Sonja Rüther
FEUERTAUFE
Roman
Knaur eBooks
Sonja Rüther, 1975 in Hamburg geboren, schreibt am liebsten Spannung und Phantastik. 2011 eröffnete sie den Ideenreich-Kreativhof in Reindorf, wo sie regelmäßig zusammen mit anderen Autorinnen und Autoren Workshops und Kurse für professionelles Schreiben anbietet. Sonja Rüther lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Hamburg.
Lust auf mehr?
Im kostenlosen ebook »Neue Wege. Die Vorgeschichte zu Geistkrieger« erfahrt ihr mehr über die erste Begegnung zwischen Finnley und Taima und wie die beiden einander gefunden haben. »Neue Wege« kann als Zusatz oder auch als Einstieg in das Geistkrieger-Universum gelesen werden.
© 2021 Knaur Verlag
Ein Imprint der Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.
Redaktion: Catherine Beck
Frei nach einer Idee von Konrad Hollenstein.
Covergestaltung: Guter Punkt, München / Anke Koopmann
Coverabbildung: Collage Guter Punkt, München / Anke Koopmann unter Verwendung von Motiven von Shutterstock.com
Abbildung im Innenteil: Dasha Efremova / Shutterstock.com
ISBN 978-3-426-46143-3
Für Tom Petty
Rest in peace among the wildflowers
Até Uzuye: Ehrenvolle Anrede, großer Vater
Ina Uzuye: Ehrenvolle Anrede, große Mutter
Hah-ue: Hallo
Kanaston: Hauptstadt an der Ostküste, Sitz des obersten Ältestenrats
Powtanka: Der Name des Landes (USA)
Powtankanin: Einwohnerin Powtankas
Powtankane: Einwohner Powtankas
Seelenspiegel: Ein Talisman, um Schamanen vor der Astralwelt zu schützen
Tunkan wicasa: Steinmann
Wakan Tanka: Der große Geist
Waktana: Kinder mit besonderen Gaben
Wasicun: Mysteriöser Mensch, Ausdruck für Ausländer
Wicapi: Stern
Invasoren? Nein danke!
Im Jahre 860 kamen die Wikinger nach Powtanka und verbrachten mehrere Jahre in dem Land, dessen Ureinwohner naturverbundene Stämme waren, die in ihrer Entwicklung weit hinter den Wikingern zurückstanden. Licht traf auf Schatten, als die Männer mit ihren blonden Haaren zwischen den schwarzhaarigen Stammesmitgliedern saßen.
Der wohl bedeutendste Moment in der Geschichte dieser langen Freundschaft war die Nacht des Ältestenrats, die seither am 28. November als Nationalfeiertag zelebriert wird. In jener Nacht erzählten die Wikinger von anderen Ländern und Völkern, die irgendwann Schiffe bauen und ebenfalls über die Meere kommen würden.
Diese Warnung setzte ein Umdenken in Gang, und die benachbarten Stämme begruben das Kriegsbeil und dachten gemeinsam an die Zukunft. Friedensläufer wurden ausgesandt, um weiter ins Landesinnere vorzudringen. Jeder Läufer trug eine Wikingeraxt als Beweis für die Existenz der Fremden bei sich. Der Plan ging auf, und zwischen den Stämmen kehrte Frieden ein. Sie taten sich zusammen, um sich auf die drohenden Invasionen vorzubereiten. Viele Jahrhunderte lang.
Die Zeitzeugen der Begegnung mit den Wikingern waren lange tot, auch die Kinder und Kindeskinder. Einzig die blonden Haare in manchen der neuen Clans und einige weiterentwickelte Gerätschaften erinnerten noch an die Initialzündung, die dem powtankanischen Volk den technischen und taktischen Vorsprung geliefert hatte.
Als dann Christoph Kolumbus im Jahre 1492 dachte, er habe Indien entdeckt, wurden er und seine Männer verjagt, bevor sie auch nur einen Fuß auf das Land setzen konnten. Seine Erzählungen über die Schlagkraft der Indianer verbreitete sich von Italien nach Spanien, Großbritannien und Deutschland, und von dort in alle anderen westlichen Länder.
Auch wenn später Indien in Powtanka korrigiert wurde, hält sich der Ausdruck Indianer in Europa bis heute hartnäckig. Ebenso wie der Ehrgeiz des powtankanischen Volks, immer einen Schritt voraus zu sein. Technologisch wesentlich fortschrittlicher und in Symbiose mit der Natur, passt das powtankanische Volk stets auf seine Landesgrenzen auf und kann das tief verwurzelte Misstrauen gegenüber Fremden nur schwer ablegen.
Jedoch erreichte die Globalisierung auch dieses Land, und ein neuerliches Umdenken musste stattfinden. Neue Friedensläufer wurden ausgesandt, um Friedens- und Handelsabkommen mit den anderen Ländern zu schließen.
Und so ist das heutige Powtanka ein geöffnetes, aber kein offenes Land, in dem zwar jeder Schritt von Fremden bemerkt wird, aber auch eine stetige Annäherung stattfindet.
Kanaston ist die wichtigste Hauptstadt an der Ostküste. Dort befindet sich der Hauptsitz des obersten Ältestenrats, der über die Geschicke des Landes entscheidet. Und dort lebt seit Kurzem auch der Schotte Finnley Whittle.
Indianer sagt man hier nicht. Das sagen nur die ungebildeten Europäer mit ihren Geschichtsbüchern voller Lügen.«
»Du wirst die Bräuche lernen müssen, wenn du akzeptiert werden willst.«
»Musstest du wirklich all diesen Schrott mitnehmen?«
»Hör auf, die Spinnen zu erschlagen!«
Finnley lag im Bett und starrte an die Decke – an die runde Decke in dem runden Raum, weil Ecken und Kanten in powtankanischen Häusern bestmöglich vermieden wurden. Dennoch fiel ihm die runde Decke genauso auf den Kopf, wie es eine rechtwinklige getan hätte.
»Du bist schon wach?« Seine Verlobte gab ihm einen Kuss auf die Schulter und legte ihm eine Hand auf die Brust.
Sie drehte sich auf den Bauch, aktivierte mit einer Hand die Lichtader über dem Bett, die daraufhin in einem warmen Orange leuchtete, und sah ihn an. Taima störte sich nicht an den Tätowierungen in seinem Gesicht oder auf seinem Körper, die ihn aussehen ließen wie eine wandelnde Maschine. Ihr Blick wurde immer nur dann kritisch, wenn sie darüber nachdachte, wie andere ihn deswegen bewerteten – so wie jetzt.
»Wir müssen darüber reden, was passiert, wenn ich keinen Job finde.«
Sie verzog das Gesicht und drehte sich zurück auf den Rücken. »Waren wir uns nicht einig, dass wir frühestens in einem Monat anfangen, uns darüber Sorgen zu machen?«
»Da dachte ich ja auch noch, es würde leicht werden, irgendeine Anstellung zu bekommen. Aber ihr Indianer macht aus jeder Kleinigkeit eine große Sache. Nicht mal als Lagerist oder Türsteher bin ich gut genug.«
Dass sie sich hinsetzte und den Rücken durchdrückte, war Aussage genug.
»Entschuldige, ich meine natürlich Powtankaner«, korrigierte sich Finnley.
»Wie willst du einen Job finden, wenn du dir nicht mal die einfachsten Dinge merken kannst?«
»Ich verstehe nicht, warum ihr euch so darüber aufregt, wenn ich es falsch sage.« Ihm war einfach schleierhaft, was daran beleidigend sein sollte.
»Dann kann ich dich jetzt ja den Peruaner nennen.«
»Wie kommst du denn darauf?«
Taima wölbte eine Augenbraue und sah ihn von oben herab an. »Na, wenn ich damals gedacht hätte, ich fliege nach Peru, und wäre aus Versehen in Schottland gelandet, gäbe es mir nach europäischer Sicht wohl die Berechtigung, Schotten fortan Peruaner zu nennen.«
Für ihn war das was anderes. »Aber der Irrtum, von dem du sprichst, ist uralt. Kolumbus konnte nicht auf die nächste Infotafel gucken und seinen Fehler bemerken. Und nun hält sich der Ausdruck eben. Wenn du neunundzwanzig Jahre in Schottland gelebt hättest, könntest du das auch nicht so schnell aus dem Kopf kriegen. Die Schotten sagen nun mal Indianer.«
»Doch«, antwortete sie wütend. »Wenn ich an deiner Stelle wäre und wüsste, dass ich nach sechs Monaten wieder ausgewiesen werde, wenn ich weder einen Job habe noch mit einer Powtankanin verheiratet bin, würde ich eine Menge hinderliche Sachen aus meinem Kopf verbannen und die Lücken mit dem Wissen füllen, das ich hier brauche. Sprache besitzt Macht. Jedes Mal, wenn du ein ganzes Volk falsch benennst, verhältst du dich respektlos.«
Finnley setzte sich ebenfalls auf und rieb sich mit beiden Händen über die kurzen, stoppeligen Haare. »Ich bin aber nun mal nicht du, Taima. Mir fällt das alles nicht leicht. Meine Stärken liegen in anderen Bereichen, und das weißt du auch.«
Er fühlte ihre Hand auf seiner Schulter, dann einen Kuss auf seinem Nacken. »Du hast recht. Tut mir leid. Auch wenn wir wussten, dass meine Eltern es uns nicht leicht machen würden, wird der Druck immer schlimmer. Vielleicht hätten wir doch in Schottland bleiben sollen?«
»Um jeden Tag zu sehen, wie unwohl du dich dort fühlst? Taima, ich bereue keine Sekunde, mit dir hierhergezogen zu sein, und an meiner Begriffsstutzigkeit wird es nicht scheitern, versprochen. Nur lass mich endlich das tun, was ich am besten kann.« Er sah sie über die Schulter an. »Nur so lange, bis ich etwas anderes finde oder wir verheiratet sind. Du weißt, dass es funktionieren wird.«
Aber Taima schüttelte den Kopf. »Ich will nicht, dass du wieder als Personenschützer arbeitest. Du wärst ständig unterwegs, und ich müsste mir die ganze Zeit Sorgen machen. Diese Sache in Schottland geht mir nicht aus dem Sinn.« Dabei strich sie über die Narbe, die an seinem Rücken mitten durch die tätowierten Platinen und Kabel verlief.
»Mein Kunde und ich haben überlebt, weil ich der Beste in diesem Job bin.«
Mit einem ablehnenden Laut verließ sie das Bett und ging Richtung Bad. »Dein Kunde hatte danach Angst vor dir. Egal, wie dankbar er für seine Rettung war, ich werde nie vergessen, wie er dich angesehen hat.«
Finnley auch nicht. Nur dass er sich an den Grund dafür nicht erinnern konnte. Taima wusste nichts von seinen Blackouts, und das wollte er auch nicht ändern. Sie machte sich schon genug Sorgen. Ihr zu sagen, dass er immer wieder unter Panikattacken und Blackouts litt, würde nichts besser machen. Zudem war er seit einem halben Jahr anfallsfrei – vielleicht hatte er diese Störungen ja überstanden?
»Hat die Polizei nicht eine Art Ausländerquote, die bei Einstellungen berücksichtigt werden muss?« Er folgte seiner Verlobten ins Bad. »Ich könnte mich für den Streifendienst bewerben.«
Diese Idee schien ihr schon besser zu gefallen. »Oder den Innendienst. Mein Vater könnte ein gutes Wort für dich einlegen.«
Den Vorschlag abzulehnen, ergab keinen Sinn. Für Taima würde er sogar in den Innendienst gehen, immerhin hatte er für sie auch seine Heimat verlassen. Er stellte sich neben sie. Im Spiegel betrachtete er während des Zähneputzens das Bild, das sie zusammen ergaben. Die Schöne und die Maschine.
Womit auch immer er sich ihre Liebe verdient hatte, sie änderte sein Leben zum Guten – egal, wie umständlich dieser Weg auch verlief.
Das Licht des summenden Projektors flackerte in der rauchgeschwängerten Luft über den Köpfen der Studierenden. Im kreisrunden Hörsaal war außer der Stimme von Professor Atius Catori kaum etwas zu hören. Der Rauch kräuselte sich aus kleinen Kupferschalen zwischen den jungen Männern und Frauen, die im Schneidersitz auf Teppichen auf den kleinen Plateaus der ansteigenden Felswand saßen.
Die Hörsäle der Potomac-Universität profitierten von dem natürlichen Landschaftsbild nahe dem gleichnamigen Fluss, das keine gravierenden Eingriffe für die Errichtung der Lehrstätten notwendig gemacht hatte. In den Fels geschliffene Flächen boten links und rechts neben einer Treppe Platz für zweihundert Studierende.
An diesem Tag waren nur neunundfünfzig junge Frauen und Männer anwesend und lauschten schweigend den Ausführungen über die Historie Powtankas. In diesem Semester befanden sich unter den Studierenden nur sieben Wasicun – Nicht-Powtankaner.
Ganz oben am Aufgang stand ein altmodischer Projektor, der die passenden Bilder zu Catoris Ausführungen an die gegenüberliegende Wand warf. Gerade liefen die nachgestellten Bilder der Wikinger, die als erste Besucher in Powtanka an Land gegangen waren. Wie ein Riss verlief ein kleiner Schatten durchs Bild, weil das Licht des Projektors gegen eine Baumwurzel strahlte, die aus der Decke ragte. Catori unterrichtete am liebsten in diesem Hörsaal, in dem die modernere Technik kaum Einzug gehalten hatte. Keine beschichteten Felsflächen, die die Bilder direkt wiedergeben konnten, nur Lichtadern in traditionellen Runen und Formen an den Wänden und der Projektor, den man über eine kleine Fernbedienung steuern konnte. Mehr brauchte er nicht, um zu unterrichten.
Die erste Vorlesung des Semesters war immer die interessanteste. Er betrachtete die jungen Gesichter, die ihm erwartungsvoll entgegensahen. Manche hatten offenbar schon von seinem Ruf gehört, der strengste Dozent an dieser Uni zu sein. Vereinzelt erblickte er kleine Aufzeichnungsgeräte, die selbst seine Personenvorstellung mitgeschnitten hatten.
»Dies ist der denkwürdigste Moment in der Geschichte unseres Landes«, sagte er mit dunkler Stimme, die bis in den letzten Winkel klar und deutlich zu hören war. Die Mauern schluckten den störenden Hall dank einer dünnen Schicht aus gekalktem Lehm.
»Die Landung der Wikinger im Jahre 860 im Stammesgebiet der Pi’tow’ke. Wer weiß, was sie uns gebracht haben?« Er stellte nur während der ersten Vorlesung Fragen, um die Studierenden besser einzuschätzen. Seine Aufgabe war es, Wissen zu vermitteln, und nicht, sich mit dem Gestammel ungebildeter Kinder aufzuhalten.
Ein paar Hände reckten sich in die Höhe. Sogar ein Wasicun glaubte, die Antwort zu kennen. Catori atmete tief ein, sodass sich der schwarze Anzug über seiner breiten Brust spannte. Blaue Runen, die am Revers aufgestickt waren, zeichneten ihn als hochrangigen Dozenten und Mitglied des Universitätsrats aus. Darunter trug er ein dünnes Lederhemd. Sie sollten ruhig einen Moment ihre Arme in der Luft behalten. Gemächlich trat er hinter dem Pult hervor und ging auf die Treppe zu.
»Eigentlich müssten alle Hände oben sein.« Seine Stimme klang tadelnd, was weitere Studierende zu einer Meldung zwang. Mit einem zufriedenen Grinsen stieg er bis zum ersten Plateau hoch. »Sie da«, er deutete auf eine Powtankanin, die nach den Silberringen im Haar einem bedeutenden Clan angehören musste. Die Prägung konnte er von seiner Position aus nicht erkennen, aber mit der Zeit würde er alles Wissenswerte über die neuen Studierenden erfahren.
»Die Wikinger brachten uns den technischen Fortschritt und die Kunde, dass Krieger eines Tages übers Meer kommen würden, um uns unser Land zu entreißen«, antwortete sie selbstsicher.
Catori nickte und richtete die kleine Fernbedienung auf den Projektor. Mit einem Knopfdruck wechselten die Bilder und zeigten nun Fotos von alten Werkzeugen und den ersten befestigten Bauwerken.
»Das ist korrekt.« Langsam ging er weiter und sah sich um. Erfahrungsgemäß waren es die Wasicun, denen der Sinn für die Relevanz dieses Wissens fehlte. Sie waren auch die einzigen Studierenden, für die Geschichte ein Pflichtfach war, alle anderen belegten es freiwillig. »Ohne den Fortschritt, den sie unserem Volk brachten, wären wir 1492 unmöglich gegen Kolumbus und seine Armee gerüstet gewesen. Es ist erwiesen, dass grundlegende Entwicklungen ohne den Einfluss der Wikinger zu jenem Zeitpunkt niemals stattgefunden hätten. Aber das allein reichte nicht. Erst der Mut zum Frieden zwischen den Stämmen hat uns unsere Freiheit gesichert.«
Er strich sich die langen, von Grau durchzogenen Haare über die Schultern zurück, wobei die Perlenschnüre einer Adlerfeder hörbar aneinanderrieben. Trotz seines hohen Alters wirkte der Powtankane stark und Respekt gebietend, was er gern zu seinem Vorteil nutzte. Respektvolle Studierende waren aufmerksame Zuhörer – mit seiner Strenge tat er ihnen einen Gefallen.
»Man muss nur mal nach Europa blicken, um zu begreifen, welches Schicksal uns dadurch erspart geblieben ist.« Wieder ließ er die Bilder wechseln.
»Die Invasoren hätten sich dieses Land zu eigen gemacht, Wälder gerodet, Tiere ohne Bedarf geschlachtet und ihre nutzlosen Bauten rücksichtslos dicht an dicht zu Städten gedrängt.«
Fotos von europäischen Großstädten flimmerten über die Felswand. Die eng bebauten Stadtbilder ließen jegliche Natur vermissen. Dann folgten Fabriken, Abwasserrohre und tiefe Krater in der Erde. Ein missbilligendes Raunen ging durch den Saal. Die wenigen Wasicun zogen merklich die Köpfe ein, als würden sie im nächsten Moment zur Rede gestellt, warum ihre Völker so rücksichtslos mit ihren Lebensräumen umgingen.
»Die Industrienationen betreiben Raubbau, holen gedankenlos Kohle, Öl und Erz aus den Erdschichten und Gebirgen, reichern Uran für Atomenergie an und ersticken in dem radioaktiven Müll, den sie dadurch produzieren.« Er schweifte mal wieder ab. Jedes Mal nahm er sich vor, bei den Wurzeln der Landesgeschichte zu bleiben, aber der Ausblick, was aus dem Land geworden wäre, wenn die Wikinger nicht gekommen wären, sorgte immer wieder für diesen kleinen Ausflug in die fahrlässigen Lebensweisen der anderen Länder.
»Aber die Indianer haben die Atomenergie viel früher entdeckt«, erklang eine männliche Stimme von weiter oben.
Catori sah auf. Der Projektor blendete ihn ein wenig. Er erkannte einen Schwarzen, der sich mit seiner Körpersprache deutlich zu der eben getroffenen Aussage bekannte. Fast schon trotzig reckte er das Kinn.
»Das ist richtig«, sagte der Professor und stieg noch ein paar Stufen höher, um den jungen Mann besser erkennen zu können. »Und wissen Sie auch, warum die Indianer diese Energie im Gegensatz zu Ihrem Volk nicht mehr nutzen?«
Der Akzent sprach deutlich für eine französische Abstammung, Catori lief also keine Gefahr, versehentlich einen in Powtanka geborenen Schwarzen mit den anderen Wasicun in einen Topf zu werfen. Und dass der Kerl auch noch Indianer sagte, war grauenhaft ausländisch genug.
Der junge Mann zuckte die Schultern. »Keine Ahnung, wegen des Mülls?«
Ein paar kicherten leise. Verlegen rieb er sich über den Arm. Catori wusste schon jetzt, dass dieser Student keine leichte Zeit an der Uni haben würde. Er sprach schneller, als er zu denken in der Lage war.
»Wegen des Mülls?«, fragte er in die Runde. »Ist das so?«
Diesmal hoben sich sofort fast alle Hände. Er deutete auf den Powtankanen, der neben dem Wasicun saß. »Bitte laut und deutlich, alle wollen etwas davon haben.«
Der Kleidung nach eher ein flippiger Kerl, der sich wahrscheinlich auf die wilde Unizeit freute. Das dunkle Lederhemd stand weit offen, und Catori erkannte einen der Basalttalismane, die ältere Studenten gern mit dem Versprechen verkauften, er würde den Träger für Frauen interessanter machen. Bis zum Ende des ersten Semesters wäre sicher auch das Schwitzhüttendesaster ein fester Bestandteil seiner Erinnerungen, mit dem traditionell ein ausgewählter Frischling vorgeführt wurde. Er war der perfekte Kandidat dafür.
Überheblich machte sich der junge Mann etwas größer, um den Wasicun zu überragen. »Wegen Wakan Tanka.« Er grinste und fügte an seinen Sitznachbarn gerichtet hinzu: »Das ist das powtankanische Wort für den Großen Geist.«
Catori sah, wie der Wasicun die Zähne zusammenbiss. Wieder kicherten die Mitstudierenden, diesmal etwas lauter. Nicht-Einheimische lernten die Landessprache in der Regel sehr schnell. Sie war eine Mischung der unterschiedlichen Stammessprachen und Einflüsse der Eingewanderten, jedoch benutzten die wahren Eingeborenen je nach Region gern Wörter der alten Sprachen. Wer in dieser Region bestehen wollte, setzte sich besser mit den Gebräuchen und Sprachen der Lakota, Mohawk und Seminolen auseinander. Catori selbst verstand die Vorliebe für neue Wörter aus anderen Sprachen nicht. Das Wort »Universität« kam zum Beispiel aus dem Griechischen. Die Umbenennung sollte Weltoffenheit symbolisieren. Für ihn jedoch blieb dieser Ort Navajo Ólta, egal, wie andere ihn nannten.
»Ruhe jetzt«, herrschte er mit noch tieferer Stimme. Niemand sollte denken, dass seine Vorlesungen für kindische Diskriminierungen genutzt werden konnten.
»Fahren Sie fort.«
Der Powtankane wechselte wieder die Position und zeigte sich nicht mehr ganz so selbstsicher. »Der Große Geist sah den Fortschritt mit Skepsis und hat unseren Ahnen gezeigt, dass die Macht des Lebens größer ist als jede Technik. Es wurden Kinder mit besonderen Gaben geboren.«
Catori nickte zufrieden. »Ganz genau.« Er drehte sich wieder um, damit er von den weiter unten Sitzenden gesehen werden konnte. »Wenn die Industrieländer Mutter Natur nicht dermaßen zerstört hätten, wären ihnen ebensolche Kinder geboren worden, aber dafür fehlte ihr die Kraft. Wir konnten trotz des Fortschritts die Balance halten, aber durch die Atomenergie ist alles dramatisch in Gefahr geraten.« Langsam ging er ein paar Stufen hinab. »Die gesegneten Kinder besaßen Mächte, die uns das drohende Ungleichgewicht verdeutlichen sollten. Vielerorts entstand Chaos, weil Säuglinge Feuerhände bekamen, Jugendliche anderen ihren Willen aufzwingen konnten oder später Erwachsene mit diesen Gaben Einfluss auf die Wirtschaft oder Gesellschaft genommen haben.«
Eine blonde Studentin schrieb eifrig mit. Wahrscheinlich eine Mandan-Powtankanin. Er würde sie bevorzugt behandeln, wenn sie halbwegs schlau war, weil er die nordisch geprägten Völker sehr respektierte. Es freute ihn, eine von ihnen in seiner Vorlesung zu haben. »Wie heißen Sie?«, fragte er sie und blieb kurz stehen.
»Noya, Professor.«
Er nickte zufrieden. »Können Sie meinen Gedanken weiterführen, Noya?«
Selbstbewusst stand sie auf, damit alle sie sehen konnten. »Die Schamanen haben verstanden, was Wakan Tanka uns damit sagen wollte, und das große Umdenken fing an. Fotosynthese-Energie, Polymer- und Biopolymerwissenschaften, Solarenergie – das sind nur einige Beispiele dafür, womit wir das Gleichgewicht wiederhergestellt und die Technik der Natur untergeordnet haben. Und die verhängnisvollen Gaben sind aus den Kinderzimmern verschwunden.«
Mit einer Hand berührte er das Gestein eines Plateaus und strich leicht darüber. Überall an den Wänden glommen Lichtadern auf und leuchteten beständig. Die gewundenen, hellen Formen zeigten Runen und Schutzsymbole, die den Lichtquellen ein besonderes Aussehen verliehen. Dadurch entstand gerade genug Helligkeit, um die Gesichter der weiter hinten sitzenden Studierenden besser erkennen zu können, ohne dass die Bilder auf der Leinwand nicht mehr zu sehen waren.
»Sehr gut. Sie können sich wieder setzen.«
Er suchte nach den Wasicun, die in der Regel mit ihrem fremdländischen Aussehen sofort auffielen. Als sein Blick auf eine Chinesin traf, drückte er wieder auf die Fernbedienung, und das nächste Bild erschien. »Wir mussten uns einige Male gegen Besatzungsversuche durch kriegstreibende Länder zur Wehr setzen, und es war immer unser technologischer Vorsprung, der uns siegreich sein ließ. Das Blatt der Geschichte wendete sich, als die Ältestenräte beschlossen, Botschafter auszusenden, die Handelsabkommen mit den potenziellen Feinden aufbauen sollten. Ähnlich wie die Friedensläufer, die damals für eine Einigung zwischen den Stämmen gesorgt haben, sollten die Botschafter für Frieden zwischen den Ländern sorgen.« Er deutete auf die Aufnahme von Körben voller Gewürze und Stoffe. »Unsere Ahnen sind das Wagnis eingegangen, die Tore zu unserem Land für Fremde zu öffnen. Mit China wurden die ersten Handelsverträge und Friedensabkommen geschlossen.«
Noya wollte eine Hand heben, aber Catori winkte ab. Dies war nicht der richtige Zeitpunkt, um ins Detail zu gehen. »Im Laufe dieses Semesters werden wir jedes geschichtliche Ereignis genau unter die Lupe nehmen, und zu diesem kommen wir noch ganz ausführlich.«
Er vollführte eine schwungvolle Geste, die seine Studierenden in den Fokus nahm. »An dieser Stelle möchte ich Ihnen nur sagen, dass dieses Vorhaben gelungen ist und jene Entscheidung uns mit kulturellem Reichtum beschenkt hat.« Er drückte auf den Knopf, damit das Foto mit den Orangenbäumen erschien. »Neue Pflanzen, Gewürze und andere Waren kamen zusammen mit den Fremden zu uns. Und wie wir tagtäglich feststellen, auch ihre unterschiedlichen Sprachen. Selbst heute noch werden Begriffe gegen ausländische Wörter ausgetauscht, weil sie sich sprachgebräuchlich durchgesetzt haben. Auch das ist Fortschritt.«
Keiner, den er schätzte, aber seine persönliche Meinung hatte hier nichts zu suchen.
Er ging wieder zum Pult zurück, der Teppich dämpfte seine Schritte, und nahm eine Friedenspfeife aus einem kleinen Fach.
Er hielt sie kurz hoch, damit alle sie sehen konnten. Es war eine kleine Variante mit kunstvollen Schnitzereien im hellen Holz und kleinen Adlerfedern, die knapp vor dem Pfeifenkopf an dünnen roten Lederbändern hingen. »Sie alle wissen, was das symbolisiert.« Vorsichtig legte er sie auf das Pult und trat ein paar Schritte vor. »Ich möchte, dass jeder von Ihnen –« Ein stechender Schmerz in der rechten Hand ließ ihn jäh verstummen. Die Fernbedienung entglitt ihm und traf neben der Teppichkante auf den nackten Fels. Ein Splitter sprang aus dem Gehäuse und rutschte bis zum ersten Plateau. Catori sah einen kleinen Blutstropfen aus einem winzigen Loch in seiner Hand dringen, dann noch einen dicht daneben aus einer weiteren Wunde.
»Was …?«
Die Blicke waren auf ihn gerichtet, die Studierenden warteten darauf, dass er weitersprach. Der Professor sah sich um. Kein Tier, kein Insekt war zu sehen – nichts, was diese kleinen Stiche hätte verursachen können.
Die Stellen begannen zu brennen. Schweiß rann ihm aus den Poren, ihm wurde kalt, dann wieder heiß, als füllten sich seine Adern mit scheuerndem Sand, der bis in seinen Kopf gedrückt wurde.
»Professor?«
Die ersten Studierenden erhoben sich unschlüssig.
»Ich möchte, dass Sie …«, wollte er wieder ansetzen, als sich brutal ein Riss quer durch sein Gesicht grub. Blut spritzte aus einer klaffenden Wunde, und Catori wurde mit Wucht gegen das Pult geschleudert. Instinktiv fasste er sich ins Gesicht, die Schmerzen waren unerträglich, sein linkes Auge platzte auf, und er brüllte entsetzt, als der gallertartige Glaskörper durch seine Finger rann.
Er hörte die Studierenden panisch durcheinanderschreien.
Dann riss ihm ein weiterer Hieb Knochen und Fleischstücke samt Teilen seines Anzugs vom Brustkorb. Er versuchte zu schreien, aber das Blut erstickte seine Stimme und floss unaufhaltsam in die verletzte Lunge. Das verbliebene Auge aufreißend, versuchte er, seinen Angreifer zu erkennen. Er konnte kaum die Fäuste heben.
Würgend und hustend rang er verzweifelt um Atem, stolperte rückwärts gegen das Pult, der nächste Hieb warf ihn zu Boden. Da war niemand, gegen den er sich wehren konnte.
Aus weiter Entfernung hörte er die jungen Leute schreiend weglaufen.
Die Bewegungen des Professors erstarben, als ein mörderischer Druck auf seinem Brustkorb entstand. Weitere Rippen brachen unter der Last, dann schlug etwas in seinen Torso ein und riss ihm das Leben aus dem Leib. Übrig blieb ein großes Loch, wo zuvor das Zentrum seiner Stärke gesessen hatte: sein Herz.