Das Buch

Abbie und Chris sind ein ungleiches Paar und doch so glücklich wie zu Beginn: Chris kommt von ganz unten, Abbie aus einer mächtigen Südstaaten-Dynastie. Aber nach Jahren unbeschwerter Ehe schlägt das Schicksal zu, und bei Abbie wird Krebs diagnostiziert. Der Rat der Ärzte lautet, auf das Ende zu warten. Doch Abbie hat eine Liste mit Wünschen erstellt, und die möchte sie sich erfüllen. Zehn eigentlich recht gewöhnliche Dinge, wie am Strand Wein zu trinken oder so sehr zu lachen, dass es wehtut.

Der größte dieser Wünsche ist, im Kanu den ganzen St. Mary’s River im Süden der hinabzufahren. Kurz entschlossen packt Chris die Rucksäcke, und heimlich brechen sie auf. Von Abbies Vater und bald auch den Medien und der Polizei verfolgt, paddeln sie den Fluss hinunter. Es wird die Reise ihres Lebens, das sie in all seiner Schönheit und Bitterkeit noch einmal auskosten. Und sie wissen: Wo der Fluss endet, beginnt die Ewigkeit.

Der Autor

Charles Martin studierte Journalismus und Kommuni­kationswissenschaft. Vor einigen Jahren kündigte er seine Stellung und widmet sich seitdem ganz dem Schreiben. Charles Martin ist passionierter Angler und lebt mit seiner Frau und drei Söhnen in Jacksonville, Florida.

Von Charles Martin ist in unserem Hause bereits erschienen:

Erzähl mir dein Herz

Charles Martin

Wohin der Fluss
uns trägt

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Ulrike Bischoff

Ullstein

Neuausgabe bei Refinery

Refinery ist ein Digitalverlag

der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin

Mai 2017 (1)

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2009

© 2008 by Charles Martin

Titel der amerikanischen Originalausgabe: Where The River Ends

(Broadway Books, New York)

This translation published by arrangement with The Doubleday Broadway Publishing Group, a division of Random House, Inc.

Umschlaggestaltung:

zero-media.net, München

Titelabbildung: © FinePic®

E-Book: LVD GmbH, Berlin


ISBN 978-3-96048-080-8


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Für meine Großeltern, Ellen und Tillman Cavert,
… deren Liebe siebenundsechzig Jahre währte

Prolog

Mit meiner Kindheit verbinde ich keine guten Erinnerungen. Offenbar habe ich viel Hässliches erlebt, vieles, was nicht hätte sein dürfen. Das Einzige, was ich als schön in Erinnerung habe, sind meine Mom und das Flussufer. Bis ich es besser wusste, glaubte ich, der Fluss sei nach meiner Mom benannt.

Der Mann, der in unserem Trailer wohnte, war immer wütend. Rauchte ständig. Er zündete eine Zigarette an der anderen an, dabei hielt er sie wie Wunderkerzen, und seine Augen glühten und funkelten genauso. Er schlug mich nie, jedenfalls nicht fest, aber sein Gebrüll schmerzte in meinen Ohren. Mom erklärte mir, das sei der Flaschenteufel, aber ich glaube nicht, dass man Gemeinheit trinken kann. Man kann versuchen, sie zu ertränken, aber nach meiner Erfahrung schwimmt sie gut. Deshalb steckt sie in der Flasche. Um ihr zu entfliehen, waren wir hierhergekommen, Mom und ich. Sie sagte, es würde gegen mein Asthma helfen, aber ich wusste es besser. Sterben war so etwa das Einzige, was gegen mein Asthma helfen würde.

Auf meiner Brust lastete ein Ziegelstein, und jeden Atemzug sog ich mühsam ein wie durch einen Gartenschlauch. Das machte es mir nicht gerade leicht, meine Gedanken oder Gefühle auszudrücken. Mom wollte immer, dass ich über meine Gefühle redete, dass ich aus mir herausging. »Was soll ich mit Gefühlen?«, sagte ich ihr. »Fühlen kann ich später immer noch. Ein bisschen mehr Luft wär mir jetzt lieber.« Der Flaschenmann, das Albuterol und der Krampfhusten, den ich nicht loswurde, all das hatte die Verbindung zwischen meinem Mund und meinem Herz durchtrennt. Irgendwas in mir war zerstört worden.

Mein Leben bestand aus Teilen – »Inseln« trifft es vielleicht besser. Wenn ich mich in mein Inneres verkroch und mich dort umschaute, sah ich kein Ganzes. Kein Festland. Ich sah einen zerrissenen Kontinent, dessen Landfetzen ziellos an einen fernen Winkel des Globus drifteten. Wie auf Bildern von treibenden Eisschollen im Polar-meer.

Von meinem fünften bis zum achten Lebensjahr trug ich einen Helm, auch wenn ich nicht Fahrrad fuhr. Ich wuchs auf mit dem Spitznamen »Schlumpf«, den hatten mir meine gelegentlich blauen Lippen eingetragen. Damit ich in der erzwungenen Ruhe und dem Elend meiner Kindheit eine Beschäftigung hatte, kaufte Mom mir Farben, und so fand ich einen Fluchtweg: Ich malte die Welt, in der ich gern gelebt hätte.

Mom und ich hatten eine Bank unten am Fluss, auf der wir abends oft saßen, wenn Zigarettenqualm und betrunkenes Gesabber uns aus dem Wohnwagen trieben. Wo wir uns hinsetzten, war das Holz schon ganz blank gescheuert. Eines Abends – ich war damals etwa zehn – hatte ich auf dem Wohnwagenplatz böses Geschwätz aufgeschnappt und fragte: »Mom, was ist ein ›leichtes Mädchen‹?«

Auch sie hatte die Leute reden gehört. »Von wem hast du das?«

Ich deutete mit dem Finger. »Von der dicken, fetten Frau da drüben.«

Sie nickte. »Schatz, wir kommen alle mal vom Weg ab.«

»Bist du vom Weg abgekommen?«

Sie legte den Finger an meine Nasenspitze. »Nicht wenn ich mit dir zusammen bin.« Sie legte den Arm um mich. »Aber darauf kommt es gar nicht an. Wichtig ist, was du machst, wenn du den Weg verloren hast.«

Sie ging mit mir durch den Wald und wir setzten uns auf die Bank am Ufer. Sie wies mit einer ausladenden Handbewegung auf das, was ich vor mir sah. »Chris … Gott ist in diesem Fluss.«

Es war einer jener Abende, an denen sich vor der Sonne düstere Gewitterwolken auftürmten. Ihre Ränder glühten rot und das Dunkelblau an ihrer Unterseite verschwamm ins Schwarze. In der Ferne sahen wir Regenschwaden herannahen. Ich ließ meinen Blick am Flussufer entlangwandern, beobachtete die Kräuselwellen auf dem Wasser und dachte dabei an all die Male, in denen meine Zunge dick und taub geworden war, was stets eintrat, kurz bevor ich vor Sauerstoffmangel umkippte.

Stirnrunzelnd erwiderte ich: »Das erklärt so einiges.«

Sie strich mir das Haar aus den Augen, und ich nahm verstohlen zwei Züge aus dem Inhalator. »Wie meinst du das?«

Ich hielt den Atem an und deutete mit dem Daumen über meine Schulter. »Na ja, im Wohnwagen ist er jedenfalls nicht.«

Sie nickte kurz. »Er war da, als ich dich gemacht habe.«

Ich hatte gerade das Fluchen gelernt und testete meine Grenzen aus. »Kann sein.« Ich hustete und spuckte aus. »Jetzt ist er jedenfalls nicht mehr da, das ist so sicher wie die Scheißhölle.«

Sie kniff mich in die Wange und drehte meinen Kopf zum Fluss hin. »Chris Michaels.«

»Ja, Ma’am.«

»Guck mal auf die Wasseroberfläche dort.« Ich nickte. »Was siehst du?«

Meine Stimme klang fremd und wie erstickt. »Schwarzes Wasser.«

Sie kniff mich fester. »Werd nicht frech. Guck noch mal hin.«

»Ein paar Elritzen.«

»Guck genau hin – auf die Oberfläche.«

Ich konzentrierte mich, biss mir auf die Wangen und sagte: »Eine Baumreihe, ein paar Wolken … der Himmel.«

»Und wie nennt man das?«

»Ein Spiegelbild.«

Sie ließ meine Wange los. »Ganz gleich, mit wie viel Dreck dich die Welt bewirft, lass niemals zu, dass dein Spiegelbild getrübt wird. Hast du gehört?«

Ich deutete auf unseren Wohnwagen. »Aber er tut das, und du sagst nichts dazu.«

»Stimmt. Ihm kann ich nicht helfen. Aber du bist nicht kaputt.«

»Warum lässt du ihn überhaupt da wohnen?«

Sie nickte und überlegte schweigend. »Weil ich nur ein paar Stunden am Tag arbeiten kann und …«, sie hielt meinen Inhalator hoch, »er hat auch seine Vorzüge.« Sie hob mein Kinn an. »Verstehst du, Heftpflasterchen?«

»Wieso nennst du mich so?«

Sie drückte ihre Stirn an meine. »Weil du an mir klebst und meine Wunden heilst.«

Ich hatte keine Ahnung vom Leben, aber eins wusste ich genau: Meine Mom war eine gute Frau. Ich deutete mit dem Kopf zur Straße hin. »Kann ich der dicken Fetten sagen, dass sie mich mal gernhaben kann?«

Sie schüttelte den Kopf. »Das wäre nicht gut.«

»Wieso nicht?«

Ein Blitz zeichnete Spinnwebmuster an den Himmel. »Weil das ganze Fett bei ihr auch nur vom Kummer kommt.« Sie strich mir wieder das Haar aus den Augen. »Und nun noch ein Letztes … Hörst du mir zu?«

»Ja, Ma’am.«

Eine Weile verging. Die Luft war schwül, spannungsgeladen und roch stechend nach Regen. »Wie du mit Stift und Pinsel umgehen kannst, das ist was ganz Besonderes.« Sie zog mich an sich. »Das sieht jeder Trottel, der nur einen Funken Verstand im Kopf hat. Von mir hast du das nicht gelernt. Ich hätte dir das gar nicht beibringen können, weil ich nichts davon verstehe – ich kann ja nicht mal die einfachsten Sachen zeichnen. Es ist eine Gabe, die du besitzt, von der wir anderen nicht die geringste Ahnung haben. Das macht dich zu was Besonderem.«

»Ich fühl mich aber nicht wie was Besonderes. Meistens fühl ich mich nur sterbenselend.«

Sie zog ihren Rock über die Knie hoch, damit sie nicht so an den Beinen schwitzte. Das rostige Rasiermesser hatte ihr die raue Haut über der Ferse aufgeschabt. Mit einer ausholenden Geste beschrieb sie die ganze Welt. »Das Leben ist nicht einfach. Meist ist es schwer und nur selten sinnvoll. Es ist kein Geschenk mit einem hübschen Schleifchen drum. Je älter du wirst, umso öfter stellt es dir ein Bein, macht dich fertig und verpasst dir eine blutige Nase.« Sie rang sich ein Lachen ab und schwieg dann eine Weile. »Die Menschen kommen aus ganz unterschiedlichen Gründen an diesen Fluss. Manche verstecken sich, manche sind auf der Flucht, manche sehnen sich nach ein bisschen Ruhe und Frieden und versuchen zu vergessen – alles, um den Kummer zu lindern, den sie mit sich rumschleppen. Aber wir alle, wir kommen deshalb her, weil wir Durst haben.« Sie strich mir einmal mehr das Haar aus den Augen. »Du und der Fluss, ihr habt vieles gemeinsam. Du hast das in den Fingerspitzen, was die Menschen brauchen. Also halte es nicht zurück, stau es nicht in dir auf und lass es nicht trüb werden.« Sie nahm meine Hand und legte ihre Handfläche an meine. »Lass es herausfließen … und eines Tages wirst du feststellen, dass von überall her Menschen hineintauchen und in vollen Zügen trinken.«

Sie legte mir den Skizzenblock auf den Schoß, reichte mir einen Stift und lenkte meinen Blick flussabwärts. »Siehst du das?«

»Ja, Ma’am.«

»So, und jetzt mach die Augen zu.« Ich gehorchte. »Hol so tief Luft, wie du kannst.« Ich hustete, atmete ein und hielt die Luft an. »Siehst du das Bild hinter deinen Lidern?« Ich nickte. »So …« Sie schob mir den Stift zwischen die Finger, da fiel schon der erste Regentropfen. »Such das darauf aus, was du dir noch mal genauer ansehen willst, und dann aufs Papier damit.«

Ich tat, was sie gesagt hatte.

An diesem Abend betrachtete sie aufmerksam meine Skizze. Ihre Nase lief und ihre Augen tränten. »Versprich mir noch eines.«

»Ja, Ma’am?«

Sie blickte aus meinem Schlafzimmer auf den Fluss, der unter einem Dunstschleier dahinfloss. Sie tippte mir an die Schläfe und legte dann ihre Hände auf meine Brust. »Was du in dir hast, ist eine Quelle, die ganz aus der Tiefe heraufsprudelt. Ihr Wasser ist frisch und klar. Aber …« Damals hatte ich keine Ahnung, wovon sie redete. Eine Träne tropfte von ihrem Gesicht. »Aber manchmal kann eine Quelle auch versiegen. Wenn du jemals Kummer hast und nur noch Schmerz spürst … wenn du merkst, dass deine Quelle ausgetrocknet ist … alles staubig und trocken … dann komm hierher, tauche tief hinein und trinke in vollen Zügen.«

Und genau das tat ich.

1

31. MAI

Ich stieg die letzte Stufe zu meinem Atelier hinauf, roch den kalten offenen Kamin und fragte mich, wie lange ein verirrter Funken wohl brauchen würde, alles hier drin in Flammen aufgehen zu lassen. Nur ein paar Minuten, schätze ich mal. Mit verschränkten Armen lehnte ich mich an die Wand und musterte all die Augen, die mich anstarrten. Abbie hatte sich so bemüht, mir Glauben an mich selbst einzuflößen. Hatte mich sogar um die halbe Welt mitgenommen. Hatte mich mit Rembrandt vertraut gemacht, mir auf die Schulter getippt und gesagt: »Das kannst du auch.« Also hatte ich gemalt. Vor allem Gesichter. Meine Mutter hatte die Saat gelegt, und Abbie hatte die Pflanze später gehegt, gepflegt und zurechtgestutzt. Aber in Wirklichkeit würde mir ein gutes Feuerchen und eine zu spät anrückende Feuerwehr sicher mehr Geld von der Versicherung einbringen, als ich mit verkauften Bildern verdiente. An den vier Wänden um mich herum stapelten sich über dreihundert verstaubte Ölgemälde auf Leinwand – die Arbeit von zehn Jahren. Gesichter, eingefangen in Gefühlsmomenten, die das Herz erkannte, aber nur wenige in Worte fassen konnten. Früher war mir das so einfach von der Hand gegangen. So flüssig. Ich erinnerte mich an Zeiten, in denen ich es kaum erwarten konnte, hierherzukommen, in denen ich mich gar nicht hatte bremsen können und an vier Bildern gleichzeitig gemalt hatte. Durchmalte Nächte, in denen ich den Vesuv in mir entdeckt hatte.

Die vergangenen zehn Jahre meines Lebens starrten mich an. Vielversprechend hatten die Bilder in Galerien in Charleston gehangen und waren dann eins nach dem anderen wieder zurückgekommen. Selbsternannte Kunstkritiker, die sich in Lokalzeitungen unfehlbar gebärdeten, hatten bemängelt, meinem Werk fehle es an Originalität, an Herz und, mein Lieblingsverriss, es sei langweilig und ohne jedes Talent und Kunstverständnis.

Nicht ohne Grund heißen sie »Kritiker«.

Auf der Staffelei vor mir stand eine weiße Leinwand. Verstaubt, von der Sonne ausgebleicht und rissig. Leer.

Wie ich.

Ich stieg aus dem Fenster, ging am Dach entlang und die Eisentreppe zum »Krähennest« hinauf. Ich schnupperte die salzige Luft und schaute übers Wasser. Irgendwo schrie eine Möwe. Die Luft war drückend schwül und hüllte die Stadt in Stille. Trotz des klaren Himmels roch es nach Regen. Der Vollmond stand hoch und warf Schatten aufs Wasser, das ein Stück entfernt an die Ufermauer plätscherte. Südöstlich funkelten die fernen Lichter von Fort Sumpter. Vor mir flos­sen Ashley und Cooper zusammen. Die meisten Charlestoner behaupten, an dieser Stelle entspringe aus den beiden Flüssen der Atlantik. Nördlich davon lag Sullivan’s ­Island mit dem Strand, wo wir früher oft schwimmen gegangen waren. Ich schloss die Augen und lauschte dem Widerhall unseres Lachens.

Das war schon eine Weile her.

Hinter mir lag die »heilige Stadt«, deren Spitztürme um die Wette in den Himmel ragten. Unter mir zog sich mein Schatten auf dem Dach in die Länge. Er zerrte an meinen Hosenbeinen, lockte mich und zog mich hinunter. Das Eisengitter, das mich zurückhielt, hatte die Lokallegende Philip Simmons vor gut fünfzig Jahren angefertigt. Er war mittlerweile in seinen Neunzigern, und seine Arbeiten ­waren in Charleston inzwischen groß in Mode und sehr gefragt. Das »Krähennest« hatte zum Haus gehört und den Sturm überdauert. In den dreizehn Jahren, die wir hier wohnten, war dieser acht Quadratmeter große Ausguck mir zur nächtlichen Plattform geworden, von der aus ich die Welt betrachtete. Meine einzigartige, einsame Zuflucht.

In meiner Tasche vibrierte mein Handy. Auf dem Display erkannte ich die Vorwahl von Texas. »Hallo?«

»Chris Michaels?«

»Am Apparat.«

»Hier ist Anita Becker, die Assistentin von Dr. Paul Virth.«

»Ja?« Mein Atem ging rascher. Von ihren nächsten Worten hing so viel ab.

Sie stockte. »Wir wollten Ihnen Bescheid geben …« Ich wusste es, noch bevor sie es aussprach, »… dass der Kon­troll­ausschuss getagt und die Parameter der Studie festgelegt hat. Vorerst nehmen wir nur Primärfälle, keine Sekundärfälle.« Der Wind drehte und ließ den Wetterhahn quietschend umschwenken. Er zeigte nun nach Süden. »Wenn die Studie so verläuft, wie wir hoffen, haben wir vor, sie im nächsten Jahr um Sekundärfälle zu …« Entweder brach sie ab, oder ich hörte nicht mehr zu. »Wir schicken Abbie ein Empfehlungsschreiben für eine Studie von Doktor Plist und Mackles am Sloan Kettering.«

»Danke … vielen Dank.« Ich klappte das Handy zu.

Das Problem bei einem »Verzweiflungspass« im American Football ist, dass er so lange in der Luft hängt und die meisten in der Endzone fallen gelassen werden. Deshalb heißt er in Amerika auch Ave-Maria-Pass.

Weil er von Anfang an hoffnungslos ist.

Atemlos kletterte ich hinunter und stieg durch das Fens­ter. Das Handy meldete sich erneut, aber ich ließ es klingeln. Eine Minute verging, bis es wieder klingelte. Ich schaute aufs Display: »Dr. Ruddy«.

»He, Ruddy.«

»Chris.« Seine Stimme war ruhig. Gedämpft. Ich sah ihn vor mir, wie er sich auf seinen Schreibtisch stützte und den Kopf in die Hand legte. Sein Stuhl knarrte. »Die Untersuchungsergebnisse sind da. Wenn Sie beide den Lautsprecher am Telefon einschalten, könnten wir sie vielleicht besprechen.«

Sein Tonfall sagte mir schon genug. »Ruddy, sie schläft. Endlich. Gestern auch schon fast den ganzen Tag. Vielleicht sagen Sie es einfach mir.« Er las zwischen den Zeilen.

»Einverstanden.« Pause. »Ähm, sie sind, ähm …« Es schnürte ihm die Kehle zu. Ruddy war von Anfang an unser behandelnder Arzt gewesen. »Chris … es tut mir leid.«

Wir lauschten gegenseitig auf unser gespanntes Lauschen. »Wie lange?«

»Eine Woche. Vielleicht zwei. Oder länger, wenn Sie sie dazu bewegen können, liegen zu bleiben und sich ruhig zu verhalten.«

Ich täuschte ein Lachen vor. »Sie wissen genau, dass das aussichtslos ist.«

Ein tiefes Seufzen. »Ja.«

Ich steckte das Handy wieder ein und kratzte meinen Zweitagebart. Meine Augen blickten starr aufs Wasser, aber im Geiste war ich ein paar hundert Meilen weit weg.

Ich schlich die Treppe hinunter und ließ die Finger über die Zierleiste an der Wand gleiten. Die Stufen der schmalen Stiege waren aus dreißig Zentimeter tiefen Kiefernbrettern, die fast zweihundert Jahre alt waren und laut knarrten – sie erzählten vom Alter und von betrunkenen Piraten, die einst auf ihnen nach unten getorkelt waren.

Das Geräusch ließ sie die Augen aufschlagen, aber ich bezweifelte, dass sie geschlafen hatte. Kämpfer schlafen nicht zwischen den Runden. Durch die offenen Fenster drang eine schwache Zugluft in unser Zimmer und machte ihr Gänsehaut an den Waden.

Unten waren Schritte zu hören, also schloss ich die Schlafzimmertür. Ich setzte mich neben sie, zog die Fleecedecke über ihre Beine und lehnte mich an das Betthaupt. Sie flüsterte: »Wie lange habe ich geschlafen?«

Ich zuckte die Achseln.

»Seit gestern?«

»Fast.« Den Schmerz bekamen wir zwar mit Medikamenten in den Griff, nicht aber ihre betäubenden Nebenwirkungen. Stundenlang lag sie still und reglos da und focht einen inneren Kampf aus, dem ich nur hilflos zuschauen konnte. Aus Gründen, die keiner von uns erklären konnte, erlebte sie dann wieder Momente – manchmal sogar Tage – völliger Klarheit, in denen alles wie weggefegt war, der Schmerz nachließ und sie so normal war wie eh und je. Ohne Vorwarnung kehrte er dann zurück, und ihr einsamer Kampf begann von vorn. So lernt man, zwischen Müdigkeit und Erschöpfung zu unterscheiden. Gegen Müdigkeit hilft Schlaf, gegen Erschöpfung richtet er nichts aus.

Sie schnupperte und roch die letzten Reste seines After­shaves, die noch in der Luft hingen. Ich schob das Fenster weiter auf. Sie hob eine Augenbraue. »Er war hier?«

Ich starrte aufs Wasser. »Ja.«

»Wie war’s?«

»Wie üblich.«

»So gut? Worum geht es dieses Mal?«

»Er …«, ich deutete mit den Fingern Gänsefüßchen an, »verlegt dich.«

Sie richtete sich auf. »Wohin?«

Gänsefüßchen: »Nach Hause.«

Sie schüttelte den Kopf und blies beim Ausatmen die Wangen auf wie ein Kugelfisch. »Für ihn ist es, als ob er das mit meiner Mutter noch mal erleben würde.« Ich zuckte die Achseln. »Wie seid ihr verblieben?«

»Ich gar nicht. Er.«

»Und?«

»Er schickt morgen früh ein paar Leute her, um dich ›abzuholen‹.«

»Das klingt, als ob er den Müll wegschaffen wollte.« Sie deutete auf das Telefon. »Gib her. Mir ist es völlig egal, dass er fast schon als nächster Präsident gilt.«

»Schatz, ich lasse nicht zu, dass er dich wegholt.« Ich schnippte ein Stück abgeblätterte Farbe von der Fensterbank.

Sie horchte auf die Schritte im Stockwerk unter uns. »Schichtwechsel?«

Ich nickte und schaute einer Barke zu, die langsam den Ashley hinauftuckerte.

»Sag bloß nicht, dass er auch mit ihnen geredet hat.«

»O doch. Hat alle wirklich sehr beruhigt. Im Grunde hat er ihnen unter dem Deckmantel eines aufmunternden ›wei­ter so!‹ ordentlich die Leviten gelesen. Ich finde toll, wie er dir das, was er will, unter dem Vorwand verkauft, es sei zu deinem Besten.« Ich schüttelte den Kopf. »Manipulation mit Taschenspielertricks.«

Sie schlang ihr Bein um meins und schob sich höher, bis ihre Augen auf einer Höhe mit meinen waren. Die ehemals straffen Oberschenkel wichen knochigen Knien, hervortretenden Venen und stockartigen Schienbeinen. Ihr linker Hüftknochen, früher der sinnliche Höhepunkt ihrer weiblichen Rundungen, ragte spitz unter ihrem Nachthemd auf, das viel zu locker auf ihrem Körper lag. Nach vier Jahren war ihre Haut fast durchscheinend – eine von der Sonne verblichene Leinwand. Jetzt hing sie von ihrem Schlüsselbein wie an einer Wäscheleine.

Das Schlurfen im unteren Stockwerk verlagerte sich in die Küche. Sie blickte starr auf den Boden. »Es sind gute Leute. Sie machen das jeden Tag. Wir müssen da nur einmal durch.«

»Ja, und einmal reicht.«

Wir hatten eins jener alten Südstaatenbetten mit Himmel, nach denen Südstaatenfrauen ganz verrückt sind. Es war aus dunklem Mahagoni, hatte die Matratze 1,20 Meter über dem Boden und an beiden Längsseiten Stufen: Wehe, wenn man nachts herausrollte. Dafür hatte es aber zwei Vorzüge: Sie schlief darin, und wenn sie sich auf die Seite legte, konnte sie über die Fensterbank auf den Hafen von Charleston schauen.

Sie blickte starr aus dem Fenster, vor dem die ganze Welt sich wie eine Landkarte entfaltete und die grünen und roten Leuchtfeuer vom Kanal heraufblinkten. Rot markierte die Hafeneinfahrt. Sie schob ihre Hand in meine. »Wie sieht es da oben aus?«

Ich löste ihr Kopftuch und ließ es über ihre Schultern fallen. »Wunderschön.«

Sie drehte sich mir zu, legte den Kopf an meine Brust und schob ihre Finger unter die Knopfleiste meines Hemds an die Stelle, an der meine beiden Brusthaare wuchsen. Kopfschüttelnd sagte sie: »Du sollest mal deinen Geisteszu­stand überprüfen lassen.«

»Komisch. Genau das hat dein Vater mir eben auch gesagt.« Ich blickte aufs Wasser hinaus und strich, ohne hinzusehen, mit einem Finger über ihr Ohr und ihren Nacken. Ein Krabbenkutter tuckerte aufs offene Meer hinaus. »Eigentlich sagt er dir das schon seit fast vierzehn Jahren.«

»Man sollte meinen, ich würde inzwischen mal auf ihn hören.« Als der Krabbenkutter die höhere Dünung erreichte, glitt sein Scheinwerferlicht langsam wie suchend von Ost nach West über die Meeresoberfläche.

Ihre Augen lagen tief in den Höhlen, waren dunkel und matt, als wäre ihnen der Lidschatten eintätowiert. »Versprich mir eines.«

»Das habe ich doch schon getan.«

»Mir ist es ernst.«

»Gut, aber nicht, wenn es etwas mit deinem Dad zu tun hat.« Sie legte Daumen und Zeigefinger aneinander und zupfte eins meiner Brusthaare aus. »He«, ich rieb mir die Brust, »es ist doch nicht so, als ob ich davon zu viele hätte.«

Ihre Finger waren lang, genau wie ihre Beine. Seit sie knochiger waren, wirkten sie noch länger. Sie richtete den Finger auf mein Gesicht. »Bist du fertig?« Ihr Finger beschrieb einen Kreis um den offenen Spalt meines Hemdes. »Ich sehe nämlich noch eins.«

So ist meine Abbie. Dreißig Pfund leichter, aber immer noch zu Scherzen aufgelegt. Und genau daran hielt ich mich fest. An diesem erhobenen Zeigefinger, der mit Stärke drohte, Humor versprach und sagte: Ich liebe dich mehr als mich selbst.

Sie kratzte leicht an meiner Brust und deutete mit dem Kopf auf das Foto ihres Vaters. »Glaubst du, dass ihr beiden jemals miteinander reden werdet?« Ich betrachtete das Bild. Wir hatten es Ostern aufgenommen, als er sein neues Schätzchen, die Reel Estate, getauft hatte. Er stand mit dem Flaschenhals in der Hand da, Champagner tropfte vom Bug und die Seebrise zerzauste sein weißes Haar. Unter anderen Umständen hätte ich ihn wohl gemocht, und manchmal denke ich, er hätte mich auch gerngehabt.

Ich betrachtete sein Foto auf ihrem Nachttisch. »Ach, ich bin sicher, dass er reden wird.«

»Ihr beiden seid euch ähnlicher, als ihr denkt.«

»Bitte …«

»Das meine ich ernst.«

Sie hatte Recht. »Er geht mir einfach gegen den Strich.«

»Na ja, mir schon auch, aber er ist trotzdem mein Daddy.«

Wir lagen im Dunkeln und lauschten auf die Schritte wohlmeinender, unwillkommener Fremder unter uns. Ich starrte auf den Boden, durch den die Geräusche drangen, und sagte: »Eigentlich könnte ihnen doch wirklich ein besserer Name einfallen als ›Hospiz‹.«

Sie verdrehte die Augen. »Wieso?«

»Es klingt einfach so …« Ich verstummte.

Wir saßen ein Weilchen still da. »Hat Ruddy angerufen?«

Ich nickte.

»Alle drei?«

Ich nickte wieder.

»Keine Besserung?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Was ist mit dem Kerl in Harvard?«

»Wir haben gestern miteinander gesprochen. Es dauert noch ein paar Monate, bis sie mit der Versuchsreihe anfangen.«

»Sloan Kettering?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Was ist mit der Internetseite?« Vor zwei Jahren hatten wir eine Internetseite für Leute mit Abbies Krankheit eingerichtet. Mittlerweile hatte sie sich zu einer Informationsbörse entwickelt. Darüber hatten wir viel Neues erfahren und viele Leute kennengelernt, die uns zu einer großen Anzahl echter Experten geführt hatten. Eine tolle Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch.

»Nichts.«

»Das ist einfach zum Kotzen.«

»Du nimmst mir das Wort aus dem Mund.«

Schweigend musterte sie einen unlackierten Fingernagel. Schließlich schaute sie mich an. »Oregon?«

Die Oregon Health Science University, kurz OHSU, war führend in der Entwicklung einer neuen systemischen Krebstherapie auf Zellebene. Echtes Neuland. Seit Monaten standen wir mit ihnen in Verbindung und hofften auf eine klinische Versuchsreihe, an der wir teilnehmen könnten. Gestern hatten sie die Bedingungen festgelegt. Weil bei Abbie die Krankheit über das Ursprungsorgan hinausgegangen war, kam sie für die Studie nicht in Frage. Ich schüttelte den Kopf.

»Können sie keine Ausnahme machen?«

Wieder schüttelte ich den Kopf.

»Hast du gefragt?«

Der Krebs hatte uns so viel genommen. Und ich konnte nur dasitzen und zuschauen. Während ich Abbies Hand hielt, ihr Suppe reichte, sie badete oder ihr das Haar kämm­te, ließ er nicht locker. Ganz egal, womit man ihn bombardierte.

Ich wollte zurückschlagen. Wollte ihn umbringen. Ihn in tausend schmerzende Stücke schneiden, in den Boden stampfen, zermalmen und seinen Geruch vom Erdball tilgen. Aber er hatte es nicht so weit gebracht, weil er dumm gewesen wäre. Nie zeigte er sein Gesicht, und es ist schwer, einen Gegner zu töten, den man nicht sehen kann.

»Ja.«

»Und Dr. Anderson in Houston?« Ich gab keine Antwort. Sie fragte noch einmal.

Mühsam murmelte ich: »Sie haben angerufen. Bis zu einer Entscheidung dauert es noch zwei oder drei Wochen. Der ähm …«, ich schnippte mit den Fingern, »Kontrollausschuss konnte aus irgendwelchen Gründen nicht zusam­mentreten. Ein paar Ärzte waren in Urlaub …« Ich schaute weg und schüttelte den Kopf.

Sie verdrehte die Augen. »Wieder eine andere Hinhaltetaktik.«

Ich nickte. Auf dem Nachttisch lag ein gefaltetes Blatt gelbes Briefpapier. Abbies Handschrift, die die ganze Seite füllte, schimmerte durch. Darunter lugte ein unbeschrifteter Briefumschlag hervor. Ein silberner Kugelschreiber lag schräg als Briefbeschwerer obenauf.

Ihr Blick verlor sich über dem Hafen. Nach längerem Schweigen fragte sie: »Wann hast du zuletzt geschlafen?« Ich zuckte die Achseln. Sie zog an mir, bis ich mich zurücklehnte, und legte den Kopf auf meine Brust. Als ich die Augen wieder aufschlug, ging es auf Mitternacht zu.

Ihr Flüstern durchbrach die Stille. »Chris?« Ihr Nacht­hemd war ihr von einer Schulter gerutscht. Wieder eine Erinnerung an das, was uns geraubt worden war. »Ich habe nachgedacht.« Unter dem Fenster holperte eine Pferdekutsche über das Kopfsteinpflaster.

Ich bin kein rachsüchtiger Mensch. Ich werde nicht leicht wütend, und die meisten würden bestätigen, dass bei mir nicht so schnell die Sicherung durchbrennt. Geduld ist etwas, was ich reichlich besitze. Wer Asthma hat, versteht das. Vielleicht wollen deshalb so viele mit mir angeln gehen.

Sie starrte auf den Zeitungsartikel, der eingerahmt und vergilbt an der Wand hing.

Es war sechs Monate her. Die Lokalzeitung von Charleston hatte ein paar Wohlfühlstorys über einheimische Promis und ihre Neujahrsvorsätze gebracht. Dachte wohl, das würde uns anderen auf die Sprünge helfen. Sie riefen an und baten Abbie um ein Interview.

Der Reporter kam ins Haus, wir saßen auf der Veranda und schauten der einsetzenden Ebbe zu. Er saß mit gezücktem Stift da und erwartete, dass sie etwas Fantastisches herunterrasselte. Ihre Antworten überraschten ihn. Er lehnte sich zurück, betrachtete seine Notizen und ging die Liste noch einmal durch. »Aber …?«

Sie beugte sich zu ihm, und er wich vor ihr zurück. »Haben Sie mal den Anfang der Zeichentrickserie Die Jetsons gesehen?«

Er schaute sie überrascht an. »Ja, sicher.«

»Erinnern Sie sich, wie George und Astro in die Tretmühle steigen?« Er nickte. »So geht es uns seit vier Jahren.« Sie tippte auf seinen Notizblock. »Diese Liste ist mein bes­ter Versuch, die Leine zu kappen.«

Er zuckte die Achseln. »Aber, es ist nichts …«

»Ausgefallenes dabei?«, beendete sie seinen Satz. »Ich weiß. Es ist völlig normal. Und genau das ist der Punkt. ›Normal‹ ist nur noch eine Erinnerung.« Sie schaute mich an. »Die letzten Jahre haben uns von dem Ausgefallenen kuriert.« Sie setzte ihre Sonnenbrille auf. »Wenn Sie lange genug strampeln, um den Kopf über Wasser zu halten, dann merken Sie, was Ihnen wirklich wichtig ist. Diese Liste ist meine Art, mich zu wehren. Das ist alles. Den Mount Everest zu besteigen, mit den Stieren durch Pamplona zu laufen oder in einem Ballon um die Welt zu fahren kommt darin nicht vor.«

Sie lehnte sich zurück und wischte sich die Tränen weg, die ihr über das Gesicht liefen. »Ich möchte unbedingt …«, sie nahm meine Hand, »in einer leichten Brise am Strand sitzen, an Drinks nippen, die mit Sonnenschirmchen dekoriert sind, und mir Gedanken über die Farbkombinationen für irgendeine Küche machen.«

Sie überlegte einen Moment. »Obwohl – ich würde gern einen Loopty-Loop in einem alten Flugzeug machen.«

»Was ist das denn?«, fragte der Journalist verständnislos.

Sie beschrieb mit der Hand eine große Schleife in der Luft. »Sie wissen schon … einen Looping.«

»Darf ich das mit auf die Liste setzen?«

»Ja«, meldete ich mich zu Wort.

Er druckte die Liste so, wie sie sie ihm diktiert hatte. Statt »Vorsätze« nannte sie die Punkte darauf aber ihre »Top-Ten-Wünsche« für das Jahr. Irgendetwas daran sprach die Leser an. Vielleicht war es die Schlichtheit, die ungeschminkte Ehrlichkeit. Ich weiß es nicht genau. Jedenfalls bekam sie in den letzten fünf Monaten viele Briefe und Rückmeldungen auf ihrer Internetseite. Um sie daran zu erinnern, was sie sich einmal erhofft und gewünscht hatte, rahmte ich den Artikel ein und hängte ihn neben das Bett. Aber bei allem, was wir in den ersten Monaten des Jahres durchmachen mussten, kamen wir nicht dazu, auch nur einen Punkt abzuhaken.

Sie deutete auf den Artikel. »Gib ihn mir.«

Mit ihrem Nachthemd wischte sie den Staub vom Glas, aus dem ihr Spiegelbild sie anstarrte, löste die Klammern an der Rückseite, nahm die Pappe heraus und zog den Artikel unter dem Glas hervor. Halb lachend las sie den Artikel durch und schüttelte den Kopf. »Ich wünsche es mir immer noch.«

»Ich auch.«

Sie lehnte sich zurück. »Ich möchte dir dein Geschenk zum Hochzeitstag geben.«

»Fünf Monate zu früh?«

»Ich bin überrascht, dass du dich an das Datum erinnerst.«

»Ich möchte nichts.«

»Das möchtest du bestimmt.«

»Ich brauche nichts.«

»Das glaubst du.«

»Schatz …«

»Chris Michaels.« Sie zog mich an sich. »Ich mache das nicht mit. So nicht.« Sie strich mir das Haar von den Augenbrauen. Sie hatte wieder ihre verspielte Miene aufgesetzt. »Auf keinen Fall.«

Da war es wieder. In den fast fünfzehn Jahren, die ich Abbie kannte, hatte sie einen Charakterzug an den Tag gelegt, den ich nie recht benennen konnte. Kein Ausdruck wird ihm gerecht, auch wenn er mir auf der Zunge liegt. Jede Umschreibung ist unzureichend. Aber auch wenn mir kein Begriff dafür einfällt, kann ich mich seiner Macht nicht entziehen.

»Aber …«, protestierte ich.

»Kein Aber.«

Es hatte keinen Sinn, mit ihr zu streiten, wenn sie so war. Krank oder nicht. Und obwohl sie es bestreiten würde, hatte sie das von ihrem Dad. Die einzig mögliche Antwort war: »Ja, Ma’am.« Seltsam, wie zwei Worte einen für immer verändern konnten. Ich legte den Artikel vor ihr auf die Bettdecke. »Suche einen aus.«

Sie deutete darauf, ohne hinzusehen. »Den ganzen Weg ab Moniac.«

Nummer zehn. Es war der unmöglichste auf der ganzen Liste. Ich hob die Augenbrauen. »Dir ist klar, dass übermorgen der 1. Juni ist?« Sie nickte. »Und dass damit offiziell die Hurrikansaison anfängt?« Sie nickte wieder. »Und dass die urzeitgroßen Moskitos gerade jetzt schlüpfen?« Sie schloss die Augen und nickte ein letztes Mal mit verschmitztem Grinsen.

Ich deutete in Richtung ihres Elternhauses, das ein paar Straßen weiter stand. »Und was ist mit ihm?«

Sie tippte auf das Blatt gelben Briefpapiers auf ihrem Nachttisch.

»Wenn er den bekommt, mobilisiert er die Nationalgarde.«

»Vielleicht auch nicht.« Sie setzte sich jetzt zielstrebiger auf. »Du könntest mit Gary reden. Er kann etwas verschreiben. Etwas, um …« Sie legte ihre Finger an meine Lippen. »He.« Sie wollte meine Augen sehen. Mein Blick verschwamm an den Rändern, und ich wusste, dass es die Bürde, die ohnehin schon auf ihr lastete, nur verschlimmern würde. Ich drehte mich um. »Hast du je ein Versprechen gebrochen, das du mir gegeben hast?«

»Nicht dass ich wüsste.«

Sie faltete den Artikel zusammen und schob ihn in meine Hemdtasche. »Dann fang jetzt nicht damit an.«

Beide Alternativen waren nicht sonderlich verlockend. »Abbie, der Fluss ist kein Ort, um …«

»Da haben wir angefangen …«

»Das weiß ich.«

»Dann bring mich wieder hin.«

»Schatz, da unten gibt’s nichts, was nicht wehtäte. Es wird nicht mehr dasselbe sein.«

»Das zu beurteilen überlass mir.« Sie schaute aus dem Fenster nach Süden.

Ich versuchte es ein letztes Mal. »Du weißt, was Gary gesagt hat.«

Sie nickte. »Chris, ich weiß, was ich von dir verlange.« Sie tippte mir auf die Brust. »Sie sagen, wir sind am Ende.« Sie schüttelte den Kopf und presste die Lippen an mein Gesicht. »Also lass uns von vorn anfangen.«

Und das taten wir.

2

1. JUNI, 2 UHR NACHTS

Regen prasselte in Schwaden an die Windschutzscheibe. Alle paar Sekunden klatschten golfballgroße Hagelkörner auf Motorhaube und Dach und knallten wie Feuerwerkskörper. Ich beugte mich vor und rieb mit der Hand über die Windschutzscheibe, aber das nützte genauso wenig wie die Scheibenwischer. Vor 150 Kilometern hatte uns ein Sattelschlepper, der eine defekte Hydraulikleitung hinter sich herzog, überholt und unseren Jeep in einen Sprühregen aus Bremsflüssigkeit und Funken gehüllt. Das verschmierte Öl-Wasser-Gemisch verbunden mit dem Scheinwerferlicht und der nächtlichen Dunkelheit tauchte die Welt in eine Coca-Cola-Farbe. In dieser Gegend herrschte Dürre. Der Grundwasserspiegel war abgesunken, und für die Einwohner von Südgeorgia und Nordflorida galten Wassersparverordnungen. Die Auswirkungen bekam vor allem der Fluss zu spüren. Der Wasserstand des St. Mary’s lag zweieinhalb bis drei Meter unter dem Normalpegel. Diese Sintflut war dringend nötig, aber das meiste davon würde den Fluss nie erreichen.

Bevor die Federal Interstate Highways als Wunder an sechsspuriger Präzision, Effizienz und Freiheit die USA erschlossen, hatten sich in den 1950er Jahren ihre weni­ger ­effizienten zweispurigen Vorläufer durch und um das kleinstädtische Amerika geschlängelt, höflich bedacht, das Gleichgewicht der Pecanobäume, Lebenseichen und alteingesessenen Hühnerfarmen nicht zu stören. Die US1 von Maine nach Miami – eine Art Route 66 der Ostküste – war mit ihren Schuhkarton-Familienmotels aus Beton, Full-Service-Tankstellen und All-u-can-eat-Restaurants die Lebens­ader für jeden Handelsvertreter und jede Familie, die in Urlaub fuhr. Mit ihren Orangensaftständen, Kramläden, Alligatorfarmen und Andenkenläden, die überquollen vor altbackenen Claxton-Früchtekuchen und Mountain-Dew-Limonade, repräsentierte sie die Americana in ihren besten Zeiten.

Um wach zu bleiben, schaltete ich das Radio ein. Ein Wettermann war mitten in seiner Vorhersage. Starker Regen klatschte auf sein Mikrofon, und er brüllte gegen den Wind an: »Vor vier Wochen zog ein tropisches Tiefdruckgebiet über den Südteil Westafrikas. Sieben Tage lang ­wanderte das tropische Sturmtief an der Küste Afrikas entlang und über den tropischen Atlantik. Nachdem es durch die Karibik gezogen war, zeigten Satellitenbilder am 20. Mai, dass sich über der südlichen Mitte der Karibik ein Wolkenband bildete. Am 23. Mai verstärkte sich der Tropensturm Annie – so genannt, weil es der erste Sturm des Jahres ist – und zog Richtung Norden. Und heute Morgen um 6 Uhr entwickelte sich Annie zu einem Wirbelsturm.« Ich schaltete das Radio ab und starrte durch die Windschutzscheibe. Flussführer sind zwangsläufig heimliche Wetterexperten. Wir müssen es sein. Das bringt der Job mit sich. Ich wischte wieder innen über die Windschutzscheibe. Zu beiden Seiten der Straße ragten nun hohe Fichten auf. Den Wirbelsturm hakte ich ab. Der Regen, den wir hier er­lebten, hatte nichts mit Annie zu tun, und angesichts seiner Route würde er sich bestimmt weit vor Florida austoben.

Von Waycross, Georgia, südlich bis zur Grenze Floridas liegt ein 1800 Quadratkilometer großes Torfmoor wie ein pochiertes Ei in einer schüsselförmigen Senke, die wahrscheinlich früher Teil des Meeresbodens war. Wenn Pflanzen absterben und auf den Boden der Sümpfe sinken, verrotten sie, setzen Methan und Kohlendioxid frei und werden zu Torf. Da dieser Prozess langsam vonstatten geht, wächst die Torfschicht am Grund des Moores nur zweieinhalb Zentimeter in fünfzig Jahren. Unter dem dichten Torfgeflecht ist das austretende Gas gefangen, baut Druck auf und hebt die Torfinseln an, sodass sie wie Korken an die Oberfläche schwimmen. Sobald sie aufsteigen, wird das Gas freigesetzt und glüht auf dem Weg an die Oberfläche wie untergetauchte Nordlichter. Mitte des 20. Jahrhunderts behaupteten Besucher der Moore, es gebe dort UFOs; sie ­organisierten Exkursionen und verkauften Tickets, bis Wissenschaftler auftauchten und ihre Behauptungen widerlegten. Da die instabilen Torfschichten bebten wie die Platten der Erdoberfläche, nur fließender, nannten die Choctaw-Indianer dieses Gebiet das »Land der bebenden Erde«, was im Englischen klingt wie »Okee-fen-o-kee«.

Die Okefenokee-Sümpfe sind eine unberührte, urzeitliche Landschaft. Für Menschen so gut wie unbewohnbar. Sie dienen praktisch als Entwässerungsgebiet für Südostgeorgia und Nordostflorida.

»Entwässerung« ist der entscheidende Begriff. Wie alle Abflusskanäle kann auch diese Senke nur eine begrenzte Wassermenge innerhalb einer bestimmten Zeit ableiten.

Wenn die Sümpfe sich füllen, fließt das Wasser an zwei Stellen ab. Es ist wie in New Orleans, allerdings gibt es hier nur zwei Löcher im Deich und wesentlich weniger Mord, Glücksspiel und Prostitution. Der größere Abfluss ist der Suwannee, der sich gut 300 Kilometer nach Südwesten durch Florida schlängelt und im Golf von Mexiko mündet. Sein zweihundert Kilometer langer Nebenfluss, der St. Mary’s River, windet sich zuerst südlich Richtung Baldwin, beschreibt oberhalb von Mcclenny einen weiten Bogen, fließt dann nördlich Richtung Folkston und wendet sich in einer scharfen Kehre nach Osten, wo er in den Cumberland Sound und den Atlantik mündet.

Wegen seiner teeähnlichen Farbe bezeichnet man den St. Mary’s als Schwarzwasserfluss. Vor zweihundert Jahren kamen Seeleute durch den Cumberland Sound gut achtzig Kilometer flussaufwärts bis Trader’s Hill, um dort ihre Fässer mit Trinkwasser zu füllen, weil es durch die Gerbsäure lange genießbar blieb, zum Beispiel bei Atlantiküberquerungen.

In Dürreperioden ist der St. Mary’s zuweilen nur einige Zentimeter tief und kaum ein bis zwei Meter breit. Im Oberlauf bei Moniac ist er dann kaum mehr als ein Rinnsal. Aber anhaltende Regenfälle, die den Lebenssaft der Sümpfe ausmachen, lassen den Fluss in Mündungsnähe auf eine Breite von über anderthalb Kilometern mit zehn bis zwölf Meter tiefen »Tümpeln« anschwellen. Die normale Fließgeschwindigkeit von knapp einem Kilometer in der Stunde kann sich bei Hochwasser auf zehn bis dreizehn Stundenkilometer erhöhen, bisweilen sogar auf siebzehn.

Hochwasser ist hier heimtückisch. Wenn es zu Überschwemmungen kommt, dringt das Wasser durch den ­Boden hoch. Da das Regenwasser aus anderen Gebieten stammt, steigt das Grundwasser ohne jede Vorwarnung. Man kann friedlich bei Mondschein und klarem Himmel in seinem Zelt zehn Meter vom Flussufer entfernt einschlafen und wacht sechs Stunden später auf, weil der Schlafsack durchnässt ist und das Wasser im Zelt zehn Zentimeter hoch steht. Überschwemmungen fallen hier nicht als Regen vom Himmel. Sie steigen aus dem Nichts von unten auf.

Bevor Einheimische ein Haus am Fluss bauen, stellen sie meist zwei Fragen: Wo ist die höchste Hochwassermarke der letzten hundert Jahre, und wie kann ich oberhalb davon bauen? Da keine seriöse Versicherungsgesellschaft für das St.-Mary’s-Becken eine Hochwasserversicherung abschließt, sind die meisten Häuser auf Pfählen gebaut.

Selbst die Kirchen.

Aber überall am Ufer verstreut gibt es Häuser, Anglercamps, Badeseen, Bootshäfen, Schaukeln, Seilrutschen, Whiskeydestillen, Sümpfe und sogar eine gut versteckte Nudistenkolonie. Es brodelt förmlich von Aktivitäten wie unter der Oberfläche eines Ameisenhügels. Dennoch fließt der St. Mary’s vom Oberlauf bis zum Sund durch eine der letzten unberührten Landschaften der Südstaaten.

Da der Regen mich zu Schneckentempo zwang, hielt ich unter einer Überführung und nahm den Gang heraus. Abby lag dösend hinten im Wagen. Alle paar Minuten murmelte sie etwas Unverständliches im Schlaf.

Die Therapien sind das Schlimmste. Sie greifen dich im Kern an, nehmen dir alles und hinterlassen nur vage Erinnerungen. Lange hatte sie sich nach Kräften bemüht, durchzuhalten, aber alles war ihr wie Wasser zwischen den Fingern zerronnen.

Ich kroch hinten in den Jeep und legte mich neben Abbie. Sie drehte sich zu mir. Ich zog die Plastikhülle mit dem vergilbten, zerknitterten Zeitungsartikel aus meiner Hemdtasche. Schon vor Jahren hatte ich gelernt, ihre Hoffnung zu schüren, womit ich nur konnte, und ihr Denken über die Gegenwart hinauszulenken. Denn wenn sie sich auf das Hier und Jetzt konzentrierte, geriet sie schnell in eine Abwärtsspirale. So hatte ich es geschafft, sie von dort nach hier zu bringen.

Sie öffnete die Augen einen Spalt weit, gerade lange genug, um das Blatt Papier zu erkennen. Lächelnd nickte sie, das hieß, dass sie mitspielen würde. »Ich möchte gern …« Das Flüstern klang heiser und wie aus weiter Ferne. Es lag an den Medikamenten. Ihre Schmerztoleranz war hoch. Sie hatte eine Menge Übung. Ihre Miene zeigte mir, dass sie sich wehrte, so gut sie konnte.

Abbie hatte schon immer unter Migräne gelitten. Sie fraß fast alles in sich hinein, und die Spannung musste irgendwohin. Vielleicht hatte es etwas mit ihrem Vater zu tun. Die Anfälle kamen plötzlich und ließen nur langsam nach. Als wir uns kennenlernten, hatte sie bereits ein Dutzend verschiedener Mittel dagegen ausprobiert, Yoga, Akupunktur, Tiefenmassage, aber sie alle hatten ihr kaum Erleichterung gebracht.

Wenn wir allein waren, legte sie meinen Zeigefinger unmittelbar über dem Ohr an ihre Schläfe. Das war ihre Art, mir zu sagen: »Streichle mich.« Von ihrer Schläfe wanderten meine Fingerspitzen an ihrem Ohr entlang, über Hals, Schlüsselbein, Brust, Arme und Finger, über ihre Hüften, den Oberschenkel entlang bis zu dem kleinen Höcker an ihrem Knie und über ihre runde Wade bis zur Wölbung ihres Fußes. Oft schlief sie dabei ein, und wenn sie aufwachte, war die Migräne fort.

Ich tippte auf den Artikel in meiner Tasche und streichelte sie behutsam. »Nummer eins?«

Sie schluckte. »… mit einem altmodischen Karussell fahren.«

»Nummer zwei«, hakte ich nach.

Sie las die Liste von ihren geschlossenen Lidern ab. »Einen Loopty-Loop in einem alten Flugzeug machen.«

Die Wunschliste hatte keine spezielle Reihenfolge. Der Reporter hatte sie so festgehalten, wie Abbie sie spontan aufgezählt hatte. An Punkten, unter denen er sich nichts vorstellen konnte, hatte er nachgefragt, und sie hatte sie ihm erklärt. Um die Schlichtheit ihrer Wünsche zu vermitteln, hatte er sie in Abbies Worten wiedergegeben und die Erläu­terung in Klammern gesetzt. »Ich liebe es, wie du ›Loopty-Loop‹ sagst. Sag es noch mal. Noch ein Mal.«

Sie leckte sich die Lippen. Ihre Zunge war baumwollweiß. Das erste L blieb an ihrem Gaumen kleben. »Loopty-Loop.«

»Weiter.«

»Am Strand Wein trinken.«

»Das ist noch nicht mal die Hälfte.« Sie legte den Kopf an meine Brust und atmete tief durch. »Nummer vier.«

Sie stockte. »Habe ich vergessen.«

Last, but not least

»Ab Moniac den ganzen Fluss hinunterfahren.«

Sie schob meinen Hut nach hinten. Er war aus Filz. Ein so genannter Banjo-Patterson-Hut von Akubra in Australien. Elf Zentimeter hoch mit sieben Zentimeter breiter Krempe. Ich hatte ihn vor acht Jahren gekauft, weil ich dachte, ich sähe darin aus wie Indiana Jones. Inzwischen war er ausgebleicht, die Krempe wellte sich wie eine Achterbahn, und am Kniff hatten meine Daumen Löcher hineingewetzt. Auch wenn ich umwerfend und heroisch aussehen wollte, hatte ich doch mehr Ähnlichkeit mit Jed Clampett aus Die Beverly Hillbillies sind los!

»Du willst doch wohl nicht wirklich diesen albernen Hut tragen, oder?«

Ich nickte. »Mein Kopf hat fünf Jahre gebraucht, ihn einzutragen.«

Sie lachte. »Er ist wohl eher ganz schön abgetragen.«

Das Problem bei einer Wunschliste ist, dass sie viel über den Wünschenden aussagt. Wenn sie ehrlich ist, legt sie die Tiefen seiner Seele bis auf den Grund bloß.

Dasselbe kann für Hüte gelten.