Luise Rinser
Baustelle
Eine Art Tagebuch 1967–1970
FISCHER Digital
Luise Rinser, 1911 in Pitzling in Oberbayern geboren, war eine der meistgelesenen und bedeutendsten deutschen Autorinnen nicht nur der Nachkriegszeit. Ihr erstes Buch, ›Die gläsernen Ringe‹, erschien 1941 bei S. Fischer. 1946 folgte ›Gefängnistagebuch‹, 1948 die Erzählung ›Jan Lobel aus Warschau‹. Danach die beiden Nina-Romane ›Mitte des Lebens‹ und ›Abenteuer der Tugend‹. Waches und aktives Interesse an menschlichen Schicksalen wie an politischen Ereignissen prägen vor allem ihre Tagebuchaufzeichnungen. 1981 erschien der erste Band der Autobiographie, ›Den Wolf umarmen‹. Spätere Romane: ›Der schwarze Esel‹ (1974), ›Mirjam‹ (1983), ›Silberschuld‹ (1987) und ›Abaelards Liebe‹ (1991). Der zweite Band der Autobiographie, ›Saturn auf der Sonne‹, erschien 1994. Luise Rinser erhielt zahlreiche Preise. Sie ist 2002 in München gestorben.
In vielen Geschichten, in Betrachtung und Anekdote, Sentenz und Polemik schildert Luise Rinser Natur und Menschen, Wirklichkeit und Traum, Erlebtes und Gelesenes. Und hinter all den kleinen Beobachtungen und Ereignissen stellt sie immer wieder die Frage nach den Elementen des Daseins, nach Gott und der Welt.
Dieses E-Book ist der unveränderte digitale Reprint einer älteren Ausgabe.
Erschienen bei FISCHER Digital
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ISBN dieser E-Book-Ausgabe: 978-3-10-561275-0
Für
L.D.
In meiner Jugend habe ich Tagebuch geführt, dann (abgesehen von meinen Aufzeichnungen aus dem Gefängnis 1944) nicht mehr. Nach dem Kriege habe ich wieder damit begonnen. Meine Tagebücher sind Kalenderchen. Ein Blatt sieht beispielsweise so aus:
Daneben gibt es eine Menge loser Blätter und Blättchen mit Einfällen, Beobachtungen, Porträts von Menschen und Landschaften, erlebten und gehörten Geschichten, alles in Stichworten und meist in Stenogramm.
Von Zeit zu Zeit räume ich unter meinen Papieren auf und werfe vieles weg, denn es hat seinen Dienst getan: indem ich aufschrieb, was mich bewegte, erzürnte, leiden machte, zum Widerspruch trieb, habe ich es durchdacht und in meine Welt eingefügt.
Als ich, 1968, wieder dabei war, Geschriebenes zu verbrennen, kam mir der Gedanke, es sei besser, meine Aufzeichnungen zu veröffentlichen, nicht weil ich ihnen einen literarischen Wert zuspräche, auch nicht, weil (was ich allerdings jetzt denke) es für spätere Generationen von einigem Interesse sein könnte zu erfahren, wie ein Mensch des 20. Jahrhunderts sich verhielt angesichts und inmitten der durchgängigen Revolution, die ein neues Zeitalter einleitet. Ich dachte an etwas Näherliegendes, nämlich: vielleicht kann es einigen Zeitgenossen nützlich sein zu sehen, wie sich jemand herumschlägt mit den politischen, gesellschaftskritischen, theologischen, religiösen und menschlichen Fragen, die uns alle bedrängen. Dabei, so will mir scheinen, könnte es interessieren, daß diese »Notizen zur Zeit« von einem Menschen stammen, der weder alt und abgeklärt genug ist, um nur kühl registrierender Beobachter zu sein, noch aber auch so jung und naiv, daß er sich mit allem Neuen identifizierte, nur weil es neu ist, der aber dennoch grundsätzlich, bewußt, entschieden sich auf die Seite jener schlägt, die man »Rebellen« nennt, weil er fest daran glaubt, daß Gott ein Gott der Lebendigen ist und immer dort zu finden, wo Gefahr ist und Neues entstehen will.
Um meine stichwortartigen Notizen veröffentlichen zu können, mußte ich sie ausarbeiten. Dadurch verloren sie an Ursprünglichkeit, Härte, Leidenschaft. Ich las kürzlich wieder das Tagebuch der brasilianischen Negerin Carolina und dachte dabei, daß das bloße Notieren von Fakten heute die richtige Art von Tagebuchschreiben sei. Aber das hat seine Schwierigkeit. Hätte ich zwischen 1942 und 1944 ein Tagebuch geführt, so gliche es in der Form und auch im Inhalt dem der Negerfrau Carolina. Es hätte so ausgesehen:
8. Juli 43. Um fünf Uhr aufgestanden, im Garten gearbeitet, dann Kinder gewaschen, Frühstück gemacht, kein Zucker, keine Butter, nur etwas Marmelade. Nachmittag hamstern, weitabgelegene Höfe, heimgebracht nach vier Stunden: ein Pfund Roggenmehl, zwei Eier, ein großes Stück Brot, einen halben Liter Magermilch.
5. März 44. Um 6 Uhr aufgestanden, mit Rad ins Dorf gefahren, Kinder auf dem Leiterwägelchen, ans Rad gebunden, mitgenommen, im Dorf um Fisch angestanden. Da ich beinahe an der Reihe bin, gibt es keinen mehr. Dafür von Tante Marie ein halbes Pfund Butter bekommen. Große Freude.
3. Mai 44. Tiefflieger schießt auf die Wiese, auf der die Kinder spielen. Niemand getroffen. Amerikaner. Scham und Wut.
Heute haben wir andere Nöte, solche, die nicht mit so wenigen, so eindeutigen Worten darzustellen sind. Es ist leicht zu sagen: »Ich habe Hunger, ich habe kein Brot.« Aber um auszudrücken, daß man zwar selber Brot habe, um den eigenen Hunger und den seiner Kinder zu stillen, daß aber dieses Brot im Magen drückt, weil man mit jedem Bissen Brot den Tod eines verhungerten Kindes irgendwo in der Welt mitißt, dazu bedarf es vieler Worte und einer sprachlichen Anstrengung, die schon eine literarische ist, und die gerade in einem solchen Falle unangemessen erscheint. Nun: das ist eben wie es ist, es soll hingenommen und nicht für wichtig gehalten werden, weder dort, wo etwas literarisch gelungen ist noch dort, wo es nicht gelungen ist.
Was mich hinsichtlich der Veröffentlichung mehr stört, sind Überlegungen wie diese: daß manches, vor zwei, drei Jahren aktuell, heute von anderen Problemen überholt ist; daß ich selbst inzwischen viel Neues gelernt, viele Barrikaden übersprungen, viel radikalere Meinungen gewonnen habe; daß vieles, was mein eigener Einfall war, inzwischen von anderen besser gesagt wurde; daß ich gewisse Vorfälle, die sachliche, allgemeinere Wichtigkeit hatten und haben, nicht mehr anrühren will, weil sie mir schon genug Ärger eingebracht haben (meine öffentlichen Proteste gegen politische und kirchliche Mißstände); daß ich von wichtigen Personen nicht reden kann aus Gründen der Diskretion, und daß ich, wo ich es doch tat, dadurch, daß ich ihre Namen fälschte und Details veränderte, jenen Personen nicht gerecht wurde. Vor allem stört mich der Gedanke, man könne glauben, es gehe mir um eine Darstellung meiner Person.
Aber auch mit dieser Möglichkeit habe ich mich im vorhinein schließlich abgefunden. So bin ich also jetzt, vor der Veröffentlichung meiner Tagebuchblätter, im Stande einer relativen, einer »zweiten« Unbefangenheit, die es mir erlaubt, sogar einige jener Blätter wieder einzufügen, die ich schon ausgeschieden hatte, weil sie mir zu privat erschienen.
Der Titel »Baustelle« ist ein Bekenntnis oder auch ein Programm. Auf einer Baustelle liegt Material herum. Um daraus ein Haus zu bauen, bedarf es eines Planes. Aber eben einen Plan habe ich nicht.
Ich brauche keinen, denn ich will gar kein Haus bauen. Ich habe zu viele Erdbeben miterlebt, um weiterhin Sicherheit in einem festen Haus zu suchen. Ich schlafe unter freiem Himmel besser. Da ich aber nicht immer mutig bin, baue ich mir bisweilen einen provisorischen Unterschlupf. Es stört mich nicht allzu sehr, daß er nicht ewigkeitsfest ist, aber ich verlasse ihn jeweils ungern, denn es ist unbequem, Nomade zu sein. Es ist beschwerlich, von Widerspruch zu Widerspruch gejagt zu werden und keine der alten, der »absoluten« Ordnungen wiederzufinden. Aber ich möchte dennoch weiter auf den Baustellen wohnen.
Gespräch mit einem Kind (München). Ich habe nachts lang gearbeitet, am Morgen wieder, ich lege mich mittags hin, bin eben eingeschlafen, da klingelt es unten an der Haustüre. Ich fahre hoch, drücke den elektrischen Öffner. Wer kommt, ist ein Kind, ein Mädchen, etwa fünfjährig.
Was willst du denn?
Dich besuchen.
Kennst du mich denn?
Nein.
Wie kannst du mich dann besuchen wollen? (Zu schwere Frage.)
Ich will dich eben besuchen.
Na schön. Komm rein. Setz dich hin.
Ist das dein Büro?
So was Ähnliches, ja.
(Sie steht auf, geht herum, faßt alles an.) Schön ist es bei dir. Da ziehen wir ein.
Wer?
Die Mutti und ich.
Aber da wohne doch ich. Da kannst du nicht einziehen.
Wenn du mal ausziehst, ziehen wir ein.
Sag mal: warum hast du gerade bei mir geläutet und nicht anderswo?
Weil ich zu dir will.
Ja hast du denn gewußt, wo ich wohne?
Ja.
Hast du mich schon mal gesehen?
(Keine Antwort.)
Hat dich wer zu mir geschickt?
Nein.
Gehst du einfach so allein spazieren?
Immer.
Und deine Mutti?
Die schickt mich fort.
Warum?
Weiß nicht.
Hast du die Mutti lieb?
Ja.
Und die Mutti, hat dich die lieb?
(Keine Antwort. Ich stelle die Frage noch zweimal. Keine Antwort. Keine Reaktion. Die Frage wird nicht gehört.)
Hast du Geschwister?
Nein.
Einen Vati?
Zwei Vatis.
Einen Vati und einen Großvati?
Nein: zwei Vatis.
Einer ist der richtige Vati, wie?
Nein, alle zwei sind die richtigen Vatis.
Und sie sind immer bei der Mutti?
Nein. Einmal der, einmal der andere.
Hast du bloß zwei Vatis?
Richtige bloß zwei. Die anderen sind keine Vatis.
Und wenn ein Vati kommt, schickt dich die Mutti fort?
(Nicken.)
Und da gehst du dann spazieren. Und wenn es dich nicht mehr freut, gehst du dann heim?
Ich muß warten, bis die Mutti aufmacht.
Und wenn es kalt ist?
Mich friert nicht. Ich hab warme Schuh und warme Kleider (trotzig): ich bin gern draußen.
Jetzt muß ich wieder arbeiten. Gehst du wieder?
Ja.
(Sie stopft alle Pralinen, die ich ihr gebe, hintereinander, oder besser: fast gleichzeitig, in den Mund, gierig, als hätte sie Angst, daß jemand sie ihr wegnähme.)
Heimfahrt von Teraccina auf der Appia Nuova. Es regnet. Auf der Höhe von Latina am Straßenrand, halb im Graben, ein Fiat 500, daneben im nassen Gras sitzend ein Mann. Er preßt ein Tuch auf die Stirn. Ich vermute einen Unfall, halte und frage. Kein Unfall, nur: der uralte Fiat kann nicht mehr; der Mann, bei dem Versuch, ihn zu reparieren, hat sich am rostigen Blech der Kühlerhaube die Stirn geritzt. Das Tuch auf der Wunde ist ein schmutziges Taschentuch. Ich gebe ihm ein sauberes, er nimmt es ohne Umstände. Was jetzt tun mit Mann und Fiat? Ich schleppe den Fiat ab nach Latina zu einer Werkstatt. Der Wagen wird untersucht. Bedauerndes Achselzucken. »Schrott.« Ein kurzer Handel. Man drückt dem Mann ein paar Geldscheine in die Hand, er steckt sie in die Hosentasche. Was nun? Er will nach Rom. Ich nehme ihn mit. Ich habe ihn mir schon vorher angesehen. Er ist groß, mager, schlecht rasiert, abgerissen, arm; seine Hände, mit denen er einen unordentlich verschnürten Karton auf den Knien hält, sind schmutzig, haben abgebrochene Nägel, sind aber lang und wohlgeformt. Er spricht nicht Dialekt, sondern reines Italienisch. Arbeiter ist der nicht, Bauer auch nicht, kleiner Geschäftsmann ausgeschlossen, Beamter nein, aber was dann. Ein verarmter Aristokrat, heruntergekommen, aber seiner Nobilität nicht verlustig – das ist die Formel, die noch am ehesten auf ihn paßt.
Wir schweigen. Ich fahre. Es regnet. Später frage ich ihn, wohin in Rom er wolle. Er sagt: Zum Vatikan. Ich will wissen, wo im Vatikanbereich ich ihn absetzen soll. Irgendwo, antwortet er. Ich sage: Wenn ich weiß, zu wem Sie wollen, kann ich Sie möglichst nahe hinbringen. Er sagt: Zum Papst. Ich lache ein wenig. Er hat gescherzt. Ich sage: Sie sind beim Papst erwartet? Da er nicht antwortet, wende ich mich ihm zu. Er schaut starr geradeaus und schweigt. So sieht man nicht aus, wenn man scherzt. Aber als puren Ernst kann ich seine Antwort doch auch nicht nehmen. Ich suche eine Spur. Ich frage: Woher kommen Sie? Er löst eine Hand von dem Karton und deutet mit ihr über seine Schulter zurück. Ich versuche es mit einer anderen Frage: Sie wollen wahrscheinlich zu einer Papst-Audienz?
Seine Antwort: eine Handbewegung, so eine, mit der man etwas der Lächerlichkeit preisgibt.
Eine dritte Frage, zögernd gestellt: Sie wollen mit dem Papst sprechen?
Die Antwort kommt sofort und mit Schärfe: Das will ich.
Jetzt meine ich, die Spur zu haben: Sie kommen aus Calabrien? Aus einem der armen Orte dort?
Daß er nicht antwortet, nehme ich als Ja. Aber, sage ich, da müssen Sie nicht zum Papst gehen, sondern zur Caritas. Wissen Sie, wo die ist? In der Nähe von San Paolo fuori le mura. Gehen Sie zu Monsignore Carlo Bayer, sagen Sie ihm …
Er unterbricht mich mit seiner leisen Stimme, die ich nur deshalb verstehen kann bei dem Motorgeräusch, weil sie eine gewisse Schärfe hat: Almosen? Nein. Man hat uns von dort schon einmal Kleiderpakete geschickt. Meine Armen haben sie verbrannt.
»Meine Armen«? Wer sind Sie?
Ein Mann von dort.
Und was, bitte, erwarten Sie vom Vatikan, wenn keine »Almosen«, wie Sie es nennen?
Verständnis.
Verständnis wofür?
Er antwortet längere Zeit nicht. Ich fahre. Plötzlich sagt er: Du sollst nicht stehlen. Vorige Woche haben wir eine Straßenbarriere gebaut. Immer freitags kommt ein Lastauto mit Lebensmitteln bei uns durch. Es kommt nicht zu uns, es fährt durch nach Santo Stefano zum Kloster der Franziskaner. Wir haben dem Fahrer, als er die Barriere abbaute, Pfeffer in die Augen gestreut und das Lastauto ausgeräumt. Dann haben wir ihn mit dem leeren Wagen zurückgefahren und ihn irgendwo stehenlassen. Er wird sich hüten, zu sagen, in welchem Dorf ihm das passiert ist.
Warum? frage ich. Ist es wegen der Mafia?
Er antwortet nicht. Er fährt fort: Du sollst Vater und Mutter ehren. Wir können es nicht erwarten, bis so ein Alter stirbt. Je früher einer stirbt und je mehr sterben, desto mehr Brot bleibt für die anderen. Du sollst nicht huren und ehebrechen. Sie haben kein anderes Vergnügen. Die Kinder sterben früh und leicht. Die Madonna versteht und verzeiht alles. Die Madonna tröstet. Die Taufe ist ein Fest, die Erstkommunion, die Hochzeit, die Beerdigung. Das ist ihre Religion. (Jetzt sagt er »sie« und nicht mehr »wir«.)
Und das, frage ich, wollen Sie dem Papst erzählen?
Ja. Das. Und anderes.
Zum Beispiel, was noch?
Auch bei uns unten weiß man, daß die Kirche reich ist. Daß die Hälfte der Aktien des Banco di Roma dem Vatikan gehört. Daß der Vatikan Groß-Spekulationen macht. Daß der Vatikan niemals jemandem Rechenschaft ablegt über das, was er mit dem Geld tut. Beispielsweise das. Daß die Kirche korrupt ist wie der Staat.
Nein, sage ich leise.
Er redet weiter: Was hat das Konzil gekostet?
Ich weiß es nicht.
Für das Geld hätte man in Calabrien eine Industrie aufbauen können, die uns gerettet hätte. Das Konzil, das rettet uns nicht.
Jetzt sage ich erbittert: Sie machen es sich einfach. Als ob die Kirche zuständig wäre für Realpolitik.
Nein? fragt er, nein? Wofür denn? Für das ewige Heil der Seelen? Das Heil der Seelen hängt am Brot.
Das ist nicht wahr, rufe ich. So wie Sie es sagen, ist es einfach nicht wahr. Haben Sie je erlebt, daß Menschen besser werden, wenn sie satt sind und ein Bankkonto haben? Na also. Wenn die Armen stehlen und huren, tun sie’s aus Notwehr. Wenn’s die Wohlhabenden tun, tun sie es aus Schlechtigkeit.
Jetzt wird er zornig. Das ist Demagogie, schreit er.
Ich sage ebenfalls zornig: Das ist nichts als Erfahrung. Und Sie wissen das so gut wie ich.
Jetzt schweigt er. Ich weiß, was er denkt. Darum sage ich: Natürlich meine ich nicht, die Armen sollten arm bleiben. Zum Teufel: nein. Ich meine nur, daß Sie nicht den Papst und die Kirche verantwortlich machen können für die Armut der Welt. Warum gehen Sie nicht zu Ihrer Regierung? Wofür gibt es denn die Organisationen für die Förderung der unterentwickelten Länder?
Er schneidet mir das Wort ab: Sie sind Deutsche, ich habe Ihr Nummernschild gesehen. Ihre Regierung hat dem Schah von Persien Geld gegeben für sein armes Land. Der Schah hat in Frankreich eine gläserne Badewanne gekauft, juwelenbesetzt. In Afrika verhungern die Kinder in Massen, und die Politiker fahren riesige Autos, gekauft vom Geld, das Europa den armen Völkern schickt. Und die reichen Völker werden dadurch noch reicher, weil sie nur die Lebensmittel abschieben, die ihr Preisniveau senken würden. Und die braven Leute in aller Welt spenden Geld, und das Geld kommt nie zu den Armen in den armen Ländern, sondern wird unterwegs vom Verwaltungsapparat aufgebraucht.
Plötzlich lacht er laut und scharf. Ist das nicht komisch? ruft er dazwischen. Ist das nicht zum Schreien komisch?
Jetzt sehe ich, daß ihm Tränen über das Gesicht rinnen. Er lacht nicht mehr. Ich sage nichts. Ich fahre und fahre. Kurz vor Rom bittet er mich, zu halten und zu warten. Er schnürt seinen Pappkarton auf und zieht etwas Schwarzes heraus. Eine Soutane, schäbig, geflickt. Hinter einem Gebüsch zieht er sich um. Jetzt sieht man erst, wie mager er ist. Er verstaut seine Ziviljacke im Karton, schnürt ihn zu mit seinen langen Fingern, hält ihn wieder auf den Knien. Am Ende der Via Conciliazione will er aussteigen. Dann geht er über den riesigen Platz geradewegs auf die Bronzepforte zu. Ich fahre ihm langsam nach. Ich sehe ihn lange vor den beiden uniformierten Schweizern stehen. Sie versperren ihm mit ihren gekreuzten mittelalterlichen Hellebarden den Weg. Aber schließlich treten sie zur Seite. Ich warte lange. Wenn sie ihn einfach vor die Tür setzen, nehme ich ihn mit mir und zu Carlo Bayer. Aber er kommt nicht zurück. Vielleicht hat man sich seiner erbarmt. Zumindest, so hoffe ich, hat man ihn zum Essen eingeladen. Den Papst, den hat er nicht gesehen, nicht gesprochen. Armer Priester. Armer Papst.
1970: Heute sehe ich den Zusammenhang zwischen Kirche und Kapital realistischer, zuungunsten der Kirche.
Von Zeit zu Zeit fällt an windstillen Sommer-Spätnachmittagen eine Horde Schwalben (eigentlich Mauersegler) in meinen Garten ein. Ich weiß schon, daß man bei Vögeln nicht von Horden redet, sondern von Scharen oder Zügen oder Schwärmen, aber das hier sind Horden, und zwar Horden von tollgewordenen Schwalben. Ihre Tollheit liegt nicht nur darin, daß sie, obgleich der Garten groß genug ist, ausgerechnet vor meinem Schreibtischfenster ihre irren Sturz- und Gleitflüge und ihre aberwitzigen Polonäsen vornehmen. Ich sehe nicht ein, wieso und warum, denn die Insekten, die sie suchen (es ist Jungvogel-Fütterzeit) sind gerade hier am rarsten, warum gehen sie nicht ans Wasserbecken, dort sind die kleinen Mücken, nach denen sollen sie jagen, dort und nicht hier. Aber nein: sie haben es auf mein Haus abgesehen. Hin und her, her und hin, in scharfen Stößen aufeinander zu, einander ums Haar aufspießend oder seitlich sich beinahe rammend, und dann doch lautlos aneinander vorbeigleitend, streng voneinander weg, um augenblicks auf die je nächste loszustoßen, und wieder die knapp unfallfreie stumme Begegnung, und dann ein scharfes Herumwerfen in die andere Richtung, das gleiche Manöver, und dies von vierzig, fünfzig Schwalben ausgeführt, miteinander, gegeneinander, unermüdlich, zwei Stunden lang und länger, die einen hin und die andern her, das hat etwas Manisches, das ist Besessenheit.
Aber das eigentlich Tolle ereignet sich, wenn ich aus dem Haus trete und sie mich bemerken: da wechseln sie augenblicks das Revier und wählen mich, ich weiß nicht als was, vielleicht als Jagdrivalen oder als Raubzug-Störer oder als mutmaßlichen Beute-Träger, wer weiß. Bleibe ich stehen, so führen sie ihre besessenen Tanzbegegnungen in etwa einem Meter Entfernung von mir auf. Mache ich einen Schritt vorwärts, so fliegen sie mir dicht am Gesicht vorbei, manchmal bleibt eine sogar flügelschwirrend (was gar nicht Schwalbenart ist) stehen, ehe sie wegstößt, und dieses Her und Hin so dicht vor den Augen blendet wie grelle Blitze. Einmal streifte eine mit der Spitze ihres gebogenen Flügels mein Ohr; es fühlte sich gar nicht vogelleicht zärtlich an, es erinnerte mich an den unerwarteten Schmerz, als mir eine an sich dünne und weiche, aber rasch rotierende Pappscheibe eine Schnittwunde am Finger beibrachte. Dieses pfeilschnelle stumme besessen-geschäftige Geflitze mir so dicht vor den Augen, und diese nicht zu verscheuchenden kompakten Schatten – darin liegt etwas Absichtliches, Absichtlich-Verwirrendes, Angreiferisches, Magisch-Feindseliges. Dreihundert (oder weniger) solcher zu Harpyien gewordenen Schwalben, sie könnten einen in den Wahnsinn treiben. Tod durch Schwalben – auch eine Todesart. Surrealistisches Bild: ein Mensch, nicht zur Salzsäule geworden, sondern von Schwalben über und über bedeckt wie von klebenden Schuppen, Schwalben eingekrallt in Arme und Beine, Brust und Rücken, Schwalben nistend im Haar und in den Achselhöhlen und Kniekehlen, auf jedem Zeh eine Schwalbe festgehakt, zwischen den Fingern Schwalben eingezwängt, Augen, Nase, Mund bedeckt von Schwalbenflügeln, der Erdboden so zugedeckt von hockenden Schwalben, daß man darin waten müßte, und die Luft schwarz vom Schwalbengetümmel, und darin langsam ersticken …
August 67: Die Traurigkeit hält an. Es ist jetzt wirklich schwer zu leben. Es ist so heiß. Seit sechs Wochen Hitze, Sonne, kein Regen. Am Morgen bisweilen Gewölk, aber: »Wie Morgengewölke ist deine Treue, Israel«… die Wolken lösen sich auf. »Il sole leone« triumphiert mit der strahlenden Brutalität eines glatzköpfigen römischen Feldherrn. Hinter ihm schleppt sich das Fußvolk im Staub voran. Der Staub, überall ist er, auf den Tischen, den Büchern, dem Gras, den Blättern. In meinem Arbeitszimmer lasse ich Tag und Nacht das große Schiebefenster offen, schließe nachts nur das Gitter davor. Da weht nun ungehindert herein, was will: dürres Laub, kleine tote Schmetterlinge, Rosenblätter, und Staub, Staub. Ich bilde mir schon ein, Staub zu essen. Und die Waldbrände. Neulich brannte es bei René H. drüben, es brannte bis an sein Haus, er hat selber dort gelöscht, bis die Feuerwehr kam. Gestern der Brand hinter dem Monte Cavo. Nachts zwei Uhr das Tuten der Feuerwehrautos. Wieder irgendwo ein Waldbrand. Man sagt, es seien gelegte Brände. Junge Leute täten es aus Zerstörungswut. Oder die Kommunisten. Das sind Phantasien. Eine weggeworfene Zigarette genügt. Die Luft heute morgen roch nach verbrannten Piniennadeln. Wunderbar stark roch es. Auf dem Wasser des Schwimmbeckens eine hauchdünne Schicht silbriger Asche. Ich kann diese brutale Sonne, die »Löwensonne«, nicht mehr sehen. Ich möchte fort, fliehen.
Ich bin ärgerlich. Diese Frau S., sie gehört, scheint’s, zu den unvermeidlichen kleinen lästigen Schicksals-Tücken in meinem Leben. Immer begegnet sie mir, wenn ich es eilig habe oder nicht friedlich gesinnt bin. Das wiederum ist Frau S.s Schicksal: sie kennt mich nur in unfriedlichem Zustand. Schlechte Mars-Konstellation.
Frau S. läuft mir mitten im abendlichen Stoßverkehr in den Weg, in die Arme. Sie hat eine Art über mich zu verfügen, die mich ärgert. Dieses Mal schleppt sie mich kurzerhand zu Leuten, die ich nicht kenne. »Die P.s verehren Sie so, machen Sie ihnen die Freude, kommen Sie.«
Ich habe immer Angst vor Frau S. Immer hat sie religiöse Skandalgeschichten auf Lager. Ich habe sie im Verdacht, ein Archiv mit Zeitungsausschnitten solcher Art zu haben, eigens für mich angelegt.
Die P.s sind nette ältere Leute. Er ist Zahnarzt, sie Hausfrau, Nichts-als-Hausfrau; umfangreich, hünenhaft, unangefochten von Zweifeln an ihrer Identität, am Sinn des Lebens und an den Dogmen der Kirche. Eine Bronzestatue auf einem Holzfloß, das von unten benagt wird; die Biber sind am Werk, sie weiß es nicht.
Herr P. nennt seine Frau Gretel und spricht von ihr als »meiner Gattin«; Frau P. nennt ihn nur »Pápa«.
Die Wohnung: schwarze Eichenmöbel, Erbstücke; weinrote Tapete, Familienporträts, tiefe weiche Plüschsessel, weiche unechte Perserteppiche, und eine Zimmertanne, das Symbol. Es wird Kaffee gekocht. Dazu gibt es Kuchen die Fülle. Selbstgemachten. Man behandelt mich mit jener Verehrung, die mich stets dazu herausfordert, ungezogen zu sein trotz meiner höheren Jahre. Frau S. sorgt dafür, daß mein Schicksal mit ihr sich erfülle: nach längerem Kramen in ihrer tiefen Einkaufstasche hat sie’s gefunden, das Zeitungsblatt, das sie mit Schwung vor mich hinlegt. Mit langem Finger deutet sie auf die Überschrift: »Der Hund im Tabernakel«. Darunter ein Bild: ein ziemlich großes achteckiges Holzhäuschen, aus dessen Öffnung ein Kettenhund schaut. Der Text: »Wir veröffentlichen hier das schauderhafte Bild eines Tabernakels aus dem 17. Jahrhundert, der dreihundert Jahre lang durch die wirkliche Gegenwart Jesu Christi geheiligt wurde. Dreihundert Jahre haben Priester ihre Gläubigen dazu angehalten, das Allerheiligste zu besuchen, dem es Obdach gewährt … weinend ihre Blicke auf den Tabernakel gerichtet … überzeugt, daß nach der Lehre der Kirche hinter diesen vergoldeten Wänden derjenige auf sie wartet … Es war kein Kommunist, der Gott aus seiner Wohnung vertrieben hat. Es war ein moderner Priester … Sakrileg in Frankreich … Schlimmer als Kirchenverfolgung … der religiöse Selbstmord des Gottesvolkes … Greuel der Verwüstung an heiliger Stätte … Meisterstück des Teufels …«
Ich schaue, was für ein Blättchen das ist: »Ostpriesterhilfe«, Juli/August 67. Wie: das Blatt des »Speckpaters«, des großartigen Helfers? Und er selbst ist der Verfassers dieses Pamphlets.
Nun? fragt Frau S. mit funkelnden Augen. Ich zucke die Achsel. Ich habe mir vorgenommen, mich nicht provozieren zu lassen. Frau S. nimmt mir das Blatt weg und reicht es den P.s. Diese lesen es gemeinsam. Sie machen tz – tz – tz. Mittlerweile kommt der älteste Sohn (Toni, studiert Zahnmedizin) und die Zweitälteste (Gretel II, studiert Germanistik). Nette junge Leute, gescheit und frisch. Die Eltern haben die Lektüre beendet, sie reichen das Blatt an die Kinder weiter. Herr P. sagt: »Eine Gotteslästerung ist das.« Frau P. sagt: »So was zieht die Strafe Gottes auf uns alle herab.« Frau S. sagt: »Und möglich ist es nur, weil man im Konzil den Leuten, Priestern wie Laien, zuviel Freiheit gab. Diese moderne Theologie! Da hat der Professor Lauth und die Una Voce schon recht: das ist alles der Antichrist.« Herr P. sagt: »Dekadenz überall. Auch im Klerus. Am grünen Holz.«
Toni und Gretel II haben fertig gelesen. Toni legt das Blättchen auf den Tisch in einer Weise, die eher ein Wegwerfen ist.
Frau S. fragt: »Was sagt ihr dazu?« Toni sagt nichts, und Gretel II sagt todernst: »Also, das versteh ich nicht. Da steht: wir veröffentlichen das schauderhafte Bild eines Tabernakels. Wieso ist das Bild schauderhaft?«
»Aber Gretel«, ruft Herr P., »wie kannst du fragen.«
»Bitte«, sagt Gretel, »da steht: das schauderhafte Bild.«
»Wenn das nicht schauderhaft ist«, sagt Frau P., »ein Hund im Tabernakel.«
»Aber Mama, hier steht: das schauderhafte Bild. Es ist gar kein schlechtes Bild. Vielleicht meinten die: das Bild eines schauderhaften Tabernakels. Aber so häßlich ist der Tabernakel auch nicht.« Toni grinst. Gretel II bleibt ernst. Frau S. ist entsetzt: »Also, ihr versteht nicht …«
»Doch«, sagt Toni, »ich verstehe: Gott wurde aus seiner Wohnung vertrieben. Klingt gar nicht schlecht. Klingt direkt nach Sozialkritik. Aber wohnt Gott eigentlich in so einem Häuschen? Wohnt er überhaupt? Und vertreiben von irgendwo kann man ihn wohl auch nicht. Aber ich versteh nix von Theologie. Was sagst du, Gretel?«
»Ich? Ich sag, daß jener zweifellos moderne Priester eines Tages den oder das Tabernakel scheußlich fand, oder er hat den Sinn der Eucharistie neu begriffen und wollte seine Gläubigen augenfällig darüber belehren, kurzum: er nahm, in aller Ehrfurcht, denke ich, den Kelch mit den Hostien vom Altar und brachte ihn anderswo unter, in einer Mauernische etwa, und der oder das Tabernakel war überflüssig, der Mesner hats irgendwo abgestellt, und irgendwer hats gefunden und hat seinen Hund drin untergebracht.«
Frau S. und die P.s haben ihr mit weit offenem Mund zugehört. Jetzt rufen sie alle zugleich: »Das ist es ja: der Hund!« »Ha«, sagt Toni, »der Hund, der Hund, jetzt stellt euch mal vor, Jesus käme vorbei und sähe, daß ein Hund in seinem abgelegten Tabernakel wohnt. Was, denkt ihr, geschähe? Prügelt er den Hund heraus, oder prügelt er den Herrn des Hundes, oder den Priester? Fühlt er sich beleidigt und heimatlos? Ich wette, er geht zu dem Kettenhund und sagt: So so, du wohnst jetzt da, hast endlich ein Dach überm Kopf wenns regnet und schneit, armes Geschöpf meines Vaters. Und hiermit, liebe andächtige Zuhörer, beendige ich meine Predigt. Ich muß in die Uni, wir haben ein Sit-in, Gretel, komm!«
Draußen sind sie. Stille. Betretenheit. Frau S. rettet die Situation wie immer auf ihre Weise: »Tja, diese Jugend mit ihren modernen Ansichten.« Jetzt wendet sie sich mir zu. »Was sagen Sie zu der Geschichte?« Also, da sind wir angelangt bei der gut vorbereiteten Provokation.
»Ich? Ach, wissen Sie, ich meine, Sie sollten zu diesem Priester fahren und ihn fragen, warum er das getan hat; Sie müssen herausbekommen, wie er im großen und ganzen denkt, und dann können Sie diese Tabernakelgeschichte richtig einordnen. Ich glaube nicht an ein Sakrileg.«
»Na schön«, sagt Frau S., »mag sein, daß in diesem besonderen Fall … Aber typisch ists, sehr typisch.«
»So?« frage ich, »typisch? Wird heutzutage oft ein Tabernakel umfunktioniert zu einem Hundestall?«
Frau S. schaut mich schief an. »Bildlich, figürlich, symbolisch ja.«
Herr P. sagt: »Entweihung überall.« Frau P. sagt: »Jawohl. Auch im Sexuellen. Auch da ist aus dem Tabernakel der Hundestall gemacht.«
Ich murmle kauend: »Wirklich ganz neu, daß auf diesem Feld gesündigt wird.«
Frau S.: »Aber nicht so, nicht so schamlos.«
Ich versuche darüber nachzudenken, ob es tatsächlich ungehörig ist, einen Hund in einem ausgedienten Tabernakel unterzubringen, aber Frau S. läßt mir keine Ruhe; sie will das ihr zustehende Stück meiner still gespeicherten Aggression haben.
»Frau R., Frau R., ich habe Sie im Verdacht, Sie halten es mit den modernen Theologen und mit der Jugend.«
»Mit der Jugend, Frau S.? Meinen Sie Toni und Gretel? Die finde ich ganz prächtig.«
Die P.s lächeln geschmeichelt, aber sie wissen nicht, wie sie dieses Gefühl in Übereinstimmung bringen können mit der Ablehnung der so schrecklich modernen Ansichten ihrer Kinder. Frau S. geht jetzt zum Direktangriff über. Sanft fragt sie: »Frau R., Sie verstehen doch ziemlich viel von Theologie. Bitte: wohnt Gott im Tabernakel oder nicht?«
»Gute liebe Frau S.: wenn Sie eine rechtgläubige theologische Antwort auf Ihre Frage nach der Realpräsenz Jesu haben wollen, dann müssen Sie einen Dogmatiker fragen. Nicht mich. Aber ist Ihnen wirklich um eine Antwort zu tun? Glauben Sie daran oder glauben Sie nicht daran?«
»Ich? Natürlich.«
»Also, was fragen Sie dann? Sie wollen doch nur mich in Rechtgläubigkeit prüfen.«
»Im Ernst, Frau R., mich interessiert die Frage. Man denkt doch heutzutage über vieles nach, was man früher einfach so …«
Sie verstummt unter dem Blick Herrn P.s. Um die Sache hinter mich zu bringen, sage ich: »Frau S.: im Tabernakel ist Brot. Das Brot ist konsekriert. Was das genau ist, weiß ich nicht. Und ich möchte den Dogmatiker von heute kennen, der behaupten kann, er wisse es genau.«
»Tz – tz – tz«, macht Herr P., und Frau P. sagt: »Das, nein, das nehme ich Ihnen nicht ab. Die müssen es doch wissen, sonst könnten sie doch gar nicht mehr vor dem Tabernakel beten.«
Das ist nicht logisch, aber ich verstehe, doch schweige ich.
Frau S. ruft jetzt: »Aber die beten ja gar nicht mehr davor, das ist es ja.« Jetzt muß ich doch etwas sagen: »Hat Jesus beim letzten Abendmahl gesagt: Kniet nieder und betet das Brot an, das ich bin, oder hat er gesagt: Eßt das Brot, eßt es in Gemeinschaft, und das bin ich?«
»Na, ich weiß nicht«, sagt Frau S., »ob das so ganz …«
Endlich darf ich aufbrechen. Die P.s die werden mich jetzt nicht mehr verehren.
1967: Beiratssitzung von »Eltern« im Springer-Hochhaus, Berlin, das provozierend dicht an »der Mauer« steht. In einem der obersten Stockwerke die Bibliothek: die geschnitzten Schränke (herrliches altes, wenn ich mich recht erinnere, naturfarbenes Holz). Springer hat sie aus einem englischen Schloß oder Kloster Stück um Stück mit dem Flugzeug hierher befördern lassen … Springer macht die Honneurs. Auch ich werde von ihm angesprochen, sehr scharmant. Er sagt, er schätze mich hoch, denn ich gehörte zu den ganz wenigen Autoren heute, die noch »Werte hochhielten«, (ich schlucke) und ich solle mich um Gotteswillen nicht anstecken lassen von der sogenannten Moderne; Leute wie ich seien für die Zukunft wichtig. Leute wie Grass verschwänden von der Bildfläche. (Ich lasse ihn reden.) Dann erzählt er von seinem Söhnchen aus zweiter Ehe. Es nenne ihn »Herrn Vater«, niemand habe ihm das beigebracht. Und der Kleine sei merkwürdig fromm. Er, der Vater, habe (»unter anderem«, sagt er beiläufig) einen Cranach hängen, das Bild des leidenden Christus. Davor stehe der Kleine oft und sei untröstlich. »Herr Vater, ich will nicht, daß der Mann da so leiden muß.« (Ich zeige mich, erwartungsgemäß, entzückt und leicht gerührt.)
Hernach erzählt mir C., den ich nach fast zwei Jahrzehnten wiedersehe, daß Springer wohl wirklich religiös sei; er ziehe sich öfters für einige Tage in sein Landhaus am Meer zurück um zu meditieren. Wer kennt sich aus im Menschen. Wer kennt sich aus in diesem Menschen. Was für eine raffinierte Mischung aus Snobismus, Bildung, Machtgier, lässiger Kraft – und also auch Religiosität.
Es gibt Leute, die benutzen auch Religion (sei sie christlich oder buddhistisch) zur Konzentration ihrer Fähigkeiten, will sagen: zur Erhöhung ihrer Macht.
Unmöglich schließlich, die zehnmalige Einladung zum zehnten Mal abzulehnen. Lauter Frauen, alle zwischen Fünfzig und Sechzig; später noch, hereingeschneit, P.A., neunzehnjährig. Zunächst also neun Frauen. Ich merke bald, daß das kein Kaffeekränzchen sein soll, sondern ein – ja, was denn? Ein Symposion über theologische Fragen, sozusagen. Allüberall redet jedermann jetzt über derlei. Wie weit ist es Mode, wie weit echtes Bedürfnis? Ich kam zu spät, bin in das begonnene Gespräch hineingeplatzt, genieße meine geistige Abwesenheit; nirgendwo kann ich so gut allein und still sein wie inmitten pseudo-intellektuellen Geredes. Aber man läßt mich nicht schlafen. Man spricht mich an, fordert eine Antwort heraus. Worum ging es? Ich hatte es nicht gehört, gebe vor, so ad hoc nichts darüber (worüber?) sagen zu können. Aber von da ab muß ich wohl bei der Sache sein. »Also«, sagt Frau A., die Gastgeberin (P. ist noch nicht auf der Szene), »meine Sympathien haben sie verwirkt.« Wer denn? Es stellt sich heraus: die Studenten, die Rebellen, die Randalierer. (Der Verlust von Frau A.s Sympathie wird sie schwer treffen.) Man ist allgemein einig mit ihr, aber man ist auch einig mit Frau B., die sagt: »Das sind nur Randerscheinungen. Das Gros der Jugend ist anders.« Ja? Wie denn? Nun eben: nicht aufsässig, oder besser: schon wieder nicht mehr aufsässig, schon wieder beruhigt und guten Willens sich einzufügen. Worin einzufügen, Frau B., so frage ich. Nun: in die Gesellschaftsordnung.
Haben wir denn eine, Frau B., eine Ordnung, meine ich?
Natürlich, es ist immer noch eine christlich bestimmte, jedenfalls in den meisten europäischen Ländern.
Ja? Wirklich?
(Ein strenger Blick gegen mich. Ich halte ihn aus, erwidere): Also, Sie, Frau B., finden, daß es gut ist, wenn die Jugend sich alsbald in unsere Gesellschaftsordnung einfügt?
Natürlich. Wir können doch nicht in einem Chaos leben.
Liebe Frau B., mir ist, als lebten wir seit Schöpfungsbeginn in einem permanenten Chaos, und das eben ist: Leben. (Sie ignoriert das.)