2

Es war ein Mittwoch, Viertel nach drei. Ich hatte Floh unablässig «Over Hill, Over Dale» vorgesungen, wobei ich die Konsonanten nach und nach zu einem steten Vokalgewisper abgedämpft, manche Phrasen ein- und andere ausgeatmet und dabei beständig geschaukelt hatte. Das Times Literary Supplement war auf meinen Knien bei einer langen Rezension von Coleridges Marginalien von Grevel Lindop aufgeschlagen, aber ich hatte das Interesse daran verloren, und obwohl meine Knie sich beugten und streckten, hatte ich die Zeitung so gelegt, dass sie still lag. Und überraschenderweise schien ich zu einem so raren Fußbodeneck und Druckwinkel gelangt zu sein, dass sich ein nahezu geräuschloses Schaukeln ergab. Ich saß neben dem Bücherregal, wo wir Floh gewöhnlich ihr Fläschchen gaben, doch anstelle der üblichen Beiträge des Fußbodens – dem Knöchelknacken der Nagelschäfte, den lasttragenden Ächzern, den Curlyesken «Niack-Niacks» und den brecheisern höflichen Anfragen, die in vor- und rückwärtiger Folge einen einzigartigen rhythmischen Taktkode für jede nur mögliche Permutation von Kufenstellung, Kompasspeilung, Schwerpunktverteilung und Luftfeuchtigkeitsgrad bildete, die in dem Raum entstehen konnte –, anstelle dieses beträchtlichen Spektakels, das Floh nicht zu berühren schien und auch mich zumeist nicht störte, wenngleich ich gelegentliche Empörungsanfälle bekam, die mich an Schopenhauers Wut auf das grundlose Knallen der Einspännerpeitschen von Kutschern auf der Straße erinnerten, gab es momentan keinerlei Fußbodengeräusche: was bedeutete, dass nichts Floh und mich von der angenehmen Erfassung der unregelmäßigen Topographie des Fußbodens selbst ablenken konnte, wie sie sich stumm und einschläfernd über den Stuhl in unsere Körper übertrug. Vielleicht war es weniger die schlichte Hin-und-her-Oszillation als vielmehr jener fühlbar holprige Chiasmus, der das Schaukeln von Babys so wirkungsvoll machte. Es war, als zockelte man in einem Zug dahin. Bei jedem Rückschwung gab es nach ein paar kleinen Püffen ein viel deutlicheres quietschfreies Ruckelchen, bei dem Flohs Kopf leicht gegen meinen Arm stupste, wobei das Fläschchen erzitterte – und beglückt stellte ich mir vor, wie jener abrupte Drei-Millimeter-Sturz von einer Diele zur andern durch die leichte Nachgiebigkeit des Holzes, durch die Dehnung des Rohrsitzes und die Formbarkeit meines Gesäßes, durch den Kisseneffekt meines Pullovers und die federnde Schockabsorptionsfähigkeit des liebenswerten Muskelpaars in Flohs Genick sanft gerundet und gedämpft wurde, bis er zu etwas geworden war, was ihr das Einschlafen erleichterte. Es war die alte Vorstellung von der Prinzessin auf der Erbse, die Frage, wie vieler Matratzen es bedurfte, um einer Diskontinuität bis zu dem Punkt entgegenzuwirken, an dem man sie nicht mehr wahrnahm: etwas, woran ich immer dachte, wenn ich mit dem Fahrrad eine frischgeteerte Straße entlangfuhr und über einen jener schwarzen Gummischläuche kam, den die Verkehrsplaner quer über eine Spur zu einem kleinen grünen Kästchen gelegt hatten, in dem jeder Reifen, der darüberrollte, auf einer Art internem Sphygmographen zusammen mit der Tageszeit aufgezeichnet wurde, damit sie einen mit Hilfe komplexer Formeln, die sie wahrscheinlich von der in den Bell-Laboren entwickelten Telefonschlangentheorie geklaut hatten, in den richtigen Rot-Grün-Intervallen an die nahegelegene Kreuzung leiten konnten, deren alte, grün gestrichene vierseitige Ampel gerade durch eine Vierergruppe gelb gestrichener, einzeln an Aluminiumpfeilern aufgehängter Ampeln mit Knöpfen ersetzt wurden, welche die spärlichen Fußgänger drücken konnten, um den idealen Schaltzyklus mit einem «Gehen»-Zeichen zu unterbrechen. Wurde ich auf meinem gummibereiften Fahrrad, dessen Räder einen höheren Luftdruck hatten als Autoreifen, aber gleichwohl ein leichteres Gewicht trugen, von diesen Datenschläuchen erfasst? Hatte ich die Berechnungen für die Schlüsselkreuzungen im Stadtgebiet von ganz Südost-Rochester. New York, vermasselt, indem ich die Straßen nach jenen Schläuchen absuchte, dann Dutzende von Malen darüberradelte und einmal sogar abstieg und mehrmals auf den Sensor hüpfte, um sicherzustellen, dass die Grünphase einer bestimmten Ampel unüblich lang war, weil sie auf dem Heimweg von meinem Freund Jim Heydemann lag? Was für eine Macht ich hatte!

Heutzutage gingen die Verkehrsplaner natürlich weniger quantitativ vor als damals: Die Reduktion solch komplexer willentlicher und gesellschaftlicher Prozesse wie dem des Stadtverkehrs auf mathematische Modelle war unter Beschuss geraten, und die potenziell größere Feinheit nichtmathematischer Beurteilungsansätze, die schlicht auf jahrelangem frustriertem Herumfahren basierte, wurde nun weitgehend zugestanden – möglicherweise beeinflussten die zusätzlichen Querungen, die ich beigesteuert hatte, die Rot- und Grünphasen heute gar nicht mehr. Oder vielleicht doch? Einfach deshalb, weil das System der Interstate-Highways nun seit langem fertiggestellt und die Erregung in Sachen Verkehrsplanung größtenteils abgeklungen war, konnte es doch sein, dass in dem Maße, wie die Theoretiker und Bewunderer der Theorie aufgestiegen oder in Rente gegangen waren, phantasielose und wurstige Funktionäre deren Pflichten übernommen hatten und nicht subtilere Empiriker und Kenner der automobilen Ungeduld und dass folglich einige der alten, per Formel errechneten Intervalle, die bei der erstmaligen Programmierung der Signalkästchen eingerichtet wurden, noch immer Bestand hatten, weil sie nach jeder Reparatur oder Modernisierung einfach mechanisch wieder eingesetzt wurden, sodass meine zahlreichen getürkten Fahrradquerungen den ordnungsgemäßen Verkehrsfluss über die East Avenue in Rochester noch heute beeinflussten, während ich, über zwanzig Jahre danach, meine Tochter in Wollaston Hill in Quincy, Massachusetts, in den Schlaf schaukelte. In der Stadt hatte ich was gegolten! Ebenso wahrscheinlich war jedoch, dass die Schläuche mein Gewicht gar nicht registriert hatten: Schließlich taten das die vergleichbaren roten Gummischläuche, die in jenen Jahren an Tankstellen vor den Zapfsäulen lagen, auch nicht; bei einem Auto bimmten sie immer: aber nur, wenn man den Fahrradreifen gerade eben aufgepumpt hatte und genau im richtigen Augenblick, während man den Schlauch mit dem Hinterrad überfuhr, fest mit den Knien drückte und das Rad dabei vorne hochriss, nur dann konnte man den Bimmer mit einem Fahrradreifen auslösen – und selbst dann ließen sich die Mechaniker in der Werkstatt nie täuschen: Manchmal sahen sie nicht einmal auf von ihren müßigen Einstellungsarbeiten, oder sie sahen mit dröger Feindseligkeit auf, weil sie wussten, dass Bimms von Autos paarweise kamen.

3

Am anderen Ende des Zimmers hing über dem weißen Bettchen ein Mobile, das Patty während Flohs ersten Lebenswochen gebastelt hatte. Es drehte sich leicht, obwohl die Luft unbewegt schien, und der Text auf der Seite eines der pastellfarbenen Teile kam ins Blickfeld:

ARMLOCHBÜGELN

NR11

Im vergangenen Herbst hatte ich mir mit Pattys Hilfe ein neues Tweedjackett für die Arbeit gekauft, und in seiner normalerweise nutzlosen Brustaußentasche hatte ich, kurz nachdem ich Vater geworden war, eine Handvoll Kontrollzettel gefunden (als ich einige pikant geräucherte Beefys hineinsteckte, die ich anstelle der üblichen Zigarren im Büro verteilen wollte), die ein bisschen breiter als Glücksplätzchenzettel waren, aber einen ziemlich ähnlichen billigen, anrührenden Bombast an sich hatten: Geflüster von jenseits der bekannten Welt des Diskont-Firmenladens, direkt vom Fertigungsband. VERSTÄRKUNG NR4. ETIKETTIERUNG NR5. Anzugjacken von mir hatten schon früher ähnliche Sakramente der Qualitätskontrolle bereitgehalten, und jedes Mal war ich beglückt gewesen, als ich sie entdeckte, manchmal erst, nachdem ich das Jackett jahrelang getragen hatte, ohne die jeweilige abseitige Tasche, in der sie warteten, benutzen zu müssen: Aber stets hatte ich einen Augenblick lang über sie gelächelt und sie dann bedauernd weggeworfen.

Diesmal jedoch hielten mich ihre verblichenen Farben davon ab – der Wangenton von REVERS NO3, das Stadthorizont-Blau von ABDRUCK NR3 und besonders das Seladongrün von FUTTERBÜGELN NR13