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Impressum

Die Originalausgabe erschien 2008 unter dem Titel «Monsters» bei Lonely Road Books, Forest Hill, MD.

 

Deutsche Erstausgabe

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Oktober 2014

Copyright © 2014 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

«Monsters» Copyright © 2008 by Stewart O’Nan

Alle deutschen Rechte vorbehalten

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages

Umschlaggestaltung any.way, Cordula Schmidt

Umsschlagabbildung plainpicture/Anna Quinn

Schrift DejaVu Copyright © 2003 by Bitstream, Inc. All Rights Reserved.

Bitstream Vera is a trademark of Bitstream, Inc.

Satz Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin

ISBN 978-3-644-04161-5

www.rowohlt.de

ISBN 978-3-644-04161-5

Für die Kirche würden sie Monster sein – Ungeheuer der Schwarzen Lagune. Mark wäre lieber Dracula gewesen, doch Pater Don sagte, die Rolle sei schon vergeben, und Derek überzeugte ihn, dass es so mehr Spaß machen würde. Man musste ein Kostüm tragen, das hinten einen Reißverschluss hatte, und einen Kopf aufsetzen, der wie ein Taucherhelm saß. Sie konnten die kleinen Kinder erschrecken und den Mädchen eine Gänsehaut machen. Niemand würde wissen, wer sie waren.

«Und allein ist es langweilig», sagte Derek. «Dann steht man bloß rum.»

«Ja», sagte Mark, auch weil er insgeheim Angst hatte, dort im Dunkeln allein zu sein. «Kriegen wir auch Reißzähne?»

«Brauchen wir nicht», sagte Derek. «Am Kopf sind schon welche dran.»

Das war Marks einziger Einwand. Derek hatte eben immer das Sagen, und das war auch in Ordnung so, denn Mark schämte sich wahnsinnig für seine Schüchternheit. Und außerdem wimmelte ihn Derek nie ab wie Peter. Peter war sein Bruder; er war nur zwei Jahre älter als Mark. Von Kindesbeinen an hatten sie immer zusammen gespielt, doch seit Peter im Herbst auf die Highschool gewechselt war, kam er nach der Schule kaum noch nach Hause. Wenn Mark das beim Abendessen ansprach, seufzte sein Vater bloß. «Warum gehst du nicht nach nebenan?», sagte er. «Dir und Derek fällt bestimmt was ein, was ihr machen könnt.»

Und so trieben die beiden allen möglichen Unfug. Es war ein Donnerstag, nach der Schule, und da es nichts zu tun gab, holte Derek sein Luftgewehr, und sie schossen abwechselnd sechs Limonadenflaschen von den alten Bahnschwellen, die Dereks Stiefvater hinterm Haus gestapelt hatte. Das Gewehr war so schwach, dass die Flaschen manchmal gar nicht umfielen, sondern bloß klirrten und schwankten.

Es war Dereks Idee, «Schießbude» zu spielen. Einer von ihnen musste sich hinter den Schwellen verstecken, und wenn er sich kurz zeigte, musste der andere ihn erwischen. Man durfte nur einmal pumpen, und sie hatten ja ihre Jacken an; nur wenn eine Kugel die nackte Haut traf, stach sie. Man kroch hinter den Schwellen herum, schnellte hoch, und der andere versuchte, einen abzuschießen.

Das machten sie zehn Minuten lang, aber es war langweilig. Schließlich kam Mark auf «Bewegliches Ziel». Man sprang auf und rannte und hechtete hinter die Schwellen. Das war noch langweiliger, weil keiner von beiden getroffen wurde.

Dann wollte Derek «Hinterhalt» spielen. Der Schütze versteckte sich irgendwo hinter den Holzspänen oder den Kieshaufen, und der andere sprang auf und warf Handgranaten – runde Steine, mit denen Dereks Stiefvater die von ihm gebauten kleinen Goldfischteiche einfasste.

Mark hatte das Gewehr. Er pumpte einmal, kauerte sich hinter eine scharfkantige Palette Ziegelsteine und wartete, bis Derek einen der Steine warf. Sie waren etwas kleiner als ein Baseball, und er hatte keine Lust, davon getroffen zu werden. Er spähte um die Ecke und sah, wie Derek auftauchte und die Granate wie ein Soldat in hohem Bogen warf – wie der Stein Dereks Hand verließ und auf ihn zugeflogen kam.

Er rechnete damit, dass Derek wegrennen würde, behielt aber die Granate im Blick, als könnte sie tatsächlich explodieren.

Später sollte er genug Zeit haben, darüber nachzudenken, wie unmöglich das alles war. Er sah, dass ihn der Stein verfehlen würde, deshalb kam er geduckt um die Ecke und schoss, ohne auch nur anzulegen. Aus der Hüfte, wie im Kino.

Er gab bloß diesen einzigen Schuss ab, aus der Hüfte.

Derek zuckte zusammen, krümmte sich und hielt beide Hände vors Gesicht.

Mark dachte, er simuliere bloß. Derek stand auf Sterbeszenen im Fernsehen, ließ sich in ihrem Spielzimmer auf den Teppich fallen, eine Hand aufs Herz gedrückt, während er seine letzten Worte hervorstieß und mit der anderen nach Marks Turnschuh griff. Doch nun plötzlich schrie er – schrill und laut und immer wieder – und eilte auf die Hintertür zu, die Hand immer noch vor dem Gesicht, als versuchte er, sein Auge in die Höhle zu drücken.

Mark ließ das Gewehr fallen, rannte zu ihm und marschierte neben ihm her. «Alles in Ordnung?»

«Nein.»

«Lass mal sehen.»