Henry persönlich

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Auf seinem Weg

lässt er die Scheuche tanzen

Buson

Seine Mutter gab ihm den Namen Henry, nach ihrem älteren Bruder, einem Geistlichen, der im Ersten Weltkrieg gefallen war, als könnte er dessen Platz einnehmen. Der Familiengeschichte zufolge war der tote Henry ein weichherziger Junge gewesen, ein Retter hilfloser Regenwürmer und aus dem Nest gefallener Sperlinge, was seine Berufung zum Seelenretter bereits erahnen ließ. Zweitbester Absolvent im Priesterseminar, hatte er sich freiwillig zum Felddienst in Europa gemeldet und Gedichte und Kohlezeichnungen vom Alltag in den Schützengräben nach Hause geschickt. Das Buntglasfenster in der Kirche, das einen barfüßigen Christus zeigte, mit einem eigensinnigen Lamm wie eine Stola um den Hals, war dem liebenden Angedenken an den Right Reverend Henry Leland Chase, 1893–1917, gewidmet, die pseudogotische Inschrift so kunstvoll, dass sie fast unlesbar war, und wenn sie sich sonntags nach vorn zu ihrer Kirchenbank begaben, neigte seine Mutter jedes Mal beim Vorübergehen den Kopf, als wollte sie die Frömmigkeit seines Onkels nochmals betonen. Als kleiner Junge glaubte Henry, der edle Tote liege dort begraben und modere unter dem kalten Steinfußboden der Calvary Episcopal Church, wie in den mittelalterlichen Kathedralen Europas, in spinnwebverhangenen Katakomben, wo auch er selbst eines Tages liegen würde.

Mit acht Jahren wurde Henry von seiner Mutter als Messdiener angemeldet, eine Aufgabe, zu der er sich nicht berufen fühlte, und in der gewichtigen Stille und bei den

Arlene wurde nach Arlene Connelly benannt, der Lieblingssängerin seiner Mutter, was Henry ungerecht fand.

In Gesellschaft nannte seine Mutter ihn stets Henry Maxwell und seinen Onkel Henry Chase, um Verwechslungen vorzubeugen. Auf diese Unterscheidung verzichtete ihr Zweig der Familie und taufte ihn Little Henry.

Auf der Kommode seiner Mutter stand in einem Silberrahmen mit Fingerabdrücken und umringt von anderen, uninteressanteren Verwandten aus der Zeit vor Henrys Geburt ein verblasstes Foto ihres Bruders auf dem Steg in Chautauqua. Voller Stolz hielt er einen glitzernden Muskellunge hoch. Jedes Mal, wenn Henry ins Schlafzimmer seiner Eltern schlich, um über dieses Bild zu grübeln, als wäre es der Schlüssel zu seiner Zukunft, sagte er sich, dass der Fisch genau wie sein Onkel längst tot war, wohingegen Haus und Steg noch immer am Seeufer standen und sie jeden Sommer wie ein Bühnenbild erwarteten. Wie beides genau zusammenhing, wusste er nicht, nur dass er sich beim Betrachten

Die Pittsburgher Maxwells – es gab keinerlei Verbindung zur Automarke oder zur Kaffeefirma – stammten aus den Mooren North Yorkshires und waren rings um Skelton am zahlreichsten gewesen. Ursprünglich Schafhirten oder Pachtbauern, zogen ihre Nachfahren nach Unterzeichnung der Magna Carta in das eigentliche Dorf, wurden zunächst Zunftgenossen und dann Kaufleute, und einer von ihnen, John Lee Maxwell, war schließlich als Steuereintreiber und Diakon in der anglikanischen Kirche tätig. Mehrere Generationen später segelte ein furchtloser oder vielleicht in Ungnade gefallener Spross dieser Abstammungslinie, John White Maxwell, auf der Godspeed nach Jamestown in der Kolonie Virginia, wo er die vierzehnjährige Susanna Goode zur Frau nahm. All das ergab sich aus einer von einem pensionierten Apotheker aus Olathe, Kansas, namens Arthur Maxwell erstellten Ahnentafel, von der Emily, deren AOL-Adresse in der Woche von Thanksgiving einer Massenmail hinzugefügt worden war, unbesehen zwei Exemplare als Weihnachtsgeschenke für ihre beiden erwachsenen Kinder Margaret und Kenny erstand. Anstelle von ledergebundenen Goldschnittausgaben mit Erinnerungswert trafen, mehrere Tage nachdem die Kinder die Enkelkinder und so viele Essensreste, wie Emily ihnen aufdrängen konnte, eingepackt hatten und geflüchtet waren, mit der normalen Post in einem zerdrückten Amazon-Karton zwei vollgestopfte Ringordner mit lächerlichen Fotokopien ein, in denen es von Druck- und

Henry beging den Fehler zu lachen.

«Freut mich, dass du es witzig findest», sagte Emily. «Ich hab dafür ziemlich viel Geld bezahlt.»

«Wie teuer waren die?»

«Spielt keine Rolle. Ich hol’s mir zurück.»

Er bezweifelte, dass das möglich war, nickte aber bedächtig. «Wenn das alles hier stimmt, ist es faszinierend. Hier steht, wir waren Pferdediebe.»

«Ich bin damit unzufrieden. Es sollte ein besonderes Geschenk sein. Inzwischen ist es sowieso zu spät. Im Moment denke ich, ich sollte es einfach zurückschicken.»

Sie waren fast fünfzig Jahre verheiratet, doch noch immer musste er den männlichen Drang unterdrücken, ihr zu erklären, wie die Welt funktionierte. Zugleich würde sie eine allzu schnelle Zustimmung als Beschwichtigung ansehen, ein noch schlimmeres Vergehen, und so entschied er sich, wie so oft in Angelegenheiten von geringer Bedeutung, für die ungefährlichste Reaktion und schwieg.

«Und?», fragte sie. «Hast du gar keine Meinung?»

Er hatte vergessen: Indifferenz war nicht erlaubt.

«Ich finde es interessant. Behalten wir doch ein Exemplar für uns.»

«Also wirklich», sagte sie, die Hand auf der Stelle, die sie gerade las. «Das hätte ich auch selbst gekonnt. Ich schicke ihm eine E-Mail.»

Die Feiertage setzten ihr zu. Es hätte nicht die Ahnentafel sein müssen, es hätte auch Rufus sein können, der sich auf den Teppich erbrach, oder eine beiläufige Bemerkung Arlenes über den Kartoffelbrei. In letzter Zeit ließen die

«Hast du dein Geld zurückbekommen?»

«Erst, nachdem ich ihm tausendmal auf die Nerven gegangen bin. Er hat gesagt, wir könnten die Exemplare behalten, aber das will ich nicht. Er muss begreifen, dass er so was nicht tun darf.»

«Richtig.» Also auch sein Exemplar. Er war ein Verräter, er hatte Gefallen daran gefunden, mehr über seine Cousins in Kentucky und über General Roland Pawling Maxwell, den Helden von Yorktown, herauszufinden.

«Ich wollte es dir nicht sagen, sie haben sechzig Dollar pro Stück gekostet. Für sechzig Dollar sollten sie was hermachen, aber davon kann keine Rede sein.»

«Stimmt», sagte er, aufrichtig schockiert über den Preis. Bei all ihren Unterschieden, sparsam waren sie beide.

«Es ist schade, denn es gab noch andere, die ich hätte bestellen können.»

«Wenn du’s versuchen willst, nur zu. Ich mach das nicht noch mal.»

«Wenigstens hast du dein Geld zurück.»

Wieder hatte er das Wesentliche nicht begriffen. Sie hatte sich für die Kinder etwas Besonderes einfallen lassen, und daraus war ein Debakel geworden.

Er würde nie verstehen, warum sie sich diese Niederlagen so zu Herzen nahm. Man konnte doch nichts daran ändern.

«Tut mir leid», sagte er.

«Warum? Ist ja nicht deine Schuld. Lass mich einfach wütend sein. Dazu hab ich ein Recht.»

Er musste später noch neue Wischerblätter für den Olds besorgen. Das Postamt lag auf seinem Weg.

«Das wäre hilfreich», sagte sie. «Wenn es dir nichts ausmacht.»

Es machte ihm nichts aus, doch als er allein im Olds mit laufendem Gebläse die Highland Avenue entlangfuhr, musterte er den Karton auf dem Sitz neben ihm und runzelte die Stirn, als hätte sie ihn reingelegt.

Er hatte sein ganzes Leben in Highland Park verbracht, deshalb wäre es verzeihlich gewesen, wenn er das Stoppschild an der Bryant Street – vor mehr als zehn Jahren dort aufgestellt – als neu betrachtet hätte, aber in Wahrheit nahm er es an jenem Nachmittag gar nicht wahr. Er war noch mit dem Grund für Emilys Unzufriedenheit beschäftigt, als er bemerkte, dass vorne ein Schulbus anfuhr, groß wie ein Güterwagen, und er ihn mit voller Breitseite rammen würde, wenn er nicht stoppte. Zu spät, der Fahrer sah ihn und hupte, und erst im letzten Moment stieg Henry auf die Bremse. Die Reifen quietschten, und die Schnauze des Olds senkte sich. Der Karton flog vom Sitz, prallte gegen das Armaturenbrett und knallte auf den Boden.

Es fehlten nur ein, zwei Meter. Er hatte Glück, dass die Straße trocken war.

«Verdammt», sagte er, denn es war seine Schuld. Das Schild befand sich hinter ihm. Er hatte es nicht mal gesehen.

Der Fahrer riss die Arme in die Luft und starrte ihn wütend an.

«Tut mir leid», sagte Henry und hob die Hände zum Zeichen, dass es nicht böse gemeint war. Über ihm blickten Kinder, vielleicht noch Erstklässler, aus den Fenstern, zeigten auf ihn, schnitten Grimassen und hüpften auf ihren Sitzen wie auf Trampolinen. Er war die Attraktion. So was kam allabendlich in den Lokalnachrichten, der alte Knacker, der

Henry rechnete damit, dass der Fahrer herausspringen und ihn anbrüllen würde, doch der Bus machte die Kreuzung frei und fuhr weiter. Der nächste Wagen wartete, bis Henry abgebogen war.

Er nickte. «Danke.»

Er hätte gern beteuert, dass er ein vorsichtiger Fahrer war, anders als Emily, die nachts nichts sah und über Bordsteine bretterte, und auf der restlichen Strecke zum Postamt und danach auf dem Heimweg konzentrierte er sich, die Lippen zusammengekniffen und der Blick zu jedem Auto schießend, das aus einer Seitenstraße hervorschaute. Es war nur ein einziger Fehler, aber einer genügte schon, und er befürchtete, es könnte nicht zum ersten Mal passiert sein, er hatte es vielleicht bloß nicht gemerkt. Gegen Ende seines Lebens hatte sein Vater nicht mehr gut sehen können. Wenn sie ihn besuchten, gab es an allen vier Ecken seiner Stoßstangen Spuren von andersfarbigem Lack. Obwohl ihn die Polizei mehrmals wegen zu langsamen Fahrens angehalten hatte, weigerte er sich, den Führerschein abzugeben. Nach dem Tod seines Vaters öffnete Henry die Garage von dessen Eigentumswohnung und entdeckte, dass die gesamte Front des Cutlass eingedrückt war, als hätte er eine Mauer gerammt.

Sein Vater hatte ihm im Park das Fahren beigebracht, auf der kurvigen Straße rings um den See. «Je größer der Abstand zwischen dir und dem Vordermann, umso besser», hatte sein Vater gesagt. «Man weiß nie, was er anstellt. Am besten hältst du dich so weit wie möglich von ihm entfernt.» Henry hatte diese Weisheit an seine eigenen Kinder weitergeben wollen,

An der Bryant Street hielt er diesmal vor dem Stoppschild. Als er nach Hause kam, wendete er den Olds am Ende der Einfahrt in drei Zügen, fuhr ihn rückwärts schnurgerade in die Garage, bis die Hinterreifen das Kantholz berührten, das er am Boden befestigt hatte.

Emily stand am Spülbecken und schälte Möhren.

«Wie lief’s auf dem Postamt?», fragte sie.

«Ohne Zwischenfälle.»

Erst als er die Schlüssel aufhängte, fielen ihm die Scheibenwischer ein.

Henry betrachtete seine Familie zwar nie als reich, aber ihr Haus in der Mellon Street hatte, wie viele der um die Jahrhundertwende in Highland Park errichteten Häuser, Buntglasfenster auf den Treppenabsätzen und in den Dienstbotenzimmern unterm Dach. Als er geboren wurde, gab es keine Dienstboten mehr, und die zweite Etage wurde als Abstellfläche genutzt, Gas- und Wasseranschluss waren gekappt, sodass die Fensterscheiben im Winter innen mit Reif überzogen waren. Dort, inmitten der verstaubten Stubenwagen und aufgerollten Teppiche, der ausrangierten Lampenschirme und abgelegten Kleidungsstücke aus den wilden Zwanzigern, spielten er und Arlene Vater-Mutter-Kind und taten so, als würden sie in der Küche Mahlzeiten zubereiten oder in der Wanne ein Bad nehmen. Als Erstgeborene regierte Queen Arlene nach göttlichem Recht. Je nach ihrer Lust und Laune waren sie Mutter und Baby, Lehrerin und Schüler oder Mann und Frau (das schloss Umarmungen und ernste Gespräche an einem imaginären Esstisch ein), und manchmal spielten sie ein Spiel, bei dem sie das Dienstmädchen und er der Butler war, und übernahmen so in aller Unschuld die Rollen der früheren Zimmerbewohner. Egal, um welches Szenario es sich handelte, irgendwann verlor Henry das Interesse, und Arlene musste ihn besänftigen, indem sie sich auf sein Lieblingsspiel einließ, Verstecken.

Er versteckte sich gern, denn das konnte er gut. Wenn Arlene in der Schule war und es nichts zu tun gab, übte er

«Ich geb’s auf», rief Arlene aus dem Flur. «Komm raus, komm raus, wo auch immer du bist. Komm schon, Henry. Ich hab doch gesagt, ich gebe auf.»

Er wartete, bis sie nach unten ging, ehe er wieder zum Vorschein kam. Er hütete sich, seine besten Verstecke preiszugeben.

Wenn er Arlene suchen musste, war sie sehr berechenbar, zu ungeduldig. Sie versteckte sich hinter Türen oder in Wandschränken und wartete bis zum letzten Moment, um schreiend hervorzuspringen. Er schlich mit angehaltenem Atem umher, die Finger vor sich zu Klauen geformt, auf einen Angriff gefasst, und trotzdem kreischte er.

Das Haus existierte noch. Seine Eltern hatten es zu lange behalten, bis in die siebziger Jahre, und es erst verkauft, nachdem sein Vater ausgeraubt und ihnen ihr Wagen gestohlen worden war. Der neue Besitzer teilte es in Wohnungen auf und machte aus dem hinteren Garten einen asphaltierten Parkplatz. Seitdem war die Veranda vermodert und ersetzt worden durch Fertigbetonstufen, die das Ganze entblößt aussehen ließen. Buntglas und Schieferdach waren verschwunden, die verzierten Giebel mit Vinyl verkleidet. Vor ein paar Jahren hatte das Haus wegen einer Zwangsversteigerung für achttausend in der Zeitung gestanden, es hatte ihn gelockt, doch in der Straße standen Crack-Häuser. In Sommernächten, wenn sie bei offenem Fenster schliefen, konnten sie vereinzelte Schüsse auf der anderen Seite von Highland hören,

«Beziehungsweise du. Denn ich bin dann tot.»

«Das ist nicht witzig», sagte sie.

Mit vierundsiebzig war er fünf Jahre älter als sie, und außerdem übergewichtig, sein Cholesterin ein Problem. Es stand außer Frage, dass er zuerst sterben würde. Als sie noch jünger waren, hatten sie Scherze darüber gemacht, was sie mit der Versicherungssumme anfangen würde. Doch jetzt schimpfte sie ihn aus.

«Ich will dich bloß vorbereiten.»

«Lass es», sagte sie. «So schnell stirbst du nicht.»

«Das weiß man nie», sagte er, «es kann jederzeit passieren», doch sie hatte sich umgedreht, das Gesicht abgewandt, gekränkt.

«Hör bitte auf.»

Er entschuldigte sich, massierte ihre Schultern und schlang von hinten die Arme um sie, ein Wink für Rufus, sich wie ein Ringrichter zwischen sie zu drängen und die Umklammerung aufzubrechen.

«Da ist jemand eifersüchtig», sagte er.

Emily griff nach ihm. «Du weißt, dass ich das nicht ausstehen kann.»

«Ich weiß.»

«Ich sorge mich um dich, und du machst dich bloß über mich lustig.»

«Das wollte ich nicht.»

«Ich glaube, du hast keine Ahnung, was du mir antust, wenn du so etwas sagst. Sonst würdest du es sein lassen.»

Draußen wurde es langsam dunkel. Sie musste das Abendessen zubereiten und entließ ihn. Er zog sich zu seiner Werkbank im Keller zurück – genau wie sein Vater, dachte er –, wo er den Briefkasten, den Kenny und Lisa ihnen zu Weihnachten geschenkt hatten, für Chautauqua präparierte. Der alte (wer wusste schon, wie alt) war durchgerostet, von den Jahreszeiten zerfressen, und als Henry die Schablonen ausschnitt und sie auf das glatte neue Metall klebte, wurde ihm bewusst, dass der hier, genau wie das Sommerhaus, ihn überleben würde. Sein Vater war allein in seiner Eigentumswohnung in Fox Chapel gestorben, bis zum Schluss stur auf seine Unabhängigkeit beharrend, obwohl sie ihm Kennys Zimmer angeboten hatten. Beim Ausräumen der Wohnung hatte Henry auf dem Nachttisch eine dicke Biographie von Teddy Roosevelt entdeckt, mit der sein Vater fast durch war. Wie zum Gedenken hatte Henry das Buch, statt es auf den Stapel für den Ramschverkauf der Bücherei zu legen, nach Hause mitgenommen, um es zu lesen. Jetzt lag es oben irgendwo, das Lesezeichen seines Vaters immer noch an derselben Stelle.

Über ihm ging Emily durch die Küche. Du hast keine Ahnung, hatte sie ihm vorgeworfen, aber das stimmte nicht. Er war sich nicht sicher, warum er es tat. Er war nicht absichtlich grausam. Irgendwann – den exakten Zeitpunkt konnte er nicht mehr bestimmen – hatte sich der Scherz in die witzlose Wahrheit verwandelt. Das durfte er nicht vergessen, doch nach dem Vorfall neulich wusste er nicht genau, ob ihm das gelingen würde. Er hebelte die Dose Rustoleum auf,

Das ganze Schuljahr hindurch nahm Arlene zweimal pro Woche Klavierunterricht am YWCA in Shadyside. An den anderen fünf Tagen übte sie, vom stetigen Ticken des Metronoms begleitet, auf dem Klavier im hinteren Wohnzimmer und arbeitete sich Seite um Seite durch ein weiteres rotes Thompson-Buch. «Spinnliedchen». «Hasche-Mann». «Träumerei». Den Höhepunkt des Jahres bildete ein Osterkonzert, zu dem sie sich kleideten wie zum Kirchgang und an dessen Ende Henry auf den Fingerzeig ihrer Mutter hin die Bühne betrat und Arlene, auch wenn ihr ein halbes Dutzend Fehler unterlaufen waren, einen Strauß rote Rosen überreichte. Als seine Mutter ihm kurz vor dem Schulanfang eines Abends beim Essen fragte, ob er Lust habe, wie seine Schwester Klavierunterricht zu nehmen, war die Frage rhetorisch gemeint. Sie hatte ihn bereits angemeldet.

Der flehende Blick zu seinem Vater zeigte ihm, dass Widerspruch zwecklos war. Wie in allen Fragen waren seine Eltern sich einig. Henrys Erziehung fiel wie die von Arlene in den Zuständigkeitsbereich seiner Mutter, und jede weitere Beschwerde würde sie ihm übelnehmen. Henry saß entrüstet vor seinem Hackbraten und gab sich geschlagen. Wie lange hatten sie das geplant?

Er gab sich alle Mühe, es geheim zu halten, denn ihm war klar, dass seine Freunde erbarmungslos sein würden, wenn sie es herausfanden. Das YWCA war, wie der Name schon sagte, eine Einrichtung für Frauen, das hieß, es war eine

Jetzt betrat er eine Welt, die komplett weiblich und fremdartig war. Die Lehrerinnen am YWCA waren Studentinnen vom Frick Conservatory, überspannte junge Frauen, die aus der ganzen Welt herbeiströmten, um bei Madame LeClair zu lernen, die bei Liszt gelernt hatte, der wiederum bei Czerny gelernt hatte, der bei Beethoven persönlich gelernt hatte, eine Herkunftslinie, mit der sich seine Mutter gleichermaßen vor Verwandten und Essensgästen brüstete, als könnte Henry oder Arlene ein unentdecktes Genie sein. Um das Geld für Kost und Logis zu verdienen, halfen Madame LeClairs Studentinnen den Töchtern aus Pittsburghs aufsteigender Mittelschicht bei ihrem Spiel vom Blatt und ihrer Fingerfertigkeit und brachten sie Note um Note, Takt um Takt weiter. Bei dem Konzert erhoben sie sich, um ihre Schülerinnen vorzustellen, und setzten sich dann wieder in die erste Reihe, um die unvermeidlichen Schnitzer mit heiterer Gelassenheit zu ertragen. Sie blieben zwei, manchmal drei Jahre, bevor sie zu einem Leben auf Konzertbühnen aufbrachen und man nie wieder von ihnen hörte.

«Setz dich gerade hin», sagte sie und zog behutsam seine Schultern zurück. «Lockere deine Ellbogen. So, hier.»

Mit zehn war für Henry die Gesellschaft junger Frauen, ob fremdartig oder nicht, ungewohnt. Die Lehrerinnen in der Schule waren im Alter seiner Mutter oder noch älter, die Mädchen in seiner Klasse boshaft und hochnäsig. Mit ihrem Akzent und dem Lippenstift wirkte Miss Friedhoffer wie jemand aus einem Spionagefilm. Als sie über die Tasten hinweggriff, um seine Handgelenke festzuhalten, duftete sie warm und hefig, wie frisches Brot. Am Hals hatte sie ein karamellfarbenes Muttermal von der Größe einer Zehn-Cent-Münze, das wie eine riesige Sommersprosse aussah. Unter ihrer blassen Haut zuckte eine bläuliche Ader.

«Wir fangen mit dem C an», sagte sie, deutete mit dem manikürten Fingernagel darauf, und Henry gehorchte. «Gut. So. Wenn du weißt, dass hier das C ist, kann dir nichts mehr passieren. Dann weißt du immer, wo du bist.»

Sie drückte die Taste und sang: «C, C, C, C. Jetzt du. Sing

Anfangs zuckte er zusammen, wenn sie seinen Rücken tätschelte, damit er sich gerade hinsetzte. Doch schon bald ahnte er es voraus und freute sich darauf, dass sie seine Fingerhaltung korrigierte. Er stellte sich vor, wie sich die Leute über ihre Hände lustig gemacht hatten, als sie in seinem Alter war. Wie ein Ritter hätte er sie am liebsten vor ihnen beschützt. Während er durch die Dur-Tonleiter stolperte, merkte er, dass sie neben ihm mitsummte und ihre Beine sich fast berührten, und als der Unterricht vorbei war und sie die nächste Schülerin hereinließ, blieb er an der Tür stehen, das steife neue Übungsheft unter den Arm geklemmt, als hätte er etwas vergessen.

«Auf Wiedersehen, Henry», sagte sie und belohnte ihn mit einem Lächeln. «Üb schön.»

«Danke», sagte er. «Mach ich.»

In der Straßenbahn dachte er, dass ihm sein Name zum allerersten Mal gefallen hatte.

«Wie war dein Unterricht?», fragte seine Mutter.

«Ganz gut.»

Später, beim Abendessen, stellte ihm sein Vater die gleiche Frage.

«War okay.»

«Seine Lehrerin ist hübsch», spottete Arlene.

«Stimmt das?» Sein Vater war amüsiert.

Henry wurde auf dem falschen Fuß erwischt. Er dachte, nur er könnte Miss Friedhoffers wahre Schönheit sehen.

«Magst du sie?», fragte sein Vater.

Jede Antwort, die Henry geben konnte, würde falsch klingen. Er zuckte mit den Schultern. «Ich glaub schon.»

«Ich bin mir sicher, dass sie in Ordnung ist», sagte sein Vater.

«Ganz bestimmt.»

Dass seine heimliche Liebe verboten war, gab seinem Verlangen eine opernhafte Schuld. Um ihr Herz zu erobern, beschloss er, ein perfekter Schüler zu sein, nur war das Üben ohne ihre inspirierende Anwesenheit eine Plackerei, und trotz allerbester Absichten hinkte er schon bald hinterher. Statt sich auf die Wonne von Miss Friedhoffers Gesellschaft zu freuen, fürchtete er, sie zu enttäuschen, und dachte sich eine Reihe von Krankheiten aus, die ihn zu einem verdächtigen Zeitpunkt befielen. Nach einem Treffen mit Miss Friedhoffer beauftragte seine Mutter Arlene, ihn zu beaufsichtigen. Jetzt kommandierte sie ihn fünf Tage in der Woche vom Sofa aus herum, während er im Wohnzimmer die eine Stunde lang übte, sah von ihrem Buch auf, wenn er zu lange verstummte, und Tag für Tag, Seite um Seite, begann er sich wie durch ein Wunder zu verbessern.

«Das ist sehr gut, Henry», sagte Miss Friedhoffer und sah ihn an. «Du siehst, was passiert, wenn du übst.»

Als sie ihm in die Augen blickte, verspürte er eine lähmende Hilflosigkeit, als könnte sie seine Gedanken lesen. Er malte sich aus, wie sie ihn in die Arme schloss und ihr warmer Duft ihn umhüllte, seine Wange an ihrer glatten Seidenbluse lag. Stattdessen befeuchtete sie die Fingerspitze und blätterte zur nächsten Seite, zu einer Übung, die seine linke Hand kräftigen sollte.

Die Wahrheit ließ sich nicht lange verbergen. Als er und

Als seine Mutter ihn im Büro des Direktors fragte, warum er sich mit einem Freund geprügelt habe, sagte Henry die Wahrheit. «Weil ich Klavierunterricht nehmen muss.»

«Das ist keine Antwort», sagte seine Mutter.

«Ich weiß, dass du nicht gern zum Unterricht gehst», sagte sein Vater später, als sie nach dem Essen zu zweit in seinem Arbeitszimmer waren. Er saß in Hemdsärmeln an seinem Rollschreibtisch. Auf der Schreibunterlage verstreut lagen aufgerollte Baupläne für das Gebäude, an dem seine Firma in der Innenstadt arbeitete. Es gab keinen Stuhl für Henry, der wie ein Häftling dastand, die Arme seitlich am Körper. «Wir alle müssen im Leben Dinge tun, auf die wir keine Lust haben. Wir tun sie für die Menschen, die wir

Henry zögerte, da er nicht genau wusste, ob er antworten sollte. «Nein.»

«Nein, aber du verstehst, dass es zu deinem Besten ist. Deine Mutter und ich wollen aus gutem Grund, dass ihr beide Unterricht nehmt, deshalb schlage ich vor, dass du das Beste draus machst.»

Henry wollte fragen, ob sein Vater je Klavierunterricht nehmen musste, doch es hatte keinen Sinn, das Ganze in die Länge zu ziehen. Er hatte gegenüber allen Beteiligten seinen Tribut entrichtet und bekommen, was er wollte. «Ja, Sir», sagte er bußfertig, schüttelte seinem Vater die Hand, um die Vereinbarung zu besiegeln, und dann war er frei.

In jenem Winter lebte er dafür, mit Miss Friedhoffer zusammen zu sein. Für die Klarheit, die sie in der Abenddämmerung dem Himmel verlieh, wenn er und Arlene auf die Straßenbahn warteten und der Abendstern in der Oberleitung gefangen war. Zu Weihnachten schenkte er ihr eine Dose Kekse, die er selbst glasiert hatte, und eine Karte mit einem selbstgezeichneten Tannenbaum, auf der Frohe Weihnachten stand. Für Fraulein Friedhoffer, hatte er in Druckschrift geschrieben. Er kannte noch immer nicht ihren Vornamen.

Für die Aufführung wählte sie Schumanns «Frühlingslied» aus, dessen beschwingtes Tempo für Henry nicht leicht zu meistern war. Zur Freude seiner Mutter übte er zusätzlich nach der Schule. Sie kam aus der Küche mit einem Geschirrtuch hereingeschlendert, stand in der Tür und lobte ihn jedes Mal, wenn er strauchelte. «Das klingt wunderbar», sagte

Sie hieß Sabine. Ihr Name stand im Konzertprogramm, direkt neben seinem. Sie trug zu diesem Anlass das Haar geflochten und ein schwarzes Paillettenkleid, als wollte sie selbst auftreten. Hinter der Bühne hörte er, gekleidet wie zum Kirchgang und in seine Noten vertieft, das Gemurmel des Publikums. Die jüngsten Schüler spielten zuerst. Früher hatte Henry über ihre Fehler gelacht; jetzt begriff er, wie grausam das gewesen war. Ein Mädchen verspielte sich ständig und kehrte in Tränen aufgelöst zurück. Ein anderes stockte, völlig ratlos, mitten in einer Chopin-Etüde und musste von ihrer Lehrerin gerettet werden. Als Nächstes war Henry dran.

Er hatte noch nie vor Publikum gespielt, und als Miss Friedhoffer ihre Einführung beendet hatte und er aus den Kulissen ins blendende Licht hinaustrat, erschreckte ihn der Applaus. Er verebbte, bevor Henry die Bank erreichte, nur noch seine Schritte waren zu hören. Im Dunkeln hustete jemand. In der Kirche konnte er sich hinter Pater McNulty und dem ganzen Pomp und Gepränge verstecken. Hier ruhten alle Blicke auf ihm.

Sein Notenheft raschelte, als er es auf den Ständer legte. Mechanisch richtete er sich auf und lokalisierte das eingestrichene C, lockerte die Ellbogen und Handgelenke und ließ die Hände über den Tasten schweben. Ihre Stimme im Kopf, zählte er, bevor er zu spielen begann.

Zu Hause hatte er es geschafft, nur mit ein paar kleinen Wacklern durch das ganze Stück zu gelangen, aber da hatte er das Metronom gehabt. Jetzt musste er allein den Takt halten, und auch wenn er und Miss Friedhoffer daran gearbeitet

Er widersprach nicht. Er wusste, dass es stimmte.

Sie selbst hatte weniger Glück, dennoch überreichte ihre Mutter ihnen beiden Rosen.

Anschließend fand in der Turnhalle ein Empfang mit Punsch und Keksen statt. Dort belohnte ihn, stellte er sich tagträumend vor, Miss Friedhoffer mit einem Kuss. Stattdessen überreichte sie ihm eine Urkunde und ein neues Heft, mit dem er im Lauf des Sommers üben sollte. Auf den Umschlag hatte sie in ihrer perfekten Handschrift seinen Namen geschrieben. Wochen später, als ihm der September noch unglaublich weit weg vorkam, zeichnete er die Schwünge mit dem Finger nach und erinnerte sich, wie ihre Hände seine geführt hatten.

Wieder schwor er sich zu üben, doch sobald die Ferien angefangen hatten, verbrachte er den ganzen Tag im Park. Im August waren sie in Chautauqua, wo es kein Klavier gab, und selbst Arlene geriet in Verzug. Er hatte sich damit abgefunden, Miss Friedhoffer zu enttäuschen, als ihm seine Mutter eine Woche vor Schulbeginn plötzlich sagte, er bekomme eine neue Lehrerin.

Miss Friedhoffer war nach Deutschland zurückgekehrt. Mehr als das wussten sie nicht.

Er würde in Zukunft bei Miss Segeti aus Ungarn Unterricht haben, in die er sich in seinem Kummer, unfreiwillig, ebenfalls verlieben sollte.

Auf der Highschool hatte er Flammen, die er zum Anbeten und Verzweifeln fand, und richtige Freundinnen, die ihn in schuldbeladene Wollust versetzten, doch Miss Friedhoffer vergaß er nie. Als seine Division im Krieg durch eine ausgebombte Kleinstadt im Elsass rumpelte, überrollten sie ein

Als er und Emily sich nach dem Krieg kennenlernten, spielte sie im Salon ihrer Studentinnenverbindung für ihn, und ihre Haltung und ihre schmalen Finger riefen ihm den stickigen Übungsraum und den Geruch von Kreidestaub ins Gedächtnis. Er kannte die Melodie aus Dutzenden von Konzerten.

«Mendelssohn», sagte er und setzte sich neben sie auf die Bank.

«Spielst du auch?»

«Eigentlich nicht. Als Kind hatte ich mal Unterricht.»

«Jetzt bist du dran.»

«Nein, das ist schon Jahre her.»

«Bitte. Mir zuliebe.»

Er ließ die Hände über den Tasten schweben und versuchte, sich das «Frühlingslied» ins Gedächtnis zu rufen. Nach ein paar Takten zerfaserte es. Er war überrascht, dass er sich überhaupt noch daran erinnerte.

«Nicht aufhören», sagte sie und setzte ein, wo er

Eines Morgens kurz nach dem Überfahren des Stoppschilds hockte er auf allen vieren in der Küche, den Kopf unters Spülbecken getaucht, und versuchte, den Fettfang abzumontieren, als plötzlich aus dem Radio im Wohnzimmer die vertrauten ersten Töne des Schumann-Stücks herüberdrangen. Er legte den Schraubenschlüssel hin, zog sich an der Küchentheke hoch und wollte es Emily erzählen, doch ihr Sessel war leer. Rufus, neben dem Kamin zusammengerollt, hob kurz den Kopf und ließ ihn dann wieder sinken.

Das Klavier stand in der Ecke, gekrönt vom alten Metronom seiner Mutter aus der Mellon Street. Weder Margaret noch Kenny hatten den Unterricht zu schätzen gewusst, und irgendwann hatte Emily die Streitereien mit den beiden sattgehabt. Zu Weihnachten hämmerten die Enkelkinder darauf herum, aber den Rest des Jahres stand es, abgesehen von Bettys Staubwischen alle vierzehn Tage, unbehelligt da.

Wie lange war es her, dass sie zusammen darauf gespielt hatten? Damals sangen sie immer Duette. Button up your overcoat, when the wind is free. Take good care of yourself, you belong to me. Auf ihren Partys versammelten sich alle um das Klavier und schmetterten alte Lieblingslieder. Das war vor Ewigkeiten, als die Kinder noch klein waren. Doch die Nachbarschaft hatte sich verändert. Gene Alford war tot, Don Miller und auch Doug Pickering. Von der alten Gang war er der letzte Überlebende.

Er hob den Deckel an und klappte ihn mit einem Klacken zurück, enthüllte die Tastatur, zog die Bank hervor und

«Mal sehen, was der alte Bursche noch so draufhat.»

Er streckte die verkrumpelten Finger, sammelte sich und spielte die ersten Takte. Immer noch da, nach all den Jahren. Ihm fiel noch mehr ein, und er spielte weiter, erstaunt über sein Gedächtnis. Miss Friedhoffer wäre stolz.

Mit dem Wäschekorb auf dem Weg nach unten, blieb Emily wie vom Blitz getroffen stehen, und beide drehten sich zu ihr um. «Was in aller Welt machst du da?»

«Üben», sagte er.